Der Gute Hirte und das Internet

Hilmar Schmundt

Hans-Magnus Enzensberger über die Früh- und Vorgeschichte der Piratenbewegung.

Wieder einmal geht ein Gespenst um in Europa. Es heimst Preise ein, Wählerstimmen und Internet-Traffic: die Piraten, eine Protestbewegung aus dem Geist des Internet, die für die Einschränkung des Copyright kämpft und gegen Zensur.

Auf der Ars Electronica, dem wichtigsten Medienfestival Europas, wird das Piratenbüro am 4. September 2009 in Linz ausgezeichnet mit dem Prix Ars Electronica in der Kategorie “Digital Communities”, dotiert mit 5 000 Euro.

Genau genommen handelt es sich bei den Originalpiraten (made in Sweden) um drei unabhängig voneinander operierende Organisationen: erstens die Tauschbörse “The Pirate Bay”. Zweitens die Piratenpartei (Piratpartiet), die bei den Europawahlen in Schweden auf 7,1 Prozent der Stimmen kam. Und drittens das Diskussionsforum “Piratbyrån” (Piratenbüro), aus dem die beiden anderen Freibeuter-Beiboote ursprünglich einmal hervorgegangen sind.

Doch wie konnte es zu dieser eigenartigen Dreifaltigkeit der skandinavischen Protestkultur kommen? Die Frage nach dem Warum ist oft so komplex, dass dabei gerne auf das Schema Einst und Jetzt zurückgegriffen wird.

Die schwedische Jugend geht nicht auf die Straße, sie geht ins Internet, lautet ein alter Kalauer. „Die schwedische Gesellschaft betet den Konsens an“, schreibt Hans Magnus Enzensberger, auch bekannt unter dem Markenzeichen HME. Doch wie gehen diese beiden Impulse zusammen: Die angebliche Anbetung des Konsens und die Entstehung einer europaweiten Protestbewegung?

Enzensberger hat so etwas wie die Früh- und Vorgeschichte des Piratenphänomens beschrieben. Und zwar schon 1987 in seinem Essayband “Ach Europa!”. Sogar die bevorstehende Preisverleihung an das Piratenbüro auf der Ars Electronica scheint er er darin vorweggenommen zu haben.

Aber beginnen wir am Anfang.

Es war einmal, vor langer langer Zeit, an einem schönen Herbstabend im September 1982: Ein dutzend Schüler trafen sich am Friedhelmsplan in Stockholm, “ganz gewöhnliche Jugendliche, keine organisierten Motorrad-Gangs”, schreibt Enzensberger im ersten Kapitel seines Essaybandes unter dem Titel “Schwedischer Herbst”:

“Immer neue Ankömmlinge tauchten aus den Tiefen der Tunnelbahn auf. Niemand wusste, woher sie kamen, und was sie vorhatten. Es gab nichts, wofür oder wogegen sie demonstriert hätten. Sie waren einfach da, standen in lockeren Gruppen herum und unterhielten sich miteinander. Als die Menge bis auf beinahe tausend Köpfe angeschwollen war, setzt sie sich ohne Marschordnung, ohne Parolen, ohne vorgefassten Plan in Richtung Ralambshovspark in Bewegung.”

Heutzutage würde man das Verhalten vielleicht als „Flashmob“ bezeichnen. Damals gab es den Terminus noch nicht. Es gab ja nicht einmal Mobiltelefone. Aber es gab eine Polizeistaffel. Enzensberger schreibt:

“Die Polizei war nach einer halben Stunde zur Stelle, ein Aufgebot von über fünfzig Mann, mit Bereitschaftswagen, Schlagstöcken und scharfen Hunden. Im Nu verwandelte sich die friedliche Szene in ein bedrohliches Gegeinander. Die Einsatzleitung hatte es darauf abgesehen, die Jugendlichen auseinanderzutreiben. Die Polizisten schlugen auf einzelne Leute ein, die Hunde wurden unruhig, es gab Beulen und zerrissene Kleider. Dann flogen die ersten Steine. Nach drei Stunden lag der nächtliche Park wieder still und menschenleer da.”

