Olga ist der Stadt böse

Inga Richter

Olga ist der Stadt böse. Sie sucht bereits im Internet nach Wohnungen in Berlin. Das Café, das Hanna demnächst aufmachen will, findet sie aber klasse. Es soll nur bitte wirklich kein jüdisches Café sein, sondern muss natürlich ein Wiener Kaffeehaus sein. (Olga kommt aus Österreich). Wien ist ja auch irgendwie jüdisch. Nein, sagt Olga entschieden, eine andere Mischung. Immer stellt Olga ihre Bedingungen. Und wenn die dann nicht stimmen, ist sie böse oder beleidigt. Die Bedingungen scheinen ganz selten zu stimmen, denn immer ist sie sofort wieder draußen, wenn sie irgendwo drin war. Also, dass die neu eröffnete Jüdische Schule sich nun mit dicken Pollersteinen und Polizeischutz, einem Wachhäuschen an der Straße abschirmen muss und dabei außerdem ungefähr mindestens 30 Parkplätze (sie fährt nicht Auto) wegfallen, das macht sie schon sehr sauer. Überall, wo man hinschaut, war Olga schon da und was auch immer man aus dem Kulturleben der Stadt antippt, sie weiß längst Bescheid und wirklich besser als irgendjemand sonst.

Das heißt einfach, ihr ist in keiner Weise beizukommen, noch ist ihr gerecht zu werden. Sie schimpft auf diese reiche Stadt irgendwo am finnischen Meerbusen, die nur bereits Durchgesetztes überhaupt erkennt. Pfeffersäcke eben. Schiffe, Handel, Sand und Meer. Hat sie doch die durchgesetztesten Architekten mobilisiert für das durchgesetzte Projekt mitten im Hafen, groß anfangen, klotzen, nicht kleckern. Sie hat es durchgesetzt in dieser Stadt, in der sich nur das Durchgesetzte durchsetzt. Andere guckt sie doch sonst nicht mit dem Arsch an und wenn, dann gönnerhaft. Das kommt, weil sie selbst nichts wirklich macht, aber viel will. Dabei kann sie wunderbar kochen, einfach großartig, sie kann wunderbar nähen, wer kann das schon noch, sie kann wunderbare Einladungen geben, sie kann wunderbar witzig sein, sie hat einen reichen Mann, sie ist der weibliche Part eines klassischen, bürgerlichen Drähtezieherpaars und sie versteht sich auch so, sie könnte sie doch glücklich sein in dieser Stadt. Wenn diese Stadt nicht dermaßen blöd wäre.

Und jetzt ist Olga der Stadt einfach böse.

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Sie schränkt es aber schon wieder ein, zur Zeit, sagt sie. Denn wie schnell kann sich alles ändern, wenn sie nur gerufen würde, gebraucht würde, ein nächstes Projekt angeleiert würde. Der Soundso, der sich gerade in einem Privattheater eine Produktion gekauft hat, ja wirklich „gekauft“: d.h. Geld dafür bezahlt und denen bezahlt, mit denen und bei denen er eine Inszenierung nach seinem Gusto machen kann, eine sinnlose Zerschnippelung amerikanischer Kurzgeschichten, der Autor war gestern noch voll „in“, mit Musik, die Texte aufgeteilt unter drei arbeitslose Schauspieler, die natürlich lieber spielen als rumhängen, der will, sagt Olga, so Sachen weitermachen. Das klingt wie eine Drohung. Es habe ihm so viel Spaß gemacht, dass er eben wie gesagt, weitermachen will und das Geld dazu hat er auch. Die Postkarten „Sag den Frauen, dass wir wegfahren“, so der Titel dieses Teils, verkaufen sich wie irre, müssen nachgedruckt werden und ein Film läuft auch dazu, gar nicht schlecht, im nahe gelegenen Kino. Alles selbst bezahlt und dann drei Vorstellungen, die hoffentlich voll sein werden, na, wir werden ja sehen und Presse, auch bezahlt und persönlich bestellt, also wenn das keine zeitgemäße und dieser Stadt gemäße Produktionsform ist, dann weiß keiner mehr, dann kennt sich in dieser Stadt jedenfalls keiner mehr aus. Die Liebhaber machen einfach ihre Kunst selbst! Da kriegen sie, was sie sehen wollen und die Gaudi, sich selbst ein paar Wochen lang als Künstler zu fühlen auch, was will man mehr? Bloß kein Neid.

Sag den Frauen, dass wir wegfahren und basta. Und Olga wird natürlich da sein und wird schon wissen, was sie davon zu halten hat.

Olga aber ist der Stadt trotzdem böse. Eigentlich dürfte sie also gar nicht mehr auf die Straße gehen. Sich einfach der Stadt verweigern. Ob man nicht lieber aufs Land zieht, sich ein Idyll baut, das wäre zur Zeit vielleicht die beste Lösung. Die Stadt mit Abwesenheit bestrafen. Das sagt sie nicht, aber die Lösung mit dem Idyll, das hat sie gesagt.

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