Wittenberg

Hilmar Schmudt

Wiege und Themenpark der protestantischen Ethik

Ja, es war Sommer. Schön lagerte die Hitze auf den Grünanlagen, die den ehemaligen Wall bedecken und die man durchquert, wenn man an der Halleschen Straße geparkt hat und zum Schloss und zur Schlosskirche emporsteigt. »Empor ist schon mal gut.« Sie sollen imponieren, die Kirche und das Schloss. Und es steht außer Zweifel, dass es sich dabei nicht um das Imponiergehabe der Lutherzeit handelt. In dem Schloss erkennen wir eine preußische Zitadelle, die ab 1819 entstand und deren Bau die historischen Reste des alten Schlosses zum Verschwinden brachte. Wer die Aura Friedrichs des Weisen, des Kurfürsten, welcher Luther protegierte, zu atmen wünscht, bliebe also ohne Stoff.

wittenberg-m-rutschy-die-burg

Das Imponiergehabe des Schlosskirchenturms erkennt man auf Anhieb als wilhelminisch. 1892 wurde der Neubau fertig. »Ein feste Burg ist unser Gott, / Ein gute Wehr und Waffen«, die ersten Zeilen von Luthers bekanntestem Kirchenlied, laufen als Inschrift auf Zweidrittelhöhe um den Turm herum und machen eher an Krieg als an Gott denken – Luther schrieb das Lied, wie K. nachlas, als die Türken Mitteleuropa berannten. Den Turm mit seiner ornamentalen Metallbekrönung bewundert man als Musterexemplar des Traum- kitsches, wie ihn der Wilhelminismus kultivierte. Leroi, Philosophieprofessor in Chicago, erinnerte der Schlosskirchenturm an die Fantasy-Architektur von »Star Wars«, »der phallische Kampfkreuzer des Imperators oder so.« Man sieht, das wird kein Aufenthalt bei irgendwelchen Ursprüngen in ihrer Reinheit.

Thesentür

Weiter zu dem, was der Reiseführer als die »Thesentür« bezeichnet. Eine Gruppe sommerlich entblößter Menschen lauscht einer Frau, die große Geschichte erzählt: der 31. Dezember 1517, die 95 Thesen wider den Ablasshandel. Die Touristen müssten eigentlich eine Epiphanie erleben: hier fing alles an. Aber sie stehen ein wenig ratlos herum. Gleich erzählte die Stadtführerin, dass der Anschlag womöglich als dies Drama nie stattfand, dass es sich vielleicht um eine Legende handelt. Das Bogenfeld ober- halb der Thesentür füllt eine Malerei, die Luther und Melanchthon rechts und links neben dem Kruzifix kniend zeigt, Luther hält die von ihm ins Deutsche übersetzte Bibel, Melanchthon die für den Protestantismus kanonische Augsburger Konfession, im Hintergrund Wittenberg. Der Himmel über der Szene erstrahlt in Gold, traditionell das Paradieslicht, was aber dem Protestanten nichts sagt. Das Innere der Kirche, noch einmal ein Festspiel des wilhelminischen Traumkitsches, brachte sich an diesem Tag vor allem durch die Kühle zur Geltung, die gegen die Sommerhitze draußen wie eine andere Welt abstach. Dass hier Luther und Melanchthon leibhaftig begraben liegen, liest man im Reiseführer. Was aber den Theaterraum nicht heiligt.

Zur Anschauung kommen sie hier nicht, die Grundgedanken, aus denen eine neue Welt hervorging. Später kauften wir in der Collegienstraße ein diesbezügliches Werk, und der Buchhändler begleitete den Erwerb mit einer zustimmenden Freundlichkeit, als hätten wir etwas lobenswert Rechtschaffenes vollbracht.

