Oben und unten im Reich der Affen

Hilmar Schmundt

Oben oder unten, Aufsteiger oder Absteiger? Oft müssen küchendarwinistische Anekdoten aus dem Tierreich herhalten, um das Schema von Erfolg und Misserfolg in menschlichen Gesellschaften zu illustrieren. Besonders beliebt waren dabei traditionell Paviane, denn sie gelten als eine der gewalttätigsten Tierarten, deren Männchen ständig in blutige Machtkämpfe verwickelt sind. „Aber wer genauer hinschaut, der sieht ein differenzierteres Bild“, sagt Robert Sapolsky von der Stanford University, ein vielfach ausgezeichneter Biologe und Pavianforscher.

„Vielleicht hat mich genau dies gewalttätige Image ursprünglich angezogen, als ich mit Anfang zwanzig die Beobachtung einer Paviangruppe aufnahm“, sagt Sapolsky, „ich war bis dahin eher ein Bücherwurm, und wollte wissen, wie der brutale Überlebenskampf und das Gesetz des Stärkeren in der Wildbahn wirklich aussieht.“ Also ging er nach Kenia, und beobachtete über viele Monate hinweg eine Gruppe von Anubispavianen.

Anfänglich schien alles so zu sein, wie er es in der Standardliteratur gelesen hatte: In rücksichtslosen Beißereien machten die Männchen unter sich aus, wer das Leittier ist, und dieses Alphamännchen terrorisierte dann ungestraft rangniedrigereTiere, bekam als erster zu fressen, und konnte sich nach Belieben fortpflanzen.

Doch je länger Sapolsky das brutale Treiben beobachtete, desto offensichtlicher wurde, was die herkömmliche Literatur verschwieg: Es gibt auch eine zweite Strategie der Fortpflanzung. Ein Affe, den Sapolsky Aaron taufte, setzte eher auf Kommunikation als auf Prügeln. Mit Erfolg. Er schmiedete nicht nur kurzfristige Kampfbündnisse, sondern pflegte Kontakte, lauste anderen das Fell, spielte mit dem Nachwuchs. Sapolskys Fazit: „Diese Peacenik-Väter kümmern sich meist besser um ihren Nachwuchs, werden deutlich älter und haben dadurch viel mehr Sexualkontakte als die Gladiatoren, die ihre Energie in mörderische Kämpfe verschwenden.“ Ist unten das neue oben?

Nachfolgend ein paar Auszüge aus dem Gespräch mit Robert Sapolsky.

DAS SCHEMA: In der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ haben Sie einmal geschrieben, dass arme Mitbürger ein größeres Risiko haben, zu erkranken. Könnte es nicht auch genau anders herum sein, dass nämlich Krankheit zur Verarmung führt?

Sapolsky: Armut und Krankheit hängen zusammen, das ist vielfach belegt. Unklar war bislang, warum das so ist. Ich komme zu dem Ergebnis, dass sozialer Stress der entscheidende Faktor ist. Sozial schwächere Mitglieder einer Gruppe leiden oft mehr unter Unsicherheit und Stress, was sie anfällig macht für Herzkrankheiten, Lungenleiden und sogar Rheuma.

DAS SCHEMA: Man könnte sich auch vorstellen, dass Leute, die oft krank sind, Ausbildung und Beruf vernachlässigen, weil sie ständig beim Arzt herumsitzen.

Sapolsky: Nein, es ist genau anders herum. Erst kommt die Armut, und die macht anscheinend krank, das belegt die überwiegende Mehrheit der Studien.

DAS SCHEMA: Vielleicht können arme Menschen einfach keine gute medizinische Behandlung bezahlen?

Sapolsky: Nein, denn wir finden dasselbe Phänomen in Ländern, die im Gegensatz zu den USA ein engmaschigeres Gesundheitssystem haben, aus dem man durch Armut nicht so einfach herausfallen kann.

DAS SCHEMA: Dann liegt es vielleicht am Lebensstil: Bei armen Leuten ist Nikotin, Alkohol und Junkfood verbreiteter.

Sapolsky: Diese Risikofaktoren spielen eine Rolle, das stimmt. Aber das erklärt nur etwa ein Drittel der Beziehung zwischen Gesundheit und dem sozioökonomischen Status, in der Fachliteratur „SES“ genannt. Also haben wir weiter gesucht, wie genau Armut unter die Haut geht. Und kamen zu dem überraschenden Resultat: Wer sich in der sozialen Hierarchie weit unten befindet, leidet darunter psychologisch, und das bekommt seinem Körper nicht gut.

DAS SCHEMA: Wie macht Stress krank?

Sapolsky: Eigentlich ist die Stressreaktion sinnvoll, denn sie bereitet ein Lebewesen auf eine Gefahr vor: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck geht hoch, Schmerz wird unterdrückt, die Verdauung wird gedrosselt. In der Tierwelt dauert diese akute Stressreaktion meist nur wenige Minuten an. Bei uns Menschen dagegen ist sie oft chronisch, und das überlastet den Körper und macht langfristig krank.

