Ich, die Erzbahn, erfahre etwas über Nudelsalat

Dirk Glücksberg

Eine Erkundung des Einst im Jetzt: mit dem Rad von Marl nach Bochum in Wahlkampfzeiten.

Es ist Sonntagmittag. Die gelbe Brille gaukelt mir Sonne vor. Das muss sie auch, denn ich trage eine kurze Hose an einem Sommertag, der keiner sein will.

Ich klettere auf das Fahrrad – einst Testsieger von Stiftung Warentest. Mittlerweile ist es kein Siegerrad mehr. Aber es reicht für die 30 km nach Bochum.

Ich rolle los.

Vorbei am alten leer stehenden Praktiker. Ein Pärchen mittleren Alters sitzt im Gebüsch und zupft an Him- oder Brombeersträuchern.

Vorbei am ländlichen „Frühstückslokal“, das nun ein „Swingerclub“ ist. Zwei Kerle mit einem Opel Corsa und dicken Bäuchen stehen davor. Nicht gerade einladend.

Vorbei an der Kirche in Marl-Polsum. Reife Personentrauben sitzen im Café des neuen Altenheims. Polsum, die Enklave, überaltert stracks. Zwei junge Mädchen warten gegenüber des Cafés auf den Bus zum Schwimmbad. Ich kann das Chlorwasser schon riechen.

Vorbei an den Plakaten der „UBP!“. “Einschulung nur mit Deutschkenntnissen!“ „Politik kann auch ehrlich sein!“ Neulich erzählte mir jemand, dass er „UBP!“-Plakate vor seinem Haus entfernt, geschreddert und verbrannt hat. Hier in Polsum hängen die Plakate dafür optimal, nämlich tief. Aber die konservativen Polsumer finden das anscheinend nicht schlimm. In Marl-Mitte hängen dieselben Plakate hingegen an hohen Masten.

Vorbei an den Bäumen im Wäldchen rund um die Wasserburg Lüttinghoff. Die Eichen sind älter, als wir es alle jemals sein werden.

Nun fahre ich durch das Foto des letzten Beitrags, also zwischen der Halde Scholven und der nicht mehr vorhandenen Kokerei Hassel hindurch. Bei EON geht die Schranke auch sonntags hoch und runter.

Anschließend geht’s hinauf nach Buer. Türkische Kinder spielen fröhlich unter einem Plakat: „Weiter mit Baranowski“ Gelsenkirchen hatte wohl nie einen besseren Sozi.

Nun fahre ich runter nach Horst. Völlig daneben, denn Erle wäre die richtige Richtung. Horst würde hingegen passen, wenn es über Gladbeck nach Duisburg gehen soll. Horst Schimanski eben. Heute geht es aber nach Bochum.

Ich genieße noch kurz die Abfahrt und den Blick auf die Scheinwerfer der Halde Rungenberg. Dann schieße ich links in die nächste Querstraße und komme am Berger See heraus.

Dort wandern Senioren am Ufer und Liebespaare paddeln jenseits des Ufers. Ich verfahre mich in dem Park, komme am Schloss Berge vorbei, lande dann wieder am See und schon bald befinde ich mich ganz oben am riesigen, aber unscheinbaren Weltkriegsdenkmal. Dort spielen Opas Boule, unterhalb sind merkwürdige Hasenbanden zu sehen, noch weiter unterhalb liegt der See und die Veltins-Arena.

Ich verlasse den Park und komme an einem riesigen und neuen Gebäudekomplex vorbei. Was ist das denn? Ein riesiges Altenheim? Eine riesige Psychiatrie? Nein. Das „Medical Center Bergmannsheil“. Riesiges Englisch.

Nun rolle ich endlich bergab Richtung Erle. Vorbei an Masten; hoch oben hängt „Pro NRW„. Eine durchgestrichene Moschee. Und: „Intensivtäter abschieben!“ Und: „Gegen Islamisierung!“ Würde ich diese Plakate sehen und wäre ich Moslem: ich wäre geneigt, Islamist zu werden und Hass zu predigen.

In Erle sehe ich ein „Zertifiziertes Sonnenstudio“, eine „Internetstation“ und viele schöne alte Häuser, die mit schlechten Graffitis bemalt wurden. Ein anatolischer Schrottnickel kommt mir mit einem Moped und Anhänger lächelnd entgegen gefahren. Er arbeitet auch sonntags.

