Die Stadt im Weinberg

Stephan Wackwitz

Zum ersten Mal habe ich diese Stadtlandschaft als drei- oder vierjähriges Kind gesehen, auf dem Stuttgarter Killesberg, an der Hand meiner Mutter, wenn sie mit mir zur Haltestelle am Platz vor der Bundesgartenschau ging. In einer gelben Straßenbahn fuhren wir auf den gewundenen Straßen in die Stadt im Tal. Ein halbes Jahrhundert später kann ich von meinem Schreib- und Lesesessel aus die von Villen dicht bestandenen Hügel der gutbürgerlichen Pressburger Wohnviertel der Zwanziger und Dreißiger Jahre im Wechsel der Wetterlagen, Tages- und Jahreszeiten betrachten. Sie ziehen sich von der Burg am Donauhochufer, den Rand einer halbrunden Talsenke bildend, als Höhenzug dahin und verlieren sich außerhalb meines Blickfelds in den Buchen- und Eichenwäldern der Karpaten. Es ist Samstagmorgen. Dort drüben auf den Hügeln werde ich heute Nachmittag wieder spazierengehen. Ich werde Villen, Straßen, Treppen, Denkmäler und Gärten sehen, von denen sich Ausblicke in die Donauebene eröffnen, immer wieder neue.

Überraschende Perspektivwechsel ergeben sich dort nach dem Aufstieg über lange Treppen zwischen weinlaubüberwachsenen Mauern und silbergrau verwitterten Holzzäunen. Eine Biegung in der gepflasterten kleinen Straße, hinter der einen Moment lang der pazifische Ozean auftauchen muss, man scheint schon die Nebelhörner zu hören. Aber dann ist doch nur wieder eine neue Höhe erreicht und eine Weile geht es, am Rand eines steileren Abhangs, ebenerdig weiter (die Schornsteine eines Industriegebiets in der Entfernung; Glockenläuten aus dem Tal). So kann man auch auf den Höhen über Stuttgart stundenlang immer weiter gehen. Manchmal gerät man in einen Wald. Dann wieder steht man am oberen Rand eines erhalten gebliebenen Weinbergs. Und überall begleiten dich in enzyklopädischer Formenvielfalt die Villen, die im Lauf des letzten und vorletzten Jahrhunderts hier auf jedes denkbare Hanggrundstück hingebaut worden sind, von historistischen Traumschlössern bis zu wilden Jugendstilphantasmagorien und sachlichen Bauhauskuben.

Auch wenn ich auf dem Stuttgarter Killesberg meine Kindheit verbracht habe – richtig gesehen habe ich die Seelenlandschaft namens „Stuttgart“ dann erst auf einem Gemälde von Raoul Dufy im Kunstmuseum Basel. Ich muss 16 gewesen sein. Der im Museumsladen gekaufte Kunstdruck mit der tiefgrün bewaldeten Steilküste, aus deren Palmen und Kiefern zuckerwürfelweiße Anwesen ragen, hat mich noch in meine ersten möblierten Studentenunterkünfte begleitet. Das Meer war auf dem Gemälde nur ausschnittsweise zu sehen. Ganz so, wie man sich auf jenen Stuttgarter Spaziergängen hinter jeder Straßenbiegung, bei jedem Rückblick auf die Stadt im Tal einen Moment lang einbilden kann, da sei es doch gerade wirklich gewesen. Ich habe mein inneres Stuttgart seither in San Francisco wiedergefunden, in Wiesbaden, Brno und Tokio, in London und auf dem Salvator-Hügel des südpolnischen Krakau. Im letzten Herbst aber kam ich Wochenenden lang nicht darüber hinweg, dass mir beim Spazierengehen in den Höhenstraßen von Bratislava meine längst vergangene Kindheit in einer atmosphärisch präzisen Doppelgängergestalt auf Schritt und Tritt wieder entgegentrat.