DAS SCHEMA: Wieso lassen Menschen sich so sehr stressen? Während eine Gazelle wirklich um ihr Leben fürchten muss, wenn sie einen Löwen sieht, droht dem Menschen im Alltag allenfalls eine Standpauke vom Chef …

Sapolsky: Klar, früher hat der Mensch viel gefährlicher gelebt, da ging es oft um Leben und Tod. Heute ärgert man sich eher über den Stau. Stress-Krankheiten sind ein Luxusphänomen. Heutzutage leben wir so lange, dass wir die Langzeiteffekte des Stresses noch erleben. Hinzu kommt, dass wir Menschen im Gegensatz zu Gazellen sehr phantasiebegabt sind. Wir können nächtelang wachliegen und über Gefahren nachgrübeln, die es real vielleicht nicht gibt. Diese Form von Stress kennen andere Tiere nicht.

DAS SCHEMA: Wie sind Sie bei Ihrer Forschung vorgegangen?

Sapolsky: Natürlich können wir keine Menschenversuche machen, das ginge weder ethisch noch logistisch. Daher baut meine Hypothese auf der Beobachtung von Pavianen auf. Als Primaten gehören sie zu den engen Verwandten des Menschen, sie sind quasi unsere Cousins. Seit über dreißig Jahren beobachte ich eine Gruppe von rund 60 Anubispavianen in der Serengeti in Kenia. Ich habe monatelang jeden Tag mit denen verbracht und genau studiert, wie die Machtkämpfe abliefen, wer aufstieg, wer herabgestuft wurde. Und wenn ich mitbekam, dass ein Pavian zum Beispiel gerade einen wichtigen Machtkampf verloren hatte oder bei einem Weibchen abgeblitzt war, nahm ich sofort eine Blutprobe, um die Menge der Stresshormone zu messen. So habe ich genaueste Einblicke, wie sich Sozialstress auf den Körper auswirkt.

DAS SCHEMA: Aber allein das Blutabnehmen erzeugt doch schon Stress beim Probanden.

Sapolsky: Das haben die gar nicht mitbekommen, weil ich sie vorher betäubt habe, indem ich aus meinem Blasrohr einen Betäubungspfeil auf sie abschoss.

DAS SCHEMA: Träumen Sie manchmal heimlich davon, so etwas auch bei Menschen machen zu können?

Sapolsky: Das brauche ich gar nicht, denn das Sozialverhalten der Paviane ähnelt dem des Menschen in verblüffender Weise. Wenn es Ärger gibt, richtet sich zum Beispiel die Hälfte der Aggressionen gegen Dritte, meist, weil der Unterlegene seinen Ärger an einem schwächeren Weibchen oder einem rangniedrigeren Männchen abreagiert. Kommt Ihnen das bekannt vor?

DAS SCHEMA: Aber taugen Anubispaviane wirklich als Modell für den Menschen? Schließlich gelten sie als Inbegriff der Aggressivität, und die meisten Männchen sterben als Folge von Gewalttätigkeiten.

Sapolsky: Vielleicht hat mich genau dies gewalttätige Image ursprünglich angezogen, als ich mit Anfang zwanzig die Beobachtung der Paviangruppe aufnahm. Eigentlich war ich bis dahin eher ein Bücherwurm. Also wollte ich wissen, wie der brutale Überlebenskampf und das Gesetz des Stärkeren in der Wildbahn wirklich aussieht.

DAS SCHEMA: Und, kamen Sie auf Ihre Kosten?

Sapolsky: Ja, am Anfang schien alles genau so, wie ich es bei dem Anthropologen Irven DeVore von der Harvard-Universität gelesen hatte: Alles drehte sich um brutale Machtkämpfe, oft sehr impulsiv und absolut rücksichtslos. Nebukadnezar zum Beispiel war damals das dominante Männchen, ein dummes, unbegabtes Scheusal. Aber je besser ich die Paviane kennenlernte, desto mehr fiel mir auf, wie vielseitig ihr Verhalten ist. Klar, Paviane sind auf jeden Fall aggressiver als Gorillas oder Bonobos. Aber nach und nach merkte ich, dass es große individuelle Verhaltensunterschiede gibt. Und dass sich nicht nur die Grobiane fortpflanzen. Aaron zum Beispiel war ein anständiger Kerl, der mehr auf Kommunikation als auf Kampf setzte – und das mit Erfolg. Diese Peacenik-Väter kümmern sich meist besser um ihren Nachwuchs, werden deutlich älter und haben dadurch viel mehr Sexualkontakte als die Gladiatoren, die ihre Energie in mörderische Kämpfe verschwenden.

DAS SCHEMA: Es geht also nicht nur darum, sich auf der Statusleiter ganz nach oben zu boxen?

Sapolsky: Ja, manche Paviane sind gut darin, Alternativstrategien zu entwickeln. In Zeiten der Stabilität mag das Leben als Alpha-Männchen stressfrei sein. Aber in Zeiten des Umbruchs, wenn die Jungen nachdrängen, gibt es kaum etwas Stressigeres, als die permanenten Kämpfe an der Spitze der Machtpyramide. Im Winter 1917 zum Beispiel war es nicht so angenehm, der Zar von Russland zu sein. In den heutigen Industrienationen dagegen ist die Situation stabil, und daher lebt es sich an der Spitze der Statuspyramide deutlich gesünder als an der Basis.

