Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Schriesheim: „Es ist dringend an der Zeit, die Stimme zu erheben gegen diesen Raubtierkapitalismus, der nur dem Profit der Banken und Konzerne verpflichtet ist, weite Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge kommerzialisiert und sich in menschenverachtender Weise gegen die Bürger richtet. Doch hier beginnt das Problem: Während in südlichen Ländern mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße gehen, kann man hierzulande froh sein, wenn sich gerade mal 25 000 Menschen engagieren, während ein einziges Fußballspiel 50 000 Leute mobilisiert und der doppelte Titelgewinn eines Bundesligavereins von 260 000 Menschen bejubelt wird. Als Teilnehmer der genehmigten Blockupy-Demonstration am 19. Mai in Frankfurt habe ich erlebt, wie schwierig es ist, ein paar Leute zum Mitmachen zu motivieren.
Das Motto seit Urzeiten: Gib dem Volk Brot und Spiele. Mit dem Brot könnte es zwar in absehbarer Zeit kritisch werden, aber Spiele gibt es immer. Schuhmacher, Vettel & Co starten im repressiven Bahrain, zahlen ihre Steuern im günstigeren Ausland, und unsere völlig entpolitisierte Fußballnationalmannschaft wird nun in einer Diktatur unter der Regie eines korrupten Fußballweltverbandes dem Ball nachjagen. Der deutsche Michel aber sitzt im Garten vor dem Fernseher, den Grill neben sich und ruft wieder bierselig >Dschland<. Es gäbe noch viel zu sagen."

Ein Leserbrief aus Frankfurt/Main: „Dieser Bundespräsident ist so feige vor dem Freund, wie das selbst Wohlwollende befürchtet haben. Er liebt die tönende Rede und deckt Widersprüche eher zu. Er redet gern von sich im Plural, am liebsten gleich mit dem ganzen deutschen Volk unter dem Arm. Als >Freund Israels< hätte er den Mut haben müssen, entschieden gegen die derzeitige Politik der Besiedlung der besetzten Gebiete und der Vertreibung der Palästinenser zu sprechen. Denn Friede in Israel kann es nicht ohne Frieden und gleiche Rechte für die Palästinenser geben. Und wie kommt Gauck zu der Behauptung, Deutschland und Israel seien enger verbunden denn je? Viele Deutsche, darunter auch ich, fühlen sich Israel immer weniger verbunden, je länger die israelische Unterdrückungspolitik andauert."

Ein Leserbrief von Dr. Jürgen Kölzsch: „Mit Empörung, Unverständnis und Ohnmacht haben wir die Nachricht über die Verlängerung der Bauzeit der Staatsoper gehört, wie auch die Herren Barenboim und Flimm. Alte Pfähle im Berliner Baugrund kennt man nun schon seit 350 Jahren, und wieder müssen solche Ausreden herhalten, statt Verantwortliche zu benennen und zur Kasse zu bitten. Die Baumafia Berlins frohlockt und steckt sich Millionen in die Taschen. Erst alle Bäume – auch ganz alte – abholzen, dann Wüste und irgendwann ein nichtssagender Bau. Zu sehen an allen Enden und Ecken der Stadt und besonders im Zentrum, das einen bejammernswerten Zustand bietet. Wann endlich wacht der Bürger auf!“

Ein Leserbrief aus Berlin: „Am Sonntag feierten Tausende Besucher den jährlichen Karneval der Kulturen in Berlin. Rund um den Blücherplatz waren die Straßen gesperrt, was schon mal für erheblichen Stau sorgte. Für mich begann der Tag mit dem Umzug um 12.30 Uhr am Hermannplatz. Auf der Strecke boten zahlreiche Händler Waren und Produkte aus verschiedenen Ländern an. Die Berliner Wasserbetriebe verteilten kostenloses Wasser. Aber nicht nur die Sonne war unangenehm, ich empfand die Stimmung insgesamt als sehr geschwollen. Die Sicherheitskräfte waren ziemlich aggressiv, was ich selber erfahren musste. Ich war als Fotograf beim Umzug unterwegs und wurde des Öfteren bereits beim ersten Wagen mit ihnen konfrontiert. Ich habe persönlich immer viel Freude und Spaß mit dem Umzug verbunden. Dies Jahr war ich allerdings enttäuscht. Unfreundliche Sicherheitskräfte, sehr nervöse Umzugsteilnehmer und desinteressierte Veranstalter. Eine Bilanz für mich, die sehr ernüchternd ausfiel.“

Ein Leserbrief aus Dortmund: „Die Götterdämmerung ist eingeläutet! Das Ende der Kanzlerschaft Merkels. Das letzte Aufgebot für die Bundestagswahl 2013. Die politischen Einschläge treffen die Kanzlerin. Im Fall Röttgen zeigt sich deutlich, dass Frau Merkel nun eine Getriebene des politischen Alltags geworden ist. Die Kanzlerin muss reagieren, sie kann nicht mehr agieren. Sollte auch die nächste Landtagswahl verloren gehen, steht das System Merkel innerhalb der CDU auf dem Prüfstand. Der Fall Merkel macht noch etwas sehr deutlich: Die CDU steht und fällt politisch mit Frau Merkel. Welche personellen Alternativen hat die CDU zu Angela Merkel? Die Dame aus Niedersachsen, der amtierende Verteidigungsminister sind keine Alternativen.
Der politische Gestaltungswille der CDU wurde auf eine Person reduziert. Zu wenig, um Politik gestalten zu können.
Die Dame aus der Uckermark wird zu einer tragischen Figur der deutschen Politik.“

Ein Leserbrief aus Berlin-Lankwitz: „Äthiopien ist eines der Länder, die am stärksten vom Landgrabbing betroffen sind, bis 2011 hat es ca. 3,6 Mio. ha Land an in- und ausländische Investoren verpachtet. Weitere 2,1 Mio. ha Land werden angeboten. Die Pachtverträge, die über 30 bis 50 Jahre laufen, beinhalten die in dieser Region so wichtigen Wasserrechte. Die Investoren wollen dort Pflanzen für den Export und zur Produktion von Biokraftstoffen anbauen. Viele Dörfer wurden schon zwangsweise umgesiedelt. Die Regierung behauptet, das Land sei unbewohnt bzw. werde nicht ausreichend genutzt. Leider haben die Bewohner keine beweiskräftigen Eigentumstitel, da es keine Grundbücher gibt. Die Regierung betrachtet den Grund und Boden als Staatseigentum. In vielen Fällen geschah die Zwangumsiedlung kurz vor der Ernte mit Waffengewalt. Die Enteigneten wurden einfach weit weg von ihrem ehemaligen Siedlungsgebiet in der Wildnis >abgeladenReichen< aller Welt), ist budgetäre Balance kein größeres Problem mehr. Nicht Griechen gegen Deutsche, Bremer gegen Bayern usw., sondern >oben< gegen >unten< sollte thematisiert werden.“

Ein Leserbrief aus Berlin: „Es ist ja wirklich schön, dass sowohl Bundesregierung als auch EU-Kommission so unfassbar schnell gemerkt haben, dass es in der Ukraine Menschenrechtsverletzungen gibt, und dass Frau Timoschenko schon seit Monaten im Knast sitzt. Aber ebenfalls seit vielen Monaten werden in diesem undemokratischen Land Abertausende Straßenhunde aus Säuberungsgründen vor der EM grausam umgebracht (erschossen, vergiftet, lebendig verbrannt…) und dies hat sich trotz Beteuerungen der dortigen Regierung überhaupt nicht geändert.
Dagegen haben sich bisher nur Tierschützer und diverse Fußballer ausgesprochen. Für Politiker und die meisten Medienbosse kommt dies offenbar nicht in Frage, da Hunde nun mal nicht in derselben elitären Kaste angesiedelt sind und keine Millionen- oder Milliardenvermögen besitzen.“

Ein Leserbrief aus Blankenfelde: „Wer glaubt, dass ein Verwaltungsgericht sich gegen die von keinerlei Sachkenntnis getrübte, dafür aber Lobbyinteressen bedienende politische Entscheidung, einen Großflughafen mitten in Wohngebiete zu setzen und damit Hunderttausende dem Lärmterror auszusetzen, aussprechen würde, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Wenn einmal eine politische Entscheidung gefallen ist, haben alle anderen Einrichtungen – ob Verwaltungen oder Gerichte – dafür zu sorgen, dass sie auch durchgesetzt wird. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob grundgesetzliche Rechte wie die Gesundheit der Betroffenen eingeschränkt und verletzt werden. Hier geht es um viel Wichtigeres: Die Wirtschaftlichkeit – sprich Profiterwirtschaftung – für die Flughafenbetreiber.“

Ein Leserbrief aus Langensendelbach: „“Warum regt man sich denn so auf, wenn die Salafisten kostenlos den Koran verteilen? Ich finde das richtig Klasse. Vielleicht schaut der eine oder andere mal rein und liest dann zum Beispiel in Sure 4 über die Frauen: >Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannt sie in die Schlafgemächer und schlagt sie.< Wenn man dann weiter blättert bis zur 47. Sure, dann kann man gar lesen: >Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.< Das sind doch klare Aussagen, da weiß jeder, woran er ist.“

Ein Leserbrief aus Traunstein: „Es kann doch nicht sein, dass im Leben einer Frau sich alles nur um die Karriere am vermeintlichen Arbeitsplatz in der Wirtschaft dreht? Es gibt doch noch andere Werte. Ich habe früh begriffen, dass ich nach einigen erfolgreichen Berufsjahren nicht länger Sklavin der Wirtschaft sein wollte und habe meine Karriere als Familienmanagerin getätigt. Ich hatte keine Zeit, vor dem Fernseher zu sitzen, sondern organisierte mit anderen Müttern die frühen Kontakte der Babys. Das ging alles ohne Kitas und Betreuungsgeld. Übrigens war mein Mann der beste Chef der Welt. Ich habe gerne seinen Rücken freigehalten (korrekt heißt das: tüchtig gearbeitet), und er konnte so auch intensiv Zeit mit unseren Kindern verbringen.“

Ein Leserbrief aus Berlin-Weißensee: „… das Viertel, das geschlossen in Jubel ausbricht, wenn psychisch kranke Straftäter in die Nachbarschaft ziehen, muss wohl noch gebaut werden. Dabei hat die Sache etliche Vorteile: die Mieten dürften eine Weile stabil bleiben und einige Eigentumswohnungen werden vielleicht gar nicht erst gebaut. Als Anwohner freue ich mich jedenfalls, dass jetzt ein paar psychisch gestörte Menschen mit Betreuung in die Gegend ziehen. Vielleicht hat das ja positive Einflüsse auf die Umgebung.“

Ein Leserbrief aus Sehnde: „Falls Breivik vom Tätertypus des >forensisch Empathielosen< ist, wäre der ihm gutachterlich attestierte Narzissmus nicht primär, sondern lediglich Folgeerscheinung von Unfähigkeit zu Mitgefühl. In den 1980er Jahren machten sich US-Kids den Spaß, den Jingle des rosaroten Panthers zu betexten: >An ant, an ant, an ant – an eeeend to an ant!< Forensisch Empathielose nehmen ihre Mitwelt vergleichbar wahr: Ameisen, niederes Getier. Im Umkehrschluss halten sie sich selbst für höhere Wesen und entwickeln Denkweisen und Haltungen, die narzisstisch aussehen, jedoch keineswegs aus einer narzisstischen (Persönlichkeits-)Störung hervorgehen. Letztere wollen gefallen, meist können sie keiner Fliege etwas zuleide tun! Erst in Verbindung mit impulsiv machenden Störungen wie Borderline kann ein gekränkter Narziss gewalttätig werden. Die forensische Psychiatrie schätzt den Anteil Empathieloser in der BRD auf 4 Prozent. Breivik ist einer, der NSU sind ein paar – Spitze eines Eisbergs, der bis vor Kurzem in der Mitte der Gesellschaft dümpelte. Hier tun sich interessante Fragen nach dem Untergründigen der Alltagsideologie jener Mitte auf.“

Ein Leserbrief aus Bonn: „Ich arbeite seit über 30 Jahren in der Krankenpflege, und obwohl diese die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen stellt, rangiert sie doch vom Lohnniveau her weit unten. Vor allem die kirchlichen Arbeitgeber tun sich immer wieder besonders hervor, wenn es darum geht, die Löhne zu drücken. Anstatt ihre gesellschaftliche Macht zu nutzen und politischen Einfluss zu nehmen, geben sich die kirchlichen Träger immer mehr neoliberal, verweigern vernünftige Tarifverträge und lehnen das Streikrecht für ihre Mitarbeiter ab. Trotz großer Sonntagsreden über die Wichtigkeit sozialer Berufe sind die Entscheidungsträger nicht bereit, bessere Gehälter zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Warum können Pflegekräfte zum Beispiel nicht schon – wie Bundeswehrsoldaten – nach einem anstrengenden Arbeitsleben mit 55 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen oder zumindest mit 60 Jahren? Was die psychophysischen Belastungen betrifft, sind
die PflegerInnen sicher auf derselben Stufe wie die SoldatInnen!“

Ein Leserbrief aus München: „Die überzogenen Manager-, Sportler- und Finanzmarktgehälter sind ein Relikt aus dem Feudalismus. Das Einkommen der Könige und Fürsten war zu allen Zeiten entkoppelt von ihrer Leistung. Macht war und ist immer noch Geld. Wenn wir den Kapitalismus, also die feudale Demokratie, überwinden wollen, müssen wir die Aufklärung fortsetzen. Zum Beispiel, indem wir, parallel zum Mindestlohn, einen Höchstlohn pro Arbeitsstunde gesetzlich festschreiben und jeden Gewinn, der diesen Höchstlohn übersteigt, weg steuern. Auch der Gewinn der Firmen könnte so leicht auf die Höchstlohnsumme aller Mitarbeiter begrenzt werden.“

Ein Leserbrief aus Itzehoe: „In einer Zeit, in der wir einen Werteverfall auf breiter Front erleben, kommt dem deutschen Staatsoberhaupt eine besondere Rolle als moralische Instanz in unserem Lande zu, quasi als integerer, nicht zwingend fehlerfreier, aber überzeugender Mahner für eine wertschätzende Umgangskultur in allen gesellschaftlichen Bereichen. Großes Ansehen im Volk genießt Joachim Gauck, den auch ich für geeignet halte, den ramponierten Ruf und die angeschlagene Autorität des Amtes des Bundespräsidenten wiederherzustellen.“

Ein Leserbrief aus Gießen: „Wer wie Bayern über mehr als 40 Jahre vom System des Länderfinanzausgleichs in Deutschland profitierte, sollte sich der gesamtstaatlichen Verantwortung der Geberländer wie Hessen und Baden-Württemberg verpflichtet fühlen, einer Mezzogiornisierung Deutschlands zu wehren, und sich dabei, allzumal in Bayern, der christlichen Maxime erinnern, wonach Geben seliger denn Nehmen ist. Wer den Aufstieg Bayerns zum Geberland verstehen will, sollte auch noch nachschauen, wie viele Mittel in der Kohl-Ära nach Bayern geflossen sind, nicht zuletzt um Franz-Josef Strauß zu kalmieren, und wie sich dieser Beitrag im Verhältnis zur Förderung der anderen Bundesländer durch den Bund verhält. Aufklärung würde auch hier die Maßstäbe zur Beurteilung der eigenen Leistungen Bayerns ins richtige Lot bringen.“

Ein Leserbrief aus Twieflingen: „Der Präsident, Berufspolitiker seit seiner Schulzeit, bezeichnet sich nach einem Drittel seiner Amtszeit als Präsidentenlehrling, nennt Urlaub in einer Luxusvilla Übernachtung im Gästezimmer von Freunden, nimmt Amigo-Kredite, betreibt Aufklärung wie ein Winkeladvokat, bedroht die Presse… Da winselt er für seine Fehler im Umgang mit Amigos um Vergebung, gelobt Besserung. Es ist schon eine Schande für das Amt und das ganze Land. Aber die Bundeskanzlerin als eigentliche Verursacherin des Desasters hält sich heraus. Die ganze politische Klasse hält sich bedeckt, da es ihr politisch opportun erscheint. Eine Beleidigung der Bürger und kennzeichnend für unser politisches System.“

Ein Leserbrief aus Langenhagen: „Unser amtierender Bundesprasident wird im wahrsten Sinne des Wortes fertiggemacht, und das von allen Seiten. Von der Öffentlichkeit so gedemütigt zu werden, hat kein Mensch verdient, auch nicht jemand, der Konditionen zu Vorzugskonditionen in Anspruch nimmt oder der bei Zeitungen anruft, um eigentlich nur Schadensbegrenzung zu betreiben. Seine politische Schonfrist ist zu Ende. Das steht außer Frage. Wer seinem Amt politisch und stilistisch nicht gewachsen ist, muss gehen. Doch stehen die aufgeschaukelten Anschnauzereien aus den Medien wirklich im Verhältnis zu dem, was passiert ist? Es heißt nun allenthalben, dass man Wulff nicht mehr ernst nehmen könne, jede Minute, die er im Amt bleibe, schade der demokratischen Kultur. Aber da fragt man sich doch, wer schadet hier wem? Sie haben aus ihm eine bloße, winzige Karikatur gemacht. Das ist dreist und von allen guten Geistern verlassen und nicht anders herum. Vielleicht wählt beim nächsten Mal die deutsche Presse den neuen Bundespräsidenten. Schließlich entscheidet sie mit ihrer Berichterstattung über Gut und Böse.“

