Origami – vom Winde verweht

Dirk Glücksberg

Two swans flying over Black Moshannon State Park, Pennsylvania 4/5/2009 © Robert Hale

Rot. Die Einradfahrerin gegenüber erinnert mich an früher, an Tirol, an das Mädchen im Schnee. Grün. Auf der Verkehrsinsel blicke ich in ihr Gesicht. Sie blickt geradeaus.

Mülheim ist hier schön. Die Stadthalle, daneben die Brücke, darunter die Ruhr. Eigentlich sollte ich jetzt unten neben der Ruhr radeln, stattdessen ich rolle hier oben herum.

Ich erblicke drei Schwäne, die im Abendlicht als Formation dicht über dem Fluss fliegen. Ein großartiges Foto – leider nur für den Kopf, denn der Fotoapparat, den ich dabei habe, hat keinen Akku.

Die Schwanenformation fliegt nun direkt auf mich zu. Über die Brücke? Darunter her? Beides: Ein Schwan gleitet nach oben, die beiden anderen fliegen unten weiter.

Die Oberleitung der Straßenbahn könnte ein ernsthaftes Problem werden. Wird der Schwan rechtzeitig emporsteigen?

Der Schwan gleitet in die Oberleitung. Der Hals bleibt hängen, der Körper fällt in sich zusammen und schlägt wie ein nasser Sack auf dem Asphalt ein. Der Schwan liegt auf dem Rücken, die Füße gen Himmel gestreckt, hilflos wie ein Käfer.

Ein Bus nähert sich und bremst kurz vor dem Schwan. Ich blicke besorgt zu dem Tier, die Fahrgäste blicken besorgt zu mir.

Ich überlege, mit welchen Handgriffen ich den Schwan wenden könnte und ob er überhaupt noch zu sich kommen wird. Nun sehe ich die Einradfahrerin. Sie läuft zum Schwan. Eine Autofahrerin ebenfalls.

Der Schwan regt sich, schafft es auf die Beine und wird kurz darauf von dem Mädchen und der Frau gescheucht. Er tappst benommen, landet auf dem Bauch, tappst benommen, landet auf dem Bauch. Üble Asphalt-Diver, denke ich.

Ein Türke scheucht nun ebenfalls mit. Auch ich schließe mich dem Treiben an. Schließlich erreicht das Tier den Bürgersteig und steckt den Hals durchs Brückengeländer – doch da geht es nicht weiter. So resigniert der Schwan und setzt sich.

Der Türke versucht jetzt, den Schwan zu heben. Er schlägt vor, diesen direkt übers Geländer in die Ruhr zu schmeißen. Er glaubt, dass das Tier im Fallen losfliegt oder elegant im Wasser landet.

Die anderen sehen es nicht ganz so optimistisch: „Ne, lass mal!“ und „Der Vogel ist doch verletzt!“ und „Auf keinen Fall ins Wasser schmeißen!“ höre ich mich und die anderen rufen.

Der Türke bleibt um eine schnelle und diskrete Lösung bemüht. Ich stelle mir vor, wie er den Schwan in einen Teppich rollt, mit Gewichten beschwert und in der Ruhr verschwinden lässt. Tatsächlich wird er noch einige Male vorschlagen, den Schwan übers Geländer zu schmeißen und lässt sich am Ende doch überzeugen, dass dies keine gute Idee ist.

Mittlerweile stehen auch zwei junge Damen in unmittelbarer Nähe und beobachten das Treiben mit heruntergespielter Neugier. Die eine ist blond und wirkt so, als sei sie von Natur aus vergrätzt. Ganz im Kontrast zu der Autofahrerin, die trotz des traurigen Schwans immerzu lächelt. Ihre Zähne glänzen weiß.

Da der Vogel wahrscheinlich verletzt ist, beschließt das Kollektiv, einen Tierarzt zu verständigen. Doch niemand kennt die Nummer eines Tierarztes in Mülheim. Also beschließt die Autofahrerin, die Feuerwehr zu rufen.

Und schon wird laut gelacht, weil die Autofahrerin nicht weiß, ob sie 110 oder 112 wählen soll. Ich lache herzhaft mit, denn ich habe mir vor nicht all zu langer Zeit eine Eselsbrücke gebaut, um die beiden Zahlen zu unterscheiden: „Polizeiruf 110“.

Die Autofahrerin ruft also bei der Feuerwehr an und sagt, wir befänden uns auf der Schloßbrücke. Die Feuerwehr verspricht uns eine Rettungsaktion. Nun sind wir beruhigt und blicken nicht mehr ganz so besorgt auf den Schwan herab.

Schon bald gesellt sich eine Oma zur Gruppe hinzu. Ich erzähle ihr von der Oberleitung, die Einradfahrerin macht Ergänzungen. Sie war ebenfalls Augenzeugin. Die Autofahrerin sagt hingegen, sie habe den Schwan aus der Ferne zunächst für Papier gehalten: Origami – vom Winde verweht.

Die Einradfahrerin sitzt jetzt neben dem Schwan und streichelt ihn. Sie hebt zärtlich die Flügel und sucht nach Verletzungen. Der Schwan lugt dabei misstrauisch nach hinten und möchte gerne wissen, was mit ihm geschieht. Aus dem Schnabel tropft ab und an eine Flüssigkeit. Blut?!, fragt die Einradfahrerin. Ich beruhige sie, indem ich mutmaße, dass es normal ist, wenn Schwäne sabbern.

