Die Kerkermeister – Eine Chronik

Gerhard Henschel

1.6.2009

In einem Hintergrundgespräch hat Wolfgang Höllrigl vor einigen Wochen erklärt, weshalb er den Kindern von Josef F. nicht länger hinterherspioniere, sondern endgültig „von der Familie abgelassen“ habe: „Da war eine Fassungslosigkeit, die jeden Jagdinstinkt gekillt hat.“ (1) Inzwischen scheint er seine Fassung zurückgewonnen und seinen Jagdinstinkt wiederbelebt zu haben. „Der schöne Beweis: 13 Monate nach ihrer Befreiung aus dem Horror-Haus von Amstetten sind die verheerenden Wunden am Gemüt der nunmehr 43-Jährigen so gut verheilt, dass sie die Welt wieder mit dem Herzen sehen kann. Denn die Frau, die nach zwei oder drei Teenie-Tandeleien als Kellnerlehrling Sex nur noch als Gewaltverbrechen erfuhr, hat sich Hals über Kopf verliebt“, berichtet Höllrigl weltexklusiv. Der Öffentlichkeit, die nun so lange schon nach Neuigkeiten aus der Intimsphäre dieser Frau gedürstet hat, ist er gern auch mit näheren Informationen dienlich: „Der Mann, der sie glücklich macht, heißt Thomas W., ist ein gutes Stück jünger – und soll bereits bei ihr eingezogen sein. Ein großer Schritt in ein neues Leben“, bilanziert Höllrigl, obwohl er ahnen dürfte, was es bedeutet, ein neues Leben unter seiner persönlichen Aufsicht verbringen zu müssen. Nebenbei plaudert er aus, in welchem oberösterreichischen Bezirk E. F. ansässig sei. „Bei jedem Schritt auch privat an ihrer Seite: Bodyguard Thomas. Klar auch für diskrete Augenzeugen: ‚Die beiden sind ein Paar.’“ (2)

Auf Höllrigls Recherchen und die Auskunft der diskreten Augenzeugen stützt die Bild-Redaktion ihre Mutmaßung, daß die Tochter von Josef F. „einen wichtigen Schritt zurück zur Normalität gemacht“ habe: „Jetzt kämpft sie sich zurück in ein normales Leben.“ (3) Dieser Kampf ist auch der Sun eine Schlagzeile wert. (4) Völlig normal kann so etwas allerdings nur aus der Perspektive von Journalisten aussehen, die es gewohnt sind, Prominente auf Schritt und Tritt auch privat zu begleiten.

1 Zitiert nach Marian Blasberg: Vor dem Weltgericht. In: Die Zeit 12/2009, S. 22
2 oe24.at: „Liebt Bodyguard – Fritzl-Tochter im Liebesglück
3 bild.de: „Liebt Fritzls Tochter ihren Bodyguard?
4 The Sund: „Fitzl girl ‚in love‘ with bodyguard


27.3.2009

Jetzt rede Josef F., meldet Bild und erteilt ihm das Wort. Er hege keine Selbstmordgedanken: „Nicht zu diesem Zeitpunkt, denn vielleicht kann ich ja noch meinen Opfern helfen. Ich möchte eine Art Buch schreiben, nicht für die Öffentlichkeit, nur für sie, in dem ich versuche zu erklären, warum ich in solch abscheulicher Weise gehandelt habe. Ich will Psychiatern und Psychologen Auskunft über mich, über meine kranke Seele geben – denn möglicherweise helfen diese meine Aussagen den Therapeuten, die meine Tochter und die Kinder betreuen.“ (1) Und wir dürfen dreimal raten, was die Bild-Redaktion mit so einer Art Buch von Josef F. anstellen würde.

1 Bild (Hamburg), 27.3.2009, S. 10


26.3.2009

Von der Psychiaterin Adelheid Kastner möchte der Stern gern wissen, wie Josef F. nach der Gefangennahme seiner Tochter vorgegangen sei: „Hat er sich danach sofort an ihr vergangen?“ Das kann die Psychiaterin zwar nicht genau beantworten, doch sie ist durchaus dazu bereit, ihre im Gespräch mit Josef F. gewonnenen Intimkenntnisse auszubreiten: „Als seine Potenz mit dem Alter nachließ, benutzte er sogar Viagra.“ (1)

1 Zitiert nach Stern 14/2009, S. 51


23.3.2009

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Christian Geyer in kritischer Absicht von den „verschärften medialen Wettbewerbsbedingungen, unter denen bisweilen der eingefleischte Sinn für Proportionen und guten Stil abhanden zu kommen droht“. (1) Den Vorgang, den Geyer so vornehm umschreibt, hat Karl Kraus bereits 1928 etwas präziser als „das Wüten der Sensationsbestie“ bezeichnet, die „der genießenden Kanaille Öffentlichkeit“ jedes gewünschte Opfer darbringe. (2) In einem Mordprozeß gegen den zur Tatzeit achtzehn Jahre alten Gymnasiasten Paul Krantz hatte damals die Zeugin Hildegard Scheller ausgesagt und sich damit ungewollt der allgemeinen Neugier ausgesetzt. Wie der Historiker Daniel Siemons berichtet, spekulierten Journalisten hemmungslos über das Liebesleben der Zeugin und über die Frage, ob sie sich den Täter sexuell hörig gemacht habe: „Die Konstruktion einer minderjährigen und zumindest latent kriminellen Femme fatale durch die Journalisten diente im Krantz-Prozeß zum einen der Befriedigung voyeuristischer Begierden. So wurde im Gericht und in den Zeitungen ausführlich über die noch bestehende oder bereits eingebüßte Jungfräulichkeit Hilde Schellers diskutiert. Diese Debatten gipfelten in dem Antrag des Rechtsanwalts Frey, der die Frage durch Hinzuziehung eines Gynäkologen gerichtlich klären lassen wollte. Zum anderen war die Stilisierung Hildes auch ein funktionaler Teil der liberaldemokratischen und linken Presse, den Angeklagten Krantz zu entschuldigen.“ (3)

Und nun wäre noch zu klären, wann und wie sich in den folgenden Jahrzehnten unter Journalisten der Sinn für Proportionen und guten Stil entwickelt haben könnte, den Christian Geyer heute, unter verschärften medialen Wettbewerbungsbedingungen, bisweilen bedroht sieht.

1 Christian Geyer: Sein Name sei nicht mehr genannt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2009, S. 27
2 Karl Kraus: Für Hildegard Scheller. In: Die Fackel 781–786/1928, S. 40–46, hier S. 45, 40
3 Daniel Siemons: Metropole und Verbrechen. Die Gerichtsreportage in Berlin, Paris und Chicago 1919–1933. Stuttgart 2007, S. 278


21.3.2009

Nach der Verurteilung ihres Vaters zu lebenslänglicher Haft könnte es nun stiller werden um Elisabeth F., doch die vom Kurier in die Welt gesetzten Gerüchte ziehen Kreise, heute auch mit sanfter Nachhilfe der Frankfurter Rundschau, die Josef F. und seinen Angehörigen eine Betrachtung widmet, in der es heißt: „Seine Tochter plant angeblich, ein Buch über ihr 24-jähriges Martyrium und das ihrer Kinder zu schreiben. Auch deswegen habe sie die direkte Konfrontation mit ihrem Vater und Peiniger im Gerichtssaal gesucht.“ (1) Und auch Ricardo Peyerl, Andrea Wasinger und Wolfgang Atzenhofer lassen nicht locker. Elisabeth F., berichten sie, „organisierte sich ein Wohnhaus in einem anderen Bundesland für sich und ihre sechs Kinder“, wo man sie leider nicht in Frieden lasse: „Auch dort wurde sie von englischen Boulevardmedien aufgespürt, bedrängt, verfolgt, fotografiert. Dass die ganze Familie neue Namen angenommen hat, half wenig. Die Hatz stößt nicht nur in Amstetten auf heftige Ablehnung. Auch in der neuen Wohnregion ist viel Solidarität zu spüren. Vor allem, seit bekannt wurde, dass für die Aufdeckung des neuen Wohnortes und der neuen Identität Unsummen geboten werden.“ In dieser neuen Wohnregion tummeln sich Ricardo Peyerl, Andrea Wasinger und Wolfgang Atzenhofer zu einem guten Zweck: Sie wollen stellvertretend für die Leser des Kurier die Solidarität der Einwohner mit deren Nachbarin Elisabeth F. erspüren. „’Ich fahre täglich zur Arbeit am Haus der Familie vorbei. Ich würde sie niemals verraten, sie sollten endlich Ruhe bekommen’, schreibt ein Nachbar in einem der vielen Internetforen, in denen das Schicksal der Opfer thematisiert wird.“ (2)

Es ist fraglich, ob die Familie in einem deutschen Bundesland vor Nachstellungen besser geschützt wäre. In einem sechzehn Jahre alten Lehrbuch des deutschen Medienrechts heißt es zwar: „Die ‚Belagerung’ der Wohnung von Personen, die wegen aktueller Ereignisse in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt sind, kann auch dann, wenn die Grenzen des strafrechtlichen Hausfriedensbruchstatbestands beachtet werden, eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts bedeuten. Nicht jeder Versuch der Kontaktaufnahme im privaten Bereich verletzt das allgemeine Persönlichkeitsrecht. Von einer unzulässigen ‚Belagerung’ wird man erst dann sprechen können, wenn die Privatwohnung planmäßig etwa durch Installierung einer Videokamera beobachtet wird oder wegen der Dauer der Präsenz von Journalisten die Bewegungs- und Handlungsfreiheit des Betroffenen spürbar eingeschränkt ist.“ (3) Aber was könnte der Betroffene gegen Journalisten unternehmen, die nur anreisen, um die Journalisten zu beobachten, die ihn beobachten und belagern? Oder gegen die Solidaritätsbekundungen von Nachbarn, die überall herumerzählen, daß sie schweigen werden?

1 Harald Biskup: Vorhang zu und viele Fragen offen. In: Frankfurter Rundschau, 21./22.3.2009, S. 46 f. hier S. 47
2 kurier.at: Was wusste Fritzls Frau?
3 Marian Paschke: Medienrecht. Berlin u.a. 1993, S. 201; vgl. Jörg Soehring: Das Recht der journalistischen Praxis. Recherche, Darstellung, Haftung. Stuttgart 1990, S. 147


19.3.2009

„Von Dubai über Kanada bis nach Shanghai“, so schwärmt kurier.at, habe die Meldung „Wellen“ geschlagen, daß Elisabeth F. im Gerichtssaal erschienen sei. „Zur Veranschaulichung, wie schnell Medien heutzutage Informationen aufnehmen und weitergeben“, folgen dann einige Links zu Seiten, „auf denen wir unsere Geschichte wiedergefunden haben“, und der Ruhm dafür gebührt den namentlich genannten Kurier-Reportern Ricardo Peyerl, Andrea Wasinger und Wolfgang Atzenhofer. (1) So dicht wie dieses Team ist bislang noch niemand Elisabeth F. auf den Fersen gewesen.

1 kurier.at: KURIER-Bericht über Fritzl-Tochter schlägt Wellen


18.3.2009

Die Redaktion der Tageszeitung Kurier verbreitet das Gerücht, daß Elisabeth F. sich am zweiten Verhandlungstag als Zuschauerin im Gerichtssaal aufgehalten habe, (1) und diese Geschichte spricht sich sogleich um den Erdball herum, bis hin zur International Herald Tribune. (2) Und der Kurier weiß noch mehr: „Am Abend soll die Frau zu ihren Kindern gebracht worden sein. In der Klinik, in welcher die Familie Zuflucht vor zudringlichen Reportern gesucht hatte“, heiße es nämlich, daß Elisabeth F. „plane, ein Buch zu schreiben“, und dafür habe sie „Eindrücke sammeln wollen.“ (3)

Die Redaktion des Kurier scheint es nicht zu stören, daß sie sich mit ihrem eindrucksvollen Hintergrundwissen in den Verdacht der Bestechung korrupter Krankenpfleger bringt. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um den Versuch, der schweigenden Elisabeth F. wenigstens ein Dementi abzupressen, das dann als neueste Nachricht verwertbar wäre.

1 kurier.at: Prozess Tag 2: Fritzl-Tochter kam heimlich
2 Herald Tribune: Incest father pleads guilty to charges, faces life
3 Siehe Anmerkung 1


17.3.2009

Vor Gericht hat der Verteidiger Rudolf Mayer wiederholt, wie er sich selbst als „Monster“ verhalten hätte, als Kerstin F. nach neunzehn Jahren im Kerker lebensgefährlich erkrankt war: „Als Monster bring ich sie alle um, und aus is, und auf meinem Grabstein steht: Ein braver Bürger.“ (1) Man darf gespannt darauf sein, was die Geschworenen davon halten, in diesem unerhört rüden Ton über die Mitleidsfähigkeit und den Familiensinn des Angeklagten aufgeklärt zu werden.

Die ausgesperrten Medienvertreter scheint mittlerweile das Gefühl ihrer Überflüssigkeit zu beklemmen. „Der ORF-Reporter, der vor Ort in St. Pölten ist, gibt offen zu, ‚frustriert’ zu sein, da er durch den Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal als Journalist nicht weiß, worüber er berichten soll“, meldet oe24.at und hat damit immerhin ein paar Zeilen geschunden, (2) während der Spiegel sein Onlineportal mit psychologischen Expertenkommentaren füllt und der Psychotherapeutin Rotraut A. Perner die Gelegenheit gibt, sich in die privaten Belange der Familie F. einzumischen. Für Elisabeth F., mutmaßt Frau Perner, wäre es „gesünder, sich ausschließlich um ihre Kinder zu kümmern und mit ihrer Mutter zu brechen, auch wenn es für diese schmerzlich sein würde. Es ist nach meiner Ansicht der einzige Weg, ein eigenständiges und vielleicht auch glückliches Leben zu führen.“ (3) Auf diesem Wege müßte es dann allerdings auch möglich sein, Frau Perner abzuschütteln, denn wie könnte man ein eigenständiges und vielleicht auch glückliches Leben führen, wenn man stets darauf gefaßt sein muß, daß einem wildfremde Fachleute öffentlich den Rat erteilen, mit diesem oder jenem Familienmitglied zu brechen? Für Rotraut A. Perner gilt, was Jan-Philipp Reemtsma in einem ähnlichen Zusammenhang gesagt hat: „Nichtanwesenheit in der Öffentlichkeit sollte eine derartige professionelle Selbstverständlichkeit sein, dass eine Therapeutin, die gegen diese Selbstverständlichkeit verstößt, mit gravierenden standesrechtlichen Problemen rechnen müsste.“ (4)

1 Zitiert nach Hans Holzhaider: Der Moderhauch aus dem Verlies. In: Süddeutsche Zeitung, 17.3.2009, S. 3
2 oe24.at: Der Live-Ticker zum Fritzl-Prozess
3 Spiegel Online: Psychoanalytikerin zu Amstetten: „Typen wie F. gibt es viele“
4 Jan-Philipp Reemtsma: Gewaltopfer – kann man Abstinenz von der Öffentlichkeit fordern? In: Mittelweg 4/2008, S. 30–44, hier S. 42


16.3.2009

Bei der Pressekonferenz zum Abschluß des ersten Prozeßtags hat Erich Huber-Günsthofer von der Justizanstalt St. Pölten auf Befragen erklärt, daß Josef F. zu Mittag Sojalaibchen mit Kartoffelpürree gegessen habe. „Am Abend werde er Frankfurter mit Senf und Gebäck bekommen.“ (1) In ihrer Not schnappt die informationshungrige, von der Verhandlung ausgeschlossene Öffentlichkeit sogar nach solchen süßen Nichtigkeiten.

1 oe24.at: Aus St. Pölten: Der Live-Ticker zum Fritzl-Prozess


15.3.2009

Wolfgang Höllrigl und seine Kollegen geben ihr Äußerstes, um die Medienhysterie zu schüren, über die sie berichten wollen: Die Behörden müßten jetzt „mit allem rechnen“, und es sei „für sie nicht auszuschließen“, daß jemand versuche, Josef F. „aus einem Hubschrauber heraus zu attackieren oder – möglicherweise – auch zu befreien“. (1) Und Rudolf Mayer, der Anwalt des Angeklagten, wirbt in einem Interview um Verständnis für seinen Mandanten: „Er ist kein Sex-Monster. Ein Sex-Monster ist jemand, der mit geringem Aufwand die maximale Befriedigung erreicht. Sein persönlicher Aufwand war ja unheimlich, mit geringstem Werkzeug alles umzubauen. Wenn ich bloß eine Sexsklavin will, sperr ich sie irgendwo in einem Kammerl ein und aus. Und Kinder lass’ ich als Monster doch nicht groß werden, die werden beseitigt und einbetoniert und aus. Da tapeziere ich doch nicht die Wand mit Mickey-Maus-Fotos und feiere Geburtstag und bringe einen Weihnachtsbaum.“ (2)

Noch befremdlicher als die Vertrautheit dieses Rechtsanwalts mit der Denkweise gewissenloser Sexualverbrecher wirkt der läppische Zungenschlag, mit dem er die Wörter „Sexsklavin“, „Kammerl“, „beseitigt“, „einbetoniert“ und „aus“ über die Lippen bringt.

1 oe24.at: Lebensgefahr? Fritzl bekam Morddrohungen im Knast
2 Zitiert nach Kurier: Fritzl: Ein fürsorglicher Kerkermeister?


14.3.2009

„In St. Pölten ist inzwischen neben dem Gerichtsgebäude ein Pressezelt aufgebaut worden“, berichtet die Süddeutsche Zeitung. „In den Nachrichtensendungen wird, mangels interessanter Personen, die Fassade des Landgerichts viel im Bild sein. Man hat inzwischen Bäume beschnitten, damit diese Fassade besser zu sehen ist.“ (1) So steht die dritte Staatsgewalt der vierten mit Serviceleistungen zu Diensten.

1 Holger Gertz: Die Unsichtbaren und ihre Jäger. In: Süddeutsche Zeitung, 14./15.3.2009, S. 3


12.3.2009

Einem parlamentarischen Ausschuß für Kultur, Medien und Sport hat Max Mosley in London seine Bedenken gegen die journalistische Befassung mit seinem Geschlechtsleben vorgetragen, ohne die Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung restlos von der Berechtigung seines Anspruchs auf die Unverletzlichkeit seiner Intimsphäre überzeugen zu können: „Max Mosley sprach von einer ‚Tyrannei von Halbkriminellen’. Er schilderte seine Empfindungen, als er die Zeitung mit der Titelgeschichte über seine erotischen Vorlieben in der Hand hielt. Um den Schock noch anschaulicher zu beschreiben, erläuterte er, es sei ja schließlich nicht so gewesen, dass er erst am Freitag etwas getan habe, was dann am Sonntag in der Zeitung gestanden habe: ‚Ich habe diese Dinge seit fünfundvierzig Jahren getrieben’, betonte der achtundsechzig Jahre alte Mosley, als seien Sadomasospiele das Normalste auf der Welt.“ (1)

Ja, sind sie das denn nicht?

1 Gina Thomas: Als übertrage man der Mafia die Polizei. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.3.2009, S. 39


11.3.2009

„Es gibt auch schöne Erinnerungen“, versichert ein Journalist, der den Anschein erweckt, als ob er die von Elisabeth F. im Kellerverlies geführten Tagebücher eingehend studiert habe. „Zu den spassigsten Momenten im Tagebuch Elisabeths gehört der Tag, an dem ihr Vater einen Spiegel in den Keller stellt. Die Kinder seien so begeistert gewesen, dass sie ständig davor gestanden seien und nicht mehr davon hätten lassen können.“ (1) Von Elisabeth F. ist nicht bekannt, daß sie willens wäre, ein breites Publikum an den spaßigsten Momenten ihrer Gefangenschaft teilhaben zu lassen. Und seit wann ist es erlaubt, das private Tagebuch einer unbescholtenen Person, die sich niemals in die Öffentlichkeit gedrängt hat, publizistisch auszubeuten und die Leser mit dessen spaßigsten Stellen zu ergötzen?

In St. Pölten rechnet man mit noch großzügigeren Auslegungen der Pressefreiheit: „Während des Prozesses gilt sogar Flugverbot über dem Gericht, als würden die G-8-Regierungschefs tagen. Man fürchtet, die Medienmeute könnte sich während der Wartezeiten intensiv auf die Suche nach der Tochter Elisabeth und deren Kindern machen.“ (2) Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster, die auf das öde Schauspiel niedergehn.

1 kle: Ein Tagebuch über 8642 Tage in der Hölle
2 Michael Frank: Das Millionen-Monster. In: Süddeutsche Zeitung, 11.3.2009, S. 10


9.3.2009

Aus St. Pölten meldet oe24.at „die nächste Sensation“: Josef F. werde der britischen Nachrichtenagentur Central European News ein Interview geben und das Honorar, einen „Millionenbetrag“, seinen Kindern stiften. „Das Interview wird nach dem Prozess im Gefängnis ablaufen, im Horror-Haus wird schon gedreht, der Beitrag dann TV-Stationen weltweit angeboten. Michael Leidig, CEN-Mann in Österreich, über den eigenen Profit: ‚Es gibt keinen, jeden Cent bekommt Elisabeth.’“ (1) Auf der Suche nach einem Forum zur Selbstdarstellung wäre Josef F. damit fündig geworden. Er könnte seine Version der Geschichte verbreiten und sich zugleich als Samariter betätigen, während seine Tochter schweigt. Um eine Erklärung für dieses enorme Durchsetzungsvermögen eines inhaftierten mutmaßlichen Schwerverbrechers hat der österreichische Kurier die „diplomierte Astrologin“ Susanne Eder gebeten, und sie führt die Stärke des Angeklagten „auf die im Widder erhöht stehende Sonne zurück. Diese Konstellation bedeute Kampfeslust.“ Im Horoskop von Josef F. stehe außerdem Pluto im Krebs: „Das bedeute dominierende Eltern und eine schwierige Kindheit. Die Mars-Sonne-Opposition und das Pluto-Quadrat zur Sonne lassen darauf schließen, dass er selbst als Kind attackiert worden ist und negative Erfahrungen mit Männern und anderen Autoritätspersonen gemacht habe.“ (2,3)
Als international bekannte Zelebrität scheint er mit der Mediengesellschaft jetzt auch ein paar bessere Erfahrungen zu machen.

1 oe24.at: Fritzl gesprächig – Inzest-Vater gibt 1. Interview in Zelle
2 kurier.at: Das sagt die Astrologin Susanne Eder
3 Susanne Eder: Horoskop von Josef Fritzl


1.3.2009

Die Redaktion der Tageszeitung ÖSTERREICH tritt von Mal zu Mal bestimmter als medienkritische Instanz in Erscheinung und beklagt auch heute den Verfall der guten journalistischen Sitten: „16 Tage vor dem Sensationsprozess“ gegen das „Inzest-Monster“ Josef F. eskaliere „der Medienrummel endgültig zum Krieg. Im Kampf um die bessere – und exklusive – Story sind sich rund 200 Satansreporter aus aller Welt, die über das Verfahren am Landesgericht St. Pölten berichten, einig: der Scheck heiligt die Mittel.“ Als jüngstes „Beispiel für die Gangart, die in Österreich neue Maßstäbe setzt“, dient ein „vertrauliches Angebot der britischen TV-Produktionsfirma back2back an europäische Fernsehstationen, das ÖSTERREICH zugespielt wurde“. David Notmann-Watt, der Manager jener Firma, „listet – gleichsam von Wolf zu Wolf – auf, was er so alles zu bieten hat; und natürlich auch, wie viel seine Ware Interessenten kostet. Unglaublich, aber wahr: Die genaue Anschrift des geheimen Ortes (ein Haus mit Garten), an dem sich Vergewaltigungsopfer Elisabeth mit ihren sechs Inzest-Kindern seit Weihnachten verkriecht, um endlich Ruhe zu finden, ist um 7.000 britische Pfund (7.838 Euro) zu haben.“ Im Angebot befänden sich u.a. auch Interviewtermine mit einer ehemaligen Geliebten von Josef F., mit zwei Frauen, die er „sexuell attackiert haben soll“, mit einem Mithäftling und mit einem Urlaubsbegleiter sowie mit der Ehefrau des Angeklagten. Das „gesamte Paket von back2back“ umfasse „alle starken Stücke samt Ausstrahlungsrechten in neun Ländern Europas. Preis: eine Million Pfund.“ (1)

Gegen die Versuchung, in den Warenkorb zu greifen, ist wahrscheinlich nur der alte Wolfgang Höllrigl gefeit, weil einer ehrlichen Haut wie ihm der Scheckbuchjournalismus schlicht pervers vorkommen muß.

1 oe24.at: Schaurig – Die geheime Fritzl-Preisliste


25.2.2009

In St. Pölten schreibt sich der bekannte Medienkritiker Wolfgang Höllrigl allmählich warm für den Prozeß gegen Josef F.: „200 Medienwölfe aus aller Welt und zwei Dutzend TV-Teams werden das Landesgericht belagern, um einem Millionenpublikum Atemberaubendes vom 74-jährigen Inzest-Täter zu liefern. Im Kampf um Sensationen geht es bis zum Urteil am 20. März täglich darum, unter den Guten der Schnellste und unter den Schnellen der Beste zu sein.“ Verächtlich spricht Höllrigl auch von „Satansreportern“ und namentlich von dem englischen Korrepondenten Allen Hall, der zehntausend Euro für jedes Foto des Gefangenen Josef F. ausgelobt habe. Von diesem Auswuchs des Sensationsjournalismus distanziert sich Höllrigl, indem er mangels anderer Sensationsnachrichten Allen Halls E-Mail-Adresse veröffentlicht und ein Unwetter vorhersagt: „Langsam bekommt St. Pölten eine Ahnung vom Orkan, der am 16. März über die Stadt hereinbrechen wird.“ (1) Denn das Sturmtief Wolfgang ist bereits vor Ort.

1 oe24.at: Medien-Fieber steigt: 10.000 Euro für ein Fritzl-Foto


23.2.2009

„Ein Hobby-Fotograf hat nach eigenen Angaben die Opfer des Inzestfalls von Amstetten mehr als tausend Mal heimlich fotografiert“, berichtet die Süddeutsche Zeitung. „Er sei selbst Patient in der Nervenklinik Mauer-Öhling gewesen, sagte der Mann der Zeitung Österreich.“ Und er habe insgesamt 1051 Fotos von Elisabeth F. und ihren Kindern geschossen. „Die Bilder wolle er nicht zu Geld machen, er wolle nur ‚die Justiz blamieren’, betonte er laut Bericht. Die Familie sei ‚in Wahrheit nie geschützt’ gewesen, er selbst durch die Bodyguards auf sie aufmerksam geworden.“ (1)

Ein teures Hobby. Um die Justiz zu blamieren, hätten ja vielleicht auch schon 1049 Aufnahmen genügt, die dieser Hobby-Fotograf vorläufig noch nicht zu Geld machen möchte.

1 Süddeutsche Zeitung, 23.2.2009, S. 8


17.2.2009

„Paparazzi stürmen Elisabeths Versteck“, meldet oe24.at und meint mit dem „Versteck“ den Wohnsitz von Elisabeth F. und ihren Kindern, die sich jetzt „in Panik“ befänden, nachdem „der britische Paparazzo Scott Hornby und zwei Helfer“ die Familienmitglieder „in jenem Haus aufgestöbert“ hätten, „in dem sie sich künftig vor der Öffentlichkeit verstecken wollten: ‚Die haben Elisabeth und Lisa offenbar beim Einkaufen fotografiert. Dann haben sie aber auch noch an der Tür geläutet. Und als von einem der Kinder geöffnet wurde, sind sie mit gezückter Kamera ins Haus hinein bis in die Küche gestürmt. Elisabeth war im ersten Moment völlig überrascht und starr vor Entsetzen, dann hatte sie einen Nervenzusammenbruch.“ Dies alles sollen „Verwandte der Amstetten-Opfer“ mitgeteilt haben, und die Redakteure sind stolz darauf, daß sie die Schnappschüsse der britischen Paparazzi nicht 1:1 nachgedruckt haben: „ÖSTERREICH berichtete über die Affäre – und schützte die Familie, indem die Gesichter vollkommen unkenntlich gemacht wurden.“ (1)

Alle Familienangehörigen, die infolge der Attacke einen Nervenzusammenbruch erlitten haben sollten, werden den verantwortlichen Redakteuren sicherlich sehr dankbar sein für diese großzügige Schutzmaßnahme.

1 oe24.at: Paparazzi stürmen Elisabeths Versteck


14.2.2009

Über ihren Anwalt, meldet oe24.at, habe Elisabeth F. gestern ausrichten lassen: „Die stattfindenden beharrlichen Versuche von Medienvertretern, mit mir und meinen Kindern in Kontakt zu kommen, stellen eine unzumutbare Beeinträchtigung meines Lebens dar. Ich wünsche keinen Kontakt mit der Presse und werde keine Interviews geben.“ (1) Diese klare Ansage hat die aufgewühlten Redakteure jedoch nicht mehr davon abzuhalten vermocht, die von der Sun publizierten Fotos in bearbeiteter Form nachzudrucken, und zwar „als Dokument“, (2) denn die Dokumentation journalistischer Übeltaten gehört bekanntlich zu den vornehmsten Pflichten journalistischer Übeltäter, und den Zuschauern ist es egal, ob ihnen die Sehenswürdigkeit eines Verbrechensopfers von bekennenden Straßenräubern oder von deren Hehlern dargeboten wird, die pro forma das Geschäft verurteilen, von dem sie leben: „Es schadet der Klatschpresse offenbar gar nicht, wenn sie sich nicht mehr um ‚Glaubwürdigkeit‘ im herkömmlichen Sinne bemüht.“ (3)

1 oe24.at: Erste Fotos publik – Millionen für Fritzl-Kinder?
2 Vgl. medienschelte.at: Wenn ÖSTERREICH moralisch handelt
3 Karl-Heinz Ladeur: Die Anpassung des privaten Medienrechts an die „Unterhaltungsöffentlichkeit“. In: Neue Juristische Wochenschrift 57 (2004), S. 393-398, hier S. 394


13.2.2009

Am vergangenen Montag hat die Sun als erste Zeitung der Welt aktuelle Fotos von Elisabeth F. veröffentlicht. „Auf den Seiten 12 und 13 prangt die Überschrift: ‚Fresh air … fresh start – Elisabeth and Kids rebuild their lives.'“ Auf den Fotos in der ausnahmsweise nicht nach Deutschland und Österreich ausgelieferten Ausgabe der englischen Tageszeitung ist nach einem Bericht von oe24.at zu sehen, wie Elisabeth und ihre sechzehnjährige Tochter Lisa eine Straße entlagspazieren, „in der Hand ihre Einkäufe in Plastiktaschen. ‚Vollkommen abgemagert, versteckt sich Elisabeth an einem geheimen Ort. Sie geht nur ins Freie, wenn sie ihre Kinder von der Schule abholt. Ihre Haut ist noch immer blass, weil sie so lange kein Tageslicht gesehen hat. Und ihr Gang ist noch immer gebückt, weil sie sich zwei Jahrzehnte lang den Kopf an der niedrigen Kellerdecke gestoßen hat‘, schreibt der britische Sun-Reporter.“ Offensichtlich habe „ein Paparazzo vor dem neuen Zuhause der Opferfamilie aufgelauert und abgedrückt, ohne dass Elisabeth und ihre Tochter es merkten. Rund 4,5 Millionen Exemplare hat die Sun am Montag in Großbritannien verbreitet, den ganzen Tag liefen die Fotos – übrigens nur notdürftig verscannt – auf Fernsehkanälen wie BBC und Sky News, andere Zeitungen zogen unmittelbar nach.“ (1)

Mit der Veröffentlichung der Fotos hat oe24.at noch nicht nachgezogen, aber die Informationen über den Teint, die Taille und die Körperhaltung von Elisabeth F. sind ja fürs erste auch schon etwas wert.