Mir ist beim Spazierengehen dort seither oft zumute, als hätte jemand den Stuttgarter Killesberg, die Karlshöhe, die Weinsteige und die Birkenwaldstraße durch einen Mixer gedreht und hier, am Abhang der Karpaten, wo man weit in die gewaltige Stromlandschaft hinaussieht, ausgegossen. Und während ich dort im Licht warmer Septembersamstagnachmittage umherging und später im Novembernebel, im ersten Schnee und an einem kalten Wintermorgen, der einen trotzdem schon den Frühling ahnen ließ, habe ich wie unter einem Zwang versucht, mir die dramatische Biegung einzelner Straßen einzuprägen. Die Art, wie die Zweige eines Apfelbaums über die Stützmauer eines Gartens hinausragten. Wie die Weinbergstaffeln dort aus manchen Blickwinkeln direkt in den Himmel hineinzuführen scheinen. Ich habe versucht, mir all jene Straßen und Gärten für immer klarzumachen, als würde, wenn ich das alles nur einmal innerlich ganz festhalten könnte, ich wieder jung und alles in meinem Leben wieder gut.

In Stuttgart hat man an einer Stelle, wo der Blick in der beschriebenen Weise ins Land geht, einen kleinen Park nach dem Stuttgarter Schriftsteller Hermann Lenz benannt. Lenz, der lange warten musste, bis der Ruhm zu ihm kam, ist so etwas wie der Balzac dieses Typs von europäischer Stadtlandschaft gewesen. In seinen Büchern hat er alles festgehalten, was für mich seither das richtige Leben bedeutet. Sie schildern die Geschichte der Bundesrepublik aus dem Blickwinkel eines Kleinbürgertums, das aus provinzieller Beschränktheit, aus politischer Unterdrückung und Verstrickung herausfindet und sich auf seine künstlerischen, politischen und gesellschaftlichen Qualitäten besinnt, auf die Disziplin, Erfindungsgabe, den Geschmack und die Lebenserfahrung, aus denen solche Viertel überall in Europa im vorletzten Jahrhundert aufgebaut wurden und die aus den dort hergestellten und ermöglichten Lebensverhältnissen vielleicht unwillkürlich immer wieder entstehen. Beim Umhergehen dort wollte es mir dann als das genaueste Symbol für das Wesen dieser zugleich realen und seelischen Landschaft erscheinen, dass sie in aufgelassenen (und an manchen Stellen noch stehengebliebenen) Weinbergen entstanden ist. Als sei das von den Römern eingeführte Kunsthandwerk des Weinmachens das genaueste Modell dessen, worauf es hier immer angekommen ist. Und ein Vorbild für die Gesellschaften, die im Osten Europas jetzt wieder nach ihrem Weg suchen.

Auch meine Eltern (und die Republik, deren Kinder sie waren) mussten zur Zeit meiner Geburt in einem Land ihren Lebensweg finden, das es erst ein paar Jahre lang gab und das von den Ruinen und Wahrzeichen einer jüngst vergangenen Schreckensherrschaft umgeben war. Ich habe aus meiner Kindheit noch vage Erinnerungen an die Ruine des völlig zerbombten Stuttgarter Neuen Schlosses. Ich sah sie auf jenen Ausflügen mit meiner Mutter. Sie war nach der neuesten, aus Amerika importierten Damenmode gekleidet, wenn wir in der Königsstraße etwas Besonderes einkaufen gingen (ein kleines Fest für Mutter und Sohn). Wie die heutigen Pressburger wussten auch meine Eltern oft nicht, wie es in der Neuen Zeit weitergehen sollte mit ihnen und sie trösteten sich über die beängstigend weiten Perspektiven ihres Landes, indem sie sich kleideten und ihre schwer heizbaren, undichten und armseligen Wohnungen so einrichteten, als hätten sie es schon geschafft, ihr Leben in der Bürgerlichkeit wiederzubefestigen, von der sie in Gefangenenlagern, in Lazaretten und Luftwaffenhelferkasernen noch wenige Jahre zuvor nur hatten träumen können.

