Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Unheimliches Wohnen

Kathrin Passig

5. Dezember 2009
Ich betrete meinen Keller mal nicht durch die Tür, sondern durchs Fenster, was überraschend leicht geht, wenn man bedenkt, dass der Keller zwar eine Art Fensterschacht hat, dieser Schacht aber oben mit Glasbausteinen verschlossen ist. Man muss nur einen der Glasbausteine entfernen. Vielleicht liegt es am neuen Blickwinkel, dass der Keller viermal so groß und nicht annähernd so voll wie sonst wirkt. Die Kellertür steht offen, und als ich gerade versuche, sie von innen zu verschließen, kommt ein Umzugsunternehmen. Ein alter, unbekannter Verwandter von mir sei in Karlshorst verstorben, oder nein, noch nicht verstorben, nur ins Pflegeheim gekommen. Jetzt müsse sein Hausrat in meinen Keller. Ob denn wenigstens teure, erbenswerte Sachen dabei seien, frage ich. Nein, nur Sperrmüll, antworten die Umzugshelfer gleichgültig. Dann räumen sie den ganzen schönen neuen Platz wieder voll.

28. März 2008
Meine Wohnung ist, wie ich nach fünfzehn Jahren plötzlich merke, sehr hässlich. Abscheuliche, dunkle Tapeten mit riesigen Rosenmustern und überall Stützpfeiler, wo keine hingehören. Aber ob ich wohl einfach so ausziehen kann? Schließlich musste ich damals meinen Vermieter, einen sehr unangenehmen Menschen, pro forma heiraten, um überhaupt einen Mietvertrag zu bekommen. „Das war damals so“, verteidige ich mich vor den entsetzten Freunden, „alle mussten das!“ Dann fällt mir selbst auf, dass das gar nicht geht, wegen Bigamie. Ich fühle mich betrogen, aber gleichzeitig auch von meiner Umzugsunwilligkeit befreit. Diese scheußliche Wohnung und ihren gemeinen Vermieter werde ich leicht zurücklassen können. Aber ob man wohl in Neukölln überhaupt noch was anderes zu mieten bekommt, jetzt, wo alle hier wohnen wollen?

3. Februar 2007
Unter verschiedenen Vorwänden kommen nacheinander viele Nachbarn in meine Wohnung, es ist fast wie in einer WG. Die Nachbarn sind alle jung und nett. Erst nach geraumer Zeit fällt mir auf, dass sie heimlich überall herumschnüffeln. Es riecht nämlich nicht gut in meiner Wohnung. Ich erkläre empört, dass der Gestank von draußen kommt und sie mich nicht gleich zu verdächtigen brauchten, nur weil es vielleicht nicht so aufgeräumt ist. Seit Jahren hat kein Lebensmittel mehr meine Wohnung betreten! Keine Wohnung könnte gestankstechnisch unverdächtiger sein als meine! Man hat es manchmal so schwer mit den Nachbarn.

2. Dezember 2005
Ich wache davon auf, dass viele Menschen in meiner Wohnung rumoren. Es sind meine Nachbarn, gehobenes Bürgertum im mittleren Alter (nur im Traum), die beschlossen haben, dass es mit meiner Wohnung so nicht weitergehen kann. Sie wollen endlich mal aufräumen und saubermachen. Ich versuche sie alle rauszuwerfen, der Zustand meiner Wohnung gehe sie gar nichts an. Sie weigern sich. Ich erkläre das sei Hausfriedensbruch, und wenn sie nicht freiwillig gingen, dann müsse ich eben die Polizei rufen. Aber die Polizei ist gar nicht so einfach zu rufen, denn ich habe die Nummer vergessen und mein Handy funktioniert auch nicht richtig. Schließlich gehe ich nach draußen und begegne auch gleich im Hof einem Polizisten, dem ich die Sachlage schildere und den ich bitte, diese lästigen und unverschämten Menschen aus meiner Wohnung zu entfernen. Er kommt mit, sieht sich in der Wohnung um, kontrolliert dann mein Klingelschild und erklärt mir, das sei ja auch gar nicht meine Wohnung, sondern – er deutet aufs Klingelschild – eine „Klinik für Prätention“. Lachend entfernt er sich wieder. Ich bin sehr erbost und fange jetzt an, die unzähligen künstlerisch hochwertigen Bilder und großformatigen Fotografien, die meine Nachbarn aufgehängt haben, wieder von der Wand zu reißen und vor die Tür zu werfen. Die neuen, geschmackvoll gemusterten Teppiche folgen. Dann das kleinere Mobiliar (hölzernes Zeug undefinierbaren Zwecks, irgendwelche Zeitschriftenregale) und zum Schluss die großen Möbelstücke, alles aus Rattan, ekelhaft! Jetzt, wo ich ihr Werk vernichtet habe, ziehen auch die Nachbarn missmutig davon. Sie haben es sicher nur gut gemeint.

