grau/grün

Dirk Glücksberg

grau2004

Die vergangenen Jahrzehnte waren grau. Viel Qualm um nichts. Ungesundheit. Menschen, die ungesund zur Welt kamen und ungesund starben. Zechen, Kokereien – die Maloche wurde mit Staub und Giften bezahlt, die Lungen waren Geldbeutel.

Orte der Ungesundheit, Orte der Arbeit – nur Freundschaft machte sie erträglich. Die Freundschaften der kleinen Leute, sie waren groß.

Aber nicht von Dauer: Zechen und Kokereien starben, Vereine starben. Das Sterben begann mit der Geburt der Chinesen. Die lächelnden Emporkömmlinge falteten die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl zusammen und verschifften sie nach China. Dort wurde sie wieder aufgebaut, angefahren und chinesisches Koks reiste zurück ins globale Dorf. Soweit, so schlecht … die Luft in China.

Und Deutschland? Nicht jede Kokerei war ein hochmodernes Puzzlespiel. Zum Beispiel die Kokerei Hassel: Ihr galt daher brachiale Gewalt. Es wurde gebolzt, gepresslüftet, gesprengt. Endzeit und Läuterung – Reinigung vom Übel und von der Sünde der Schmier- und Schmutzfink-Jahre.

Kurz darauf wuchs Gras über die Sache. Zudem kehrte der Horizont zurück. Dort hinten die Halde Scholven, darauf ein DVB-T-Mast, dort vorne das Grün und darunter der kontaminierte Grund: Erdschichten voller ungesunder Erinnerungen.

Der Plan der Stadt Gelsenkirchen sieht daher eine zaghafte Rekultivierung vor: ein wenig Wohngebiet, ein wenig Gewerbe, viel unschuldiges Grün.

Und wann werden die Chinesen wieder grün? Und wohin schicken sie dann die Kokerei? Nach Afrika? Und wann werden die Afrikaner danach wieder grün? Und wohin schicken sie die Kokerei? […]

Am Ende sind hoffentlich alle grün. Wenn da nur nicht dieser graue Unort wäre, der Schwarze Peter deutscher Wertarbeit, der immer weitergeschickt wird, statt an Ort und Stelle in Grund und Boden zu versinken: wie in Hassel.

Anm. d. Red.: Der Autor hat bei den Fotos offensichtlich geschummelt. Denn wer genau hinschaut, sieht ein Minarett wandern.

gruen2009

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