Und so sind auch in den Weinbergen oberhalb Bratislavas im Herbst 2005 überall Renovierungs- und Baumaßnahmen im Gange. Spektakuläre Glasfronten, von denen man sich fragt, wie die dahinterliegenden Räume im Winter jemals geheizt werden sollen, werden eingebaut in kühne Würfelkonstruktionen aus Beton und glitzerndem Edelstahl. Versteckt in überwucherten Gärten oder schwindelerregend in einen Steilhang hineingebaut, erscheinen avantgardistische Häuser aus Glas, Holz, Beton und Stahl, deren Architekten bei dem japanischen Architekten Tadao Ando und seiner raffinierten Simplizität in die Schule gegangen sind. Aber auch an den Türmen, Wintergärten, Karyatiden und Söllern der großen historistischen Paläste weiter unten am Hang (am Eingang in die Hügellandschaft und in den sie umgebenden Parks) wird unaufhörlich gearbeitet. Japanische Kleinbagger fahren zwischen den alten exotischen Bäumen umher. Gerüste wachsen an neubarocken Fassaden empor. Blinkende Metallschilder mit internationalen Firmennamen sind vor schon fertig erneuerten Anwesen neben den Hochsicherheitstoren angebracht und die Videokameras darüber gleichen futuristischen Weltraumkanonen, unter deren Laserstrahl man gleich zu Staub zerfallen wird.

Aber je weiter man auf den Staffeln, den gepflasterten, kühn sich hinaufwindenden Seitenstraßen und in den für Autos gesperrten Hohlwegen aufwärts steigt, desto deutlicher tritt der strikt kleinbürgerliche, private, idiosynkratische, unendlich multiperspektivische Charakter dieser Gegend hervor. Es ist die endlose, dicht ineinander verwobene Reihe von Lebensentwürfen, Neuanfängen und Geschäftsideen, aus denen eine lebendige bürgerliche Gesellschaft besteht und die sich in diesem Kaleidoskop von Grundstücken abgebildet hat; das sich unendlich fortsetzende, an manchen Stellen dichter und fester werdende, sich an den Rändern dann wieder ausdünnende Gewebe des Unternehmergeistes, der Bereitschaft zum Neuanfang, des Glaubens an die Zukunft und an die eigene Verrücktheit; eine Kultur der Freiheit, der Zuversicht und des kreativen Risikos. Meine Eltern lebten nach dem Krieg und lange dann noch mit ihrem 1952 geborenen Baby in einer Dachkammer des großen Zweifamilienhauses, das mein Großvater 1926 am Esslinger Zollberg, einem ehemaligen Weinberg über der mittelalterlichen Stadt gebaut hatte. Dieses Haus war das Monument einer Erfindung, die er als junger kaufmännischer Angestellter einer schwäbischen Maschinenfabrik all den dort beschäftigten Ingenieuren eines Tages vorausgehabt, in seiner Kellerwerkstatt perfektioniert, erprobt und dann zum örtlichen Patentamt getragen hatte. Das Haus meines Großvaters war das Denkmal des Hartmetz’schen Dampf-Luft-Hahnen und der Sohn einer pfälzischen Weinbauernfamilie baute es sicher nicht zufällig in einen aufgelassenen Weinberg hinein (schade, dass der Mann, der mein größtes Vorbild hätte werden können, damals dann schon ein Nazi war).

