Zum Beispiel Viren

Hilmar Schmundt

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Dies Schema erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Nicht nur in der Theologie. Auch in Biologie und Medizin. Nehmen wir zum Beispiel die Viren.

Viren sind doch wirklich das Letzte. Das weiß jeder, der mal eine Grippe hatte: Schnupfen, Husten, Kopfweh, Weltschmerz. Ein Virus. Oder Ebola: Blutspucken, dunkle Flecken, qualvoller Tod nach wenigen Tagen. Ein Virus. Polio, das die Gliedmaßen verkümern lässt und sogar Präsident Roosevelt, den mächtigsten Mann der Welt, schon als Kind in den Rollstuhl zwang: ein Virus. Oder Masern, Röteln, Pocken. Alles Viren. Dazu noch HIV/Aids, eine Krankheit die bereits weit über 20 Millionen Menschen getötet hat. Wenn es eine Geißel der Menschheit gibt, dann sind es die Viren. Die einschlägigen Buchtitel der Neunziger Jahre sprechen Bände: „Viren – Die Unsichtbaren Killer“. Oder: „Viren – Diebe, Mörder und Piraten“.

Das Schema ist klar: Oben sind wir, Sie und ich und unsere Freunde, die Tiere, die Blumen, kurz: Wir Eukaryonten also, die Wesen also mit den „schönen Zellkernen“. Zugegeben, zu den Eukaryonten gehören auch Organismen wie Backhefe oder Schleimpilze, aber man kann sich seine Verwandten ja schließlich nicht aussuchen.

Wir Eukaryonten sind wahre Wunderwerke der Komplexität. Sie und ich sind Zellhaufen, und jede einzelne Zelle wiederum, so klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop erkennen kann, ist wiederum ein Mikrokosmos, eine filigrane, arbeitsteilige Polis mit einer festen Zellwand, die Fremdes abhält, mit Kraftwerken, die für Energie sorgen, mit Fabriken, die Erbgutschnipsel in Eiweiße umsetzen, mit einem Postwesen, das Informationen überträgt, und vor allem mit einer ausgeklügelten Steuerzentrale, die sich wiederum hinter einer eigenen Schutzhülle verschanzt: Der Zellkern. Viren dagegen sind einfach nur nacktes Erbgut. Wenn eine Zelle einer Stadt entspricht, sagen wir: Wolfsburg, mit seinen Alleen und Kaufhäusern und der VW-Fabrik mitsamt Chefetage, dann sind Viren so etwas wie ein Bauplan. Ein Bauplan, der einfach so ins Werk geweht wird, über die Gänge fliegt, unf auf dem Tisch des Chefingenieurs landet. Auf dem Bauplan steht: Drucke eine Unmenge von neuen Bauplänen. Stoppe die gesamte Autoproduktion und drucke nur noch Baupläne, die du dann in alle Welt verschickst, nach Rio und New York und Braunschweig und Goslar. Viren haben daher ein ziemlich schlechtes Image. Denn Viren haben nichts, sie sind nichts, sie können nichts, außer manipulieren und schnorren. Und sie kommen damit auch noch durch. Das beweist die alljährliche Grippewelle, die ab November wieder durchs Land rollt.

Sind Viren lebendig oder tot, sind sie Teil der Biologie oder einfach nur unbelebte Chemie? Nicht einmal diese Frage lässt sich eindeutig beantworten. Aber sie sind erfolgreich. Tatsache ist: Wir Eukaryonten, Sie und ich hier oben auf dem Olymp im Vollbesitz unserer Zellkerne, sind unter ständiger Belagerung durch eine dunkle, unsichtbare Ursuppe aus Viren. Oben sind wir und unten ist ES, das Andere, das Unten, die Keime, die Diebe, Mörder und Piraten. Hier oben ist Leben und Ordnung, da unten wabert das Chaos und der Tod.

Über dies Schema wird selten auf Stehparties gesprochen, dafür ist es uns Eukaryonten zu geläufig und selbstverständlich. Wer würde schon sagen: Oh, Sie haben eine Grippe. Wie aufregend. Besuch aus einem anderen Reich, mal ein bisschen Abwechslung hier im Reich der Eukaryonten, mal was Anderes. Nein. Die Viren, da herrscht ein breiter Konsens in der Mitte der Eukaryontengesellschaft, die unsichtbaren Killer sind ganz ganz unten.