Wir blättern durch das neu erworbene Buch, in dem der Autor Horst Herrmann deutliche Worte findet: »Der wachsende Geld- bedarf der sich mehr und mehr in irdische Händel verstrickenden Päpste machte es nötig, immer neue Finanzquellen zu erschließen, in den Massen der Gläubigen das Bedürfnis nach diesem neuen Gnadenmittel zu erwecken und wachzuhalten, spezielle Formen der Ablasspropaganda zu erfinden und den Gewinn des einzelnen Ablasses stetig zu erhöhen.« Die protestantische Frömmigkeit ist grundsätzlich anders als dies Geschäftemachen mit Gott, das über die Institution der römischen Kirche läuft, weil sie die Gnadenmittel besitzt. Dagegen begann mit Luther, so unser amerikanischer Freund Leroi, die moderne Geschichte der Individualisierung, die auf die Selbstorganisation der Person statt auf ein institutionelles Programm ihrer Steuerung und Kontrolle setzt. Wer bin ich? Diese Frage entwickelte sich, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann demonstriert, zum zentralen Sozialisationsmechanismus der modernen Welt; jedes Individuum muss sie selber beantworten, immer wie- der, immer wieder neu, immer wieder unbefriedigend. Das zeitigt eine gewisse Überanstrengung, so Alain Ehrenberg in seinem Buch »Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft«. Doch führt kein Weg zurück zu den institutionellen Programmen, nach Rom. Denn wer den Weg zurück zu einem institutionellen Programm wählt, heiße es nun Rom oder Lenin oder Mohammed, hätte immer auch ein anderes wählen können. Er bekräftigt also die Individualisierung und relativiert die Sicherheit, die ihm die Flucht zurück, nach Rom oder sonst wohin, hätte gewähren sollen. Deshalb tendieren die Fundamentalisten so entschieden zur Gewalt, schloss unser Freund Leroi triumphierend: Blutvergießen als praktischer Wahrheitsbeweis, der das Kontingenzbewusstsein – die einen sagen so, die anderen sagen so – zu beseitigen scheint. Scheint.

Wir saßen unterdessen in einer Pizzeria hinter der Stadtkirche, die als ein weiteres Monument der Reformation sich präsentiert, der berühmte Cranach-Altar, die Predella mit Luther als Prediger. An der Außenmauer die notorische Judensau, der religiöse Antisemitismus bestimmte auch Luther tiefgreifend – unterhalb des Schandmals wurde 1988 eine Gedenktafel für die »Reichskristall- nacht« vor 50 Jahren angebracht. Historischer Gegenzauber, murmelte Leroi.

p10504091

Wir aßen Pizza in der Pizzeria, an den Tischen draußen in der Sommerhitze, unter orangefarbenen Schirmen, die ein eigenes Licht gaben. Kein Gedanke, dass man in Wittenberg einen altdeutschen Lunch zu verzehren habe, um dem Genius loci nahe zu kommen, nein, anders: Gewiss hätten wir ein Lokal mit altdeutschem Speisenangebot gefunden; doch schreibt keine Regel ihren Verzehr vor, er steht in deinem Belieben. Ein Besuch in Wittenberg, am Quellort der Reformation, des Protestantismus stellt keine Wallfahrt dar, keinen Besuch heiliger Stätten, die rituell abzuwan- dern sind, was die Seele erhebt und läutert.

wittenberg-m-rutschky-lutherbrodt

Nein, Wittenberg ist kein Wallfahrtsort für fromme Protestanten. Wittenberg ist ein theme park für Touristen. Ein reiches Veranstaltungsprogramm umspült die historischen Bauten und Monumente: Uraufführung im Rahmen der Lutherdekade. Weltzeit Wittenberg … Eine Theatertournee in die Zeit des Umbruchs an sieben Schauplätzen der historischen Lutherstadt Wittenberg. Buchen Sie einen Platz für eine Reise durch die Zeit der Reformation! – Melanchthongarten. Mit freundlicher Unterstützung der WIWOG mbH. Thilo Martinho. Eine leidenschaftliche Verbindung von Bossa-, Standards-, Salsa-Grooves bis zu lyrischer Latino-Musik (Horben- Schwarzwald). Alaris Schmetterlingspark. Unter Palmen, Bananen- stauden, Kaffeesträuchern, Bromelien, Orchideen und vielen anderen Pflanzen umgaukeln Sie hunderte farbenprächtiger Schmetterlinge aus aller Welt. Und das Beste daran ist: Dieser paradiesische Tagestrip in die Tropen kostet Sie nicht mehr als eine Kinokarte. 20 Jahre friedliche Revolution in Wittenberg. »Gebet und Erneuerung 1989 – 2009«. Beginn an der Luthereiche. Stationenweg mit Friedrich Schorlemmer zum Platz am ehemaligen Panzerdenkmal. Luthers Hochzeit. Das Wittenberger Fest. Eines der schönsten Feste Deutschlands an den Originalschauplätzen der Reformation. –> www.lutherhochzeit.de

