Unsere Achtzigjährigen

Werner Graf

Jahrgang 1929. Wir kennen auffällig viele, die Kohorte erscheint als eine Versammlung von Berühmtheiten: Peter Rühmkorf, Walter Kempowski, Hans Magnus Enzensberger, Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas z. B., oder auch Anne Frank. Ein ‚guter Jahrgang’ der Literaturgeschichte: Heiner Müller, Walter Helmut Fritz, Reinhard Lettau, Willi Fährmann, Arnold Hauser, Reinhold Baumgart, Günter Kunert und eine Frau: Christa Wolf.

Karrieren in Kunst und Wissenschaft, eine kulturell einflussreiche Generation: die Kulturträger der inzwischen so genannten alten Bundesrepublik – und der DDR.

Alles Zufall?

Oder hat der Zeitpunkt der Geburt so spezifische, historische Sozialisationsbedingungen vorgegeben, dass sich Ähnlichkeiten im Lebensverlauf eines Jahrgangs zeigen, die – trotz individueller Vielfalt und trotz einer gewissen Konstanz der Erziehungsprogramme und der Sozialisationsinstanzen – deutlich differieren von den Biografien derjenigen, die kurz davor oder kurz danach geboren werden?

Die gesamte Volks- und Mittelschulzeit und fast die ganze Gymnasialzeit war geprägt vom totalitären NS-Schulsystem, alle Lernziele auf NS-Ideologie ausgerichtet, die Lehrer autoritäre Parteigenossen: bei dieser Vorbildung eigentlich überraschend, die alsbaldige Meinungsführerschaft in der freiheitlichen Demokratie und sozialen Marktwirtschaft.

Diese Schriftsteller hatten auch ihr Publikum, nehmen wir als Repräsentanten einen (unbekannten) Leser; Wilhelm Dören (1), der auch achtzig wird dieses Jahr. Es geht ihm nicht mehr so ganz gut, Probleme hat er mit den Augen, so dass er zu seinem großen Bedauern heute nicht mehr längere Zeit lesen kann. Aber die Zeitung nimmt er sich noch täglich vor, und so verfolgt er auch die Geburtstagsartikel für seine berühmten Jahrgangsgenossen.

Jenes Demokratie-Buch von Ralf Dahrendorf hatte er seinerzeit gelesen. Diese freiheitliche Sicht hat er sich zueigen gemacht, gewählt hat er jedoch immer sozialdemokratisch. Peter Rühmkorf hat er in einer Lesung erlebt. Mit dessen Lyrik konnte er aber wenig anfangen, vielleicht kam sie ihm nicht ernsthaft oder wichtig genug vor. Aber die Person hat sich eingeprägt, er sieht ihn noch vor sich, wie er da saß mit einer Flasche Rotwein.

Von Kempowski hat er die frühen Romane alle gelesen und natürlich die Verfilmungen gesehen, das hat etwas getroffen, obwohl ihn die DDR weniger interessierte. Heiner Müller dagegen hat er nicht verstanden, ein paar Mal hat er’s versucht, weil der so gefeiert wurde. Aber von Christa Wolf das Autobiografische, das hat ihn gefesselt.

Selbst stand Wilhelm Dören nie in der Öffentlichkeit, er hat durch die Medien partizipiert. Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und Bücher. Dort ist er – wie jeder – lange Akteuren begegnet, die deutlich älter waren, von jüngeren las er wenig. Erst mit der Zeit fiel ihm seine Generation, sein Jahrgang auf.

Wilhelm Dören hat es in seinem Leben ebenfalls, alles einige Nummern kleiner, zu etwas gebracht, er hat seinen Aufstieg geschafft. Doch jene Prominenten spielen in einer anderen Klasse, obwohl sie sich früher – als Pimpfe – mal näher waren. Besuchten sie nicht alle die gleichgeschalteten Schulen? Waren sie nicht gemeinsam in der HJ? Mussten sie sich nicht mit 15/16 Jahren alle neu orientieren? Sind sie nicht alle bei Null gestartet?

Oliver Storz ‚Die Freibadclique’ gibt ein eindrucksvolles Erinnerungsbild dieser Jugend am Kriegsende, der ersten Kohorte, die nicht mehr ‚daran’ glaubte, nachher die, die nichts mehr glaubte, später die skeptische Generation. Doch Wilhelm Dören würde, wenn er das Buch gelesen hätte, sich erinnern: Das waren die Pennäler, die haben wir vielleicht manchmal beneidet, aber mit denen hatten wir in Wirklichkeit nichts zu tun.