Ein Leserbrief aus Berlin: „Ich verstehe das Erschrecken, das Entsetzen, das Verstörtsein der Teilnehmer und Beobachter des Begräbnisses von Christa Wolf, dass, wenn nicht versteckt hinter Regenschirmen, von der westdeutschen Schriftstellerelite kaum einer und von der westdeutsch erzogenen Kulturpolitikerelite gar keiner da war. Man kennt sie nicht oder ignoriert diese große deutsche Literatin. 20 Jahre nach dem Mauerfall. Nach 20 Jahren Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte.
Aber genau hier sind wir am Punkt. Es war eben doch keine deutsch-deutsche Geschichte, sondern war und ist immer noch eine westdeutsch gedeutete DDR-Geschichte.“

Ein Leserbrief aus Erdmannshausen: „Mit der Volksabstimmung, die von den Gegnern nicht gewonnen werden durfte, kann man nun auch von Seiten der Grünen dem Protest die Legitinierung endgültig absprechen. Der grün-roten Landesregierung war es nicht möglich, dafür Sorge zu tragen, dass die finanziellen und personellen Mittel im Vorfeld der Abstimmung zwischen Gegnern und Befürwortern des Ausstiegs auch nur annähernd gleich verteilt wurden. Während die Gegner ehrenamtlich und mit geringen finanziellen Mitteln ihren aussichtslosen Kampf führen mussten, schloss sich auf der anderen Seite eine mächtige Allianz zu einer finalen, millionenschweren Wahlkampagne zusammen, um dem Volk das gewünschte Ergebnis abzuringen. Die Profiteure, die Lobbyisten, die >Finanzeliten< haben ihr Ziel mit kräftiger Unterstützung der ferngesteuerten Politmarionetten und nicht zuletzt der Stuttgarter Altmedien erreicht. Nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses haben die Gewinner im Stuttgarter Ratskeller >So sehen Sieger aus< geschmettert. Sie haben auch allen Grund zur Freude, sie können sich sicher fühlen, sie haben das Volk im Griff. Dass eine Volksabstimmung unter diesen Bedingungen >ein großer Schritt nach vorne< sein soll, erschließt sich mir nicht. Im Gegenteil, es ist ein entscheidender Schritt zur Etablierung postdemokratischer Scheinverfahren.“

Ein Leserbrief aus Bendorf: „Die Menschen empören sich gegen ein System, das nur einige wenige reich macht, und der Rest kann sehen, wo er bleibt.
Wir haben die Schnauze voll von Politikern, die vor Wahlen dem Volk das Blaue vom Himmel versprechen und danach nach dem Motto weitermachen, was interessiert mich der Mist, den ich gestern von mir gegeben habe. Wir haben die Nase voll von Finanzdienstleistern (Banken, Hedgefonds, Investmentbanken usw.), die ihre Gewinne privatisieren, aber wenn sie Scheiße bauen, vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Wir haben die Schnauze voll, in einem großen Monopolyspiel ohne Chancen mitzumischen, dessen Regeln wir nicht gemacht haben, die aber die Mehrheit trotzdem befolgen muss. Es nervt uns, dass behauptet wird, wir leben in einer Demokratie, obwohl wir nur alle fünf Jahre zwei Kreuze machen dürfen, ein Zeichen, das schon seit ewigen Zeiten als Unterschrift für Ausbeuterverträge herhalten musste, wenn der Unterzeichner des Schreibens nicht mächtig war. Wir wollen endlich echte Demokratie und direkte Mitbestimmung!
Wir haben die Schnauze voll von Medien, die nur Erfüllungsgehilfen der Mächtigen sind und deren Propaganda verbreiten.
Lernt ihr da oben denn nichts aus der Menschheitsgeschichte? Die Masse der Menschen lässt sich das Diktat von oben nur eine gewisse Zeit gefallen, aber irgendwann ist Schluss! Jede Revolution der Vergangenheit hat gezeigt, dass die Mächtigen irgendwann ihre Quittung bekommen, und die Volksseele brodelt mehr und mehr. Wenn ihr da oben nicht anfangt, eure Gier zu zügeln, werdet auch ihr eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen als diejenigen, die die Zukunft der Welt verzockt haben!“

Ein Leserbrief aus Ravensburg: „Es gab wohl noch keinen deutschen Außenminister der Nachkriegszeit, der ein derart trauriges Bild abgegeben hätte wie Westerwelle, der derart konzeptionslos gewesen wäre und sich derart zum Pausenclown der internationalen Diplomatie gemacht hätte. Die einzige Rolle, die er meisterhaft beherrscht, ist die des neoliberalen Kampfrhetorikers und sozialpolitischen Brunnenvergifters. Auch damit scheint er in seiner Partei ausgedient zu haben. Gleichwohl bleibt er uns als Personifizierung des Elends der FDP erhalten.“

Ein Leserbrief aus Berlin-Schöneberg: „Es war Senator William S. Fulbright, der >seinen< jungen Präsidenten John F. Kennedy Mitte Juli 1961 in vorauseilender Dienstfertigkeit mit dem Ergebnis einer von Fulbright initiierten Studie überraschte, deren Fazit lautete: Sollte die UdSSR eine Totalabsperrung der DDR einschließlich Ost-Berlin vornehmen und damit eine Insel West-Berlin schaffen, so verstieße Chruschtschow nicht gegen das Völkerrecht. Damit ergäbe sich kein Grund für das Einschreiten der westlichen Besatzungsmächte. Sechs Wochen nach der (gescheiterten) Wiener Konferenz vom 3./4. Juni, auf der sich Kennedy die Vorschläge und Drohungen Chruschtschows bekanntlich kommentarlos angehört hatte, beauftragte der Präsident seinen fleißigen Senator, Nikita Chruschtschow den Bau einer Mauer zu empfehlen, damit in der Berlin-Frage endlich Ruhe sei. Zwei Tage nach dem Anruf Fulbrights setzte Chruschtschow jene Hebel in Bewegung, die schließlich zum 13. August führten.“

Das müssen wir dem Chef zeigen, spottete Doris Nikol. Das wird ihn ewig wurmen, dass er in seinem Leitartikel über 50 Jahre Mauerbau nicht wenigstens spekuliert hat, praktisch habe Kennedy (statt Chruschtschow oder Ulbricht) die Mauer errichtet.

Ein Leserbrief aus Leipzig: „An der Grenze der USA zu Mexiko sterben jedes Jahr Hunderte verzweifelte Menschen, erheblich mehr als in fast 30 Jahren Mauer, im Mittelmeer sterben jedes Jahr Tausende, die nach Europa zu fliehen suchen, um Hunger und Elend zu entkommen (an dem die Europäer geschichtlich als auch aktuell erhebliche Mitschuld tragen). Ich empfinde es als unwürdig und typisch, die Verbrechen des Sozialismus unter Fähnchenschwenken, Trauerreden und Predigten, sowie das Hervorkramen der ewig Verbitterten, in die Dämonenecke zu stellen, wohin das Heutige nicht minder gehört, eher noch mehr. Dies ist nämlich kapitalistisches Verbrechertum, wo es (Reise-)Freiheit nur für die gibt, die sie sich leisten können oder auf der richtigen Seite des Wassers geboren wurden, wo die Agrarsubventionen den Hunger in Afrika verschärfen, wo die >Festung Europa< nicht bei der Ausreise, sondern bei der Einreise tötet. An diesem Tag sollten wir daher auch die Grenzen betrachten, welche wir gezogen haben und immer noch ziehen, und die Zauntoten in Amerika und die angespülten Wasserleichen in >unseren< Badeparadiesen! Wo ist denn bitte der Trauergottesdienst für sie?“

Anschlag im Zentralpark – das Büro rätselt, wer das zu verantworten hat. Am liebsten wäre allen der Chef.

yz

Ein Leserbrief aus München: „Durch den von Merkel und den ihr hörigen Ministeranhang verursachten überstürzten und unsinnigen Ausstieg aus der Atomkraft, weltweit nicht akzeptiert und für Schwachsinn gehalten, wird Deutschland immenser Schaden zugefügt. Die Grundlastsicherung kann durch andere Energieformen auf lange Sicht nicht ersetzt werden. Und die unqualifizierten Vorschläge der Aussteiger sind total unrealistisch. Die jetzt folgende Verteuerung der Energie schädigt unsere Wirtschaft enorm und zerstört unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit auch die Zukunft der jungen Generation in Deutschland. Erschreckend ist, dass dieser gegen jede Vernunft und nur taktisch-ideologisch gefasste Beschluss von der Mehrheit im Bundestag mitgetragen wurde, ein Armutszeugnis und eine Schande für die Masse der gegenwärtigen unfähigen deutschen Politiker.“

Ein Leserbrief auf Vogelsdorf: „Natürlich bin ich dafür, unverschuldet in Not Geratenen zu helfen. Aber gerade für Griechenland trifft das nicht zu. Hier hat sich insbesondere die Mittel- und Oberschicht durch das Nichtzahlen von Steuern und ein durchgängiges Korruptionssystem über Jahrzehnte maßlos bereichert. Die vorgesehenen Stabilisierungsmaßnahmen treffen jedoch ausschließlich die Unterschicht, durch Mehrwertsteuererhöhungen sowie Lohn- und Rentenkürzungen. Mit den Forderungen der Geberländer unterstützen wir dieses Fehlverhalten. Richtig wäre es, die Reichen zur Rettung ihres Landes beitragen zu lassen, um den Schaden, den sie selbst angerichtet haben, zu mindern. Erst danach müssten die Eurostaaten helfen.“

Ein Leserbrief aus Grafing: „Hundertundein Kilometer, fünftausendsechshundertzweiundsiebzig Höhenmeter: Am Samstag startet der erste Ultralauf um die Zugspitze. Adieu, stille Bergwelt! Die Alpen verkommen immer mehr zu einem Aufmarschgebiet für erlebnisgeile, eventhungrige und krachlüsterne Freizeitjunkies. Natürlich gibt es Extremeres: die Stille der Bergwelt, die einen unter anderem erkennen lässt, wie die Ochsen unten im Tal mit ihren Hörnern um Geschäftsvorteile kämpfen, und die jetzt auch mehr und mehr die Berge als Objekt ihrer Begierde und ihrer Ausbeutungsmanie erkannt haben. Ein wichtiges Element dabei ist die ständig forcierte und hervorragend vermarktete Rekordsüchtigkeit.“

Ein Leserbrief aus Gutenstetten: „Ich bin gegen die Atomkraft, denn Unglücke oder Anschläge könnten verheerende Folgen zeitigen, und sichere Endlagerung ist nicht geklärt. Man hätte sich nie auf diese Technik einlassen sollen. Ich frage mich aber, warum nur wir Deutschen so atomkritisch sind. Wir sind auch nicht umweltbewusster als die Skandinavier, die sogar den Bau neuer Anlagen erwägen. Ich denke, die Ursachen dieser >German Angst< liegen viel tiefer. Die beiden Weltkriege haben uns ängstlich gemacht und unser Grundvertrauen in den Staat und seine Vertreter erschüttert.“

Ein Leserbrief aus Hamburg, von Rasmus Ph. Helt: „Beim >Joint Venture< zwischen der Deutschen Bank sowie der Berliner TU und der Humboldt-Universität handelt es sich um das Überschreiten einer roten Linie. Weil hier nicht nur ein bekanntes Großunternehmen massiv in die Freiheit von Forschung und Lehre eingreifen, sondern jenes ebenso der Öffentlichkeit verschweigen kann. So dass sich am Ende auch PR als Wissenschaft verkaufen lässt, um Menschen bei wichtigen Sachverhalten, wie beispielsweise den Gründen für die Finanzkrise, die ebenfalls in den Bereich eines Institutes für angewandte Finanzmathematik fallen, in ihrem kritischen Urteilsvermögen bewusst auf eine falsche Fährte zu locken. Weshalb die Politik aus diesem neuen akademischen Skandal die nötigen Lehren ziehen sollte mit einem Gesetz, das derartige Kooperationen künftig strikt untersagt und die Hochschulen zu wesentlich transparenteren Strukturen zwingt!“

Obwohl der Chef unermüdlich, wie jeder sieht, in sein geheimes Tagebuch mit den unveröffentlichten Leitartikeln hineinschreibt, schauen wir selten nach. Aber jetzt konnte Doris Nikol nicht widerstehen: „Wenn die EU trotz ihrer eigenen Schwäche – deretwegen ich sie schon so oft ermahnt habe – Kraft aufbrächte, dann wäre jetzt der richtige Moment gekommen, wie ich nur wiederholen kann, die demokratischen Revolutionen in Nordafrika zu unterstützen. Es geht nicht, wie ich beruhigen darf, um eine gemeinsame Armee, Schiffe und Flugstaffeln. Das habe ich nie gefordert. Vielmehr erwarte ich von der hocheffektiven Bürokratie in Brüssel, dass sie eine zivile Eingreiftruppe für den Staatsaufbau zusammenstellt, eine Task Force in Sachen Demokratie: Verwaltungsfachleute, Bankspezialisten, Steuerexperten, Kreditverwalter, Bauleute für Parteien, Gerichte und Behörden – ich werde die entsprechenden Telefongespräche führen. Welch starkes Signal für die jungen Demokratien! Welch stolzes Projekt für Europas Union! Sie braucht mir bloß zu folgen.“

Ein Leserbrief aus Lippstadt: „Wenn ich an der Supermarktkasse in die Wagen der Käufer schaue, wird mir fast übel, welche Scheußlichkeiten die Leute ihrem Körper zumuten. Dass sich dann nach Jahren des falschen und ungesunden Ernährens viele buchstäblich in ihrer Haut nicht mehr wohlfühlen, ist nur allzu verständlich. Das sind dann die sogenannten Zivilisationskrankheiten; entstehend aus zu viel und falscher ungesunder Kost. Gerade das Fasten ist in vielen Kulturen seit Hunderten von Jahren beheimatet und galt, bevor es Medikamente gab, als Heilmittel für viele Krankheiten durch Stärkung der Selbstheilungskräfte. Das Fasten unter ärztlicher Aufsicht ist nach wie vor eine gute Sache. Während dieser Zeit kann es in der Tat zu Kreislaufstörungen und anderen Beschwerden kommen, die mit der Umstellung des Körpers zusammenhängen. Deshalb sollten auch nur gesunde Menschen eine Fastenkur machen, was vor Beginn einer Kur medizinisch zu überprüfen ist.“.

Ein Leserbrief aus Berlin-Charlottenburg: “…Glaube an Gott aber ist – genauso wie wahre Liebe – ohne menschliches >Warum<. Er geschieht absichtslos – um Gottes willen. Weil Gott sich den Menschen geleistet hat, deshalb kann sich auch der Mensch Gott leisten als das ganz und gar Nichtnotwendige in seinem Leben. Wenn wir Christen es wieder lernten, so absichtslos, ohne apologetischen Eifer, von Gott zu reden, würden wir selbst dabei wahrscheinlich glücklicher und für andere überzeugender sein. Denn, um gut durchs Leben zu kommen oder um einen moralischen Halt zu haben, braucht der Mensch Gott wirklich nicht, zu alledem ist er auch ohne Gott fähig, genauso wie er mit Gott oder als Atheist zu allen Verbrechen fähig ist, die in der Menschheitsgeschichte begangen worden sind. Aber als das ganz und gar Nichtnotwendige in unserem Leben wäre Glaube an Gott tatsächlich das Einzige, was wirklich nottut, weil es uns davor bewahren könnte, unsererseits nur unter dem Aspekt von Leistung und Nutzen verrechnet zu werden, worunter Atheisten doch in gleicher Weise leiden wie Christen.“

Ein Leserbrief aus Osnabrück: „Hier in Osnabrück macht sich inzwischen die ganz überwiegende Mehrheit der Radfahrer jedweden Alters auf Bürgersteigen, Fußgängerwegen, an Ampelübergängen und in deutlich markierten Fußgängerzonen breit – und das mittlerweile ohne jede Hemmung, ohne Unrechtsbewusstsein, mit größter Selbstverständlichkeit. Sie verunsichern, behindern und gefährden immer massiver und rücksichtsloser die Fußgänger. Die politischen Entscheidungsträger unserer Stadt und die ihnen untergeordneten Ordnungskräfte lassen diese zahllosen Anarcho-Radler fast ausnahmslos gewähren, unterstützen sie durch ihre Verkehrspolitik sogar noch. Das Äußerste, wozu sie sich gegen diese fortwährenden schlimmen Übergriffe der Falschradler bereitfinden, stellen so spärlich-halbherzige wie wirkungslose Symbolaktiönchen dar. Auch aus anderen deutschen Städten wird uns ähnlich krasses und für alle Verkehrsteilnehmer hochriskantes Fehlverhalten zahlloser Radfahrer gemeldet. Die Städte müssen gegensteuern!“

Ein Leserbrief aus Dormagen: „Ich frage mich, warum ich überhaupt noch zur Wahl gehen soll. Ich habe noch die Bilder vor Augen anlässlich der Befragung von Karl-Theodor zu Guttenberg im Bundestag. Wie sich dort Oppositionspolitiker einem Politikerkollegen gegenüber benommen haben, war schwer zu ertragen: Trittin, wie er sich lachend auf die Schenkel klopft, Lauterbach wie ein geiferndes Rumpelstilzchen, Oppermann der Scharfrichter in Person, und Bartsch, dem man die Genugtuung ansah, dass er es hier einem Adligen mal so richtig zeigen konnte. Solchen Politikern werde ich doch nicht meine Stimme geben! Genauso empörend, dass dieses Verhalten von der Bundestagsvizepräsidentin Karin Göring-Eckardt nicht gerügt wurde, hier mangelte es offensichtlich an Zivilcourage. Auch dem Verhalten von Bildungsministerin Annette Schavan fehlte Aufrichtigkeit. Wenn ich überlege, ob ich überhaupt noch zur Wahl gehen soll, dann wegen der genannten Personen und deren zutage getretener Heuchelei und nicht wegen zu Guttenberg. Der hat seine Fehler eingestanden, um Verzeihung gebeten und alle seine politischen Ämter abgegeben. Die Haltung, die er dabei gezeigt hat, müssen andere erst einmal aufbringen.“

Angesichts der Naturkatastrophe, die Japan ereilt, verkündet der Cuisine-Redakteur, er werde seinen Beitrag über Sushi ausfallen zu lassen. Die Assistentin fragt sich insgeheim, warum es pietätlos wäre, über Sushi-Essen in Deutschland zu reden, wenn in Japan die Erde bebt? Würde irgendjemand Vorwürfe wie „Japan erlebt eine Katastrophe biblischen Ausmaßes und du redest über Sushi!“ erheben? Verletzt es die Gefühle der Japaner, wenn man in dieser Zeit in Deutschland Sushi isst? Haben die Japaner keine anderen Sorgen? Jedenfalls wird sie der Cuisine-Redakteur nicht davon abhalten, am Abend die Sushi-Bar drüben links zu besuchen, die, wie so oft, gar nicht von Japanern betrieben wird.