p1050422

Eine schwarze Tafel, auf der in Kreideschrift ein Geschäft in der Collegienstraße sein Angebot anzeigt: laktosefreie Schokolade, grüne Heilerde, »Lutherbrodt«, Martins Verführungstropfen (Schlehenlikör), Katharinas Hochzeitslikör. Ein Schaufenster mit feinen Weißwaren, für die ein Plakat mit »aus Luther’s Wäsche-Truhe« wirbt. Ein Karton mit der Aufschrift »Luther-Bier«; dazu das dicke, traurige Gesicht unter dem Barett, das oft als eine Art Logo der Warenwelt in der Stadt begegnet, darunter der Spruch »ein kännlein bir gegen den teufel / ihn damit zu verachten«.

p1050430

Vor grünem Buschwerk sitzen auf Holzbänken sechs Jungs in T-Shirts, Polohemden, kurzen Hosen, die Backpacks ordent- lich zu ihren Füßen abgestellt, und hören artig, aber gelangweilt einem Mann zu, der rechts von ihnen Vortrag hält. Der Mann ist in historischem Kostüm, dem schwarz- en Talar der Gelehrten, das Barett auf dem Kopf, wie es das Luther- Logo der Stadt zeigt, dazu rote Strümpfe und Bundschuhe. Zwei der Jungs stützen den Kopf auf die Hände, als wollten sie der kanonischen Darstellung der Melancholie entsprechen. Dabei befinden sie sich im idealen Lebensalter für Luthers Pupswitze, flüsterte K., aus einem traurigen Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz und so.

wittenberg-m-rutschky-lutherdouble

Wir saßen im Hof des Lutherhauses, das passend das andere Ende des Straßenzuges besetzt, der mit Schloss und Schlosskirche beginnt. Hier auf diesem Hof kann man das Schwarze Kloster der Augustiner imaginieren, worin der Mönch Martinus und dann der Reformator lebte. Und den Gemüsegarten, den Frau Käthe später anlegte und der gut gedieh; überhaupt war sie eine tüchtige Haus- und Geschäftsfrau. Dort drüben kann man in das Museum ein- treten, das sich Luther und seinem Leben und seinem Hausstand in Wittenberg und der Reformation widmet. Nicht nur die Stadtführer mit ihren Talaren sind verkleidet, auch die Gebäude sind Maskerade: Friedrich August Stüler, Schüler des preußischen Meisterarchitekten Schinkel, hat sie Mitte des 19. Jahrhunderts in diese Form einer imaginären Renaissance gebracht.

Was man hier zu sehen bekommt, versuchte Leroi zu erklären, das ist also die Hauptstadt der Lutherschen Reformation, wie sie Preußen im 19. Jahrhundert sich dachte.

