Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Über Autorschaft

Kathrin Passig

27. März 2013
Wir sind auf einer Veranstaltung, auf der Autoren um einen ovalen Tisch sitzen und vom Autorensein erzählen. Aleks, Klaus Caesar und Angela sind auch da: es gebe jetzt ja einen neuen Duden, und darin seien neue Schreibungen eingeführt, einfach nur mit der Begründung, so werde es von Journalisten häufig falsch gemacht. Ich sage wie immer: „Mit welcher Begründung denn sonst? Gott hat die Schreibung so gewollt?“ Klaus Caesar sagt: „Jetzt werden ausgerechnet Leute wie ich, die immer alles richtig gemacht haben, dafür bestraft und müssen umlernen.“ Insgeheim weiß ich, dass an meiner Position etwas nicht ganz stimmt. Aber da kommt Angela mit einem großen Paket. Darin ist zufällig der neue Duden. Ich packe alles aus und halte ein buntes, riesiges Loseblattwerk in einem Ordner mit endlosem Zubehör in der Hand, aber die Blätter sind so absurd geformt wie Algen, und es ist unmöglich, darin auch nur ein Beispiel für so eine neue Schreibung zu finden. Beigelegt ist ein dicker Versandhauskatalog, der mir viel besser gefällt. „Ooh!“, sage ich. „Eine begehbare Ritterburg GANZ AUS GOLDBARREN!“ Die findet Angela auch am allerbesten.

26. November 2012
Ich schreibe sehr schnell zusammen mit Wolfgang H. ein Gedicht, es hat mit einem Strandcafé zu tun, restlicher Inhalt vergessen. Wie immer im Traum ist der ganze Text sofort da und ausgezeichnet (für eine Gedichtparodie), das einzige Problem ist, alles schnell genug aufzuschreiben.

14. Juni 2012
Sascha L. kommt gerade von seiner Hochzeit zurück, dann liegen wir aber zusammen im Bett, er mit seinem schweren Körper auf mir drauf, genau genommen. Es geschieht aus unsexuellen Gründen, ist aber eigentlich ganz angenehm. (Ich vermute, so sieht für mein Unbewusstes das gemeinsame Schreiben eines Buches aus, und ein Koautor ist jemand, der mit seinem schweren Körper auf einem draufliegt und sich nicht bewegt. Trotzdem ist es nett, einen zu haben.) Die Hochzeit fand in einem Restaurant statt, das am Wasser liegt und ungefähr wie der „Club der Visionäre“ aussieht, in groß und teuer. Sie haben ihm dort, weil er Sascha ist und ihm die Beleuchtung gefiel, eine gerade frisch erfundene Lampe geschenkt, aus Hunderten in eine Art magnetische gelbe Lego-Zweiersteine mit abgerundeten Ecken eingelassenen LEDs. Man kann sie zusammensetzen, wie man will, und das Licht wechselt die Farbe. Es ist die beste Lampe der Welt, ich bin außer mir vor Neid, aber zu arm, um mir auch eine zu kaufen. Nein, eigentlich zu geizig, denn sie kostet nur 300 Euro, aber 300 Euro für eine Lampe, absurd.

6. März 2012
Ich träumte ausführlich von der Antwort auf wenn nicht alle, so doch zumindest einen Großteil meiner Fragen. Sie hatte mit einem Dritten Weg zu tun, der in einem ungewöhnlichen Verhältnis zu den anderen beiden stand, und war beim Aufwachen natürlich verschwunden. Als ich im Halbschlaf den „Pitagora Suichi“-Klingelton meines Handys hörte, dachte ich „das war es doch!“, aber hm.
Außerdem im selben Traum: Ich schreibe eine Kurzgeschichte, von deren Großartigkeit ich schon während des Schreibens völlig überzeugt bin, einziges erhaltenes Fragment: „An der Aktentasche würden sie ihn sofort erkennen.“

1. März 2012
Ich habe in recht kurzer Zeit einen ganz langweiligen, schlechten Roman geschrieben, der in und um Berlin spielt und von Leuten handelt, die auf Partys gehen. Wolfgang H. kommt darin vor. Ich habe das fertige Buch in eine billig aussehende Weinflasche abgefüllt (es ist flüssig und sieht eigentlich auch aus wie billiger Wein), die jetzt neben mir steht. Ich warte den ganzen Traum lang, dass Wolfgang mich danach fragt, aber es interessiert ihn nicht.