1 oe24.at: Wirbel um erste Fotos von Elisabeth Fritzl


6.2.2009

Ein österreichisches Gericht hat Rosemarie F. eine geringe fünfstellige Geldsumme als Ersatz für den Schaden zugebilligt, der ihr durch journalistische, „lediglich die Sensationslust des Lesers“ befriedigende „Detailschilderungen aus dem Familienleben“ zuteil geworden sei: „Die Klägerin erhält demnach eine Entschädigung von insgesamt 11.000 Euro vom ‚News‘-Verlag, deutlich weniger als die geforderten 260.000 Euro. Der Verlag legte Berufung gegen das Urteil ein.“ (1) Und der österreichische Journalist Marcus J. Oswald ist außer sich: Die Klagen der Ehefrau von Josef F. würden „viel über das mangelhaft ausgeprägte Medienverständnis in Österreich“ aussagen. „Wochenlang waren die besten Journalisten Deutschlands und Österreichs in Amstetten.“ Rosemarie F. sei jedoch der Meinung, daß „gegen sie nur Kampagnen geritten werden. Das entspricht dem Selbstverständnis von Leuten, die wenig mediengeschult sind. Sie glauben, Medien diktieren zu können, was geschrieben wird. Sie vertrauen nicht auf die abwägende Kompetenz von Medienleuten.“ (2)

Wenn es nach Marcus J. Oswald gegangen wäre, hätte Rosemarie F. auf die abwägende Kompetenz der Medienleute in den Bäumen und Erdmulden rings um die Klinik in Amstetten-Mauer vertrauen müssen, statt einen Schadenersatz einzuklagen. Die Klägerin habe ihre Verpflichtung zur Auskunft gegenüber der Öffentlichkeit vernachlässigt: Im Fall der Familie F. „bestand diese Verpflichtung, weil der Ruf Gesamtösterreichs zu leiden begann“. Es sei unerträglich, „dass diese Familie dafür verantwortlich ist, dass man im Ausland zu Amstetten angesprochen wird. Daher hat diese nunmehrige Klägerin die Verpflichtung gegenüber Medien Auskunft zu geben.“ Und das „Mediengewerbe“ habe wiederum „die Verpflichtung, die Substanz und Seele Österreichs reinzuhalten“. (3)

Es ist interessant, mit welchen Argumenten Privatpersonen in Österreich zum Reden gebracht werden sollen. Wenn irgendein Österreicher im Ausland auf einen Kriminalfall in seinem Heimatland angesprochen wird und der Ruf Gesamtösterreichs zu leiden beginnt, muß die Ehefrau eines Angeklagten, der an alledem schuld ist, Interviewer empfangen, damit das Mediengewerbe die Substanz und die Seele Österreichs reinhalten kann. Und dabei hatte man als mediengeschulter Mensch doch immer gedacht, daß es in diesem Gewerbe schmutzig zugehe.

1 20min.ch: Wegen Medienberichten – Fritzls Frau erhält Schadenersatz
2 Marcus J. Oswald: Josef Fritzls Angehörige beginnen mit Klagen gegen Medien. In: Blaulicht und Graulicht – Das Online Magazin, 6.9.2009
3 Ebd.


23.1.2009

„Die Opfer im Inzest-Fall könnten für die Dauer des Prozesses gegen den Tatverdächtigen wieder ins Krankenhaus Amstetten-Mauer zurückkehren“, meldet oe24.at. „Es gebe ein entsprechendes Angebot der Landeskliniken-Holding, so Opferanwalt Christoph Herbst am Freitag.“ Laut Medienberichten solle für Elisabeth F. und ihre Kinder „kein Risiko“ eingegangen werden; ein „dichtes Sicherheitsnetz“ werde sie in der Zeit der Gerichtsverhandlung schützen. (1) Noch etwas dichter wäre dieses Sicherheitsnetz, wenn der Opferanwalt das Angebot der Landeskliniken-Holding mit der gleichen Diskretion behandelt hätte wie jede andere Privatangelegenheit seiner prominentesten Mandantin, aber soviel Verschwiegenheit scheint in österreichischen Opferanwaltskreisen nicht üblich zu sein.

1 oe24.at: Fritzl-Opfer könnten für Prozessdauer in Klinik zurückkehren

17.1.2009

„Heutzutage gibt es schlicht und ergreifend keine Privatsphäre mehr“, hat der Schauspieler John Malkovich in einem Interview mit der FAZ erklärt. „Vor zwanzig Jahren war das noch ganz anders – da wurde man weitgehend in Ruhe gelassen, egal, wie berühmt man war. Doch heute findet offenbar niemand mehr etwas dabei, mit seinem Handy ohne deine Erlaubnis ein Bild von Dir zu knipsen und es rund um den ganzen Globus zu schicken. Die Menschen scheinen sich alle in kleine Japaner verwandelt zu haben: Jeder ist inzwischen mit einer Kamera bewaffnet. Wir leben in einer Gesellschaft mit Millionen Paparazzi. Es wird höchste Zeit, daß der Gesetzgeber diesen Wahnsinnigen das Handwerk legt.“ Denn es sei „ein wahrer Albtraum“, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen: „Neulich habe ich mich zum Beispiel mit einem Freund in einem Pariser Restaurant getroffen, und sofort bestürmten uns ungefähr vierzig Typen mit ihren verdammten Kameras. Das ist doch krank! Wie kann es sein, dass so etwas legal ist? Warum muss ich mir das gefallen lassen? Wieso kann ich diese Perversen nicht einfach mit einer Axt in Stücke hacken?“ (1)

Das sind gute Fragen, aber war es vor ein paar Jahrzehnten denn im Abendland tatsächlich so viel besser um den Schutz der Privatsphäre bestellt? Vor einem halben Jahrhundert beklagte ein Redner auf dem Deutschen Juristentag „die sensationell angezeigten Berichte jenes Teils der Presse, der sich – sicherlich auch als ein ständiges Ärgernis für die verantwortungsbewußte Presse – in den untersten Stockwerken oder Kellergewölben der öffentlichen Information breit macht und sich hier wohlig und schamlos dem traurigen Geschäft der Massenabfütterung von Lesern mit wahren, halbwahren oder unwahren Nachrichten widmet, die sich auf das Privatleben von Prominenten, etwa Liebesbeziehungen von Filmstars, familiäre Auseinandersetzungen in Herrscherhäusern, zu erwartende Mutterfreuden weiblicher Angehöriger der Prominenz und dergleichen mehr, beziehen. Diese Indiskretionen sind nicht nur schlimmste Beeinträchtigungen des Rechts der Betroffenen auf die Ungestörtheit ihrer Privatsphäre, sondern sie lassen auch erschreckende Aspekte einer allgemeinen Vergiftung des Soziallebens erkennen.“ (2) In den USA hatte der 1895 geborene Baseballspieler Babe Ruth schon im frühen 20. Jahrhundert allen Anlaß dazu gehabt, sich gegen die Einmischung in sein Privatleben zu verwahren: Es widere ihn an, daß man ihm in einem fort Frauengeschichten andichte, und er wäre sehr dankbar, wenn sich die Reporter allein seinen sportlichen Leistungen widmeten. (3) Und in England wurde bereits im Jahre 1729 die Kritik an unverschämten Zeitungsberichten laut: „Familiengeheimnisse, die privaten Interessen und Geschäfte einzelner Personen werden verraten und in die Welt ausposaunt. Das Publikum wird dadurch irregeführt, es eilt von einem Ende der Stadt zum anderen, oft bis in die entferntesten Teile des Königreiches, und das nur aufgrund der Irrtümer närrischer Zeitungsschreiber.“ (4)

Die allerdings damals noch keine Leserreporter mit Handy-Kameras ausrüsten konnten.

1 Zitiert nach Marco Schmidt: Ist Schauspielerei wie Sex, Mister Malkovich? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.1.2009, S. Z 6
2 Heinrich Henkel: Der Strafschutz des Privatlebens gegen Indiskretion. Gutachten für den 42. Deutschen Juristentag. In: Verhandlungen des Zweiundvierzigsten Deutschen Juristentages II. Tübingen 1959, S. D59-D145, hier S. D99
3 „What really gets me sore is those stories about me and women, and the pictures. I can take the baseball stories, but can’t you lay off the woman stuff? I’d be very much obliged if you boys stuck to my baseball troubles and left my marital affairs alone“ (zitiert nach Robert Creamer: Babe. The Legend Comes to Life. New York 1974, S. 297).
4 Zitiert nach Dieter Prokop: Der Kampf um die Medien. Das Handbuch der neuen kritischen Medienforschung. Hamburg 2001, S. 141


13.1.2009

Wie die Kronenzeitung mitteilt, hat „der Wiener Theaterschreck Hubsi Kramar“ in seinem „3raum-anatomietheater“ die Uraufführung einer dem Kriminallfall von Amstetten nachempfundenen „Keller-Soap“ vorbereitet. „Zuseher lockt Kramar für das provozierende Vorhaben in einer Presseaussendung mit den Worten: ‚Im Keller unterm Teppich: Tiefer geht’s nicht. Einfach: Nieder-Österreich.“ Für eine Stellungnahme sei Kramar zunächst nicht erreichbar gewesen: „Laut seiner Presseagentin Gabriele Müller-Klomfar befindet sich der Theatermacher im ‚entfernten Ausland‘ auf Urlaub. Er habe ihr kurz vor seiner Abreise noch alle Unterlagen betreffend der Produktion zugesandt und sei dann abgedüst. Müller-Klomfar bestätigt gegenüber krone.at mehrmals, dass es sich bei der ganzen Sache um keinen PR-Gag handelt. Über den Inhalt des Stückes weiß Müller-Klomfar allerdings nichts Konkretes. ‚Es ist natürlich Satire‘, so die PR-Agentin gegenüber krone.at.“ (1)

Im Namen der FPÖ hat deren „Kultursprecher“ Gerald Ebinger „das Vorhaben des selbsternannten Künstlers Hubsi Kramar“ als „unglaublichen Skandal“ bezeichnet, der „nach harten Konsequenzen“ rufe. Es handele sich um eine „enorme Schande für Wien als Kunst- und Kulturhauptstadt“, um eine „abgrundtiefe Perversion“, die „zum Himmel stinkt“, und ferner um eine „Sauerei sondergleichen“, die „an Unappetitlichkeit nicht mehr zu überbieten“ sei: „Kramar, so der Abgeordnete, möchte durch sein unappetitliches Schauspiel nicht nur die Amstettnerinnen und Amstettner verunsichern und verärgern“, sondern er habe „zeitgleich offenbar vor, dem österreichischen Volk einen unbeschreiblich großen Schaden im Ausland zuzufügen. Eine derartige Besudelungsaktion gehört in jedem Fall verhindert und darf – schon allein aus Rücksicht auf die Opfer – in keinem Fall aufgeführt werden.“ (2)

Mit diesem Frontalangriff dürften Hubsi Kramar und seine PR-Agentin ebenso zufrieden sein wie die verunsicherten und verärgerten Amstettnerinnen und Amstettner mit der Verteidigung ihrer Ehre durch einen Kultursprecher, der bei aller Rücksicht auf die Opfer stets auch an das Ansehen Österreichs im Ausland denkt und die Interessen der einheimischen Fremdenverkehrsbetriebe nicht aus dem Blick verliert, und so passen sie doch alle miteinander vortrefflich zusammen – der Theaterschreck, seine Presseagentin, die erregten Gegner der geplanten „Besudelungsaktion“ und die Journalisten, die ja auch etwas davon haben wollen, wenn Perversionen zum Himmel stinken.

1 krone.at: „Keller-Soap“- Theaterschreck Kramar führt „Pension Fritzl“ auf
2 ots.at: FP-Ebinger: Unfassbare Provokation und enorme Schande für Wien als Kunst- und Kulturhauptstadt durch Hubsi Kramar


7.1.2009

Vor ein paar Jahrzehnten hätte jemand wie Elisabeth F. sich dem Andrang der Fotoreporter wahrscheinlich leichter entziehen können. 1960 zählte ein Schweizer Jurist einige der damals, wie er glaubte, in der freien Presse der westlichen Welt noch allgemeinverbindlich geltenden Tabus auf: „Nicht in die Zeitung gehört z.B. das Bild eines Schwerverletzten, der nach einem Verkehrsunfall auf der Straße liegt; eines Sterbelagers; eines am Bankett gerade gähnenden Staatsmannes.“ (1) Fünf Jahre danach urteilte der Bundesgerichtshof, daß „genügender Raum“ für die Betätigung der „Gesellschafts- und Unterhaltungspresse“ verbleibe, wenn sie bei der Berichterstattung den privaten Bereich des Menschen und seine persönliche Ehre achte. (2) Heute ist es journalistische Routine, die Verletzung der persönlichen Ehre geschäftsmäßig zu betreiben und dem Publikum das nackte Hinterteil eines verunglückten Freizeitsportlers ins Gesicht zu halten: „ARSCHKALT – Mann (48) hängt nackt vom Skilift“, berichtet Bild.de und schmückt den Beitrag mit einem Foto des Unfallopfers, das kopfüber mit entblößtem Unterkörper vom Gestänge des Lifts herabhängt. (3)

Müßte man sich Sorgen um die Pressefreiheit machen, wenn solche Exzesse der Zurschaustellung verboten wären? Es scheint auch anders zu gehen. Vor ein paar Jahren hat der Jurist Jürgen v. Gerlach den außerordentlich hohen Schutz gewürdigt, den das Privatleben in Frankreich genieße, denn obwohl die Schwangerschaft der Schauspielerin Isabelle Adjani „von jedermann in der Öffentlichkeit bemerkt werden konnte, durfte die Presse darüber nicht berichten, weil der Wunsch der Künstlerin, dies nicht in der Öffentlichkeit zu verbreiten, respektiert werden mußte“. (4) In die gleiche Richtung weise der Fall des Sängers Jacques Brel, „dessen Bild, obwohl an öffentlichem Ort aufgenommen, nicht ohne seine Zustimmung veröffentlicht werden durfte, weil er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet war und er erkennbar so nicht der Öffentlichkeit vorgeführt werden wollte“. (5) So zivilisiert läßt es sich leben, wenn die Grenzen der Pressefreiheit von Politikern und Richtern gezogen werden, die das öffentliche Informationsinteresse an Schwangerschaften, Altersgebresten und halbnackten Unfallopfern zurückweisen.

1 Peter Jäggi: Fragen des privatrechtlichen Schutzes der Persönlichkeit. Basel 1960, S. 232a, Anmerkung 9
2 Urteil vom 26.1.1965, vgl. Monatsschrift für deutsches Recht 19 (1965), S. 372
3 bild.de: Arschkalt – Mann (48) hängt nackt vom Skilift
4 Jürgen v. Gerlach: Persönlichkeitsschutz und öffentliches Informationsinteresse im internationalen Vergleich. In: Zeitschrift für Medien- und Kommunikationsrecht 32 (2001), S. 1-8, hier S. 2
5 Ebd., Anmerkung 8


4.1.2009

Der für Ende März angekündigte Prozeß „gegen den Amstettner Horror-Vater“ werde „wohl der spektakulärste Gerichtstermin seit Jahrzehnten“, vermutet oe24.at und verweist nicht ohne Stolz auf den „Ansturm“, der zu erwarten sei. „Bereits jetzt ist das Medieninteresse extrem: Mehr als 40 Anfragen von Zeitungen, Zeitschriften und TV-Stationen sind bereits beim Landesgericht eingelangt. Die meisten davon kommen von der britischen Yellowpress – aber auch der arabische Sender Al Jazeera möchte live berichten.“ Denn auch die arabischen Muslime wissen schließlich noch bei weitem nicht genug über die Geschehnisse im Keller und die an Elisabeth F. verübten Sexualverbrechen. „Allerdings dürfen nur zwei Fernsehteams tatsächlich im Saal filmen. Außerdem müssen sie das Material an andere Fernsehstationen weitergeben.“ Im übrigen werde das Recht auf die persönliche Anwesenheit einigen Auserwählten vorbehalten bleiben: „Insgesamt finden im Gerichtssaal 98 Besucher Platz, wobei nur ein paar Sitze für Kiebitze, die nicht für Medien arbeiten, reserviert sind.“ (1)

Zwei Fernsehteams und 98 privat oder professionell interessierte Kiebitze wären aber immerhin schon eine ganz erstaunlich große Menge für eine Gerichtsverhandlung, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden soll.

1 oe24.at: Ansturm auf Fritzl-Prozess


29.12.2008

Bild.de, „NEWS-TICKER“, 15.39 Uhr: „Die Opfer des Inzest-Vaters von Amstetten haben nach acht Monaten die Klinik verlassen. Die Tochter des Mannes und die sechs gemeinsam gezeugten Kinder seien in eine eigene Wohnung gezogen, sagte ihr Anwalt Christoph Herbst.“ (1) Wohin sie gezogen seien, sagte er nicht, aber von Tatsache des Umzugs, die ja gleichfalls niemanden etwas angeht, wollte er die Welt dann eben doch unterrichten. Wenn ein umgekippter Sack Reis in China auf sich aufmerksam machen möchte, sollte er sich Christoph Herbst zum Anwalt nehmen.


24.12.2008

Pünktlich zu Heiligabend wartet die Sun mit der Exklusivnachricht auf, daß Rosemarie und Elisabeth F. ihren Streit beigelegt hätten und gemeinsam Weihnachten feiern wollten. Ein Freund der Familie habe gesagt, es sei nun die Zeit, einander zu danken und zu vergeben, und Elisabeth wünsche sich, daß alle, die ihr nahestünden, wieder zur Familie gehören sollten. (1) Zu den Nahestehenden zählen sich natürlich auch die Gesellschaftsreporter des Hauses Springer, die sich über jede Gelegenheit freuen, den häuslichen Frieden durch die Verbreitung eigener Intimkenntnisse stören zu können. Es sei „das Fest der Liebe“, meldet Bild.de, und „sogar in der Familie“ F. ziehe jetzt offensichtlich „ein wenig Frieden“ ein. Rosemarie F. werde drei Tage „mit ihrer Familie verbringen, angeblich sogar das Festessen zubereiten“. (2)

Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen. Mit vereinten Kräften werden die in Amstetten versammelten Journalisten sicherlich auch noch das Rezept des Festessens ermitteln und eine Liste der weihnachtlichen Liebesgaben zusammenstellen, gemäß Axel Springers klassischer Definition der Aufgabe einer Zeitung, „in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ein Wächteramt auszuüben“. (3)

1 „A family friend said: ‚It’s a time for giving thanks and forgiveness. Elisabeth wants those closest to her to be part of the family again.'“ Brian Flynn: Xmas truce in the Fritzl family feud
2 bild.de: Elisabeth Fritzl verzeiht ihrer Mutter
3 Zitiert nach: Die Leiden des Axel Cäsar Springer. Hrsg. von Klaus Staeck. Göttingen 1981, S. 67


23.12.2008

Der Beschluß des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, Caroline von Monaco vor Verletzungen ihrer Privatsphäre zu schützen, löste im Jahr 2004 eine erregt geführte Debatte aus. Der FAZ-Redakteur Michael Hanfeld, ein liberaler Freund der Regenbogenpresse, sah „einen Grundpfeiler der deutschen Rechtsordnung“ wanken, (1) während der Jurist Rolf Stürner die Konsequenzen des Urteils gelassener betrachtete. Der Gerichtshof, schrieb er, habe „den europäischen und deutschen Medien und Medienkonsumenten ihre Prinzessin einfach weggenommen. Man darf ohne ihre Einwilligung nicht mehr fotografieren und filmen, wie Caroline von Monaco reitet, stürzt, einkauft, Händchen hält. Ein herber Verlust, wo intensives Miterleben gegen ihren Willen doch so wichtig gewesen wäre.“ (2) Für die protestierenden Medienvertreter hatte der Journalist Hans Leyendecker nur Spott übrig: „Die Pressefreiheit sei in Gefahr, teilte der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger dem Bundeskanzler mit. ‚Herr Bundeskanzler, stoppen Sie die Zensur‘, appellierten rund vierzig Chefredakteure an Gerhard Schröder.“ Und damit nicht genug: „Die Bild-Zeitung sieht eine ‚Grundfeste unserer Demokratie‘ bedroht, die Welt wähnt schon das ‚Ende der Pressefreiheit‘ nahe, in den ARD-Tagesthemen sorgte sich Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, um sein Liebstes, den investigativen Journalismus. Der sei wegen Straßburg in schrecklicher Gefahr.“ Der Ausdruckstanz der betroffenen Branchenführer kam Leyendecker komisch vor: „Darsteller des Betriebs, die ein Karl Kraus nicht mal des Begriffs ‚Tintenstrolche‘ oder ‚Presshorde‘ für würdig befunden hätte, agieren mittlerweile als Herolde der Pressefreiheit.“ (3) Deren Argumente konnten auch den Rechtsanwalt Stephan Holthoff-Pförtner nicht überzeugen. Da laufe „eine verlogene Debatte“, sagte er. „Es geht um Kohle für einige Verlage, und die machen eine Kampagne daraus. Bedroht ist nicht der investigative Journalismus, sondern der Kloakenjournalismus.“ (4)

Im Oktober 2008 knickte abermals ein Grundpfeiler der deutschen Rechtsordnung ein, weil der Bundesgerichtshof es dem Bauer-Verlag untersagt hatte, sich mit der entzündeten Bauchspeicheldrüse des Prinzen Ernst August von Hannover zu befassen. Michael Hanfeld war empört: „Das Gericht erklärt somit die Gesundheit Prominenter zur Privatsache.“ (5) Wo kämen wir hin, wenn jeder Prominente seine Eingeweide selbstherrlich vor dem Bauer-Verlag und dem Medienexperten Michael Hanfeld verbergen dürfte? Als Staatsbürger und als Journalist reklamierte Hanfeld das Recht auf freien Einblick in die inneren Organe und in die Krankenakte des Klägers, der seine Gesundheit als Privatsache verteidigt hatte, doch es war zu spät: Unter der Last der in Straßburg und Karlsruhe verkündeten Urteile brachen auch die letzten Grundpfeiler der deutschen Medienrechtsordnung zusammen. Die Spitzel, die in glücklicheren Tagen Caroline von Monaco beim Einkaufen nachgestiegen waren oder sich als Fremdenführer in der Bauchspeicheldrüse eines Prinzen betätigt hatten, mußten ihre Arbeit einstellen und sich nach einem anderen Broterwerb umsehen, und um die Pressefreiheit war es geschehen.

Eine freudige Überraschung bieten heute Christian Parth und Michael Streck im druckfrischen Stern allen Reportern, die angenommen hatten, daß es verboten wäre, den Inhalt des privaten Tagebuchs einer prominenten Person zu referieren: „Nach Informationen des stern führte Elisabeth Tagebuch im Verlies, all die Jahre lang, auf Zetteln und Kalendern. Auf allem, was sich eignete, ihr Leid festzuhalten. Es sind in Teilen banale Alltagsprotokolle über Kinderkrankheiten und Essen. In Teilen aber schildern sie mit bedrückender Intensität die permanenten Vergewaltigungen, die ausbleibende Regel oder einmal eine Rattenjagd mit bloßen Händen.“ (6) Auf das Tagebuch einer vergewaltigten Frau dürfen europäische Journalisten also auch heute noch ungestraft zurückgreifen, und Michael Hanfeld, dem die journalistische Behandlung der Bauchspeicheldrüse einer anderen prominenten Person verwehrt geblieben ist, kann beruhigt sein: Gegen die Eilmeldung vom Ausbleiben einer Regelblutung hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte noch nichts unternommen.

1 Michael Hanfeld: Bildersturm. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.8.2004, S. 47
2 Rolf Stürner: Caroline-Urteil des EGMR – Rückkehr zum richtigen Maß. In: Zeitschrift für Medien- und Kommunikationsrecht 36 (2005), S. 213-221, hier S. 213
3 Hans Leyendecker: Oh Caroline. In: Süddeutsche Zeitung, 1.9.2004, S. 15
4 Zitiert nach Hans Leyendecker, ebd.
5 Michael Hanfeld: Einen Toast auf Monaco. Der BGH schränkt die Pressefreiheit weiter ein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, S. 40
6 Christian Parth/Michael Streck: Die Akte Fritzl. In: Stern 1/2009, S. 122-127, hier S. 126


22.12.2008

Journalisten berichten, daß sie herausgefunden hätten, wie hoch Josef F. den Nachrichtenmarktwert seiner Geständnisse einschätze: „Um an Geld zu kommen, hat er nach Recherchen des stern versucht, Vernehmungs- und Ermittlungsprotokolle an britische Boulevard-Zeitungen zu verkaufen – für vier Millionen Euro.“ Zu diesem Zweck habe er sich im August an einen Mittelsmann gewandt, „der in seinem Auftrag das intime Material verkaufen sollte“, doch „bei gleich zwei Treffen mit den englischen Revolverblättern ‚Sun‘ und ‚News of the World‘ hatten ihn die Reporter geleimt, in den Unterlagen geblättert und dann genüsslich daraus zitiert“. Der geplante Deal sei jedenfalls nicht zustandegekommen. (1)

Vor allem die sachverständigen Medienethiker in der Bild-Redaktion sind nun entrüstet über die „perverse Idee“ des Angeklagten Josef F., mit dem Leid seiner Tochter Elisabeth „auch noch Geschäfte zu machen“ und die Protokolle an die britischen Kollegen zu „verhökern“. (2) Aus dem Kreis der potentiellen Handelspartner, von denen sich Josef F. die Sanierung seiner Finanzen erhoffen dürfte, sind Mathias Döpfner und Kai Diekmann damit endgültig ausgeschieden. Sie sind Ehrenmänner. Aber sie sind auch versierte Geschäftsleute, und so werden sie schon einen Ausweg finden, der ihnen die Peinlichkeit erspart, mit leeren Händen dazustehen, wenn die Vernehmungsprotokolle eines Tages doch noch einen Abnehmer finden sollten.

1 Vgl. Spiegel: Wie Fritzl Millionen machen wollte
2 bild.de: Perverser Plan des Inzest-Monsters – Josef Fritzl wollte 4 Mio. für Vernehmungs-Protokolle


15.12.2008

Neues aus der Intimsphäre: Wenn ein auf frischer Tat ertappter Fotoreporter um eine Ausrede für seinen Einbruch in ein Schlafzimmer verlegen wäre, könnte er sich auf das Recht der Öffentlichkeit berufen, Näheres über die sexuellen Aktivitäten in einer rechtlich weniger streng geschützten Privatwohnung zu erfahren. So sieht es der Anwalt Jan Hegemann, der das Verlagshaus Springer im Rechtsstreit gegen Max Mosley vertritt. Wegen der Verbreitung irreführender und rufschädigender Gerüchte über sein Geschlechtsleben fordert Mosley von Springer immerhin 1,5 Millionen Euro Schmerzensgeld. Diesen Betrag würde Mathias Döpfner vermutlich lieber für ein Foto von Elisabeth F. bezahlen als zur Strafe für künstlich aufgedonnerte Bettgeschichten. Was Jan Hegemann jetzt umtreibt, ist die Frage, mit welchen Argumenten er die überschießende Lüsternheit der Balkenschriftleiter in Sachen Mosley zu einem staatsbürgerlich unverzichtbaren Handlungsmotiv veredeln soll. „Er hofft auf seine Chance, die mögliche Verletzung der Intimsphäre mit einem übergeordneten Informationsinteresse rechtfertigen zu können“, berichtet Henryk M. Broder im Spiegel. (1) Eine Verletzung der Intimsphäre des Klägers durch die kamerabewehrten Schlafzimmerspione und ihre journalistische Massengefolgschaft hält der Fachmann Broder mithin für möglich, wenn auch noch nicht für erwiesen, und es bleibt abzuwarten, ob das Hamburger Landgericht ein übergeordnetes Informationsinteresse der Bild-Leser an den Vorgängen in Max Mosleys Intimsphäre anerkennen wird. Wenn das geschehen sollte, wären den Reporterscharen Hosentür und -tor geöffnet, und es wäre nur ein schwacher Trost, wenn sich infolgedessen auch ein übergeordnetes Informationsinteresse der Allgemeinheit am Liebesleben der Herren Hegemann und Döpfner begründen ließe.

1 Henryk M. Broder: Falsche Streifen. In: Der Spiegel 51/2008, S. 94-96, hier S. 96


5.12.2008

„Derzeit beschweren sich die Deutschen, dass durch das BKA-Gesetz der nächste Schritt zum Überwachungsstaat gesetzt werde und sich keiner mehr seiner Privatsphäre sicher sein könne. Über Volksjournalismus à la Bild echauffiert sich kaum jemand.“ (1) Es gibt auch ältere Beispiele für dieses eigenartige Mißverhältnis zwischen der Wachsamkeit unserer Datenschützer und der allgemeinen Schafsgeduld angesichts journalistischer Attacken auf das Privatleben. Viel gefährlicher als die Medien seien in dieser Hinsicht elektronische Lauschangriffe, die Vernetzung von Computern und das Wachstum der Datenbanken, behauptete 1983 die amerikanische Juristin Diane L. Zimmerman. (2) Sie konnte sich nicht vorstellen, daß die massenmediale Aufbereitung privater Lebenstatsachen schlimmere Folgen nach sich ziehe als der Klatsch im Bekanntenkreis: Für die Seelenruhe eines Menschen, glaubte sie, komme es doch nur darauf an, was seine engsten Freunde und Verwandten von ihm hielten; das Gerede irgendwelcher fremden Leute spiele keine große Rolle. Und deshalb plädierte die Autorin dafür, etwas weniger Aufhebens vom Remmidemmi der Medien zu machen. (3) Als weltberühmte Bewohnerin einer von Paparazzi umlauerten Klinik wäre sie vielleicht auf andere Gedanken gekommen.

