Kein Abitur – Der Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart

Kathrin Passig

25. August 2001

Heute träumte ich wieder, ich hätte kein Abitur und müsste zur Schule gehen. Es war ein ganz besonders schlimmer Tag, ein Donnerstag mit Religion und Sport. Und ich wusste nicht mal, in welches Klassenzimmer ich dazu sollte. Daher bedachte ich alle sich anbietenden Ausflüchte und kam zu dem Ergebnis, dass, wer bereits einen Hochschulabschluss sein eigen nennt, wohl kein Abitur mehr braucht. Ging hinfort und sorgte mich fürderhin nicht mehr.

Ich kommentierte diesen Traum damals, kurz nach meiner 22 Semester lang verschleppten Magisterprüfung, mit „Moral: Selbst ein geisteswissenschaftlicher Abschluss lohnt sich. Man ist danach von Religion, Sport und Alpdrücken befreit.“ Aber, ach, es kam alles ganz anders.


19. Oktober 2001

Es ist ein ganz normaler, gar nicht besonders unangenehmer Schultag in der 12. oder 13. Klasse. Man bereitet sich ohne große Nervosität so langsam aufs Abitur vor. Aber Moment mal, Abitur? Ich habe doch schon ein Abiturzeugnis, ich erinnere mich genau, wie es aussieht. Auch meine Note kenne ich, und die Noten einiger meiner Freunde dazu. Meiner Meinung nach haben wir alle vor … na ja, so zwei, drei Jahren unser Abitur gemacht. Oder? Ich erläutere den Umstehenden meinen Verdacht. Man hält mich für bescheuert. Dabei erinnere ich mich doch genau! Florian, ich weiß sogar deine Note – bist du ganz sicher, dass wir noch kein Abitur haben? Höfliche Gleichgültigkeit allenthalben. Allmählich bin ich mir selbst nicht mehr so sicher. Vielleicht habe ich das mit dem Abitur ja nur geträumt?


25. Januar 2002

Ich war etwa in der zwölften Klasse und dachte beim Kramen in meiner Schultasche darüber nach, wozu ich eigentlich noch zur Schule gehen sollte. Ich habe einen Hochschulabschluss, dachte ich mir, ich habe ein Buch geschrieben, ich verdiene mein eigenes Taschengeld … brauche ich wirklich noch ein Abitur? Dann kam ich zu dem Schluss, dass das wohl in Ordnung ginge, da es mir ja Spaß machte, zur Schule zu gehen. Wenn sich das eines Tages ändern sollte, so dachte ich, könnte ich es immer noch bleiben lassen. Außerdem fand ich es auch ganz gut, schon so viel zustandegebracht zu haben, obwohl ich noch im schulpflichtigen Alter war.


5. Februar 2002

Heute schon wieder. Erst Sport, dann viele Innenansichten des Schulgebäudes, dann Sitzen an den altmodischen kleinen Tischen mit der glatten dunkelgrünen Oberfläche und den abgerundeten Ecken. Ich war ja schon länger nicht mehr da gewesen, und es wurde ein Diktat in einer mir völlig fremden, auch unerkennbaren Fremdsprache vorgelesen. „Esperanto“, vermutete ich zuerst, dann aber doch eher „Griechisch vielleicht“. Ich schrieb alles von meiner Nachbarin ab, sah aber bald ein, dass das nicht gutgehen würde.


24. März 2002

Heute hatte ich zum ersten Mal im Traum keinen Hochschulabschluss. Ich hatte zwar alles erledigt, aber nachträglich teilte man mir mit, irgendeine blödsinnige Formsache sei mit meiner Magisterarbeit nicht in Ordnung gewesen, und ich müsse wohl eine neue schreiben. Bis dahin: kein Abschluss. Ich empörte mich, das sei ja wohl der größte bürokratische Blödsinn seit langem, wusste aber gleichzeitig genau, dass so nun mal die Uni funktioniert. Es hatte wohl alles seine Richtigkeit und ich stand wieder ohne Abschluss da. Hatte ich überhaupt jemals einen gehabt?