Was steckte hinter dem geisterhaften Flashmob? “Eine soziale Erfindung ersten Ranges”, schreibt Enzensberger:

“Ein paar kluge Kids hatten entdeckt, dass das öffentliche Telefonnetz eine interessante technische Lücke aufwies: wer die Nummmern einer gewissen Zahl von gesperrten Anschlüssen wählte, konnte mit jedem anderen Teilnehmer sprechen, der das gleiche tat. Die betreffenden Telefonnummern gingen an den Stockholmer Schulen wie ein Lauffeuer um, und es entstand ein enorme, spontane Konferenzschaltung. Ein neues Massenmedium war geboren: der ‘heiße Draht’. Intelligenter kann man moderne Kommunikationstechniken kaum verwenden.”

Wie ging es weiter? “Kaum waren die Beulen verheilt, die Jeans geflickt”, so Enzensberger, “mischte sich die entsprechende Instanz mit dem Angebot ein, den ‘heißen Draht’ zu institutionalisieren.”

Das Angebot: eine eigene Telefonnummer für Gruppengespräche, bei der sich “jeweils fünf Personen für die Dauer von je fünf Minuten” chatten können. “Die Logik der staatlichen Intervention ist vollkommen klar”, so Enzensberger, “erst der Knüppel, dann die Mohrrübe. Die soziale Phantasie der Jugendlichen, ihre Selbsttätigkeit soll in einer Art Zangenbewegung erstickt werden: einerseits durch Unterdrückung, andererseits durch Verstaatlichung.”

Es sei etwas faul im Lande Schweden, dem Inbegriff des wohlwollenden Sozialstaats, so Enzensberger damals. “Ich habe den Eindruck, dass sie ihr Selbstverständnis aus der Zeit des aufgeklärten Absolutismus herleiten”. HME weiter:

“Sie glauben im Namen nicht nur ihrer Institution, sondern im Namen der ganzen Gesellschaft sprechen und handeln zu können. In ihren Äußerungen kehren immer wieder bezeichnende Sätze wieder: ‘Hier muss die Gesellschaft eingreifen.’ ‘Das kann die Gesellschaft nicht zulassen.’ ‘Darum muss sich die Gesellschaft kümmern.’

HME entwickelt eine interessante Denkfigur, die nichts an Aktualität eingebüßt hat: den “Guten Hirten”:

“Der gute Hirte ist, da er stets das Beste will, immer der Überzeugung, im Recht zu sein. Zur Besserwisserei fühlt er sich geradezu verpflichtet. Wenn er auf Kritik stößt, macht er zwar hie und da einen taktischen Rückzieher, aber ab seinem Hintergedanken hält er unbeirrt fest, und er ist und bleibt enschlossen, ihn das nächste Mal, an anderer Stelle, durchzusetzen.”

Und weiter:

“Es ist schwer, ein Urteil über den guten Hirten zu fällen. Das liegt an der Zweideutigkeit seines Wirkens. Er bietet einen Service , einen Grad an Daseinsfürsorge, der beispiellos ist; aber er übt auch einen ‘weichen Terror’ aus, der mich erschreckt. Wenn er – natürlich in bester Absicht – Kinder entführt, Journalisten einsperrt und scharfe Hunde auf Jugendliche hetzt, dann ist es leicht, sich über ihn zu entrüsten; wenn er kostenlose Rollstühle verschreibt und den Frauen gleiches Recht am Arbeitsplatz verschafft, erntet er Beifall. Vielleicht ist es gar nicht möglich, ihm objektiv gerecht zu werden. Vielleicht ist man entweder guter Hirte, oder man ist es nicht.”

Enzensberger positionierte sich damals getreu seiner Rolle als Enfant terrible auf Seiten der schwedischen Jugendbewegung, als Gegner des guten Hirten. Und forderte ebenso geistreich wie provokant:

„Ich weiß nicht, ob es einen Kulturpreis der Stadt Stockholm gibt. Falls ja, dann haben ihn die unbekannten Entdecker des ‘heißen Drahtes’ eher verdient als alle aufstrebenden Aktionskünstler des Königreichs. Das sollten sogar die gutbezahlten Experten einsehen, die das Publikum seit Jahrzehnten mit ihren sorgenvollen Auslassungen über die Ziellosigkeit, die Motivationsschwäche und die Anomie der heutigen Jugend langweilen.”