Wilhelm war ein begeisterter Pimpf. Auch das Propagandawerk ‚Pimpf im Dienst‘ verschlang er wie ein Abenteuerbuch. Die Indianerbücher, die er mit elf und zwölf Jahren las, verschärften seine kämpferische Gesinnung, der Held hieß nun Tecumseh. Fritz Steuben, unter diesem Pseudonym brachte Erhard Wittek diese Abenteuerbücher in den zwanziger und dreißiger Jahren auf den Markt, verarbeitete in diesem Genre dasselbe Thema wie in den Kriegsbüchern: die Enttäuschung über die Kriegsniederlage, die geistige Mobilisierung für einen neuen Waffengang. Für das belesene Kind ein vertrautes Denken und Empfinden.

Die Clique traf sich nachmittags im Schwimmbad, vormittags lief der Schulunterricht im Gymnasium weiter wie seit hundert Jahren…

Volksgemeinschaft, zwangsvereinigte Staatsjugend, gleichgeschaltetes Erziehungswesen, das war nicht nur Ideologie, das war Realität, aber prägender für Dören war daneben die Realität des dreigliedrigen bzw. zweigliedrigen Schulsystems, die Trennung zwischen der Lebenswelt der höheren Schule und des Milieus der Volksschule. Die Gliederung der Gesellschaft in Schichten bzw. die Trennung in Klassen blieb intakt: Gleichheitsversprechen gab es in der NS-Literatur, die Wilhelm Dören begeistert weglas, wie den ‚Hitlerjungen Quex’, in dem der HJ-Führer die Gleichwertigkeit aller Volksgenossen predigt und Unterschiede zwischen Akademikern und Handwerkern den Feinden der Bewegung anlastet.

Wilhelm Dören verließ die Volksschule 1943, und während die Freibadclique in der Sonne lag, sortierte er Briefe hinter den dicken Mauern der Reichspost. Und während die Schule 1945 ein Jahr lang ausfiel, stellte die Reichspost ohne Unterbrechung täglich die Post zu. 1946 schlossen Wilhelm Dören und andere ihre Lehre ordentlich ab, Oliver Storz und andere paukten fürs Abitur. Alle erinnern sich zwar an aufmüpfige Stimmung und entsprechende Aktionen, nach dem Erlebten schien es nicht mehr zu passen, die Schulbank zu drücken bzw. die Lehrzeit abzuschließen, als ob nichts gewesen wäre. Doch der Alltag ging weiter, die Vorgesetzten in der Post waren die gleichen geblieben und in der Schule waren auch nur einzelne aus dem Kollegium verschwunden. Der Lateinlehrer setzte den Unterricht mit der nächsten Lektion fort, als ob erst gestern die letzte abgeschlossen worden wäre.

Wilhelm Dören hatte als Kind zu Weihnachten und zum Geburtstag immer ein Buch ‚gekriegt‘: meistens ein Kriegsbuch.

Sein erster Held hieß Hagen von Tronje, ‚genannt der Grimmige‘, der sich im Gemetzel der Burgunder und Hunnen besonders hervortat. Das Nibelungenlied fand der Achtjährige 1937 auf dem Gabentisch unterm Weihnachtsbaum, es wurde seine erste Lieblingslektüre. Von der historisch verstandenen Welt der Heldensagen wechselte der junge Leser in die Geschichte der sagenhaften Kriegshelden. ‚Unser Hindenburg‘ oder ‚Mit Vater Blücher nach Paris‘ waren einschlägige Titel, die ihn zusammen mit einigen Büchern über Friedrich den Großen und Bismarck auf das preußisch-deutsche Militär einstimmten.

Der Leser flog in die weite Welt hinaus mit Gunther Plüschow, dem ‚Flieger von Tsingtau‘, oder er rief mit Lettow-Vorbeck ‚Heia Safari‘ – auch die Helden abenteuerlicher Bücher trugen die Uniform der deutschen Kolonialpolitik. Selbstverständlich gehörte ‚Der rote Kampfflieger‘ des Freiherrn von Richthofen dazu, übrigens mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring. Damals wurde noch gelesen! Die Auflage dieses Buches lag bereits 1933 bei fast einer Million, ‚Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau‘ standen 1937 bei 700 000: unser lesebegeisterter Junge schwamm mit im literarischen Geschmack der Zeit.

Luftwaffe und Marine begeisterten den literarischen Mitkämpfer besonders. Mit der ‚Emden‘ von Kapitänleutnant Hellmuth von Mücke stach er in See, und auf dem getarnten Hilfskreuzer des Grafen Luckner hisste er die Reichskriegsflagge, bevor scharf geschossen wurde. „Klar Schiff zum Gefecht“!