Fast täglich erfährt die Öffentlichkeit Neuigkeiten vom verzweifelten Kampf der Truppen des Immunsystems gegen die unsichtbare Flut der submikroskopischen Angreifer. Innerhalb eines Monats erfuhren wir, das in Oberbayern 160 000 Enten gekeult werden mussten, um die Vogelgrippe an der Ausbreitung zu hindern. Dahinter steckt H5N1, ein Virus.

Auch hinter dem geheimnisvollen Bienensterben in den USA werden Viren vermutet, das Israel Acute Paralysis Virus (IAPV). Seit Jahrhunderten leben Mensch und Biene in enger Symbiose, schon den Ägyptern waren die staatenbildenden Honigsammlerinen heilig, das Hierogplyphenzeichen für das Unter und Obere Reich hatte die Form einer Biene. IAPV ist geradezu ein Angriff auf die Staatsraison selbst, auf Tugenden wie Fleiß und Solidarität und Reinlichkeit, für die die Bienen seit jeher als Symbol stehen. Pfui. Auch an etlichen Krebsarten und Asthma sind Viren beteiligt, stellt man neuerdings fest.

Dann ist da Libyen. Nach langer Propagandaschlacht und ausgiebiger Folter lässt der Wüstenstaat zehn rumänische Krankenschwestern frei, denen vorgeworfen worden war, Kinder absichtlich mit Aids infiziert zu haben. Bei diesem Unfug verließ sich Herr Gaddafi auf das Schema, dass Ausländer und Viren irgendwie beide das Letzte sind und sicher irgendwie unter einer Decke stecken, auch wenn es keine Beweise dafür gibt.

Dann ist da „Miss Rotebeete“, die südafrikanische Gesundheitsministerin, die zur Prävention von Aids einen gesunden Lebenswandel empfiehlt, und viel Gemüsesaft. Mit freundlicher Unterstützung des Schemas, das ja besagt, dass Viren etwas Niederes sind, dem etwas Gutes, Reines entgegengesetzt werden muss: Gemüse. Ein anderer Mythos, der zwar nicht von der Gesundheitsministerin propagiert wird, geht in eine ähnliche Richtung: Gegen Aids hilft nur Sex mit Jungfrauen. Das Schema ist dasselbe: Viren sind schmutzig, Jungfrauen dagegen sind rein und unschuldig. Einige erfolgreiche Hassprediger dagegen, die aufgrund ihres Glaubens nicht soviel von Prosmiskuität halten, favorisieren wiederum die Geschmacksrichtung Xenophobie: Aids sei eine Geheimwaffe der rassistischen ehemaligen Kolonialmächte. Denn Kolonialismus ist das Letzte, genau wie Viren.

Soweit zu den ausgefransten Randregionen des Virenschemas. Doch Vorsicht. Es wäre zu leicht, die abwegigeren unter den Verschwörungstheorien einfach so abzutun als vormodern und abergläubisch. Denn auch die aufgeklärten Stämme, die sich gefeit glauben vor Hasspredigten und religiösen Eiferern, vor den Verlockungen einer stimmigen Welt, die von einem guten Schöpfergott geschaffen wurde, müssen vielleicht bald umdenken. Hedonisten und Körperfetischisten zum Beispiel müssen um ihre mühsam im Fitness-Studio gestählten Proportionen bangen, denn immer wieder sorgen Meldungen für Aufregung, dass Grippeähnliche Viren Fettleibigkeit auslösen können. Sind Schwabbelbäuche ansteckend? Sollten Körperbewusste Menschen lieber einen Bogen um ihre dicken Freunde machen?

Vireninfektionen drohen, zentrale Werte im menschlichen Umgang zu zersetzen, so könnten Apokalyptiker raunen. Sogar Biologen sind davor nicht gefeiht – im Gegenteil. Gerade beim Thema Biologie fühlen sich die aufgeklärten unter den Eukaryonten oft wunderbar immunisiert, weil sie schon in früher Kindheit mit der Kränkung fertig geworden sind, dass Affen nahe Verwandte sind. Im Bewusstsein dieser Schutzimpfung glaubt man sich dann sicher wie auf einer Galapagos-Insel der Seligen, in sicherem Abstand vom unübersichtlichen Festland der Meinungen mit seinen Scharlatanen und Gottsuchern, die an die göttliche Sechstagewoche der Schöpfung glauben.

