Charité, Berlin – theatrum anatomicum

David Wagner

Eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Das Essen kommt pünktlich alle paar Stunden. Schwestern kommen und sehen nach mir, Ärzte schauen herein, manchmal auch Besuch.

Charité Berlin, Campus Virchow, Station 18, Zimmer 12. Die Visite beginnt schon um kurz nach sieben, ich liege verschlafen im Bett. Die Ärzte haben heute drei Studentinnen dabei, zwei von ihnen tragen Turnschuhe, die dritte hat Ballerina-Slipper an den Füßen. Ich sehe das, weil ihnen unter den weißen Kitteln jeweils ein Stück Bein und die Schuhe und also ein Stück Privatleben herausragen. Ärzte tragen nicht selten Gesundheitsschuhe, nur der Oberarzt hat Schuhe mit Ledersohlen an.

Die Schwester fühlt mir den Puls und misst den Blutdruck. Fühlt sich an, als gehöre mein Körper ihr, sie nimmt meinen Arm, als wäre es ihrer, sie hat alle Zugriffsrechte.

Ich bin Patient und Forschungsobjekt zugleich. Eine Doppelrolle mit Tradition, seit 300 Jahren schon. 1710 wurde die Charité als Pest- und Sterbehaus vor den Toren der Stadt gegründet. Drei Jahre später bekam sie ein theatrum anatomicum und diente bald als Ausbildungsstätte für Militärärzte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Klinik nach und nach Teil der 1810 gegründeten Berliner Universität. Christoph Wilhelm Hufeland, Goethes Leibarzt, war erster Dekan der medizinischen Fakultät, die über die Hälfte aller deutschen Nobelpreisträger in Physiologie und Medizin hervorbrachte und Dank Robert Koch und Rudolf Virchow zum Vorbild von Forschungskliniken in aller Welt wurde. Heute ist die Charité eine der größten Unikliniken Europas, ein Gesundheitskonglomerat an drei Standorten mit über 15.000 Mitarbeitern. Ich bin nur einer von fast 250.000 Patienten im Jahr. Die meisten ihrer seinerzeit berühmten Ärzte, nämlich Ernst von Bergmann, Johann Lukas Schönlein und die beiden Gräfes, kenne ich nur noch als die Namensgeber von Straßen in Berlin.

Einer der jüngeren Ärzte, wahrscheinlich wird nie eine Straße nach ihm benannt, kommt hinzu und nimmt mir Blut ab, die Schwester hängt mich wieder an den Tropf. Und sagt wieder: Sie müssen trinken. Trinken wird im Krankenhaus zur Aufgabe. Wieviel haben Sie getrunken? Wie viele Becher? Die Anzahl wird aufgeschrieben. Hier wird Buch geführt über jedes Glas Wasser, jeden Stuhlgang, jede Temperaturveränderung. Die Mappe, in der alles notiert wird, heißt die Kurve.

Das Krankenhaus ist Geschichtenhaus. Immer wieder kommen neue. Jeder Patient bringt eine mit. Ein Teil, aber nur ein kleiner Teil davon, steht in der Krankenakte. Also, was bleibt mir anderes übrig, lausche ich den großen Krankheitserzählungen. Dem großen Krankenhausdiskurs. Den mit der Zeit unaushaltbar werdenden Krankheitsgesprächen: Was ich habe, wie ich leide, was ich schon alles hatte. Wo ich damit schon war, was die Ärzte gemacht und was sie nicht gemacht und was sie falsch gemacht haben. Und so weiter.

Meine Krankenhausfreunde und ich, wir kennen uns in Schlafanzügen, Nachthemden und Bademänteln. Wir liegen nicht weit auseinander, wir zeigen uns unsere Wunden. Erzählen uns, wie oft und wie lange wir schon hier gewesen sind. Seit wann wir warten. Wie oft wir die bescheuerten Essenskarten schon ausgefüllt haben. Manchmal erzählen wir uns auch, was vorher war, draußen. Und ich habe Zeit, das rauchgrau-blaumelierte Linoleum auf dem Boden zu betrachten.

Die Schwester geht und kommt wieder und sagt, der Transport ist da. Das Krankenhausbett ist eigentlich ein Fahrzeug, es hat vier Räder. Ich liege und gleite sanft dahin. Ich werde über lange Flure gefahren und in einen Aufzug geschoben. Heute schiebt ein Schwarzer. Im Aufzug und dann auch im Durchgang unter der Mittelallee, unter den Wurzeln der Kastanien, singt er vor sich hin. Ich frage ihn, was er singe und was das für eine Sprache sei. Eine Sprache der Elfenbeinküste, sagt er, und als ich weiter nachfrage, erzählt er, dass er in Paris geboren sei, Frankreich und die Franzosen könne er aber, obwohl selbst Franzose, nicht leiden. Er habe 18 Jahre da gelebt, das reiche ihm für immer.

Die Transporteure sind junge oder nicht mehr junge Männer, die Patienten von ihrer Station auf eine andere oder zu Untersuchungen bringen. Zum Röntgen, zum MRT, zur Sonografie. Patienten sind ihr Transportgut.