Der Weltkrieg, wie der erste damals ungezählt genannt wurde, stand im Mittelpunkt der Jugendlektüre, während der zweite blitzartig eskalierte. Gelesen wurden die Bestseller von Ettighoffer wie ‚Verdun‘, ‚Gespenster am Toten Mann‘ usw. und von Beumelburg ‚Sperrfeuer um Deutschland‘ in der ‚großen illustrierten Ausgabe‘, die Weihnachtsempfehlung der HJ 1939. Dieses Machwerk, mit dem vor allem die Dolchstoßlegende belegt werden sollte, versteht Wilhelm Dören als Sachbuch, obwohl der Autor andere Ambitionen verrät: „Es soll unternommen werden, die kriegerischen Vorgänge mit den seelischen Vorgängen zu verschmelzen.“ Es scheint ihm gelungen zu sein, und zwar durch die Figur Hindenburgs, die er in den Mittelpunkt stellte und so als Held in die Walhall des Lesers transportierte.

‚Tom Shark’ und ‚Rolf Torrings’ hießen die Serienhelden jener Jungengeneration, nach dem Krieg gab es Hemingway zu entdecken: die gesamte Kinder- und Jugendlektüre dieser Generation fiel unter die NS-Zensur, erst am Ende der Jugendzeit bzw. als junge Erwachsene konnten sie die Literatur der Welt kennen lernen. Und das Kino: ‚Münchhausen’ war noch nicht einmal jugendfrei gewesen, nun lockte ‚You Were Never Lovlier’.

Andererseits gehören in diese Zeit Flucht- und Exilbiografien, z. B. ist der weltberühmte Literaturwissenschaftler und Kunstphilosoph George Steiner mit seiner österreichisch-jüdischen Familie 1940 von Paris nach New York geflohen.

Oder ein anderes Schicksal: Peter Szondi verbrachte nach der Deportation der Familie aus der Geburtsstadt Budapest 1944 seine Jugendzeit im KZ Bergen-Belsen, überlebte das Kriegsende ‚freigekauft’ in der Schweiz, studierte in Zürich und Paris, 1954 (mit 25 also) Dissertation bei Emil Staiger, 1961 Habilitation in Berlin (‚Versuch über das Tragische’). Er las (zwanzig Jahre vor uns) Adorno, Benjamin und Lukács (‚Theorie des Romans’). 1965 Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU, 1971 Selbstmord. (‚Über philologische Erkenntnis’; ‚Theorie des modernen Dramas’: ein gelber Band der edition suhrkamp Nr. 27; ‚Einführung in die literarische Hermeneutik’), Protagonist einer kritischen Literaturwissenschaft (die sich in Deutschland nicht durchgesetzt hat, im Gegenteil, die Kollegen vertreiben selbstgewiss die Hermeneutik aus der Wissenschaft und für Studierende heute sind seine bestechend klaren Texte zu anstrengend…).

Für Wilhelm Dören war die Kriegsniederlage, der Zusammenbruch, unfassbar, es fehlten ihm die Worte für das, was jetzt war und kommen sollte. Alle seine Bücher (die Eltern hatten keine) – in den letzten Jahren bekommen – vergrub er im Garten, keines wies sprachlich oder gedanklich, vom Inhalt ganz abgesehen, über den Nationalsozialismus hinaus. Er konnte nicht mehr lesen. Er konnte – außer privat mit der Mutter – auch nicht mehr sprechen, er war sprachlos. Er hatte, gerade weil er viel las, in der Sprache der Nationalsozialisten gelebt. Auch in der Kriegs- und Siegpropaganda. So war er überrascht worden, von dem plötzlichen Ende dieser Welt, in die er hineingewachsen war. Ein Davor kannte er nicht, er war vier Jahre alt gewesen 1933. Seit fünf Jahren war der Vater, von Kurzbesuchen abgesehen, abwesend. Seine Mutter schwieg zur Politik, wahrscheinlich weil es stimmte, was sie sagte: sie verstehe nichts davon.

Den Weltkrieg erlebte der jugendliche Wilhelm als Medienereignis, als eine Fantasiewelt. Er träumte vom Sieg. Er kannte die Wirklichkeit nicht, sondern hielt die propagandistisch vermittelte Erfolgsgeschichte für wahr. Die Kriegsberichterstattung rezipierte er wie die zahlreichen Kriegsromane, die er gelesen hatte. Jahrelang hatte er die Frontlinien mit Fähnchen auf einer großen Karte markiert, bis er ungläubig echte Kanonen donnern hörte.