Doch man sollte sich nicht zu sicher fühlen in seinem Weltbild. Denn das Virenschema prägt uns stärker, als wir ahnen – und es wackelt derzeit gewaltig. Die Viren sind auf dem Vormarsch. Fast scheint es, als würden sie allmählich salonfähig werden in einigen Kreisen, und sich fast einer gewissen Sympathie erfreuen. Ein apokryphes Gegenschema behauptet doch glatt: Wir sind nicht nur mit den Affen verwandt. Sondern auch mit den Viren. Näher, als bisher geglaubt. Unverzichtbare Teile unseres Erbgutes stammen sogar von Viren. Schlimmer noch: Einige unserer besten Freunde sind Viren.

So oder so ähnlich plaudert zum Beispiel Didier Raoult, wenn man ihn in seinem Büro an der Uni von Marseille besucht. Das Büro ist geräumig, übersäht mit Aufsätzen und Fachzeitschriften. Urkunden und Ehrungen säumen die Wände. Am Fenster röchelt eine Klimaanlage gegen die Mittagshitze an. Eine Sekretärin huscht herein und reicht mir wortlos einen Stapel mit der Biographie des Professors: Eine nicht enden wollende Aufzählung von Preisen und Herausgeberschaften und Fachaufsätzen. Raoult ist also eine Instanz, ein weißhaariger Gott in weiß. Am Regal hängt sein Arztkittel, er arbeitet teils an der Uniklinik, teils hier im Referenzlabor der UNO für gefährliche Erreger, sogenannte Rickettsien, das sind winzige Bakterien, die sich fast so ähnlich verhalten wie Viren. Auch der Tollwuterreger ist eine Rickettsie. Aber im Gegensatz zu einem Virus hat er wenigstens einen Zellkern. Nach Nine-Eleven wurde Raoult von hochrangigen Vertretern der französischen Regierung damit beauftragt, einen Bericht zu verfassen über Bioterrorismus. Also vergrub er sich in die Literatur, bereiste Krankenhäuser, spähte durchs Mikroskop. Und kam zu einem unangenehmen Fazit: Bioterroristen sind gar nicht das Problem. Sie mögen ja die schlimmsten Absichten hegen, aber bislang sind die unsichtbaren Erreger einfach unbeherrschbar. Bislang gibt es keinen einzigen „erfolgreichen“ Fall von Bioterrorismus. Das allerdings bedeutet nicht Entwarnung. Sondern alles ist viel schlimmer. Nicht der Terrorismus sondern der Tourismus sind das Problem, die Flughäfen, die Container, die Globalisierung schleusen Epidemien von Land zu Land. Und gegen die globalisierten Erreger sind die meisten Länder bislang sehr schlecht gewappnet. Es fehlen Quarantänestationen an den Flughäfen. Es fehlen Labors und vor allem fehlt es am Verständnis für Viren. Gegen Bakterien gibt es wenigstens Antibiotika. Doch die schlagen bei Virenerkrankungen nicht an. Viren lassen sich bislang medizinisch nur bremsen, nicht vernichten. Wenn HIV-Infizierte aufhören, ihre Medikamente zu nehmen, sterben sie schnell an AIDS.