Eine persönliche Begegnung mit sensationslustigen Pressevertretern scheint auch dem naiven Justizrat Wildhagen aus Leipzig gefehlt zu haben, der sich 1904 auf dem Deutschen Juristentag über die Forderung nach dem Schutz des Rechtes am eigenen Bilde lustig machte. „Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, die Regel ist, daß die Menschen sich freuen, wenn sie abgebildet werden“, sagte er und schüttelte eine praktische Empfehlung aus dem Ärmel: „Wen es trotzdem ärgert, der mache von dem Rechte der Wiedervergeltung Gebrauch: er nehme ebenfalls einen Kodak, gehe hin und tue desgleichen!“ (4)

1 jja: Döpfner-TV. Die Leser von „Bild“ sollen Videofilmchen drehen. In: Süddeutsche Zeitung, 5.12.2008, S. 17
2 „Many of the most troubling privacy questions today arise not from widespread publicizing of private information by the media, but from electronic eavesdropping, exchange of computerized information, and the development of data banks.“ Diane L. Zimmerman: Requiem for a Heavyweight. A Farewell to Warren and Brandeis’s Privacy Tort. In: Cornell Law Review 68 (1982/83), S. 291-367, hier S. 362
3 „As a practical matter, the subjects of unwanted publicity are likely to be concerned primarily with how they are viewed by people who know them. The opinions of strangers are far less likely to matter intensely“ (ebd., S. 339 f.).
4 Zitiert nach: Verhandlungen des Siebenundzwanzigsten Deutschen Juristentages. Berlin 1905, S. 43, 52


25.11.2008

„Gewaltige Kräfte entreißen den heutigen Menschen dem stillen Frieden eines unbeobachteten Daseins und stoßen ihn in die Öffentlichkeit hinein“, sagte ein Berliner Hochschulrektor 1913 in seiner Antrittsrede. „Dieses ungeheure Maß von Öffentlichkeit kann für den einzelnen qualvoll werden. Gegner eines bekannten Politikers weisen in ihren Blättern mit Vorliebe auf den anderen Namen hin, den er früher geführt habe. Dieser Politiker selbst aber bezichtigt in seiner Wochenschrift hochgestellte Persönlichkeiten widernatürlicher Leidenschaften. Eine Prinzessin erkrankt bald nach ihrer Hochzeit, und alsbald bringen die Zeitungen eingehende Berichte, an welche sich die peinlichsten Erörterungen über die Art der Krankheit anschließen. In dem Prozeß eines Afrikareisenden sagt eine Schwester zu seinen Gunsten aus, darauf richtet der Anwalt des Gegners an sie die Frage, ob sie nicht die Geliebte jenes Forschers gewesen sei, und der Vorgang macht alsbald die Runde durch die Presse. Tag für Tag sehen wir, wie die Klatschsucht, der Eigennutz, der Haß minderwertiger Persönlichkeiten die ureigensten Tatsachen des persönlichen Lebens in die Öffentlichkeit hinauszerren. Will aber der in seinem tiefsten Empfinden Verwundete, ja vielleicht in seinem bürgerlichen Dasein Vernichtete den Schutz des Rechts anrufen, so erfährt er, daß es einen solchen Schutz nicht gibt.“ (1)

Um den Schutz des Privatlebens haben sich in den vergangenen knapp einhundert Jahren viele Parlamentarier und Richter bemüht, aber noch kein Journalist ist ihnen dabei so forsch entgegengetreten wie der amtierende Herausgeber der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, der ein Heer von „Leserreportern“ befehligt. „In einem Interview mit dem Branchen-Blatt ‚Medium-Magazin‘ sagte Diekmann, dass es ideal wäre, wenn ein Hersteller in Kooperation mit Bild eine Videokamera zu einem ‚sehr günstigen Endpreis‘ anbieten würde. Er würde diese dann ‚unseren tausend besten Leserreportern‘ schenken und ‚damit eine regelrechte Bewegung in Gang setzen‘.“ (2) Eine heute erschienene Pressemitteilung verweist auf den glänzenden Erfolg dieser Geschäftsidee: „Die technischen Voraussetzungen dafür bietet eine preisgünstige und leicht zu bedienende Videokamera, die der Hersteller Creative in Kooperation mit BILD.de ab 4. Dezember 2008 in 3000 Lidl-Filialen anbietet. Das Besondere an der ‚BILD.de-Leserreporter-Kamera‘ für 69,99 Euro ist die Upload-Möglichkeit von Videos auf das Online-Portal von BILD.“ (3) Und Kai Diekmann kann sich freuen: „Die Einbindung von Leserreportern hat sich in den letzten Jahren sehr stark weiterentwickelt. Das wollen wir jetzt auch auf den Videobereich übertragen. Der so genannte User-Generated-Content ergänzt die Arbeit der professionellen Journalisten ideal, denn die Redaktionen können nicht überall auf der Welt immer vor Ort sein, wenn sich für die Berichterstattung interessante und relevante Dinge ereignen“, (4) also beispielsweise der Schulbesuch eines Kindes von Elisabeth F. oder jeder ihrer Schritte außerhalb der Klinik. Nach einem Bericht von Gunter Sachs halfen in den sechziger Jahren mitunter noch vereinzelte Luftpistolenschüsse in das Hinterteil von Paparazzi. (5) Wenn sich der Große Bruder in Gestalt des Leserreporters bei Lidl ausgerüstet hat, wird er allgegenwärtig und unverwundbar sein.

1 Paul Eltzbacher: Schutz vor der Öffentlichkeit. Rede bei Übernahme des Rektorates der Handels=Hochschule Berlin. Berlin 1913, S. 7, 9
2 wuv.de: Diekmann will Volks-Videokamera für Leserreporter
3 News aktuell: BILD.de-Kamera für Video-Leserreporter – Kai Diekmann: „Nächster Schritt in der Medienevolution“
4 Ebd.
5 Vgl. Gunter Sachs: Mein Leben. München und Zürich 2005, S. 229 f.


16.11.2008

Auf die Frage nach seinem Arbeitsethos hat ein holländischer Klatschreporter erwidert, daß es zum Geschäft gehöre, einer von denen zu sein, über die sich Prominente bei einer Party unterhielten: „Achtung, da kommt dieses Arschloch wieder an.“ Mit Nettigkeiten komme man nicht weiter. Es sei sein Beruf, Leute hart heranzunehmen, doch das sei nicht persönlich gemeint, sondern eine journalistische Notwendigkeit. (1) Ebenso cool hat der Fachmann Gerry Brown sein professionelles Selbstverständnis offenbart: Die Hauptaufgabe eines Klatschblattredakteurs bestehe darin, einen Superstar, der allen aus dem Fernsehen bekannt sei, in den Dreck zu ziehen. Als zweitwichtigstes Ziel müßten Berühmtheiten mittleren Ranges herhalten und nach ihnen Fernsehprominente von geringerem Bekanntheitsgrad. (2)

So weit braucht Wolfgang Höllrigl nicht zu gehen, um am Feierabend auf ein erfülltes Tagewerk zurückblicken zu können. Für diesen genügsamen Pressevertreter hat sich das Aufstehen schon gelohnt, wenn er die Leser mit dem Persönlichkeitsprofil eines unbekannten Zeitgenossen vertraut machen darf. Über einen öffentlich bislang kaum beachteten Sohn von Josef F. hat Christine R. in ihrem mehrteiligen Interview mit Höllrigl die Bemerkung fallengelassen: „Der ist ein bissl behindert und trinkt auch gern.“ (3) So etwas soll ja des öfteren vorkommen, sogar in den besten Familien und nicht nur in „Österreichs unheimlichster Familie“ (Wolfgang Höllrigl), aber selbst wenn es wahr wäre, hätte doch niemand das Recht, den Gesundheitszustand und die Gewohnheiten dieser Person in einem global zugänglichen Medienforum zu erörtern.

Höllrigl macht es möglich, und seine Gesprächspartnerin „packt“ wie versprochen „aus“. „Es ist alles kaputt. Die ganze Familie ist zerstritten und zerrissen“, sagt Christine R., und Höllrigl faßt nach: „Sprechen wir bitte über die Hauptpersonen dieses monströsen Falls – und beginnen wir mit Ihrer Schwester. Wie lebt sie damit, 24 Jahre in einem Haus gewohnt zu haben, in dem ihr Ehemann ihre Tochter im Keller eingekerkert und 3.000 Mal vergewaltigt hat?“ Christine R.: „Was wollen Sie hören?“ Höllrigl: „Am liebsten die Wahrheit.“ (4)

Noch lieber hätte sich Höllrigl, so wie man ihn kennt, bei der Schwester persönlich danach erkundigt, wie sie damit lebe, 24 Jahre in einem Haus gewohnt zu haben, in dem ihr Ehemann ihre Tochter im Keller eingekerkert und dreitausendmal vergewaltigt hat. Es scheint diesem kessen Journalisten gar nicht in den Sinn zu kommen, daß es barbarisch wäre, das Innerste eines seelisch zutiefst verwundeten Menschen online nach außen zu stülpen. Und so bringt es Höllrigl auch über sich, Christine R. im Plauderton zu fragen: „Wie kommt eigentlich Elisabeth über die Runden?“ Und Christine R. gibt die Antwort: „Sie hat meiner Schwester erzählt, dass sie sich ohne ihre Kinder im Verlies schon längst umgebracht hätte.“ (5)

Um die Verbreitung von Wahrheiten, die er am liebsten hören möchte, wird sich Wolfgang Höllrigl sicherlich auch weiterhin bemühen, wenn ihn niemand stoppt.

1 „You have to be the kind of reporter Dutch celebrities talk about at parties, saying: ‚Look, there is that asshole again‘, you should not be too friendly and positive. … I have to write really hard-hitting stories about people, but that does not mean I have something against those people personally – that is just how the story should be“ (zitiert nach Mark Deuze: Popular journalism and professional ideolgy: tabloid reporters and editors speak out. In: The Tabloid Culture Reader. Hrsg. von Anita Biressi und Heather Nunn. Maidenhead 2008, S. 229-245, hier S. 232).
2 „’The Number one priority of a good tabloid editor‘, remarks Brown, ,is to get the dirt on a major TV celebrity. Number two is to target any middle-ranking celebrity. Number three is scandal about a minor TV celebrity'“ (John B. Thompson: Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age. Cambridge 2000, S. 280, Anmerkung 13).
3 oe24.at: Ohne Kinder hätte sich Elisabeth umgebracht
4 Ebd.
5 Ebd.


14.11.2008

Der Redaktion der Tageszeitung Österreich hat es keine erkennbaren Schwierigkeiten bereitet, die Anklageschrift gegen Josef F. herbeizuschaffen und sie in voller Länge zu dokumentieren: „Lesen Sie hier die grausigen Details aus dem Kellerverlies und die Anklagepunkte gegen den mutmaßlichen Inzestvater.“ (1) Dieser umfassende Leserservice schließt die Lieferung genauer Informationen über die physischen Techniken ein, die der Täter bei der Vergewaltigung seiner Tochter angewandt haben soll, um seine sexuelle Erregung zu steigern. Die Hoffnung, damit nunmehr auch die Auflage zu steigern, wird vermutlich ebenso problemlos in Erfüllung gehen wie der Wunsch des Österreich-Reporters Wolfgang Höllrigl nach aktuelleren Details aus dem Leben der Familie F. aus Amstetten. Christine R., die Schwägerin von Josef F., „packt aus“, berichtet Höllrigl, der sie nach eigenem Bekunden in einem Wiener Kaffeehaus vernommen und ihr den Stoff für eine spannende Fortsetzungsserie entlockt hat: „So war es wirklich im Horrorhaus.“ (2)

Einen wißbegierigeren Zuhörer hätte die gesprächige Dame schwerlich finden können. Höllrigl ist jede Auskunft willkommen, und sei es auch nur über die Höhe der Rente, die Rosemarie F. seit ihrer Trennung von Josef F. bezieht. „’Mit den Kindern von unten hat die Rosi überhaupt keinen Kontakt‘, sagt Christine R. ‚Aber der Alexander hängt total an ihr. Elisabeth wollte nicht, dass er die Rosi weiter sieht. Da hat der Bub total auf stur geschalten. Er hat gesagt: Wenn du mir nicht erlaubst, zur Rosi zu gehen, dann will ich nicht mehr in die Schule. Da ist die Lisi dann weich geworden. Aber sie hat sich halt so darüber geärgert, dass der Alex zur Rosi nicht Oma, sondern immer Mama gesagt hat.'“ An dieser Stelle des Protokolls vermerkt Höllrigl: „Also doch. Die ‚Lichtkinder‘ gehen schon wieder in die Schule. Geheim. Unter neuem Namen. Die ‚Schattenkinder‘ haben in der Klinik Privatlehrer.“ Höllrigl weiß, wie man an die Geheimnisse von Schulkindern herankommt, und er gönnt der ganzen Welt die ungewöhnlich freie Sicht auf das Familienleben in der Klinik: „In Mauer-Öhling lebt die Familie in einem eigenen Bereich der Anstalt. ‚Die Lisi kocht, macht mit den Kindern Hausübungen. Sie gehen in der Anstalt spazieren, fahren manchmal zu McDonald’s oder gehen ins Kino, sagt Christine R. ‚Die Kleinen schauen mit Begeisterung Trickfilme auf DVD oder spielen am Computer. Fernsehen dürfen sie nicht und Zeitungen sind auch nicht erlaubt.“ Es wäre wohl auch höchst verwunderlich für diese Kinder, sich selbst in den Zeitungen als Gegenstand der Recherchen eines Journalisten wiederzufinden, der noch ganz andere Geheimnisse enthüllen möchte. „Lesen Sie morgen hier: So kam es zum Familienkrach …“ (3)

Mit einigem Stolz wartet nun allerdings auch die Kronen-Zeitung mit Zitaten aus einem „Exklusiv-Gespräch“ auf, das sie mit Christine R. geführt haben will. „Immer wieder“, habe sie gesagt, „soll es außerdem zu sehr berührenden Szenen kommen, wenn etwa die Enkelkinder Rosemarie F. statt mit ‚Oma‘ als ‚Mama‘ anreden …“ (4) Die Medien reißen sich um Christine R., doch nebenbei erstarkt das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit an der Freizeitgestaltung des Spitzenreporters Wolfgang Höllrigl: Von wem wird er bekocht? Wo geht er spazieren? Schaut er mit Begeisterung Trickfilme auf DVD? Spielt er oft am Computer? Und womit hat er sich zur Beurteilung von Familienkrächen qualifiziert, die ihn ebensowenig angehen wie die grausigen Details aus einem Kellerverlies und die Intensität der Beziehung zwischen einem Zwölfjährigen und dessen Großmutter?

1 oe24.at: Die vollständige Anklageschrift gegen Josef F.
2 oe24.at: Fritzl-Schwägerin packt aus
3 Ebd.
4 krone.at: Rosemarie F. darf ihre Enkel nicht mehr sehen!


13.11.2008

Während sich der Kölner Express auf die Mordanklage gegen die „Inzest-Bestie“ konzentriert, (1) würdigt Bild ein fehlgeschlagenes, angeblich von Mithäftlingen ausgehecktes Mordkomplott gegen das „Inzest-Monster“ Josef F.: „Sie wollten ihn vergewaltigen, foltern und töten.“ (2) Um diesen Plan erfolgreich ausführen zu können, hätten sie, wie es sinngemäß in Roman Polanskis Spielfilm „Der Tod und das Mädchen“ heißt, „ein gewisses Maß an Enthusiasmus aufbringen“ müssen. Den Lesern, auf deren Geschmack diese Nachricht abzielt, scheint so etwas nicht vollkommen unvorstellbar zu sein.

1 Kölner Express: Inzest-Bestie Josef Fritzl auch wegen Mordes angeklagt
2 bild.de: Mordkomplott gegen Inzest-Monster aufgedeckt – Mithäftlinge wollten Josef Fritzl foltern und töten


10.11.2008

Je mehr man von Wolfgang Höllrigl weiß, desto erholsamer wirken die Tage, an denen er schweigt. Im Wiener Falter hat Florian Klenk vor einem Jahr geschildert, wie dieser Journalist über die Freundin eines Geiselnehmers herfiel. „Höllrigl schrieb: ‚Ihr Heißhunger trieb die Waage weit in den dreistelligen Bereich, ihr sexueller Appetit brachte Günther B. um den Verstand.‘ Von Frau B.s ‚geheimem Leben‘ wusste Österreich nun zu berichten, von ihren Besuchen in Swingerklubs, ihrer Verschwendungssucht, ihrem Magen, den sie sich ‚abbinden‘ ließ und dem großen ‚Geschlechtsmerkmal‘ ihres neuen ‚Galans‘, mit dem sie den eifersüchtigen Günther B. in den erweiterten Selbstmord, eben die Geiselnahme, getrieben haben soll. Dazu gab es Urlaubsfotos von Frau B. – als ‚Slideshow‘. Nur ein schmaler Balken schützte das Gesicht der Frau. ‚Sogar der Wirt am Eck hat sie erkannt. Sie wurde gesellschaftlich unmöglich gemacht‘, sagt ihr Anwalt Michael Rami. 22.000 Euro muss Österreich an Frau B. nun für das Zertrampeln des ‚höchstpersönlichen Lebensbereiches‘ bezahlen. Höllrigl aber sagt: ‚Ich muss doch erklären, wieso es zu dem Verbrechen kam. So funktioniert eben der Boulevard.‘ Dann fragt er: ‚Bist du vielleicht der Ethikprofessor?'“ (1)

Wie der „Boulevard“ nach dem Selbstverständnis seines Nutznießers Höllrigl funktioniert, hat Klenk auch am Fallbeispiel einer ehemaligen burgenländischen Weinkönigin dargelegt. „Sie ist hochschwanger und wird von ihren Eltern gesucht, weil sie psychisch krank herumirrt. Was macht Höllrigls Team daraus? Das Blatt druckt die ‚Fahndungsfotos‘ und schreibt: ‚Die schwangere Psycho-Patientin könnte im Drogenmilieu untergetaucht sein.‘ Das tratschten halt die Nachbarn. In Wahrheit war die Frau in eine Geburtsklinik nach Finnland ausgerissen. So schnell wird aus einer Kranken eine Kriminelle. ‚Der Zeitdruck‘, sagt Höllrigl, ‚ihr habt ja keine Ahnung, wie höllisch der ist.'“ (2)

Heute hat sich Höllrigl immerhin die Zeit genommen, die er benötigte, um die Nachricht wiederzuverwerten, daß Elisabeth F. von ihrem Vater „3000 Mal vergewaltigt“ worden sei. Bei dieser Gelegenheit teilt Höllrigl auch mit, daß die Staatsanwältin Christiane Burkheiser „die Anklageschrift gegen jenen Mann fertiggestellt“ habe, „der weltweit als Synonym für Grauen und Monster steht“, also Josef F.: „Bis Mitte der Woche wird die Anklage dem U-Häftling und seinem Top-Anwalt Rudolf Mayer übermittelt. Erst danach will Staatsanwaltschafts-Sprecher Gerhard Sedlacek publik machen, was dem Inzest-Vater von Amstetten im Strafprozess alles angelastet werden kann.“ Für Höllrigl scheint diese Anklageschrift aber schon jetzt ein offenes Buch zu sein, ebenso wie die nahe Zukunft, von der er sich Großes erhofft: „Der Sensationsprozess wird vermutlich im Februar angesetzt.“ (3)

Ein Dreh, mit dem sich dieser rechtsstaatlich normale Prozeß in einen „Sensationsprozeß“ verwandeln läßt, wird Höllrigl noch einfallen. Da kann er sich auf seinen Jagdinstinkt verlassen. „’Ein Headhunter‘, erzählt Höllrigl, ‚hat mich einmal gefragt, was ich tun würde, wenn der Papst vor mir zusammenbricht und ich eine Kamera dabei habe.‘ Hölli lacht: ‚Was glaubst du, hab ich gesagt?'“ (4)

1 Florian Klenk: So ist Boulevard. In: Falter 32/2007, S. 15-17, hier S. 15
2 Ebd., S. 16
3 oe24.at: Fritzl hat seine Tochter 3.000 Mal vergewaltigt
4 Florian Klenk, a.a.O., S. 17


1.11.2008

Elisabeth F. steht immer noch unter scharfer Beobachtung: „Meldungen, wonach sich die Zweiundvierzigjährige noch in diesem Jahr im Bundesland Oberösterreich niederlassen wolle, wurden von ihrem Anwalt laut Bericht der Zeitung ‚Standard‘ nicht bestätigt.“ (1) Dieser Anwalt ist nicht darum zu beneiden, daß er sich mit Kreaturen abgeben muß, die den künftigen Wohnsitz seiner Mandantin zu ermitteln versuchen.

1 R.O.: „Emotionale Individualität“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.11.2008, S. 8


30.10.2008

„Die britischen Medien lechzen nach Themen, die nichts mit der seit Wochen die Schlagzeilen beherrschenden Finanzmisere zu tun haben. Anders ist es kaum zu erklären, dass es ein Telefonstreich in England zur Topstory gebracht hat. Anlass der Aufregung sind ein paar obszöne Bemerkungen, die der Komiker Russell Brand am 18. Oktober während seiner BBC-Radiosendung auf dem Anrufbeantworter des Schauspielers Andrew Sachs hinterließ. Nachdem ein geplantes Telefoninterview mit Sachs nicht zustande gekommen war, hatte Brand gemeinsam mit seinem Gast, dem Talkshow-Moderator Jonathan Ross, eine Reihe von anstößigen Nachricht bei dem 78-jährigen ‚Fawlty-Towers‘-Darsteller hinterlassen. Ross teilte Sachs mit, Brand habe dessen ‚Enkelin gefickt‘. Russell Brand, der tatsächlich eine kurze Affäre mit der besagten Enkelin Georgina Baillie hatte, erklärte, der Sex habe ‚mit ihrem Einverständnis stattgefunden‘, und sie habe dabei auch ‚nicht menstruiert‘. Zudem spekulierte Brand darüber, Sachs werde möglicherweise Selbstmord begehen, wenn er die Nachrichten abhöre.“ (1)

Man müßte aber schon so zynisch sein wie Mr. Ross, um solche Rempeleien achselzuckend hinnehmen zu können. „Der beim Publikum populäre, 48 Jahre alte Fernsehmoderator Ross fiel immer durch ordinäre Pointen auf. 2006 etwa fragte er den gerade gewählten Oppositionsführer Cameron, ob dieser sich als Heranwachsender in Gedanken an die damalige Regierungschefin Margaret Thatcher selbst befriedigt habe. Gleichwohl stockte die BBC, die parallel dazu kräftig Stellen abbaute, sein Jahresgehalt auf 7,5 Millionen Euro auf: Er sei ‚tausend BBC-Journalisten wert‘, rühmte sich Ross sogleich.“ (2) Wäre das nicht ein hinreichend guter Grund für die Maßnahme, alle Korrespondenten der BBC aus dem Presseverteiler der St. Pöltener Staatsanwaltschaft zu streichen?

1 Alexander Menden: Obszöne Nachrichten. In: Süddeutsche Zeitung, 30.10.2008, S.9
2 Henning Hoff: Die BBC hat eine vulgäre Seite. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2008, S. 42


29.10.2008

„Jugendliche haben im oberschwäbischen Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen) Fotos von einem Selbstmord geschossen. Ein 65 Jahre alter Mann hatte sich am Freitag vor einen Zug geworfen und war überrollt worden. Zahlreiche Jugendliche seien daraufhin aus dem Zug ausgestiegen und hätten mit Handys Fotos und Videos von dem Toten aufgenommen, sagte ein Sprecher der Polizei. Als der Lokomotivführer sie wegdrängen wollte, habe sich die Gruppe gewehrt. Bevor die Polizei eintraf, suchten die Jugendlichen das Weite. ‚Wir wissen nicht, ob die Bilder lediglich am Schulhof gezeigt werden, oder ob die schon irgendwo im Internet kursieren‘, sagte ein Sprecher. Bislang sei nichts gefunden worden. Erst durch die Veröffentlichung der Aufnahmen würde das Vergehen der Jugendlichen aber strafrechtlich relevant. ‚Wir erleben das mittlerweile bei fast jedem Unfall, dass Gaffer so dicht wie möglich an den Unfallort herankommen wollen und dann die Kamera draufhalten‘, sagte der Sprecher.“ (1)

1 rso.: Jugendliche schießen Fotos von Suizidopfer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2008, S. 7


23.10.2008

Für die Süddeutsche Zeitung hat Cathrin Kahlweit herauszufinden versucht, auf welchem Wege das psychiatrische Gutachten über Josef F. an die Öffentlichkeit gelangt ist: „’Das wüssten wir auch gern‘, sagt Gerhard Sedlacek, Sprecher der Staatsanwaltschaft in St. Pölten. Am 15. Oktober sei das Gutachten eingegangen, zwei Tage vorher hätten schon erste Zeitungen daraus zitiert – ‚nur wir selbst haben uns auferlegt, keine weiteren Details zu veröffentlichen‘.“ Der Gerichtsreporter der Kronen-Zeitung, Peter Grotter, vertrete die Meinung, „sein Blatt unterlaufe mit der Veröffentlichung des Gutachtens keine Persönlichkeitsrechte, solange es die Opfer schütze. ‚Wir haben bei der Veröffentlichung peinlich darauf geachtet, dass die Rechte der Opfer nicht berührt werden‘.“ (1) Auf dem freien Markt der Informationen geben die Zitate aus dem Gutachten jedoch genug Rohmaterial für pornographische Überschriften her: „So war der Sex mit Tochter Elisabeth“. (2)

Hochinteressante Aufschlüsse über sein Metier und seine eigenen Persönlichkeitsrechte könnte der Reporter Peter Grotter gewinnen, wenn er (was Gott verhüten möge) irgendwann einmal als Opfer eines Vergewaltigers den Zündstoff für die Schlagzeile liefern müßte: „So war der Sex mit Peter“.

1 Süddeutsche Zeitung/Cathrin Kahlweit: Auf dem Markt der Neugier
2 DCRS-Online/Louise Richter: Josef Fritzl – So war der Sex mit Tochter Elisabeth


21.10.2008

Josef F. sei „zur Vergewaltigung geboren“ worden: „Laut dem psychiatrischen Gutachten, das ÖSTERREICH vorliegt, sagt das der mutmaßliche Inzesttäter von Amstetten über sich selbst“, berichtet eine Zeitungsredaktion, die in ihrem Heimatland ehrenamtlich alle Aufgaben der Staatsanwaltschaft übernimmt. „Die komplette Expertise von Dr. Adelheid Kastner, Expertin für Neurologie und Psychiatrie, liegt ÖSTERREICH vor.“ (1) Online liegen dieser Redaktion auch die ersten Bewerbungen um das vakante Laienrichteramt vor: „Jetzt sollte man den elektrischen Stuhl oder die Todesspritze geben, da habe ich leider kein Erbarmen.“ (2) Und da möchten auch die Leser der Kronenzeitung nicht nachstehen: „Zwangskastration ohne Narkose, danach eine Kugel ins Knie und dann ab in den Keller! Und die Geschändete darf zuschauen. Weg mit dem Schwein!“ (3)

Als Expertin für Neurologie und Psychiatrie könnte Dr. Adelheid Kastner sich nun der Frage zuwenden, was diese Menschen davon träumen läßt, jemanden ohne Narkose zu kastrieren.

1 oe24.at: Fritzl war „zur Vergewaltigung geboren“
2 Ebd.
3 krone.at: Gutachten fertig: „Ich habe eine bösartige Ader!“


8.10.2008

Wenn sich die Gelehrten im späten 18. Jahrhundert auch darüber stritten, wo die Pressefreiheit ihre Grenzen finden solle, so bestand doch Einigkeit darüber, daß sie die Haustürschwelle nicht überschreiten dürfe. Wer öffentlich Unfug rede oder sich rüpelhaft benehme, der müsse sich auch öffentlichen Tadel gefallen lassen, schrieb der Theologe und Aufklärer Karl Friedrich Bahrdt 1787. „Ein Mensch aber, der in seiner Stube allein oder mit seinem vertrautesten Freunde z.B. mit seiner Gattinn etwas redet, was auch an sich nicht löblich wäre, der giebt seinen guten Nahmen nicht selbst Preis. Wenn also da ein Elender sich ans Schlüßelloch stellt und lauscht – soll wohl in dem Falle ein solcher Bube das Recht haben, den Behorchten öffentlich an den Pranger zu stellen?“ (1) Im Jahr darauf erschien in einer juristischen Fachzeitschrift ein Beitrag, dessen Autor nur einen einzigen Ausnahmefall gelten ließ: „Da es nicht von sonderlichem Nutzen seyn kann, Thatsachen aus dem Privatleben eines Menschen auszuheben, und öffentlich zu jedermanns Wissenschaft zu bringen, so wird eine dergleichen Bekanntmachung nicht leicht zu entschuldigen seyn; es wäre denn, daß ein überwiegender Nutzen für das Publicum daraus zu erwarten wäre.“ (2) Die Aushebung gewisser Tatsachen aus dem Privatleben gemeingefährlicher Verbrecher wäre also möglicherweise statthaft gewesen, nicht aber die Publikation von Klatschgeschichten über unbescholtene Zeitgenossen. „Denn giebt man die Ehre der Bürger dem ersten dem besten Preiß, dem es einfällt, seinen Feind an den Pranger zu stellen, so wird der Rachsucht und Cabale ein freyes Feld eröffnet, und ihnen eine Gewalt verstattet, deren Ausübung sich die Obrigkeit selbst nur in außerordentlichen Fällen erlaubt.“ (3)

Von solchen kleinlichen Bedenken waren Friede Springers Redakteure frei, als sie von News of the World die skandalös aufgebauschten Reportagen über die sexuellen Gewohnheiten des ehemaligen Rennfahrers Max Mosley übernahmen und sie hierzulande als Tatsachen aus dem Privatleben eines Menschen zu jedermanns Wissenschaft brachten. Die verantwortlichen Buben möchte Max Mosley nicht ungeschoren davonkommen lassen: „Im Juni hat er bei der Staatsanwaltschaft Berlin Strafanzeige gegen vier Mitglieder des Springer-Vorstands einschließlich des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, des Chefredakteurs Kai Diekmann sowie einer Vielzahl weiterer Personen gestellt“, berichtet Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung. „Bild und Bild Online hatten große Artikel und auch Fotos über den Fall unters Volk gebracht. Mosley verlangt darüber hinaus Schadenersatz in Höhe von einer Million vom Verlag und 500 000 Euro von Bild Online. Springer weist alle Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen mehr als 20 Springer-Mitarbeiter.“ (4) Mit Spannung erwartet die gelehrte Welt von heute nun die Ausflüchte der Elenden, die hier berufsmäßig durchs Schlüsselloch gestarrt und Lärm geschlagen haben.

Im Lager der Beschuldigten wird vorläufig noch business as usual getrieben. „NIPPELALARM IN HOLLYWOOD – Lindsay, wo ist denn dein BH geblieben?“ erkundigt sich Bild.de und weist ein Foto vor, auf dem zu sehen ist, daß sich unter dem Oberbekleidungsstoff einer Frau sensationellerweise deren linke Brustwarze abzeichnet. „Nanana, hat da jemand keine frische Unterwäsche mehr im Schrank gehabt? Oder war’s in L.A. schlicht und einfach zu heiß für ’nen BH unterm Leibchen?“ Diese Fragen lassen Mathias Döpfner und Kai Diekmann keine Ruhe. „Tatsache ist: Schauspielerin Lindsay Lohan (22) trug NIX drunter, als sie in Beverly Hills mit ihrem Kumpel Patrick Aufdenkamp zum Shoppen loszog.“ (5)

1 [Karl Friedrich Bahrdt:] Ueber Preßfreyheit und deren Gränzen. Zur Beherzigung für Regenten, Censoren und Schriftsteller. Züllichau 1787, S. 166 f.
2 [Anonym:] Nachricht von einem merkwürdigen Injurien-Processe, nebst einigen Bemerkungen über die Natur der Injurien. In: Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit 2 (1788), S. 36-49, hier S. 46
3 Ebd., S. 49
4 Hans Leyendecker: Die große Gier. Der Fall Mosley hinterlässt nun auch in Deutschland Spuren. In: Süddeutsche Zeitung, 8.10.2008, S. 17
5 Bild.de: Nippelalarm in Hollywood – Lindsay, wo ist denn dein BH geblieben?


