Eine Welt ohne Wolken

Es gibt unzählige Foren für musikbegeisterte Menschen im Internet. Die folgende Geschichte spielt in einem dieser Foren. Sie handelt von einem Menschen, der anderen Menschen seine Musikressourcen übers Internet verfügbar macht: Radio- und Konzertmitschnitte, exklusive Klangaufnahmen, Podcasts. Bei der Masse der Aufnahmen, die bereitgestellt werden, kam mir häufig das Bild eines geschäftigen digitalen Maschinisten in den Sinn – eine hybride Lebensform unseres digitalen Zeitalters.

Der Maschinist liefert dabei stets erstklassige Qualität und hat sich damit einen Namen in der Szene gemacht. Regelmäßig hebt er deswegen auch zu egomanischen Höhenflügen ab und verscherzt es sich nicht selten mit den anderen Besuchern der Community. „Diese Qualität liefere nur ich allein!“ lautet sein Schlachtruf, den er nicht selten mit deutlich mehr Eigenlob dekoriert. Er vernachlässigt dabei, dass die Qualität ausschließlich von den Musikern vorgegeben wird, denn seine kopierte Qualität kann immer nur ein Äquivalent der Originalqualität sein.

Viele, die das Treiben des Maschinisten beobachten, fragen sich außerdem, warum er dieses merkwürdige Handwerk ausübt: Will er die Musiker aus altruistischen Gründen unterstützen? Sucht er Bestätigung?
Verdient er Geld, wenn die Dateien heruntergeladen werden?

Diese Fragen sollen an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Immerhin betont der Maschinist stets, dass er alle Musiker um Erlaubnis bitten würde, wenn er gedenkt, ihre Musik hochzuladen. Doch dann kam der Tag, an dem diese Aussage drastisch widerlegt wurde:

Der Nutzer stellte einen Mitschnitt eines Musikers bereit, der ebenfalls aktiv in dem besagten Forum unterwegs ist. Der Uploader hatte den Mitschnitt von einer Streamingplattform gerippt – einer Internetseite, auf welcher Künstler ihre Musik zum Anhören, sowie zum Herunterladen anbieten können. Der Download war in diesem Fall vom Künstler ausdrücklich nicht gewünscht.

Der Uploader hatte sich aber gedacht: Hey, die Leute wollen die Musik auf ihren eigenen Festplatten haben, auf ihren Pods und Sticks! Also muss ich diesen Stream sofort rippen und woanders hochladen! Das ist meine Pflicht! Das ist Promo! Dateien in Wolken sind mies! Es lebe der blaue Himmel!

Folglich wurde die Datei gerippt, hochgeladen – und der Nutzer postete den Link kurzerhand ins Forum. Davon bekam der Musiker Wind. Dieser war überaus unerfreut und schrieb sofort, dass er ausdrücklich keinen Download gewünscht habe – daher die Datei in der Wolke. Deswegen habe er nun den Provider des Uploaders benachrichtigt. Hier läge eine Urheberrechtsverletzung vor.

Daraufhin löschte der Uploader den Link und schrieb, dass er den Nutzer doch nur supporten und nicht schädigen wollte. Er entschuldigte sich für sein Vorgehen, machte aber auch deutlich, dass es ihm schleierhaft sei, warum der Musiker die Promotion durch Downloads verwehrte.

Auf diese Aussage ging der Musiker sofort ein und schrieb, dass er Support stets begrüßen würde, aber eben keine Urheberrechtsverletzungen duldet.

Nun entschuldigte sich der Uploader erneut, doch der Musiker schrieb, dass er wegen der Copyrightverletzung seinen Anwalt bemühen werde. Der vormals noch blaue Himmel wurde grau und düster. Die advokatischen Geister der realen Welt schnellten herbei.

Der Musiker reagierte drastisch, weil sich der Uploader zwischenzeitlich noch einmal polemisch über Vorgehen des Künstlers ausgelassen hatte: Wie käme der Musiker dazu, seine Musik ausschließlich in der Wolke zu speichern? Und warum in der schlechten 128 kbps-Qualität?! Das sei keine gute Promo!