Die Transporteure unterscheiden Läufer und Betten. Läufer sind Patienten, die gehen können. Betten sind Patienten, die liegend in ihren Betten gefahren werden müssen. Betten sind natürlich weniger beliebt. Alle Transporteure, es gibt 26 im Frühdienst, nachmittags weniger, sind mit einem Klinikmobiltelefon ausgestattet, mit dem sie Signale geben müssen, zum Beispiel »Bin auf Station angekommen«, »Patient empfangen« oder »Bin am Zielort und wieder verfügbar«.

Es gibt auf dem Klinikgelände allerdings auch Funklöcher, in denen die Überwachung nicht funktioniert. Angeblich hat der Oberaufseher einen Schirm, auf dem er die Bewegungen seiner Transporteure überwachen kann. Auf 20 bis 25 Kilometer komme er pro Tag, erzählt mir einer, abends habe er kein Bedürfnis mehr, spazieren zu gehen. Schuhe, sagt er, halten ein halbes Jahr. Die meisten Transporteure pflegen eine rituelle Kommunikation mit dem Patienten. »Wie geht es uns heute«, »Na, denn ma’ los«, »Jetzt um die Ecke«. Sie haben schon alles gehört und alles schon gesagt. Sie kennen ihre Wege.

Die blonde Ärztin mit Pferdeschwanz schiebt die Sonde des Sonografen über meine Bauchdecke, auf der sie feuchtkaltes Gleit- und Kontaktgel verschmiert hat. Sie schaut nicht auf mich, sie schaut nur auf den Bildschirm. Sie bewegt die Sonde wie eine Computermaus, ich bin das Mousepad, das immer wieder den Atem anhalten muss, damit das Bild für einen Augenblick stillsteht. Auf dem Monitor sieht sie mich von innen. Naja, sie sieht ein körniges Muster in Grauabstufungen, sich bewegende Schatten, die sie für ein Bild meines Innern halten kann. Das ist ein Organ, hier ist ein Gefäß, hier bewegt sich was. Ein Standbild, ein Screenshot. Ich kann auf dem Bild, ich sehe ein kleines Stück Bildschirm, nichts erkennen. Und ich denke, sie könnte auch Videokünstlerin oder Bildwissenschaftlerin sein.

Im Tunnel des Magnetresonanztomografen habe ich alle Zeit um nachzudenken. Ich liege im Ofen und werde gebacken, gleich bin ich gar. Verstehe schon, dass es Patienten gibt, denen es in der Röhre nicht gefällt, und die in klaustrophobische Angstzustände verfallen. Mir macht es nichts aus. Ist doch eine schöne Höhle, ich liege tief im Schacht. Ein Kontrastmittel läuft mir in den Arm. Kann die Ärztin, eine junge, süddeutsche Frau mit sehr heller Haut, Sommersprossen und lockigem Haar, mit diesem Gerät auch meine Gedanken lesen? Kann sie auf einem Monitor sehen oder aus dem Lautsprecher des Computers, vor dem sie sitzt, hören, was ich denke? Hört sie nun, dass ich den Verdacht habe, dass sie hören kann, was ich denke? Wie toll ich sie finde?

Als ich wieder im Zimmer bin, wird der Tropf wieder angehängt. Ich höre ihn nicht, ich sehe ihn bloß tropfen. Ich sehe nicht nur meinen Tropf, ich sehe auch wieder aus dem Fenster und in viele andere hinein. Ich sehe OP-Vorbereitungen im ersten Stock, zwei Frauen in grünem OP-Gewand stehen dort in einem Raum mit gekachelten Wänden, eine der beiden streift sich Gummihandschuhe über. Hinter dem Vorhang irgendeines dieser offenen Fenster stöhnt ein Mensch. Zehn Minuten später hört das Stöhnen wieder auf.

Die Studenten kommen um kurz vor halb zwölf. Die Charité ist ein Universitätsklinikum, hier werden Ärzte ausgebildet. Kommt her und schaut mich an. Zukünftige, was lernt ihr heute? Was darf ich euch verraten? Seht ihr, erkennt ihr, was ich habe? Seht ihr die Zeichen, die Schrift auf meiner Haut? Die Studenten lernen Fühlen, Tasten, Klopfen und Horchen. Lernen, sich ein Bild zu machen, ohne Ultraschall und Röntgen. Hier und da malen sie mir kleine Markierungen, Kugelschreiberstriche auf die Haut. Sie sind sehr höflich und fragen immer wieder, ob sie hier und auch hier noch mal dürften. Ich lasse sie.

Sonst werde ich kaum noch berührt. Heute zählen nur noch die Werte. Blutwerte und Bilder. Stimmen die Werte nicht, werden Bilder angefordert. Angefasst werde ich selten. Nur der Oberarzt begrüßt mit Handschlag, sein Handschlag ist die Berührung des weisen Mannes, der letzte Rest des Heilens durch Handauflegen. Berühre mich, und ich werde gesund. In der Berührung meines Körpers steckt die halbe Heilung.