Der Umzug meiner Eltern in die Vierzimmerwohnung auf dem Stuttgarter Killesberg, in der meine Mutter in ihrem winzigen Atelier für die Modezeitschriften der fünfziger Jahre zeichnete und von der aus mein Vater jeden Tag zur Arbeit die Straßenbahn ins Tal nahm (sie fuhr am Elternhaus von Hermann Lenz vorbei) ist dann der Gründungsakt einer neuen Unternehmung gewesen. Eine kühne und angesichts der Armut und Perspektivlosigkeit der beiden jungen Leute eigentlich verrückte Sezession, ein auf nichts als ihren Überdruss begründeten Auszug aus dem Altnazielternhaus, eine im Grunde unverantwortliche Tollkühnheit, deren utopischer Gehalt in meine eigene Kindheit geleuchtet hat und der Hintergrund meines frühen Glücks war. Und das andere, das gegenwärtige Glück (dasjenige, das ich mir samstags und sonntags seit Monaten auf den Hügeln über Bratislava erwandere) hat seinen Grund in der Vorstellung, dass jedes der Anwesen hier das Monument eines solchen verrückten Neuanfangs ist (ein Bild des Lebens). Von jedem der Grundstücke hier sieht die Welt anders aus und auf jedem hat eine andere Welt begonnen. Und doch sind die Welten der Stadt im Weinberg miteinander verwandt und vergleichbar. Botschaften gehen herüber und hinüber.

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Austausch von Theorien und Anregungen zwischen Wien, Prag, Stuttgart, Brünn und Preßburg die noch heute wirksamen Prinzipien der modernen Eigenheimarchitektur hervorgebracht. Denn dass aus vielen solchen Idiosynkrasien, aus dem unzuverlässigen Gewebe konkreter familiärer Bedürfnisse und bürgerlicher Selbstdarstellungswünsche eine funktionierende Stadt entstehen könnte, ist eine lang umkämpfte und erbittert diskutierte Einsicht gewesen. In vielen Wendungen und gegen manche Opposition hat sie sich seit dem neunzehnten Jahrhundert herausgebildet. Der Begründer des Gartenstadtgedankens, ein Brite namens Ebenezer Howard, scheint noch von utopisch sozialistischen Vorstellungen einer zentral etablierten und gelenkten Einheit der Bauten und Gärten geleitet gewesen zu sein. Eine überlegene Vernunft würde mit sanftem Zwang das gesunde und arbeitsame Leben in der Familie, im Grünen, im kommunalen Glück herbeiführen.

Nachdem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das fortschrittliche Planen und Bauen, das avantgardistische Nachdenken über Architektur, Städtebau und Design aus Großbritannien nach Mitteleuropa gewandert war, geriet es hier unter den Einfluss einer kulturellen Wiener Grundstimmung, die sich am folgenreichsten in den Büchern des Physikers und Philosophen Ernst Mach ausgesprochen hat. „An einem heiteren Sommertage im Freien“, schreibt Mach über einen Moment in seiner Kindheit, „erschien mir auf einmal die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, nur im Ich stärker zusammenhängend. Obgleich die eigentliche Reflexion sich erst später hinzugesellte, so ist doch dieser Moment für meine ganze Anschauung bestimmend geworden“. Man sieht den Maitag in dem für seine landschaftliche Schönheit berühmten mährischen Geburtsland des Philosophen (auch Sigmund Freud ist dort zur Welt gekommen) beim Lesen unwillkürlich vor sich, wenn man im Frühsommer auch nur einmal durch diese unvergessliche Gegend, ihre Hügel, Barockkirchen und Wiesen gefahren ist. Die spätere Reflexion Ernst Machs ist darauf hinausgelaufen, dass die scheinbar unverrückbare Wirklichkeit aus Zeit und Raum, auf die Herrschaft, Sitte und Tradition des Kaiserreichs aufgebaut waren, etwas Fließendes, Vorläufiges, Veränderliches, Willensabhängiges und Unzuverlässiges ist. Dass sie sich für stabile Reichsgründungen eigentlich überhaupt nicht eignet. Machs Reflexion über die poröse, sprunghafte, diskontinuierliche Beschaffenheit von Welt und Ich wurde zur Grundlagenwissenschaft für die moderne Physik, für die Theorie des amerikanischen Liberalismus und Pragmatismus, für Wittgensteins Sprachphilosophie. Lenin, der ein untrügliches Gespür für das Denken seiner Feinde hatte, widmete ihrer Widerlegung sein philosophisches Hauptwerk.