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Ich befinde mich nun in der Nähe der „Zoom Erlebniswelt“ und werde über die neue Brücke radeln. Kurz zuvor mache allerdings ich eine Fotopause. Ich finde ein Fundament, das anscheinend vergessen wurde. Nachdem ich es fotografiert habe und zurück zum Rad gehe, steht dort eine kleine Familie.

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Der Vater werkelt am Fahrrad des Sohns, die Tochter stellt der Mutter fragen. „Mama, wie baut man eine Brücke?“ Der Vater fühlt sich angesprochen: „Muss ich das sofort erklären oder kann ich mir dafür Zeit lassen?“

Ich fahre über die Brücke und überhole dort einen alten Herrn, woraufhin ich von einem kleinen Mountainbiker überholt werde, der nach der Brücke wild vor mir her rast und immer wieder übertriebene Bremsmanöver macht. Nach einem 180°-Turn und meinem „Wow!“ lasse ich den kleinen Helden hinter mir.

Nun fahre ich an den Schaufenstern vorbei, die Blicke in den wilden Zoo ermöglichen. Auch die Zoobesucher können bestaunt werden. Eigentlich will ich ein Foto machen, aber überall stehen an den Schaufenstern Herren, die aussehen wie Lehrer. Die Kleidung, die beladenen Drahtesel und die Schaufenster-Knauserigkeit verraten sie. Weil ich kein Klassenfahrtflair wünsche, fahre ich weiter.

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Nun beginnt die „Erzbahntrasse„, einst eine bedeutende Bahnstrecke zwischen dem Hafen Grimberg in Gelsenkirchen und der Jahrhunderthalle in Bochum. Jetzt ist es ein wunderbarer Radweg.

Es werden 10 Kilometer voller Ereignisse, hoffe ich. Zumindest sind viele Radler unterwegs. Und schon geht der Spaß los – ­ ein Herr ruft: „Beim Bergrunterfahren, da treten se! Aber beim kleinsten Berg, da steigen se ab!“ Ich frage mich, welche Berge der Herr meint und male mir aus, dass er einer dieser eifrigen Sonntagsfahrer ist, die ihr seltenes Glück nur mit zynischen Worten zu fassen kriegen.

Ich fahre nun immer wieder hinter älteren Pärchen, die langsamer unterwegs sind als ich. Auch ich fahre dann langsamer, um ihren wunderbaren Dialogen zu folgen. Meist fährt der Mann vorne, die Frau hinten, der Mann redet vorne, die Frau nickt hinten.

Einer dieser Männer erklärt seiner Frau und mir, der hinter der Frau fährt, die Erzbahntrasse. Er hat keine Ahnung, aber er ist der Fachmann. Die Frau hat auf Durchzug geschaltet; die Worte kommen ungefiltert bei mir an.

Auf der Hälfte der Strecke steht ein Imbisswagen. Gute Geschäftsidee: kühle Getränke zu teuren Preisen für durstige Radler. Ich fahre staunend an den Pausierenden vorbei und übersehe dabei die Weggabelung. Wie bei der letzten Tour komme ich ganz verdutzt in Ückendorf heraus und denke mir, dass dies nur ein schlechter Scherz sein kann.

Ich nutze die Situation und rolle zum nächsten Kiosk. Dort frage ich nach Weißbier und verneine das angebotene Erdinger, um mir ein Veltins zu kaufen. „Vorsicht, da ist ein Gast mit Stachel an ihrer Scheibe“, deute ich auf eine Wespe und verabschiede ich mich von dem Kiosk-Besitzer. Ein Trinker, der hinter mir stand, lacht noch laut, während ich davonbrause.

Anschließend geht es zurück auf die Erzbahntrasse. Ich erdreiste mich dazu, langsam vor vier eiligen Jungs mit „Abi 2009“-Shirts zu fahren. Einer ruft: „Diesmal brauchen wir bestimmt länger!“

Nun erreiche ich wieder die Weggabelung mit dem Imbisswagen. Dort sehe ich jetzt das Schild, das ich zuvor übersehen habe. Ich biege in Richtung „Jahrhunderthalle“ ab.

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Überrascht stelle ich fest, dass mehrere Brücken repariert werden. Schade, denn gerade die vielen Stahlbrücken machen den besonderen Reiz der Erzbahntrasse aus. Übrigens: Vor der Eröffnung der Route wurden unzählige Edelstahlteile abgeschraubt und gestohlen. Daraufhin wurde alles verschweißt, wodurch sich die Eröffnung verzögerte. Und nun werden also wieder Brücken mit Baugerüsten verunstaltet. Eine Brücke wurde sogar komplett durch ein Baugerüst ersetzt. Später werde ich lesen, dass der Grund für die Bauarbeiten Materialfehler sein sollen.

