Der Unerreichbarkeitspol der Erde

Martin Wilmking

Globalisierung, Vernetzung, real-time data transfer. Handyklingeln, chat, twitter und skype. Satellitentelefon, GPS und Airlinenetworks. Jeder Ort der Erde scheint erreichbar, jeder Winkel vermessen. Jeder Mensch ist erreichbar, unter der Dusche, im Büro, im Auto, überall. Alles ist erreichbar – immer.

Da war doch noch was? Genau, das Gegenteil davon. Ruhe, Gelassenheit, eine pfeifende Lokomotive oder selbst ein ratternder D-Zug in der Nacht. Es gab eine Zeit, noch gar nicht lange her, da war »weit weg« noch wirklich weit weg, nicht »nah dran« wie heute.

Wo ist sie geblieben, die Entfernung? Wahrscheinlich wegrationalisiert mit der Geschwindigkeit unserer Zeit. Und doch, in unseren Gedanken und vielleicht auch in vielen Sehnsüchten gibt es noch eine Zeit zwischen Plan und Ziel, zwischen Abfahren und Ankommen. Und es gibt ihn auch noch heute, nennen wir ihn mal den Unerreichbarkeitspol der Erde. Einen realen Punkt auf der Erdoberfläche, der am weitesten entfernt ist vom nächsten Flughafen, Bahnhof, von der nächsten Bushaltestelle. Wo kein Sendemast ein Handysignal weiterleitet, wo keine E-Mail zu empfangen ist, wo dichter Wald, steiler Grat, tiefes Gestein die Wellen der Verbindung mit der Welt unterbrechen, zurückdrängen, abprallen lassen. Eine faszinierende Idee. Man könnte den Punkt vielleicht in Google Earth überfliegen, in Google Ocean dorthin tauchen. Doch eine reelle Reise würde Zeit brauchen, wäre sie überhaupt zu schaffen. Sie wäre beschwerlich, lange, und man wüsste nicht, ob man wirklich ankommt. Und wenn man es doch schaffen würde, wäre man wohl sehr allein.

Wo er genau existiert, dieser Unerreichbarkeitspol der Erde? Ich weiß es nicht. Vielleicht in der Antarktis oder im Himalaja, im Marianengraben oder in Zentralsibirien? Ist es Point Nemo, der Pazifische Pol der Unzugänglichkeit irgendwo zwischen Chile und Neuseeland, der Punkt der Ozeane, der am weitesten entfernt ist von allen Landmassen dieser Erde? Ist es sein Gegenteil: Der Punkt der Eurasischen Wüste Dzoosotoyn Elisen, am weitesten entfernt von jedem mildernden Einfluss der Ozeane? Oder jener Punkt auf dem Tibetplateau in der Nähe von Lhasa, zu dem, wie Wissenschaftler im Joint Research Center der Europäischen Kommission bequem aus ihrem Sessel errechneten, ein normaler Reisender eine Reisezeit von knapp drei Wochen einkalkulieren muss? Zuerst per Flugzeug, dann im Auto und schließlich 20 Tage mit einem Fußmarsch bis auf 5200 Meter über dem Meeresspiegel?

Vielleicht ist der Unerreichbarkeitspol der Erde nur ein Gedankenexperiment der Flucht, ein konträrer Entwurf zum Verbindungswahn unserer Zeit, ein Ort der Sehnsucht nach Langsamkeit und Reflexion. Vielleicht definiert gerade dieser Ort, dieses Gedankenexperiment, das eine Extrem einer Skala, deren tägliche Messwerte mehr und mehr in die andere Richtung ausschlagen. Er definiert den Gegenentwurf zu einer in sogenannter Echtzeit komplett vernetzten Daseinsform. Er symbolisiert den Traum nach Einfachheit, nach dem Gefühl, alles in der eigenen Hand zu halten, sein Leben im Griff zu haben, »einhalten« zu können.

Viele sehnen sich nach einer Rückkehr zum Ursprung. Mehr oder weniger repräsentativen Umfragen zufolge würde ein deutscher Mann, wenn er denn könnte, am liebsten mit seinem besten Freund um die Erde segeln. Nicht ganz so lang und weit ist das Dasein als »Eremit auf Zeit«, buchbar zum Beispiel im Sinai, inklusive 14 Tage mit beduinischer Vollpension. Oder man wandert auf dem Jakobsweg, wo man allerdings mehr andere als sich selbst trifft. Dann schon lieber als Klostergast in eine »Oase der Ruhe« eintauchen. Angebote, die sich an genau diesen Wunsch in uns richten, in Abgeschiedenheit und Ruhe etwas mehr zu uns selbst zu finden.

Es muss also nicht gleich der Unerreichbarkeitspol der Erde sein. Ihn müssen wir nicht reell besuchen, aber dieser Ort ist vielen und mir ein Anker, ein letzter Halt unserer Bezugsskala auf dem Weg in die andere Richtung. Ein unbesuchtes, aber oft bedachtes Mekka der Unmoderne. Dieser Punkt ist wichtig. Ich muss gar nicht genau wissen, wo er ist, nur, dass es ihn gibt, irgendwo, ganz weit weg.

Auszug aus dem BuchMekkas der Moderne – Pilgerstätten der Wissensgesellschaft„, Böhlau-Verlag; 422 Seiten; 24,90 Euro

Von „Bild der Wissenschaft“ nominiert als „Wissenschaftsbuch des Jahres 2010“.

www.mekkasdermoderne.de

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