Ein Leserbrief aus Wielenbach: „Ratlosigkeit herrscht bei den Kreiswehrersatzämtern, nachdem keine Zwangsmusterungen mehr erfolgen, vor allem beim ärztlichen Personal. Gerade dessen Umgang mit dem >Rohstoff< Wehrpflichtiger hat den Kreiswehrersatzämtern den Stempel aufgedrückt, den viele mit dem Trauma der Musterung verbinden. Selbst der Leiter des Beratungszentrums schwärmt, >da wurden 40 Mann pro Tag gemustert, dass es seine Art hatte<. Welche Art war das denn? Während des ganzen Musterungstages befand sich der >Rohstoff< nur in Unterhosen. Halbnackt im Warteraum, in den Gängen, bei der Urinprobe, beim Messen, beim Warten vor den Arztzimmern. Der Umgangston spiegelte den Zwangscharakter: Machen Sie den Becher halbvoll Urin, aber schnell! Kein Arzt, keine Ärztin grüßte oder stellte sich namentlich vor. Der Höhepunkt war die Genitaluntersuchung durch die Musterungsärztin, die keine Fachärztin ist. Vor den Augen der Assistentin wurden Genitale und Anus nach dem Ritus inspiziert, dessen Prozedere mehr mit militärischem Ritual zu tun hatte, denn mit dem Stand medizinischer Diagnostik. Mancher empfand das als eine Demütigung, die er sein ganzes Leben nicht mehr vergisst.“

Ein Leserbrief aus Geretsried: „An den Gymnasium, an dem ich unterrichte, wurde in diesem Jahr der Schüler T. nicht zum Abitur zugelassen. Der Grund: Es konnte nachgewiesen werden, dass seine Seminararbeit ein Plagiat ist. Der Junge ist ein sehr guter Schüler aus sehr gutem Hause. Warum er versucht hat zu täuschen, konnte nicht herausgefunden werden. Vermutlich liegt der Grund irgendwo zwischen >Merkt doch sowieso keiner<, >Warum soll ich mir diesen Stress antun?< und >Ich bin doch nicht blöd!<. Die Entscheidung des Kollegstufenbetreuers war klar und unaufgeregt: Der Schüler erhält 0 Punkte, ist damit nicht zum Abitur zugelassen, muss deshalb in die 11. Jahrgangsstufe zurückgehen und kann erst im nächsten Jahr seine Abiturprüfung ablegen. Die Entscheidung wurde von T., seinen Mitschülern und seinen Eltern ohne Widerspruch akzeptiert. T. konnte etwas zerknirscht, aber ohne Gesichtsverlust zurücktreten. Seitdem sind vier Wochen vergangen und es redet schon niemand mehr davon. Eine solche Haltung aller Beteiligten hätte ich mir im Fall Guttenberg auch gewünscht.“

Ein Leserbrief aus Bielefeld: „Würde das bundesdeutsche Militär die Rechte des deutschen Volkes ebenso verteidigen wie das ägyptische? Wie sehr braucht die Bundeskanzlerin ihren Militärlakaien Theodor zu Guttenberg? Ich stimme dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Brun-Otto Bryde zu, dass uns allein konkrete Volksentscheide vor >illegitimen< politischen Absprachen schützen. In diesem Zusammenhang sollte auch über europäische Volksentscheide und Wahlpflicht diskutiert werden. Zudem müssen bereits heranwachsende Schüler >mitmachen< und >wählen< üben. Der zentrale Lernzuwachs der Schüler sollte dabei nicht >dominieren< sein, so wie sie die jetzige Regierungspolitik erleben, sondern: mitmachen von Groß und Klein. Wenn dieses spielerische Element der Fairness nie erlebt und gespürt wird, wächst demokratische Unreife und Frustration.
Anders als Brun-Otto Bryde sehe ich in der EU überhaupt keine Institution, die das Erleben von Demokratie möglich macht. Auf den Sozialgipfeln des europäischen Rates der Regierungschefs protestieren die Vertreter der nationalen Gewerkschaften. Wer von uns hat Kontakt zu einem/einer dieser Regierungschefs oder zu einem dieser/einer dieser aktiven Gewerkschaftler? Wo bleibt der Austausch zwischen ihnen und uns, das Element der Fairness?
Wenn nur einige der von Brun-Otto Bryde erwähnten 70 Prozent der demokratisch gesinnten Deutschen vor dem Brandenburger Tor dagegen protestieren und massiv von Politik, Polizei und Geheimpolizei, wie im Stuttgarter Protest gegen den Bahnhofsneubau, angegriffen würden, würde uns unser Militär da helfen? Wie sehr braucht Angela Merkel das Militär und die Polizei zur Unterstützung einer Politik, die sich an den Interessen der großen Lobbyisten und nicht an denen der kleinen Bürger orientiert?“

Ein Leserbrief aus Brüssow: „Mubarak hat seine Macht abgegeben. Das ist ein wichtiger Sieg für das ägyptische Volk. Doch das ist nur ein erster Schritt. Die Menschen in Ägypten demonstrieren gegen Armut, Ungerechtigkeit, Korruption und Repression. Mubarak ist weg. Aber das Regime bleibt. Omar Suleiman, Mohamed Tantawi usw. – das sind alles handverlesene Generäle, die mit Mubarak aufs Engste verbunden sind. Man muss davon ausgehen, dass die Machtübernahme durch das Militär gemeinsam mit Mubarak, Suleiman, Washington und Tel Aviv konzipiert und umgesetzt wurde. Washingtons Hoffnung ist, dass es bei dem kosmetischen change bleibt, das Regime weiter an der Macht bleibt und das Militär die Bürgerbewegung erdrückt.“

thalmayr

Der Chef taucht in der Menge unter.

kladde

Die schwarze Kladde, in die Thalmayr heimlich seine Leitartikel einträgt.

Wir entdeckten einen neuen Eintrag in Thalmayrs geheimer Sammlung von Leitartikeln, eine schwarze Kladde hinten in seiner Schreibtischschublade: „Die Münchner Sicherheitskonferenz war eine Manifestation der Ratlosigkeit, die Teilnehmer hörten mir nicht zu. Selten haben sich so viele Mächtige versammelt, um am Ende nur eines einzugestehen: ihre Ohnmacht. Die meisten Akteure in München bezeichnen sich als Realisten in Sachen Geopolitik – der Realismus gebietet, wie ich mehrfach wiederholen musste, die krachende Niederlage anzuerkennen. Das große Thema des Jahrzehnts, das mich schon so lange beschäftigt, die Transformation der arabischen Welt in die Moderne, entzieht sich der Steuerung durch den Westen. Das Zentralthema der nächsten Dekade, wie ich es rechtzeitig erkannt habe, der machtpolitische Ausgleich mit China, erfassen die Herren der Welt noch gar nicht; von Europa wird es, meinen Interventionen zum Trotz, völlig ignoriert.“

Ein Leserbrief aus Berlin-Kreuzberg: „Ich hatte Gelegenheit mit zwei jüngeren Begleitern ab 5 Uhr morgens die Räumung der Liebigstraße aus nächster Nähe mitzuverfolgen. Unter rein strategischen Gesichtspunkten kann man den Einsatz der Polizei nur als brillant bezeichnen. Durch weiträumige Absperrungen und das Besetzen der Hausdächer  kam es zu keinerlei Zwischenfällen in der näheren Umgebung der Straße. Die Räumung erfolgte völlig störungsfrei. Daher ein großes Kompliment an den Innensenator und den Polizeipräsidenten. Sehr misslich, wenn nicht sogar rechtsirrig, war allerdings das Abdrängen der Pressevertreter kurz vor Beginn der Räumung recht weit ab vom eigentlichen Ort des Geschehens. Zudem wurde durch Polizeiwagen jegliche Sicht auf den Hauseingang versperrt. Da wir drei uns später unter die Demonstranten gemischt hatten, kann ich zu der Kritik von Herrn Ströbele und des Bürgermeisters Schulz an der Räumung nur feststellen, dass sich viele der >Alternativen bzw. Autonomen< in ihrer Menschenverachtung, in ihrer Gewaltbereitschaft und ihrem Hass auf Anderslebende von den Rechtsradikalen kaum unterscheiden. Aber deren >alternatives< Leben wird wohl kaum jemand als Bereicherung des Kiezes betrachten. Diese Einäugigkeit ist erschreckend und beängstigend.“

Man hat im Schreibtisch des Chefs ein Tagebuch gefunden, in dem er heimlich Leitartikel niederschreibt, die nie nach außen dringen (ungeeignet für diese Radiostation):
„Der deutsche Mensch wünscht sich Politiker, die den Staatsschauspieler geben können – sonore Stimme, gravitätisches Auftreten, nicht dies Gezappel und Gekreische. Der deutsche Mensch schätzt keine Parteien, die für weniger Staat und mehr Markt eintreten. Aber große Koalitionen schätzt der deutsche Mensch ebenso wenig, und deshalb erhielt die FDP 09 bei der Bundestagswahl 15 Prozent. Da beging Guido Westerwelle einen schweren Fehler: Er hielt die 15 Prozent für einen persönlichen Liebesbeweis und zugleich ein Mandat für seine Partei mit ihrem nichtexistenten Programm. Gleichwohl, Deutschland braucht eine liberale Partei. Aber sie muss sich um mehr Ernsthaftigkeit bemühen – wie ich Westerwelle schon oft klargemacht habe.“

Ein Leserbrief aus Mühlheim/Main: „Bei dieser grausamen und menschenverachtenden Wüterei ist es letztlich völlig belanglos, wer da gegen wen agiert. Wer diese Menschen immer wieder, in Alexandria und weltweit, gegeneinander aufbringt, ist auch ohne große Analyse mehr als offensichtlich. Menschen stellen ihr Leben unter das Dogma einer Religion, deren (richtig oder falsch verstandene) Lehre für wichtiger gehalten wird als das individuelle Glück. Man stelle sich nun mal vor, diese nie heilende Wunde im menschlichen Zusammenleben wäre endlich verheilt, verschwunden, es gäbe keine Religion mehr, keinen Grund und keine Begründung, Andere zu verfolgen oder zu töten, weil sie einen anderen Glauben haben an etwas, das ohnehin nur in ihren Köpfen existiert. Man stelle sich vor, alle könnten (und müssten) sich einfach als Mitmenschen begegnen und würden persönlich Verantwortung für ihr eigenes Tun übernehmen. Es wäre sich noch kein Frieden auf Erden, aber ein riesiges Stück mehr Ehrlichkeit und Humanität in der Welt!“

Ein Leserbrief aus Unterwössen: „Dass die Bundesagentur für Arbeit sparen muss, ist nur verständlich – ja angesagt. Und dass sie dort ansetzt, wo die Wirksamkeit von  Steuerungsmechanismen wie >öffentlich-rechtliche Arbeitsverhältnisse< nach Hartz IV fraglich sind, ist auch nur konsequent. Hat es sich doch gezeigt, dass die Hauptprofiteure der Ein-Euro-Jobs nicht etwa die betroffenen Arbeitslosen, sondern die >gemeinnützigen< sozialen und kommunalen Arbeitgeber sind. Verlierer der Kürzungen sind also nicht die Langzeitarbeitslosen, sondern absolut zu Recht Gesellschaften wie Caritas, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt und andere. Zu Lasten der Steuerzahler und der kleinen und mittleren Betriebe haben sich diese >sozialen< Einrichtungen bereichert: Planstellen für Vollzeitangestellte (mit 3000 Euro pro Monat) wurden schamlos mit ALG II-Empfängern (meist berufserfahrenen älteren Akademikern) besetzt, die sie sich aus langen Listen aussuchen konnten.“

Ein Leserbrief aus Gießen: „Roland Koch hat 2009 die Wahl als Landtagsabgeordneter und Ministerpräsident angenommen. Herr Koch hat beide Ämter niedergelegt und erhält bei einer Baufirma ein Jahresgehalt von voraussichtlich 1,5 Millionen. Das ist in der Tat deutlich mehr als das Einkommen eines Ministerpräsidenten. Niemand wird gezwungen, sich um ein hohes politisches Amt zu bewerben. Wer aber gewählt wird und das Amt annimmt, hat dem Wähler gegenüber die Pflicht und Schuldigkeit, die ganze Legislaturperiode durchzuhalten, es sei denn, er tritt aus Gewissensgründen zurück. Die Demokratie nimmt dauerhaft Schaden, wenn der Eindruck entsteht, dass Politiker ein Mandat als etwas Beliebiges betrachten und mehr an das Eigenwohl als das Gemeinwohl denken. Ein gewählter Politiker wird immer gefragt, ob er die Wahl annimmt. Herr Koch hat diese Frage bejaht. Über den Zusatz in der Form >…aber nur, bis ich etwas Besseres finde< hat er das Wahlvolk nicht informiert.“

Ein Leserbrief aus Inning: „Der nicht nachlassende Protest gegen Stuttgart 21 ist Symptom, nicht Ursache. Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit und Wut weiter Teile der Bevölkerung dagegen, wie und für wen in Deutschland Politik gemacht wird. Nutznießer sind zunehmend einflussreiche Klassen und Schichten: Banker, Geldadel, Kapitalanleger und Investoren. Gleichzeitig werden dem Volk beispiellose Spar- und Abgabenzwänge auferlegt und quasi als conditio sine qua non verkauft: >Wir leben über unsere Verhältnisse.< Aber wer ist eigentlich >wir<?
Zudem werden politische Entscheidungen nicht mehr transparent genug kommuniziert. Das Volk bleibt außen vor, wird in die politischen Entscheidungsfindungen zu wenig oder gar nicht eingebunden, deren Kosten und Konsequenzen aber dann von allen mitgetragen werden müssen – notfalls mit dem Hinweis auf >Systemrelevanz<. Als ob zum Beispiel Bildung nicht systemrelevant wäre. Im Aufstand gegen das Stuttgarter Bauprojekt entlädt sich, bewusst oder unbewusst, auch aufgestauter Unmut, es herrscht Basisdemokratie, französische Verhältnisse sind auch bei uns eingekehrt. Zu recht, wie ich meine“.