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Nahe der Jahrhunderthalle auf der „Erzbahnschwinge“ steht eine Frau mit sechs roten SPD-Ballons, die sie am Geländer befestigen möchte. Zwei Ballons fliegen in die Luft. Ich schaue den Ballons nach, bleibe stehen und blicke nach unten auf die Straße. Die Frau kommt näher: “Schwindelerregend, oder?“ “Haben Sie deswegen die Ballons fliegen lassen?“ “Ne. Das war extra. Macht Spaß.“ Adé SPD.

Ich rolle in den Park und mache ein Foto von der Jahrhunderthalle durch die Hornbrille. Der Fotograf sagte noch, dass so ein Foto nicht möglich sei. Stimmt nicht. Ich setze mich auf die Metallrundung am kleinen Spielplatz und mache mehrere Hornbrillen-Bilder. Das Metall der Rundung ist kochend heiß von der Sonne, die nun brennt.

Plötzlich steht eine junge Dame im Bild und posiert auf einer der Rundungen mit ihren Rundungen. Sie ruft ihren Freunden dabei zu, dass sie sich beobachtet fühlt. Aber nicht von mir. Ich knipse.

Kurz darauf kommt eine Mutter mit einem nackten Knaben auf dem Arm und möchte ihn auf die Metallkuppel setzen. „Vielleicht etwas heiß“, warne ich leise. Sie nickt und versichert, dass sie den kleinen Bub nicht anbraten möchte.

Ich schlendere über die Wiese und stelle fest, dass diese sehr nass ist. Die Abiturienten spielen barfuß Fußball. Das Mädchen vom Foto schießt immer wieder unkoordiniert mit Picke. „Du schießt immer unkoordiniert mit Picke“, ruft daraufhin einer der Jungen. Sie zeigt auf ihren Spann und ruft zurück: „Das tut hier weh!“ Der Junge: „Das tut beim Zugucken weh.“ Ich schmunzele – ­ mein Blick schweift ab auf die bedrohliche Jahrhunderthalle.

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Ich erkunde das Gelände für weitere Fotos. Auf einer Treppe begegnen mir drei ältere Damen. Die älteste Dame geht langsam und macht viele Pausen. Sicher das Herz oder die Hüfte. Als sie mich lächeln sieht, spielt sie ihr Leid mit einem Spruch herunter: „Wer sein Rad liebt, der schiebt.“ Ich trage das Rad und lache bestätigend.

Die Wespen im Park sind heimtückisch. Ich beobachte ein türkisches Mädchen mit zwei türkischen Jungs, die sich auf der Wiese niederlassen wollen, aber ständig wegen der Wespen den Ort wechseln. Das Mädchen läuft immer wieder vor einer Wespe weg. Einer der beiden Jungs, ein Macho, läuft ebenfalls vor Wespen weg – ­ wie das Mädchen.

Ich sitze wieder bei den Kuppeln und beobachte eine kleine Familie. Zwei kleine Schwestern leisten sich einen Wettkampf, rennen immer wieder hin und her und lassen ihre Eltern Stoppuhren sein. Das ältere Mädchen ist nicht ganz so verbissen, die jüngere dafür umso mehr.

Die Eltern zählen bei den Einzelläufen so, dass beide am Ende gute Zeiten erreichen. Ich zeige auf die Jüngere und sage: „Die wird heute bestimmt gut schlafen.“ Die Mutter lacht und sagt: „Ne. Die hat viel Energie.“

Die Familie verabschiedet sich und ein Typ mit einem Rad, das nach einer langen Tour aussieht, steht plötzlich da. Ich frage ihn, ob er einen weiten Weg hinter sich hat. Er kommt aus Bochum.

Max, Designer a.D. und ich diskutieren schon bald zentrale politische Fragen. Mandarinenschalen in einem nahen Mülleimer locken aggressive Wespenscharen an. Dann gesellt sich noch ein freundlicher Flaschensammler dazu, der noch mehr zu erzählen hat. Aber zunächst holt er die Mandarinenschalen aus dem Mülleimer und feuert sie weg.