Nun rekonstruieren die Einradfahrerin und die Autofahrerin die Scheuch-Aktion und überlegen, welcher der beiden Füße mehr hinkte. Sie hinken dabei selbst ein wenig und kommen letztlich zu keinem Ergebnis. Auch der Schwan schmollt lieber, statt sich zu erklären.

Erneut kommt eine Frau hinzu. Eine merkwürdige Frau. Sie fragt im anklagenden Tonfall, ob alle nötigen Schritte eingeleitet wurden. Ja, versichern wir. Doch sie bleibt misstrauisch. Sie kauft es uns nicht ab, dass wir schon zwanzig Minuten auf die Retter warten. Deshalb ruft die Origami-Autofahrerin jetzt bei der Polizei an, die ihr ebenfalls einen Wagen verspricht.

Während wir weiter warten, schleicht die merkwürdige Frau um den Schwan und sucht mit Röntgenblicken nach Verletzungen. Ein älteres Pärchen kommt hinzu. Die neue Dame behauptet, dass der Schwan eine Sie sei. Ohne Begründung. Sie sagt, dass sie die Schwäne gut kenne. Es seien ja nur diese Drei an der Ruhr.

Die jungen Damen aus dem Abseits sind mittlerweile näher an die Gruppe herangerückt. Die miesepetrige Blonde regt sich nun energisch über das Fortbleiben der Hilfskräfte auf. Die könne man deswegen anzeigen, keift sie. Und: Wenn man se braucht, dann sind se nicht da. Ich feuere sie an und behaupte, dass das Leben eines Tieres eben nicht so viel wert ist wie das eines Menschen. Sie nickt betrübt.

Dennoch glauben wir alle an das Gute im Menschen – als plötzlich ein Polizeiwagen über die Brücke rollt. Für den Schwan!, rufen wir. Nicht für den Schwan!, wissen wir, als der Polizeiwagen davonbraust.

Auch hören wir immer wieder Sirenen und sehen in der Ferne Krankenwagen auf- und abfahren. Die sind ebenfalls nicht für den Schwan, wissen wir schon bald.

Und dann bremst plötzlich ein Kleinwagen hinter uns auf der anderen Straßenseite. Eine dicke Frau mit gegelter Kurzhaarfrisur ruft aus dem Fenster: „Was ist da los?!“ Wir: „Der Schwan ist abgestürzt!“ Die Gegelte: „Angeschossen?!“ Die Einradfahrerin: „Oberleitung!“ Die Gegelte: „Was?!“ Die Einradfahrerin: „Oberleitung!!!“ Die Gegelte: „Oh mein Gott!“ Und tritt aufs Gas. Die Gruppe lacht, der Schwan leidet.

Nun gesellt sich unauffällig eine weitere Oma zur Gruppe hinzu. Sie hält mit ihrem Rollator direkt vor dem Tier und meditiert. Minuten verstreichen, dann sagt sie zaghaft: „Entschuldigung. Darf ich fragen, was hier passiert ist?“

Ich erzähle die Geschichte erneut, erwähne die Wartezeit und entfache damit wieder die blonde Wut. Um selbst nicht wütend zu werden, blicke ich zur Einradfahrerin, die den Schwan sanft streichelt.

Nach einer Dreiviertelstunde und angesichts völliger Resignation erblicken wir einen Streifenwagen, der sich langsam nähert, wendet und neben uns hält. Kurz darauf treffen ein Feuerwehrwagen und ein Rettungswagen ein. Statt durch Pünktlichkeit glänzen die Retter nun also durch die Asymmetrie ihrer Rettungsaktion.

Allerdings steigen nur ein Polizist und eine Polizistin aus. Sie sind bis über die Zähne bewaffnet – als wollten sie den Schwan für die Erregung öffentlicher Erregung einbuchten. Der Schwan ist seit der Ankunft der Retter wieder auf den Beinen und tappst durch einen Kothaufen, den er sitzend unter all dem Stress ausgebrütet hat.

Der Polizist wirft einen Blick auf den Kothaufen und sagt, er werde das Tier nicht befördern. Das Kollektiv soll stattdessen einen Korridor machen. Der Polizist will den Vogel von der Brücke scheuchen, denn sonst entsteht eine Gefahr für den Verkehr, erläutert er.

Das Kollektiv ruft, dass der Schwan verletzt sein könnte. Also schlägt der Polizist vor, den Schwan zum Wasser zu tragen. Die Ruhr, ein heilendes Elixier?

Da es für den Polizisten kein Aber gibt, erklärt sich die Einradfahrerin bereit, den Schwan mitzutragen. Im nächsten Augenblick trägt sie den Schwan fast alleine. Der Polizist hält nur den weißen Hals zwischen seinen schwarzen Lederfingern – wie eine giftige Schlange.

Komischerweise klagt der Polizist schon am Fuß der Treppe zum Fluss, dass er nicht lange nach einem geeigneten Zugang zum Wasser suchen will. Die Einradfahrerin trägt den Schwan hingegen mit sehr viel mehr Würde und ohne weinerliche Kommentare.

Aber schon bald setzen die beiden das Tier auf einer Steinrampe ab, die direkt ins Wasser führt. Ich frage noch einmal, ob es wirklich ratsam ist, das Tier einfach der Natur zu übergeben. Der Polizist bleibt eisern. Und so hinkt der Vogel kurz darauf ins Wasser hinab. Als er schwimmt, jubelt die Menge. Jemand ruft: „Das war die gute Tat des Tages!“

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