Ein Leserbrief von Conrad Maria Mullenarque: „Es ist richtig, dass unserer politischen Klasse etwas Biederes anhaftet und sie in Auftritt, Habitus und Diktion natürlich nicht mit den Eliten in Frankreich mithalten kann. Aber seien wir gerecht: Die fast gelungene Vernichtung des Bürgertums von 1933 bis 45, die dann einsetzende Spießigkeit, getragen vom westdeutschen >Wir-sind-wieder-wer<, ist bis in unsere Gegenwart in noch krasserer Optik und nivellierender Sprachkultur zu besichtigen. Mit der Wiedervereinigung brach dann eine Woge der Kleinbürgerlichkeit über uns herein. Auch dies gilt es immer noch zu verkraften.
Viel bedenklicher ist jedoch, dass die politische Klasse den Begriff Kultur nicht verinnerlicht hat. Wenn sie denn schon aus der >Mitte des Landes< kommt, wogegen nichts einzuwenden ist – Napoleons Marschälle, allen voran Jean Baptiste Bernadotte, entstammten nicht der Creme der Grande Nation – , dann hat sie auch die Aufgabe, nein, die verdammte Pflicht, an sich zu arbeiten, sich dem Vorbild des gebildeten, weltläufigen Bürgers zumindest in kleinen Schritten zu nähern. Hier empfiehlt sich, was Joachim Fest über das Bürgertum so unvergleichlich für uns festgehalten hat, und was Prinz Asfa Wossen Asserate zu Manieren bemerkt, aufmerksam zu lesen, sich mit Menschen zu umgeben, von denen man etwas lernen kann, die Kumpanei der Einfachheit mal zu vergessen. Man muss sich auch der Mühe unterwerfen, die eigene Muttersprache aus den piefigen Niederungen und Unterfütterungen zu holen, sich annehmend beraten lassen, welchen Stellenwert Sprache, Auftritt und Optik haben, wenn man sich auf dem Parkett befindet. Ein Blick in das amerikanische Repräsentantenhaus ist hier ein Erweckungserlebnis.
Karl-Theodor zu Guttenberg übrigens kann den Eliten jenseits des Rheins Paroli bieten. Natürlich hat seine Herkunft das begünstigt. Er gehört damit zu einer sich im Politischen nicht vordrängenden Spezies, die es in Deutschland nach wie vor gibt: international ausgebildete und vernetzte Nachkommen des industriellen Patriziats, des Bildungsbürgertums, sowie die Nachkommen ehemals tonangebender Häuser. Es ist allerhöchste Zeit, dass diese deutschen Eliten aus der Deckung kommen, und sich endlich der Aufgabe stellen, ihrem Land zu dienen.“

Ein Leserbrief aus Frankfurt/Main: „Die Burka ist ein radikales Symbol der Unterdrückung. Sie verweist in unmissverständlicher Form auf ein (rein patriarchalisch) definiertes Verhältnis von Frau und Öffentlichkeit. Es ist en autoritäres und sichtbares Zeichen, eigenständige Wesenheit unsichtbar zu machen.
Koraninspirierte Gesellschaften, die Frauen als schutzbedürftig (wie Kinder und Greise) darstellen, interpretieren die Burka als Schutz ihrer Reinheit und Ehre (der Familie). Das ist logisch in einem System, in dem der Mann die absolute Deutungshoheit innehat: Weibliche Individualität wird als gefährlich und als Angriff auf das System betrachtet. Die Burka als aufgeklärten Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung umzudeuten, ist ein typisch gutmenschliches, aber katastrophales Missverständnis. Ein Verbot dieses menschenverachtenden Symbols ist daher richtig und auch bei uns überfällig.“

Ein Leserbrief aus Holzkirchen: „Mit zunehmender Verwunderung lese ich über den Vertrauensverlust von Arbeitgeber zum Arbeitnehmer. Denn es wird nichts, aber auch gar nichts in Bezug auf die ständigen Vertrauensbrüche durch die Arbeitgeber berichtet. Überproportionales Mehr an Überstunden wird erwartet, kostenlos, trotz vertraglicher Vereinbarung der 40-Stunden-Woche und Bezahlung bei Mehrarbeit. 20 Stunden und mehr werden etwa in der Gastronomie – bei einem Gehalt von 1700 Euro brutto – verlangt und nicht bezahlt. Vertrauensbruch? Ein Beispiel: Einer Eventmanagerin im zweiten Glied mit Projekten, die vier bis fünf Mitarbeiter bewältigen sollten, werden zusätzlich zu ihrer Leitung eine Praktikantin und ein Auszubildender beigestellt. Vertrauensbruch?
Wenn man auf seine Rechte pocht, heißt es sofort: Sie können ja gehen. Und wenn doch einmal passiert, dass ein Mitarbeiter nach 24 Stunden Dauerstress zusammenbricht, wird ihm nahegelegt, er solle angeben, er habe nichts gegessen und darum der körperliche Zerfall. Macht er es, bekommt er von der Geschäftsleitung einen Blumenstrauß und acht Wochen später die Kündigung. Wegen Arbeitsmangel. Und dann werden 20 neue Mitarbeiter eingestellt. 10 werden behalten, und der Nahkampf kann aufs Neue beginnen. Nervenzusammenbrüche sind dabei sehr oft der Fall. Und solltest du krank werden, gibt es Kopfschütteln. Vertrauensbruch? Wehe, man meldet es der Gewerkschaft oder geht vor das Arbeitsgericht.
Dies sind nur zwei, mir aus meinem Umfeld bekannte Fälle. Zum Verständnis: Ich bin selbständig, arbeite 55 bis 70 Stunden pro Woche und mache mir den Druck selbst. Der Arbeitnehmer aber ist ihm hilflos ausgeliefert.“

Ein Leserbrief aus Nürnberg: „Trotz der gegenwärtigen Krise unseres Wirtschaftssystems, scheinen sich viele nicht von dem Glauben an die leistungsfördernde Wirkung materieller Anreize lösen zu können. Dabei sollte heute klar sein, dass die meisten Menschen nicht mehr in Armut leben und für einen bescheidenen Lohn im Akkord arbeiten, also durch Geldanreize zu motivieren sind; bei steigendem Wohlstand schwindet die leistungsförderliche Wirkung solcher Stimuli. Vielmehr zeigt doch für den, der ein wenig tiefer nachbohrt, gerade die derzeitige Krise, dass materielle Anreize nicht nur jede Eigenmotivation und damit die Bereitschaft zu wirklicher Anstrengung zerstören, sondern zugleich die Menschen moralisch korrumpieren, indem sie an eher niedere, sprich materiell-egoistische Interessen appellieren. Das zeigt sich in der Arbeitswelt der modernen Unternehmen, deren herausragendes Merkmal eine kafkaeske Kultur der Unehrlichkeit ist, genauso wie im größeren Rahmen der Weltwirtschaft insgesamt.
Dennoch besteht Anlass zur Hoffnung. Zwar mag die Schädlichkeit von Leistungsboni und Steuersenkungen Manager und Politiker allein nicht zur Einsicht zu bringen, doch werden uns die gegenwärtige Finanznot und die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen zum Umdenken zwingen. Wir können uns aber schon jetzt überlegen, wie wir die Menschen auf andere Weise motivieren, etwas für unsere Gesellschaft zu leisten. Ein ganz wichtiger Aspekt dabei ist das Vertrauen darauf, in einer gerechten Gesellschaft zu leben, in der jeder geachtet wird und in Notlagen echte Hilfe bekommt, ohne entwürdigt zu werden. Dann verschwindet auch die Angst vor dem sozialen Abstieg, die dann nicht mehr mit kurzsichtigem Geldscheffeln verdrängt werden muss.“

Ein Leserbrief aus Wolfsburg: „Jetzt wurde die Katze aus dem Sack gelassen. In Afghanistan gibt es riesige Rohstoffvorräte an Eisen, Kupfer und Gold im Billionen-Dollar-Wert. Außerdem das für die Computer- und Handyindustrie wichtige Lithium. Sicher war auch unser ehemaliger Bundespräsident Köhler drüber informiert, als er von wirtschaftlichen und strategischen Interessen in Afghanistan sprach. Wer glaubt da noch, dass die Soldaten zum Brunnenbau und ähnlichen sozialen Projekten nach Afghanistan geschickt werden?“

Ein Leserbrief aus Lorsch: „Wenn Christian Wulff der moralisch integre Politiker ist, als der er uns von Schwarz-Gelb präsentiert wird, dann sollte er jetzt seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten zurückziehen. Damit die Liberalen ihm in der Bundesversammlung ihre Stimmen nicht verweigern, wird ein Sparpaket nach dem Geschmack Westerwelles geschnürt, das den Staatshaushalt auf Kosten derer saniert, die ohnehin schon wenig haben, und den Wohlhabenden – im FDP-Deutsch: den Leistungsträgern – keinen einzigen Euro abfordert. Eine Bundespräsidentenwahl wird zum Anlass, dass die Schere von Arm und Reich noch weiter auseinandergeht. Christian Wulff sollte sich für dieses Spiel zu schade sein. Unter diesen Umständen kann er das Amt nicht als Präsident aller Deutschen, sondern nur als Präsident der Gutverdienenden antreten.“

Ein Leserbrief aus Bonn: „Angela Merkel hat sich in der Parteipolitik festgefahren. Sie hat die Chance auf einen parteiübergreifenden Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten schlicht und einfach verpasst. Um aus diesem Dilemma, das die Demokratie belastet, herauszukommen, fordere ich Christian Wulff, den Kandidaten von CDU, CSU und FDP, auf, zugunsten von Joachim Gauck auf seine Kandidatur zu verzichten. Das würde von der großen Mehrheit der Menschen mit Respekt gewertet. Der Beifall der Massen wäre ihm sicher. Und Deutschland bekäme mit Joachim Gauck einen hervorragenden Bundespräsidenten ohne parteipolitische Präferenz. Ob und inwiefern Merkel bei dieser Sache Schaden nimmt, ist mir egal. Sie hat sich geistig und politisch selbst blockiert und trägt hierfür die alleinige Verantwortung.“

Ein Leserbrief aus Stuttgart: „Als ich die Nachricht von Horst Köhlers Rücktritt hörte, war ich begeistert! Der Bundespräsident bringt damit all das zum Ausdruck, was zahllose Bürger in diesem Land empfinden: Überdruss, Ärger und Resignation. Horst Köhler hat – anders als wir Steuerzahler, Bankenopfer und Dauerkrisengebeutelte einer verfehlten Klassen- und Lobbypolitik – jedoch die Möglichkeit, dies auch zum Ausdruck zu bringen. Und zwar so, dass es trifft! Er ist damit tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes zum obersten Repräsentanten der Mehrheit der Bürger geworden, die längst resignierend >zurückgetreten< sind von dem Gedanken, irgendetwas bewegen zu können.“

Ein Leserbrief aus Kleinmachnow: „Die Parkzone ist eine Maßnahme zum Abzocken des kleinen Mannes. Sie füllt die Kassen des Bezirks auf. Das Problem wird nun in die angrenzenden, nicht bewirtschafteten Zonen Prenzlauer Berg und Pankow verlagert. Man sollte sich vor Augen führen, dass die Anwohner auch alle mal Besuch bekommen. Dies >vergeht< einem im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist doch nicht zu erwarten, dass alle mit dem Fahrrad anreisen. Und die kleinen Handwerksfirmen klagen über hohe Zusatzkosten. Es bleibt die Hoffnung, dass sich wieder eine Gegenbewegung organisiert und ein Bürgerbegehren durchsetzt.“

Ein Leserbrief aus Meerbusch: „Die deutsche Bevölkerung ist seit langem und zunehmend mehrheitlich gegen den Krieg, aber die Volksvertreter scheren sich nicht darum. Das ist es, was die Bürger demotiviert. Und nicht nur bei der Frage nach Krieg und Frieden. >Die da oben< machen Politik gegen den Willen und die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung. Das ist die allgemeine Wahrnehmung. SPD und Grüne sind nicht in der Opposition angekommen. Die SPD sitzt nach wie vor im Kriegsboot. Eine grundsätzliche Wende ihrer Politik ist noch nicht erkennbar. Innerhalb der SPD hält der größte Teil am Krieg aus Überzeugung fest. Bei den Grünen ist schon ein stärkeres Nachdenken erkennbar. Der Krieg nach außen findet seine Entsprechung in Sozialabbau und Repression im Inneren. Binnen nur eines Jahres sind die Kosten für den deutschen Afghanistan-Einsatz um rund 85 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro gestiegen. Deutschland hat 2009 insgesamt 688 Millionen Euro für den Militäreinsatz in Afghanistan ausgegeben, 2010 soll es über eine Milliarde sein. Der deutsche Rüstungshaushalt wächst von Jahr zu Jahr. Zugleich wird im Sozialbereich ohne Unterlass gekürzt.“

Der Kollege A. kommt am Telefon nicht von sich aus drauf, sondern plaudert hierhin und dorthin, die Schulter vor allem, dass sie sich nach der Operation glänzend erhole. Ich muss erst fragen: „Und? Wie ist es gelaufen?“
Ja, sagt der Kollege A. kühl, ab Anfang nächsten Jahres werde ich als Ressortchef geführt.
Glückwunsch!
Ja, anscheinend war das beim Intendanten durchzusetzen bei weitem weniger schwierig, als Thalmayr immer behauptete. Keineswegs sei er, der Kollege A., für den Intendanten eine Unperson.
„Sie dürfen nie vergessen, wie stark Sie Thalmayr depotenzieren. Sie machen sein Programm.“
Ja. Seltsamerweise könne er sich noch gar nicht richtig freuen. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, vielmehr mit der festen und eindeutigen Ablehnung des Antrags. Als wäre, ihn zu stellen, schon eine ungeheuerliche Anmaßung gewesen.

Ein Leserbrief aus Bad Krozingen: „Es ist eine schöne Illusion, dass man mit Verhandlungen alle Probleme lösen könne, besonders in einer Region wie Afghanistan, wo Fundamentalismus, Korruption und die Macht der Stammesfürsten und Clan-Ältesten das Land regieren. Wie sollen denn Verhandlungen mit den Taliban aussehen? Glauben die politisch und militärisch Verantwortlichen denn wirklich, diese extremen Terroristen wären in irgend einer Weise kompromissbereit? Die ganze Sache würde doch nur auf ein Nachgeben der Nato-Staaten hinauslaufen und damit die Frage aufwerfen, warum man den Krieg in diesem unglücklichen Land überhaupt geführt hat. Die Rechte der Bürger (besonders der Frauen und Mädchen) und die Demokratie werden geopfert, damit >endlich Ruhe ist

„Wenn ich nicht Ihnen“, so der Kollege A. am Telefon, „und der Therapeutin versprochen hätte, dass ich was unternehme, hätte ich hingeschmissen.“
Als er Thalmayr erklärte, dass er noch einmal beim Intendanten intervenieren müsse wegen der Stelle als Ressortchef, schrie Thalmayr eine halbe Stunde lang: Wie der Kollege A. auf diese absurde Idee komme, er befinde sich mit ihm, Thalmayr, auf demselben Niveau? (Immer wieder in den letzten Jahren hatte er ihn ermutigt, als Ressortchef zu kandidieren…)
Da schrie der Kollege A. gründlich zurück.
Aber wie es bei Thalmayr so geht: Er hielt plötzlich inne und erklärte ruhig, er habe sich die Angelegenheit auch noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Er werde den Intendanten nicht mündlich bearbeiten, sondern ihm einen Brief schreiben.
Das tat er dann. Und der Brief wurde eine richtige Liebeserklärung an den Kollegen A.. Wie unverzichtbar er sei; dass er praktisch all die Jahre bereits informell den Ressortchef gemacht habe und dass es deshalb an der Zeit sei, ihn formell als einen solchen zu installieren.
„Ich habe natürlich keine Ahnung, wie der Intendant reagiert.“

Ein Leserbrief aus Wien: „Wenn es der >Wirtschaft< (Aktionären und Managern) gut geht, geht es allen gut. Diesen neoliberalen Propagandaspruch haben alle noch im Ohr. Doch seit in der Krise für die Banken Rettungspakete und für die Armen Sparpakete geschnürt wurden, ist der Glaube an die allgemeine Wohltätigkeit der freien Marktkräfte geschwunden. Den Aktionären und Managern geht es wieder gut, und die anderen müssen eben noch auf die Erholung warten. Der Sozialstaat ist >nicht leistbar<.
Griechenland ist jetzt in eine Situation geraten, die an Lehman Brothers erinnert. Für die Verantwortlichen der EU, deren Banken an den hoch verzinsten griechischen Staatsanleihen gut verdienen, ist klar, dass die Griechen über ihre Verhältnisse leben und deshalb entmündigt werden müssen. Position und Chancen der Deutschen in der Exportweltmeisterschaft dürfen nach Griechenland keinesfalls beeinträchtigt werden. Die Rettung Griechenlands muss bis zu einem für die Exportweltmeisterschaft opportunen Zeitpunkt warten.
Bis zum Eintritt der Hilfsbereitschaft Deutschlands haben griechische Arbeiter, Bauern und Angestellte über 50 Milliarden frisches Geld aufzutreiben und die amerikanischen Hedgefonds in Schach zu halten, die mit Finanzwerten in zweistelliger Milliardenhöhe gegen den Euro spekulieren. Die Souveränität Griechenlands wurde schon beschränkt, die dort erfundene Demokratie wird suspendiert oder abgeschafft.“

Ein Leserbrief aus Berlin: „Meine ehemalige Nachbarin in der Winsstraße versorgte sich bis Ende 2009 tapfer in ihrer kleinen Wohnung selbst – obwohl sie diesen Monat 91 Jahre alt wird, fast blind ist und zum Gehen einen Rollator braucht. Glücklicherweise war sie immer kontaktfreudig und nett – jetzt danken ihr das selbst neu zugezogenen Nachbarn mit Besorgungen. Neulich fragte ich telefonisch an, ob ich sie mal zum Kaffee besuchen dürfe und was unterwegs für sie einholen könne. Sie antwortete: >Nee, ich brauche nüscht, und ick will auch nur noch auf meinem Sofa liejen und anne Wand gucken.< Alle ihre älteren Bekannten und Freunde sind wie sie mittlerweile zweieinhalb Monate nicht aus dem Haus gekommen. Denkt niemand an die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Art Hausarrest? Eine 70-jährige Freundin in der Prenzlauer Promenade, die es nicht mehr aushielt und selbst einkaufen wollte, liegt zur Strafe mit Gehirnerschütterung und schweren Prellungen flach, ihre Nachbarin mit gebrochenem Bein.
Liege ich falsch, wenn ich meine, der oberste Vertreter der Regierung einer Stadt habe mit dieser Regierung für das Wohl der Bürger, die sie wählten, zu sorgen, also eine Art Fürsorgepflicht?“

Ein Leserbrief aus Bremen: „Einige Aspekte fallen bei der öffentlichen Diskussion des Themas Hartz IV meist unter den Tisch. Zum Beispiel wird selten erwähnt, dass für Bezieher von Hartz IV im Gegensatz zu ihren Kritikern oft nur schlecht bezahlte, dreckige, langweilige, wenig anerkannte und körperlich belastende Arbeiten zur Verfügung stehen, wenn das überhaupt der Fall ist. Doch selbst für die, die vielleicht auf Grund ihrer Sozialisation und Ausbildung auch einen gut bezahlten, körperlich nicht allzu belastenden, interessanten und angesehenen Job finden könnten, bleibt die Tatsache der >entfremdeten Arbeit< mit all ihren Demütigungen und – zum Teil krank machenden – Belastungen. Trifft die Schuld dabei nicht die, die sich weigern, Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu schaffen oder zumindest anzuvisieren, bei denen die freie Berufswahl nicht nur auf dem Papier steht und in der die Arbeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gerecht verteilt ist und deshalb gleich anerkannt und bezahlt wird? Wenn es jedoch in einer sogenannten Demokratie, der das Grundgesetz sogar das Attribut >sozial< verordnet hat, unmöglich ist, eine humane und gerechte Arbeitswelt zu schaffen, ist es dann nicht auch legitim, sich einer unzumutbaren Arbeit zu entziehen und sich von einer solchen Gesellschaft alimentieren zu lassen?“

Ein Leserbrief aus Erfurt: „Die Industrieländer, die über Jahrzehnte die Erde geplündert, die Natur zerstört und die armen Länder ausgenutzt haben, stehen in der Pflicht, einen Teil des dadurch geschaffenen Reichtums zurückzugeben. Diese Zusage fällt ihnen aber nicht leicht. Denn sie sind hoch verschuldet und würden mit angemessenen finanziellen Zusagen die Verschuldung weiter in die Höhe treiben. Das ist besonders schlimm, wenn unsinnige Steuergeschenke die Staatskasse zusätzlich belasten. Die hiesige Hotelbranche ist unserer Regierung wichtiger als der Wasserstand in Tuvalu. Wo sind die Gewinne der Jahrzehnte des fetten Wachstums geblieben, die durch die Übernutzung aller greifbaren Ressourcen erst möglich waren? Der >Staat< hat davon nichts auf seinem Konto, sonst könnte er die Wiedergutmachung problemlos leisten. Er hat dagegen zugelassen, dass die Gewinne auf privaten Konten gelandet sind. Die Senkung des Spitzensteuersatzes, die Abschaffung der Vermögenssteuer und Erleichterungen bei der Erbschaftssteuer verschärften diese Entwicklung noch. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Erde. Da müsste es in Kopenhagen ganz anders auftreten können. Wann endlich begreift die Politik, dass wir ein Verteilungsproblem haben.“

Doris Nikol ist einige Zentimeter größer als ich. Freilich sind wir gleichaltrig – wenn sie nicht ein paar Jahre jünger ist. Doch erscheint sie mir zuweilen in einer überwältigenden Monumentalität – die sich aus ihrer Rolle als Textchefin herleitet – sowie der meinen hier. Während sie sich, wie sie mal erzählt hat, immer noch danach sehnt, ein kleines zartes Mädchen zu sein, auf das alle liebreich herabblicken.