Obwohl er Bombenangriffe miterlebte, blieb er innerlich nibelungentreu bei der Stange. Er verlor z. B. eine Wette, als die Amerikaner in Sizilien landeten. Und als er unmittelbar am Kriegsende mit seiner HJ-Gruppe in Marsch gesetzt wurde, den Amerikanern entgegen, packte sich der Fünfzehnjährige Rosenbergs ‚Mythus‘ in den Tornister. Er drückte sich nicht vor dem Volkssturm, er sann nicht aufs Türmen, aber er wurde mit anderen von einem alten Soldaten wieder nach Hause geschickt. Er selbst war nicht auf die Idee gekommen, dass der Kampfeinsatz sinnlos sein könnte. Kämpfen war sein Ideal. Und Siegen. Der Kämpfer, das war seine Identität: Ernst Jünger wurde später ein wichtiger Autor für ihn.

Die Kriegsniederlage traf Dören persönlich, er hatte als Leser des Krieges verloren. Der Kriegsfortsetzungsroman der Tageszeitung verweigerte die Wunscherfüllung, er endete definitiv in der Katastrophe.

Der Zusammenbruch – den er später auch Befreiung nannte – war das entscheidende Datum seiner Biografie. Die 1929 Geborenen erlebten 1945 als 15/16jährige. Die Jugendlichen fanden sich wieder in unterschiedlichen Besatzungszonen, die Macht übten nun Amerikaner, Engländer, Franzosen oder die Russen aus. Die Zwanzigjährigen wurden ungefragt zwei neuen Staaten zugeteilt.

Der Zusammenbruch, das bedeutete, dass 1945 einige Monate lang kein Schulunterricht stattfand. Noch nie habe ich eine so dumme Klasse entlassen, sagte 1945 ein Lehrer am letzten Schultag. Während des Krieges oft im Luftschutzkeller, dort wurde Kopfrechnen geübt. Dieser Jahrgang schien keine Perspektive zu haben, aber er wurde gebraucht. Die Generation davor hatte der Krieg drastisch dezimiert. Von den Sechzehnjährigen hatten mehr überlebt.

Die Institutionen hatten ihre Legitimation eingebüßt, auch wenn sie weiter bestanden. Die politische Orientierungslosigkeit setzt Perspektiven frei: Politik als eine Möglichkeit des Denkens und Handelns. Es zeigt sich eine sozialdemokratische und auch jene später Geschichte schreibende sozialliberale Tendenz, verkörpert durch politische Persönlichkeiten wie Hans Koschnick, Bremer Bürgermeister, oder Ernst Gottfried Mahrenholz, Kultusminister und Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts.

Die Geschichte bestimmte die Biografie. Kempowski z. B. hat gleich nach dem Krieg für die US-Armee gearbeitet, er war ja nicht nur das unschuldige Opfer des Stalinismus, sondern er hat tatsächlich mit 18 Jahren in Wiesbaden Kontakt zum amerikanischen Geheimdienst aufgenommen. 1948 von den Sowjets als Spion verurteilt, 25 Jahre Zwangsarbeit, nach den berühmten 8 Jahren Haft in der DDR entlassen in die BRD. Zunächst also keine Westkarriere, im Gegenteil, ein biografisches Fiasko, aber dann ein literarischer antikommunistischer Einzelkämpfer mit späterem Publikumserfolg. Sein riskantes Doppelspiel hat er für sich behalten.

Er wurde Volksschullehrer, wie Dören auch: Der Briefträger, der viel las, bestand die Begabtensonderprüfung, besuchte die Pädagogische Akademie (4 Semester) und fertig war der Lehrer. Ein Referendariat war nicht vorgesehen. Dasselbe Bundesland hat die Grundschullehrerausbildung (damals gab es den Hauptschullehrer noch dazu) gerade auf 10 Semester verlängert, selbstverständlich das Abitur als Zugangsvoraussetzung (Dören hatte nur 8 Jahre Volksschule). Eine (reguläre) Grundschullehrerin lernt heut also runde 10 Jahre länger als Dören nach dem Krieg: anders ausgedrückt: trotz seiner Zeit bei der Post stand Dören jünger vor der Klasse also unsere Studentinnen heute. Obwohl er vorzeitig (mit 60) in Pension ging, hatte er 44 Dienstjahre. Kempowski hat in Rostock das Gymnasium besucht, holte dann im Westen 1957 das Abitur nach, studierte an der PH und arbeitet bis 1980 als Lehrer. Seine Bücher, autobiografisch und generationsspezifisch relevant sind besonders ‚Im Block’ (1969) und der Bestseller ‚Tadellöser & Wolff’ (1971), erzählen die Zeitgeschichte aus der Perspektive der 29er.