Sein Händedruck sagt aber auch: Ich fürchte mich nicht vor deinen Keimen. Ich berühre dich doch noch. Ich traue mich. Noch bist du nicht unberührbar. Unberührbar sind die mit MRSA, Patienten, die sich mit multiresistenen Krankenhauskeimen infizierte haben. Die werden isoliert. Trotzdem hoffe ich, dass er sich vor und nach jedem Zimmer die Hände desinfiziert. Der Sterilium-Spender hängt draußen vor der Tür. Ich benutze ihn mindestens dreimal am Tag, eher öfter. Bald verwende ich ihn jedes Mal, wenn ich etwas angefasst habe. Händewaschen, sagt eine Ärztin, kann man eigentlich auch bleiben lassen. Nur die Alkoholdesinfektion verhindert die Schmierinfektion. Nach dem Einreiben mit Alkohol lebt nur noch einer von tausend Keimen, Händewaschen reduziert ihre Zahl nur um die Hälfte.

Mein Bettnachbar, wir liegen zu zweit im Zimmer, erzählt, wie es hier vor 50 Jahren zuging. Mit 30 Mann auf dem Zimmer. Und die Schwestern verteilten Mullbinden zum Aufrollen. Das Verbandszeug wurde damals noch gewaschen und wiederverwendet. So hatten Patienten immer was zu tun. Heute landet, aber das ist mir lieber, alles im Müll.

Dann kommt das Mittagessen. Eine Kunststoffhaube, in der Mitte hat sie ein rundes Loch, bedeckt die Menüschale. Die Suppenschälchen stehen daneben auf dem Tablett und tragen einen Gummideckel. So bleibt die passierte Gemüsesuppe oder Brühe oder Champignoncremsuppe, oder was auch immer da hineingefüllt wurde, warm.

Sich über das Essen zu beklagen, gehört zur Krankenhausfolklore. Hier zu sagen »Das hat aber gut geschmeckt«, ist für die Schwester eine Sensation, die sie gleich als gute Nachricht in die Küche hinuntertelefonieren will. Sie sagt: »Da freut sich der Koch, so was hört der nicht alle Tage.«

»Ich bin runter, Zeitung holen«, sagt mein Bettnachbar und ist schon zur Tür hinaus. Ich hoffe, er bleibt nicht in einem vergessenen Aufzug stecken, wie der Patient in dem anderen Berliner Krankenhaus, der erst nach drei Tagen gefunden wurde. Da hatte er schon angefangen seinen Urin vom Aufzugsboden aufzulecken.

Später betrachte ich wieder den Krankenhausboden. Kommt mir vor, als gäbe es in seinem Muster nun ganz andere Dinge zu sehen als heute Vormittag. Dabei ist es doch der gleiche rauchblaue Farbteich aus Linoleum und mein Bett das Floß, das auf diesem See treibt, das Wasser spiegelglatt, still und klar. Bis mein Bettnachbar wieder hustet. Der Boden ist in Bahnen zu einszwanzig verlegt, seine Farbe wiederholt sich in den Kopf- und Fußteilen der Betten. Am Fuß der Wand ist der Belag über die Wand-Boden-Kante hinauf- gezogen, was den meist sehr freundlichen Frauen, einmal nur in Wochen ist es ein Mann, das Wischen in den Ecken erleichtert.

Ein kleines Stück Wand wird einfach immer mitgewischt. Die Reinigungskräfte haben fast alle schwarze Haare, das passt gut zum Pistazientürkis ihrer Kittel. Die Frauen leeren auch die Mülleimer, die ich mit der kaum gelesenen Zeitung fülle, und legen neue Müllbeutel ein. Sie wischen auch über den Tisch, den Lampenschirm, der dann meist noch eine gewisse Zeit hin und her pendelt, und über den Nachttisch. Was da steht, heben sie kurz hoch und fahren mit dem Lappen darunter hindurch. Manchmal, wenn zu viele Bücher auf dem Klapptablett liegen, beschweren sie sich. Leere Wasserflaschen, das gehört nicht zu ihrem Aufgabenbereich, nehmen sie nicht mit. Manchmal macht das die Schwester am Abend, bei ihrem letzten oder vorletzten Gang durch die Zimmer, bevor sie an die Nachtschwester übergibt. Nicht ohne die Bemerkung, dass wer sich volle Flaschen hole, die leeren wohl auch zurücktragen könne. Ich liebe diese Erziehungsversuche.

Eigentlich ist es eine absurde Situation. Zwei Männer liegen auf einem Zimmer, und in regelmäßigen Abständen schauen Frauen herein, die fragen, wie der Stuhl war, ob wir die Essenskarten ausgefüllt und unsere Medikamente genommen hätten. Wir sind wieder fünf Jahre alt.

Aus: Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal (Hg.):
“Mekkas der Moderne„
 Pilgerstätten der Wissensgesellschaft.
Böhlau-Verlag; 422 Seiten; 24,90 Euro
www.mekkasdermoderne.de

Mekkas der Moderne

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