Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Mord und Totschlag

Kathrin Passig

27. August 2012
Ich bin im Gefängnis („JVA Tegel“), weil man versehentlich der Meinung ist, mich schon für meine gewalttätigen Ideen einsperren zu müssen, obwohl ich sie doch gar nicht umgesetzt habe. Das ist sehr langweilig, aber Wolfgang H. ist in einem anderen Gefängnis in der Nähe, oder vielleicht sogar im selben, so fühle ich mich in guter Gesellschaft. Ich rechne immer wieder aus, wie viel Entschädigung und Schmerzensgeld sie mir auszahlen müssen, wenn sich in ein paar Jahren herausstellt, dass ich zu Unrecht hinter Gittern sitze. Meine Berechnungen ergeben angenehm hohe Summen.

21. April 2012
Wir sind das Team aus Scooby-Doo, und weil Saschas Vater reich ist (er sitzt im Rollstuhl, ist ganz mager, hat lange weiße Haare und mag Schrotflinten), hat er seinem Sohn einen mit 7,6 Millionen im Jahr bezahlten Aufsichtsratsposten zugeschanzt, als er sah, wie gern wir das Haus auf der Insel im See kaufen wollten. Da wohnen wir jetzt. Leider haben wir schon ganz zu Anfang versehentlich jemanden umgebracht und schlafen jetzt nicht mehr so gut. Nach einer Weile schenkt mir das Supatopcheckerbunny eine Rolle breites gelbes Klebeband, die ich langsam abrolle: AM BESTEN ANSCHAUEN IN DER NACHT, IN DER (Name des Toten, vergessen) STARB! steht da. ODER JETZT GLEICH! DAS GEHT AUCH! Das Supatopcheckerbunny weiß also alles. Seine Ausführungen sind im Bunnycomicstil illustriert. Die Geschichte fängt damit an, dass unseren Freunden nicht entgangen ist, wie wir uns seltsam verändert haben, seit wir in dieses Haus eingezogen sind, und dass wir nicht mehr ruhig schlafen (das Bild zeigt sechs Personen, die gleichzeitig aus dem Schlaf schrecken, mit aufgerissenem Mund und zehn Zentimeter weit aus den Höhlen quellenden Augen, Stil Rudi Hurzlmeier). Zum Glück hat sie das an den Strand gespülte Tagebuch des Toten gefunden und weiß daher, dass wir gar nicht schuld sind. Aber sie findet, wir hätten uns von vornherein nicht so albern anstellen sollen: ANDERE LEUTE HABEN ECHTE PROBLEME, KRIEG ZUM BEISPIEL! IHR HABT NUR EIN SCHLECHTES GEWISSEN!

8. Februar 2012
Ich habe zwei Mitglieder des „Höfliche-Paparazzi“-Forums auf dem Gewissen, und die anderen wissen es noch gar nicht. Bald werde ich einen Forumsbeitrag schreiben müssen, in dem es drinsteht. Der eine ist Klaus Caesar Z. Ich saß in einem von Jan B. gesteuerten Helikopter, und um irgendeiner unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen, beschlossen wir, den Helikopter ungebremst mit der Nase in den Landeplatz zu rammen und dabei einfach alle zu sterben. Dieser gute Plan scheiterte, denn der Schleudersitz rettete uns. Ich bin sehr lädiert, Jan hat nur ein paar Kratzer, aber Klaus Caesar, der am Boden stand und uns einweisen sollte, ist tot. Das zweite Opfer ist jemand, den ich schon immer mit Klaus Caesar verwechselt habe. Nicht mal der Name fällt mir jetzt ein. Die Situation wird nicht weniger peinlich dadurch, dass beide bei ihrem Tod das gleiche T-Shirt trugen: ein typografisches mit Unicode-Zeichentabellen vornedrauf. Ich weiß nicht, wie ich es den Forumsmitgliedern erklären soll. Dass Klaus Caesar in meinen Träumen immer so schlecht wegkommt, lässt es noch viel verdächtiger erscheinen, dass ich ihn jetzt richtig umgebracht habe.

21. November 2010
Ich habe gerade zusammen mit einem Komplizen jemanden, der sich verzweifelt wehrte, aufgehängt, nur des Geldes wegen. Es war auch nicht das erste Mal. Ich gehe zu Wolfgang H., der im Haus meiner Eltern in dem Arbeitszimmer auf dem Fußboden kniet und den dtv-Brockhaus betrachtet. Es fehlen mehrere Bände, und auch das ist jetzt nicht wieder gut zu machen, es ist ein Indiz, es gibt so viele Indizien, überall haben wir Spuren hinterlassen, es ist ausgeschlossen, dass man uns nicht in Kürze entdeckt.
Wolfgang erzählt mir ruhig etwas über Eisenbahnen, aber ich kann nicht zuhören. Ich krümme mich neben ihm auf dem Teppich zusammen und sage: Es wird alles rauskommen! Ja, sagt er, es wird alles rauskommen.