DAS SCHEMA: Bei der von Ihnen beobachteten Paviangruppe setzte sich schließlich sogar eine Kultur der Kooperation durch, wie sie, für einen Biologen eher ungewöhnlich, in der Politik-Zeitschrift „Foreign Affairs“ berichten.

Sapolsky: Ja, das Ereignis, das ich beschreibe, beobachtete ich im Jahr 1983. Es war ein Disaster. Die aggressivsten Männchen starben an Tuberkulose, weil sie sich bei der Futtersuche auf einer Müllkippe infiziert hatten. In der verbleibenden Kolonie herrscht seitdem eine sehr kooperative Stimmung. Das widerlegt all die Lehrbücher, die ich in den Sechzigern las, in denen stand: Der Mensch ist zum friedlichen Miteinander aus genetischen Gründen nicht in der Lage, genau wie der Anubispavian. Soziobiologen, die so etwas behaupten, haben einfach keine Ahnung von Primaten – egal ob es um Affen oder Menschen geht.

DAS SCHEMA: Einige Kollegen werfen Ihnen vor, dass Sie in Büchern wie „Mein Leben als Pavian“ die Tiere zu sehr anthropomorphisieren, indem Sie ihnen Namen wie Daniel oder Salomon geben und ihnen fast menschliche Charakterzüge zuweisen. Teilweise liest sich das Buch wie eine Soap-Opera.

Sapolsky: Ich liebe die biblischen Namen einfach. Deshalb fand ich es unwiderstehlich, die für Paviane zu verwenden. Zumal ich meine Kindheit in einem streng religiösen jüdischen Umfeld verbracht habe. Meine Schullehrer mochten die Evolutionslehre überhaupt nicht und behaupteten, dass Gott Dinosaurierfossile in den Boden gelegt hat, um unseren Glauben zu prüfen.

DAS SCHEMA: Sie kämpfen mit Ihrer Forschung also gegen den Kreationismus?

Sapolsky: Nein, ich versuche nur, das, was ich beobachte, auch für Laien verständlich zu machen. Und meine Forschung ergibt eindeutig, dass sich Menschen und Paviane in vielen Verhaltensweisen ähneln. Das ist kein Vermenschlichen, sondern eher ein „Primatisieren“: Menschen und Paviane sind beide Primaten, und ähneln sich in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Stressverhalten.

DAS SCHEMA: Angenommen, dass gestresste Menschen ein größeres Krankheitsrisiko tragen als gelassene – dann müsste sich evolutionär irgendwann eine stressresistente Menschheit entwickeln?

Sapolsky: Schwer zu sagen. Einerseits führen teilweise genetisch beeinflusste Störungen wie Depressionen oder krankhafte Aggressivität zu Herzkrankheiten und weniger Nachkommen. Das würde dafür sprechen, dass Menschen langfristig von der Evolution ausselektiert werden, die nicht in der Lage sind, zwischen einer echten und einer scheinbaren Bedrohung zu unterscheiden. Andererseits kann in Krisenzeiten Nervösität und Angst auch das Leben retten. Es gibt immer wieder evolutionäre Flaschenhälse, in denen nur die Ängstlichsten und Vorsichtigsten überleben.

DAS SCHEMA: Während Ihrer Zeit in Afrika hatten Sie teilweise nicht einmal mehr genug Geld zum Essen. Das zählte aber sicher nicht als Armut?

Sapolsky: Nein, es gibt einen Unterschied dazwischen, wenig Geld zu haben oder sich arm zu fühlen. Ich komme aus einer Mittelschicht-Familie und wusste immer, wofür ich Schwierigkeiten auf mich nehme. Ich habe mich nie hilflos ausgeliefert gefühlt – erst dieses Gefühl verursacht Stress und macht krank.

DAS SCHEMA: Sozialstress macht krank – hat diese Einsicht auch politische Konsequenzen?

Sapolsky: In den USA läuft eine Menge schief. Das soziale Netz wurde vernachlässigt, was wiederum eine Spirale aus Stress, Armut und Krankheit antreibt. Wir müssen uns klar sein, dass die krassen sozialen Gegensätze hierzulande viele Menschen krank machen.

DAS SCHEMA: Und persönlich? Hat Ihre Arbeit als Verhaltensforscher Ihnen zum Beispiel bei der stressfreien Erziehung Ihrer beiden Kinder geholfen?

Sapolsky: In den ersten drei oder vier Monaten als Vater dachte ich: Klar, ich bin Primatologe, ich weiß genau, wie das alles geht. Aber sobald ein Kind das erste Mal etwas sagt, oder auch nur lächelt, wird alles viel komplizierter, als alles, was ich aus der Verhaltensforschung kenne. Die wichtigste Einsicht war vielleicht, wie nutzlos mein Job als Primatologe ist für meinen Job als Vater.

Interview: Hilmar Schmundt

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