Bonos Brille

Marc Koch

Schade eigentlich, dass Bono so ein gutes Gedächtnis hat. Sonst hätte Bar-Besitzer Luis jetzt ein Andenken an den U2-Sänger, um das ihn Millionen von Fans beneiden würden.

„Plötzlich habe ich gesehen, dass Bono seine Sonnenbrille liegengelassen hatte. Da habe ich ein bisschen auf böswillig gemacht und mir gesagt: ‚Ich hab‘ nichts gesehen!‘ – wäre ein nettes Souvenir gewesen.“ Leider ist Bono’s legendäre blaue Brille sündteuer – so eine vergisst man auch nach einem fünfstündigen Barbesuch mit Fotoshooting nicht.

„Er war schon fast draußen, da hat er sich erinnert und ist noch mal zurück, um die Brille zu holen.“ So bleiben Luis als Andenken die Fotos, die in seiner winzigen Bar „Casa Julio“ zwischen Stierkampf- und Flamenco-Postern hängen. Luis hat nur vier Marmortische – aber nach einem Umbau erinnert er sich nicht mehr genau, an welchem die irischen Rocker Berge von hausgemachter Tortilla und Schinken verdrückt haben.

„Ich weiß es echt nicht mehr. Es kann der hier gewesen sein, oder der daneben.“ Und das, wo jeden Tag U2-Fans vorbeikommen und nach dem Mobiliar fragen, an dem ihre Stars gesessen haben. Und sie wollen es nicht nur sehen, wundert sich Luis

„Da gibt es ernsthaft Leute, die den Tisch und die Stühle kaufen wollen. Die fragen nicht mal nach einem Preis. Aber ich mache das sowieso nicht, das ist doch lächerlich.“ Und die Erinnerung ist sowieso unbezahlbar: Während Drummer Larry Mullen den Mund eigentlich nur zum Essen aufgemacht hat, war Bono zappelig wie immer.

„Er hat sehr viel Charisma, er ist sehr extrovertiert und liebenswert. Und nervös. Er ist ständig rumgehampelt und konnte keine Minute stillsitzen.“ Und der U2-Frontmann hat bewiesen, dass auch Rocker Gentlemen sein können, erzählt Doña Maite, die 68-jährige Mutter von Luis:

„Bono hat meinen Sohn gefragt: „Wie sagt man ’sehr erfreut‘ auf Spanisch?“. Dann hat er sehr liebevoll meine Hand geküßt und gesagt: ‚Encantado, Mamá!‘ “

Auch davon gibt’s ein Foto. Die perfekte Werbung für die kleine Casa Julio.

„Ich hab die Bilder aufgehängt, einfach so, zum Anschauen. Das hat sich rumgesprochen, und jetzt kommen sogar viele Ausländer hierher, um sie anzusehen.“ Keine Frage: Die Casa Julio ist ein echtes Pilgerzentrum für U2-Fans geworden. Auch ohne Bono’s Brille.

Paco Gómez über „Casa Julio“

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