Ein Leserbrief aus Waidmannslust: „Was fehlt, ist die Sicht auf die Menschen. Wenn die Begegnung mit Armut in unserem Land sich auf ein Weihnachtsgansessen der Stadtmission beschränkt, so empfehle ich den täglichen Verkehr mit der U-Bahn und den offenen Blick auf Kleidung, Gesundheitszustand und die Augen vieler derer, die dort unterwegs sind, gerade auch der Kinder. Und ich meine Menschen, von denen viele hart arbeiten, arbeiten wollen oder zu arbeiten versuchen. Geldnot, aber auch andere, schlimmere Arten von Armut, entsteht, weil Arbeit oft zu schlecht bezahlt wird.“

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Damals unternahm die Redaktion einen Betriebsausflug nach Kassel. Deutlich erkennt man die Hierarchie.

Auch Maria Menthen hat nichts zu tun, und sie blättert in einer Illustrierten. Als ich vorbeikomme, auf dem Weg zum Klo, amüsiert sie sich über eine Ratgeber-Rubrik: Eine Frau leidet unter Zwangsideen, was sie dagegen tun soll? Immer wieder muss sie nachschauen, ob das Gas abgestellt ist. Dann sieht sie sich einer Schokoladenreklame gegenüber: „Die möchte ich jetzt essen.“ Später gehe ich in eine Konditorei, kaufe 200 Gramm Konfekt und esse es in einem Zug auf.

Ein Leserbrief aus Ennepetal: „Wir gehören mit unserem Familieneinkommen zu den vielbeschworenen Mittelschichten. Wir zahlen dann gern unsere Steuern, und Abgaben, wenn unserer Meinung nach sinnvolle Dinge damit angestellt werden. Das zu entscheiden obliegt unserer Regierung, die speziell uns jetzt gerade nicht vertritt, da wir keine der Regierungsparteien gewählt haben. Als aufrechte Demokraten akzeptieren wir aber das Votum >der Wählerin/des Wählers<. Was wir niemals akzeptieren werden sind MitbürgerInnen, die weder angemessen Steuern noch Sozialabgaben bezahlen, obwohl sie zur Einkommenselite unseres Landes gehören. Sollte eine Bundesregierung annähernd unsere Vorstellungen von einem gerechten Steuer- und Abgabensystem durchsetzen, würden diese >Bürger< wahrscheinlich mit ihrem Geld unser Land verlassen. Ich hoffe und glaube: Niemand wird sie vermissen!“

Ein Leserbrief aus Westerheim: „Die Reaktion von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle auf die Kritik der fünf Wirtschaftsweisen mit den Worten >Ratschläge von Professoren können das Nachdenken der Politiker nicht ersetzen. Darum sind sie ja auch nur Berater und keine Entscheider“ ist eine maßlose Respektlosigkeit gegenüber dem geballten Sachverstand ökonomischer Experten und zeigt einmal mehr wieder deutlich die Arroganz unserer Politiker. Dabei ist die Kritik doch mehr als berechtigt, zumal die angeprangerten auf Pump finanzierten Steuersenkungsversprechen der Regierung ohne solide Gegenfinanzierung in höchstem Maße unseriös sind und deshalb auch nicht auf diese unverschämte Art und Weise ignoriert werden können. Offensichtlich vertragen unsere Politiker keine Wahrheit, und vielleicht werden die fünf Wirtschaftsweisen wegen dieser begründeten Kritik demnächst auch nach Brüssel entsorgt.

Generell stellt sich dann auch die Frage, warum diese hochkarätigen Experten von der Bundesregierung überhaupt bestellt und vom Steuerzahler bezahlt werden, wenn sie nur das sagen dürfen, was unsere Politiker gerne hören wollen. Ist es dann noch ein Wunder, wenn die Politikverdrossenheit ständig zunimmt und sich immer mehr Bürger von der Politik abwenden?“

Die berühmte Amerikanerin ist eingeflogen worden mit ihrem Text über die reichen Juden in der BRD. Das Manuskript wird halbiert, M. redigiert die erste, ich die zweite Partie, während die Amerikanerin mit dem Chef und Frau K. in deren Zimmer sitzt und plaudert. Einmal komme ich herein und stelle zwei Fragen, die sie unter Entschuldigungen, es schlecht formuliert zu haben, beantwortet. Der Chef und Frau K. hören zu, ohne einzugreifen. Es ist nicht nur so, dass M. und ich jetzt die dienstbaren Geister sind, unter dem Druck des Redaktionsschlusses werden wir auch zu den einzigen befördert, die richtige Arbeit haben.

M. pflegt, wie mir erst heute auffiel, die Toilette im oberen Stockwerk zu benutzen. Ich denke: damit Maria Menthen, die Sekretärin, ihn nicht hört, denn unten steht ihr Schreibtisch direkt daneben; während oben die Toilette durch verschiedene Räume von den Büros – Doris Nikol und der Fotoredakteur – getrennt ist. M. besucht das Klo sehr viel seltener als ich. Weder trinkt er durchgehend Kaffee oder Wasser oder gar Bier; noch scheint er regelmäßig an den Händen zu schwitzen, was bei mir häufiges Waschen erfordert.

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Maria Menthen

Der alte Mann sitzt in seinem Sessel vor dem Fernseher. Er hat Kopfhörer auf, weshalb das Gerät ohne Ton zu laufen scheint – bis zu sieben Stunden täglich, klagt seine Frau, verbringt er so. Mittels der Fernbedienung wechselt er ab und zu die Programme: so möchte er einen Bericht der Tagesschau über Krankenhäuser nicht sehen. Ich brauche ihn nicht zu überzeugen, dass Nur die Sonne war Zeuge besser sein wird als eine Casting-Show: Er merkt es gleich selbst. Allerdings lässt seine Aufmerksamkeit oft nach; er schließt dann die Augen und scheint zu schlafen, und sein altes Gesicht schaut dann schon so aus wie das eines Toten. Doch hat er den Kopfhörer dabei nicht abgenommen; die anhaltenden Tonfolgen des Dialogs, auch die Filmmusik werden ihm guttun, denke ich, so wie ein Kind besser einschläft, wenn es im Nebenzimmer die Eltern plaudern hört, die es gebeten hatte, sie möchten die Tür einen Spalt offen lassen. Der Fernseher ist für den alten Mann die Tür zum Leben, aus dem er sich langsam zurückzieht. Unterdessen sitzt sein Sohn mit seiner Mutter in der Essecke vor der Küche. Sie schneidet Stoff zu, und die beiden räsonnieren, wie man hört, ununterbrochen.

Ein Leserbrief von Sascha Pörzgen: „Die Verwendung des Gewaltbegriffs passt mir nicht. Es ist nicht eine Suppe, ob ein paar Jungnationale versuchen, einen Studenten mit Tritten auf den Hinterkopf zu töten, oder ob ein paar Frustrierte ein Auto anzünden. Ich würde mich freuen, wenn fortan im Zusammenhang mit Sachbeschädigungen der Terminus >linke Gewalttäter< vermieden und stattdessen besser von Randalierern gesprochen wird. Was geistert da für ein Bild des linken Gewalttäters durch die mediale Welt? Sind die Kommunisten in den Kübelwagen, die sich in der Weimarer Republik erbitterte Straßenkämpfe mit den Nazis geliefert haben, kaum auseinanderzuhalten? Oder ist’s der >schwarze Block<, der in den 80er-Jahren mit Hasskappen und in Schwarz Militanz zelebrierte, rein optisch so wie heute der nationale Widerstand? Alles das gleiche, pöbelt die CSU, die muss es ja wissen. Mit den AbiturientInnen und Studierenden, die sich in den deutschen Antifas organisieren und den Naziläden und -kneipen Scheiben einwerfen, hat es nicht viel gemeinsam. Die müssen die Vermächtnissuppe auslöffeln und sich trotz ihres Kampfs für demokratische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Mitbestimmung den Extremistenschuh anziehen lassen. Dass Innenminister und Senatoren von dem ihrem Amt immanenten Totalitarismus immer wieder beherrscht werden, ist ein interessantes Phänomen. Der Applaus kommt aus der entsprechenden Ecke: Verfassungsschutz und Polizei, Organe, die selbst oft genug in der Kritik stehen, die Idee des Rechtsstaates nicht ganz verinnerlicht zu haben.“

Ich hatte es ganz vergessen. Am Vormittag kommt ein Konstantin Quast mich besuchen. Er meldete sich seinerzeit unter Berufung auf das Berliner Büro an, und wir hatten den Termin vereinbart. „Ich bin“, sagt er, „ganz verblüfft, dass ich überhaupt bis zu Ihnen vordringe.“ Das heißt, er hatte eine durchaus phantastische Vorstellung von der Hierarchie, in die er eindringen will.

Als er nachts durch dieses Sträßchen zurück zum Hotel ging, erzählt er ihr am Telefon, kamen ihm zwei Männer entgegen, um die 40, selbstvergessen disputierend. „Es ist eindeutig“, habe er den einen, während er sich merkwürdig gegen den anderen krümmte, sagen hören, „dass es in der Bibel keinen einzigen weiblichen Engel gibt.“ Dort oben, spottet sie, sind Frauen nicht bloß unten – es gibt sie gar nicht. Das ist bäuerliches Denken, sagt er herablassend, das hält sich zäh in der kleinen Stadt.

Ein Leserbrief aus Doberlug-Kirchhain: Sehr geehrte Damen und Herren, in ihrem Artikel schreiben sie, wie der DDR-Flüchtling Richter in seinem Vortrag vor Schülern behauptete, seine Frau sei „von oben angeordnet“ vergewaltigt worden. Leider herrscht immer noch eine gewisse Narrenfreiheit, wenn es darum geht, mit irgendwelchen Behauptungen die DDR noch schlechter zu machen, als sie tatsächlich war. So wurde, um die Staatsicherheit als „Mörderbande“ titulieren zu können, immer wieder behauptet, es habe zur Ausschaltung von Oppositionellen Mordaufträge gegeben. Wenn ich die Medien richtig verfolgt habe, hat es dafür bis heute keinen einzigen juristisch gesicherten Fall gegeben. Man hatte 20 Jahre Zeit, einen solchen aufzuspüren und sollte doch endlich froh sein, dass es offensichtlich so etwas nicht gegeben hat. Wie leicht hätte der Stasi-Apparat, was die Ausstattung angeht, morden können, wenn er es nur gewollt hätte. Dass auch rund um 1989 kein einziger Schuss gefallen ist(denkwürdig, in einer „Revolution“!) kann als Anhaltspunkt dafür gelten, dass es eine klare Grenze der Gewaltanwendung gab. Die bedauernswerten Toten an der Grenze sind ein anderes Thema, denn dieser Schusswaffengebrauch richtete sich nicht gegen ein bestimmtes, unliebsames Indivuum, sondern gegen jeden, der sich in den Grenzbereich begab. Ich finde es bedauerlich, dass sie dem Herrn Richter Narrenfreiheit gelassen und auf einen kritischen Kommentar verzichtet haben. Von Vergewaltigungsaufträgen der Stasi weiß ich nichts, Sie vermutlich auch nicht. Und das ist doch eine spektakuläre Novität! MfG Erwin Roppel

Der Star der Konferenz, erzählt er ihr abschätzig am Telefon, trug schwarzen Anzug und weißes Hemd ohne Schlips; Dreitagebart, randlose Brille, geschorener Kopf. Aber das sieht wirklich gut aus! sagt sie. – Ich muss da leider passen, sagt er, und sie widerspricht nicht. Und stimmt nicht zu.

Wenn er von der Reise zurückkehrt, ist sie verstimmt und zeigt es ihm deutlich. Als wäre seine Abwesenheit eine Wohltat gewesen – als könne sie ihre Freiheit erst genießen, wenn er verschwände. In Wahrheit hat sie ihm schwer verübelt, dass er ohne sie abgefahren ist, und trägt es ihm jetzt nach, wo er wieder da ist. Das erkennt er genau, weil es bei ihm ebenso läuft, wenn sie auf Dienstreise ist.

Ein Leserbrief von Manfred Mocker: „Immer wieder fragt man sich, durch welche Leistungen zeichnen sich eigentlich die großen Verdiener in den Unternehmensvorständen aus? Sicher arbeiten sie fleißig und haben irgendetwas gelernt, und sicher müssen sie Entscheidungen treffen, die weitreichende Wirkungen haben. Dazu stehen ihnen ja aber auch Fachleute und Spezialisten zur Seite, deren Wissen sie nutzen können. Folgt man den Berichten, so merkt man schnell, dass es darum gar nicht geht. Nein, es geht um die Marktüblichkeit. Die Kollegen Manager aus der freien Wirtschaft können und machen auch nicht mehr, werden aber trotzdem eben so exorbitant bezahlt. Sollten wir nicht wirklich endlich Schluss machen mit diesem unerträglichen Personenkult der unersetzbaren Manager, die gewiss eine verantwortungsvolle Arbeit leisten, aber nicht anders als z.B. Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Lokomotivführer, Verkäufer und andere Facharbeiter?“

M. fragt, ob ich wisse, was der Chef gestern beim jungen Baader zustande gebracht habe? Tatsächlich hatte der junge Baader mir am Sonntag erzählt, der Chef habe ihn für Montag zum Mittagessen eingeladen. „Er wird nicht mehr ausrichten als ich“, antworte ich M. bestimmt, „der junge Baader steckt im Examen und hat keine Zeit für uns.“ Ich fühle mich enteignet.

Ein Leserbrief aus Essen: „Drei Wochen lang wurde um den Koalitionsvertrag gerungen. Das Ergebnis ist mager, aber etwas anderes war nicht zu erwarten. Wenn man die Beschlüsse liest und deren Konsequenzen zu Ende denkt, wird deutlich, dass es egal ist, wer die Wahl gewinnt und damit regieren darf. Schwarz-Gelb legt lediglich ein höheres Tempo vor bei der Entsolidarisierung der Gesellschaft als die von Schröder umgekrempelte SPD. Die Gesellschaft wird weiter gespalten in Besserverdienende und Förderungswürdige und den Rest: die Masse. Ursache dafür ist sicher, dass die Menschen, die wir zu unserer Vertretung wählen, Hartz IV nur aus ihren eigenen Reden und Beschlüssen kennen. Unsere Politiker haben sich an ihren gehobenen Status gewöhnt. Sichere Pension, gutes Einkommen. Klar fehlt da die kritische Distanz, die nötig ist, um zu begreifen, dass die Allmacht des Marktes keine Wunden heilt, sondern immer mehr Menschen mit Wunden zurücklässt. So lange Politik ein Beruf ist, der die, die ihn ausüben, vor ihrem eigenen Tun sicher schützt, so lange bleibt soziale Verantwortung in der Politik nur eine Nebensache für Idealisten.“

Ein Leserbrief aus Oberursel: „Der Schulterschluss zwischen Vatikan und maßgeblichen Vertretern eines radikalen Islam beleuchtet erneut die Frage, wie neutral unser Staatswesen tatsächlich im Verhältnis zu institutionellen Religionen ist. Aus der geschichtlichen Erfahrung, zu welchen Verbrechen organisierte Glaubensbekenntnisse imstande sind, sobald sie über weltliche Macht direkt verfügen oder in ihr Komplizen finden, haben aufgeklärte Verfassungen gut daran getan, ihnen den Zugriff auf den freien Menschen zu verwehren. Niemand, und das zeichnet die moderne Demokratie aus, stellt das Recht auf Glaubensfreiheit und die Ausübung von Riten in Frage, solange sie im öffentlichen Raum das bleiben, was religiöser Glaube seinem Wesen nach ist: die individuelle Annahme einer übernatürlichen Existenz. Historisch lässt sich argumentieren: Über alle Jahrhunderte und alle Gesellschaften hinweg war der jeweilige Glaube als Teil des Gemeinwesens kollektiver Konsens. Der Aufklärung indes danken wir die Beschneidung dieser unkontrollierten Macht, deren Renaissance nun durch Leute wie Ratzinger und durch die schleichende Ausbreitung des Islam droht. Im öffentlichen Raum haben Religionen ihren platz verloren. Wer sich einem Glauben verpflichtet fühlt, möge dies im privaten Bereich praktizieren. Eine dringliche Aufgabe ist, den Laizismus endlich konstitutionell und konsequent abzusichern und den vordergründigen, letztlich ins Leere laufenden Vorwurf zu widerlegen, Laizismus behindere Glaubensfreiheit. Jedem ist diese gewährt. Sie kann in einer pluralistischen Gesellschaft aber nicht das Recht reklamieren, Andersdenkende zu dominieren. In einer demokratischen Verfassung hat niemand das Recht, mit nur individuell geprägten Überzeugungen das öffentliche Leben zu beherrschen. Kruzifixe haben in Einrichtungen des Gemeinwesens ebenso wenig Platz wie muslimische Gebetsräume in öffentlichen Schulen.“

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Doris Nikol.