31. Mai 2011
Angela hat ein neues Buch geschrieben, heimlich lese ich das erste Kapitel des Papierstapels. Es handelt von Angela und mir auf einem Segelboot, Angela tut darin irgendwas Segelbootiges, ich lese den Text des mir unbekannten Autors, den sie in dem Kapitel bespricht. Ich bin in das Kapitel als Kunstgriff eingebaut, mit dem Angela auf die schönen Wörter des Textes hinweist, denn die spreche ich in stillem Entzücken vor mich hin, vermutlich im Glauben, Angela merke es nicht. („‚Wismar‘, flüstert Passig, ‚Gismar‘.“) Dann wieder Segelthemen.

19. Februar 2011
Von Wolfgang H. geträumt, die Aufgabe lautet, sich Titel für seinen Wüstenroman auszudenken. Meine Vorschläge fangen alle mit „Helikopter marsch!“ an, es gelingt mir nach etwas Herumprobieren, vier Waffengattungen in einem einzigen Titel unterzubringen. Beim Aufwachen sind die sicherlich hervorragenden Buchtitel aber alle weg.

10. November 2010
Lars H. hat ein Buch geschrieben. Es ist querformatig und sehr klein, etwa halbes Postkartenformat (längs). Es heißt so ähnlich wie „Das Neue“, der Umschlag ist orange und weiß, und es scheint von allen Neubauten Berlins der letzten paar Jahre zu handeln. Es liegt in Bars aus, und wer eines kauft, bekommt auf eine sehr fortschrittliche Art automatisch den eigenen Namen auf eine dafür vorgesehene winzige ovale Metallplakette auf der Rückseite des Buchs graviert. Es hat auf jeder Seite ein Foto, und auf allen Fotos ist Wolfgang H. zu sehen, allerdings von hinten und verkleidet. Lars hat es vollständig selbst gemacht; beim Versuch der Zusammenarbeit mit Verlagen habe man zu viel an seinen Fotos herumgepfuscht (er erklärt irgendwas mit „Farbtemperatur“) und ihn unkooperativ genannt. Sogar Anzeigen in BILD schaltet er selbst. Ob sich das finanziell für ihn lohnt? Nein.

23. September 2010
In Klagenfurt bringen die Autoren Pappteller mit Keksen mit, die dann von der Jury bewertet und von den Journalisten kommentiert werden: „In der Kategorie Butterkipferl ist dieses Jahr angetreten …“

14. September 2010
Heute Nacht eine sehr gute Buchidee geträumt. Mehrere Folgeträume handeln davon, wie sensationell gut diese Buchidee ist, ich mache mir mit einem ausgefransten, halb ausgetrockneten, viel zu dicken Filzstift seitenweise Notizen, um nichts zu vergessen. Nach dem Aufwachen ist davon Folgendes übrig: Die Rahmenhandlung – das Buch taucht auf, als es von einem mir bisher unbekannten, sehr alten Vorfahren an sich selbst geschickt wird. Das ist entweder aus Zeitreisegründen super oder weil der Vorfahr an Amnesie leidet, vielleicht auch beides. Der Roman selbst spielt in einem Wald, handelt von Drachen, Zauberern und Einhörnern und hat, das ist am allerwichtigsten: vier Teile aus unterschiedlicher Perspektive (aber trotzdem jeweils: des Ich-Erzählers).

22. März 2010
Wolfgang H. war sehr produktiv und hat viel geschrieben. Nach einer Weile bekommt man das Ergebnis auch zu sehen. Es handelt sich um einen Zettel von etwa Postkartengröße, von Hand aus einem größeren Blatt ausgeschnitten und ohne einen rechten Winkel. Auf der einen Seite steht irgendwelches Zeug, auf der anderen Seite sind die Wörter im Kreuzworträtselformat angeordnet. Beide Seiten totaler Schrott. Das ist doch irgendwie enttäuschend, und was sagt man dem Autor jetzt?