4.10.2008

Wahrscheinlich würde sogar ein freier Mitarbeiter der Bild-Zeitung wie Papst Benedikt XVI. einräumen, daß es ungehörig wäre, einer Dame ohne deren Einverständnis unter den Rock zu schauen, und noch weitaus dreister und flegelhafter, aus dieser Perspektive Fotos zu schießen und sie zu veröffentlichen. Anderer Ansicht war ein Fotoreporter, der im Oktober 1961 auf einem Rummelplatz in Alabama des Wegs kam, als die 41 Jahre alte Hausfrau Flora Bell Graham mit ihren Kindern ein Lachkabinett verließ. In diesem Augenblick fuhr ihr ein künstlicher Luftstrahl unters Kleid und entblößte sie vom Nabel abwärts bis auf die Unterwäsche. Der Fotograf drückte auf den Auslöser, und die Tageszeitung Daily Times Democrat brachte den Schnappschuß auf Seite 1. Dagegen erhob Mrs. Graham Klage, und sie gewann den Prozeß, denn die Richter verwarfen das Argument, daß die Klägerin sich zum Zeitpunkt der Aufnahme außerhalb der geschützten Privatsphäre aufgehalten habe. Es sei widersinnig, urteilten sie, daß ein Mensch in einer peinlichen, ohne eigenes Zutun herbeigeführten Pose vorgeführt werden dürfe, nur weil er sich dabei zufällig in der Öffentlichkeit befunden habe. (1)

In unserem Jahrhundert hätte Flora Bell Graham nach einem ähnlichen Mißgeschick keine Chance mehr, in der westlichen Welt einen Richter zu finden, der ihr Genugtuung verschaffen könnte. „SCHLÜPFER-BLITZER – Liz Hurley zeigt Höschen“, meldet die Bild-Redaktion heute in der Online-Rubrik „LEUTE-NEWS“ und illustriert den Bericht mit einer Nahaufnahme. „Da war der Windmaschinen-Beauftragte wohl etwas zu eifrig …“ Was war geschehen? „Bei einer Charity-Veranstaltung in New York sollte sich Liz Hurley (43) von ihrer besten Seite zeigen, einen Schalter betätigen und auf das Thema Brustkrebs aufmerksam machen. Das Ergebnis: Den Schalter betätigte das Model, doch davor zeigte sie der Welt noch ihre Unterwäsche.“ Zwar nur unfreiwillig und nur für Sekunden, aber doch lange genug für eine Ewigkeit im fotografischen Gedächtnis der Menschheit. Den fälligen Kommentar haben Friede Springers Fachmänner in Fettschrift formatiert: „Wer sexy Spitzen-Dessous erwartete, wurde enttäuscht. Die Ex von Hugh Grant trug lediglich ein hautfarbenes Baumwoll-Höschen.“ Und wie ist sich Elizabeth Hurley dabei vorgekommen? „Der Schlüpfer-Blitzer war Hurley mega-peinlich.“ (2) Das hat auch den schadenfrohen britischen Kollegen Vergnügen bereitet: „She’s electric! Static gives Elizabeth Hurley a shock as her underwear is exposed“ (Daily Mail), (3) „Liz Hurley flashes her knickers“ (Daily Mirror), (4) „I guess we should at least be grateful she was wearing them though“ (The Sun). (5)

Bedauerlicherweise dürfen sich die Verfasser solcher Sätze und die Starfotografen der Yellow Press erheblich mehr von der Beschäftigung mit Elizabeth H. und Elisabeth F. versprechen als von jedem möglichen Schlüpfer-Blitzer der großen alten Schlüpfer-Blitzer-Verlegerin Friede S. aus Föhr.

1 Vgl. Clay Calvert: Voyeur Nation. Media, Privacy, and Peering in Modern Culture. Boulder und Oxford 2000, S. 203 f.
2 Bild.de: Liz Huerley zeigt Höschen
3 dailymail.co.uk: She’s electric! Static gives Elizabeth Hurley a shock as her underwear is exposed
4 mirror.co.uk: Liz Hurley flashes her knickers
5 thesun.co.uk: Lovely Liz still looks flash

2.10.2008

1994 sah der Mediensoziologe Michael Jäckel Anzeichen für eine Trendwende. Es rege sich, so glaubte er, allmählich Widerstand gegen den schamlosen Sensationsjournalismus: „Und die Forderung nach Ethik-Kommissionen, insbesondere für das Fernsehen, offenbart die wachsende Sensibilisierung gegenüber der Gefahr einer Ausweitung der Berichterstattung auf Gebiete, die zuvor tabuisiert waren.“ (1) Leider geht von dieser Sensibilisierung aber selbst nach mittlerweile achtzehn Wachstumsjahren keine erkennbare Wirkung aus, und keine der geforderten Ethik-Kommissionen hat verhindern können, daß die Tageszeitung Österreich heute die Verschleißerscheinungen des Körpers einer Schauspielerin kommentiert: „Melanie Griffith: Ältere Haxen als Busen!“ Online lassen sich die Fotobeweise und die humorigen Bildlegenden abrufen („Gruselig: Diese Beine sind ganz schön faltig!“, „Melanies Lippen in Nahaufnahme. Wer will die noch küssen?“), und parallel dazu bedient die Redaktion ihre vielseitig interessierte Leserschaft mit einer Auskunft über die aktuelle Gemütslage des „Horrorvaters“ Josef F.: „’Er hat sich mit seinem Schicksal abgefunden‘, so ein Vertrauter gegenüber ÖSTERREICH.“ (2)

Wenn das stimmte, hätte Josef F. also einen anonymen Vertrauten, der sich wiederum der Presse anvertraut: „Deep Throat“ aus St. Pölten. Das Wunderbare an solchen Quellen ist der Umstand, daß sie nicht einmal existieren müssen, um sprudeln zu können.

1 Michael Jäckel: Auf dem Weg zur Informationsgesellschaft? Informationsverhalten und die Folgen der Informationskonkurrenz. In: Politik und Medien. Analysen zur Entwicklung der politischen Kommunikation. Hrsg. von Michael Jäckel und Peter Winterhoff-Spurk. Berlin 1994, S. 11-33, hier S. 31
2 oe24.at: Fritzl verkauft seine Immobilien

28.9.2008

Dank News of the World dürfen wir jetzt auch Ron Wood beim Essen zusehen. Dies könnte der teuerste Nachtisch der Weltgeschichte sein, mutmaßt die Redaktion, „as Ronnie Wood lets his Russian lover tenderly spoon ice cream into his mouth in our pictures of their intimate dinner together.“ Die Scheidung von seiner Frau werde Ron Wood rund fünfzig Millionen Pfund kosten. (1)

1 newsoftheworld.co.uk: Cheque please! Exclusive first photos of Ronnie Wood together with lover Katia


26.9.2008

Die Anwälte der Regenbogenpresse weisen immer wieder gern auf deren Nützlichkeit im Seelenhaushalt breiter Bevölkerungsschichten hin: Ohne die Information, ob die Ehe des Schlagersängers A mit der Moderatorin B seinen Flirt mit der Eisverkäuferin C überstanden habe oder wie der Adlige D das bestürzende Ergebnis seiner Magenspiegelung verkrafte, müßten Millionen Menschen völlig orientierungslos durchs Leben irren, und das dürfe man ihnen nicht antun. Dieses fadenscheinige Argument geistert auch durch die wissenschaftliche Literatur. „Die wirkliche und unentbehrliche Bedeutung der Sensationszeitungen“, schrieb der Medientheoretiker Heinz Starkulla 1993, liege eben „genau darin, daß sie kommunikative Kontakte auf der unteren Ebene des Banal-Menschlichen, des Allzu-Menschlichen, der noch konfliktfreien, unverbindlichen Geselligkeit anbahnen, die dann jedoch – in anderen Medien – im individual- wie im sozial-kommunikativen Bereich weitergeführt werden.“ (1) Wenn es Elisabeth F. und ihre Kinder also stören sollte, daß sie sich nicht frei bewegen können, bliebe ihnen doch die tröstliche Gewißheit, daß die Paparazzi gar nichts Böses wollen, sondern dazu da sind, kommunikative Kontakte auf der unteren Ebene des Allzu-Menschlichen anzubahnen. Und in dieser Funktion sind die Paparazzi, nach medientheoretischen Erkenntnissen, einfach unentbehrlich.

Gestern nacht haben einige von ihnen ein italienisches Restaurant in Berlin-Mitte belagert. „Unter den Gästen waren neben Superstar Brad Pitt auch die deutschen Schauspieler Til Schweiger und Daniel Brühl sowie Diane Kruger“, berichtet oe24.at und serviert eine fotografische „Slideshow“ sowie ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Til Schweiger nachts in einem klassischen Blitzlichtgewitter das Lokal verläßt. Unter der Schlagzeile „Til Schweiger nach Essen mit Pitt völlig besoffen“ heißt es dann: „Vielleicht war Til neben seinen amerikanischen Kollegen etwas nervös und trank deswegen einen über den Durst. Nach dem Diner war er völlig besoffen. Der Deutsche musste beim Verlassen des Lokals gestützt werden, weil er es offenbar alleine nicht mehr zu seinem Auto geschafft hätte.“ (2) Und so ist wieder einmal ein kommunikativer Kontakt auf der Ebene der unverbindlichen Geselligkeit angebahnt worden, den andere Medien im sozial-kommunikativen Bereich weiterführen werden.

Im freien Westen besteht keinerlei Anlaß mehr zum moralischen Hochmut gegenüber den Stasi-Mitarbeitern, die doch wenigstens noch so schamhaft waren, daß sie verdeckt operierten und ihre Ermittlungsergebnisse unter Verschluß hielten, statt sie aller Welt in Wort und Bild bekanntzumachen.

1 Heinz Starkulla: Marktplätze sozialer Kommunikation. Bausteine einer Medientheorie. München 1993, S. 56
2 oe24.at: Geh-Hilfe nötig – Til Schweiger nach Essen mit Pitt völlig besoffen


25.9.2008

Im Jahre 1866 wunderte sich ein Zeitungsleser über die närrischen Folgen des technischen Fortschritts in der Nachrichtenübermittlung: „Jetzt bringen die Blätter mitunter schon Telegramme von 30-40 Zeilen; in Nordamerika und England haben sie bereits lange Reden wirklich auf Grund von Telegrammen gebracht; die Kölner Zeitung hat angefangen, darin nachzueifern. Anfang 1865 wurde auch in andere Zeitungen des Königs von Preußen Eröffnungsrede an seine Stände in ein paar hundert Zeilen telegrafirt. Schon telegrafirt man Nachrichten, wie an die Breslauer Zeitung aus Berlin vom 13. Januar 1865: ‚Die Fraktionen der Fortschrittspartei hielten gestern eine gesellige Zusammenkunft ohne Berathung.‘ Kann man mit Unbedeutenderem die elektrische Batterie beschäftigen?“ (1)

Durchaus. „Brad Pitt, 44, Schauspieler, und seine Lebensgefährtin Angelina Jolie, 33, sollen angeblich für drei Monate Wahl-Berliner sein. Das Paar landete am Dienstagnachmittag mit seinen sechs Kindern auf dem Flughafen Tempelhof, wie mehrere Zeitungen berichteten. Demnach quartiert sich die Hollywoodfamilie 90 Tage lang in einer Villa am Wannsee ein.“ (2) Was der Süddeutschen Zeitung heute nur eine Randnotiz wert ist, hat in Berlin eine Massenwanderung professioneller Spanner ausgelöst. „Vor dem Haus am Wannsee lungerten unterdessen Kamerateams und Fotografen; das Gelände war mit dunklen Planen am Gartenzaun vor neugierigen Blicken geschützt“, berichtet der Tagesspiegel, der sich köstlich über das „Versteckspiel am Wannsee“ amüsiert und zugleich Reporter beschäftigt, die couragiert genug sind, um die Nachbarn auszuhorchen und dem Wachpersonal zur Last zu fallen: „Anwohner hatten keine Promis gesehen, stattdessen gingen allerhand Gerüchte um. Mal hieß es, in der Villa lebe eine normale Familie, wohingegen sich Jolie und Pitt auf der Insel Schwanenwerder einquartiert hätten. Für eine ‚normale‘ Familie patrouillierten allerdings reichlich Sicherheitsleute ums Haus. Sie verweigerten jede Auskunft, forderten die Medienleute dazu auf, weder zu filmen noch zu fotografieren und drohten mit einem Platzverweis durch die Polizei.“ (3)

Anja Popovic von der Berliner Morgenpost ist es trotzdem gelungen, sich von außen per Röntgenblick einen Eindruck vom häuslichen Glück zu verschaffen: „Während Papa arbeitet, lassen Mama und die sechs Kinder es sich gut gehen.“ So gut es eben gehen mag, wenn draußen eine Anna Popovic herumschleicht und sich bestens informiert zeigt: „Familie Pitt legt größten Wert auf ihre Privatsphäre.“ Das verbindet die berühmten Eheleute mit Anja Popovic, denn auch sie legt größten Wert auf die Privatsphäre der Familie Pitt und hat sich deshalb gründlich umgehört und umgesehen und sogar einen Müllkutscher ausgefragt: „Mittwochnachmittag fuhr vor dem Anwesen Am Sandwerder zum ersten Mal eine private Müllentsorgungsfirma vor, die extra für den Besuch der prominenten Familie angemietet wurde – wie uns der Fahrer berichtete.“ Wahrscheinlich wäre ohne den Vertrag mit dieser Firma die Gefahr zu groß gewesen, daß die Berliner Lokaljournalisten und ihre angereisten Kollegen auch noch die Mülltonnen durchwühlten. Anja Popovic wäre es zuzutrauen. An ihr scheint noch kein Fahrer auf dem Weg zur Villa vorbeigekommen zu sein: „Außerdem wurden ein Paket Babynahrung und Tüten aus der Feinkostabteilung des KaDeWe angeliefert.“ (4) Wenn Anja Popovic so weitermacht, wird sie sicherlich bald auch herausfinden, welche Zahncreme und welches Toilettenpapier Brad Pitt seiner Familie empfiehlt.

„Am Anlegeplatz liegen mehrere Boote, die für einen Ausflug genutzt werden können“, meldet wiederum die B.Z., doch auf solche Aktivitäten sollte die Familie Pitt wohl besser verzichten, denn: „Die ersten Kamerateams nähern sich schon vom Wasser aus.“ (5) In der City hat währenddessen der Bild-Reporter Marcus Hellwig aufgepaßt. „Auch ein Megastar muss mal zum Doktor …“, schreibt er und verkündet eine Sensation. „Gestern, 13.50 Uhr, mitten in Berlin: Mit Hut und Sonnenbrille kommt Hollywoodheld Brad Pitt (44) vom Arzt. Genauer: vom Orthopäden!“ Und Marcus Hellwig weiß noch mehr: „Der Schauspieler wurde in einem Ärztehaus im Stadtteil Charlottenburg eine halbe Stunde untersucht, hatte dafür selber einen Umschlag mit Röntgenbildern mitgebracht. Danach stieg der Frauenschwarm wieder in seinen schwarzen VW Touareg (500 PS) – und brauste davon.“ Und zwar ohne Marcus Hellwig, dem es jedoch nicht schwergefallen ist, noch ein paar Zeilen herauszuschinden: „Der Arzttermin war offenbar dringend. Der Schauspieler unterbrach dafür ein Treffen mit Quentin Tarantino (45)!“ (6) Marcus Hellwig dürfte man schon glauben, daß er für ein Treffen mit Quentin Tarantino jeden Termin beim Orthopäden gecancelt hätte, doch die Folgerung, daß dann auch Brad Pitt „offenbar dringend“ zum Arzt mußte, verdankte sich tatsächlich nur einer Offenbarung und keiner Recherche.

Nicht ganz so nah dran am aktuellen Geschehen ist die Berliner Zeitung, aber wozu gibt es ein Archiv? „Angelina Jolie und Brad Pitt versuchten bei ihrem Berlin-Aufenthalt vor zwei Jahren ein ganz normales Leben zu führen. Zum Beispiel gingen sie mit ihren Kindern in einen Indoor-Spielplatz in Kreuzberg.“ (7) Bei dem Versuch, in Berlin ein ganz normales Leben zu führen, wurde das Paar damals auch von Stern-Reportern beobachtet: „Nach dem Überraschungsbesuch am Montagabend im Erlebniskino Imax hängten die beiden ein paar Tage an ihren Besuch an und versetzten die Hauptstadt ins ‚Brangelina‘-Fieber. Jolie wurde laut Medienberichten mit ihren Kindern beim Shopping im Prenzlauer Berg gesehen.“ Und der Stern fieberte mit. „Spannendste Frage: Wo sind die Stars als nächstes?“ (8) Die nächste Sichtung erfolgte erst 2007 durch einen Späher der B.Z.: „Brad Pitt (43) mit grauem Hut, schwarzem T-Shirt, so schneidet er in dem Berliner Mini-Restaurant ‚Bandol sur mer‘ (Torstraße 167) sein Entrecôte an. Mit am Holztisch sitzen vier Freunde, langhaarig, bärtig, eine blonde Frau. Es ist kurz nach 22 Uhr.“ Kurz darauf muß Brad Pitt in Gegenwart des Augenzeugen von der B.Z. der Appetit vergangen sein: „Brad isst das Fleisch, die Bohnen und das Kartoffelgratin nicht auf. Tippt zwischendurch immer wieder auf dem Blackberry rum, telefoniert. Er trinkt mit seinen Freunden zwei Flaschen Wein (Château-neuf du Pape, ca. 17 Euro), recht schnell.“ (9) Wenige Tage später fiel in Berlin abermals etwas Unglaubliches vor: Ein Motorradfahrer füllte seinen Tank auf und beglich die Rechnung. Der große Gott Google sah es, und er hat es sich gemerkt: „An einer Berliner Tankstelle fährt Brad Pitt mit seiner Ducati vor und tankt das Motorrad voll! 10 Liter für 14,45 Euro. Samt Helm sitzt der 43jährige konzentriert auf der Maschine, den Zapfhahn in der Hand. Anschließend steigt der Schauspieler ab und geht bezahlen.“ (10)

Kann man mit Unbedeutenderem elektrischen Strom verbrauchen und die elektrisierten Stromverbraucher beschäftigen? Ein Familienvater hat ein Paket Babynahrung bestellt, getankt und sein Kartoffelgratin nicht aufgegessen, und nun muß er sich mit Bodyguards umgeben, wenn er seine Familie vor den Übergriffen einer Journalistenmeute schützen möchte, die sich für jeden Dreck interessiert. Nicht einmal der Staatssicherheitsdienst der DDR hat über die Eßgewohnheiten und das sonstige Verhalten aller ausgespähten Zielpersonen so ausführlich Buch geführt, wie es heute die informellen Mitarbeiter unserer Medien praktizieren, sobald sich ein Weltstar in die Provinzhauptstadt Berlin verirrt.

Erfolgreicher als Anja Popovic & Co. sind zur gleichen Zeit, fernab vom Wannsee, der Fotograf Franz Crepaz und der Reporter Christoph Budin für die Kronen Zeitung einer Top-Story nachgegangen: „Josef F. kehrte nach Amstetten zurück! 153 Tage nach seiner Festnahme ging der 73-Jährige wieder in den Keller seines Wohnhauses. In jenes Verlies, wo er seine Tochter Elisabeth gefangen gehalten, missbraucht und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll. Zwei Stunden schilderte der Verdächtige bei der Geheimaktion mit der Staatsanwältin ruhig und emotionslos Details aus den letzten 24 Jahren.“ (11)

Und das soll eine „Geheimaktion“ gewesen sein?

1 Heinrich Wuttke: Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung. Hamburg 1866, S. 150 f.
2 Süddeutsche Zeitung, 25.9.2008, S. 10
3 Der Tagesspiegel: Versteckspiel am Wannsee
4 Berliner Morgenpost: Angelina Jolie wartet in Wannsee-Villa auf Brad Pitt
5 B.Z.: 3 Köche und 2 Nannys verwöhnen Familie Pitt-Jolie am Wannsee
6 Bild.de: Hier spaziert Brad Pitt durch Berlin
7 Berliner Zeitung: 90 Tage mit Brangelina
8 Stern: „Brangelina“ hält Berlin auf Trab
9 B.Z.: Guten Appetit, Brad Pitt!
10 TIKonline.de: Brad Pitt an der Tankstelle
11 krone.at: Geheimaktion: Josef F. wieder im „Horror-Haus“!


19.9.2008

Solange Bild kein aktuelles Foto von Elisabeth F. im Angebot hat, müssen die Rezipienten sich mit der üblichen Kost bescheiden, die ja auch keine Schonkost ist: „Deutschland schmunzelt über Biertester Marc R. (26) aus Krefeld. Und den peinlichsten TV-Auftritt des Jahres. Er kotzte TV-Lästermaul Stefan Raab (41) bei ‚TV Total‘ mitten auf die TV-Bühne.“ (1) Der Bild-Online-Redaktion ist dieser Auftritt so unerhört peinlich, daß sie nicht umhin kann, sowohl den sich erbrechenden Biertester als auch die erbrochene Bierpfütze vierfarbig zu präsentieren – wahrlich ein gefundenes Fressen für die Kundschaft der Bundesverdienstkreuzträgerin Friede Springer.

In einem heute veröffentlichten Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat sich Christian Nienhaus, der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, zu der problematischen Frage geäußert, was er „als Chef der Zeitungsgruppe Bild“ bei Springer gelernt habe: „Ich habe mitgenommen, dass man mit starken Marken eine ordentliche Rendite erwirtschaften kann. Und ich habe gelernt, dass man eine aggressive Marketingstrategie und Markenpflege betreiben muss. Bei Bild haben wir Dessous, Volksbibeln und Handytarife vermarktet. Diese Zeitung ist in Wahrheit eine Marketingmaschine. Da muss man schauen, was davon übernommen werden kann. Erfolg kann man nicht genug haben.“ (2)

O doch.

1 Bild.de: Beckstein-Biertest bei TV-Total Zuschauer kotzt Raab auf TV-Bühne
2 Zitiert nach: Süddeutsche Zeitung, 19.9.2008, S. 17


18.9.2008

Josef F. hat unterdessen den Status einer Pop-Ikone erlangt, mit der sich vieles machen läßt. „Der Inzestfall in Amstetten ist nun in Rom zum Thema einer Kunst-Installation geworden. Ein Fotograf, ein Regisseur und ein Journalist gehen den psychologischen Mechanismen solcher schockierender Fälle und der Rolle der Medien nach“, meldet der ORF. Die Installation trage den Titel „Im Namen des Vaters“ und sei in drei Teile gegliedert: „Im ersten Teil hat man Zugang zu einem Würfel. Die Wände, der Boden und die Decke sind mit Zeitungen, Zeitschriften und Bildern über den Inzestfall bedeckt. Der Besucher kann auch die Stimme von Radio- und TV-Journalisten hören, die über den erschütternden Fall berichten.“ Von dort führe ein kleiner Gang „zu einem größeren Würfel. Im Mittelpunkt befindet sich eine Pyramide aus 24 Fernsehschirmen.“ Laut Alessandro Geraldini, „dem Sprecher der Gruppe, die die Installation entworfen hat“, symbolisieren diese Fernsehschirme die 24 Jahre der Gefangenschaft. „Die Bildschirme senden ein einziges Bild in verschiedenen Farben: Das Bad und das Wohnzimmer im Keller.“ In einem dritten Saal sehe man schließlich „sieben Bilder, die das ‚Monster‘ zeigen. Die Rollen werden vertauscht, der Peiniger wird lächerlich gemacht und in einen Sündenbock umgewandelt.“

Wie das geschieht und was das Ganze soll, bleibt ein Rätsel, auch wenn der ORF sich alle Mühe gegeben hat, ihm auf die Spur zu kommen. „Die Atmosphäre ist surreal und enthält eine Anspielung an Aristoteles, der die Tragödie als ‚Mimesis‘ betrachtet: Indem der Zuschauer intensiv Leidenschaften erlebt, befreit er sich davon und fühlt sich erleichtert und bereinigt. Die Information ist verdaut.“ Ob sich in Rom wohl schon jemand durch das intensive Erlebnis der Leidenschaft vor dieser Pyramide aus Fernsehschirmen mit Kellerfotos erleichtert gefühlt hat? Ein Ausstellungsbesucher, dem das gelungen wäre, könnte wahrscheinlich auch die nächste Information des Gruppensprechers ohne Magenbeschwerden verdauen: „’Mit dieser Installation wollen wir zum Nachdenken anregen und die Reaktionen ergründen, die schockierende Nachrichten in den Menschen auslösen. Wir haben den Fall von Amstetten gewählt, nicht um Österreich zu kriminalisieren, sondern um die psychologischen Mechanismen zu vertiefen und zu erforschen, die die Medien mit ihren beängstigenden Berichten auslösen‘, sagt Geraldini.“ (1)

Nun wird allmählich klarer, was die drei Installateure beabsichtigen: Sie wollen Mechanismen vertiefen! Als Klempner hätten sie sich damit unendlich schwergetan, doch in der Welt der Kunst und des Journalismus lassen Mechanismen sich problemlos vertiefen, und sei es durch das medienwirksame Aufeinandertürmen von Fernsehgeräten im Namen des Vaters Josef F. aus Amstetten. Aber könnten diese drei Mechanismenvertiefer sich ihren Lebensunterhalt nicht auf eine weniger anrüchige Weise verdienen? Mit ein bißchen Phantasie und Tatkraft ist manches möglich, wie man weiß, wenn man den Ratschlag kennt, den die legendäre Frau K. in einer Geschichte von Fanny Müller ein paar erfolglos bettelnden Punks erteilt: „… ihr könnt doch ma ne Bank überfalln!“ (2)

1 noe.orf.at: Inzestfall als Kunst-Installation
2 Fanny Müller: Geschichten von Frau K. Greiz 1994, S. 13


17.9.2008

„Im Anfang war die Presse / und dann erschien die Welt.“ (1) Als Karl Kraus im frühen 20. Jahrhundert die Schöpfungsgeschichte zeitgemäß umformulierte, scheint ihn bereits eine Vorahnung der Ereignisse beschlichen zu haben, die uns heute erstaunen. „Anfang vergangener Woche sorgte in den USA die Meldung einer Onlinezeitung für Aufregung an den Finanzmärkten: United Airlines, eine der weltgrößten Fluggesellschaften, melde Konkurs an, wurde die Tageszeitung Sun Sentinel aus Florida zitiert. Der Börsenkurs von United brach um 75 Prozent ein. In zwölf Minuten wurden mehr als eine Milliarde Dollar vernichtet. Dabei hatte United gar nicht Konkurs angemeldet. Die Meldung war sechs Jahre alt und wurde aus Versehen von einem Computerprogramm, mit dem Google die Website der Zeitung durchsuchte, als neu ausgegeben. Niemand kontrollierte und hinterfragte die Aktualisierung.“ Thomas Schuler, der in der Süddeutschen Zeitung über diesen sonderbaren Vorgang berichtet, hat sich mit den Hintergründen vertraut gemacht: „Wenn man den Beteiligten glauben darf, dann ist die Meldung über den Konkurs von United Airlines wie von Geisterhand aus dem Archiv an die Öffentlichkeit gelangt. Sie sprechen von einer unglücklichen Kettenreaktion. Vor sechs Jahren, als United tatsächlich Insolvenz meldete, hatte die Chicago Tribune darüber berichtet. Das Onlinearchiv der Tribune ist auch von anderen Zeitungen des Verlags abrufbar, darunter den Sun Sentinel in Florida. Dort hat Sonntag Nacht nach 1.00 Uhr jemand den alten Artikel gelesen, berichtet die Chicago Tribune. Weil die Website um diese Zeit kaum besucht ist, listete sie den Text nach dem einmaligen Abruf bereits als eine der am meisten besuchten Geschichten. Auf solche Links wiederum ist Google News programmiert.“ Und in diesem Zusammenspiel der Maschinen sei dann unaufhaltsam eine gigantische Zeitungsente ausgebrütet worden: „Ein Suchprogramm von Google habe die Website kurz nach 1.36 Uhr durchforstet, die Geschichte über den Konkurs registriert und – weil der Archivtext kein Datum trug – ihn mit dem Datum 6. September 2008 versehen, schreibt die Chicago Tribune. All das geschah automatisch. Drei Minuten später habe der erste Besucher die Nachricht via Google News abgerufen. Den ganzen Sonntag über sei die Geschichte so oft abgerufen worden, dass sie weiter unter ‚most viewed’ gelistet blieb.“ Der Mitarbeiter eines Investmentdienstleisters habe diese Nachricht am Montag entdeckt und in einen Newsletter aufgenommen, und daraufhin sei der Aktienkurs abgestürzt. „Die Ironie der Geschichte, die kein Mensch aktualisiert, redigiert und auf der Website veröffentlich hat, ist laut Wall Street Journal die, dass anschließend die Aktie von United an der Börse teilweise auch ohne Zutun von Menschen verkauft wurde – Computerprogramme stoßen verlustreiche Aktien angeblich von alleine ab. Die Enthüllung und ihre Konsequenz – alles lief vollautomatisch.“ (2)

Die Macht der Medienmacher wächst ihnen selbst über den Kopf hinaus, und es ist kein Hexenmeister in Sichtweite, der den Besen zurück in die Ecke befehlen könnte. Dafür wäre es auch 1871 schon zu spät gewesen, als Karl Marx die Entfesselung der blinden Kräfte des kapitalistischen Nachrichtenmarkts erlebte: „Man hat bisher geglaubt, die christliche Mythenbildung unter dem römischen Kaiserreich sei nur möglich gewesen, weil die Druckerei noch nicht erfunden war. Grade umgekehrt. Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabrizieren mehr Mythen (und das Bourgeoisrind glaubt und verbreitet sie) in einem Tag als früher in einem Jahrhundert fertiggebracht werden konnten.“ (3)

1 Karl Kraus: Couplet des Schwarz-Drucker. In: ders., Schriften. Band 9: Gedichte. Hrsg. von Christian Wagenknecht. Frankfurt am Main 1989, S. 412–414, hier S. 412
2 Thomas Schuler: Journalismus ohne Journalisten. In: Süddeutsche Zeitung, 17.9.2008, S. 17
3 Brief an Ludwig Kugelmann, 27.7.1871, zitiert nach Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Berlin [um 1947], S. 106


16.9.2008

Lange habe ich darauf warten müssen, daß mir jemand erklärt, was der Papst in Europas zahlungskräftigstem Institut für die Verwertung von Paparazzi-Fotos zu suchen hat, die Prominente beim Küssen, Baden, Shoppen, Heiraten, Urinieren oder Sterben zeigen. Benedikt XVI. kooperiert ja schon seit längerem eng mit den Auftraggebern der journalistischen Kerkermeister, die Elisabeth F. und ihre Kinder in Amstetten bewachen, aber auf den naheliegenden Gedanken, alle katholischen Paparazzi mitsamt ihren Glaubensbrüdern in den Redaktionen der internationalen Yellow Press zu exkommunizieren, ist er noch nicht verfallen. Seit heute weiß ich endlich, weshalb er das gar nicht könnte: „Zu der von Henschel verurteilten ‚Bourgeoisie’ gehört auch die Kirche, deren Vertreter Bild bereitwillig Interviews geben und in Bild religiöse Beiträge platzieren. Dass diese Beiträge im Umfeld von Sensationsnachrichten auftauchen, mag man kritisieren. Aber diese Kritik ändert objektiv gesehen nichts an der Tatsache, dass religiöse Elemente heute gerade ubiquitär in der massenmedialen Popularkultur zu finden sind und dass sich religiöse Sozialisation zunehmend in den popularkulturellen Raum von Massenmedien wie Bild verlagert. Gerade weil diese Verlagerung fortschreitet und weil durch Massenmedien wie Bild öffentliche Information über die Kirche und ihre Botschaft vermittelt wird, kann sich die Kirche nicht der Medienwelt enthalten und muss vielmehr versuchen, in allen Sparten der Massenmedien zu Wort zu kommen.“ (1)

So steht es in einem Buch der Autorin Elisabeth Hurth. Ich bekenne, daß mir die Notlage der Katholischen Kirche vor dieser Lektüre nicht so recht klar war, aber jetzt habe ich alles verstanden: Gerade weil sich das Massenmedium Bild der Kirche bedient, muß die Kirche ihr eigenes und vornehmstes Medium, den Gottesdienst, verlassen und sich in der Bild-Zeitung darbieten, zwischen Fotos von Mordopfern, Boxenludern und urinierenden Enkelkindern der Königin von England, und Benedikt XVI. gehorchte, objektiv gesehen, einem marktstrategischen Gebot, als er das Verlagshaus Springer mit persönlichen Texten für die große „Bild Benedikt Bibel“ belieferte, statt zum Boykott aller Zeitungen aufzurufen, in denen heimlich aufgenommene Fotos urinierender oder gefolterter Kinder Gottes erscheinen.