Schließlich muss einmal festgehalten werden, dass der Chef, der sich die Haare schwarz färbt, der sich sehr sorgfältig kleidet – „ein richtiger Stenz“, wie Doris Nikol bemerkte, nachdem sie ihn zufällig auf der Straße getroffen hatte – , schließlich muss einmal festgehalten werden, dass dieser Chef sehr wenig Sorgfalt auf seine Fingernägel verwendet. Stets lässt er sie zu lang wachsen, und sie ragen hässlich über die Fingerkuppen hinaus; manchmal brechen welche ab, und er muss sie stutzen, lässt die anderen, unabgebrochenen aber stehen; viele haben Trauerrand. Heute fiel es mir wieder auf, als wir nebeneinander stehend die Stelle in einem Manuskript besprachen, auf die er den Zeigefinger gelegt hatte.

Ein Leserbrief aus Erfurt: „Im Café habe ich Ihr übliches linkes Indoktrinationsprogramm gelesen. Was ich aber dann erleben musste, ist an Unglaublichkeit und Frechheit nicht mehr zu übertreffen: in Ihrem Bericht über ein arabisches Zentrum haben Sie die dortigen vom deutschen Steuerzahler (also auch von mir) alimentierten Bediensteten zitiert, die sich alle über die ehrlichen und von den Einwohnern Deutschlands so herbeigesehnten Worte Thilo Sarazzins in herablassender, ja womöglich strafrechtlich relevanter Weise äußerten. Kein Bild der Objektivität, keine zweite Meinung, kein Gegenpol fand sich in Ihrem tendenziösen Bericht. EINE BODENLOSE FRECHHEIT! Wissen Sie nicht, dass wir nicht mehr im letzten Jahrhundert leben? Die Zeiten des ewigen Appeasement gegenüber diesen Bevölkerungsteilen sind vorbei! Wenn das so weitergeht in Ihrem Organ, kann ich nur hoffen, daß sich eine geeignete Koalition findet, die sowas verbietet! Wie konnte es nur soweit kommen? Mit freundlichen Grüßen T.S.“

„Verzeihen Sie“, sagt die elegante ältere Dame, die seit München mit im Abteil sitzt, „sind Sie Hamburger? Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht. Hamburger sind ja sehr korrekt – sie würden niemals solche Sandalen tragen.“ Er hat seinen hellen Baumwollanzug an (Boss), ein hellblaues Hemd – und Jesuslatschen, aus Lederresten, frühe siebziger Jahre. – „Verzeihen Sie“, sagt die Dame noch einmal, „ich bin einfach neugierig.“ – Und ihm fällt zum ersten Mal richtig auf, dass er Erster Klasse reist.

Ein Leserbrief aus Rosenheim: „Viele der in Berlin lebenden Migranten gehören zur sozialen Unterschicht oder neudeutsch zum >Prekariat<. Diesen Menschen muss man, wie auch den deutschen, die dieser sozialen Schicht angehören, die Möglichkeit geben, aufzusteigen. Das aber müssen sie auch wollen, und es erfordert eine gehörige Portion Anstrengung, die die Gesellschaft aber von diesen Menschen verlangen darf. Insbesondere müssen sie sich in der Sprache ihres neuen Heimatlandes ausdrücken können. Wenn allerdings die Erziehung der Kinder nicht mehr Hauptaufgabe der Familien ist, übernehmen wir das Modell der ehemaligen DDR, wo die Frauen so schnell wie möglich nach der Geburt wieder in den >Produktionsprozess< zurückkehren sollten. Dies entspricht nicht dem Familienbild der meisten Menschen im heutigen Deutschland und schon gar nicht in den feineren Regionen wie am Chiemsee. Es gibt auch Familien, die die Erziehung ihrer Kinder so wichtig nehmen, dass sie dafür auf berufliche Chancen verzichten und weitere Nachteile in Kauf nehmen. Und das bewusst zum Wohl ihrer Kinder.“

Ein Leserbrief aus Halle/Saale: „Eines ist mit dieser Wahl besiegelt: Die Brandstifter und Nutznießer dieser beispiellosen Wirtschaftskrise sind fein raus, die Party kann weitergehen. Die Chance und Notwendigkeit zu neuen Antworten zu kommen ist verspielt. Stattdessen holt die FDP die ewiggleichen gescheiterten Rezepte aus der Mottenkiste – Wachstum um jeden Preis und Deregulierung ja sowieso, denn Staat ist lästig.  Die Sackgasse wird nicht verlassen, im Gegenteil, Herr Westerwelle gibt richtig Gas, aber kein Problem, den Totalschaden bezahlen ja eh die kleinen Leute. Wie praktisch, dass von denen auch immer weniger zur Wahl gehen, nicht wahr, Frau Merkel.  Die Ursachen für die Krise sind jetzt also die Antworten auf diese Krise. Bravo Deutschland.“

Wieder klammert sie sich abends während der Arbeit an ihren Arbeitsplatz, während er immer wieder von seinem Schreibtisch aufsteht, um durch die Wohnung zu wandern; sich die Hände zu waschen; in der Küche ein Glas Wasser zu trinken; den Fernseher einzuschalten und 30 Sekunden zuzuschauen. Wieder beneidet sie ihn wegen der Freizügigkeit, mit der er sich der Arbeit widmet, während sie…  Wieder beneidet er sie um ihr Sitzfleisch.

Heute Morgen also kommt der berühmte Ezra nach München – eigentlich sollte er gestern eingetroffen sein. Aber er wollte doch sein Manuskript über die Berliner Antifa noch zu Hause fertig stellen, ein Manuskript, von dem er behauptete, es fehlten nur zwei, drei Seiten. Allerdings ist das Manuskript, das er mitbringt, zu weniger als der Hälfte fertig; er soll sich jetzt hier hinsetzen und es unter Aufsicht abschließen. Gestern hatte der Chef den größten Teil der Redaktionskonferenzen damit bestritten, dass immer wieder auf diesen Artikel zu sprechen kam; darauf zu dringen, dass in den Strukturplänen Platz für den berühmten Ezra offen bleibe. Stumme Blicke der anderen unter einander; niemand sagte was dagegen. Morgen um zehn, konnte die Chefin durchsetzen, müsse das Manuskript fertig sein.  Mir ist völlig unverständlich, wie man sich so verhalten kann; allerdings frage ich mich zugleich, ob mir da nicht was fehlt.

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Die Chefin.

Ein Leserbrief von Wolfgang Koch: „Es ist doch immer wieder das gleiche Spiel. Da sagt der neue Politstar zu Guttenberg: >Wir werden auf das eine oder andere Liebgewonnene verzichten müssen.< Er erklärt aber nicht, wen er mit >wir< meint. Meint er sich und seine Ministerkollegen sowie alle anderen Repräsentanten im Bundestag? Meint er die Vorstände, Aufsichtsräte der Banken und Konzerne, die uns diese Suppe eingebrockt haben? Wenn er diesen Personenkreis meint, wäre dies sehr zu begrüßen. Aber nein, dieser Kreis wird nicht gemeint sein, denn man kann den Eliten dieses ja nicht zumuten, da sie dann vermutlich das Weite suchen würden… Es ist der normale Steuerzahler, der sogenannte kleine Mann, der zur Bezahlung der immensen Geldbeträge herangezogen wird.“

Ein Leserbrief aus Rodenbach: „Der Zustand unserer Gesellschaft ist besorgniserregend. Da empfinden sich qualifizierte, besserverdienende Arbeitnehmer als Leistungsträger unseres Landes, die glauben, steuerliche Entlastung erfahren zu müssen, weil sie ja den größten Batzen der Steuerlast tragen. Eigentlich dachte ich bisher, dass es normal ist, wenn diejenigen mehr zahlen, die mehr als andere verdienen oder besitzen. Warum wird denn die Arbeitsleistung bestimmter Berufsgruppen hoch bezahlt und die anderer nur mäßig oder sogar schlecht? Weil die Struktur unseres Wirtschaftssystems das bedingt und weil Leistung beileibe nicht das ausschlaggebende Kriterium für die Höhe der Bezahlung ist. So erbringen beispielsweise Krankenpfleger, Altenpfleger und Erzieherinnen jeden Tag starke Leistungen, und auch sie müssen Überstunden, Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen außerhalb ihrer Arbeitszeit machen. Ganz zu schweigen von der Gruppe Arbeitnehmer, die jeden Tag körperliche Arbeit leistet und sich mit einem schmalen Salär zufrieden geben muss. All diese Arbeitnehmer werden aber nicht als Leistungsträger gesehen. Warum? Weil sie im Vergleich zu den Obgenannten wenig verdienen?

Es ist schon klar, dass die verschiedenen Tätigkeiten nicht alle gleich bezahlt werden können, aber die Unterschiede sind im Verlauf der Jahre eklatant geworden, und ob das in allen Bereichen gerechtfertigt ist, erscheint durchaus fragwürdig. Auf keinen Fall darf aber eine gesellschaftliche Anschauung installiert und toleriert werden, nach der diejenigen, die viel arbeiten und viel verdienen, Leistungsträger sind, und die anderen, die ebenfalls viel arbeiten, aber wenig verdienen, als quasi nicht relevante Masse unerwähnt bleiben.

Und auch diejenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht arbeiten können, sollten in einem Land wie der Bundesrepublik ein existenzsicherndes Einkommen haben, ohne ständig als lästiger Klotz am Bein abgewertet zu werden. Die Gruppe, die es sich auf Staatskosten bequem macht, ist ganz sicher nicht die Mehrheit.“

Mit roter Farbkreide auf einen Bauzaun im Hauptbahnhof geschrieben: „Schwarze Gedanken/ sie schwanken und schwanken“. Der war unten, sagt sie, ganz unten.

Im Park treffen sie auf den Chef, der finster und mit abgesenktem Kopf grübelnd dahinschreitet – aber als er sie erkennt, sofort sein herzliches Lächeln erblühen lässt. Er ermittle die Fortschritte der Kastanien, scherzt er, „seit ich die Frauen kenne, liebe ich die Bäume.“ Gelächter, Gelächter. Vor drei Wochen wurde seine dritte Scheidung ausgesprochen. Wortlos sind sie sich im Weitergehen einig, dass er unten ist, ganz unten.

Ein Leserbrief aus Solingen: „Die Realeinkommen der meisten Menschen sinken. Die für >die da oben< sind immens gestiegen. Menschen in Hartz IV sind unfrei. Und die Arbeit wird nicht automatisch auf alle verteilt. Die Arbeitsgesellschaft muss neu gedacht werden. Globalisierung und sogenannte Reformen sind dazu genutzt worden, den Menschen Niedrigstlöhne aufzuzwingen. Da gibt es Menschen, die hungern am Ende des Monats. Sicher, sie verhungern nicht, aber das ist weit vom Leben eines BAT-bezahlten Professors entfernt. Ohne Regulierung regieren nicht die Stärksten, sondern die Skrupellostesten. Und die sitzen durchaus auch oben in der Gesellschaft. Leistung wird als Selektionsbegriff missbraucht!“ Eine Zeitungsmeldung: „Gewisse Vornamen ihrer Schüler führen bei vielen Lehrerinnen und Lehrern zu festen Einschätzungen von deren Fähigkeiten und Verhalten, wie eine Studie der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Astrid Kaiser und Julia Kube nachweist. Knapp 2000 Grundschullehrer wurden befragt. Als eher freundlich und leistungsstark gelten den Lehrern Kinder mit Vornamen wie Charlotte, Sophie, Hannah, Alexander, Maximilian, Simon, Lukas oder Jakob. Dagegen assoziieren sie Namen wie Chantal, Mandy, Angelina, Kevin, Justin, oder Maurice mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeiten. Besonders >Kevin< gilt als typischer Vorname schwieriger Schüler; auf einem Fragebogen fand sich de Kommentar: >Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!<“

Ein Leserbrief aus Remseck: „Brutale Gewalt ist zu einer Erscheinung geworden, die nicht mehr mit den berühmten schwarzen Schafen erklärbar ist. Welche Verhaltensweisen vermitteln sich tagtäglich jungen Menschen auf den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens? Gewalt in vielen Formen steht nicht selten für Kraft, Stärke, Durchsetzungskraft und Erfolg. Oft ist sie gerade gefordert, nur wird ihr nicht das negative Vorzeichen verliehen. Hat das Thema, das nun einige Tage oder Wochen in der Diskussion sein wird, nicht auch etwas mit Solidarität untereinander, gegenseitiger Hilfe und Unterstützung zu tun? Könnte es nicht sein, dass das gesamte Sozialverhalten in der Gesellschaft seit Jahren und besonders mit der neoliberalen Ausrichtung großen Schaden genommen hat? Ein Zusammenhang besteht ganz sicher.“

Morgens bereitet er sie darauf vor, dass er abends zu dem Herrenabend – Gelächter – mit Oliver Will und anderen ins Leopold gehen werde. Sie fühlt sich zurückgesetzt, was in seinem Sinn ist. Am Nachmittag erreicht ihn per Telefon ein neuer Auftrag, und er sagt seine Teilnahme an dem Herrenabend ab, um sich gleich in das Material zu vertiefen, das ihm per Email zugeht. Sie fühlt sich noch weiter zurückgesetzt.

Eine Zeitungsmeldung: „Gewisse Vornamen ihrer Schüler führen bei vielen Lehrerinnen und Lehrern zu festen Einschätzungen von deren Fähigkeiten und Verhalten, wie eine Studie der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Astrid Kaiser und Julia Kube nachweist. Knapp 2000 Grundschullehrer wurden befragt. Als eher freundlich und leistungsstark gelten den Lehrern Kinder mit Vornamen wie Charlotte, Sophie, Hannah, Alexander, Maximilian, Simon, Lukas oder Jakob. Dagegen assoziieren sie Namen wie Chantal, Mandy, Angelina, Kevin, Justin, oder Maurice mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeiten. Besonders >Kevin< gilt als typischer Vorname schwieriger Schüler; auf einem Fragebogen fand sich de Kommentar: >Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!<“

Er werde, erzählt der Fotograf, der auf ein frühes Bier vorbeikommt, jetzt seine Berufsarbeit, das Fotografieren, einschränken. Er sei sehr glücklich, er habe gerade den Vertrag unterschrieben, als Schauspieler an einem Theater in Haidhausen, das sich in Gründung befindet – ja, er habe Sprechtraining gehabt und sei in ein paar TV-Rollen aufgetreten.

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Der Fotograf.

Seinerzeit, als ich ihn im Leopold kennenlernte, erzählte er, dass er fast fester Fotoreporter beim Stern geworden wäre. Nun also Schauspieler; auf dem Weg nach oben, zur richtigen Kultur.

Ein Leserbrief aus Falkenberg: „Noch nie war der vom Wählerwillen bestimmte Abgang eines Ministerpräsidenten so unwürdig, respektlos und fast skandalträchtig wie der von Dieter Althaus im Freistaat Thüringen. Sein Verhalten zeugt von extremer Instinktlosigkeit gegenüber seinem bisherigen Regierungsumfeld. Er hat doch mit seinem Rücktritt längst das Zepter abgegeben. Will er mit Gewalt vor die Tür gesetzt werden? Der umsichtige und zukunftsorientierte Landesvaterstil des Bernhard Vogel ist ihm völlig abhanden gekommen.“

Ein Leserbrief von Klaus Lehle: „Die Entwicklung der Verkehrsdisziplin unter Radlern gibt Anlass zu großer Sorge: Die Zunahme der schweren Unfälle unter Radlern hat nichts mit der starken Zunahme des Radverkehrs zu tun, wie die Polizei meint. Die von Ihnen genannten Beispiele (Radfahrer wechselt vom Fahren auf dem Gehweg [?] auf die Straße und stößt dort mit Radfahrer zusammen) zeigen die Rüpelhaftigkeit und Rücksichtslosigkeit einer zunehmenden Zahl von Radfahrern. Kinder können heute ohne Gefährdung gar nicht mehr auf dem Gehweg laufen, ohne in Gefahr zu geraten, dass ein Radfahrer sie umfährt. Was muss geschehen, damit hier endlich etwas geschieht?“

Frau K. erzählt von einem Trinkabend mit dem Chef, bei dem sie einander Hochstapler zu sein gestanden. Sein Lebenstriumph sei es, eine Journalistenkarriere gemacht zu haben, ohne dass irgendwer bemerkt hätte, dass er von Literatur, Politik, Gesellschaft, den Themen, über die er unablässig schrieb, keine Ahnung hatte. Merkwürdigerweise sind meine eigenen Hochstaplerängste seit langem verschwunden.