Diese Polemik verschwand allerdings wie von Geisterhand aus dem Forum.
Der Uploader löschte sie, als der Anwalt des Musikers plötzlich im grauen Anzug hinter dem blauen Horizont hervorlugte. Da der Musiker aber mittels Echoreply die Worte des Uploaders verdoppelte, sind die Spuren der Polemik weithin sichtbar.

Nun schaltete sich auch der Moderator des Forums ein. Er verwies zunächst darauf, dass ausschließlich Musiker darüber bestimmen dürften, wie ihre Musik zu promoten wäre. Er teilte die Ansichten des Musikers und sagte diesem die volle Unterstützung zu, falls es zu dem Rechtsstreit käme. Er würde hierfür auch gerne die Daten des Rippers an die Ermittlungsbehörden weitergeben. Im gleichen Atemzug betonte er aber auch, dass er den beiden lieber das klärende Gespräch empfehlen würde.

Auch andere Nutzer meldeten sich nun zu Wort. Die Prozessabsicht wurde als sehr drastisch empfunden. Ein Nutzer schrieb beispielsweise, dass es nach hinten losgehen würde, wenn jemand versuchte, die Freiheit des Internets politisch oder rechtlich zu regulieren. Am Ende würde deshalb der Musiker der Buhmann sein, weil die Community die Rechtsschritte sicher nicht gut heißen würde. Von daher sollten die beiden eher das Gespräch suchen, statt ihre Advokaten zu bemühen.

Ein weiterer Beitrag des Moderators folgte. Dieser empfahl nun erneut die außergerichtliche Einigung mittels Telefonat und stellte weiterhin das Vorgehen des Uploaders in Frage. Unter anderem verwies der Moderator darauf, dass der Uploader bereits mehrere Identitäten in dem Forum gehabt habe, die mitunter gesperrt wurden. Der aufmerksame Beobachter hatte die Metamorphose des Uploaders bereits in einem anderen Thread beobachten können, wo dieser mit drei Identitäten aktiv war, wobei am Ende zwei Identitäten auf der Strecke blieben.

Daraufhin meldete sich der Uploader. Er betonte, dass er sich mit dem Inkrafttreten seiner aktuellen Identität gebessert habe – Läuterung sei ihm widerfahren. Er würde keine Konflikte mehr verursachen wollen. Dabei klang er sehr gekränkt, weil er nur Gutes tun wollte, doch nun bitter bestraft werden sollte.

Dirk Glücksberg

Der Moderator entgegnete darauf, dass er kein Verständnis für die Kränkung habe. Er betonte aber auch erneut, dass der Uploader und der Musiker unbedingt miteinander sprechen sollten.

Ein weiterer Nutzer kommentierte nun, dass die Reaktion des Künstlers nachvollziehbar sei. Hingegen sei es nicht nachvollziehbar, dass der Künstler die Gefahren der Neuen Medien, die er selbst instrumentalisierte, unterschätzt habe.

Nun meldete sich wieder der Uploader. Er berichtete von einem Telefonat mit dem Künstler und dankte diesem mit mehreren Ausrufezeichen für den Verzicht auf die Anzeige. Gleichzeitig kündigte er an, dass er seine Ripper-Existenz nun sterben lassen würde.

Daraufhin meldete sich auch der Künstler, der zunächst sehr forsch auf den schon fast vergessenen Buhmann-Kommentar einging. Er klang dabei verletzt und böse – und äußerte sich weiterhin abfällig über den Uploader, welchen er einzig und allein aus Mitleid nicht verklagen würde.

Einige Nutzer gingen nun noch einmal auf den angekündigten Tod des Rippers ein. Sie bedauerten die Entscheidung außerordentlich, denn mit dem Ripper würde ein Teil ihrer musikalischen Freizeit und Freiheit sterben. Durch diese Reaktionen wurde gleichzeitig deutlich, wie sehr sich der Ripper unentbehrlich gemacht hatte.

Somit war es auch absehbar, dass der Ripper zum Tode seiner Existenz noch einmal Stellung beziehen würde: Er reflektierte in wenigen sprunghaften Sätzen über den Sinn und Unsinn seiner Entscheidung und kam zu dem Fazit, dass die Ripper-Existenz weiterleben werde.

Seither ist er wieder ganz der Maschinist – in einer Welt ohne Wolken.

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