Schwieriges Schreiben

Kathrin Passig

24.7.2002
Ich stehe an der Bushaltestelle. Es ist 7:15 bei Temperaturen unter Null. Ich zetere vor mich hin: „Ich bin 32 Jahre alt, seit verdammt nochmal 22 Jahren muss ich morgens um sieben an dieser Scheißbushaltestelle stehen! Andere haben mit 18 Abitur! Wie machen die das? Hört man dann einfach auf, hinzugehen? Ist es für mich zu spät? Oder kann ich auch morgen einfach zu Hause bleiben?“

Dann versuche ich noch im gleichen Traum, diesen Traum im Internet niederzuschreiben. Als Schreibwerkzeug habe ich ein totes, pelziges Tier, mit dessen Blut ich den Text in ein lehmiges Erdloch schreiben soll.

16.9.2002
Früher pflegte ich vom Telefon-Scheitern zu träumen. Dringend muss irgendwo angerufen werden, aber das Telefon hat eine Wählscheibe, ich verwähle mich ständig etc. Inzwischen ist dieser Traum weitgehend dem Traum vom schwierigen Posting gewichen. Heute beispielsweise musste ich einen langen Beitrag schreiben, indem ich auf meinem Teller, später auf dem Tisch fünf Zentimeter hohe Buchstaben aus rotgewürztem Reis formte. Saure Sahne erschwerte die Aufgabe zusätzlich. Und dabei war mir klar, dass der Reis nach Vollendung des Beitrags einfach so ins Forum gekippt würde, alle Buchstaben also danach neu geformt werden müssten. Und es eilte sehr, weil ich einen Witz machen wollte, bei dem mir niemand zuvorkommen sollte…

3.3.2010
Ich schreibe mühsam allerhand Forumspostings mit Bleistift auf den freien Platz in alten Zeitungen. V. ist über Nacht zu so einer Art Forumsadmin geworden, der alles darf, und editiert in meinen Postings herum, so dass es aussieht, als hätte ich Blödsinn geschrieben. Schlimmer noch, ich schreibe tatsächlich nur Blödsinn voller Rechtschreibfehler. V. fügt nur noch zusätzlich ein paar blumige Adjektive und falsche Erklärungen ein. Es reicht! Erbost erkläre ich meinen Abschied in Großbuchstaben. Erst danach fällt mir auf, dass in derselben Zeitung auch noch ein Schmähgedicht von Simone W. über mich abgedruckt ist. Es reimt sich nicht und ist sehr sechzehnjährig argumentiert.

7.9.2010
Ich fahre neben Christian Ankowitsch auf dem Fahrrad durch das deggendorfförmige Berlin. Wir sind unterwegs zum alljährlichen Ernteeinsatz der Höflichen Paparazzi. Er erklärt mir ausführlich, warum er die ZIA und damit auch mich für einen Haufen Dreck hält, ich versuche ihm zu erklären, dass die ZIA erstens nicht viel für das kann, was über sie geschrieben wird, und ich zweitens schon seit einem Jahr gar nicht mehr dabei bin.

Dann schreibe ich den Traum (zu diesem Zeitpunkt noch mit mehr Details ausgestattet) ins Internet, mit schlechtem Gewissen allerdings, denn alles, was darin passiert, entspricht ja 1:1 der Realität, „alljährlichen Ernteeinsatz“ schreibe ich und denke: wie langweilig, in Wirklichkeit ernten wir Raps, und im Traum ist der Raps einfach nur irgendeine andere Feldfrucht. Ich tippe alles auf meiner Handytastatur, während ich in der U-Bahn sitze, unterwegs zu einer Bunny Lecture, aber als ich weiter oben noch was einfügen will, ähnelt das Niedergeschriebene einer Comicseite, und ich muss das Einzufügende mühsam zwischen zwei Panels kritzeln. Ich warte auf den Zeilenumbruch, aber er bleibt aus.

