Hunderttausendundelf Kilometer

Kelt de Gruyter

rad

 

Die Ritzel sind spitz, die Kette rattert, ratscht und springt – jede Fahrt mit diesem Rad könnte die Letzte sein.

Die Bremsen funktionieren noch, doch die Züge sind marode. Jeder einzelne Brems- und Schaltzug ist einfach nur ausgefranst und zerschlissen, droht zu reißen.

Der Schlauch vorne hat ein undichtes Ventil. Vor jeder Fahrt muss ich pumpen bis ich schwitze. Einen halben Kilometer rolle ich jetzt und schwitze wie Sau.

Und dann der Sattel: Gefedert ist die Stütze, aber kaputt. Der Sattel dreht sich während der Fahrt im Kreis.

Verschmerzbar ist die Klingel: Die Klöppelspirale ist verrostet. Der Klöppel trifft die Klingel nur noch leise. Und irgendwann wird das Teil einfach weg sein.

Bevor ich mich jetzt auch noch über die wackeligen und verschlissenen Griffe ärgere, beschließe ich, diesem Zustand ein Ende zu bereiten. Heute müssen Ersatzteile her. Heute ist Samstag.

Ich radele also in die Nachbarstadt. Zum Rad XL. Zehn Kilometer mehr mit diesem Rad – hunderttausendundzehn könnten es nachher sein.

Während der Fahrt bastele im Kopf alles zusammen, notiere Ersatzteile in einer SMS: Kurbel Züge Klingel Griffe Schlauch Sattelstütze Kette Schaltritzel… hoffentlich ist das alles.

Ich freue mich jetzt schon auf die Zeit danach, nach diesem Scheißrad. Jetzt nur noch den letzten Hügel hochfahren – und dann rein ins Ersatzteillager!

Pustekuchen. Der Rad XL ist zu. Ein Zettel sagt: Betriebsferien. Heute. Spitze.

Aber ich brauche die Ersatzteile jetzt! Was soll’s: Dann muss ich eben nochmal zehn Kilometer radeln. In der nächsten Stadt gibt’s den Rad XXL – und der wird bestimmt offen sein.

Ne halt. Moment mal. Um die Ecke war doch immer dieser eine kleine Laden – Radwelt Erhardt oder so. Vielleicht ist der ja noch da.

Tatsächlich: Radwelt Erhardt gibt’s noch. Ein alter Mann steht im Schaufenster. Könnte Herr Erhardt selbst sein. Erinnert ein wenig an den Schauspieler. Nur in schlank.

Ich lächele ihn an. Schließe das Rad ab. Gehe hinein.

Hallo.

Guten Tag.

Ich hätte gern ein paar Ersatzteile für das Rad da draußen.

Und was?

Auf jeden Fall eine Kurbel mit Ritzeln für vorne.

Ein Tretlager?

Ne, eine Kurbel, also das Ding, wo die Pedalen und die Ritzel vorne dran sind.

Also das Tretlager.

Am besten ich zeige ihnen das Rad draußen, dann können wir alles durchgehen.

Gesagt, getan. Draußen:

Sehen Sie – dort an der Kurbel sind die Ritzel schon ganz spitz. Die Kette springt immer durch. Und dort, die Züge, die sind alle ausgefranst. Ich brauche unbedingt neue Züge, am besten für die Bremsen und die Schaltung. Moment, ich habe mir Notizen gemacht.

Das Handy zur Hand, das Display blinkt auf:

Ach genau: Der Schlauch vorne müsste auch neu. Und zu der Kurbel bräuchte ich eine neue Kette. Eine zum Auf- und Zumachen. Und wenn’s geht, bräuchte ich auch eine neue Sattelstütze. Und noch diese kleinen Ritzel am Schaltarm hinten.

So, war’s das?

Ich glaube ja. Wir können gerne hineingehen, ich habe ja die Notizen.

Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle jetzt machen würde?

Gleich ein neues Rad kaufen?

Nein. Ich würde Prediger werden.

Prediger? Wieso?

Ja, einfach fünf Tage die Woche rumlaufen und predigen, und zwei Tage frei. Das würde ich machen.

Auf dem Weg in den Laden: Wie meinen Sie das?

Wissen Sie: Zu mir kommen Leute, die haben Probleme. Einfach nur Probleme. Und wollen alles Mögliche. Am besten keine Marge.

Ich habe schon geplant, die Teile bei Ihnen zu kaufen. Und wie soll ich das verstehen, was Sie gerade gesagt haben? Wollten Sie mich angreifen?

Nein, ich habe es einfach nur in der Rückschau betrachtet. Den Laden gibt’s jetzt seit 50 Jahren – und das war immer so.

Was war immer so? Ich finde es ehrlich gesagt seltsam, wie Sie mich behandeln. Und wenn ich es mir genau überlege, habe ich gar keine Lust mehr, bei Ihnen in dieser unangenehmen Atmosphäre einzukaufen.

Das muss ich mir von Ihnen in meinem Laden nicht sagen lassen!

Richtig – und genau deswegen werde ich jetzt gehen.

Im Weggehen: Aber ich sage Ihnen eines: Mit dieser Art werden Sie bestimmt nicht mehr lange existieren.

Ich verlasse den Laden, der Mann kommt nach.

Wissen Sie was? Ich werde den Laden noch sehr lange haben, so lange, dass werden Sie gar nicht mehr erleben!

Der alte Mann wirkt diabolisch, ich bin durcheinander:

Na dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

Ich schließe das Rad auf.

Ach ja: Ich wollte eigentlich gerade bei Rad XL einkaufen, aber die hatten leider Betriebsferien. Also habe ich gedacht: Unterstütze doch den kleinen Laden. Aber das war wohl ein Fehler.

Kaufen Sie ein, wo Sie wollen. Gehen Sie am besten gleich ins Internet!

Da können Sie aber einen drauf lassen: Ich werde sowas von im Internet einkaufen! Da muss ich mich wenigstens nicht beleidigen lassen.

Das Rad steht jetzt zwischen uns.

Ich weiß ja nicht, ob sie schon mal was von Service gehört haben. Aber als Dienstleister, der Sie offensichtlich sein wollen, verhält man sich Kunden gegenüber freundlich.

Soll ich etwa vor Ihnen den Diener machen?!

Davon hat niemand gesprochen. Aber als Kunde benötige ich Hilfe und möchte ich in einer angenehmen Atmosphäre einkaufen. Das gerade war alles andere als angenehm. Und Hilfe benötigen Sie wohl eher selbst!

Der alte Mann macht einen Satz nach vorne, steht nun direkt neben mir. Ich sehe schon, wie er mir eine knallt. Verdammt, hoffentlich wird meine Brille nicht zerspringen…

Du bist wohl ein ganz schlaues Kerlchen, gell?! Und du redest so, als wenn du studierst!

Ich studiere nicht, ich habe studiert.

Ja, und dass ist der Unterschied zwischen uns.

Der Unterschied ist, dass Sie unfreundlich sind. Und wenn Sie mit all Ihren Kunden so umspringen wie mit mir, dann wird es mit Ihrem Laden hoffentlich bald vorbei sein – nach wie vielen Jahren auch immer. Und daran sind dann nicht Rad XL oder das Internet schuld, sondern einzig und allein Sie selbst.

Bereits in voller Fahrt auf dem Rad: Aber ich wünsche Ihnen alles, alles Gute für die Zukunft!

Der alte Mann rudert mit den Armen, bellt mir nach, aber ich bin schon längst außer Hörweite.

Hunderttausendundelf Kilometer.

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