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Der Chef

Ein Leserbrief von Jochen Silex: „340 000 Euro ist in etwa der Betrag, den ein Durchschnitts-Normalsterblicher während Dreiviertel seines Lebens an Rentenversicherungsbeiträgen einzahlt, um dann das restliche Viertel-Leben mit monatlich 1 400 Euro auszukommen. Und es ist der Betrag, den Frau Merkel jährlich für Repräsentationen ausgibt, früher sagte man Partys. Wenn es denn mal wirklich ihr Geld wäre. Letztendlich ist es nämlich mein Steuergeld. Also zahle ich von meinem Durchschnittseinkommen Steuern, um das Abendessen zu Ackermanns (Jahreseinkommen zwölf Millionen) 60. zu bezahlen. Meinen letzten runden Geburtstag habe ich auch mit 30 Personen gefeiert – alles selbst bezahlt.“

Sie verabredet sich mit Kathrin für das Kino. Das ist Routine. Einmal pro Woche – manchmal pro 14 Tage – schaut sie sich mit Kathrin einen der Filme an, die neu herauskommen. Dafür lesen sie Zeitung, die Stadtillustrierte, tauschen sich aus, treffen die Wahl. Stets soll man ihn fragen, ob er mitkommen möchte. Stets hält er sich das so lange wie möglich offen. Wenn er sie begleitet, fühlt sie sich kontrolliert. Kommt er nicht mit, fühlt sie sich vernachlässigt.

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Er, sie, damals.

Sie instruiert die vietnamesische Reinemachefrau: Fensterputzen, Möbelpolitur, Reihenfolge der Zimmer beim Staubsaugen, die Suppe im Eisschrank (falls bei ihr Hunger aufkommt). Sie habe zum Saubermachen den ganzen Tag für sich, wegen ihres Ausflugs an den Ammersee. Er fühlt sich unterlegen und zurückgesetzt.

Sie geht mit Doris Nikol die neu eröffnete Kunstsammlung Brandhorst besichtigen. Sie fragt nicht, ob er sich anschließen möchte; sie geht davon aus, dass ihm das alles vollkommen schnurz ist. Er wüsste niemanden, dem er die Kränkung erklären könnte. Außer ihr.

In ein Tagebuch der Kränkungen wären zugleich die einzutragen, welche den anderen zugefügt werden. So fragte die Chefin heute Morgen nach der Konferenz M., ob er um eins zum Mittagessen mitkommen wolle? Sie fragte unsicher und ängstlich. Dass sie weder den Layouter noch mich, die wie M. herumstanden, fragte, wäre in deren Tagebücher zu schreiben. In ihres aber: dass M. prompt ablehnte. Freilich: als ich mittags zurückkam, stand sein BMW vor dem Tivoli. Er wird es sich anders überlegt haben mit der Kränkung.

Der alte Mann sitzt in seinem Sessel vor dem Fernseher. Er hat Kopfhörer auf, weshalb das Gerät ohne Ton laufen könnte – bis zu sieben Stunden täglich, klagt seine Frau, verbringt er so. Es gibt eine Fernbedienung, und er wechselt ab und zu die Programme: so möchte er einen Bericht der Tagesschau über Krankenhäuser nicht sehen. Ich brauche ihn nicht zu überzeugen, dass Nur die Sonne war Zeuge besser sein wird als eine Schlager-Show: Er merkt es gleich selbst. Allerdings lässt seine Aufmerksamkeit oft nach; er schließt dann die Augen und scheint zu schlafen, und sein altes Gesicht schaut dann schon so aus wie das eines Toten. Doch hat er den Kopfhörer dabei nicht abgenommen; die anhaltenden Tonfolgen des Dialogs, auch die Filmmusik werden ihm guttun, denke ich, so wie ein Kind besser einschläft, wenn es im Nebenzimmer die Eltern plaudern hört, die es gebeten hatte, sie möchten die Tür einen Spalt offen lassen. Der Fernseher ist für den alten Mann die Tür zum Leben, aus dem er sich langsam zurückzieht. Unterdessen sitzt seine Tochter mit ihrer Mutter in der Essecke vor der Küche. Sie schneiden Stoff zu und räsonnieren, wie man hört, ununterbrochen.

Ein Leserbrief von Margarete Braumann: „Als verbeamtete Lehrerin, die seit 30 Jahren in Berlin unterrichtet, finde ich bestätigt, was jeder längst ahnte: Mit uns glaubt man, es machen zu können. Klaglos haben wir in den letzten Jahren die Erhöhung des Stundendeputats, die Vergrößerung von Klassen, die Mehrarbeit durch neue Prüfungsformate hingenommen, ohne dafür bezahlt zu werden. Wir haben die Streichung des Urlaubsgeldes und Kürzung des Weihnachtsgeldes geduldet, können unsere Arbeitszimmer nicht mehr steuerlich geltend machen und sehen einem Abiturdoppeljahrgang und der Zusammenlegung verschiedener Schulformen entgegen, wodurch unsere weitere ungeheure Mehrbelastungen abgefordert werden. Die Materialien für den Unterricht und die Fortbildungsveranstaltungen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sind genauso teuer geworden wie Mieten und Energie. Die Inflation macht auch um uns keinen Bogen. Und nach all diesen Opfern für den Landeshaushalt sollen wir mal wieder leer ausgehen. Kann man aber von hoch qualifizierten Kräften immer weiter Höchstleistungen in einem schwierigen pädagogischen Umfeld für Gehälter erwarten, die bis zu 1500 Euro unter denen in anderen Bundesländern liegen Gehalt ist eine gesellschaftliche Form der Anerkennung und Wertschätzung. Wer die langfristig nicht erhält, kann nur unmotiviert sein.“

Irgendwo zwischen Fulda und Würzburg winkt uns ein Polizist auf die äußerste linke Fahrbahn: die beiden anderen sind, wie sich gleich zeigt, gesperrt. Mehrere Autos, auch welche vom ADAC, ein Hubschrauber, dann der Unfallwagen. Er liegt auf dem Dach, das bis auf die Höhe der Sitze eingedrückt ist. Kathrin schaut weg; ich sehe einen Mann auf einer Bahre, um den weißgekleidete Helfer knien. Er liegt auf der Seite, viele kleine Wunden im Gesicht. Er scheint ununterbrochen zu reden.

Ein Leserbrief aus Berlin: „Es war wieder 20. Juli, und das deutsche Militär feierte sich einmal mehr selbst. Inzwischen hat sich dieses Datum ja schon fast zu einem heimlichen Nationalfeiertag gemausert. Geehrt werden die, die einst einen Eid auf die Diktatur geleistet haben – oh wie löblich! Angesichts eigenen Bedeutungsverlusts sollte der Tyrann ermordet werden und die Macht ihnen, den Militärs, zufallen – oh wie demokratisch! In Anerkennung und in der Tradition dessen marschierten also wieder Rekruten auf dem Platz der Republik auf. >In der Mitte der Gesellschaft<, wie Sie schreibe. Eine Farce angesichts dessen, dass die Gesellschaft weiträumig ausgesperrt wurde (zu Kosten von über einer Million Euro!). Vom Ort des Geschehens ferngehalten wurden die, die ihr demokratisches Recht wahrnehmen und eine gegensätzliche Meinung äußern wollten. Natürlich, die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee und als solche – zumindest pro forma – dem Willen des Volkes unterworfen. Dass aber diese Ordnung offenbar keine Rolle mehr spielt, zeigte die gestrige Feier deutlich: Außer der Örtlichkeit wies nichts auf die Verbindung zum Parlament hin. Die Redner waren ausschließlich Vertreter der Exekutive. Mit Verlaub, Sie verkennen, was diese Gelöbnisfeier impliziert. Vor 64 Jahren wurde das Hitlerregime gestürzt, vor 90 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Beide Kriege wurden nicht zuletzt durch die starke Rolle des Militärs und die stark militaristische Haltung der Gesellschaft befördert. Heute fallen wieder Tabus. Unumstößlich geglaubte Tabus, die nicht fallen dürfen. Wehret den Anfängen!“

Es klingelt, und jemand kommt zur Vordertür herein. Ich meine die Stimme des Chefs zu hören und versuche mich zu beruhigen: Das könne nicht sein, er weile noch in Australien. Aber was ich dann näher höre, lässt keinen Zweifel zu: Er ist es. Freilich kommt er nicht in mein Zimmer; und ich gehe nur in das Zimmer von Frau K., erkundige mich nach ihrem Auto, dessen Schaden nicht so schlimm sei; vermeide es mich umzudrehen und in das Zimmer von M. zu schauen, wo er sitzen und lesen muss. Als ich am Nachmittag zurückkomme, ist er weg, und ich kann mich wieder frei durch alle Räume bewegen.

Sie kommt aus dem Schwabinger Krankenhaus zurück, der jährliche Checkup (dem sie sich, findet er, allzu willig unterzieht). Schlechte Nachrichten: Starke Verkaltung der rechten Halsschlagader, erhöhter Blutdruck; das EKG deutet auf Durchblutungsstörungen in den Koronararterien. Die Ärztin schlägt eine CT vor sowie ein Herzkatheder. Er grübelt lange, welche Vorteile ihr das verschafft.

Er kommt vom Einkaufen mit zwei Teegläsern zurück – „wenn wir das nächste Mal erkältet sind: für den Tee mit Rum“, spottet er, und sie schüttelt lächelnd den Kopf. Am Nachmittag stellt er für sie die gewohnte Tasse bereit, für sich selbst eins der neuen Gläser: „Man muss es doch ausprobieren.“ Da trägt sie ihre Tasse zurück in die Küche und holt sich das zweite Glas.

Ein Leserbrief aus Berlin-Wilmersdorf: „Zu Recht sind wir empört über die vielfältigen Surrogate der Lebensmittelindustrie, die uns als Nahrungsmittel verkauft werden. Eine klare, übersichtliche und leicht verständliche Kennzeichnung ist mehr als überfällig. Inhalts- und Zusatzstoffe müssen eindeutig als das zu identifizieren sein, was sie sind – und nicht, was sie sein sollen. Schlimm genug, dass die Werbung uns täglich suggeriert, dass industrielle Fertigprodukte den frischen, selbstgemachten überlegen sind (weil es ja so viel schneller und einfacher geht). Das jüngste scheußliche Beispiel dafür ist die Werbung, wo die italienische Mama auf dem Markt der jungen Kundin ein Tütchen Salatfix statt der frischen Kräuter für die Salatsauce überreicht. Dennoch haben wir als Verbraucher es jetzt schon in der Hand, uns von der Lebensmittelindustrie keine billigen Imitate andrehen zu lassen. Drehen wir doch lieber denen eine lange Nase! Im Supermarkt um die Ecke hat man die Wahl zwischen Grundprodukt oder fertiger Industrieware. Und das Umland von Berlin bietet eine Fülle von Anbietern, die großartige regionale und saisonale Lebensmittel bieten – auf den Wochenmärkten der Stadt, oder sogar bis vor die Haustür geliefert. Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukte in Hülle und Fülle. Frisch und in guter Qualität. Und das Schöne ist: Wenn man das konsequent durchexerziert, ist es meistens auch noch billiger, als die fertigen Produkte der Lebensmittelindustrie zu kaufen. Ganz abgesehen davon, dass es auch noch besser schmeckt. Jeder, der einmal Pesto selbst gemacht hat, wird nie wieder fertiges aus dem Glas kaufen. Eine Vinaigrette mit frischen Kräutern ist nicht schwieriger zu machen als ein Dressing aus der Tüte. Und der Joghurt, mit frischen Früchten der Saison selbst angemacht, verweist die Industrieware mit dubiosen Aromen dahin, wo sie hingehört: in die letzte Reihe oder am besten gleich auf den Müll. Fazit: Wir müssen nicht auf eine bessere Kennzeichnung warten, um zu wissen, was in unserem Essen drin ist – wenn wir es selbst zubereiten. Gute Küche ist nicht kompliziert. Gehen wir also von den Grundprodukten aus und fangen wir an zu kochen!“

Anders als bei den Anreden ist das Problem der verschlossenen Türen und des Anklopfens geklärt. Die Redaktionssekretärin sitzt ohnehin im Offenen, nämlich in der Diele der ehemaligen Villa, von der aus die Treppe nach oben führt, wo der Fotoredakteur und Doris Nikol ihre Türen regelmäßig geöffnet halten. Mein Zimmer dagegen, unten, ist regelmäßig geschlossen, im Unterschied zu dem von Frau K., die zwei ihrer drei Türen offen lässt: in die Diele und in das dreifenstrige des Layouters. Dessen Tür zu M. ist wiederum zu; ebenso die Tür von M. zu Frau K. Was das Anklopfen betrifft, so pflegt Maria Menthen ebenso wie Frau K. bei Michel wie bei mir sich seiner zu befleißigen; bei mir kommt der Layouter meist so herein (wie er bei M. verfährt, weiß ich nicht). M. hat sich bei mir einmal das Anklopfen verbeten, und er kommt auch in mein Zimmer ohne Signal herein – freilich auffallend laut und kräftig die Tür öffnend, was gar nicht zu ihm passt.

Die Fragen des Anredens sind immer noch ungeklärt – und ich meine, dass vor allem ich es bin, der zur Unklarheit beiträgt. Im Allgemeinen gilt – das hat wohl der Chef eingeführt – Vorname und „Sie“. Frau K. freilich hat dafür gesorgt, dass sie sich mit allen duzt – außer mit mir – auch mit dem Chef und der Chefin und mit Doris Nikol aus der anderen Redaktion. Ausgenommen ist der Fotoredakteur, mit dem Frau K. ausdauernd einen Kabbelflirt unterhält; und Maria Menthen, die Sekretärin, bei der sie sich, wie bei mir, an die Grundregel hält. Daran hält sich auch M. – abgesehen von Frau K. und, natürlich, seinem alten Freund Talmeier – M., den wie diese „Carlos“ zu nennen ich vermeide. Der Layouter sagt „Herr M.“ und „Frau Zeich“ – bis ich einmal „Klaus“ sagte, was ihn gleich darauf „Yvonne“ verwenden ließ. Und wieso trage ich zur Verunklarung bei? Vor allem, denke ich, indem ich mich sowohl gegenüber Frau K. als auch gegenüber M. weigere, von „Andy“ zu sprechen und „Talmeier“ sage.

Maria Menthen müsste jetzt ein weiteres Manuskript abtippen; aber sie sitzt über ihrem Lehrbuch des Italienischen. Sicher, sie könnte sich rechtfertigen: Italienisch zu sprechen, das trage bei zu ihrer Qualifikation als Redaktionssekretärin. Aber das ist nicht der Punkt. Es geht darum, während des Arbeitstages etwas für sich selber zu tun und niemanden sonst.

Ein Leserbrief aus Straubing: „Wegen Bankraubs wurde ich mit der Sicherungsverwahrung belegt und erlebe seit fast fünf Jahren einen Strafvollzug, der darauf ausgerichtet ist, mich psychisch und physisch und nicht zuletzt sozial zu zerstören. Ohne etwas beschönigen zu wollen, liegt der ganze menschliche Schaden in einem gehörigen Schreck zweier Bankangestellter. Hierfür wurden sieben Jahre Haftstrafe verhängt und entgegen allen Regeln des Strafvollzugsgesetzes wird gegen mich von Anfang an ein reiner Verwahrvollzug vollstreckt. Selbst eine Freizeitgestaltung wie Malen wird mir grundlos beziehungsweise mit willkürlichen und abenteuerlichen Begründungen verweigert. In der Strafvollzugsanstalt Straubing lässt sich nur die Erfahrung machen, dass das Vollzugsziel darin besteht, die Persönlichkeit eines Gefangenen und erst recht die der in der Sicherungsverwahrung untergebrachten Gefangenen zu zerstören. Wenn immer wieder proklamiert wird, dass die Unterbringung in Sicherungsverwahrung keine Strafe ist, sondern eine Maßregel, dann ist einerseits nicht zu verstehen, warum ein sicherungsverwahrter Gefangener unter den gleichen Bedingungen wie ein Straftäter inhaftiert ist. Andererseits ist es erst recht nicht zu verstehen, warum ebenso Rechte beschnitten sind und mehr noch, warum er zwar ein >Recht< auf zweijährige Überprüfung der Notwendigkeit der Sicherungsverwahrung hat, diese Fristen aber immer wieder überschritten werden. Zu guter Letzt gibt es in der JVA Straubing (und ich gehe davon aus, in anderen Anstalten ist es nicht viel anders) keine Möglichkeit, eine effektive Veränderung der Persönlichkeit herbeizuführen und damit innerhalb der zwei Jahre zu einer günstigen Sozialprognose zu kommen, so dass von vornherein jeder Anhörungstermin zur bloßen Farce verkommt.“

Langer Abendspaziergang durch die Innenstadt. Gern würde er in einem der Cafés nahe dem Stadtmuseum einkehren, für einen Drink, vielleicht einen Snack. Er bringt es nicht einmal zum Vorschlag. Er fürchtet die Wut, in die er gerät, wenn sie den Vorschlag ablehnt. Dass sie ihn ablehnen wird, weiß er sicher.

Wir stehen in einem engen Kasten aus Glas, der auf halber Höhe im Treppenhaus des Schulgebäudes hängt. Man schaut nach draußen, Landschaft mit Sonnenschein, von Lehrern und Schülern belebt. Wir sind splitternackt und beginnen mit dem Umarmen, wobei Zärtlichkeit entsteht. Oben Küsse, unten zeigt er sich interessiert. Die Lehrer und Schüler könnten uns beobachten, insbesondere den Unterleib; doch verkleben leere Plakate den Glaskasten genau auf dieser Höhe. Der Glaskasten ist zu eng, als dass man sich niederlegen könnte. So kommt es nicht zu der Frage, wer oben und wer unten seinen Platz fände, und ich bin erwacht.