Eigentlich beschäftigt mich nur der Gedanke an meine Eltern. Sie halten mich doch für nett, und schon bald werden sie erfahren, dass ich Menschen ermordet habe, für Geld, einfach so. Wäre es einfacher, wenn ich mich gleich umbringe, bevor alles auffliegt? Vielleicht, überlege ich, ist das bei vielen Selbstmördern der Grund. Wie ist es dazu gekommen? frage ich Wolfgang, aber er weiß es auch nicht.
Dann wache ich auf. Sofortige, große Erleichterung. Ich gehe zurück zu Wolfgang ins Arbeitszimmer, der jetzt auf dem Sofa sitzt und fernsieht. Wir waren es gar nicht! sage ich und setze mich zu ihm. Ich finde es sehr vorausschauend von unseren früheren Personen, dass sie all diese Morde nicht begangen zu haben, die uns jetzt in der Gegenwart unglücklich machen würden. Wolfgang findet das auch.

17. September 2010
Aus Notwehr erwürgte ich einen wütenden Stier. Als er sich nicht mehr rührte, dachte ich, jetzt könne man eigentlich auch aufhören mit dem Würgen, bevor er ganz tot wäre (korrekte Notwehransichten auch im Schlaf und angesichts wütender Stiere, mein Unterbewusstsein ist ein braver Staatsbürger). Das Tier vorsichtig an den Wegrand gelegt, da war es nur noch ein kleines schwarzes schlaffes Kaninchen. Reue.

12. September 2008
Klaus Cäsar Z. nimmt es auf sich, mit der Bombe in einem Schlauchboot auf den reißenden Fluss hinauszurudern, damit sie dort explodieren kann, ohne jemandem zu schaden. Außer Klaus Cäsar natürlich. Als er ein paar Meter vom Ufer entfernt ist, schubst er die Fernbedienung auf dem Wasser zu mir hin. Sie sieht genauso aus wie die Fernbedienung von Aleks‘ Fernsteuer-Flugreptil, saugt sich sofort voll Wasser und geht fast unter. Hoffentlich funktioniert sie noch, so nass wie sie ist. Ich würde ja gern warten, bis Klaus Cäsar sich etwas weiter entfernt hat, aber sein Schlauchboot bewegt sich jetzt gar nicht mehr. Dann muss es eben auch so gehen, denke ich, und sprenge Klaus Cäsar in die Luft.

28. Mai 2002
Ich habe eine neue, blonde Nachbarin, nicht unsympathisch eigentlich. Leider stellt sich schnell heraus, dass sie in meinen Sachen herumwühlt, wenn ich nicht da bin. Dabei hat sie einen Zettel gefunden, auf dem ich irgendwas über Gift notiert habe, was eigentlich niemand sehen sollte. Das macht sie sehr misstrauisch. Wird sie herausfinden, dass ich ihren Vormieter ermordet habe? Ich hoffe nicht. Sie ist aber derart misstrauisch, dass sie eigentlich vorher schon einen Verdacht gehegt haben muss. Habe ich mich irgendwie verraten? Noch bin ich ganz zuversichtlich. Schließlich habe ich den Kopf des Vormieters abgesägt und in den Müll geworfen. Nur der Rest liegt noch unten in meinem Kellerabteil. Es ist aber schon Jahre her, er wird also wohl nicht mehr stinken. Seitdem war ich nicht im Keller, ich habe gar keinen Schlüssel dazu.
Jetzt kommen eine ganze Menge Leute. Als nächstes, denke ich, wird jemand den lächerlichen Satz sagen: „Sicherlich können Sie sich denken, weshalb ich Sie alle hierher gebeten habe.“ Dann muss ich in den Zeugenstand, und man stellt mir unangenehme Fragen. Ich leugne alles, erröte aber unübersehbar beim Lügen.
Den Nachbarn habe ich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ans Bett gebunden und erwürgt. Dabei hatte ich eigentlich gar nichts gegen ihn, ich wollte nur mal ausprobieren, wie das ist. Ich werde also wohl keine mildernden Umstände bekommen, sondern sehr, sehr lange ins Gefängnis müssen. Wie unangenehm!
Langsam werde ich wacher. Ich beginne zu glauben, dass ich den Nachbarn vielleicht gar nicht ermordet, sondern höchstens darüber nachgedacht habe. Ist das auch schon strafbar? Oder habe ich es vielleicht doch getan, und die böse Tat danach erfolgreich verdrängt? Leider ist das nicht auszuschließen.
Dann werde ich ganz wach. Ich kenne mich noch nicht so ganz wieder, und muss deshalb lange nachdenken, ob ich jemanden umgebracht haben könnte. Ich komme zu dem Schluss: Wohl eher nicht.

30. Juli 2002
Im Verlauf meines stümperhaften Raubmordplanes müssen insgesamt drei Personen dran glauben, darunter auch Wolfgang H. Nach einigen Schlägen mit dem Hammer auf den Kopf ist er aber noch nicht ganz tot, sondern wandert desorientiert zwischen den hässlichen Dreißiger-Jahre-Wohnblocks herum. Ich muss rausgehen und ihm den Arm auf den Rücken drehen und ihn wieder in den Keller schaffen, ohne dass aus dem Fenster sehende Mieter unser Benehmen komisch finden. Sein Arm ist ganz weich, formlos und unangenehm zu verdrehen. Er ist hilflos wegen der Schläge auf den Kopf, begreift zwar, dass ihm da Unangenehmes geschieht, findet aber nur schwache vorwurfsvolle Worte und leistet kaum Widerstand. Gleich ist es aus mit ihm.

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