Raoult hatte also den Auftrag bekommen, die biologische Brunnenvergiftung zu studieren. Doch je tiefer er in den Brunnen blickte, desto faszinierter wurde er. Ein bisschen ging es ihm wie der Pechmarie im Märchen, die in den Brunnen fällt und im Himmel landet. Raoult untersuchte einen Erreger, der in einem Wassertank in England aufgetaucht war, und unter Verdacht stand, Lungenentzündung auszulösen. Der Erreger war groß wie ein Bakterium und sah auch so aus, aber verhielt sich wie ein Virus. Irgendwann merkte Raoult: Es war ein Riesenvirus. Er taufte es „Bacteria Mimicking Virus“, kurz: Mimivirus. Das Virus widersprach vielen gängigen Definitionen. Es war riesig, es hatte ein riesiges Erbgut, und es konnte Dinge, die man bislang keinem Virus zugetraut hätte. Bisher war die Überzeugung gewesen: Viren sind einfach nur Erbgutabfalls, fehlgeleitete Genschnipsel, die Unheil anrichten. Raoult dagegen zeigte anhand einer Erbgutanalyse, dass Mensch und Virus nahe Verwandte sind. In seiner Überzeugung sind Viren die Reste von ehemals größeren Organismen, die sich im Laufe der Evolution immer weiter auf ihre Kernkompetenzen konzentriert haben – bis irgendwann nur noch ihre Quintessenz übrig blieb: Erbgut, das sich in fremde Zellen schleicht. Diese Theorie kommt einer kleinen französischen Revolution in der Mikrobiologie gleich. Er reichte den Aufsatz bei einer respektablen Wissenschaftszeitschrift ein. Und die ließ ihn glatt zurück gehen. Viren als Verwandte der Eukaryonten? Bei aller Offenheit für Neues, aber das ging dann doch zu weit. Natürlich hatten sie fachliche Einwände. Aber sicher störte sie auch die Aufsässigkeit gegen das Schema. Raoult blieb dickköpfig. Und irgendwann wurde sein Paper dann doch publiziert.

„Wer Viren nur als medizinisches Problem sieht, und nicht ihre Entwicklungsgeschichte und ihre evolutionären Strategien versteht, ist ihnen hilflos ausgeliefert“, sagt er. Dies Feindstudium hat eine lange Tradition.

Bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts wusste man fast nichts über Viren. Erst 1892 konnte das erste Virus isoliert werden – das Tabakmosaikvirus, das die Blätter von Tabakpflanzen verkrüppelt. Dann kam der Erste Weltkrieg, und mit ihm und den gewaltigen Truppenbewegungen eine der tödlichsten Vernichtungswelle, die die Menschheit je heimgesucht hat. Über zwanzig Millionen Menschen erlagen in den Jahren 1918 und 1919 von der sogenannten Spanischen Grippe – weitaus mehr, als auf dem Schlachtfeld gefallen waren. Genaue Statistiken gibt es nicht, denn die Symptome waren rätselhaft. Die Kranken husteten Blut, ihr Gesicht wurde bräunlichviolett, ihre Füße schwarz, aus dem Mund trat blutiger Speichel. Die Alliierten vermuteten eine Biowaffe der Firma Bayer dahinter, General Ludendorff dagegen machte die Grippe dafür verantwortlich, dass seine Juli-Offensive fehlschlug. Doch trotz dieser Dolchstoßlegenden auf beiden Seiten, gibt es kein einziges ikonisches Foto von einem blutspuckenden Soldaten, welches im kollektiven Gedächtnis abrufbereit wäre. Oder erinnern Sie sich etwa an ein Bild der Spanischen Grippe, das ähnlich präsent wäre wie etwa das nackte vietnamesische Mädchen, das weinend vor einem amerikanischen Bombenangriff flieht? Vielleicht liegt das daran, dass sich kein politischer Feind festmachen ließ, der hinter der Virenseuche stand. Vielleicht auch daran, dass keine Legionen von Verkrüppelten die Erinnerung wach hielten, mutmaßen Medizinhistoriker. Vielleicht wurde die Seuche aber einfach nur verdrängt. Denn die Medizin war völlig hilflos. Ihr Sieg war fast eine schlimmere Demütigung als die Niederlage gegen den politischen „Erbfeind“. Erst in der Zwischenkriegszeit kam die Virenforschung in die Gänge.

Allmählich setzte sich der Begriff „Virus“ durch, und etablierte damit gleich das Schema von Viren als ganz unten: „etwas Undefinierbares, etwas Unbehagliches, etwas Schleimiges, das Zerfließende, das Giftige“, wie es in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften“ aus dem Jahr 1940 hieß. Anfänglich galten Viren gemäß der damaligen Begrifflichkeit als „Entartete Biokatalysatoren“, deren Fähigkeit sich „nicht mehr im Sinne des Ganzen auswirkt.“ Biologische Volksverräter gleichsam, also ganz unten. Doch nach und nach geschah etwas Erstaunliches. Die Virusforschung legte den Grundstein für das Verständnis des menschlichen Erbguts, denn die Methoden waren dieselben. Die Erkenntnis, dass unser Erbgut in einer wunderschönen Doppelspirale aufgezwirbelt ist, verdankt der Erforschung der Spanischen Grippe eine Menge. Das Time-Magazin nannte 1960 das Tabak-Mosaikvirus gar den „Rosetta-Stein für die Sprache des Lebens“.