28. Mai 2002

Ich bin so alt wie jetzt, gehe aber immer noch zur Schule. Im Sportunterricht fällt es mir dann auf: alle anderen sind viel jünger als ich, so elf, zwölf Jahre alt etwa. Es ist eigentlich gar nicht auszuhalten. „Das kann so nicht weitergehen“, denke ich mir, „ich muss endlich dieses verfickte Abitur machen, koste es, was es wolle.“


24. Juli 2002

Ich stehe an der Bushaltestelle. Es ist 7:15 bei Temperaturen unter Null. Ich klage vor mich hin: „Ich bin 32 Jahre alt, seit verdammt nochmal 22 Jahren muss ich morgens um sieben an dieser Scheißbushaltestelle stehen! Andere haben mit 18 Abitur! Wie machen die das? Hört man dann einfach auf, hinzugehen? Ist es für mich zu spät? Oder kann ich auch morgen einfach zu Hause bleiben?“

Dann versuche ich noch im gleichen Traum, diesen Traum niederzuschreiben. Als Schreibwerkzeug habe ich ein totes, pelziges Tier, mit dessen Blut ich den Text in ein lehmiges Erdloch schreiben soll.


17. September 2004

Und ich dachte, es wäre vorbei. Aber auf meinem Abiturzeugnis steht relativ deutlich „Realschul-Abschluss“. Obwohl, so eindeutig dann auch wieder nicht. Aber auch auf meinem Magisterzeugnis scheint was Ähnliches zu stehen. Oder doch nicht? Google ist keine Hilfe. Ich komme zu dem Schluss, ein Internat sei wohl eine vergleichsweise schmerzlose, wenn nicht sogar vergnügliche (vgl. Hanni und Nanni, Crazy, Verwirrungen des Zöglings Törless) Art, das Abitur nachzuholen. Kurze Zeit später geht mir auf, dass ich zum Internatsbesuch wohl Berlin verlassen müsste; man weiß ja, dass Internate auf dem Land in einsamen Wäldern liegen. Großer Missmut.


24. Oktober 2004

Ich wache neben Lars in meinem alten Zimmer zu Hause auf. Es ist neun Uhr, normalerweise bin ich fast nie so früh wach, aber heute ist es zu spät. Ich komme zu spät! Am ersten Schultag! Wenn ich mich sehr beeile, kann ich es vielleicht zur Pause um halb zehn schaffen. Vielleicht treffe ich da jemanden, der mir sagen kann, in welcher Klasse ich bin und in welchen Raum ich muss. Aber ob ich da überhaupt noch jemanden kenne? Vielleicht hängt der Plan ja auch im Schaukasten aus. Ich kann mich kaum erinnern. Muss ich überhaupt hin? In dem Jahr, in dem ich in England studiert habe, kann ich ja wohl schlecht gleichzeitig zur Schule gegangen sein. Vielleicht ist es also gar nicht nötig, dass ich hingehe. Na ja, man kann ja mal gucken, ich will mir hinterher nichts vorwerfen lassen.


1. Februar 2008

Fehlende Fähigkeiten in neuem Gewande: Ich spiele mit meiner Mutter zweistimmig auf der Geige. Dabei kann ich gar nicht Geige spielen, im Traum sieht das so aus, dass ich mit einem Geigenbogen auf einem zweiten, etwas größeren Geigenbogen herumsäge. Noten kann ich auch nicht lesen, ich rate halt so herum. Dafür habe ich heute die beste Begründung von allen: „Mutter!“, sage ich, „ich muss dir etwas sagen. Ich bin gar nicht die Lotte! Ich bin die Luise!“

In Wirklichkeit ist Luise und nicht Lotte das großbürgerliche Kind, meine Mutter spielt nicht Geige, ich habe nie „Mutter“ zu ihr gesagt, und meine Eltern hatten auch keine unerfüllbaren Geigenspielansprüche. Es war alles ganz anders.


17. Juli 2008

Ich bin jetzt 38 und habe immer noch kein Abitur. Wahrscheinlich hat man mir meinen Magister nur verliehen, weil man dachte, ich hätte es längst, aber das ist ok, bald bin ich ja fertig mit der Schule. Nächstes Jahr. Sabine S., meine Freundin aus der sechsten Klasse, ist auch noch hier, ihre Schultasche fällt schon fast auseinander, aber das eine Jahr wird es noch gehen. Ich frage sie, ob sie weiß, ob man sich selbst vom Sportunterricht freistellen kann, wenn man über 18 ist, aber sie kann dazu keine Auskunft geben. Ich brauche aus irgendeinem Grund eine gute Abiturnote, und wenn ich nicht zum Sport müsste, wäre mir sehr geholfen.