In diesem Zusammenhang kann auch noch ein anderer Irrtum berichtigt werden. Man sollte nämlich nicht glauben, daß der durchschnittliche Käufer der Bild-Zeitung einem Sensationspöbel angehöre, der sich ungebührlich für die Seitensprünge prominenter Starlets oder das Aussehen vergewaltigter Frauen interessiere, denn „diesen bedauernswerten und moralisch zu verurteilenden Leser gibt es nicht“, schreibt Elisabeth Hurth. „Medienrezipienten – die neuere Wirkungsforschung weiß das schon lange – sind keine ‚black box’, in die Mediendarbietungen einfach eingetrichtert werden. Es gibt keine direkte Medienwirkung in dem Sinne, dass der Inhalt der Kommunikation und die Richtung des Effekts identisch sind und somit Eigenschaften eines Medienprodukts den Eigenschaften des Rezipienten unmittelbar entsprechen. Der Rezipient ist nicht bloßes Objekt der Medienwirkung, sondern eigenmächtiges Subjekt, das das Medium nach eigenen Bedürfnissen nutzt. Ein Rezipient, der ein Medienangebot für unterhaltsam oder orientierend hält, wird anders auf das betreffende Angebot reagieren als jemand, der dieses für unglaubwürdig erachtet. Von daher ist genau zwischen verschiedenen Medien- und Rezipientenmerkmalen zu unterscheiden.“ (2)

Wenn die neuere Mediennutzungsforschung zu dem beruhigenden Ergebnis gelangt ist, daß es den Pöbel überhaupt nicht gibt, der Fotos von Elisabeth F. und ihren Kindern sehen will, könnte ja nun das Wachpersonal vom Klinikum in Amstetten-Mauer abgezogen werden. Die von Elisabeth Hurth mitgeteilten Erkenntnisse müßten sich vorher allerdings noch bis zu den Paparazzi herumsprechen.

1 Elisabeth Hurth: Religion im Trend oder Inszenierung der Quote? [Düsseldorf] 2008, S. 65
2 Ebd., S. 42


15.9.2008

In der Branche, die von sensationellen Enthüllungen lebt und die Preise dafür nach oben getrieben hat, herrscht Entrüstung über die sensationelle Enthüllung, daß Josef F. „jetzt auch noch zum Multimillionär“ werden könne: „Der Inzest-Vater hat Berater eingeschaltet, die seine Erinnerungen an den Keller-Horror meistbietend verkaufen sollen, berichtet die Zeitung ‚News of the World’. Die Preisvorstellung liegt angeblich bei vier Millionen Euro!“ (1) Die österreichische Zeitung Heute titelt: „Millionen-Gage für das Kellermonster – Unfassbar: Amstettner Josef F. (74) will für ‚Memoiren’ ein Vermögen – Britische Medien kaufen ‚seine Story’, der Staat ist machtlos“. (2) Und die Daily Mail weiß aus der Kronen Zeitung, daß Josef F. sein leerstehendes Haus nach dem Prozeß vermieten wolle, bis hinunter zum Keller; die Behörden könnten nichts dagegen unternehmen. Als mögliche Mieter kämen, laut Daily Mail, krankhaft veranlagte Vergnügungssüchtige in Frage („sick thrill seekers“), denen die Redaktion dann auch sogleich noch einmal eine Farbaufnahme der sanitären Anlagen im Keller präsentiert. (3) Im Prinzip ist es schon jetzt nicht anders als in Gerhard Polts und Hanns Christian Müllers kabarettistischer „Folterkammerführung“: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn Sie bitte folgen wollen, wir betreten jetzt die Folterkammer, äh, Ladies and Gentlemen, if you follow me, we are entering, äh, the chamber of torture, eh, here in the middle, wenn Sie hier im Mittelpunkt schauen wollten, hier ist das Rattenverlies, bitte, wenn Sie hier mal hinunterschauen wollen. Der Delinquent wurde dort hinabgelassen, verbrachte dort mehrere Monate, manchmal auch Jahre, je nachdem, wie die Konstitution war. The delinquent had to spend a lot of time in this, äh in this whole of rats“, und immer so weiter, bis zum Finale: „Dieser Pfahl ist zum Pfählen, eine Uraltmethode, die bei den Assyrern angewendet wurde. Wir kommen zum Ende, meine Damen und Herren, äh, unser Folterstüberl steht Ihnen nach Beendigung der Führung, äh, bereit. Eh, dort gibt es Leberkäs, eine kleine Erfrischung, wenn Sie etwas zu sich nehmen wollen. – Naja, das muß ned sein, nicht nötig, no, ja. Münzen klimpern. Vielen Dank, ha, thank you very much, thank you, thank you, haha, dankeschön, sehr nett, sehr freundlich, dankeschön.“ (4)

1 Bild.de: Wird Fritzl im Knast Millionär?
2 Heute, 16.9.2008, S. 1
3 dailymail.co.uk: Incest monster Fritzl puts house of horrors up for rent… but dungeon where he held family captive remains off limits
4 Gerhard Polt/Hanns Christian Müller: Da schau her. Alle alltäglichen Geschichten. Zürich 1984, S. 248


12.9.2008

Wie es sich anfühlt, in der ganzen weiten Welt keinen Platz mehr zu haben, der sich als stilles Refugium eignen könnte, erfuhr Paul McCartney im Oktober 1963 nach einer Urlaubsreise mit Ringo Starr: „Wir flogen immer nach Griechenland, weil man uns da nicht erkannt hat. Sonst war es überall das gleiche, in Deutschland, in Italien, in Südfrankreich: ‚Da sind die Beatles!’ Und wir mußten buchstäblich um unser Leben rennen.“ (1) Und nun sollte es auch in Griechenland mit der Ruhe vorbei sein. „Wir wurden überhaupt nicht belästigt, aber dann kamen wir heim und hörten: ‚Also, eure Platte ist in Griechenland ganz oben.’ Ich dachte: Da geht gerade noch ein kleiner sicherer Hafen verloren, und ich merkte, wie wir einen Zufluchtsort nach dem anderen knackten. Ich dachte: Scheiße, entweder werden wir alle schrecklich enttäuscht sein, und es wird nicht das, was wir wollten. Oder raff es jetzt gleich, und sieh dich nach Dingen um, die du dagegensetzen kannst. Ich glaube, ich habe es geschnallt, bevor es überhaupt passierte: daß die Beatles an einen Punkt kommen würden, von dem aus es kein Zurück mehr gab; wir konnten danach einfach keine unbeschriebenen Blätter mehr sein. Ich wollte niemals der Gefangene meines eigenen Ruhms werden. Das erschien mir immer als die größte Tragödie.“ (2)

In der Gefangenschaft ihres Weltruhms konnten sich die Beatles immerhin noch einige Jahre lang bei allen Ausschweifungen hinter den Kulissen auf die Diskretion der Journalisten verlassen, denen das Geschäft mit der Beatlemania viele Vorteile eintrug. „Die Presseleute um uns herum waren an unserem sauberen Image interessiert“, hat John Lennon im Rückblick auf diese wilden Zeiten bemerkt. „Wer möchte schon auf die freien Getränke, die kostenlosen Huren und den ganzen Spaß verzichten, der dabei war? Wir waren die Cäsaren; wer würde uns verpfeifen, wenn es eine Million Pfund zu verlieren gibt?“ (3) Philip Norman, ein Biograph der Beatles, hat allerdings auch von gewalttätigen Auseinandersetzungen berichtet, zu denen es im Januar 1964 nach einem Konzert in Paris gekommen sei, „als der französischen Presse die Tür zur Garderobe der Beatles vor der Nase zugeschlagen wurde. Doch französische Fotografen, besonders diejenigen, die Erfahrungen als Kriegsberichterstatter in Algerien oder Indochina gesammelt hatten, ließen sich nicht so einfach abschütteln. Es kam zu einem wüsten Handgemenge, in dem Brian Sommerville einen Handkantenschlag ins Genick erhielt und Brian Epstein – der versuchte, mit ausgebreiteten Armen und einem weinerlichen ‚Nein – nicht gegen meine Jungs!’ – dazwischenzutreten, von dem stämmigen Franzosen, der ihm auf die Zehen trat, einfach zurückgeschubst wurde.“ (4)

Wie man weiß, sind die hartnäckigsten Reporter inzwischen sehr viel weiter als bis in die Garderobe der Beatles vorgestoßen. 1996 stellte der Journalist Mike Walker vom britischen Skandalblatt National Enquirer befriedigt fest, daß sich die moralischen Maßstäbe zu seinen Gunsten verschoben hätten: In Talkshows komme man ihm jetzt nicht mehr mit Fragen nach Privatsphäre, Medienethik und Verleumdungsklagen, sondern man begrüße ihn als „guru of gossip“ und bitte ihn um die Auskunft, wer es denn gerade mit Sharon Stone treibe. Klatsch, fand Walker, sei im Grunde nur ein anderes Wort für Nachrichten in einem knallengen roten Kostüm. (5) Zehn Jahre danach waren die Schadenfreude und das internationale Presse-Echo gewaltig, als sich herausstellte, daß Paul McCartneys Ehefrau irgendwann einmal als Nacktmodell posiert hatte, (6) und die Scheidung von ihr mußte er vor den Augen mehrerer Milliarden Menschen vollziehen. Falls er die Hoffnung gehegt haben sollte, daß es nun allmählich wieder etwas stiller um seine Intimsphäre werde, hat er sich getäuscht. Mit einem Fanfarenstoß kündigt der Mirror heute ein neues Buch von Philip Norman an, mit der Enthüllung, daß John Lennon sich „a gay relationship with Macca“ gewünscht habe. „It also alleges Lennon fantasised about sleeping with his MUM.“ Paul McCartney sei darüber aufs höchste empört. (7) Diesen prächtigen Happen hat sich selbstverständlich auch Bild nicht entgehen lassen: „Harter Stoff, den Autor Philip Norman in der neuen Lennon-Biografie verbreitet: Der ‚Beatles’-Songschreiber soll Paul McCartney begehrt haben – und seine eigene Mutter!“ (8)
Um posthum von solchen Nachrichten in knallengen roten Kostümen verschont zu werden, hätte John Lennon zeitlebens nur mit Robert Maxwell, Rupert Murdoch und Axel Springer ins Bett gehen dürfen.

1 „We used to go to Greece because in Greece they never recognised us. Everywhere else, in Germany, in Italy, in the south of France, it was ’There’s The Beatles!’ and we had to run for our bloody lives“ (zitiert nach Barry Miles: The Beatles Diary. Volume 1: The Beatles Years. London, New York und Sydney 2001, S. 108
2 Zitiert nach Barry Miles: Paul McCartney. Many Years From Now. Reinbek 1998, S. 147 f.
3 Zitiert nach Der Spiegel 5/1971, S. 133

4 Philip Norman: Shout! Die wahre Geschichte der Beatles. München 1982, S. 147
5 „Gossip, after all, is just another word for news in a slinky red dress“ (zitiert nach Bob Franklin/Rod Pilling: Taming the tabloids. Market, moguls and media regulation. In: Media Ethics. Hrsg. von Matthew Kieran. London und New York 1998, S. 111–122, hier S. 114).
6 Vgl. Gerhard Henschel: Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung. Berlin 2006, S. 133 ff.
7 Mirror.co.uk: Exclusive: Paul McCartney and Yoko furious over John Lennon’s ‚gay lust‘ book
8 Bild.de: John Lennon soll Paul McCartney begehrt haben

11.9.2008

Wolfgang Höllrigl vom Tagesblatt Österreich hat wieder etwas zu melden: „Mittwoch brach über das Landesgericht St. Pölten die Hölle herein. Im Minutentakt riefen Reporter aus der ganzen Welt an, um eine vermeintliche Sensation zu hinterfragen.“ Das kann er natürlich nur wissen, wenn er sich selbst an dem Höllenausbruch beteiligt hat. Aber vielleicht kennt er ja auch im Landesgericht St. Pölten einen Insider, der ihn persönlich über alles Wissenswerte informiert. Als „Grund der Aufregung“ vermerkt er, daß die Sun exklusiv die angeblichen Aussagen von Elisabeth F. gegenüber Andrea Humer veröffentlicht habe, einer Richterin, die den Prozeß gegen Josef F. leiten werde. „Laut ‚The Sun’ gab Elisabeth (42) dabei Details über den jahrzehntelangen Missbrauch durch den eigenen Vater, ihre Gefangenschaft im Verlies und ihr Leben dort mit ihren Inzest-Kindern zu Protokoll.“ Es folgen dann gleich mehrere „Zitate der Gemarterten“ und zum Schluß noch der Hinweis, daß sie zutiefst bewegend seien, aber wahrscheinlich gar nicht authentisch: „Ein erschütternder Bericht, allerdings mit einer entscheidenden Schwachstelle. Gerhard Sedlacek, Sprecher der Staatsanwaltschaft in St. Pölten: ‚Die Story ist erfunden.’“ Der Gerichtsvizepräsident Franz Cutka habe zudem erklärt, daß Elisabeth F. nur vom Haftrichter Christian Bauer vernommen worden sei und die Richterin Humer noch nie gesehen habe. Die Sun, auch das weiß Höllrigl, habe sich daraufhin noch einmal für die Echtheit der Zitate aus dem Vernehmungsprotokoll verbürgt. Überschrift: „Wirbel um Elisabeths Aussage“. (1)

Wenn die Zweifel an der Echtheit der Zitate den Verdacht begründen, daß die Sun geflunkert hat, wäre es ein Gebot des Anstands, diese möglicherweise getürkten „Zitate der Gemarterten“ nicht auch noch ins Deutsche zu übersetzen und damit von der eigenen Redaktion aus Furore zu machen. Wenn die Sun sich aber tatsächlich den Zugang zu einem Vernehmungsprotokoll verschafft haben sollte, wäre es vollends obszön, von diesem Raubzug zu profitieren. Wolfgang Höllrigl hat sich jedoch kein einziges erschütterndes Zitat entgehen lassen, und man darf schon gespannt sein, welche Flöhe, Enten oder Wanzen dieser aufrechte Reporter noch so alles husten, quaken oder schaben hören wird.

1 oe24.at: Inzest-Drama: Wirbel um Elisabeths Aussage

10.9.2008

Je länger neue Nachrichten aus Amstetten ausbleiben, desto besser, sollte man meinen, wenn man nicht ahnte, daß dort nach wie vor einige Fotoreporter auf die große Chance ihres Lebens warten. Manchmal genügt ja ein einziger Schuß für ein Leben in Saus und Braus: „Das erste Foto von Diana in den Armen von Dodi al-Fayed soll dem italienischen Paparazzo Mario Brenna neun Millionen DM eingebracht haben.“ (1)

In einem anderen Fall sind die Bildbeschaffer jetzt im Eiltempo ans Ziel gelangt. „SCHON WIEDER EIN INZEST-MONSTER“, meldet Bild und illustriert einen Bericht über eine Polin, die sechs Jahre lang von ihrem Vater gefangengehalten, vergewaltigt und zweimal geschwängert worden sei, mit einem Foto des heute 21jährigen Opfers und seiner Mutter („Befreit aus der Hölle“), einem Foto des mutmaßlichen Täters („Inzest-Monster Krzysztof B.“) und einem Foto des Tatorts („Heim, Gefängnis, Hölle: In diesem Holzhaus lebte die Familie, wurde vom Vater tyrannisiert, geschlagen“). Ja, es gibt sogar zwei Schnappschüsse aus glücklicheren Tagen der Familiengeschichte zu sehen („Heilige Kommunion: Vater Krzysztof B. legt seinem Sohn die linke Hand auf den Kopf“, „Das Hochzeitsfoto von Krzysztof und Teresa B.“), und der konzerneigenen polnischen Tageszeitung Fakt hat sich praktischerweise die „erschütternde Geschichte“ entnehmen lassen, die Alicja B. diesem Blatt erzählt haben soll, mit allen Einzelheiten, die das öffentliche Informationsinteresse fürs erste befriedigen dürften: „Vater kam in mein Zimmer. Er hat die Tür hinter sich abgeschlossen und befahl: ‚Zieh dich aus!’ Er warf mich gegen das Sofa. Mit der zweiten Hand hat er die Unterhose runtergezerrt. Er vergewaltigte mich. Es hat sehr wehgetan. Ich habe mich vor ihm geekelt. Ich ekelte mich vor mir selbst.’“ (2) Aber weder der Papst noch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Wolfgang Huber, ekelt sich davor, diesem gewaltpornographischen Milieu als christliches Aushängeschild zu dienen.

1 Tatjana Braun: BILD und die Promis – eine streitbare Beziehung. Wie Boulevardmedien mit Persönlichkeitsrechten Prominenter umgehen. Saarbrücken 2007, S. 43, Anm. 408
2 Bild, 10.9.2008, S. 8

5.9.2008

Nachdem er ein Vierteljahrhundert lang für die Skandalnachrichtenindustrie aktiv gewesen war, legte der Reporter Gerry Brown 1995 seine Memoiren vor und zeigte darin seinen ungebrochenen Kampfgeist: „Die Ausrüstung kann sofort wieder zum Einsatz kommen – Überwachungsfahrzeuge, Funkgeräte, Kameras, der ganze Kram –, sobald ich das nächste Mal Wind davon kriege, daß sich jemand eine Behandlung durch die Klatschpresse verdient hat. Jammern Sie mir nichts über das Eindringen in die Privatsphäre vor. Wenn es im öffentlichen Interesse liegt, spreche ich lieber vom Eindringen in das Verheimlichte. Also, alter Schwede, ich erzähle Ihnen ja auch nicht, wie Sie Ihre Arbeit machen sollen.“ (1)

Das gleiche stolze Standesbewußtsein spricht aus einem Brief, den Kai Diekmann als Herausgeber der Bild-Zeitung an den Leipziger Polizeipräsidenten gerichtet hat. „Kernaufgabe der Presse sei es, über wichtige, das Gemeinwesen betreffende oder beunruhigende Entwicklungen und Ereignisse zu berichten. Dabei müsse die Presse auch Informationen liefern, die die Betroffenen lieber nicht veröffentlicht sähen. Das gelte für VW und die Lustreisen der Betriebsräte, für die Korruptionsvorgänge bei Siemens wie für die Liechtensteiner Steueraffäre von Post-Chef Klaus Zumwinkel. ‚In keinem dieser Fälle wollten die Akteure, dass die Details in die Öffentlichkeit gelangen. Trotzdem muss die Presse auch in solchen Fällen berichten und ebenso bei aufsehenerregenden Straftaten.’“ (2) Mit diesen Beispielen möchte Diekmann die reißerische Berichterstattung seines Blatts über den Mord an einem Mädchen rechtfertigen: Bild hatte die geheimgehaltenen Obduktionsergebnisse ausgeplärrt und die polizeilichen Ermittlungen auch sonst mit aggressiven Störmanövern erschwert, (3) doch Diekmann ist sich keiner Schuld bewußt. „Dass der Sprecher des Polizei-Präsidenten die Berichterstattung der ‚Bild’-Zeitung als ‚Zumutung für die Eltern’ bezeichnet habe, hätte dieser in seiner Dienstfunktion gar nicht äußern dürfen: ‚Wenn der Begriff ‚Zumutung’ eine innere Berechtigung hat, dann vornehmlich für die Äußerungen Ihres Sprechers und dessen Verständnis von Pressearbeit.’“ (4) Eine Zumutung für die Eltern des ermordeten Mädchens hat Diekmann in der sensationellen Enthüllung des Tathergangs nicht erkennen können, obwohl die Hinterbliebenen „nach den Worten ihrer Anwältin Ina Alexandra Tust entsetzt über die Veröffentlichungen“ sind, wie die FAZ berichtet. „’Sie hatten von Beginn an Verständnis dafür, dass aus ermittlungstaktischen Gründen auch für sie die Nachrichtensperre gilt. Und nun müssen sie ertragen, dass die schrecklichen Details zum Tode ihres Kindes in der Presse ausgebreitet werden’, sagte die Rechtsanwältin im Gespräch mit dieser Zeitung.“ (5) All das ficht Diekmann nicht an: „Dass die Presse im Fall von aufsehenerregenden Straftaten nur berichtet, ‚wenn und soweit es den Ermittlungsbehörden passt’, entspreche ‚kaum dem heutigen Presseverständnis’. Vielmehr sei ‚gerade bei schleppenden Ermittlungen die Presse gefordert, um auch eventuelle Defizite bei der Tätersuche benennen zu können’, so Diekmann.“ (6) Und in dieser noblen Absicht hat er zwölf Millionen Bild-Leser davon unterrichtet, auf welche Weise und nach welchen Mißhandlungen das Mädchen ums Leben gebracht worden sei, und das Redaktionsteam, dem er vorsteht, hat auch an die Eltern gedacht: „In den nächsten Tagen müssen sie den schwersten Gang antreten: Dann wird ihre süße Tochter beerdigt.“ (7) So entspricht es dem heutigen Presseverständnis. Von den Eltern scheint Kai Diekmann selbst bei ihrem schwersten Gang Verständnis für seine professionelle Pressearbeit zu erwarten.

Die Arroganz, mit der hier ein mächtiges Verlagshaus dem Staat und einem trauernden Elternpaar gegenübertritt, verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Familie F. in Amstetten.

1 „The gear is ready to be used again – surveillance vehicles, radios, cameras, the whole lot – the next time I get a tip-off about somebody who deserves tabloid treatment. Don’t complain to me about invasion of privacy. If it’s in the public interest, I prefer to call it invasion of secrecy. Listen, pal, I don’t tell you how to do your job“ (Gerry Brown: Exposed! Sensational true story of a Fleet Street Reporter. How Fleet Street gets their story! London 1995, S. 315, zitiert nach Ulrike Dulinski: Sensationsjournalismus in Deutschland. Konstanz 2003, S. 224 f.).
2 Reiner Burger: Die Polizei sucht jetzt einen Maulwurf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.9.2008, S. 42
3 Vgl. BILDblog: „Bild hilft im Fall Michelle wenig
4 Hilmar Schulz: Michelle: Justiz prüft Verfahren gegen „Bild“
5 Reiner Burger, a.a.O.
6 Eckhard Müller: Fall „Michelle“: Polizeipräsident stellt Aussage richtig
7 Bild, 5.9.2008, S. 8

4.9.2008

Nach einer privaten Auskunft des in Peking lebenden Publizisten Christian Y. Schmidt (1) läßt sich das schwärende Mediengerücht über eine „Romanze“ der Elisabeth F. in Amstetten auch auf chinesisch googeln (und wenn man „Österreich“ googele, so erscheine bereits an zweiter Stelle ein Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua über die Josef F. zur Last gelegten Verbrechen). Wenigstens in diesem Fall kommen also auch die Chinesen in den vollen Genuß des Rechts auf den freien Zugang zum allgemeinen Weltwissen, obwohl es doch gerade hier einmal aus gutem Grund etwas zu zensieren gegeben hätte.

1 Vgl. Christian Y. Schmidt: Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu. Berlin 2008

3.9.2008

In der Redaktion der Zeitung Österreich ist die Empörung groß: Erst hätten die schulpflichtigen Kinder der Elisabeth F. lernen müssen, wie es sei, „plötzlich keine Freunde mehr zu treffen und nur noch maskiert zu McDonald’s oder in ein Kino zu gehen, weil hinter jedem Gebüsch Paparazzi lauern“, und nun hätten sich „am Montag vor allen Schulen Amstettens Fotografen aus aller Welt“ gedrängt, „um die prominenten Schüler abzulichten – also sind sie gar nicht erst erschienen“. Dafür hat sich ein hochrangiger Behördenvertreter gefunden, der die Schuldigen benennt. „Landesschulpräsident Hermann Helm dazu: ‚Der Druck ausländischer Medien lässt einen Schulbesuch nicht zu. Also gibt es weiter Privatunterricht durch qualifizierte Lehrer in der Klinik. Und diese Situation wird noch länger dauern.“ (1)
Wäre es möglich, daß der Landesschulpräsident kein Wort über den Druck einheimischer Medien verloren hätte, die doch auch nicht gerade zimperlich sind? Die Österreich-Korrespondenten Fritz Weichslbaum und Wolfgang Höllrigl brüsten sich sogar öffentlich mit ihrem Kontakt zu einem Verräter: „Ein Insider verrät“, so schreiben sie, wie den Kindern „binnen etwa zwei Monaten doch noch ein normales Leben ermöglicht werden soll. Wie in einem Zeugenschutz-Programm könnten sie neue Namen bekommen – und eine erfundene ‚Legende’ (Lebenslauf) dazu. Letztlich sollen nicht einmal ihre neuen Lehrer wissen, wen sie vor sich haben. Nur die Schulbehörde ist als Drahtzieher über die wahre Identität informiert.“ (2) Es sei denn, daß ein „Insider“ den Herren Weichslbaum und Höllrigl abermals einen Tip gibt und sie auf eine Fährte setzt, der sie als investigative Journalisten nachgehen müssen, bevor es die ausländischen Medien tun.

Zur Stunde ist ungewiß, was noch alles geschehen muß, bis in Österreich der Notstand ausgerufen wird, damit der reguläre Schulbetrieb fortgesetzt werden kann.

1 oe24.at: Inzest-Fall: Fritzl-Kinder bekommen neue Identität
2 Ebd.

2.9.2008

Einem Medienbericht zufolge haben es die Medien geschafft, den Schulweg zu blockieren: „Für die drei Kinder aus der Opferfamilie des Inzestdramas von Amstetten ist der Schulbeginn verschoben worden. Der Grund: Man wolle dem Ansturm der Medien entgehen, um die Kinder besser integrieren zu können.“ Die verantwortlichen Experten befürchteten, „dass die Medien den regelmäßigen Schulbesuch zu sehr erschweren würden. Vorerst wolle man einmal weiterbeobachten, wie sich die Situation entwickelt.“ Unterdessen seien im Landesklinikum „die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden“.(1)

Aufs Weiterbeobachten werden sich nun auch die Medienvertreter verlegen. Solange sie der Staat nicht daran hindert, kann sich die Situation nicht zum besseren entwickeln. Eine gewisse Linderung der Zwangslage wäre erst zu erwarten, wenn jeder Journalist, der sich der Begriffe „Inzestdrama“ und „Opferfamilie“ bedient, einen Bußgeldbescheid in Höhe von einer Million Euro erhielte. Diese Strafe wäre allerdings noch zu knapp bemessen für die Autoren und die Verlegerin der Formulierung „Kinder des Inzest-Monsters“.(2)

1 noe.orf.at: Inzestfall von Amstetten
2 Bild.de: Inzest-Monster Josef Fritzl: Drei seiner Kinder wollen wieder in die Schule


31.8.2008

Der knappe Informationsvorsprung der Konkurrenz hat die Mitarbeiter der Tageszeitung Österreich zu noch gewissenhafteren Recherchen angespornt: „Die Informationen zum bevorstehenden Schulstart bestätigte jetzt die Direktorin der bisherigen Schule der Kinder im Gespräch mit ÖSTERREICH. Die Schulleiterin korrigiert dabei auch eine Falschmeldung einer österreichischen Tageszeitung, wonach Lisa (15) schon in den vergangenen Wochen öfter in die Schule gegangen wäre, um Prüfungen abzulegen. ‚Wir sind dafür ins Klinikum Mauer gefahren, nicht umgekehrt‘, klärt Maria Hosa im Gespräch auf.“ (1) Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, könnte die zuständige Behörde ja vielleicht ein Pressebüro in der Schule einrichten.

„In welche Schulen die drei Kinder künftig gehen werden, ist streng geheim“, teil Österreich dann noch mit. „’Die ganze Aktion wurde schon von langer Hand vorbereitet und alles hat sehr gut funktioniert‘, sagt der Sicherheitsbeauftragte Fritz Lengauer. Er hat Kontakte zu den notwendigen Stellen geknüpft und wurde überall mit offenen Armen empfangen: ‚Wir wollen den Kindern einen harmonischen Start ins neue Schuljahr ermöglichen. Daher richtet deren Mutter Elisabeth auch einen Appell an alle Medien, die Kleinen in der Schule in Ruhe zu lassen. Sonst müssten wir diesen Versuch wieder beenden.'“ Der Appell an alle Medien, endlich Ruhe zu geben, hat vorläufig nur dazu geführt, daß Österreich diesen Appell als interessante Nachricht verwertet und die Ruhestörung unbekümmert fortsetzt: „Aufgrund des extremen auch internationalen Medieninteresses ist jedenfalls davon auszugehen, dass die Kinder keine öffentliche Schule besuchen werden.“ Und daraus könnte sich nach Ansicht der Redaktion eine heiße Spur ergeben: „Ein möglicher Coup des Betreuungsteams der Schulpläne: Zumindest eines der Kinder könnte auch eine Lehranstalt im nahen Oberösterreich besuchen.“ Denn dort „ist erst nächste Woche Schulbeginn – genügend Zeit, damit sich das große Interesse der Öffentlichkeit abschwächt und der Start ins neue Schuljahr noch diskreter ablaufen kann. Anbieten würden sich dabei vor allem Privatschulen in Steyr (nur 42 Autominuten von Amstetten entfernt) oder Linz (41 Fahrminuten entfernt).“ (2)

Es ist schwer vorstellbar, wie ein Start ins neue Schuljahr noch diskreter ablaufen könnte.

1 oe24.at: Fritzl-Kinder gehen in Geheim-Schule
2 Ebd.


30.8.2008

„Rasch und ohne viel Aufsehen sollen drei Kinder aus der Opferfamilie wieder in ihre schulische Ausbildung integriert werden“, berichtet der österreichische Kurier und steigert das Aufsehen beträchtlich, indem er erläutert, weshalb es vermieden werden soll: „Der bevorstehende Schulstart stellt für die Opfer im Amstettener Inzestfall eine gewaltige Zäsur dar. Der mittlerweile in geordneten und ruhigeren Bahnen ablaufende Alltag der Familie am Areal der Landesnervenklinik Mauer wird nächste Woche wieder mehr in Schwung kommen.“ Und da wird sich der Kurier natürlich nicht als Karussellbremser betätigen. „Jenen drei Kindern“, so heißt es weiter, „die bis Ende April bei ihren Großeltern in Freiheit lebten, dürfte der sehnlichste Wunsch nach einem normalen Schulbesuch erfüllt werden. Für Betreuer und Behörden bedeutet das höchste Alarm- und Geheimhaltungsstufe.“ Der Kurier hat sich bei den Verantwortlichen danach erkundigt, was sie von einen normalen Schulbesuch unter höchster Alarm- und Geheimhaltungsstufe erwarten: „’Bleibt nur zu hoffen, dass die Medien nicht zur Belastung werden‘, so ein Schulleiter. Mangels Erfahrung sehe er der möglichen Rückkehr eines der Mädchen in seine Schule mit Besorgnis entgegen, aber alles sei gut vorbereitet, beschreibt ein zweiter Direktor.“ Es dürfte eine Novum sein, daß ein Schuldirektor in den Sommerferien Journalisten sein Herz ausschüttet und der Besorgnis über die Rückkehr einer Schülerin Ausdruck gibt, statt sich die Zudringlichkeit zu verbitten und für den Wiederholungsfall mit einer Strafanzeige zu drohen. Ein offenes Ohr für schamlose Reporter hat auch die Direktorin der Privathauptschule Amstetten, Maria Hosa, bei der sich sogar Einzelheiten über die schulischen Leistungen ihrer Schutzbefohlenen erfragen lassen: „Trotz des internationalen Wirbels habe die 15-jährige aus der Opferfamilie im Juni immer wieder in die Schule kommen können. So habe sie auch den Abschluss samt positivem Zeugnis geschafft.“ (1) Noch praktischer wäre es, wenn die Zeugniskonferenzen der betreffenden Kollegien in Zukunft live im Fernsehen übertragen werden könnten.