14.9.2010
Heute Nacht eine sehr gute Buchidee geträumt. Mehrere Folgeträume handeln davon, wie sensationell gut diese Buchidee ist, ich mache mir mit einem ausgefransten, halb ausgetrockneten, viel zu dicken Filzstift seitenweise Notizen, um nichts zu vergessen. Nach dem Aufwachen ist davon Folgendes übrig: Die Rahmenhandlung – das Buch taucht auf, als es von einem mir bisher unbekannten, sehr alten Vorfahren an sich selbst geschickt wird. Das ist entweder aus Zeitreisegründen super oder weil der Vorfahr an Amnesie leidet, vielleicht auch beides. Der Roman selbst spielt in einem Wald, handelt von Drachen, Zauberern und Einhörnern und hat, das ist am allerwichtigsten: vier Teile aus unterschiedlicher Perspektive (aber trotzdem jeweils: des Ich-Erzählers).

23.2.2012
Ich bin im Krieg und sehe neben mir eine Waffe, auf der „Schweizergewehr ‚Sozial'“ steht. „Warum heißt das ‚Sozial‘?“, frage ich den Schweizer an dieser Waffe, die zuerst wie eine Art Flakkanone ausgesehen hat, aus der Nähe aber eher ein Scharfschützengewehr ist. Er zeigt es mir: Das Gewehr besteht eigentlich aus zwei Gewehren, deren Läufe sich kreuzen. Damit kann man zu zweit gleichzeitig schießen, erklärt er mir. Ich muss sehr lachen.

Ich muss den Traum vom Sozialgewehr gleich ins Internet schreiben, bevor ich ihn vergesse. Zu diesem Zweck desertiere ich, was mir gut passt, denn der Feind ist uns technisch überlegen, seine Kampfbomber verfinstern zu Tausenden den Himmel, während wir uns in einem nicht zu haltenden Bunker verschanzt haben. Zum Glück ist gleich neben dem Bunker eine normale Fußgängerzone, ich brauche mir nur die Militärsachen auszuziehen und hinunter auf die Straße zu gehen, dann ist der Krieg für mich vorbei. Birgit Aigner aus meiner Grundschulklasse leiht mir ein Heft und einen Stift. Leider hat sie das Heft bereits selbst vollgeschrieben, so dass ich meinen Traum auf den Rändern der Seiten notieren muss, und der Stift ist ein Pinsel mit dicker, patzender Lackfarbe. Ich fange immer wieder von vorne an, aber es wird nicht besser.

1.3.2012
Um einen Traum ins Forum zu schreiben, muss ich zuerst die richtige Stelle finden. Leider sind alle Träume ausgedruckt, mit handschriftlichen Anmerkungen versehen und in einem Klarsichthefter abgeheftet. Sofort fällt alles auseinander. Ich versuche, die Reihenfolge noch zu retten, und entdecke dabei mehrere eigene Träume über den vergeblichen Versuch, im Haus der Großmutter irgendwohin zu gelangen. Die müsste man auch mal zusammenheften, da sind sicher noch mehr, denke ich. Dann gebe ich alle Sortierpläne auf und lese mich im Jahr 2008 fest.

17.3.2012
Ich versuche etwas zur Abwechslung nicht hier, sondern bei Goodreads zu schreiben, finde aber die richtige Stelle nicht. Die Website ist wenig benutzerfreundlich, denn sie besteht aus einzelnen Büchern, die auch noch an unterschiedlichen Orten aufbewahrt werden, zum Beispiel in Buchhandlungen. Ich überlege, ob ich die Schriftart an der jeweils aufgeschlagenen Stelle nachahmen muss oder ob das später von allein angepasst wird.

Merkwürdig an diesen ganzen Schreibträumen: Im wachen Zustand schreibe ich eigentlich nie etwas von Hand, vielleicht zehn kleine Notizbuchseiten pro Jahr und ein paar Unterschriften.

10.8.2012
Holm Friebe und ich stehen auf dem Flachdach eines zweistöckigen Gebäudes am Geländer und sehen nach unten, wo sich eine Party vorbereitet. Hinter uns sitzt Wolfgang Herrndorf auf einem Liegestuhl. Beim Schwimmen, erzählt er, sehe er immer so viele Nerds, und die verachte er. Warum? Ihr Gesicht sei so quabbelig, und der Rest ihres Körpers auch. „Quabbel, quabbel, quabbel!“ sagt er. Mir wird klar, dass Herrndorf ein Arschloch ist und vermutlich immer eines war. Ich sage das auch, aber es hilft nichts.