Um 2007 oder 2008 herum habe ich einige Kartons mit unsortiertem Papierkram in den Keller geräumt, „nur vorübergehend“. In einem dieser Kartons liegt wahrscheinlich irgendwo mein Abitur- und eventuell auch Magisterzeugnis. Der Keller ist feucht, und man darf eigentlich nichts länger dort lagern. Eventuell handelt es sich bei den neuen Träumen um Hilferufe meiner Zeugnisse.


25. Dezember 2008

Ich fahre mit meinem Abiturjahrgang in Bussen herum, auf dem Weg irgendwohin. Wir sehen alle aus wie immer, nur älter. Wir machen Witze darüber, dass wir mit 39 immer noch kein Abitur haben. Aber diesmal klappt es ganz bestimmt.


28. Januar 2009

Chemiesaal. Inzwischen bin ich 39 und habe immer noch kein Abitur. Es macht mich ganz ratlos, 39, das ist so viel mehr als die abiturüblichen 19, ich denke angestrengt darüber nach, wie das passieren konnte. Während sich unten vor dem Haus eine Art Demonstration anbahnt, gelange ich zu einer Hypothese. Obwohl alles nach Abitur aussieht, muss es sich wohl um das Studium handeln. Dafür ist 39 auch noch ganz schön viel, aber man hat schon davon gehört, dass 39-Jährige studieren. Und wenn ich meine Mitschüler genauer betrachte, sind auch gar nicht alle anwesend, sondern nur ein paar, Susi M., Renate B., also vermutlich einfach die, die genauso doof sind wie ich und für alles etwas länger brauchen. Als das geklärt ist, gehe ich zum Fenster und schieße mit meinem Supersoaker auf die sich unten versammelnde Staatsmacht.


14. Februar 2010

Zuerst eine Art Audienz bei Angela Merkel, die wissen will, was uns an ihrer Internetpolitik nicht passt und weinen muss, als ihr scharfe Kritik entgegenschlägt. Eigentlich ist nicht Angela Merkel gemeint, sondern Ursula von der Leyen, aber die Politikerin wird von einer meiner Ex-Sportlehrerinnen dargestellt, die von der Leyen nicht ähnlich sieht, wohl aber Angela Merkel. Dann eine Doppelstunde Sport bei Frau S. Wir gehen in zwei Reihen die Halle auf und ab und machen dabei die allerlangweiligsten Übungen. Schon nach kurzer Zeit ärgert mich die Angelegenheit so sehr, dass ich zur Sportlehrerin sage: „Und wenn ich einfach wegbleibe? Ich finde, ich treibe auch so genug Sport.“ Die Sportlehrerin lacht nur, und gleich in der nächsten Runde rutsche ich aus und falle hin. „Jetzt wird auch der Dümmsten klar, wer recht hat“, sagt die Sportlehrerin zur Klasse. Ich entgegne: „Aber auch nur der“, was mir eine höchst scharfsinnige Erwiderung scheint, und gehe.
Der Weg zum Sekretariat ist lang, und die Schule ist inzwischen umgebaut worden, ich kenne mich nicht mehr so aus. Auf der Seufzerbrücke, die zum Sekretariat und Direktorat führt – im Unterschied zu früher jetzt kein Glaskorridor mehr, sondern eine wackelige Hängebrücke – kommt mir mein erster und hartherzigster Sportlehrer Herr W. entgegen. Ich lasse ihm den Vortritt, weil die Brücke eng ist, und wir kommen ins Gespräch. Ich erkläre mein Vorhaben, beginnend mit dem Satz „Ich habe ja nun immer noch kein Abitur“, und er scheint den Plan für nicht ganz abwegig zu halten. „Haben Sie nicht auch so einen Dichterkrieg gewonnen?“, sagt er. „Krieg, das ist doch auch Sport.“ Ich denke mir, dass das wohl nicht gilt, sage aber nichts.
Auf der anderen Seite der Brücke breche ich fast durch den Fußboden. Hier ist der Umbau offenbar noch nicht zu Ende, überall nur dunkle, wurmstichige Bretterverschläge und Löcher im Boden. Auf allen Vieren krabbele ich vorsichtig zum Sekretariat, wo die beiden Sekretärinnen nicht mehr dieselben wie früher sind, mich aber trotzdem gleich erkennen. „Wir wollten gerade Feierabend machen“, sagen sie, und ich: „Mein Anliegen ist halb privater, halb offizieller Natur und passt sehr gut in diesen Übergangsmoment.“ Ich erkläre, dass ich nicht mehr in den Sportunterricht will, und dass ich (durch die vielen Kein-Abitur-Wiederholungen) schon mehr Sportunterricht hatte, als irgendein Mensch haben sollte. Außerdem gehe ich zweimal die Woche klettern und fahre überall mit dem Rad hin, so dass mein Körper sicher nicht gleich verkommen wird, nur weil ich nicht mehr in zwei Reihen durch die Turnhalle gehe und langweilige Übungen mache. Das scheint den Sekretärinnen einzuleuchten, sie machen sich Notizen und murmeln Wohlwollendes, gleich werden sie mich vom Sportunterricht befreien. Bevor es soweit ist, wache ich auf.