Denn die Welt nimmt immer regeren Anteil an den Belastungen, die ihre Anteilnahme mit sich bringt. Der Widerhall reicht diesmal vom Internetportal der Sächsischen Zeitung (2) bis zur Online-Ausgabe der Khaleej Times, die ihre Leser in den Vereinigten Arabischen Emiraten über das Privatleben der Amstettener „Opferfamilie“ auf dem laufenden hält. (3)

1 Kurier.at: Fall F: Kinder wollen in die Schule zurück
2 Sächsische Zeitung: Drei Kinder des Inzest-Täters Fritzl wollen wieder in die Schule
3 Khaleej Times Online: Three of incest father Fritzl’s children ‘want to return to school‘


28.8.2008

Illustrierte Nachrichtenblätter haben schon seit der Frühen Neuzeit den Publikumswunsch nach sensationellen Neuigkeiten erfüllt und mitunter vielleicht auch edleren Zwecken gedient. „Wir müssen es dahingestellt sein lassen, ob der Durchschnittskäufer ein Monstra-Bild von einem fürchterlich mißgebildeten Kind erwarb, um sich zu belehren, zur Buße ermahnen und vom nahen Ende der Welt überzeugen zu lassen oder ob er es um des Gruselns willen kaufte“, schreibt die Historikerin Nicoline Hortzitz. (1) Von der Forschung ist dem durchschnittlichen Zeitungsleser des 17. Jahrhunderts allerdings auch nachgesagt worden, daß ihm „siamesische Zwillinge kaum weniger wunderbar“ erschienen seien, „als wenn eine Frau angeblich zwei Ferkel zur Welt bringt“. (2) Jedenfalls habe sich „die Obrigkeit kontinuierlich veranlasst gesehen, die Herstellung, den Nachdruck und den Vertrieb von Bildblättern ‚mit besonders abgeschmackter medizinischer Sensationsmache‘ strikt zu verbieten“. (3) Und so verfuhr noch 1951 ein deutsches Gericht, als es zwei Journalisten zu Schadenersatz verurteilte, weil sie „den Zeitungen Aufnahmen von siamesischen Zwillingen zur Veröffentlichung übersandt“ hatten: „Die Veröffentlichung des Bildes einer menschlichen Missgeburt, heisst es in der Urteilsbegründung, diene nicht der Befriedigung eines berechtigten Interesses der Öffentlichkeit, sondern nur der Sensationslust. Die Veröffentlichung könne allenfalls die medizinische Wissenschaft interessieren. Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis dürften nicht dazu führen, den Schutz der Persönlichkeit aufzuheben.“ (4)

Heute sieht man das lockerer: Ein gestern nacht in Bangladesch verstorbenes Baby mit zwei Köpfen hat vor seinem Tod eine Weltreise durch die Fotoredaktionen aller großen und kleinen Nachrichtenblätter unseres schönen blauen Planeten antreten dürfen. In Deutschland haben selbstverständlich Bild (5), B.Z. (6) und Focus (7) zugegriffen und neben vielen anderen Konkurrenten auch der Stern (8) und die Süddeutsche Zeitung (9), mit dem Recht des Stärkeren, der keinen Richterspruch und keine Widerrede mehr zu fürchten braucht. Und eben darin liegt das Problem, das auch die Medienberater von Verbrechensopfern noch lange beschäftigen wird.

1 Nicoline Hortzitz: Von den unmenschlichen Taten des Totengräbers Heinrich Krahle zu Frankenstein und andere wahrhaftige „Neue Zeitungen“ aus der Frühzeit der Sensationspresse. Frankfurt am Main 1997, S. 154
2 J. F. Volrad Deneke: Arzt und Medizin in der Tagespublizistik des 17. und 18. Jahrhunderts. Köln 1969, S. 40, zitiert nach Ulrike Dulinski: Sensationsjournalismus in Deutschland. Konstanz 2003, S. 112
3 Ulrike Dulinski, a.a.O., unter Berufung auf J. F. Volrad Deneke, a.a.O., S. 20
4 Wilfried Landwehr: Das Recht am eigenen Bild. Winterthur 1955, S. 59, Anm. 6
5 Bild.de: Baby mit zwei Köpfen wie eine Gottheit verehrt
6 B.Z.: Baby mit zwei Köpfen von Polizei bewacht
7 Focus: Baby mit zwei Köpfen ist tot
8 Stern: Baby mit zwei Köpfen gestorben
9 Süddeutsche Zeitung: Polizeischutz für das Baby mit zwei Köpfen


26.8.2008

Bis zum Beginn des Gerichtsverfahrens gegen Josef F. „dürften noch einige Details aus dem Horror-Keller ans Tageslicht gezerrt werden“, vermuten die Redakteure des Schweizer Fachblatts Blick und beweisen zugleich ihren Willen, sich kein einziges Detail entgehen zu lassen: „So hiess es gestern aus Anwaltskreisen“, Josef F. „hätte ausgesagt, seine Tochter Elisabeth (42) ‚zwei oder dreimal pro Woche‘ vergewaltigt zu haben. Damit könnte er – unter anderem – für rund 3000 Vergewaltigungen angeklagt werden.“ (1) Zurückverfolgen läßt sich der Sturmlauf dieser Nachricht über den Daily Mirror (2) bis zum Daily Star, (3) bevor die Spur sich in den anonymisierten Anwaltskreisen verliert, die beim Zerren mitgeholfen haben, wenn sie nicht nur in der Phantasie der Reporter existieren.

„So lief das Gerücht vor ihnen her, die Gasse hinunter, wie fressendes Feuer.“ (4)

1 Blick.ch: Tochter 3000 Mal vergewaltigt
2 Daily Mirror: Josef Fritzl’s 3,000 rapes
3 Daily Star: Cellar dad facing 3,000 rape charges
4 Ludwig Thoma: Andreas Vöst. Bauernroman. In: ders., Gesammelte Werke. Vierter Band. München 1922, S. 101-394, hier S. 388


25.8.2008

„Sensationeller Mangel an Neuigkeiten!“ meldete 1921 eine Zeitung namens Böses Buben Journal. „Belanglose Meldungen aus vielen Hauptstädten. – Depeschen von unerhörter Nichtigkeit eingetroffen.“ Als Redakteure des Blattes sahen sich die Satiriker Alfred Polgar und Egon Friedell nach eigenen Angaben in der Pflicht, das Publikum auch über vollkommen nichtige Dinge zu informieren: „Wie sich die Leser aus dem Inhalt unserer heutigen Nummer überzeugen werden, sind wir in der Lage, mit allem Nachdruck und den größten Lettern mitzuteilen, daß wir gar nichts Neues zu berichten haben.“ (1)

Das hat auch die Redaktion des Daily Mirror nicht, was sie jedoch keineswegs daran hindert, die Meldung zu verbreiten, daß vor kurzem ein paar Kinder gemeinsam ins Kino gegangen seien. Um in die Schlagzeilen zu geraten, müßten sich wohl selbst Ron Wood und Amy Winehouse etwas größere Mühe geben als diese Kinder, denen es schwerer gefallen ist, ins Kino zu gelangen als mit ihrem Kinobesuch in die „Top News Stories“ eines vielgelesenen Schundblatts: Elisabeth F. „has let three of her children go to the cinema with schoolmates, a friend has revealed“. (2) Dies hat eine gewisse Emily Miller im Auftrag des Mirror herausgefunden, und sie darf sich nachrühmen, daß ihre unsagbar nichtige Depesche weltweites Aufsehen erregt hat und von anderen Journalisten eilends aufgegriffen worden ist („Dungeon girl kids on cinema trip with schoolmates“) [3]. Inzwischen wissen selbst die Kirgisen, die Nubier, die Feuerländer, die Papua und die Schoschonen über diesen Kinobesuch Bescheid, und auch die Redakteure des Journals Österreich haben den Vorgang mit großem Interesse zur Kenntnis genommen: „Erst kürzlich hat Elisabeth dreien ihrer Kinder erlaubt, mit Schulkollegen ins Kino zu gehen. Die Ausflüge werden minutiös geplant.“ (4) Doch offensichtlich noch nicht akribisch genug, um die Agenten einer nachrichtenhungrigen Menschheit auf Abstand zu halten. Es steht vorläufig zum Glück nur in den Sternen, was erst werden soll, wenn die jugendlichen Kinobesucher zu privaten Freizeitaktivitäten übergehen, die der Welt noch sensationeller erscheinen könnten.

Mit einer Brutalität, die ihresgleichen sucht, widmet sich diese Redaktion auch einem anderen Aspekt der familiären Situation, der ihr berichtenswert vorkommt, und es schaudert einen beim Zitieren, aber hier muß gelten, was Karl Kraus 1929 einem längeren Zitat aus einer Zeitungsreportage über einen entfernt verwandten österreichischen Skandalfall vorangestellt hat: „Das Grauen vor der Reproduktion im Sachlichen und vor allem im Namentlichen darf den Zwang der Darstellung eines Exempels nicht bezwingen […]“ (5) Wir erfahren also: „Nur noch wenige Tage, dann beginnt für die Kinder des Inzest-Monsters wieder der Schulalltag. Ihre Mutter Elisabeth muss jetzt entscheiden, ob sie ihre Kinder Lisa (16), Monika (14), und Alex (12), die nicht im Keller gelebt hatten, nach den Ferien wieder in ihre alten Schulen in der Nähe von Amstetten gehen lässt.“ Und die Journalisten fiebern mit, so gut sie es vermögen, voller Zartgefühl für die minderjährigen Kinder, die sich ergoogeln können, wie es ihnen zumute ist: „Jetzt haben sie, aber auch ihre Mutter Elisabeth, Angst, mit Schulkollegen Kontakt aufzunehmen.“ (6)

Es schreit zum Himmel, was dieser Familie tagtäglich angetan wird, aber von einem Aufschrei oder gar einer Initiative des österreichischen Gesetzgebers hat man in diesem Zusammenhang noch nichts vernommen.

1 Zitiert nach Egon Friedell/Alfred Polgar: Goethe und die Journalisten. Satiren im Duett. Hrsg. von Heribert Illig. Wien 1986, Faksimile-Beilage
2 Daily Mirror: Josef Fritzl kids on cinema trip with friends
3 webindia123.com: Dungeon girl kids on cinema trip with schoolmates
4 oe24.at: Schwere Entscheidung – Gehen die Fritzl-Kinder zurück in ihre Schule?
5 Karl Kraus: Die Hundspeitsche! In: Die Fackel 811-819/1929, S. 49-58, hier S. 53
6 siehe Punkt 4

23.8.2008

Als Verfasser des ersten Buchs über die Verbrechen des Josef F. ist der Engländer Nigel Cawthorne vor kurzem mit „House of Horrors“ am Start gewesen, zum Bedauern des Anwalts Christoph Herbst, der das Erscheinen dieses Werks gern verhindert hätte. (1) Auf seiner Website rühmt Cawthorne sich nach, daß er bereits „some eighty books“ publiziert habe und am berühmtesten für seine „Sex Lives“-Serie sei, mit Titeln wie „Sex Lives of the Popes“, „Sex Lives of the US Presidents“, „Sex Lives of the Great Dictators“, „Sex Lives of the Hollywood Goddesses“, „Sex Lives of the Hollywood Idols“, „Sex Lives of the Great Artists“, „Sex Lives of the Great Composers“, „Sex Lives of the Famous Gays“, „Sex Lives of the Famous Lesbians“ und „Sex Lives of the Roman Emperors“. (2) Zu den neuesten Projekten des Autors gehören Sachbücher mit so schmackhaften Titeln wie „Mona Lisa Nude“ und „Hitler’s 9/11″. (3) Aus verlegerischer Sicht hat die Routine in der Befassung mit den Intimitäten berühmter Menschen den Bettgeschichtenerzähler Cawthorne auch für die Arbeit an einem Buch über Josef F. qualifiziert, und das Produkt ist so widerwärtig geraten, daß es eine unzumutbare Qual wäre, die Mitteilungen des Autors ins Deutsche zu übersetzen.

Er beginnt mit einem neckischen Vergleich seines eigenen Arbeitsbereichs mit dem Amstettener Kerker. „By a curious irony, I am writing this book in a basement … but this is not a House of Horrors.“ (4) Cawthorne gesteht seinen Lesern, daß er eine Fehlbesetzung sei: „Consequently, I find it hard to put myself in Elisabeth’s shoes.“ (5) Aber dann holt er doch mächtig aus und schildert das Leben in den Kellerräumen so anschaulich und minuziös, als ob er Tag und Nacht dabeigewesen wäre und Josef F. bei seinen kriminellen Taten zugesehen hätte. „Eventually, his lust for forced incest overwhelmed him“, schreibt Cawthorne. „Elisabeth did not fight him, he said, but she cried quietly afterwards, making small whimpering noises.“ (6) Cawthorne weiß auch, was oberhalb der Kellerdecke zwischen Josef F. und seiner Ehefrau vor sich ging: „In 1984, with his new sex slave installed in the basement“, Josef F. „stopped even sleeping with his wife.“ (7) Und Cawthorne kennt sich auch genau mit der Brutalität des Freiers Josef F. gegenüber Prostituierten aus und regt die Phantasie der Leser mit der Frage an, ob es der eingekerkerten Tochter ebenso ergangen sei. (8) Er serviert ein pikantes Detail aus der Vorgeschichte eines Linzer Bordells, zu dessen Stammkunden Josef F. gehört haben soll: „According to the local press, the Villa Ostende is an old establishment and boasts Adolf Hitler among its former clients.“ (9) Er frohlockt bei der Aussicht auf die künftigen Ermittlungsergebnisse: „It remains to be seen, whether“ Josef F. „sexually abused Kerstin or her siblings, and details of the extent of his psychological and physical abuse will no doubt emerge in time.“ (10) Und er schrickt nicht davor zurück, sich auszumalen, was Josef F. gedacht haben könne, als seine Tochter Kerstin lebensgefährlich erkrankt war und Elisabeth F. auf ärztliche Hilfe drängte: „On the other hand, he might have been panicked on the thought of having to dispose of the dead body of a grown woman. To fit it in the furnace, he would have had to cut her up – a harrowing business for both him and her children, who would have had no choice but to be onlookers. And there would be some older people in Amstetten who already would be familiar with the smell of burning human flesh.“ (11)

Auf Augenzeugen beruft sich Cawthorne bei seiner Nacherzählung der ersten Begegnung der befreiten Elisabeth F. mit ihrer Mutter: „Mother and daughter hugged each other for a while, and the two women sobbed uncontrollably.“ (12) Und er legt ein gutes Wort für die Tochter ein: „To start with, she needs to be shielded from the eyes of the world“, schreibt er, (13) und dann erörtert er ausgiebig alle möglichen Haltungsschäden, Augenleiden, Herzfehler, Mangelerkrankungen, Hautprobleme, Schlafstörungen, Selbstanklagen und Kontaktprobleme der Kinder, die vor den neugierig starrenden Augen der Welt verborgen bleiben sollten.

Das ganze Buch ist ein flüssig geschriebenes Stück Dreck, und es wäre sehr freundlich, wenn Mr. Cawthorne sich in Zukunft wieder den Bettgeheimnissen verstorbener Personen der Zeitgeschichte zuwenden könnte, die unter seiner Befingerung ihres Unterleibs und ihrer Psyche nicht leiden können.

1 20min.ch: Fritz-Anwälte gegen „House od Horrors“
2 nigel-cawthorne.com
3 nigel-cawthorne.com: projects
4 Nigel Cawthorne: House of Horrors. The Horrific True Story of Josef Fritzl, the Father from Hell. London 2008, S. vii
5 Ebd., S. ix
6 Ebd., S. 64 f.
7 Ebd., S. 65
8 Ebd., S. 120
9 Ebd., S. 121
10 Ebd., S. 126
11 Ebd., S. 131
12 Ebd., S. 181
13 Ebd., S. 259


22.10.2008

Manchen Leuten fällt es schwer, sich damit abzufinden, daß der Prozeß gegen Josef F. vor dem Landesgericht St. Pölten unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt werden soll. Es könne und dürfe nicht sein, schreibt ein Kritiker dieser Entscheidung, daß „ein Jahrhundertprozess“, der „weltweites Medieninteresse hervorruft“, hinter verschlossenen Türen stattfinde: „Die internationale Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, präzise zu erfahren, was im Gerichtssaal gesprochen wird.“ Daher bleibe „zu hoffen, dass es Proteste im Ministerium gegen diesen Widersinn eines St. Pöltner ‚Privatprozesses‘ gibt“. Dem Autor mißfällt auch die Einsilbigkeit der „Opferanwältin“ Eva Plaz („Sie will die Medien ausschalten“) und ihres Kollegen Christoph Herbst („Er sieht seine edle Aufgabe darin, Journalisten Schweigegelöbnisse abzupressen“). Es gebe in diesem Fall „massive politische Bestrebungen“ von links und von rechts: „Auf der linken Seite geht es um mythisch überhöhten ‚Opferschutz‘, auf der politisch rechten Seite um das Kaschieren der Behördenmängel in Amstetten.“ Und es gehe außerdem „um harte Gerichtsfragen unter Wahrheitspflicht an die Jugendwohlfahrt von Amstetten und an die Oberaufsicht im Landhaus St. Pölten“ sowie „um das Umfeld des Wegschauens und der behördlichen Inkompetenz über zwei Jahrzehnte hindurch. Die ein Gerichtsverfahren zur Gänze aufdecken muss. Und zwar schonungslos. Und schonungslos öffentlich.“ Koste es, was es wolle: „Alles andere wäre völliger Irrsinn.“ (1)

Auf das Recht der internationalen Öffentlichkeit, sich im Prozeßverlauf präzise über die Behördenmängel in Amstetten informieren zu lassen, werden zweifellos auch noch einige Reporter pochen, die sich von dem sogenannten Jahrhundertprozeß etwas ganz anderes versprechen als die Offenlegung alter Aktennotizen aus den Archiven der Jugendwohlfahrt. Zur Feststellung eines verjährten Behördenmangels hätten die Chefredakteure der Millionenblätter keinen einzigen Mann nach Amstetten entsandt; sie sind scharf auf die Aussagen aller Familienangehörigen. Was der Mandantin von Eva Plaz in einer schonungslos öffentlich geführten Verhandlung jedoch bevorstünde, das wäre, nach einer Formulierung von Karl Kraus, „der Spießrutenlauf vor einem Leserspalier“, (2) das den Opferschutz mit Anführungsstrichen bespöttelt und dessen mythische Überhöhung beklagt, in der Hoffnung, live dabeisein und alles vernehmen zu dürfen, was im Gerichtssaal gesprochen wird.

1 Marcus J. Oswald: Josef Fritzl Prozess – Landesgericht St. Pölten will privat verhandeln. In: Blaulicht und Graulicht – Das Online Magazin, 22.8.200
2 Karl Kraus: Die Hundspeitsche! In: Die Fackel 811-819 / 1929, S. 49-58, hier S. 55

21.8.2008

Die vor dem Landesklinikum Amstetten-Mauer ausharrenden Journalisten berichten, daß es ihretwegen „nach wie vor von Sicherheitskräften bewacht“ werde: „Notwendig sei der Einsatz von Securitys aufgrund der Medienpräsenz vor dem Landesklinikum. Wie lange sich Elisabeth F. und ihre Kinder dort noch aufhalten müssen, ist noch nicht abschätzbar.“ (1) Das wäre erst abschätzbar, wenn die Journalisten verschwänden, die unbedingt wissen wollen, wann es abschätzbar sei, und so stecken sie in Amstetten-Mauer in der Zwickmühle und vertreiben sich die Zeit mit Berichten über die Tätigkeit von Sicherheitskräften, deren Anwesenheit sie durch ihre eigene Anwesenheit erzwungen haben. Es gibt nur wenige Methoden, mit denen man sich seinen Lebensunterhalt auf eine schäbigere Weise verdienen könnte als diese Wegelagerer, die gewillt sind, der Familie F. nach ihrem Fortzug aus dem Klinikum bis ans Ende der Welt zu folgen.

Aber wo sollte das sein? „Der Fall Rushdie zeigt, daß mit der Macht der Massenmedien, ein Todesurteil hochzuspielen und über den ganzen Globus zu verbreiten, auf diesem Globus kein Platz mehr für das Exil ist“, schrieb Umberto Eco 1992. „Die Sache ist neu.“ (2) Vor der mörderischen Gewalt, die ihn bedrohte, mußte Salman Rushdie sich verstecken und maskieren. „Wohin man auch flieht, man ist immer in Feindesland“, stellte Eco fest. „Wenn das Beispiel nicht zu banal erscheint: So wie es keine vergessene und zu entdeckende Insel mehr gibt, auf der man ungestört von Touristenhorden Ferien machen kann, da auch auf dem entlegensten Atoll noch die lärmenden Mitglieder eines per Charter eingeflogenen Kegelklubs zu finden sind – so ist, und das nicht mehr mit komischen, sondern mit tragischen Resultaten, jeder Winkel dieses Planeten bereits von deinem potentiellen Mörder besetzt, der auf dich wartet.“ Für Rushdie gab es kein Asyl, in dem er sich seines Lebens sicher fühlen durfte: „Das Dorf des annullierten Exils ist global, weil du gar nicht mehr versuchen kannst, den Verfolger abzuschütteln, indem du verzweifelt geradeaus vor ihm davonläufst. Rasch informiert, wird ein anderer sofort bereit sein, das Ruder herumzuwerfen, um dir entgegenzueilen.“ (3)

Die journalistischen Kopfgeldjäger, die ihre Opfer lebend haben wollen, führen sich grundsätzlich nicht anders auf als die Verfolger des Schriftstellers Rushdie: Ihr Revier umfaßt den gesamten Planeten, das Exil ist annulliert, und alle möglichen Klatschgeschichten über Elisabeth F. sind ihr von Amstetten-Mauer aus bereits in jede andere irdische Provinzstadt vorausgeeilt. Elisabeth F. „has been on romantic walks with a dark haired man“, hat das britische Gossenblatt Daily Star gemeldet. Der Mann habe nicht wie ein Arzt ausgesehen, heißt es unter Berufung auf „a clinic source“. „And the secret walks have sparked talk that shattered Elisabeth may be taking her first steps on the road to romance.“ (4) Und dieser Tratsch ist blitzartig bis sonstwohin gedrungen und sogar noch in Indien weiterverbreitet worden: „Looks like love is in the air for dungeon girl …“ (5)

And Big Brother is watching her, auch wenn er sich diese Story aus dem eigenen Bein geschnitten haben mag.

1 oe24.at: Mieter zogen aus Horror-Haus von Amstetten aus
2 Umberto Eco: Exil, Rushdie und das globale Dorf. In: ders., Streichholzbriefe 1990-2000. Hrsg. von Burkhart Kroeber. München und Wien 2000, S. 17-20, hier S. 18
3 Ebd., S. 19 f
4 Daily Star: Romance for Dungeon Girl
5 Thaindian News: Dungeon Girl takes first steps on the Road to Romance


18.10.2008

Der britische Mirror beruft sich auf einen Informanten („Our source at the clinic“), der in das Geheimnis eingeweiht sei, daß Elisabeth F. nach dem Prozeß gegen ihren Vater einen neuen Nachnamen annehmen und mit allen sechs Kindern umziehen werde, „in a secret location just an hour from Amstetten“. (1) Auch die Redakteure des österreichischen Nachrichtenportals oe24.at wollen etwas läuten gehört haben: Wie „aus der Umgebung der Familie“, so heißt es dort, „durchdringt, geht es den Opfern bei Weitem nicht so gut, wie offiziöse Verlautbarungen glauben machen wollen“, und es folgt eine Aufzählung der durchgedrungenen Details aus dem Leben der „Inzest-Kinder“, die „psychisch nachhaltig geschädigt“ beziehungsweise „körperlich versehrt“ und „motorisch gestört“ seien. (2) Die Journalisten übertreffen einander in ihrer Anteilnahme an der seelischen Not der Familienmitglieder und im Interesse an deren Zukunftsplänen, obwohl es auf der ganzen Welt nur wenige Menschen geben dürfte, denen so etwas schlechter bekäme, und unfaßbar viele, die sich förmlich zerreißen, um mit allen ihren Macken groß herauszukommen.

Im vergangenen Jahr hat Rainer Moritz sich Gedanken über den wachsenden Drang der Namenlosen nach medialer Beachtung gemacht: „Wohin das Auge blickt, lesen wir neuerdings von Frauen, die schreckliche Kindheiten am Amazonas verbrachten, mysteriöse Stammeskrieger ehelichten, gemeinste Krankheiten überwanden und mit wilden Tigern freundschaftliche Bande pflegten, oder von Männern, die Vulkanausbrüche überlebten, sich Insekten essend durch den Dschungel schlugen oder jahrelang als falsche Mediziner komplizierte Operationen an Universitätskliniken durchführten. Die Gründe für diese Sintflut an aufregenden Bekenntnisbüchern sind leicht benannt: Je mehr kommerzielle Fernsehsender darauf setzen mussten, in ihren Talkshows rund um die Uhr Menschen wie Sie und mich nach ihren ungeheuerlichen Erlebnissen zu befragen und ihnen so ein paar Stunden den höchsten Lebensgenuss – TV-Präsenz – zu schenken, desto verführbarer wurden jene fernsehbesessenen Menschen, ihr Dasein auszuschmücken und sich allerlei Dinge auszudenken, deren Wahrheitsgehalt nicht allen Überprüfungen standhielt.“ (3)

Das ist scheußlich genug, und es wäre trotzdem schöner, die Medien an getürkten Opferbiographien schmarotzen zu sehen als an wahren.

1 Mirror.co.uk: Cellar slave Elisabeth Fritzl says no to new identity exclusive by Emily Miller
2 oe24.at: So schlecht geht’s den Fritzl-Opfern
3 Rainer Moritz: Wer treibt die Sau durchs Dorf? Literaturskandale als Marketinginstrument. In: Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen. Hrsg. von Stefan Neuhaus und Johann Holzner. Göttingen 2007, S. 54-62, hier S. 61


16.8.2008

Die Frage, zu welchem Entschluß Ron Woods Ehefrau sich durchgerungen habe, ist von Reportern der Sun beantwortet worden: „Now his devoted wife has given up all hope of being reunited with the guitarist and is leaving to work in the US.“ (1) In der Bild-Redaktion wachsen währenddessen die Zweifel an der Echtheit der Gefühle Ron Woods: „Auch nicht ganz unverdächtig! Er hat derzeit die Affäre des Jahres, ließ sich mit der 19-jährigen (!) Ekaterina Ivanova ein. Obwohl ihre Beziehung fast zu stürmisch ist, um erfunden zu sein (Marathon-Sex, Scheidung, Entzugsklinik): Schwupps, schon war eine neue Auflage seiner Ende letzten Jahres erschienenen Biografie ‚Ronnie‘ auf dem Markt.“ (2) Und das wirkt ja geradezu unanständig, aus der Sicht einer Verlegerin, die einen Mann vom Format Mathias Döpfners dafür bezahlt, daß er diverse Augenzeugen beim Marathon-Sex unter der Bettdecke eines prominenten Liebespaars in einer Entzugsklinik herumkriechen läßt, und es wird von Tag zu Tag spannender, wenn man erwägt, was Elisabeth F. und ihre Kinder tun oder unterlassen müssen, um sich aus dem Schwitzkasten der Springer- und Döpfnerpressevertreter herauszuwinden.

1 The Sun: Stone Alone
2 Bild.de: Promis und ihre Skandale: Echt – oder doch alles PR?


15.8.2008

Näher, als die Polizei erlauben sollte, macht auch der britische Mirror seine Leser mit den Alltagsverrichtungen der Familie F. bekannt: „Now Elisabeth, 42, is showing Kerstin, 19, Stefan, 18, and Felix, five, how to swim, run and rollerblade.“ Die anderen Kinder seien ebenfalls wohlauf, „playing games at their clinic in Amstetten, Austria“. Und sonst? „Hospital spokesman Fritz Lengauer said: ‚Elisabeth does a lot of inline skating.'“ (1)

Dieser Pressesprecher scheint es für erforderlich zu halten, die Neugier der Reporter mit Berichten über die sportlichen Aktivitäten der einzelnen Familienmitglieder zu befriedigen. In Amstetten hängen also immer noch Gestalten herum, die sich hauptberuflich mit der Frage befassen, welchen Freizeitbeschäftigungen Elisabeth F. und ihre Kinder nachgehen, und es gibt einen Pressesprecher, der diese verkrachten Existenzen, statt sie alle miteinander zum Teufel zu jagen, fortlaufend mit süßen Nichtigkeiten aus dem Leben der Opfer beköstigt.

1 Mirror.co.uk: Josef Fritzl’s cellar children are taught how to play by mum Elisabeth


13.8.2008

„Während gegen den mutmaßlichen Inzestvater von Amstetten in St. Pölten die Anklage vorbereitet wird, kämpfen seine Opfer täglich um ein weiteres Stück normales Leben“, berichtet der österreichische Kurier, mit einer Offenherzigkeit, die es der Redaktion auch gestattet, den täglichen Kampf der Opfer um ein weiteres Stück normales Leben durch Indiskretion zu erschweren: „Um die Sicherheit der Familie in Mauer sei weiterhin ein Security-Dienst bemüht, bestätigte Fritz Lengauer von NÖ Kliniken-Holding. Im Park der Klinik kann es unterdessen vorkommen, dass Spaziergänger von der 42-jährigen Mutter auf Inlineskates überholt werden. Aus dem Garten hinter dem Wohnhaus der Familie sei öfters vergnügtes Quietschen plantschender Kinder zu hören, so Passanten.“ (1)

Die vor Ort stationierten Paparazzi können daraus lernen, daß es sich bezahlt machen dürfte, ab sofort verschärft auf Frauen mit Inlineskates zu achten, und die plantschenden Kinder, daß ihr vergnügtes Quietschen auf offene Ohren gestoßen ist, bei hellhörigen Passanten, die ihr Entzücken darüber womöglich gern in alle Rinden eingeschnitten hätten, wenn es nicht einfacher gewesen wäre, eine Zeitungsredaktion zu informieren, die nun aller Welt kundtut, wie vergnügt in einem weltabgeschiedenen und dennoch weiterhin von einem Security-Dienst bewachten Garten gequietscht und geplantscht wird, obwohl es uns alle doch nicht das geringste angeht, was sich dort abspielt. Der Ausgang des Kampfs um jedes weitere Stück normales Leben ist schon entschieden, wenn er selbst beim Quietschen, Plantschen und Inlineskaten vor den sperrangelweit aufgerissenen Augen und Ohren ungezählter Publikumsmillionen vonstatten gehen muß und jedes registrierte Quietschen in den Online-Archiven der Presse für alle Zeiten erhalten bleibt.