In den Sechziger Jahren wurden die „entarteten“ Moleküle von der Kunstwelt entdeckt – weil sie als irgendwie verrucht und subkulturell kodiert waren. Ganz unten, und daher genau richtig für Dichter wie William S. Burroughs mit seinem vielzitierten Spruch „Language is a virus“, der in den Achtzigern von der Intellektuellen-Folkloresängerin Laurie Anderson zu einem eingängigen Refrain verbraten wurde. Nun waren Viren zwar immer noch unten, waren immer noch Diebe, Mörder und Piraten, aber eher im Sinne von Poètes maudits wie Rimbaud: gefährlich, unberechenbar, anarchistisch, ganz unten und daher hip, ein Teil des Radical Chic.

Auch Forscher wie Didier Raoult in seinem Labor in Marseille beziehen sich auf dieses Schema – als Kontrastfolie für ihre eigenen Theorien. Denn dadurch, dass das Schema intakt ist, bekommen sie als Renegaten eine Menge Aufmerksamkeit. Raoult weiß das zu inszenieren. Draußen auf dem Gang vor seinem Büro brummeln zig Kühlschränke mit giftigem Inhalt vor sich hin, die Labors sind mit Luftschleusen gesichert, an den Türen prangen die „Biohazard“-Warnsymbole. Doch an seiner Pinnwand neben dem Schreibtisch hängt ein Foto, das ihn gemeinsam mit einem französischen Präsident zeigt. Und daneben ein Bild von Mimivirus, seinem Kronzeugen bei der Rehabilitierung des Virenreichs. Monsieur le Président lui-meme, der höchste Vertreter der Grande Nation neben einem Krankheitserreger, einem Dieb, Piraten, Mörder. Lustvoll rüttelt Raoult am gängigen Schema des oben und unten.

Vielleicht hängt seine Oppositionshaltung damit zusammen, dass er aus Marseille ist. „Marseille war immer ein Einfallstor für Seuchen, einfach wegen des Hafens und der vielen Immigranten aus aller Welt“, erzählt Professeur Didier Raoult. Auf Walter Benjamin wirkte die Stadt abstoßend wie ein „verfaultes Seehundsgebiss“. Raoult dagegen würde ein gut erhaltenes, verfaultes Seehundsgebiss wahrscheinlich erst einmal untersuchen auf neue, interessante Viren. Hier ist man nicht zimperlich und hat man ein entspanntes Verhältnis zu Grenzüberschreitungen diverser Art. Hier werden Fußballspieler dafür gefeiert, wenn sie den Gegner im Weltmeisterschaftsfinale niederstrecken, wenn der ihnen dumm kommt.

Was, wenn Viren nicht das Letzte sind, sondern das Erste, nicht Parasiten und Piraten, sondern Vorfahren, ja, Vorbilder? Diese Frage stellen sich derzeit viele Forscher. Die französische Biorevolution zieht immer weitere Kreise. In der Bahnhofsbuchhandlung im Gare Saint-Charles, nur ein paar Schritte vom Rekrutierungsbüro der Fremdenlegion entfernt, wird die Wissenschaftszeitschrift „Pour La Science“ verkauft. Titelgeschichte: „Les Virus – Ennemis utiles“. Viren als nützliche Feinde, dieser Gedanke könnte das entscheidende Einfallstor sein für einen Paradigmenwechsel im Virenschema.