Und bemerkenswerterweise war der Wiener Empiriokritizismus eine geistige Voraussetzung auch für die neue, revolutionäre Architektur, die in Opposition zum eklektizistischen „Ringstraßenstil“ in Wien jetzt zu entstehen begann. In den architekturgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen, die mir dazu in die Hände gefallen sind, legt man es sich ungefähr so zurecht: Sezession und Jugendstil hatten dem philosophischen Verdacht, der im Wiener Milieu des späten neunzehnten Jahrhunderts zur Grundstimmung geworden war, ihre geschlossenen, oft seltsamen, immer aber suggestiven und dekorativen Kunstwelten frontal und eskapistisch entgegengesetzt. Adolf Loos, Karl Kraus und Ludwig Wittgenstein wiederum versuchten, das entstandene Loch in der Welt durch heroische Ideale der Ehrlichkeit, Reinheit und Kompromisslosigkeit zu schließen. In der Architektur von Wohnbauten kam der Versuch, die verlorene Solidität der Wirklichkeit wiederherzustellen, zunächst in Gestalt vollkommen durchgestalteter Art-deco-Villen zum Ausdruck. In diese Häuser passte kein Löffel, kein Hocker, sozusagen kein Nachttopf hinein, wenn er nicht mit der zugrundeliegenden Matrix der durch Stil hergestellten Eigenwelt lückenlos übereinstimmte und von ihr abgeleitet war. Wittgenstein und später das Bauhaus verwirklichten eine asketische Version derselben Totalitätsutopie.

In den Gebäuden beider Fraktionen aber störten die Bedürfnisse und Schwächen realer Bewohner: ihre Schlampigkeit, ihre Katzen, Kinder und Hunde, ihre Neigung zum Kitsch, ihre Erbstücke und ihr Bedürfnis nach Gemütlichkeit. Denn jene Häuser zwangen ihre Bewohner und deren Besitztümer sozusagen, durchgehend Haltung anzunehmen. Mit immer größerem Staunen erfuhr ich jetzt im Verlauf meiner Forschungen, dass gegen diese anstrengenden Konzepte und Bauten genau zu der Zeit, als die Abhänge des Stuttgarter Talkessels und die Weinberge westlich von Bratislava zu einer Utopie des bürgerlichen Lebens umgebaut wurden, in Wien eine Theorie entstanden ist, die man als den pragmatist liberalism in der Architekturgeschichte des Eigenheimbaus bezeichnen könnte. Eine weitgehend vergessene Gruppe junger jüdischer Architekten und Auftraggeber, die zum größten Teil miteinander befreundet waren oder sich kennengelernt hatten über den Projekten, die in Wien und in den kleineren Städten des späten Habsburgerreichs und den nach dem Krieg neu gegründeten Nachfolgestaaten entstanden, wagten es in den zwanziger Jahren, die Konsistenz- und Konsequenzanforderungen der Sezession wie des Bauhauses zu ignorieren, ohne in die konventionelle Formenwelt zurückzukehren, die noch das Haus meines Großvaters so kleinteilig und düster gemacht hatte. Stattdessen bauten sie „Offene Räume“. Das waren ästhetisch und funktional nicht genau festgelegte Zimmerfolgen, in denen die Funktionen ineinander übergingen. Ohne eine Forderung nach ästhetischem Zentralsinn durchgehend aufzustellen, ohne dem konkreten Leben Zwang aufzuerlegen, ermöglichten diese pragmatischen Architekturen realen Bewohnern die Alltäglichkeit, die ihre Biographien, Familien und Karrieren mit sich brachten und von ihnen forderten.