Am Beispiel der Berichterstattung über einige Menschen, die im Jahre 2000 auf der philippinischen Insel Jolo Geiselnehmern in die Hände gefallen waren, hat der Politologe Thomas Meyer die Exzesse beschrieben, zu denen es kommen kann, wenn Journalisten den Alltag von Kriminalitätsopfern als „Lifesoap“ darbieten: „Die Medien weiteten ihre Berichte über Entführung und Entführte Schritt für Schritt zu einer Fortsetzungsgeschichte ohne absehbares Ende auch dann noch aus, als das eigentliche Ereignis, die Entführung, längst beendet war. Täglich legten sie noch Bilder über das Leben der Befreiten, O-Töne der Betroffenen, Nachrichtenhappen aus deren Umwelt ihrer Öffentlichkeit vor, um die Publizität des Falles auszuschlachten, solange noch ein Funken Leben in ihm wohnte. Fragen an die Befreiten vor und hinter ihrem Haus, auf dem Weg zur Arbeit, Fragen an die Arbeitskollegen, die Nachbarn, bis schließlich kein Tropfen Aufmerksamkeit mehr aus der Sache zu pressen war. Eine Art autoparasitärer Publizitätsmaximierung der Medien an sich selbst.“ (2) Im Rückblick nimmt sich dieser Fall wie eine Generalprobe für ein noch größeres Spektakel aus, in dem sogar das sorglose, von Passanten erlauschte Plantschen und Quietschen von Kindern als erregende Neuigkeit aufgefaßt und als Nachrichtenware an die aufhorchende Leserschaft weitergegeben wird.

1 Kurier: Fall F.: Torte und Dank für Polizisten
2 Thomas Meyer: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien. Frankfurt am Main 2001, S. 135

11.8.2008

Von anderen Schauplätzen des Weltgeschehens ziehen selbst die Olympischen Spiele in China, der Krieg im Kaukasus und Ron Woods Ehefrau nicht so viele Fotojournalisten ab, daß keiner mehr das Hinterteil einer prominenten Dame im Fokus hätte und einen Schnappschuß davon zu Geld machen könnte. Für Friede Springer wäre es wahrscheinlich ein Schock und vielleicht sogar eine Lehre fürs Leben gewesen, wenn es sich hier um ihre eigene Kehrseite gehandelt hätte. Getroffen hat es aber nur ein Supermodel, und es sind Friede Springers hochbezahlte Fachleute gewesen, die ein Foto von Naomi Campbells Hinterteil online publiziert und es unterhalb der Schlagzeile „Hier lässt sich Naomi Campbell den Po kraulen“ mit scherzhaften Bemerkungen versehen haben:

Der heiße Sommer 2008 geht weiter! Nach dem Busen-Schmusen kommt das Po-Kraulen. Naomi Campbell (38) und ihr Freund Vladislav Doronin machen’s vor. Auf Capri konnte der russische Geschäftsmann nicht widerstehen. Er griff zu, kraulte einen der begehrtesten Hintern der Welt! Wie knackig Naomi Campbell mit 38 Jahren ist, zeigte sie erst kürzlich beim Oben-ohne-Sonnenbad auf einer Jacht vor Saint-Tropez. Die Po-Massage ihres Freundes schien das Top-Model ganz offensichtlich zu genießen. (1)

Für das journalistische Gehirn, dem diese munteren Kommentare zum „Po-Kraulen“ und zum „Busen-Schmusen“ entstammen, wird es kein größeres Problem darstellen, auch die Anklagepunkte im bevorstehenden Prozeß gegen Josef F. zu glossieren. Aber davor versagt die satirische Phantasie. Von der „Po-Massage“, die ein russischer Milliardär seiner prominenten Freundin zuteil werden läßt, können sich die Topjournalisten gedanklich schneller zu den Gegenständen der Gerichtsverhandlung bewegen als jeder Laie, den es davor grauen mag, daß in den Pressekonferenzen dann auch die Kenner des Po-Kraulens und des Busen-Schmusens kecke Fragen stellen dürfen.

Eine faule Ausrede für konservative Leser und Mitarbeiter der Bild-Zeitung, denen die brutale Ausweidung des Privatlebens gegen den Strich gehen müßte, hat sich 1984 der Journalist Matthias Walden ausgedacht. Er betrachtete sich selbst als Bewahrer zeitlos gültiger Menschheitswerte. Als Mitherausgeber der Welt fühlte er sich aber auch dazu verpflichtet, das Geschäft zu verteidigen, das die Bild-Zeitung mit Reportagen über Sexualkontakte betrieb: „Daß manches, was in der BILD-Zeitung steht, manchen Geschmack gelegentlich provoziert, sei unbestritten. Über Geschmack läßt sich streiten. Dieser Streit darf und soll sein. Aber nicht angemessen ist, Unterhaltendes, die Befriedigung von Neugier und Nervenkitzel zu verurteilen. Der Ruf nach einer Ausschließlichkeit der ‚Bildungs-Publizistik‘ verrät undemokratische Verhaltensweisen, weil er intolerant und bevormundend ist – nicht nur gegenüber dem Blatt, sondern gegenüber den Lesern, den Bürgern also, die der Souverän einer Demokratie sind.“ (2)

Walden setzte sich für das Recht des demokratischen, von Bild vertretenen Souveräns ein, prominenten Mitbürgern an die Wäsche zu gehen, ohne Rücksicht auf einen guten Geschmack, der so etwas verbieten könnte: „Es gehört zum Stil der BILD-Zeitung, über menschliche Einzelschicksale zu berichten. Das bedeutet eine Personifizierung der Stoffe, eine Identifikationsmöglichkeit für Millionen Leser, ein Wiedererkennen, ein Vergleichen mit dem eigenen Leben und den eigenen Problemen, eine Befreiung des ungewöhnlichen und doch meist nicht einmaligen Einzelschicksals aus der Anonymität. Man kann darin zu weit gehen. Dann ist es peinlich. Aber wenn man darin nicht weit genug geht, dann findet der Leser die Mitmenschen nicht mehr in seiner Zeitungslektüre und auch nicht sich selbst.“ (3) Wer etwas dagegen habe, der zeige „eine Haltung des Dünkels und der elitären Arroganz“. (4)

Und was die Kritik betreffe, so bleibe da „nur die ästhetische, ästhetisierende Entrüstung gegen die grelle Attraktivität der BILD-Zeitung“. (5) Also nicht mehr als die Hochnäsigkeit von Leuten, denen die Bedienung eines Publikums widerstrebt, das seine Nerven gekitzelt und Supermodels den Po gekrault sehen will, solange keine grelleren Bilder von noch attraktiveren Ereignissen die Selbstfindung der Lesermillionen fördern können.

1 Bild.de: „Hier lässt sich Naomi Campbell den Po kraulen
2 Matthias Walden: Oft gescholten, noch mehr gelesen … In: Ein Bild von BILD. Wie BILD entsteht. Und wer BILD macht. Berlin 1985, S. 7-16, hier S. 11
3 Ebd., S. 12
4 Ebd., S. 13

5 Ebd., S. 15

8.8.2008

Wenn es stimmt, was das britische Klatschblatt News of the World berichtet, hat Ron Woods Geliebte ihre Erlebnisse und Empfindungen inzwischen in einem Exklusiv-Interview geschildert: „Ronnie may be 61, but his kissing is so electric I didn’t care.“ Was sie mit ihm angefangen habe, sei „a full-blown SEXUAL relationship“, doch es seien auch große Gefühle im Spiel: „It’s really intense, yeah. We are boyfriend and girlfriend.“ Aus der Klinik habe er ihr mehrmals Liebesgrüße zukommen lassen. „He sent me a text today. I don’t want to say what was in it.“ Denn Diskretion sei Ehrensache: „I won’t talk about the sex out of respect for Ronnie and me.“ (1)

Ob diese Neunzehnjährige ahnt, worauf sie sich eingelassen hat und wie grausam alle Medienhyänen mit ihr schlittenfahren könnten, wenn ihre unwiderruflich signalisierte Gesprächsbereitschaft zur Unzeit erschlaffen sollte, steht dahin. Ron Wood wiederum ist alt genug um zu wissen, daß die Affäre seinem Ruf nicht schaden wird. Es waren die Rolling Stones, die sich schon 1965, noch ohne Ron Wood, den erblühenden Skandaljournalismus für ihre eigenen PR-Zwecke so systematisch zunutze gemacht hatten, daß am Ende alle davon profitierten: die Stones, ihr Image, ihr Manager, ihr Label, die gesamte Popmusikindustrie und natürlich die Presse. Am Anfang dieser Entwicklung stand ein ursprünglich vollkommen belangloses Ereignis, das auf Umwegen in die Kulturgeschichte eingegangen ist – „the famous Garage Wall Event“. (2) Am 18. März 1965 hielten die Stones in Stratford an einer Tankstelle an, spätabends, auf der Rückfahrt von einem Konzert, und Bill Wyman fragte den Tankwart nach dem Weg zur Toilette. Vor Gericht sagte der Tankwart später aus: „Der Wagen fuhr vor, und Wyman, mit dunkler Sonnenbrille, stieg aus und näherte sich dem Personalhäuschen. Dann sah dieses langhaarige Monster zum Fenster herein.“ (3) Es kam zum Streit. „Runter von meinem Vorhof!“ rief der Tankwart mehrfach aus („Get off my forecourt!“), und Brian Jones äffte ihn nach: „Runter von meiner Vorhaut!“ („Get off my foreskin!“) (4) „Wir wurden aufgefordert zu verschwinden, liefen über den Hof in die angrenzende Seitenstraße und pinkelten etwa zehn Meter weiter gegen eine Wand.“ (5) Der Tankwart und ein entrüsteter Kunde erstatteten Anzeige, der Daily Express machte den Vorfall publik, (6) und Andrew Loog Oldham, der hochbegabte junge Manager der Stones, erkannte das werbeträchtige Potential des Konflikts. Für eine Rock’n’Roll-Band, die sich viel auf ihre Wildheit zugute hielt, kamen alle Schlagzeilen in diesem Streitfall einer kostenlosen Reklame gleich, und selbst die Journalisten, die der Band durch das Aufbauschen des Vorgangs zu schaden hofften, mehrten unfreiwillig deren Ruhm. Keith Richards hat Oldham für seinen geschickten Umgang mit negativ gefärbten Presseberichten gepriesen: „Andrew was a genius at getting messages through the media without people knowing, before people really knew what the media was. He always made sure we were as violent and nasty as possible.“ (7)

Im Geiste dieser offensiven Medienpolitik könnte jede Ex-Geliebte eines Mitglieds der Rolling Stones noch viel gründlicher auspacken als die junge Ekaterina, die von News of the World zur Zeit ganz vertraulich als „Katia“ angesprochen wird: Einprägen würde sich die Weltöffentlichkeit ja doch nur die Information, daß ein rollender Stein kein Moos ansetze. Den Schaden, der entsteht, wenn sich ein Teenager im Exklusiv-Interview mit einem Gossenblatt über das Gefühl vernehmen läßt, das ihn beim Kuß mit einem prominenten älteren Herrn elektrisiert hat, tragen andere davon. Mit jedem Interview dieser Güteklasse gewöhnt sich die Menschheit besser an den Gedanken, daß es ihr gutes Recht sei, jedem freiwillig oder unfreiwillig prominent gewordenen Mitmenschen intime Geständnisse abzuverlangen.

1 News of the World: „Ronnie Wood – Girl Breaks Silence“
2 Bill Wyman/Ray Coleman: Stone Alone. The Story of a Rock’n’Roll Band. [o.O.] 1997, S. 303
3 Zitiert nach Bill Wyman/Richie Havers: Bill Wymans Rolling Stones Story. Starnberg 2002, S. 192
4 Vgl. Bill Wyman/Ray Coleman, a.a.O., S. 304; Bill Wyman/Richie Havers, a.a.O., S. 178
5 Ebd.; vgl. Willi Winkler: Mick Jagger und die Rolling Stones. Reinbek 2002, S. 84 f.
6 Vgl. Bill Wyman/Richie Havers, a.a.O.
7 Zitiert nach Andrew Loog Oldham: Stoned. London 42001, S. 296

6.8.2008

Er nun wieder: „Ron Wood – Sex in Entzugsklinik“. Unter dieser Überschrift berichtet Bild von den privaten Belangen eines Prominenten, der damit leben muß, daß sich auch das Leib- und Magenblatt der Deutschen und ihrer Regierenden lebhaft dafür interessiert, mit wem er wo ins Bett zu gehen pflegt und ob er anschließend seinen Nikotinspiegel hebt: „Er kann nicht die Finger von ihr lassen! ‚Rolling Stones‘-Gitarrist Ron Wood (61) ließ seine Geliebte Ekaterina (19) für ein Schäferstündchen in die Klinik chauffieren, in der er sich gerade gegen Alkohol- und Sexsucht behandeln lässt. Dort schloss sich das Paar in die Bibliothek ein, rauchte danach gemeinsam eine Zigarette.“ (1)

Die Aufregung darüber wäre verständlicher, wenn Ron Wood in der Klinik ein Schäferstündchen mit der Verlegerin dieser Nachricht verbracht hätte, Frau Friede Springer, oder mit ihrem führenden Manager, Herrn Mathias Döpfner, von dem man sich erzählt, daß er ein konservativer Bildungsbürger mit gediegenen Manieren sei, obwohl er ein Imperium regiert, das vornehmlich von Reportagen über Schäferstündchen lebt, also von professionell durchleuchteten Liebesaffären, die außer den direkt Beteiligten nur die Chefredaktionen der Skandalpresse etwas angehen und von einigen Millionen Lesern als mehr oder weniger prickelnd gestylte Fickgeschichten konsumiert werden. Diesem schmutzigen Gewerbe haben Friede Springer und Mathias Döpfner ihren Wohlstand zu verdanken. Wahrhaft schauerlich ist die Vorstellung, daß diese beiden international renommierten Gestalten der Publizistik ihre Nase demnächst, wenn der Prozeß gegen Josef F. beginnt, ebenso tief in die privaten Angelegenheiten aller Kinder des Angeklagten hineinstecken werden wie in das Schlüsselloch der Bibliothekstür einer Entzugsklinik, deren Patienten sich den Schnüfflern der vierten Gewalt offenkundig nicht einmal hinter verschlossenen Türen entziehen können.

1 Bild, 6.8.2008, S. 5

5.8.2008

Der Anwalt und die Ärzte der Familie F. aus Amstetten würden „ganze Arbeit“ leisten, wenn es darum gehe, „die Opfer abzuschotten und jeden Hinweis auf eine Krise, jede Andeutung von Sorgen, von persönlichen Regungen tunlichst zu vermeiden“, schreibt Cathrin Kahlweit in der Süddeutschen Zeitung und berichtet vom Alltagsleben der befreiten Opfer: „Sofern man ihr Leben im Krankenhaus als Freiheit bezeichnen kann. Drei Kinder, die zeit ihres Lebens unter der Erde gelebt haben, spielen seither meist im Zimmer Computer und Nintendo, schauen fern, haben Unterricht bei Hauslehrern, gehen manchmal inkognito auf Ausflüge, immer von der Angst verfolgt, man könnte sie erkennen, fotografieren, stigmatisieren. Nicht einmal die Frage“, ob Elisabeth F., „die mit ihren 42 Jahren schon schlohweiß war, einmal seit ihrer Befreiung beim Friseur war, mag der Anwalt beantworten. Man könnte seine Mandantin vielleicht eher erkennen, wenn man wüsste, dass sie nicht mehr aussieht wie eine alte Frau. ‚Die Möglichkeit, sich frei zu bewegen – die gibt es nicht‘, erklärt Anwalt Herbst besorgt.“ Schuld daran sei „die fortdauernde Belagerung durch Paparazzi. ‚Die Möglichkeit, das Gelände zu verlassen, wird durch Neugierige erschwert‘, sagt Herbst.“ (1)

Dort ist also alles beim alten, obwohl Max Mosley und Ron Wood im aktuellen Sommerloch die Aufmerksamkeit so vieler Reporter gefesselt haben. In Amstetten hängen heute noch welche herum, die einem Anwalt mit der Frage die Zeit stehlen, ob Frau F. inzwischen beim Friseur gewesen sei. Nach einem Menschen, der eine ehrliche Antwort auf diese vorwitzige Frage erwarten dürfte, könnte man außerhalb der Amstettener Klinik lange suchen, und es geht uns alle auch nur einen Schmarren an, mit welchen Spielen sich die Kinder dort die Zeit vertreiben, doch über kurz oder lang werden die Belagerer ihre eigenen Untersuchungsergebnisse produzieren, und dann gnade den Opfern Gott.

1 Cathrin Kahlweit: Der schwierige Neuanfang im Tageslicht. In: Süddeutsche Zeitung, 5.8.2008, S. 10

28.7.2008

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kolportiert Gerüchte über Spannungen zwischen Elisabeth F. und ihrer Mutter Rosemarie, die inzwischen aus der Klinik in Amstetten-Mauer ausgezogen und „in einer Wohnung an einem geheim gehaltenen Ort untergebracht worden“ sei, nachdem „Elisabeth darauf bestanden habe, jene drei ihrer Kinder, die bei Vater (zugleich Großvater) und Großmutter in deren Wohnung über dem hermetisch abgeriegelten Kellerverlies aufwuchsen, sollten zu ihrer Mutter nicht länger ‚Mama‘, sondern von sofort an ‚Oma‘ sagen. Dann soll Elisabeth ihrer Mutter Rosemarie bedeutet haben, sie wolle von jetzt an eine Zeitlang mit allen Kindern überhaupt lieber allein bleiben. Es gibt Stimmen, die besagen, sie habe ihre Mutter im Verdacht, hinsichtlich der obwaltenden Umstände der jahrelangen Tortur doch nicht ganz ahnungslos gewesen zu sein. Andere wiederum halten es für wahrscheinlich, dass sie der Mutter schlicht ihr Eheleben in stiller Duldung und blindem Gehorsam nicht verzeihen könne“ und so weiter und so fort. (1)

Niemand könnte sich dafür verbürgen, doch es gibt die anonymen „Stimmen“, die etwas „besagen“, und es ist das Recht der Presse, jede Klatschgeschichte weiterzuverbreiten und ein Publikum damit zu unterhalten, dem der Sinn nach Seifenopern steht.

1 R.O.: Nicht mehr „Mama“, sondern „Oma“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.7.2008, S. 9

26.7.2008

In der Leserbriefrubrik der taz erscheint eine Klarstellung in Sachen Ron Wood: „Während Sie sich fragen, was in Frauen vorgeht, die durch jüngere ersetzt werden, frage ich mich, was bringt eine 20-jährige dazu, mit so einem Schrumpelheini ins Bett zu steigen …“ (1) Fragen könnte man sich außerdem, welche innere Erregung den Absender zu seiner Schmähkritik an der Liaison zweier Menschen unterschiedlichen Alters bewogen hat, ob er im umgekehrten Fall von einer alternden „Schrumpeltante“ gesprochen hätte und was an einer Zeit verkehrt gewesen ist, in der sich Volkes Stimme nur im Treppenhaus bemerkbar machen durfte oder wahlweise im Wirtshaus.

1 taz, 26./27.7.2008, S. 12

25.7.2008

Zur Strafe für die Behauptung, daß er „Nazi-Orgien“ gefeiert habe, ist das Revolverblatt News of the World gerichtlich zur Zahlung von 76.000 Euro Schmerzensgeld an Max Mosley verurteilt worden. „Mosley könne erwarten, dass sein Sexleben, wie ‚unkonventionell‘ es auch sei, privat bleibe. Das Leben des Klägers sei durch die Enthüllungen ‚ruiniert‘. Während sich Mosley ‚hocherfreut‘ über das Urteil zeigte, kritisierte News-Chefredakteur Colin Myler, die britische Presse sei nun ‚weniger frei‘ aufgrund von Gesetzen, ‚die von Europa hervorgebracht‘ würden.“ (1)

Die Freiheit, sich in jedermanns Schlafgemach tummeln zu dürfen, wird Mr. Myler und seinesgleichen aber sicherlich noch mehr als 76.000 Euro wert sein, wenn es darauf ankommen sollte, wer den Kindern eines berüchtigten österreichischen Triebtäters als erster die Bettdecke wegreißt.

1 Alexander Menden: Max Mosley rehabilitiert. In: Süddeutsche Zeitung, 25.7.2008, S. 11

18.7.2008

Größere Fortschritte als in Amstetten macht der People-Journalismus dieser Tage im Bett des Musikers Ron Wood von den Rolling Stones und seiner Geliebten, einer russischen Cocktailkellnerin: „Zwei Wochen lang verbrachte er mit der Russin in seinem Zweitwohnsitz in der Nähe von Dublin. Er nahm keine Anrufe entgegen und reagierte erst, als sein Sohn Jesse nach Irland kam. Nun ist er für einige Tage in einer Londoner Entzugsklinik, um sich zu erholen. Zeitungen berichten, daß er versucht haben soll, sein Handy mit in die Klinik zu schmuggeln, ‚damit sie weiter Küsse austauschen können‘. Die Mutter der 19-Jährigen berichtet nun davon, dass die beiden auch Sex miteinander gehabt hätten. Zwar hätte sie geschworen, dass sie keinen Geschlechtsverkehr gehabt hätten, ‚aber ich kenne diesen Gesichtsausdruck meiner Tochter, ich bin mir sicher, dass sie Sex hatten‘, sagte sie der ‚Daily Mail‘. Ron Woods Ehefrau hat bereits ihre Koffer gepackt und ist aus der gemeinsamen Wohnung im Süden Londons – ‚für ein paar Tage‘, wie es heißt – ausgezogen.“ (1)

Der Mutter, die den Gesichtsausdruck ihrer Tochter im Auftrag der Schlafzimmerpresse interpretiert hat, dürfte ein üppiger Hurenlohn zuteil geworden sein. Die taz hat sich damit begnügt, den billigeren Psychotherapeuten Philipp Stahl zur Sache zu befragen. Man könne sie, wie er meint, „aus verschiedenen Perspektiven betrachten“, zum Beispiel „aus der Perspektive der Persönlichkeitsstruktur von einem so berühmten Menschen wie Ronnie Wood. Bei seinem großen Erfolg ist anzunehmen, dass er auch narzisstisch veranlagt ist. Da dient eine Affäre mit einer viel jüngeren Frau oft nicht der Liebe, sondern der persönlichen Bestätigung und vor allem der eigenen Aufwertung.“ Ron Wood habe möglicherweise „ein minderwertiges Selbst“ und noch ganz andere Probleme: „Es ist davon auszugehen, dass es bereits einen Konflikt gab, vielleicht das Alkoholproblem, über das gerade in der Presse spekuliert wird. Insofern ist so ein Seitensprung eine akute Lösung für ein und ein Ausweg aus einem bereits bestehenden Problem. Der eigentliche Beziehungskonflikt tritt zunächst in den Hintergrund. Die Affäre hat damit einen funktionellen Charakter in der Beziehung und hilft, den offenen Konfliktaustrag zu vermeiden.“

Auch in die kofferpackende Ehefrau kann Philipp Stahl sich ohne weiteres hineinfühlen: „Aus der persönlichen Perspektive gibt es zwei grundsätzliche Verarbeitungsmechanismen, nämlich die Schuld bei sich selbst oder bei dem anderen suchen – internalisieren oder externalisieren. Das Externalisieren kann die Frau in ihrer Opferhaltung bestätigen. Der Mann ist derjenige, der etwas zerstört. Bei der Internalisierung würde sie die Schuld bei sich selbst suchen.“ Der Vorgang sage aber auch etwas über die Ängste der Männer aus: „Generell wird auch von ihnen das Älterwerden als Bedrohung betrachtet. Der Mann versucht mit einer jüngeren Frau, einen angenommenen Verlust an Attraktivität und Erfolg zu verdrängen.“ Und wie wäre die Ehe zu retten? „Wenn eine Beziehung schon lange gehalten hat, wie die von Wood und seiner Frau, stellt eine Affäre sie meistens nicht grundsätzlich in Frage. Wenn man über die persönliche Kränkung hinaus blickt, man die Funktion und die Lösung versteht, kann das einer Beziehung sogar zu Wachstum verhelfen.“ (2)

Aus der Perspektive dieses Psychotherapeuten deutet Ron Woods großer Erfolg also auf eine narzißtische Veranlagung hin, die den Mann zu einer viel jüngeren Frau getrieben hat, in deren Armen er seinen schmerzhaften Mißerfolg zu vergessen hofft. Nachdem dieser Sachverhalt geklärt ist, wäre nur noch zu ermitteln, was Philipp Stahl in den Betten und Verarbeitungsmechanismen anderer Leute verloren hat. Bei seiner großen Klappe ist anzunehmen, daß auch er narzißtisch veranlagt ist. Da dient das Gerede über die Affären berühmter Rockstars oft nicht der Aufklärung, sondern der persönlichen Bestätigung und vor allem der eigenen Aufwertung. Besser wäre es gewesen, für alle Beteiligten, wenn Philipp Stahl sich mit seinem minderwertigen Selbst in aller Stille seinerseits auf die Suche nach einer attraktiven Cocktailkellnerin begeben hätte, statt sich öffentlich naseweis in das Privatleben wildfremder Menschen einzumischen. Gott behüte Elisabeth F. und ihre Kinder vor den schamlosen Prominentenpsychologen!

1 Christian Tretbar: Rock’n’Drink. In: Der Tagesspiegel, 18.7.2008, S. 28
2 taz, 17.7.2008, S. 14

10.7.2008

Mit dem österreichischen Revolverblatt „Die Stunde“ führte der Verleger Imre Békessy den Journalismus nach dem Ersten Weltkrieg auf ein Niveau hinab, das nicht einmal der ärgste Pressefeind, Karl Kraus, für erreichbar gehalten hatte. Was er in den Enthüllungsreportagen der Stunde wirksam werden sah, war „die prinzipielle Schamlosigkeit, die die Sensation nicht nur sucht und betreibt, sondern geradezu als ein Gebot der Moral bejaht und selbst noch mit dieser Auffassung Sensation treibt“.

(1) Békessy hatte eine Marktlücke erkannt und organisierte von dort aus einen schwunghaften Nachrichtenhandel mit Schlafzimmergeschichten, Scheidungsgerüchten und sonstigen Räuberpistolen aus dem Gesellschaftsleben. „Der Informationsdrang auf einem Gebiet, das bisher gerade von der freiesten Moralauffassung mit den Rechten des Privatbesitzes umzäunt wurde, ist erstaunlich“, schrieb Kraus, (2) und er wandte sich mit aller Macht, die ihm als Herausgeber einer Zeitschrift mit winziger Auflage zu Gebote stand, gegen „die unwahrscheinliche Schmutzigkeit dieses neujournalistischen Wesens“ (3) und gegen Békessy selbst, den „Freibeuter sämtlicher nur in Geld umsetzbaren Lebensgüter, dessen Geschäft in der mittelbaren oder unmittelbaren Verwertung aller vorhandenen oder erfundenen Bettgeheimnisse von Bankiersgattinnen beruht“. (4)

Das Erfolgsrezept des publizistischen Revolutionärs Békessy ist oft kopiert und auf vielfältige Weise verfeinert worden; am raffiniertesten vielleicht von den Redakteuren des britischen Gossenblatts News of the World. Sie müssen sich, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, in diesen Tagen vor Gericht dafür verantworten, daß sie Max Mosley, den Präsidenten des internationalen Automobilverbandes Fia, bei sexuellen Kontakten beobachtet und in reißerischer Manier davon berichtet haben:

Max Mosley hatte das Blatt wegen Verletzung seiner Privatsphäre verklagt, nachdem es heimlich ein Treffen des Fia-Chefs mit fünf Prostituierten in einer Londoner Wohnung hatte filmen lassen. In ihrer späteren Berichterstattung hatten die News of the World behauptet, Mosley habe in sadomasochistischen Rollenspielen mit den in „naziartige Uniformen gekleideten“ Prostituierten „Todeslager-Phantasien“ ausgelebt. Bemerkenswert an der Londoner Verhandlung ist nicht nur, dass es sich um eine Art Musterprozess handelt, weil er das individuelle Recht auf Privatsphäre gegenüber der britischen Presse neu definieren könnte. Vor allem nimmt Mosley, um den Nazivorwurf zu entkräften, in Kauf, dass seine sexuellen Präferenzen detailliert öffentlich verhandelt werden.

Der 68-Jährige bestreitet seine Vorlieben für sadomasochistische Praktiken nicht und gab zum Prozessauftakt freimütig dazu Auskunft. Er habe schon „von Jugend an“ ein Interesse an Sadomasochismus gehabt und praktiziere das bereits seit 45 Jahren. Es handele sich um eine „Phantasiewelt“, in der Rollenspiele viel zur Atmosphäre beitrügen. „Ich widerspreche grundsätzlich der Auffassung, dass daran etwas sündhaft ist“, sagt Mosley. „Ich glaube, dass es eine vollkommen harmlose Aktivität ist, solange sie zwischen Erwachsenen vonstatten geht, die zustimmen und geistig gesund sind.“ Er könne sich im Übrigen „kaum etwas weniger Erotisches vorstellen als Nazi-Rollenspiele“. (5)

Was aber wäre, wenn die Angeklagten im weiteren Verlauf des Prozesses einen Beweis dafür beibringen könnten, daß dem Kläger beim Orgasmus irgendwann einmal ein politisch unkorrekter Stoßseufzer unterlaufen sei? Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung sollte doch auch die Freiheit einschließen, das eigene Intimleben ohne Rücksicht auf versteckte Kameras und Mikrofone gestalten zu dürfen.

Die Angeklagten, die Mosley in die peinliche Lage gebracht haben, sich für seine sexuellen Vorlieben vor der gesamten Menschheit zu rechtfertigen, sehen das naturgemäß anders. „Der Chefredakteur der News of the World, Colin Myler, verteidigte seine Entscheidung, die Geschichte zu drucken: Als Fia-Chef sei Max Mosley eine Figur des öffentlichen Interesses.“ Im übrigen habe Myler jedoch „Verständnis dafür“ gezeigt, „dass es unangenehm sei, heimlich beim Sex gefilmt zu werden“. (6) Ach?

Die Anwältin Eva Plaz wird auch diesen Fall berücksichtigen müssen, wenn sie ihrer Mandantin Elisabeth F. erklären möchte, was Figuren des öffentlichen Interesses in der westlichen Wertegemeinschaft oberhalb der Amstettener Kellerdecke widerfahren kann.

1 Karl Kraus: Bekessys Sendung. In: Die Fackel 640–648/1924, S. 84–101, hier S. 101, hier S. 88

2 Karl Kraus: Die „Stunde“ bietet die Darstellung der wirklichen Ereignisse des Lebens. In: Die Fackel 679–685/1925, S. 126–140, hier S. 135
3 Karl Kraus: Entlarvt durch Bekessy. In: Die Fackel S. 691–696/1925, S. 68–128, hier S. 76
4 Ebd., S. 90
5 Alexander Menden: Rollenspiele, die richtig weh tun. In: Süddeutsche Zeitung, 10.7.2008, S. 9
6 Ebd.