25.1.2011

Unterricht bei Herrn W., unklares Fach. Wir schreiben eine Extemporale, später werde ich im selben Traum meinem Freund Peter berichten „und dann haben wir, ich sage das jetzt vermutlich zum letzten Mal in meinem Leben, eine Ex geschrieben“, dabei schon korrekt erkennend, dass ich das Wort lange nicht gebraucht habe. Das Thema ist unbestimmt, ich weiß aber so gut wie gar nichts. Unter anderem wird danach gefragt, wie irgendein bestimmtes Element in Mailheadern heißt. Ich ärgere mich, weil man das doch überhaupt nicht wissen muss, ich habe schon tausend Mailheader betrachtet, es gibt keinen Grund, sie auswendig zu lernen. Ich gebe ein fast leeres Blatt ab, eine neue und unangenehme Erfahrung. Das kann so nicht richtig sein, deshalb beklage mich danach vor der Klasse laut beim Lehrer. Wir hatten gar kein Buch! Nicht mal Kopien, Spiritusabzüge, gar nichts Schriftliches, wie soll man denn da irgendwas wissen! Noch lange beschwere ich mich weiter bei allen im Traum auftauchenden Personen.


21.1.2012

Heute frühstücke ich erst und dusche später. Dabei komme ich mir sehr erwachsen vor. Es gibt eine interessante Art Kuchen zum Frühstück, ich unterhalte mich mit meiner Mutter, im Bad höre ich meine Geschwister. „Wie schön habe ich es“, denke ich, „dass es mir mit über vierzig noch so ergeht, nette Verwandte, erfreuliches Frühstück, die Schule macht Spaß* …“ Später auf dem Schulweg merke ich, dass ich zwar eine große Tasche mit Zeug herumtrage, aber nichts von dem, was ich eigentlich für die Schule bräuchte. Ich wundere mich über meine Fehlleistung, aber auch darüber, wie jung meine Geschwister sind. Das kann nicht stimmen. Meine Geschwister müssen selbst schon Ende 30 sein, woraus sich logisch ergibt, dass ich gar nicht mehr zur Schule gehe. Ich versuche das den anderen Menschen auf den Fluren des Schulgebäudes mitzuteilen, aber es interessiert sie nicht.

* Wer das jetzt für traurig hält, weil ich ja eigentlich nicht mehr zur Schule gehe, keine eigene Familie gegründet habe und nie koche, dem sei gesagt, dass ich in den letzten Wochen gerade mit meiner Frühstückssituation (täglich Porridge) überaus einverstanden war und die Zusammenstellung für eine unironische Zufriedenheitsbekundung meines Unterbewusstseins halte.