„Strnad und Frank haben nicht mehr die sezessionistische Illusion einer Einigung der fragmentarischen Welt im Kunstwerk, aber auch nicht das Loos’sche Ideal des absolut Wahren. Ihre Architektur präsentiert sich demnach als gewollt Unfertiges, Unvollkommenes, in ständigem Veränderungsprozess Begriffenes und im Grunde nur als Annäherung an etwas nicht Erreichbares, weil nicht eindeutig Definierbares“, schreibt die Verfasserin einer gelehrten, gut geschriebenen und furchterregend umfangreichen Examensarbeit, von der ich beim Lesen immer wieder gedacht habe und glauben wollte, dass sie nicht zufällig in meiner Kindheitsstadt entstanden sei. „Ihre Häuser sind demnach nicht gebaute Manifeste einer vorgefassten Idee, sondern Variationen zu einem nicht Festgelegten.“ Und es schien mir, dass man das Gefühl der Selbständigkeit und Freiheit, das in meinen ersten Lebensjahren meine Eltern angetrieben und begeistert hat, kaum besser hätte zusammenfassen können als mit diesen Sätzen.

Der junge Kriegsheimkehrer Hermann Lenz war bis zum bitteren Ende in Russland und Frankreich und ist in der Gefangenschaft dann noch bis nach Amerika gekommen. Es ist 1946 oder ’47 in der Stuttgarter Birkenwaldstraße gewesen, dass er seinen eigenen, ebenfalls ganz und gar verrückten Beschluss für einen Neuanfang fasste. Einen Plan für die Erfindung seiner Version der Welt. „Dann biegt die Birkenwaldstraße nach links. Vor einem unbebauten Hang öffnet sich die Weite bis zum Württemberg, zum Kernen und zum Mainhardter Wald. An der Haltestelle Schottstraße stehen Kiefern vor dem Haus mit den abgerundeten Ecken, und gegenüber ist ein Tor mit bronzenen Jugendstilpflanzen zur Hälfte leider zugemauert; dahinter war einmal ein nie benützter Treppenaufgang, immer mit Blättern und Moos belegt und drum geheimnisvoll. Aber das Haus des königlich griechischen Konsuls, dessen nahezu mannshohe Sandsteinvasen auf breiten Sockeln den Eingang eng machen, ruht hinter seiner dichten Hecke äußerst distinguiert; es sieht derart gemessen drein, dass jeder, der es anschaut, davor die Stimme dämpft. Und nun, da ich am Birkendörfle vorbeischlendere, die Bäume der Vorgärten sich über die Straße neigen und eine Lärche nicht weit von jenem Haus in gotischem Stile wartet, ein verlassener Wirtsgarten von Kastanien überwölbt wird und ich bedaure, dass das Haus der chemischen Reinigung keine schindelbelegte Außenwand mehr hat, bin ich bereits bei der Helfferichstraße“. Hermann Lenz aber beschloss am Ende jener vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in denen die Welt fast ganz zerstört worden wäre, an ihrem modernen Neuaufbau, der ihm unheimlich war, nicht teilzunehmen, sondern mit seiner Frau im Dachgeschoß seines Elternhauses eine Randexistenz zu fristen (ein Leben „nebendraußen“ wie er selber es später genannt hat). Er setzte alles auf die Karte eines literarischen Werks, das erst dreißig Jahre später anerkannt werden würde (womit bis zuletzt niemand, und auch er selbst nicht, gerechnet hat).