Eine Ausgangslage zum Kriegsende (zufällig in Braunau am Inn): der Vater gefallen, die Familie heimatvertrieben. Der Sohn, geboren in einem Dorf mit dem Namen Hindenburg in Oberschlesien, besucht dort Volksschule und Mittelschule. Die Flucht führt nach Ostwestfalen, 1946 kann er bei der britischen Besatzungsmacht dolmetschen. Er interessiert sich für Politik, er wechselt 1948 zur Lokalzeitung, zunächst als freier Mitarbeiter in der Lokalredaktion (Freie Presse, Bielefeld). Einige Zeit eine feste Stelle bei einer Versicherung. Dann (1953) ein Volontariat bei jener Zeitung, als Redakteur übernommen, bald Ressortleiter (1958, also mit 29), 1962 Wechsel zum Fernsehen, gleich als Leiter der Abteilung für ‚Wirtschaft und Soziales’, 33 Jahre alt. (Heute träumen zehntausende Studierende der Medienwissenschaft vergeblich von einer Stelle beim Fernsehen.) Damals nach drei Jahren stellvertretender Chefredakteur im Saarländischen Rundfunk. 1967 zum Fernsehstudio Bonn (WDR), zuerst Stellvertreter, dann 1973 Leiter. Berühmt wurde er als Moderator der Sendung ‚Bericht aus Bonn’: Friedrich Nowottny. Schließlich, Höhepunkt einer Wunschkarriere, 1985 – 1995 Intendant des WDR. Kürzlich riet er jungen Leuten davon ab, Journalist zu werden: doch für ihn war und ist es der Traumberuf. Als Kommentator ist der Achtzigjährige noch Akteur der Medienöffentlichkeit.

Medienkarrieren standen offen: Günter Prinz, ohne Journalistenschule oder Studium: Bild-Chefredakteur, Vorstand des Springer-Konzerns. Oder: Günter Gaus, die ‚Gnade der späten Geburt‘. Im Fernsehen ist die Präsenz der Generation besonders hoch: Eduard Zimmermann oder Harald Juhnke. Auch erfolgreiche Kinderliteratur: Eric Carle, ‚Die kleine Raupe Nimmersatt’, oder Michael Ende‚ ‚Die unendliche Geschichte’.

Ralf Dahrendorf formulierte das politische Programm für den modernen Menschen in der Nachkriegsgesellschaft gegen jene, die ihre Chance auf Gleichheit nicht verwirklichen, weil sie ‚zugeschriebenen sozialen Positionen zu stark verhaftet’ sind, er plädiert dafür, die formelle Freiheit und Gleichheit praktisch zu nutzen, neue Eliten zu bilden. Vielleicht war für diesen entwurzelten Jahrgang die individuelle Entscheidungsfreiheit für eine führende Rolle in der Gesellschaft keine Illusion, weil es auf allen Ebenen an funktionalen Akteuren mangelte. Und besonders schwach besetzt war nach der Ermordung und Vertreibung der jüdischen Intellektuellen und dem Verstummen der NS-Ideologen der gesamte Kulturbereich. Wer dazu in der Lage war, eine (geistige) Funktion zu erfüllen, bekam die (öffentliche) Position zugewiesen: Ursprung der Ideologie von der Leistungsgesellschaft. Von ihren Herolden war sie persönlich zu verkörpern. Dahrendorf promoviert 1952 (also mit 23), und ein Jahr nach der Habilitation wurde er 1958 (also mit 29) zum Professor berufen. Er publizierte bis zuletzt, wendet z. B. seine liberale Lehre auf die globale Finanzkrise an: Wer hat denn die Investoren dazu gezwungen, ihr Geld in Schrottanleihen anzulegen? Na also. Es ist doch zu einfach, den Banken die Schuld zu geben. Oder gar dem globalen Kapitalismus.

Im Sommer 1944 forderte das Gesundheitsamt den Jahrgang 1929 zur Röntgenreihenuntersuchung auf, einige hörten, dass die SS dahinter stecke, erzählt Oliver Storz. Viele fehlten. Aber es wurde mit Polizeigewalt nachgefasst. Am Ende entging keiner der ‚Freibadclique’ einer Art Musterung der Fünfzehnjährigen. Die SS wollte der Wehrmacht zuvor kommen: die Tauglichen wurden an Ort und Stelle bedrängt oder genötigt, sich ‚freiwillig’ zur Waffen-SS zu melden. Sogar die, die mit dem festen Verweigerungsvorsatz gekommen waren, unterschrieben.