10. März 2002
Emsig bereitete ich mich auf den unmittelbar bevorstehenden Umzug vor. Endlich ausziehen, alles wird anders, endlich diese lachhafte Unfähigkeit zum Umziehen überwunden. Ich ging kurz vor die Tür und musste dabei leider feststellen, dass es sich a) bei meiner Wohnung um einen Palast handelte und sie b) genau dort lag, wo früher meine Großmutter im Allgäu gewohnt hatte, also eine sehr beschauliche Aussicht hatte, die ich eigentlich gar nicht missen wollte. Dann fiel mir noch ein, dass sie sehr billig war, meine palastartige und schön gelegene Wohnung. In welchem Moment der Unzurechnungsfähigkeit hatte ich denn beschlossen, auszuziehen?
Aber jetzt war es zu spät, denn als Nachmieter sollte Klaus Caesar Z. in die Wohnung einziehen, und als ich zurückging, hatte er bereits vergnügt damit begonnen, mit Dispersionsfarbe in allen Regenbogentönen unansehnliche studentische Dekorationen auf die Wände zu schmieren. Ich nahm ihn mit auf den Hof und erklärte ihm, es sei völlig ausgeschlossen, dass meine Vermieterin ihm einen Hauptmietvertrag gäbe, höchstens könne er also mein Untermieter bleiben, und auch das nur für ein Jahr. Das eine Jahr, so dachte ich, würde ich zur Not schon anderswo rumbringen können.

30. Mai 2001
Ich träume in letzter Zeit häufiger, dass meine Wohnung eigentlich viel geräumiger ist und mir das nur bisher entgangen ist. Beim ersten Mal stellte sich heraus, dass Wände und Decken eigentlich nur Lattengerüste mit Tapete drüber waren. Meine Wohnung war in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil einer großen, leeren und verwahrlosten Halle, in der außerdem noch die Wohnung meines Nachbarn untergebracht war. Das war uns nie aufgefallen.
Beim zweiten Mal war meine Wohnung so voll mit ungenutztem, staubigem Vormietergerümpel, dass mir erst jetzt auffiel, wie viel größer sie in Wirklichkeit ist. Als ich nachsehen wollte, was in der dunklen, bestimmt dreißig Quadratmeter großen Ecke so war und ob man das vielleicht wegwerfen könnte, lief ich fast (im letzten Augenblick durch einen elementaren Schrecken gewarnt) in ein riesiges Spinnennetz. Darin rannten Spinnen umher, so groß wie Mäuse. Ich ekelte mich unbeschreiblich und beschloss sie mit dem Staubsauger aufzusaugen, machte mir aber Sorgen, dass sie den Staubsauger verstopfen oder nach dem Saugen wieder herauskriechen könnten.
Unentdeckte Ecken in meiner Persönlichkeit lasse ich mir ja gern gefallen, aber müssen die unbedingt mit Synthetikteppichboden ausgelegt und bis zum Rand mit dunkelbraunen Gelsenkirchenerbarockmöbeln angefüllt sein? Wenn es so steht um mein verborgenes Innenleben, dann soll es auch in Zukunft vor mir und aller Welt verborgen bleiben.

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