29.7.2012

Auf dem Weg zur Uni werde ich von einem richtigen, vermutlich längst promovierten Germanisten meines Alters im Taxi mitgenommen. Ich folge ihm, denn so muss ich immerhin schon mal nicht so lange suchen, wo die Germanistik ist. Sie haben ja jetzt neue Abschlüsse eingeführt, irgendwas mit Bachelor und Master, sicher beides oberhalb von dem Seepferdchen, das ich habe. Ich frage die erstbeste Studentin nach den Prüfungsanforderungen. Sie zeigt mir, dass es einen zweiten, noch dickeren Band von „Linder Biologie“ gibt, was mich nicht überrascht, ich hatte ja Deutsch-Bio Leistungskurs. Es klingt, als müsse man nur wissen, was drinsteht, ohne vorher irgendwelche Seminare zu belegen. Das geht klar, aber die Germanistik? C.G. (Name so im Traum), der mich mit dem Taxi mitgenommen hat, erklärt, im Untergeschoß hinge alles aus. „Und auf der Website der Uni steht es nicht?“ sage ich, „zwanzig Jahre bin ich jetzt hier, und es hat sich nichts geändert!“ C.G. sieht mich verständnislos und ein bisschen vorwurfsvoll an und sagt, es sei immerhin gleich im ersten Keller und nicht im vierten oder fünften Untergeschoß. Ich gehe hinunter. Dort ist alles sehr verwirrend. Ich finde eine Art Zettel-Ausgabestelle und frage dort. Man reicht mir eine Sammlung allgemeiner Prüfungstipps. „Das ist sicher sehr hilfreich“, sage ich, „aber ich brauche die formalen Anforderungen.“ Jetzt schaut man wieder verständnislos und vorwurfsvoll. Der Mann hinter dem Tresen zeigt auf einen mit Kreide in weiter Entfernung aufgemalten, schwer verständlichen Plan und sagt, ich könne gerade noch „beim Tom“ ins Seminar, der werde darüber hinwegsehen, dass ich bisher nicht da war. Das Seminar ist um 11:30, das klappt nie, das weiß ich schon. Dann bekomme ich ein kleines Stück Pizza geschenkt. „Vielleicht hätte ich einfach früher mal fragen sollen“, denke ich.


4.11.2012

Ich komme ein paar Minuten zu spät in einen von den Räumen mit dunkelbraunem Teppichboden im Schülerheim, mein Deutsch-Leistungskurs hat nebenan stattgefunden. Schuld an meinem Zuspätkommen ist die schlecht funktionierende App, der man inzwischen die Raumverteilung entnehmen kann. Der Kurs heißt „App-Programmierung“, ich sage zu meinem Nachbarn etwas darüber, dass es ironisch ist, ausgerechnet hierzu wegen der schlechten App zu spät zu kommen. Ich kenne niemanden, man ist offenbar gerade bei einer Vorstellungsrunde, und ich bin gleich dran. Ich stehe auf und sage: „Ich bin wahrscheinlich …“ (ich überlege) „… ein paar Jahre älter als die meisten hier, und wenn einem der Tisch nur so bis zur Wade geht, fühlt es sich gleich noch ein bisschen mehr an.“ (Ich bin wirklich viel, viel größer als der Tisch.) „Ich bin nur zum Spaß hier, ich habe schon ein Abitur, und ich habe entsetzlich viele Semester Germanistik und Anglistik studiert und …“ Das reicht, sagt der mürrische alte Lehrer, die anderen wollen auch noch drankommen. Ich denke nach und flüstere dann meinem Nachbarn zu: „Ich wollte sagen, ich bin wahrscheinlich doppelt so alt wie ihr, aber dann dachte ich, das ist übertrieben. Aber jetzt habe ich nachgerechnet, und es stimmt wirklich.“ Das ist ein bisschen peinlich, aber jetzt kommt Kai Schreiber auch noch hereingetrampelt, noch später und noch störender als ich, und ich freue mich.


27.12.2012

Das Schuljahr fängt an, wir kriegen Stundenpläne. Leider enthält das, was wir da beim dickbebrillten, pomadehaarigen und wenig kompetenten Herrn Einhell abschreiben, weder Raumnummern noch überhaupt Fachbezeichnungen. Ich beschwere mich, aber es hilft nichts. Aus dem Stundenplan geht hervor, dass ich jetzt in der zehnten Klasse bin. Noch vier Jahre also, das ist eigentlich ganz schön. Praktisch auch, dass ich meinen Stundenplan jetzt direkt in den Googlekalender eintragen kann. Werde ich in vier Jahren dann ein normales Abiturientenalter haben oder Mitte vierzig sein? Ich denke darüber nach, was besser wäre, und komme zu keinem Ergebnis.


14.1.2013

Das Semester ist schon fast um, als mir klar wird, dass ich nur ein einziges Mal überhaupt in dem Hauptseminar war, das ich besuchen wollte. Danach habe ich einfach vergessen, dass es existiert. Sicher hätte man auch irgendwas schreiben müssen am Ende. So wird das wieder nichts mit dem Uniabschluss. Und ich schon 42. Andererseits habe ich jetzt schon ein paar Bücher geschrieben. Vielleicht geht es auch so, und meine Eltern schämen sich gar nicht allzusehr.

Advertisements