Die Ablehnung der Waffen-SS deutet der Erzähler retrospektiv nicht als Widerstand, entscheidend war auch nicht die Gefahr, am Kriegsende verheizt zu werden, vielmehr hatte sich bei dieser Gruppe eine aufsässige Ablehnung des linientreuen Dienstes entwickelt, eine Mentalität, die zum Schwänzen der HJ-Veranstaltungen neigte, eine Distanzierung von der Kriegspropaganda und der NS-Ideologie in der Schule und in den Medien: amerikanische Sender wurden nicht wegen der Informationen, sondern wegen der Musik gehört. Diese Jugendlichen orientierten sich subkulturell um, deshalb kam der Waffen-SS nicht in Frage. Sie machten, im Gegensatz zu den älteren Jahrgängen, nicht mehr mit, sie glaubten nicht mehr daran. Sie konnten sich in der Pubertät von der Indoktrinierung ihrer Kindheit lösen, weil die Totalität Risse bekam. Perspektiven einer eigenen Identität waren nur außerhalb des Machtapparats vorstellbar. Mit einer gewissen Selbstidealisierung verkünden Repräsentanten einer Generation: Wir haben selbst gemerkt, was gespielt wird, die vor uns noch nicht, und die nach uns nicht mehr. Wir haben uns abgesetzt. Vielleicht ist hier der Ursprung jenes gewissen Elitebewusstseins festzumachen. Und eines Anspruchs: der Staat und die Gesellschaft danach sind unsere. Rückblickend fällt die Inhaltsleere auf. Am 20. Juli, erinnert sich der Ich-Erzähler, blieb er indifferent, unbeteiligt, obwohl er merkte, dass der Vater auf einen Anruf wartete: ‚Ich war auf keiner Seite (…). Wir hingen zwischendrin. Wir waren nirgends. Nichts.’ (Storz, 39) ‚Wir waren der Jahrgang der Nichtssager.’ (42)

Nach den Sommerferien 1944 wurde für diese Jahrgangsstufe der Unterricht (10. Klasse) nicht mehr aufgenommen, im September wurde die ‚Clique’ zum ‚Westwall-Einsatz’ einberufen, verabschiedet mit einem ‚Bleibt übrig!’. Einer starb durch einen Tieffliegerangriff. Danach wurden zwei zur Waffen-SS eingezogen (einer war dann vermisst) und zwei zum Volkssturm, zuerst kurzer Drill, dann ein Einsatz und Fahnenflucht. Im Sommer 45 fanden sich die zwei Überlebenden wieder im Freibad ein, und der SS-Überlebende arbeitete für die Amerikaner, wohl auch für den Geheimdienst (CIC), betrieb vor allem Schwarzhandel, bis er ermordet wurde. Nach einem Jahr fand wieder Unterricht statt, die Überlebenden legten 1949 das Abitur ab, als die BRD gegründet wurde.

Der Regisseur und Schriftsteller Oliver Storz, ab 1957 Feuilletonredakteur bei der ‚Stuttgarter Zeitung’, dann Filmproduzent bei der Bavaria (1960-1976), hat auch in seinen Filmen die Erfahrung in den Jahren 1944/45 als prägend für den gesamten Lebenslauf seiner Generation herausgestellt.

Obwohl die Pimpfe am Ende Krieg und Ideologie ablehnten, obwohl die Mädchen im Badeanzug ihre Fantasie mehr beschäftigte als die politisch militärische Lage, prägte die NS-Herrschaft ihre Sozialisation – mehr als sie selbst wollten. ‚Das Zeigen von Gefühlen hatten sie uns doch versaut.’(143) Die Jüngeren, die nicht mehr Kriegsdienst leisten mussten, nahmen sie nicht für voll. Oft, fällt dem Ich-Erzähler auf, kann er sich an Einzelheiten nicht erinnern, er kann sich im Einzelnen nicht mehr vorstellen, wie manche Ereignisse abliefen, z. B. wie er vom Tod seines Freundes erfuhr und wie er darauf reagierte. Dagegen weiß er noch, wie er tatsächlich versuchte, mit einer verwahrten Wehrmachtspistole, den amerikanischen Geheimdienstoffizier, den er für den Tod seines Freundes verantwortlich machte, zu erschießen. Er reagierte als Kämpfer, selbst die Freibadclique stellte sich das Leben und Überleben vor als Kampf, in dem man sich durchsetzen muss.

Damals gab es keine Traumaexperten zur Nachversorgung schockierter Opfer, damals musste jeder alleine zurechtkommen.

Der Boss, Helmut Rahn (1929-2003), schoss Deutschland mit 25 zum Sieg in der Weltmeisterschaft 1954. ‚Das Wunder von Bern’, neues nationales Selbstbewusstsein, wie es gern heißt, nach der Niederlage im totalen Krieg: auch ein Gründungsdatum der BRD. Fußball spielte Helmut Rahn seit 1938 und bis 1965. Der Ligabetrieb war 1945 nicht lange unterbrochen, Helmut Rahn arbeitet im Bergwerk, spielte als Jugendlicher beim SV Altenessen, dort hieß er ‚Köttel’. Die rasanteste Karriere der 29er. Mit Mitte dreißig war es allerdings für ihn vorbei. Aber als Held des Nachkriegsdeutschlands unsterblich, das ‚Wunder von Bern‘, ein Kinoerfolg – ein Mythos.