Der Horsky-Park auf den Hügeln über Bratislava ist ein seit dem neunzehnten Jahrhundert nicht mehr veränderter Urwald mitten in der Großstadt, in dem seltene Bäume wachsen und allerlei anderswo ausgestorbene Kröten, Insekten und Vögel leben. Nach einer langen Wanderung über die Hügel und durch die Wälder im Dezember 2005 habe ich mich aufgetaut in einem Ausflugslokal am Rand des verschneiten Naturparks (der sich in der früh einbrechenden Nachmittagsdämmerung in einen Zauberwald verwandelt hatte). Ein alter Mann handhabte mit sorgfältigen und altmodischen Bewegungen die Flasche tschechischen Schwarzbiers, das Glas, eine Tüte Erdnüsse und schrieb in einer umständlichen Handschrift den Bestellzettel, der zum Schluss als Rechnung diente. Ich war gegen drei Uhr nachmittags der erste Gast gewesen und hatte mich angesichts der entsetzlichen Kälte schon eine Viertelstunde vor der eigentlichen Öffnung des Lokals hersetzen dürfen, während der alte Mann eine Weile noch seinen zeremoniellen Zurüstungen und Vorbereitungen nachging. Er verschwand in den Tiefen des Obergeschosses oder in der kleinen Küche, tauchte wieder auf, schaltete die Hängelampen über den kleinen Holztischchen ein, zog die Vorhänge auf und zündete den Ofen an. Schon eine halbe Stunde später war der bauernhaushaft getäfelte und mit allerlei Büchern, Zeitschriften, Bauernschnitzereien, gerahmten Zeitungsausschnitten, Holzbänken, Wollkissen, alten Polstermöbeln und wackligen Holzstühlen eingerichtete Raum fast ganz besetzt mit den Veteranen der samtenen Revolution, die in Bratislava in diesem Lokal schon in den siebziger Jahren begonnen und sich vorbereitet hat.

Das Haus am Rand des Horsky-Parks war damals eine halb private (und dann manchmal von einem Tag auf den anderen in grelles Öffentlichkeitslicht getauchte) bürgerliche Rückzugs- und Widerstandsinsel. Hier sind Liedermacher, Kabarettisten und Schriftsteller aufgetreten, heute vergessene Helden der antitotalitären Revolution. Hier fanden Diskussionsveranstaltungen über die sozialistische Schändung der kleinen Stadt durch die größenwahnsinnigen Bauprojekte der „Normalisierungsperiode“ nach 1968 statt. Hier lagen Unterschriftslisten gegen die Niederlegung ganzer Stadtteile aus. Oder gegen den Abriss der Großen Synagoge (sie war dem Stadtautobahnzubringer zu der Hängebrücke im Weg, die direkt neben dem Dom über die Donau in die großen Plattenbausiedlungen führt). Hier haben sich die Leute meines Alters zuhause gefühlt, einander getröstet, miteinander diskutiert und getrunken, während ich auf meiner Seite der großen Grenze meinem karnevalistischen Luxuskommunismus frönte. „Bratislava na glos“ (Bratislava laut und deutlich) hieß die Gruppe, die hier ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Heute waren sie mit ihren Enkeln da (es war der letzte Sonntag vor Weihnachten), die von all dem nichts mehr wussten. Und sie selber, gutgekleidete, selbstbewusste, intelligente und gelassene Bürger einer freien Stadt, werden auch immer verwischtere Erinnerungen haben an den Alptraum, der einmal ihr kleines Land zerstört und die halbe Welt verhext hat. Nur noch eine gewisse Bürgerlichkeit ist übriggeblieben von ihrer heroischen Lebensperiode, ein freundliches Wissen, das sich in Blicken offenbart, in der Art, wie sie ihre Enkel ausfragen, belehren oder ermahnen, im wohlwollend desinteressierten Hinschauen auf den hereingeschneiten Ausländer, der sich mit der Bestellung auf Slowakisch abmüht. Es ist eine Bürgerlichkeit, die hier immer schon war und sich längst als unzerstörbar erwiesen hat. Mehr haben wir nie gehabt und etwas anderes haben wir auch in Zukunft nicht, dachte ich, als ich gezahlt hatte und in der früh eingebrochenen Dunkelheit über die verschneiten Hügel, durch die Straßen mit ihren Laternen, Villen und an winterlich leeren Gärten vorbei ins Tal ging.

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