Von ihm erfahre ich, dass unter uns – ­also unter der Wiese – ­ ­ eine komplette Fabrik in einem Bunker liegt. Daher also der nasse Boden. Im kriegerischen Einst wurde dort fleißig weiterproduziert. Und jetzt gibt es sogar Führungen. „Schau mal ins Internet, da stehen Termine.“

Dann erzählt er vom Nudelsalat: Den gibt es bei Discountern mittlerweile nicht mehr. Hat arme Leute immer gut und günstig satt gemacht. Wurde daher aus dem Programm genommen, da zu gut und günstig. Schlaue Schlüsse.

Ich frage ihn, warum er Flaschen sammelt. Er sagt, er habe einst einen Vorgesetzten durch eine Scheibe geworfen, weil der ihn respektlos behandelte. Seitdem ist er arbeitslos und jetzt auf Hartz IV. Aber er kommt mit den Pullen über die Runden und sammelt bei “Bochum Total“ 150 Euro.

Max, der Designer a.D., verweist auf die Nuttengeschichte, als das Stichwort Hartz fällt („Ich nenne den nur noch >Nutten-Peter<!“). Das ist tatsächlich schon in Vergessenheit geraten. So wie die Geschichte des Cross-Border-Leasings in Bochum: Die aktuelle Oberbürgermeisterin hat einst üble Verträge unterschrieben – ­aber jetzt hat sie beste Chancen, wiedergewählt zu werden.

Vielleicht deswegen, weil die Menschen milder geworden sind: Der Flaschensammler erzählt, dass die Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr immer weiter erhöht werden. Max sagt, dass man deswegen früher Busse umgekippt hat. Heute nimmt man es einfach hin. Wobei die Preiserhöhungen nur dazu führen, dass immer weniger Leute mit Bussen und Bahnen fahren. Sehr beunruhigend, wo wir doch in Zeiten der knappen Ressourcen leben.

Ich habe das Gefühl, dass dieses Gespräch mit den beiden kein Ende nimmt. Es macht Spaß. Aber die Shorts sind kurz und die Sonne wandert zügig Richtung Nacht. Also verabschiede ich mich und werde erneut zur Erzbahn.

Der Rückweg vergeht schnell. Schon bald bin ich wieder in Polsum. Dort stellen gerade zwei Herren Plakate von der „Bürgerunion“ auf. Ich erkläre den beiden, dass das Layout ihres Plakats nicht gut gewählt ist. Zusammengefasst: Eigentlich sind es drei Plakate in einem, wobei jedes der drei Plakate kaum wahrgenommen wird. Gerade in Polsum, wo viele Senioren mit schlechten Augen wohnen, ist dies keine gute Wahl.

Anschließend analysiere ich das Plakat der jetzigen Bürgermeisterin, die von der „Bürgerunion“ unterstützt wird. Es sei eine ziemlich schlechte und “künstliche“ Montage, sage ich und stelle dabei fest, dass die Herren mir immer weniger folgen können.

Einer der beiden gibt sich schließlich aus Verzweiflung als derjenige zu erkennen, der auf einem der Wahlplakate abgebildet ist. Der erhoffte Zuwachs an Autorität bleibt jedoch aus. „Man erkennt Sie überhaupt nicht“, sage ich. Der Lokalpolitiker: „Die machen da auch ein Bisschen was am Foto oder vielleicht liegt’s auch daran, dass ich auf den Plakat keine Brille trage.“ Er nimmt seine Brille ab, ich erkenne ihn dennoch nicht und fahre weiter.

In der Tempo 30-Zone rolle ich mitten auf der Straße und höre plötzlich hinter mir einen Motor aufheulen. Je mehr der Motor aufheult, desto langsamer fahre ich. Schließlich bleibe ich stehen. Der Wagen auch: ein Audi TT, der nun mehrmals hupt.

Ich rolle zum Fahrerfenster. „Hier ist 30!“ „Ist es nicht!“ “Fahren Sie doch zurück und überzeugen Sie sich selbst!“ „Hier ist nicht 30! Das weiß ich!“ „Na wenn Sie meinen!“ Ich gehe zur Seite und der TT schießt mit Vollgas an mir vorbei. In diesem Anblick zweifle ich, ob hier tatsächlich Tempo 30 ist. Nach der Kurve sehe ich noch gerade, wie der TT mit Lichtgeschwindigkeit an den Schildern vorbeischießt, die das Ende der 30-Zone bedeuten.

Es dunkelt auf den letzten Metern. Ich fahre ohne Licht, aber mit Sonnenbrille. Die gelben Gläser überzeichnen immer noch fleißig meine Eindrücke.

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