Dagegen die nachhaltigste Karriere, eine intellektuelle: Beeindruckend das gelassene Insistieren auf der Vernunft – besonders im Vergleich zu den französischen Konjunktur-Philosophen –, auf dem unvollendeten Projekt der Moderne – statt der postmodernen Mode –, auf der kommunikativen Option (herrschaftsfreie Kommunikation, öffentliche Diskussion, kommunikative Rationalität, Konsens usw.) – trotz der Medienrealität. Habermas scheint alle Einwände zu kennen, er kritisiert politische/ökonomische Entwicklungen, die entgegen seiner Theorie verlaufen, aber er bleibt ‚kontrafaktisch’ theoretisch unbeirrt, weil keine andere Lösung zu denken ist. Mag sein, möchte man einwenden, aber möglicherweise ist deshalb eine Lösung recht unwahrscheinlich, denn Habermas würde doch nur dann Recht behalten, wenn die Bedingungen nicht so wären, wie sie sind. Hat der Faschismus den jugendlichen Glauben an die Aufklärung reanimiert? Oder doch den aufgeklärten Optimismus widerlegt?? Nicht für die 29er.

Die Revolte inszenierte eine spätere Generation – aber sie konnte jene, die 1969 vierzig waren, nicht ins Wanken bringen.

Berühmt die Szene, in der Jürgen Habermas den Studenten entgegentritt: Wenig trifft er an der antiautoritären Linken, wenn er warnt vor dem Feind seiner Jugend: dem totalitären Faschismus. Auch Dahrendorf hatte seinen großen Auftritt. (Das Foto mit Dutschke).

Enzensberger war überall dabei – sogar bei der Studentenrevolte –, aber er gehörte nie dazu, und war schnell wieder weg, auf den nächsten Zug aufgesprungen (oft in die Lokomotive). Sohn des Oberpostdirektors in Nürnberg, der ‚Stadt der Reichsparteitage’. Aus der Hitlerjugend wurde er ausgeschlossen! Am Ende des Krieges Volkssturm, aber er setzte sich ab. Abi in Nördlingen, Studium, Promotion (1955), Rundfunkredakteur, dann Essayist und Lyriker: Man kennt ihn. Sagte er sich damals: ‚Mich erwischen sie nicht!’ Machte er zu seiner Lebensregel: ‚Mich erwischt keiner!’? Ein Problem, dem Tempo von Werk zu Werk zu folgen, und doch beeindruckt es, das ironische souveräne Spiel mit Überzeugungen, die immer wieder neue Konstruktion kritischer Distanz als ästhetisch-politisches Programm und (Über)Lebensstrategie. Im Unterschied zu den Repräsentanten der Moderne von Anfang an eine postmoderne Karriere. Dören war, wie gesagt, seinerzeit Lehrling bei der Post.

Die Prägung durch den historischen Kontext führt gerade nicht zu einheitlichen Sozialisationsverläufen. Der gleichschaltende NS normierte zwar einerseits Lebensverläufe für die arische Mehrheit der Gesellschaft, andererseits erzwang der rassistische und politische Terror gegen Minderheiten extreme Abweichungen von Lebensentwürfen, so dass sich rückblickend ein breites Spektrum vielfältig divergierender Biografien zeigt. Die Gewalt, mit der die politische Verfolgung das private Leben zerstörte, zeigen Erzählungen der Biografien, die von Verfolgung und Überlebensanstrengungen verzerrt sind. So floh der neunjährige Wolfgang Edelstein mit seinen Eltern nach Island und besuchte dort die Schule. Nach dem Studium in Frankreich arbeitete er in Deutschland an der Odenwaldschule, später wirkte er als Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Als engagierter Bildungsreformer personifiziert er die Erziehungskonsequenz, die aus dem Faschismus gezogen werden muss: persönliche Emanzipation, Demokratie, Freiheit, Gleichheit. Anne Frank wurde 1944 als 15jährige deportiert und ermordet.