12. Juli 2008
Es ist sehr kompliziert, in meine Wohnung zu gelangen. Erstens kann man das viel größer gewordene Haus jetzt von beiden Seiten betreten, und zweitens findet in einem Seitenflügel offenbar eine große, wichtige Kulturveranstaltung statt, jedenfalls stehen überall Schlangen gut gekleideter Kulturbesucher, einige kenne ich sogar. Egal, von welcher Seite ich es versuche, ich kann einfach nicht bis zu meiner Wohnung vordringen, das Haus hat zudem ein paar neue eschereske Anbauten bekommen. Die Kulturbesucher denken alle, ich will mich vordrängeln, dabei wohne ich doch nur hier! Außerdem weiß ich, dass in der leerstehenden Wohnung über der Kulturveranstaltung seit Wochen das Wasser läuft, so dass der Fußboden bestimmt bald auf die Besucher herabstürzen wird. In der Schlange steht auch die Literaturagentin Karin G., die sich vor ihren Begleitern über mich lustig macht, als ich außer Sichtweite bin, es geht wohl um meine Kleidung oder so. „Ich kann Sie hören!“ rufe ich, aber das stört sie überhaupt nicht. Und meine Wohnung ist immer noch so weit weg.

19. Dezember 2007
Zum ersten Mal im Traum in Klagenfurt, das in den USA liegt, wahrscheinlich in New Jersey, denn Kai S. und Caroline H. sind auch anwesend. Wir befinden uns auf einer Art Sportgelände, denn der Bewerb ist ein Sportereignis. Entspannt laufe ich die schlammige Strecke noch einmal, es ist gar nicht schwer. Der Parcours endet in einer Art Schwimmbad. Hier stehen die Namen aller bisherigen Gewinner an der hellblau gekachelten Wand, ich freue mich, auch dort aufgeführt zu sein. Hinter den Namen der Gewinner sind ihre Zeiten angegeben, alle anderen waren wirklich sehr schnell, nur ich nicht. Egal! Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.

30. Oktober 2006
Ich schaue aus dem Badfenster meiner Eltern, aber dort, wo seit einigen Jahren die Neubausiedlung steht, ist wieder der Acker, auf dem das Getreide früher im Wind so gut aussah. Jetzt aber nicht, denn er wird gerade gepflügt. Ich halte das zunächst für eine nostalgische Illusion, der Acker verschwindet aber auch nach einigem Blinzeln und Hin- und Weggucken nicht. Ich weise meinen Bruder darauf hin. Der kann es ebenfalls sehen. Überhaupt sieht an uns und im Haus einiges verändert aus. Wir sind wohl wieder in den siebziger Jahren. Ich sehe mich ein wenig um und stehe jetzt mit meinem Vater draußen im Garten. „Gut siehst du aus“, sage ich, denn er hat noch kaum graue Haare und ist schön braun, wir waren wohl gerade im Urlaub. „Aber blöde Krawatte!“ Ich muss lachen, denn seine Krawatte ist absurd breit und hat dicke Schrägstreifen. Mein Vater sieht peinlich berührt an sich herunter und versucht vergeblich, die Siebziger-Jahre-Krawatte zu einer Nuller-Jahre-Krawatte zurechtzuzupfen.
So halten die Siebziger etwa eine halbe Stunde lang an, dann ziehen sie sich zu einem Nebel zusammen und werden in den Kamin der Schneiders gesaugt. Mein Vater geht nachsehen, woran das liegt. Als er zurückkommt, berichtet er, die Frau Schneider habe einen neuen Staubsauger, mit dessen Funktionen sie noch nicht so ganz vertraut sei. Von den siebziger Jahren hat sie gar nichts mitbekommen, nur gesaugt habe der neue Staubsauger vorhin ganz schlecht. Jetzt parkt vor dem Haus der Schneiders ein funkelnagelneuer Manta, der vorher nicht da war. Aha! Geschickt eingefädelt vom Herrn Schneider! Im Traum stehen mir Baujahr, Modellbezeichnung, Neupreis von damals und Oldtimerpreis von heute klar vor Augen.
Spitzengeschichte, denke ich im Traum, die schreibst du auf und, voilà, fertig ist die Romanidee! Bargeld lacht! Folgsam wache ich auf und schreibe alles auf. Später wird sich herausstellen, dass auch das Aufschreiben nur geträumt war.

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