Aber Leroi, der Philosophieprofessor aus Chicago, hing hartnäckig seinen Gedanken über die Reformation als Ursprung der modernen Individualisierung nach: ihr wahrer Motor und Kraft- quell ist das Schuldgefühl. Der Ablasshandel versprach, dass man sich freikaufen könne. Luther dagegen arbeitete immer wieder heraus, dass das Verhältnis zu Gott unauflöslich durch die Sündhaftigkeit des Menschen geprägt ist. Luther schreibt in einem Sendbrief: »So beweist das Gebot: ›Du sollst nicht böse Begierde haben‹, dass wir allesamt Sünder sind und kein Mensch vermag zu sein ohne böse Begierde, er tue, was er will. Daraus lernt er an sich selbst verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei und so das Gebot erfülle durch einen anderen, was er aus sich selbst nicht vermag. So sind auch alle anderen Gebote uns unmöglich.«

Das Schuldgefühl setzt eine ungeheure Dynamik frei, die auf die unablässige Verbesserung des Selbst und der Welt ziele, wobei das Schuldgefühl die Kriterien und die Leistungen dieser Verbesserung wiederum unablässig in Frage stelle. Das Bessere gerät immer wieder als das Schlechtere in Verdacht – eine Dynamik, die, als Gott und seine Gnade als absolute Referenz verschwand, die moderne Welt schuf.

Klar, sagt Leroi, er wisse, dass man die Geschichte in der Regel ein wenig anders erzähle. Die protestantische Ethik bringe über Calvin und seine Prädestinationslehre den Geist des Kapitalismus hervor. Gott hat längst entschieden, wer durch seine Gnade erlöst wird, wer der Verdammnis verfällt. Der innerweltliche Lebenserfolg sendet aber Zeichen, wie der Gnadenstand eines Individuums beschaffen sei, laut Max Weber. Womöglich, sagt Leroi, könne man diese Erzählung aber einarbeiten in die seine vom Schuldgefühl als dem Kraftquell der modernen Individualisierung. Wenn er bloß die Zeit fände, diese Ideen auszuschreiben in seinem Buch?

p10504281

Wir wanderten dann in der Sommerhitze zurück durch unsere kleine Stadt. Das Melanchthonhaus; der Komplex der Universität. Auf die Rückseite des schönen Eingangstors haben Sünder zwei Schablonen-Grafitti platziert, die womöglich darauf vorausdeuten, welche weiteren Maskeraden hier anstehen. »Homo homini lupus« steht da rechts zu lesen, neben lupus die Umrisszeichnung eines Wolfs, der jeder Mensch sei, im Profil und heulend. An der Collegienstraße liegen auch die Cranachhöfe und das Cranachhaus und ein »Haus der Geschichte«, das vor allem von der DDR handelt, eine eigene Quelle des Schuldgefühls.

p1050429

Dann schleckten wir auf dem Trottoir vor einem Eiscafé drei Eisbecher und träumten weiter von den Maskeraden, die der Protestantismus hier an seinem Ursprung generieren könnte. Auf dem Markt, rechts neben den Statuen von Luther und Melanchthon, fand eine kleine Kundgebung statt, Protest gegen die Pläne der Obrigkeit, politische Flüchtlinge vom Balkan in Lagern zusammenzufassen (wenn ich richtig verstanden habe). Eine Mädchenstimme las im Lautsprecher die Resolution vor, mit einer kalten Wut (und Verzweiflung), die restlos aus der inneren Überzeugung floss, an die sich unbedingt zu halten der Protestantismus lehrt.

wittenberg-m-rutschky-radikal

Wir schlendern vorbei am Schaufenster eines aufgelassenen Geschäftslokals. Verbotenerweise ist es mit verschiedenen Plakaten beklebt. Eines davon zeigt in Schwarzweiß und kunstlos montiert eine Fratze mit gefletschten Zähnen und der Aufschrift:

»Die Zähne zeigt, / wer das Maul aufmacht / lebt und lest / radikal«.

Radikal, eine ehrwürdige Anarcho-Zeitschrift, klärte Leroi auf. Eben war sie wegen gewisser Attentate in Verdacht. So ähnlich muss wohl der Thesenanschlag funktioniert haben vor 500 Jahren. Falls er stattgefunden hat.

Aus: Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal (Hg.):
“Mekkas der Moderne“
Pilgerstätten der Wissensgesellschaft.
Böhlau-Verlag; 422 Seiten; 24,90 Euro
www.mekkasdermoderne.de

Mekkas der Moderne

Advertisements