Damals hat ein Großteil der Lehrer von sich aus die NS-Propagandaziele im Unterricht durchgesetzt, und die Parteigänger haben auch in den fünfziger Jahren den Ton (mit dem Rohrstock) angegeben. Zwar konnte in Deutschland bekanntlich bis heute die Gesamtschule nicht durchgesetzt werden, zwar ist die soziale Ungleichverteilung von Bildungschancen signifikant hoch, und in den Medien erscheinen der Bildungsstand der Jugend und die Leistung der Lehrer pauschal als drängendes Gegenwartsproblem, aber gerade die Bildungseinrichtungen und ihre angefeindeten Akteure stehen für einen Bereich der Gesellschaft, in dem es durch Reformen nachhaltiger als in anderen gelungen ist, nicht nur die autoritären Strukturen grundlegend aufzulösen, sondern ein Stück Humanität zu verwirklichen. Und die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems vom Kindergarten bis zu Universität ist so schlecht nicht. Von den Neunundzwanzigern studierten weniger als 5% (fast alles Männer aus Akademikerfamilien); heute fast 50 % (Mehrzahl Frauen, Studierende aus allen sozialen Gruppen: die Reichen und Bildungsnahen sind zwar überrepräsentiert, aber absolut in der Minderheit.

Zu den bildungsnahen Betätigungsfeldern des Jahrgangs – Literatur und Film, Soziologie und Literaturwissenschaft, die Medien – gehört nicht zuletzt die Geschichtswissenschaft. Christian Meier z. B. oder Eberhard Jäckel – oft als NS-Historiker apostrophiert –, der die Bestimmung des 29er Jahrgangs prägnant verkörpert, nämlich die lebenslange auf eine Politik der Wiederholungsvermeidung fokussierte wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus. Jäckel arbeitete über Hitlers Weltanschauung, und er engagierte sich in der berühmten Wählerinitiative für Willy Brandt.

Als doppelter Sonderfall erscheint Hans-Peter Dürr, einer, der sich unter dem Eindruck der Atombombe für das Studium der Kernphysik entschied, Diplom in Physik 1953, Promotion bei Edward Teller (Wasserstoffbombe!) 1956, Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik, und dann einer, der sich gegen die Nutzung der Atomenergie engagierte, der den Alternativen Nobelpreis erhielt.

Die erfolgreiche Professionalisierung der Exponenten dieses Jahrgangs war sicher auch durch Persönliches motiviert, durch das Bedürfnis objektivierender und distanzierender Bearbeitung eigener Beschädigungen und Verstrickungen. Der Wille zur repräsentativen Karriere in Freiheit und Demokratie korrigiert die durch den Führerstaat totalitär geprägte politische Sozialisation in Kindheit und Jugend. Die produktive Bearbeitung der Zeitgeschichte steht mehr oder weniger bewusst in Wechselwirkung mit einem biografischen Erfahrungsprozess. Kunst und Wissenschaft haben als Betätigungsfeld die besten Bedingungen für dieses zugleich private und öffentliche Projekt geboten. Die bevorzugten Berufe erscheinen nicht zufällig oder austauschbar, die damalige Generation hatte eine Mission.

Jene spezifischen lebensgeschichtlichen Erfahrungen drängten zur literarischen Bearbeitung. Die zahlreichen erfolgreichen Autoren können als Indiz für die besondere Nähe dieser Generation zur Literatur gewertet werden, auf der Seite der Produktion wie auf der der Rezeption. Die fiktionale deutsche Literatur sowie der Film und die wissenschaftliche Prosa verdanken der Reflexion jener Jugenderfahrungen von 1945 bedeutende Werke und Anregungen. Diese Publikationen und die mediale Präsenz ihrer Autoren prägten das politische Selbstverständnis der BRD nachhaltig, erst die Studentenbewegung hat andere kritische Akzente gesetzt, freilich ohne jene Dominanz in der öffentlichen Meinung brechen zu können: Erst nach der Wiedervereinigung traten sie allmählich ab – als Sieger.

Die 1929er sind kein Zufall. In einer einmaligen historischen Konstellation gelingt es, korrespondierende persönliche Dispositionen zu realisieren, die in anderen Zeiten brach liegen bleiben.

Der Umbruch 1945, nach dem Erleben von Krieg und Nationalsozialismus, das war für diese Generation das gemeinsame biografische historische Ereignis, die Wahrnehmung, die kollektive Reflexions- oder Erfahrungsprozesse forderte. Vielleicht neigten die Jugendlichen weniger zum Verdrängen als die damals Erwachsenen, so dass jene Erlebnisse bewusst gehalten werden konnten und nach Antworten gesucht werden musste. Das Schreiben bot sich für diesen Reflexionsprozess an – und das Lesen. Die (potentiellen) Autoren fanden ein Publikum: Für kurze Zeit gab es eine funktionierende Öffentlichkeit.

1 Graf, Werner: Lesen und Biographie. Eine empirische Fallstudie zur Lektüre der Hitlerjugendgeneration. Tübingen 1997.

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