Ein Zeitungsbericht aus den Abruzzen: „Zwischen den Trümmern wird eine Tribüne aufgebaut für die Staats- und Regierungschefs, die im Dorf Coppito am westlichen Stadtrand von L’Aquila in einer Polizeikaserne tagen werden und die einstigen Bewohner des Zentrums wollen in der Nacht vor dem Gipfel einen Fackellauf veranstalten. >Wir hoffen, dass das internationale Rampenlicht den Bewohnern helfen wird<, sagt ein Ingenieur der Feuerwehr aus Palermo. Und auch der Bürgermeister ist zuversichtlich. >Die Welt wird dann begreifen, was uns geschehen ist<, glaubt Massimo Caliente. >Erst wenn die ganz Großen kommen, geht etwas voran<, sagt Maria bitter, eine Geschichtsstudentin an der Universität. Gemeinsam mit dem Dekan der Fakultät untersucht eine kleine Gruppe von Studenten, was noch zu retten ist aus dem zerstörten Palazzo der Innenstadt, wo in besseren Tagen jeder zehnte der 27 000 Studenten von L’Aquila eingeschrieben war. Jetzt suchen sich viele in anderen Städten einen Studienplatz. So droht die Stadt eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen zu verlieren.“

Der Chef sitzt herum, telefoniert ein bißchen, blättert in Zeitschriften, plaudert mit der Sekretärin, raucht, seufzt, geht nach oben in das Zimmer von Doris Nikol, trinkt dort Kaffee, plaudert, seufzt, raucht, blättert in Zeitschriften. Dann dasselbe wieder unten. Am Nachmittag, Doris Nikol bringt mir mein Englisch-Wörterbuch zurück, kommt er in mein Zimmer, legt ihr den Arm um die Schultern und fragt weich-gequält: „Dorle? Gehen wir nach oben? Kaffee trinken?“

Wenn er – rücklings nackt auf dem Bett liegend – seinen Ständer von oben ablichte, erzählt der Sexualfotograf, erscheine er blumenhaft, niedlich, „zum Anbeißen“. Wenn er denselben aber von unten fotografiere, habe man einen Turm in der Landschaft vor Augen, prächtig, bedrohlich. – Was denn die Damen am Tisch zu dieser Beobachtung zu sagen hätten?

Während er zum Frühstückskaffee die Zeitung von gestern noch einmal vornimmt, „abnagen“, studiert sie ein dickes Katalogbuch über Kunst und Kunstkonsum im New York des frühen 19. Jahrhunderts. Was sie ihm daraus immer mal wieder mit Begeisterung vorträgt, darauf reagiert er mit Gleichgültigkeit.Er ist unzufrieden mit dem Rollbraten, „Sonderangebote sind oft minderwertiges Fleisch“. Dass sie ihn trotzdem lobt – wie gewöhnlich – hält er für Täuschung.vWieder arbeitet sie bis in die Nacht hinein, denn der Entwurf muss morgen präsentabel sein. Dafür braucht es anderthalb Flaschen Rotwein, wofür er sie, wie sie weiß, verachtet.

Ein Leserbrief aus Berlin: „Da hat also die Mehrheit des iranischen Volkes bestehend aus kleinen Leuten, Landbevölkerung und Habenichtsen eine Wahl gewonnen und die elitäre Mittel- und Oberschicht in die zweite Reihe verwiesen, was letztere nicht anerkennen wollen. So gehen sie mit unbewiesenen Vorwürfen der Wahlfälschung auf die Straße und wollen gewaltsam die Fakten ändern. Die USA und Israel werden ihren Nutzen daraus ziehen. Israel als rechte Hand der USA im Nahen Osten will die atomare Vorherrschaft (ohne Einbindung in internationale Verträge und Kontrollinstitutionen) behalten und ausbauen, um die Bedingungen in der Region zu diktieren. Selbst ein Krieg gegen den Iran als letztes Mittel stand schon auf dem Plan, scheiterte aber an der mangelnden Zustimmung der USA. Ich hoffe, dass die iranische Bevölkerung zur Besinnung kommt, alle Chancen einer friedlichen Lösung der entstandenen Probleme nutzt, um nicht in einem Blutbad zu versinken, wie der Libanon, der Irak und Gaza in den letzten Jahren.“

Gegen elf Uhr wirft mir an der Tankstelle in der Ungererstraße ein Mittvierziger, der getankt hat und zum Bezahlen geht, einen Blick zu, der mir bekannt vorkommt, weil auch ich ihn an einem Sonntagvormittag an der Tankstelle auszusenden pflege. Es ist ein stolzer Blick, wie der von Seefahrern oder weitreisenden Kaufleuten, die sich im Hafen oder in der Karawanserei begegnen. Vielleicht werden sie einander niemals wiedersehen, denn unendliche Räume voller Lebensgefahren liegen vor ihnen. Dabei geht es an einem solchen Sonntagmorgen für die Angestellten bloß um eine Fahrt nach Landshut oder an den Chiemsee.

Ein Zeitungsartikel: „Mit einem Überfall im Morgengrauen hat die Armee in Honduras am Sonntag den Präsidenten Manuel Zelaya entmachtet und nach Costa Rica gebracht. Der mittelamerikanische Kleinstaat erlebt damit den seit vergangener Woche entmachteten Putsch gegen die linke Regierung. Soldaten umstellten Zelayas Residenz in der Hauptstadt Tegucigalpa und verhafteten den Staatschef, der an diesem Tag eine umstrittene Volksbefragung über eine Verfassungsänderung durchführen wollte. Es gab eine Schießerei mit der Leibgarde, später fuhren Panzer vor. Am Vormittag meldete sich Zelaya im Fernsehsender Telesur aus dem Nachbarland Costa Rica. Er sprach von einer >brutalen Entführung<, man habe ihn im Pyjama abgeführt und bedroht. Seine Anhänger und die internationale Gemeinschaft rief er zum friedlichen Widerstand auf. >Es gibt keine Rechtfertigung für den Staatsstreich.<“

Mit einem Taxi ins Büro. Auf der Leopoldstraße steht ein schwer beschädigter Citroen; Polizisten messen Strecken und protokollieren. Der Taxifahrer entwickelt eine Theorie des deutschen Unfalls: „Wir haben uns wieder mal übernommen.“ Er sei in Afrika, in den USA und sonstwo Auto gefahren, aber nirgends habe er Unfälle wie in Deutschland beobachtet. „Kein Wunder, die Deutschen haben sich wieder mal übernommen.“ Ein Bekannter habe ein Haus am Ammersee gekauft, an dem er noch 16 Jahre bezahle; um halb sechs morgens stehe er auf, fahre mit dem Auto zum Westfriedhof, um es dort zu parken. Dann mit der Straßenbahn zum Harras und mit der U-Bahn bis zum Odeonsplatz, wo ein Büro mit anstrengender Arbeit ihn erwarte. Und abends die ganze Strecke zurück. „Ich sehe es den Leuten an, die am Steuer sitzen; die sind mit ihren Gedanken ganz woanders.“

Ein Zeitungsbericht aus den Abruzzen: „Zwischen den Trümmern wird eine Tribüne aufgebaut für die Staats- und Regierungschefs, die im Dorf Coppito am westlichen Stadtrand von L’Aquila in einer Polizeikaserne tagen werden und die einstigen Bewohner des Zentrums wollen in der Nacht vor dem Gipfel einen Fackellauf veranstalten. >Wir hoffen, dass das internationale Rampenlicht den Bewohnern helfen wird<, sagt ein Ingenieur der Feuerwehr aus Palermo. Und auch der Bürgermeister ist zuversichtlich. >Die Welt wird dann begreifen, was uns geschehen ist<, glaubt Massimo Caliente. >Erst wenn die ganz Großen kommen, geht etwas voran<, sagt Maria bitter, eine Geschichtsstudentin an der Universität. Gemeinsam mit dem Dekan der Fakultät untersucht eine kleine Gruppe von Studenten, was noch zu retten ist aus dem zerstörten Palazzo der Innenstadt, wo in besseren Tagen jeder zehnte der 27 000 Studenten von L’Aquila eingeschrieben war. Jetzt suchen sich viele in anderen Städten einen Studienplatz. So droht die Stadt eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen zu verlieren.“

Der Chef sitzt herum, telefoniert ein bißchen, blättert in Zeitschriften, plaudert mit der Sekretärin, raucht, seufzt, geht nach oben in das Zimmer von Doris Nikol, trinkt dort Kaffee, plaudert, seufzt, raucht, blättert in Zeitschriften. Dann dasselbe wieder unten. Am Nachmittag, Doris Nikol bringt mir mein Englisch-Wörterbuch zurück, kommt er in mein Zimmer, legt ihr den Arm um die Schultern und fragt weich-gequält: „Dorle? Gehen wir nach oben? Kaffee trinken?“

Wenn er – rücklings nackt auf dem Bett liegend – seinen Ständer von oben ablichte, erzählt der Sexualfotograf, erscheine er blumenhaft, niedlich, „zum Anbeißen“. Wenn er denselben aber von unten fotografiere, habe man einen Turm in der Landschaft vor Augen, prächtig, bedrohlich. – Was denn die Damen am Tisch zu dieser Beobachtung zu sagen hätten?

Während er zum Frühstückskaffee die Zeitung von gestern noch einmal vornimmt, „abnagen“, studiert sie ein dickes Katalogbuch über Kunst und Kunstkonsum im New York des frühen 19. Jahrhunderts. Was sie ihm daraus immer mal wieder mit Begeisterung vorträgt, darauf reagiert er mit Gleichgültigkeit. Er ist unzufrieden mit dem Rollbraten, „Sonderangebote sind oft minderwertiges Fleisch“. Dass sie ihn trotzdem lobt – wie gewöhnlich – hält er für Täuschung. Wieder arbeitet sie bis in die Nacht hinein, denn der Entwurf muss morgen präsentabel sein. Dafür braucht es anderthalb Flaschen Rotwein, wofür er sie, wie sie weiß, verachtet.

Ein Leserbrief aus Berlin: „Da hat also die Mehrheit des iranischen Volkes bestehend aus kleinen Leuten, Landbevölkerung und Habenichtsen eine Wahl gewonnen und die elitäre Mittel- und Oberschicht in die zweite Reihe verwiesen, was letztere nicht anerkennen wollen. So gehen sie mit unbewiesenen Vorwürfen der Wahlfälschung auf die Straße und wollen gewaltsam die Fakten ändern. Die USA und Israel werden ihren Nutzen daraus ziehen. Israel als rechte Hand der USA im Nahen Osten will die atomare Vorherrschaft (ohne Einbindung in internationale Verträge und Kontrollinstitutionen) behalten und ausbauen, um die Bedingungen in der Region zu diktieren. Selbst ein Krieg gegen den Iran als letztes Mittel stand schon auf dem Plan, scheiterte aber an der mangelnden Zustimmung der USA. Ich hoffe, dass die iranische Bevölkerung zur Besinnung kommt, alle Chancen einer friedlichen Lösung der entstandenen Probleme nutzt, um nicht in einem Blutbad zu versinken, wie der Libanon, der Irak und Gaza in den letzten Jahren.“

Ein Leserbrief aus Kiel: In Gaza ist mal wieder eine israelische Bombe eingeschlagen. Die Schreiberin beschwert sich, dass die Berichterstattung zu einseitig, also israelfreundlich sei. Freunde von ihr seien Palästinenser und sie Christin. (Was hat das damit zu tun?) Für die Absenderin bin ich für einen Moment das Draußen, die Meinungshoheit, weil das, was hier drin geschieht, viel stärker nach draußen dringt als das, was bei Ihr drin ist. Auch wenn ich nur einer bin und mit der Berichterstattung gar nicht zu tun habe, bin ich für einen Moment lang viele, und „der kleine Mann“ darf sich wie David fühlen, der gegen Goliath eintritt. Opfer und Täter – irgendwie kriegt man jedes Bild in einen Rahmen.

Bei dem großen Einkauf im Supermarkt stellt sie sich mit dem Einkaufswagen sofort in der Nähe der Kasse auf. Sie wartet mit gelangweilter Miene. Er läuft nervös zwischen den Regalen umher und umklammert ungeschickt die sich in seinen Armen anhäufenden Waren. Zum Mittagessen serviert er ein Risotto mit Wirsing. Sie lobt es, wie gewohnt. Aber sie weiß, dass er alle fleischlosen Gerichte für minderwertig hält. Abends arbeitet sie an ihrem Schreibtisch bis in die Nacht, denn morgen Vormittag muss sie den Entwurf der Konferenz vorlegen. Er sitzt im Salon, zappt durch die Programme und trinkt Rotwein. Sie hat keinen Zweifel, welche Tätigkeit den höheren Wert besitzt.

Die einen sagen so, die anderen so. Boris hat mit dem Fernsehen geheiratet, und wir haben kaum was darüber gemacht, weil irgendwie wollte man da nicht mitmachen. Hinterher hieß es dann aber doch, da hätte man was verpasst, weil schließlich alle groß darüber berichtet hätten.

Lauter gebildete Leute, die nicht schlecht verdienen, trinken den ganzen Tag öden und ungesunden Filterkaffee. Sich auf genusslose Art und Weise zu schaden ist ein wirklich dummes Verhalten. Also habe ich eine Espressomaschine gekauft. Wenn schon sich mit Kaffee schaden, dann mit Vergnügen. Die Innovation hat keinen allzu großen Anklang gefunden. Es stünde nur noch ein Gerät herum, das auch wieder keiner sauber macht.

Gegen fünf Uhr früh brennt schon wieder Licht in seinem Zimmer. Er liest, während sie, vom Klosett zurückgekehrt, gleich wieder in den Schlaf fällt. Wieder erhöht er den Stapel der Bücher, welche er gelesen hat, gegenüber dem Ihrigen. Sie lobt das Gulasch, das er zum Mittagessen serviert. Sie kocht nie. Sie lobt stets, was er kocht. Sie hat noch nicht einmal versucht, kochen zu lernen. Beim Abendspaziergang treffen sie auf der Leopoldstraße zufällig einen Künstler, der ihnen seit langem aus den Augen geraten ist. Man freut sich über den Zufall und steht eine Weile plaudernd beisammen. Beim Reden wendet sich der Künstler, wie ihr scheint, ausschließlich an ihn.

Vor einem Jahr hatte sie, die immer ruhig und freundlich war, sich nach einer zu unrecht ausgesprochenen Anschuldigung gegen sich innerlich so aufgeregt, dass sie in einer Art Implosion ohnmächtig zu Boden sank. Es glaubte eigentlich niemand an ihre Rückkehr. Krankschreibungen bis zur Rente erschien allen am wahrscheinlichsten. Jetzt war sie aber doch wieder im Büro, leicht verunsichert doch entschlossen, das Terrain zurückzuerobern. In dem Bewusstsein seit Jahren Boden zu verlieren, trabt sie der Entwicklung mehr und mehr hinterher, getragen von der Idee, dass das Alte und Gelernte auch im Jetzt Wert hat und vom Jetzt auch gar nicht ersetzt werden kann. Wenn dieser Groschen bei den anderen fallen würde, würde sie wieder nach vorne katapultiert werden. Sie sitzt nun vor dem PC und hat ihre alten Kopfhörer ausgepackt. An den Muscheln ist jeweils ein Bügel aus Stahl angebracht, der nach oben gerichtet ist. Befehle aus dem Weltraum, dachte ich. Dann fragte sie mich, ob sie nicht eine Diktierhilfe bekommen könnte, die sie mit dem Fuß bedienen könne und zeigte auf ihren Computer auf dem ein Abspielprogramm zu sehen war. Offenbar wusste sie nicht, dass wir gar nichts mehr abtippen, oder man hatte ihr eine Aufgabe gegeben, damit sie beschäftigt war. Ich gab ihr den Tipp, sich an den technischen Support zu wenden.

Der Layouter hat Geburtstag. Es gibt Matjesfilets mit Pellkartoffeln und einem Kräuterquark, der rasch alle ist. Dazu Bier. Man steht herum auf einem Gang zwischen den Büros, lächelt sich an und wechselt Worte, die nicht weiterführen. Endlich kommt der Chef und versammelt in konzentrischen Kreisen Zuhörer um sich. Er erzählt nämlich, wie er letzte Nacht so betrunken war, dass er nicht mehr wusste, wo er sich aufhielt – mit Schulzes Freundin in ihrer Wohnung? „Ich habe ihr erklärt, dass im Allgemeinen Schulze der Richtige für sie ist – im Detail aber ich.“ Forciertes Berlinern; er lacht vorneweg, und wir folgen zögernd.

Ein Leserbrief aus Nürnberg: „ Am 4. Juli feiern die Amerikaner ihre Unabhängigkeit von den Briten. Sie haben sich damit in Philadelphia im Jahr 1776 vom englischen Kastenwesen gelöst. God bless America! Durch die Mitgliedschaft im House of Lords hat sich Dahrendorf von der Demokratie in das politische Aus begeben und ist mental um 200 Jahre zurückgefallen. Betrachtet man seine und die seines Antipoden Habermas’ Laufbahn, so hätte es beiden gut getan, wenn sie zwei Jahre in Fabriken, Behindertenheimen oder Handwerksbetrieben gearbeitet hätten. Dadurch hätten sie das Leben kennen gelernt und wären nicht in ihren Elfenbeintürmen geblieben. Der Mentor von Dahrendorf, Karl Popper, hat einmal bekannt, dass er bei seiner kurzzeitigen Schreinerlehre in Wien von seinem Meister mehr gelernt habe als später in all seinen philosophischen Seminaren. Dies ist allerdings ein allgemeines Problem. >Oben< wird nicht verstanden, wie >unten< gefühlt und gedacht wird. Auch der Niedergang der SPD ist damit erklärbar.“