Für die Statistik: Später kam noch Anna-Sophie von Gayl vor, ich beschriftete unter ihrer Anleitung mehrere von ihr hergestellte Gläser Eingemachtes: „Stach-Joh 30%“ und Varianten davon, wobei ich mich schon im Traum fragte, worauf sich die Prozente beziehen könnten. Ich versuchte dabei, so gut es ging, die Handschrift meiner Mutter nachzuahmen.

An diesen Traum erinnere ich mich nur, weil ich ihn schon im Traum ins Internet schrieb, mühsam mit einem schlecht funktionierenden Stift, abwechselnd auch mit einer unbeleuchteten Tastatur in völliger Dunkelheit auf einen Block, dessen Papier oben noch eine halbwegs brauchbare Breite hatte, nach unten aber immer schmaler wurde. Der Traum enthielt zu diesem Zeitpunkt noch endlose Dialoge.

31.10.2012
Ich muss eilig einen Vortrag vorbereiten. Ich habe schon eine Langnesetafel als Slide eingebaut und einen lebenden Hund in eine Tasche gesteckt, den ich dann auf der Bühne hervorholen werde. Jetzt fasse ich den Inhalt eines Kriegsbuchs zusammen. Zuerst schreibe ich meine Zusammenfassung auf DIN-A4-Blätter, dann auf kleinere Papierstücke, die ich an die größeren klebe, und dann mit einem breiten Pinsel und Metallic-Lackfarbe auf einen Drahtzaun.

5.1.2013
Ich kämme Cornelius Reiber das nasse, lange Haar mit einer Rundbürste aus Naturborsten. Wir sind offenbar schon lange zusammen, denn er überlässt es mir nicht direkt, sondern ich muss es ausbürsten, während es auf einem Holzgestell auf dem Schreibtisch hängt, und er beschwert sich trotzdem, dass es ziept. Nach etwas Überredung darf ich seine Haare direkt auf dem Kopf bürsten, „ich bin auch ganz vorsichtig“. Wir liegen nackt miteinander im Bett. Die verknotete Stelle ist eine Strohblume, die man in seinem dicken, lockigen Haar kaum sehen kann. Es gibt nur zwei Vorkommnisse von Strohblumen in diesem Haushalt, die einen auf einem altmodischen Damenhut mit Schleier, die sind aber schwarz. Die anderen auf einem großen Siebziger-Jahre-Mädchenhut. Ich frage ihn, ob er etwa – wegen seiner schönen langen Jahre, und weil gerade keiner zugesehen hat – ein sepiafarbenes Foto nachgestellt hat, das früher aus Werbegründen häufiger in Titanic oder Pardon vorkam (im Traum, in Wirklichkeit handelt es sich, wie mir zwei Tage später einfällt, um das Lena Testbild): eine nackte junge Frau, mit seitlich angewinkelten Beinen kniend, ein Wagenrad von Hut auf dem Kopf und das Gesicht halb von den langen Haaren verdeckt. Cornelius will sich erst nicht dazu äußern, sagt dann aber doch, genau so sei es gewesen. Ich freue mich, etwas so Entlegenes erraten zu haben, außerdem finde ich die Vorstellung von Cornelius als nacktem Siebziger-Jahre-Mädchen attraktiv. Das soll ich aber bitte für mich behalten, sagt er, seine Freunde könnten sonst herausfinden, dass er gar nicht der ist, für den sie ihn halten. Ich sage: Ich weiß „aus eigener Anschauung“, dass es gut ist, wenn die Welt über alle Albernheiten Bescheid weiß. Bin mir aber schon im Traum nicht sicher, ob mich damit wirklich auskenne.

Im Traum schreibe ich diesen Traum teils handschriftlich auf Papier ins Internet, teils aber auch auf einem öffentlichen Platz mit Edding auf Mülleimer und die freien Ränder von Plakaten. Dann wird mir klar, dass ihr auf diese Art ja wesentliche Teile gar nicht lesen könnt und ich noch mal von vorn anfangen muss.

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