Ja. Arbeiten.

Kelt de Gruyter

Nie mehr: Kelt de Gruyter auf dem Weg zur verhassten Arbeit.

Ich warte sehr lange. Die Übergabe ist fällig. Das Projekt. Der Kunde. Die Überstunden. Mein letzter Tag. Freitag. Party bei Tom. 20 Uhr. Nachrichten? Nein. Arbeiten. Warten. Ana macht das andere Projekt, dann sind wir dran. Der Chef sitzt da hinten, zerknirscht. Wacht über uns. 20 Uhr. Zu seinen Kindern? Nein. Arbeiten. Warten. Zeit totschlagen. Lege mich ins Bett. Schaue den anderen zu. Ana. Klaus. Machen irgendwas. Die Wirtin kommt. Essen? Nein. Arbeiten. Aber trinken. Gern. Gibt das Getränk. Legt mir eine Salami aufs Gesicht. Nein. Nicht essen, arbeiten. Esse. Lache. Sie geht. Klaus ist jetzt Tom. Studiert der nicht mehr? Nein, fertig und hier. Fertig. Ersatz für mich? Braucht ihr mich noch? Das Projekt braucht noch. Wir brauchen dich nicht mehr. Gehe. Letzter Tag. Auf zu Tom. Klingele. Toms Mutter. Tom ist arbeiten. Wochenende? Nein. Arbeiten.

Heute habe ich das geträumt. Warum? Seit ein paar Tagen bin ich frei. Raus aus dem Agenturjob, rein in ein besseres Leben. Doch der Traum sitzt tief.

Ich wollte Journalist werden. Ich wurde PR-Mann. Journalismus? Kein Beruf mehr. Nur ekelhafte Ungeheuer. Verlage. Todgespare. Niemand wird dort eingestellt. Niemand ausgebildet. Niemand bezahlt. Die Branche stirbt den Tod derer, bei denen man nichts mehr machen kann. Oder die nichts mehr machen.

Also PR-Mann geworden. Rein in eine Agentur. Leibeigentum sein. Jemand, der nicht mehr für sich selbst denken darf. Der nicht für sich selbst spricht. Der nicht er selbst ist.

Irgendwann bleibst du eine Stunde länger. Irgendwann zwei. Irgendwann zu viele und zählst die Stunden nicht mehr. Sie werden nicht gezählt, nicht nachgehalten, nicht bezahlt. Du bist eine Maschine. Für die Agentur. Für den Kunden. Nicht für dich, dein Leben, deine Frau.

Irgendwann schreibst du Scheiße für die Kunden. Irgendwann glaubst du die Scheiße selbst. Irgendwann hasst du deine Kunden so sehr, dass du sie am liebsten köpfen und ihnen in den Hals scheißen willst. Für die Arroganz, für die Dreistigkeit, für die Unfreundlichkeit, dafür, dass sie die beschissensten Menschen der Welt sind. Arschlöcher, denen man gar nicht so sehr weh tun kann, wie sie dir wehtun. Aber nein: Du schreibst für sie, denkst für sie, gibst das für sie hin, was sie niemals bezahlen können: Dich. Ohne Danke. Ohne: Das war toll! Ohne nichts.

Irgendwann merkst du, dass deine Lebenszeit dir zu kostbar ist. Kein Wunder: Der Lohn in der Agentur ist armselig. Faktoren wie Ruhm, Ehre, Zeit oder was auch immer existieren nicht. Du merkst: Wenn du genau diese Scheiße immer weiter machst, wirst du krank, kriegst Krebs, stirbst früh – für nichts weiter, als eine Welt, bestehend aus dreckigen Affen.

Du bewirbst dich woanders. Du wirst eingeladen und bewundert. Sie haben aber viel gemacht! Womit du feststellst, wie viel du gemacht hast. Danke Agentur. Danke, großes Unternehmen, die Stelle nehme ich sehr gern!

Deinem Chef sagst du: Ja, ich war im Bewerberpool. Ja, die haben ein verdammt gutes Angebot gemacht. Nein, ich kann leider nicht mehr bleiben, so gern ich es auch möchte.

Dass du, lieber Chef, zum miesen, geldgierigen Wichser geworden bist, sage ich nicht. Dass du den Druck deiner dreckigen Kunden immer ungefiltert weitergegeben hast, auch nicht. Dass ich dich dafür irgendwann verachtete, auch nicht.

Jetzt beginnt eine neue Lebensphase. Jetzt ist Freizeit. Jetzt fehlt meine Arbeitskraft genau da, wo sie nie mehr sein wird.

Ich arbeite woanders. Und das beruhigt mich am meisten: Ja. Arbeiten.

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