Das schrieb Enzensberger im Jahre 1987. Nun also scheint es so weit: Der Preis wird verliehen, mit 22 Jahren Verspätung sozusagen.

Zwar geht am 4. September bei der Ars Electronica an das Piratenbüro, und nicht an den „heißen Draht“, denn den gibt es nicht mehr. Selbst in Schweden ist die Episode aus der Früh- und Vorgeschichte der Piratenbewegung fast vergessen.

Bei allen Unterschieden drängen sich dennoch die Parallelen zwischen dem Telefonprotest (einst) und den Piraten (jetzt) auf: die neuen Formen der Kommunikation, die Lust am Chatten, die Organisationsform des Flashmob, der Generationskonflikt, die hilflose Reaktion etablierter Institutionen auf die „Ziellosigkeit, die Motivationsschwäche und die Anomie der heutigen Jugend“.

Auch das Bild des Guten Hirten lässt sich unschwer übertragen auf die Haltung der großen Koalition bei Themen wie Tauschbörsen oder Internetsperren. Die Parallelen gehen weiter: Enzensbergers alter Freund, der schwedische Romanautor Lars Gustafsson, hat sich öffentlich dazu bekannt, die Piratenpartei zu wählen. Ende August 2009 wurde er in Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt, einem offiziellen Orden der Bundesrepublik.

Aber das Schema von Einst und Jetzt bietet immer eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten – vielleicht ähnelt es sogar einem Rohrschachtest. Einst und Jetzt lässt sich zum Beispiel interpretieren als “Früher war alles besser” oder auch als “Siehe es steht geschrieben (meine Rede)”.

Was also sagt HME himself zur heutigen Debatte um Internet-Tauschbörsen?

“Der Streit um das Urheberrecht ist doch mittlerweile zu einem Glaubenskrieg zwischen Rechteinhabern und Bloggern ausgeartet”, sagt Enzensberger trocken am Telefon, “ich mische mich da nicht ein. Ich mag das nicht, wenn auf beiden Seiten derartig verharzte Positionen dominieren.” Doch generell wundere er sich über die Kostenlos-Mentalität einiger Nutzer: “Keiner würde in den Bäckerladen gehen und fordern: ‘Gib uns mal deine Brötchen – aber kostenlos.”

Das klingt verdächtig nach dem Schema “Früher (Brötchen) war alles besser (man bezahlte)”. Vielleicht liegt es auch einfach an der großen Dimension der neuen Protestbewegung. Während die Telefonkids 1982 noch eindeutig eine verschwindende Minderheit waren, und zudem Avantgarde und gewisserweise Bohème, bewegt sich die heutige Piratenbewegung auf ihrem Marsch durch die Institutionen, in die Parlamente und auf die Podien, eindeutig in Richtung Netzbürgertum, Datenbourgeoisie. Wer weiß, vielleicht dominieren die Nachfolger Telefonkids von einst in einer Generation sogar das Juste milieu. Soviel Einverständnis mit der zukünftigen gefühlten Mehrheit aber wäre natürlich unvereinbar mit der Marke HME.

Was also sagt die Rorschach-Analyse dieses Schemas aus Einst und Jetzt? Auch Enzensberger scheint nicht mehr der zu sein, der er eimal war. Damals vor 22 Jahren folgte er in dem Kapitel “Schwedischer Herbst” noch eindeutig dem Schema “Siehe, es steht geschrieben/ Ich habe es euch doch gleich gesagt”. Freilich so leicht und luftig formuliert, wie es nur ein Markenprodukt aus dem Hause HME kann:

“Oh, ich bin nicht der Mann, der sich berufen fühlte, unerbetene Ratschläge auszuteilen, ich rede nur so vor mich hin, ich sage einfach, was mir durch den Kopf schießt. Ich sage zum Beispiel: Wer von der Geschichte Schwedens nichts wissen will, der wird die Rätsel, die seine Gegenwart aufgibt, kaum lösen können.”

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