Die Autoren dieses Heftes erzählen in zig Artikeln, dass das bekannte Virenschema vom Kopf auf die Füße gestellt gehört. Sie preisen die Vorzüge der Viren: Sie sind keine Piraten, sondern Globalisierer, sie sind keine Diebe, sondern einfach nur Boten, die auch durch verschlossene Türen gelangen; sie sind nicht entartet, sondern einfach nur anpassungsfähig; sie sind keine Killer, sondern Innovatoren, Teamworker, Beschleuniger, sie sind Teamworker; sie sind bescheiden, sie sind immer schon längst da. Verglichen mit ihnen wirken Eukaryonten wie Sie und ich wie eine Herde trotteliger Dinosaurier. Unsere Zellkerne? Kaum mehr wert als Strafzölle und Gewerkschaften und andere Bollwerke, um den Status quo zu verteidigen. Eine Mutation zum Beispiel, eine Veränderung des Erbgutes, für die unsereins fünf Millionen Jahren bräuchte, legt so ein Virus in nur fünf Tagen hin. Viren verkörpern fast alles, was auch in neoliberalen Sonntagspredigten zu hören ist. Viren brauchen keinen Ruck, der durch die Gesellschaft geht. Sie sind der Ruck.

Die „virozentrische“ Weltsicht, wie sie der Biologe Carl Woese in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ fordert, ist nicht nur eine Zumutung, sondern verspricht auch Argumentationshilfen für diverse politische Scharmützel. Für Kapitalismuskritiker zum Beispiel muss Woeses virozentrische Verheißung verlockend wirken, dass Virengene die wahren „Kosmopoliten“ sind, die frei zwischen den Arten wandern, und mit ihrer „kollektiven Interaktion“ sogar die darwinsche Vorstellung eines Überlebenskampfes relativieren durch ein Reich der viralen Kooperation aller mit allen. Auch Gegner der christlich-fundamentalistischen Schöpfungslehre erhoffen sich Hilfe von den unsichtbaren Erregern: Das „Unintelligent Design“ der wandernden Erbgutschnipsel sei der beste Beweis, dass es keinen Schöpfergott braucht“: „Wir haben einfach an den falschen Stellen nach dem Schöpfer gesucht“, heißt es in der Zeitschrift „Discover, „anscheinend verdanken wir Viren unsere Existenz.“

Viren sind ganz vorne und ganz oben. Mit diesem Gefühl verabschiedet man sich von Virenforschern wie Didier Raoult. Wer Viren nicht auf Augenhöhe begegnet, mit Respekt und gewissermaßen Einfühlungsvermögen, der hat keine Chance, ihre Strategien zu verstehen, der ist schon bald Virenfutter, der wird von der nächsten Pandemie, von Aids oder Ebola oder Vogelgrippe oder wie sie alle heißen, hingerafft. Aber das musst einem keine schlaflosen Nächte bereiten, findet Raoult. Im Gegenteil. Er vertraut auf das Gute im Virus. Er erinnert daran, dass man Viren als „Genfähre“ benutzen kann, um heilsame Gene in kranke Körper zu schleusen. Oder dass sich manch gefährliches Bakterium mit Hilfe von sogeannten Bakteriophagen-Viren bekämpfen lässt. Zum Abschied erzählt er noch eine kleine Anekdote. Als Kind erzählte sein Vater, ein Militärarzt in Afrika, ihm manchmal eine Gutenachtgeschichte von Mimi – „Mimi l’Amibe“. Mimi die Mikrobe. Nach der Mimi seiner Kindheit hat er sein bahnbrechendes Virus benannt. Als seine Familie den Namen las, den er dem Organismus gegeben hatte, kreischten sie alle laut und begeistert: „Mimi! Mimi die Mikrobe!“

Und was, wenn er recht behalten sollte? Was, wenn wir nicht nur mit dem Affen verwandt sind, sondern mit Viren? Wenn Viren oben – was wäre dann unten? Der Tod? Die tote Materie, die nicht einmal dazu in der Lage ist, Erbgutschnipsel zu bilden, wie es die Viren tun? Das Vakuum, das Nichts? Denken Sie doch bei Gelegenheit mal darüber nach, liebe Eukaryonten. Wenn Sie mal wieder Zeit haben und ein Anlass besteht. Zum Beispiel während der nächsten Grippe. Denken Sie bei jedem Nieser an den Ruck, der durch den laschen Zellhaufen geht, der ihr Körper ist. Genießen Sie die Innovationskraft der kleinen Verwandten. Geben Sie sich dem Gegenschema der virozentrischen Weltsicht hin wie einem Fiebertraum. Aber bis dahin behält das alte Schema seine Gültigkeit. Viren sind das Letzte.

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