6.7.2008

Mit leeren Händen von den Bäumen in die Redaktion heimgekehrte Reporter können sich Exklusivnachrichten auch aus den Fingern saugen. Das „rape monster“ Josef F., berichtet der Sunday Mirror, „is writing memoirs in prison – to his daughters horror“. Josef F. verfolge die Absicht, seine Autobiographie an den höchstbietenden Verleger zu verkaufen, und Elisabeth F. habe auf diese Nachricht – nach dem Zeugnis einer anonymen Quelle – mit Bestürzung reagiert („It is like being violated all over again“). (1) Bild hat das unbestätigte Gerücht über die literarischen Pläne des „Inzest-Monsters“ augenblicklich aufgegriffen und weiterverbreitet, (2) in heller Empörung und doch auch in kaum verhohlener Vorfreude auf einen Bestseller, der sogar den Erfolg der Memoiren des Schlagerkomponisten Dieter Bohlen übertreffen dürfte. Was von solchen Meldungen zu halten ist, hat der Schriftsteller Frank Thiess seinem ehemaligen Verleger Theodor Wolff bereits im Jahre 1923 darzulegen versucht: „Nicht der ist ein sehr guter Journalist, der einen guten Artikel schreiben kann, sondern der ein journalistisches Gehirn hat. Jener ausgezeichnete Reporter Ihres Stabes, der eines Nachts aus seiner Redaktion in unser Zimmer trat und sagte: ‚Kinder, habt’s ihr viel? I hob’ heite noch zwei Leichen im Blatt’, ohne auch nur eine Sekunde lang zu begreifen, wie tief symbolisch er gesprochen hatte, besaß ein tadelloses journalistisches Gehirn. Entlassen Sie ihn nicht, er wird Ihnen noch viel nützen! Aber was sage ich denn! Er wird ja auch nie gehen. Und jener Umbrecher, der eines Mittags aus der Setzerei kam und wütend ausrief: ‚Eben Kaiser Franz gestorben. Gemeinheit! Anderthalb Stunden früher hätten wir noch ein Extrablatt daraus machen können!’ besaß ebenfalls ein gut funktionierendes journalistisches Gehirn. Er ist ein wirkliches Kind unserer Zeit, die, kulturlos wie nur je ein Jahrhundert, bei jedem Ereignis denkt: Was mache ich daraus? Und dann erst: Was ist geschehen?“ (3) In Amstetten geschieht zur Zeit rein gar nichts, aber selbst aus diesem Nichts scheint sich mit ein bißchen Phantasie etwas machen zu lassen, das die Herzen bewegt.

1 Sarah Arnold und Allan Hall: Best Cellar. In: Sunday Mirror, 6.7.2008
2 Bild.de: „Inzest-Monster Josef Fritzl schreibt seine Memoiren

5.7.2008

Elisabeth F. hat nach Informationen der Bild-Zeitung „schwere Vorwürfe gegen die österreichischen Ermittler“ erhoben. „Sie wirft ihnen vor, vertrauliche Aussagen im Fall Amstetten benutzt zu haben, ‚um sich wichtig zu machen’. Das berichtet die Zeitung ‚20 Minuten’.“ Die Anwältin Eva Plaz habe mit rechtlichen Schritten gedroht, wegen der Verletzung von Amtsgeheimnissen. Was Elisabeth F. laut Bild „erschreckte: Die meisten der Polizeiprotokolle mit intimen Details und vertraulichen Informationen sind an die Öffentlichkeit gelangt – beinahe vollständig. Anwältin Plaz zur ‚Kronen-Zeitung’: ‚Personen haben sich mit Informationen wichtig gemacht, die sie nur aufgrund ihrer beruflichen Position haben konnten.’“ (1)

So wird es wohl gewesen sein, und das wäre nichts Neues für die Redaktion der Kronen-Zeitung. Wenn es aber wahr sein sollte, daß die Anwältin Eva Plaz sich tatsächlich zu einem Plausch mit Redakteuren dieses hundsordinären Käseblatts bereitgefunden hat, dann sollte Elisabeth F. ihre redselige Anwältin sofort entlassen und sich eine bessere suchen.

1 BILD.de: „Elisabeth Fritzl empört über Amstetten-Ermittler“

27.6.2008

Im Times Literary Supplement hat Ritchie Robertson im Mai die Frage aufgeworfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen des Familienvaters Josef F. und den Phantasien österreichischer Erzähler gebe, die sich ein ums andere Mal Geschichten von eingekerkerten Kindern ausgedacht haben. Robertson hat sich dabei auf Adalbert Stifters Novelle „Turmalin“, auf Franz Nabls Roman „Das Grab des Lebendigen“ und auf Elias Canettis Roman „Die Blendung“ berufen. (1)

Über die Novelle „Turmalin“ ließe sich leichter etwas sagen, wenn sie aus der Geheimsprache ihres Autors irgendwann einmal ins Deutsche oder eine andere bekannte Sprache übersetzt worden wäre, aber wem hätte dieses Kunststück gelingen sollen? „Selber gegen Fremde, denen aus leisen Vermutungen, die in der Stadt herumgingen, die Sache im allgemeinen bekannt wurde, äußerte er sich bewußt oder unbewußt in einem Sinne, daß sie eine Gemütslage in ihm vermuten mußten, wie die eben geschilderte war.“ (2) In diesem ungelenken Stil ging Stifter im 19. Jahrhundert zu Werke, als er „Turmalin“ verfaßte, und er hat sich selbst das harte Urteil Eckhard Henscheids zuzuschreiben: „Er war einfach ein Knallkopf.“ (3)

In Elias Canettis 1930/31 entstandenem Roman „Die Blendung“ richtet ein tyrannischer Hausmeister seine Ehefrau zugrunde und genießt nach ihrem Tod die Herrschaft über die gemeinsame Tochter: „Am Tage nach der Beerdigung begann sein Wonnemond. Ungestörter als bisher verfuhr er mit der Tochter nach Belieben. Bevor er in den Dienst ging, sperrte er sie rückwärts ein, damit sie sich dem Kochen ausschließlicher hingebe. So freute sie sich auch, wenn er heimkam. ‚Was macht die Arrestantin?’ brüllte er und drehte den Schlüssel im Schloß herum.“ Und wehe, die Arrestantin machte sich akustisch bemerkbar: „Seine riesigen, dicken Ohren horchten auf den zerbrechlichen Schritt der Tochter.“ (4)

Robertson hat darin „deep-seated patterns“ (5) des österreichischen Nationalcharakters vermutet und markante Spuren davon auch in dem erstmals 1917 veröffentlichten Roman von Franz Nabl wiedergefunden. Im „Grab des Lebendigen“ tritt eine isoliert dahinlebende Kleinbürgerfamilie auf, die von einem verschrobenen Inspektor regiert wird. „Als die Kinder allmählich heranwuchsen und die ersten Regungen eines eigenen Bewußtseins in ihnen erwachen wollten, warf sich die ganze Art ihrer Umgebung und des Lebens, das ihre Eltern führten, ohne daß diese selbst mit dem ausgesprochenen Willen einer Beeinflussung irgendwie in ihre Erziehung eingegriffen hätten, sogleich und mit aller Wucht über sie. Es schien, als sei rings um sie ein hoher, undurchdringlicher Wall aufgerichtet, durch den keine Pforte ins Freie führte und über den sie nicht hinwegblicken konnten, aber sie hatten dabei nicht das Gefühl einer Einengung oder eines schmerzlichen Verlustes, sondern nur die Empfindung, daß das, was sie umschloß und was sich ihrer ersten Worte und Gedanken bemächtigte, eben alles sei, was es für sie gab.“ (6) Nach dem Tod des Familienvorstands rücken die Witwe und ihre drei Kinder noch enger zusammen, und es erscheint ihnen bereits als Katastrophe, daß der erwachsene Sohn sich eines Tages von einer Nachbarin zu einem Zechgelage verleiten läßt. Die Scham über jeden gesellschaftlichen Kontakt, der sich ergibt, wächst irgendwann ins Maßlose und erzwingt einen Umzug der Familie in ein kleines, abgelegenes Haus auf dem Lande. Als sich dort erweist, daß der berufstätige Sohn auf dem Weg zu der Bank, für die er arbeitet, streckenweise von einer Kollegin begleitet wird, faßt seine Schwester Josefine den Plan, ihren Bruder daheim gefangenzusetzen, und sie weiht die andere Schwester ein, Anna, eine willensschwache Person, deren Hilfe sie benötigt. Die Schwestern unterhalten sich über das geplante Manöver:

„Josefin, das ist lächerlich, Das mußt du dir aus dem Kopf schlagen.“
„Ich geb gern zu, daß es dir auf den ersten Blick ungeheuerlich vorkommt, es ist aber die einzige Möglichkeit. Denk so lange und so genau darüber nach wie ich, und du wirst es selbst sagen.“
„Ja, aber …“ – Anna fand nicht gleich den richtigen Ausdruck und breitete verzweifelt die Arme aus – „du … du kannst ihn doch nicht einsperren!“
„Ich werde es doch tun. Oder besser gesagt, wir werden es tun.“
Jetzt brachte Anna kein Wort mehr heraus, und die Schwester neigte sich ein wenig gegen sie vor, als ob sie sich auf diese Weise leichter verständlich machen könne.
„Ein unfolgsames Kind sperrt man doch auch manchmal ein, nicht? Oder einen Menschen, der nicht recht bei Trost ist.“
„Aber der Walter ist doch nicht krank!“ (7)

Während die Mutter ermattet darniederliegt, läßt sich Anna von Josefine zur Beihilfe überreden:

„Gut“ – Anna stimmte ihr mit einer beruhigenden Handbewegung zu, wie einem eigensinnigen Kind, das man nicht länger reizen will – „aber er ist doch ein erwachsener Mensch und hat seine eigenen Willen. Er wird die Fenster einschlagen und schreien –“
Josefine nickt lächelnd und beinahe zufrieden.
„Natürlich wird er das. So gescheit bin ich auch.“
„Und trotzdem –“
„Ins Zimmer dürfen wir ihn nicht sperren.“
„Ja um Himmels willen, wohin denn?!“
Jetzt richtete Josefine ihren zusammengesunkenen Oberkörper gewaltsam auf, der zwischen den Schultern eingezogene Hals streckte sich, und das kleine Gesicht erstarrte zu lebloser, eisiger Entschlossenheit. Nur die Augen in ihren tiefen, bläulichen Höhlen flackerten mit unruhigem Glanz, und die eingefallene Wangen zuckten zwei- oder dreimal wie in einem leichten Krampf.
„Es gibt im Haus nur einen einzigen Raum. – Den Keller.“
„Jesus Maria!“ – Anna sprang vom Sessel auf und fuhr sich mit beiden Händen gegen die Brust. – „Bist du wahnsinnig …?“ (8)

Der wahnsinnige Plan wird ausgeführt, aber von neugierigen Nachbarn schon nach kurzer Zeit entdeckt, und die Kleinfamilientragödie nimmt ihren Lauf: Die Mutter stirbt an einem Herzschlag, als das Haus von der Polizei gestürmt wird, Josefine erhängt sich, und Anna und Walter, die Überlebenden, suchen das Weite: „Begreiflicherweise verließen die Geschwister so bald wie möglich das Haus am Feld. Die Erinnerung an ihre furchtbaren Erlebnisse stand ihnen dort zu frisch vor Augen, und bei der beschränkten Kleinlichkeit der Nachbarn hatten sie unter den lästigen Begleiterscheinungen ihrer traurigen Berühmtheit zu leiden. Sie zogen lieber in die Hauptstadt zurück, wo Walter neuerdings eine Anstellung bei seiner Bank anstrebte und, gewissermaßen zur Entschädigung für seine Leiden, sogar unter einer wesentlichen Verbesserung seiner Bezüge auch erhielt.“ (9)

So einfach war es für diese Romanfiguren, ihre traurige Berühmtheit in der Anonymität einer Großstadt hinter sich zu lassen. „In der ersten Zeit fühlten sich die Geschwister wohl noch oft, wenn sie eben eine ihrer bescheidenen, geselligen Vergnügungen aufsuchen wollten, plötzlich wie von einem kalten, unsichtbaren Griff zurückgehalten; dann konnten sie von ihren erschreckten Augen die gleiche, stumme Frage ablesen, was Josefine sagen würde, wenn sie es wüßte – allein nach und nach verlor das arme Gespenst seine Macht, und es gelang ihnen, sich ein anspruchsloses, eigenes Leben zu schaffen und unangefochten zu behaupten.“ (10) Das waren noch Zeiten.

1 Ritchie Robertson: Graves of the living. In: The Times Literary Supplement, 16.5.2008, S. 14 f.
2 Adalbert Stifter: Turmalin. In: ders., Gesammelte Werke in sechs Bänden. Dritter Band. Hrsg. von Michael Benedikt und Herbert Hornstein. [Gütersloh] 1956, S. 116–156, hier S. 123
3 Eckhard Henscheid: Sudelblätter. Zürich 1987, S. 293
4 Elias Canetti: Die Blendung. Roman. Frankfurt am Main 1965, S. 327
5 Ritchie Robertson, a.a.O., S. 15

6 Franz Nabl: Das Grab des Lebendigen. Studie aus dem kleinbürgerlichen Leben. Graz, Wien und Köln 1976, S. 9
7 Ebd., S. 394
8 Ebd., S. 395
9 Ebd., S. 449
10 Ebd., S. 451

25.6.2008

Vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe ist die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis darüber belehrt worden, daß sie sich in Ausnahmefällen sogar beim Milchholen der Kontrolle durch die vierte Gewalt unterwerfen müsse: „In einem Prozess um Fotos nach ihrem Abschied vom Amt im Jahr 2005 entschied der BGH, es habe sich um ‚Bildnisse aus dem Bereich der Zeitgeschichte’ gehandelt. Diese hätten wegen des gesteigerten Informationsinteresses der Öffentlichkeit auch ohne die Einwilligung von Simonis veröffentlicht werden dürfen. Das gelte jedenfalls für Bilder ‚in unverfänglichen Situationen in einem frequentierten Einkaufszentrum’ am Tag ihres Amtsverlusts. Wegen der spektakulären Umstände der Ablösung nach zwölfjähriger Amtszeit sei ein erhebliches Interesse der Öffentlichkeit anzuerkennen. Ein Politiker könne sich in einer solchen Situation der Presse nicht ohne Weiteres unter Berufung auf seine Privatheit entziehen.“ (1)

Das gesteigerte Informationsinteresse der Öffentlichkeit an den Einkäufen, die Heide Simonis nach dem Verlust ihres öffentlichen Amts getätigt hat, ist mit diesem Urteil rechtlich anerkannt und gewürdigt worden. Unter spektakulären Umständen abgelöste Politiker ohne Hauspersonal haben in Deutschland also künftig die Wahl zwischen einem leeren Kühlschrank und einem Spießrutenlauf zum Supermarkt. „Vor dem BGH schilderte Anwalt Joachim Kummer das Zustandekommen der Fotos. Simonis sei bis gegen Mitternacht von Fotografen ständig observiert und abgelichtet worden. Die Presse solle zwar ein Wachhund, aber kein Jagdhund sein.“ Der Anwalt der Bild-Zeitung, die ihre Reportage („Danach ging Heide erst mal schoppen“) mit Fotos der Klägerin beim Einkaufen bebildert hatte, malte vor Gericht eine Gefahr für den „Kernbereich der Pressefreiheit“ aus, wenn es nicht mehr erlaubt wäre, Prominente im Supermarkt zu beschatten: „Was den Tag des Abschieds angehe, so habe es sich um einen ‚zeitgeschichtlichen Augenblick’ gehandelt. Simonis habe früher ‚wiederholt und exzessiv’ Einblicke in ihr Privatleben gewährt und sich auch beim Einkaufen fotografieren lassen.“ (2)

Jetzt wartet die Welt auf den zeitgeschichtlichen Augenblick, in dem Elisabeth F. das Wagnis unternehmen wird, irgendwo alleine einkaufen zu gehen. Um Deutschland sollte sie dabei einen großen Bogen machen, nachdem der Bundesgerichtshof das erhebliche Informationsinteresse der Öffentlichkeit an den Einkaufsgängen prominenter Menschen und das Mediengeschwätz darüber abgesegnet hat.

1 Helmut Kerscher: Shopping mit Folgen. Heide Simonis verliert Prozess gegen die „Bild“-Zeitung. In: Süddeutsche Zeitung, 25.6.2008, S. 15
2 Ebd.

19.6.2008

Einer rigiden Überwachung unterliegen auch die Parteimitglieder in George Orwells Roman „1984″: „Ein Parteimitglied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedankenpolizei. Sogar wenn es allein ist, kann es nicht sicher sein, daß es wirklich allein ist. Wo es auch sein mag, ob es schläft oder wacht, arbeitet oder ausruht, im Bad oder im Bett liegt, es kann ohne Vorwarnung und ohne sein Wissen überwacht werden. Nichts, was es tut, ist gleichgültig. Seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Verhalten gegenüber Frau und Kindern, sein Gesichtsausdruck, wenn es allein ist, die Worte, die es im Schlaf murmelt, sogar seine typischen Körperbewegungen, alles wird mißtrauisch geprüft. Nicht nur jedes tatsächliche Vergehen, sondern jede noch so kleine Exzentrizität, jede Änderung der Gewohnheiten, jede nervöse Maniriertheit, die möglicherweise das Symptom eines inneren Kampfes sein könnte, wird unweigerlich entdeckt.“ (1)

1983 sollte in der Bundesrepublik eine Volkszählung stattfinden, und deren Gegner befürchteten, daß mit ihr Orwells Vision vom totalen Überwachungsstaat Wirklichkeit werde. Der Schriftsteller Max Goldt hat jedoch glaubwürdig bezeugt, daß diese Sorge stark übertrieben gewesen sei: „Man werde, wenn man den Bogen ausfülle, zum gläsernen Bürger, wurde gesagt. Bin ich ein gläserner Bürger geworden? Nein, mein Tun und Treiben ist so undurchsichtig wie eh und je.“ (2)

Anders sieht es im Fall der Familie F. aus Amstetten aus: Nichts, was sie tut, ist den Medien gleichgültig, und jede noch so kleine Exzentrizität würde sofort erbarmungslos ausgeschlachtet. Seinem Romanhelden Winston hat Orwell anfangs noch eine winzige, baulich bedingte Nische in seinen Privaträumen zugestanden: „Wenn er dort saß und ganz hinten blieb, konnte Winston, zumindest visuell, dem Aufnahmebereich des Teleschirms entgehen. Hören konnte man ihn natürlich, doch solange er an seinem Platz ausharrte, war er nicht zu sehen.“ (3) An einem solchen Platz hat Felix F. sein Spielzeug aus dem Keller in Empfang genommen.

1 George Orwell: 1984. Roman. Frankfurt am Main, Berlin und Wien 1984, S. 211
2 Max Goldt: Die Kugeln in unseren Köpfen. Kolumnen. Zürich 1995, S. 89 f.
3 Ebd., S. 11

18.6.2008

Rekapitulieren wir den gestrigen Nachrichtenstand: Eine Frau ist in ihr Haus hineingegangen, um dort Spielzeug für ihr jüngstes Enkelkind einzusammeln. Hat es in der Geschichte des europäischen Nachkriegsjournalismus jemals eine kümmerlichere, schnödere und uninteressantere Meldung gegeben? Eine ironische Antwort auf diese Frage findet sich im Jahrgang 1985 des Satiremagazins Titanic. „Gestern wurde Klaus Fricke beim Wasserballspielen gesichtet!“ heißt es dort, unter der Überschrift: „Klaus Fricke spielte Wasserball“. Für die Wahrheit dieser von Bernd Pfarr ausgetüftelten Nonsens-Nachricht bürgen zudem zwei Zeilen unter einem Foto des Wasserballspielers Klaus Fricke („Spielte Wasserball: Klaus Fricke“). (1)

Ebenso albern, aber ganz und gar nicht komisch ist die jüngste Nachricht aus Amstetten: Rosemarie F. wurde beim Betreten ihres Hauses gesichtet! Rosemarie F. hat ihr Haus betreten. Betrat ihr Haus: Rosemarie F. (blaue Bluse).

1 Titanic 3/1985, S. 65

17.6.2008

Rosemarie F. hat gestern ihr Haus in Amstetten betreten, und sie ist dabei nicht unbeobachtet geblieben. Die Mutter von Elisabeth F. „kehrt ins Horror-Haus zurück“, berichtet die Bild-Zeitung in ihrer Bundesausgabe und veröffentlicht unter dieser Überschrift ein Foto, das Rosemarie F. beim Betreten ihres Hauses zeigt. In dessen Umgebung liegen also immer noch Voyeure auf der Lauer. Rosemarie F., meldet Bild, sei angeblich sogar in den Keller hinabgestiegen, „um dort Spielzeug für ihren Enkel Felix (6) zu holen. Er war in dem Keller aufgewachsen.“ Und Bild fragt: „Wie schwer muss dieser Gang gewesen sein?“ (1)

Etwas leichter wäre er ihr vermutlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit gefallen. Auch die Mutter von Elisabeth F. ist jetzt ein weltberühmter Medienstar, und man kann viel Geld mit einem unscharfen Foto verdienen, das sie beim Betreten ihres Hauses zeigt. Die Scharen der Paparazzi, die das Haus umschwirren, sind niemandem Rechenschaft schuldig, aber die Bitte an alle Redaktionen des Hauses Springer, wenigstens die gramgebeugte Rosemarie F. in Ruhe zu lassen, würde die Verlegerin nur ein Lächeln kosten. Finanziell hat sie ausgesorgt, und ihr Konzern ist nicht angewiesen auf den Profit, den ein verwackelter Schnappschuß von Rosemarie F. beim Betreten ihres Hauses in Amstetten abwirft. Friede Springer nimmt jedoch auch dieses Taschengeld noch mit, und in der gleichen Ausgabe der Bild-Zeitung gibt der Altbundeskanzler Helmut Schmidt heute seiner Freude darüber Ausdruck, daß ihm die Bild-Redaktion zum Dank für sein Lebenswerk einen Preis namens „BILD OSGAR“ zuerkannt habe und daß Angela Merkel bei der Verleihungszeremonie die Laudatio halten werde: Das sei „eine sehr freundliche Geste der Frau Bundeskanzlerin“. (2)

Den fälligen Anteil an der Zeche für diese kulturelle Veranstaltung hat Rosemarie F. bereits beglichen, beim Betreten ihres Hauses, obwohl sie gar nicht auf der Gästeliste steht.

1 Bild, 17.6.2008, S. 14
2 Ebd., S. 2

16.6.2008

Das Mitleid und zugleich die Wißbegierde einer ganzen Welt zieht jetzt auch eine Italienerin auf sich, die 1990 von ihrer Familie eingesperrt und erst vor wenigen Tagen von Carabinieri befreit worden ist. „Maria M. war damals 29 Jahre alt. Sie hatte ein Verhältnis mit einem Mann gehabt, den ihre Familie offensichtlich nicht akzeptierte, und wurde schwanger. Fortan wurde sie von ihrer Mutter und ihren Geschwistern einfach weggesperrt, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Fernseher, Telefon, Bücher, Zeitschriften. Italienischen Medienberichten zufolge kann Maria M. kaum noch laufen, ist psychisch schwer krank.“ (1) Das Zimmer, in dem sie die vergangenen achtzehn Jahre zugebracht hat, soll mit Fäkalien verschmutzt gewesen sein.

Hier drängt sich das halbvergessene Wort „Isolationsfolter“ auf, das in den siebziger Jahren zur Beschreibung der Einzelhaftbedingungen diente, denen Ulrike Meinhof und nach ihr auch andere Häftlinge aus dem Kader der RAF ausgesetzt waren: „Schon am Tage nach ihrer Verhaftung wurde Ulrike Meinhof unter extremen Isolationsbedingungen im sogenannten Toten Trakt der Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln-Ossendorf gefangen gehalten. Diese erste Periode in extremer Isolation (es folgten weitere) dauerte 237 Tage. Was bedeutet dies für die physische und psychische Verfassung von Menschen?“ fragte damals der Psychologe Jörgen Pauli Jensen und gab die Antwort darauf selbst. „Form und Wirkung der Isolationstortur stehen in einem direkten Zusammenhang: Die Form besteht aus extremer Isolierung von sozialem Kontakt und Verhinderung unterschiedlicher Sinneseindrücke, die notwendige Bedingung sind für das Funktionieren des menschlichen Organismus. Es handelt sich sozusagen um eine Aushungerung des menschlichen Kontaktbedürfnisses […] Aus experimentellen und aus – viel zu viel – praktischer Erfahrung weiß man mit Gewißheit, daß solche Bedingungen in kürzester Frist Menschen psychisch und physisch zerrütten und zerstören können. Physisch tritt eine allmähliche Zerstörung der sogenannten vegetativen Funktionen ein (krankhafte Veränderungen bezüglich des Schlaf-, Hunger-, Durst- und Urinierbedürfnisses, wie auch Kopfschmerzen, Gewichtsverlust u.a.).“ Weitere Folgen seien „emotionale Instabilität“, „zeitliche und räumliche Desorientierung, Konzentrationsschwierigkeiten, Gedankenflucht und Verständnisdefizite“ sowie Halluzinationen. (2) „Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste“, hat Ulrike Meinhof festgestellt. (3)

Selbst wenn man sich all das als freier Mensch zur Not noch vorstellen könnte, wäre es doch ausgeschlossen, die Qualen zu ermessen, unter denen Maria M. in ihrer achtzehn Jahre lang währenden Isolation gelitten hat. „’Als wir eingetroffen sind, empfing sie uns mit einer Art Heulen, einem nicht menschlichen Schrei‘, erzählt Hauptmann Rosciano später. Die Frau sei nicht in der Lage gewesen, ein Gespräch zu führen. Sie hätten sie in einem ‚unbeschreiblichen hygienischen Zustand‘ aufgefunden. Auf einer Liege wird die Frau weggetragen und kurz darauf in die psychiatrische Abteilung der Polyklinik Umberto I. in Neapel gebracht.“ (4) Und nun braucht auch Maria M. einen gewieften Medienberater, der ihr beibringen muß, daß sie auf seine Hilfe angewiesen ist, wenn sie den Rest ihres Lebens nicht im Toten Trakt einer psychiatrischen Anstalt verbringen möchte.

1 Stefan Ulrich: Gefangene der Familienehre. In: Süddeutsche Zeitung, 16.6.2008, S. 10
2 Zitiert nach: Der Tod Ulrike Meinhofs. Bericht der Internationalen Untersuchungskommission. Tübingen 21979, S. 11 f.
3 Zitiert nach Peter Brückner: Ulrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse. Berlin 1976, S. 157
4 Stefan Ulrich, a.a.O.

12.6.2008

„Im Klinikum Amstetten ist die 19-jährige Kerstin F. aus dem Koma erwacht – abgeschirmt von sensationsgierigen Fotografen“, meldet die Süddeutsche Zeitung. Der behandelnde Arzt, Albert Reiter, hat Pressevertretern Auskunft über den Gesundheitszustand seiner Patientin erteilt: „Die 19-jährige könne gut lesen und schreiben, sie unterhalte sich gern. Ihr Leben habe bei der Einlieferung im April ‚am seidenen Faden gehangen‘, sagte Reiter. Unklar sei nach wie vor, ob der Vater sie während ihrer Einkerkerung missbraucht habe.“ (1) Wenn nicht alles täuscht, erwartet man von diesem Arzt, daß er die Unklarheit in diesem Punkt demnächst bei einer Pressekonferenz beseitigen werde. Aber wen geht das denn etwas an, außer Kerstin F., ihren Arzt und das Gericht, das über Josef F. gehalten werden muß?

In Ermangelung näherer Informationen vom Krankenlager verbreitet die Bild-Zeitung schon einmal eine fromme Lüge über Kerstin F.: „Im Kellerverlies ihres Vaters geboren, war sie am 19. April halb tot ins Klinikum Amstetten gebracht worden. Jetzt ist sie wieder gesund – und genießt ihr neues Leben in Freiheit.“ (2) Es ist unmöglich, auf eine zynischere Umschreibung der abermaligen Gefangenschaft einer Frau zu kommen, die in einem Kerker aufgewachsen ist und nach ihrer Befreiung dem rabiaten Zugriff aller Paparazzi ausgeliefert wäre, wenn sie auf den absurden Gedanken verfallen sollte, aus dem Klinikum hinauszuspazieren und ihre Freiheit zu genießen, hier bei uns.

1 Cathrin Kahlweit: Über die Schwelle in ein neues Leben. In: Süddeutsche Zeitung, 12.6.2006, S. 10
2 Bild, 12.6.2006, S. 10

10.6.2008

Man vernimmt zum Glück nicht mehr viel aus Amstetten, denn die Spiele um die Europameisterschaft haben begonnen, aber es bleibt dabei: „Die Opfer sind jetzt frei und doch eingesperrt.“ (1) Und man müßte seit Ostern 2008 auf einer einsamen Insel gelebt haben, unplugged, um bei der Erinnerung an den Chor der Gefangenen, die in Beethovens Oper „Fidelio“ aus dem Kerker heraustreten, noch einmal an etwas anderes denken zu können als an das Schicksal der Elisabeth F. und ihrer Kinder:

CHOR DER GEFANGENEN
O welche Lust, in freier Luft
Den Atem leicht zu heben!
Nur hier, nur hier ist Leben,
Der Kerker eine Gruft.
ERSTER GEFANGENER
Wir wollen mit Vertrauen
Auf Gottes Hilfe bauen!
Die Hoffnung flüstert sanft mir zu:
Wir werden frei, wir finden Ruh’.
ALLE ANDERN
O Himmel! Rettung! Welch ein Glück!
O Freiheit! Kehrest du zurück?
(Hier erscheint ein Offizier auf dem Wall und entfernt sich wieder.)
ZWEITER GEFANGENER
Sprecht leise! Haltet euch zurück!
Wir sind belauscht mit Ohr und Blick.
ALLE
Sprecht leise! Haltet euch zurück!
Wir sind belauscht mit Ohr und Blick. –
O welche Lust, in freier Luft
Den Atem leicht zu heben!
Nur hier, nur hier ist Leben.
Sprecht leise! Haltet euch zurück!
Wir sind belauscht mit Ohr und Blick. (2)


Wenn Beethoven und seine Librettisten Joseph Sonnleithner und Georg Friedrich Treitschke geahnt hätten, was sich rund zweihundert Jahre später rund um eine österreichische Klinik zutragen sollte, wäre die Flüsterstimme der Hoffnung vermutlich noch ein wenig leiser ausgefallen.

1 Erna Lackner: Ergötzen wir uns nicht alle am Obszönen? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.5.2008, S. 37
2 Ludwig van Beethoven: Fidelio. Texte, Materialien, Kommentare. Hrsg. von Attila Csampai und Dietmar Holland. Reinbek 1981, S. 56 f.


4.6.2008

Vor fünfzig Jahren erschien im Spiegel ein Artikel über den Fall der sogenannten Bunkermenschen von Gdingen. „Am 13. Juni 1951 hatte die amerikanische Nachrichtenagentur ‚Associated Press’ (AP) aus Warschau gemeldet: ‚Vor den Augen polnischer Arbeiter sind aus einem zertrümmerten Bunker in Gdingen zwei Männer aufgetaucht, die aus einer anderen Welt zu kommen schienen.’ AP berichtete, daß die deutschen Truppen vor der Räumung der Stadt im Jahre 1945 ein Lager in der Nähe des mit Lebensmitteln, Wein, Spirituosen und anderen Dingen gefüllten Vorratsbunkers gesprengt hätten. ‚Dabei hatten Trümmer den Eingang zum Bunker versperrt und hatten sechs Soldaten, die sich gerade etwas ‚organisieren’ wollten, eingeschlossen.’ Zwei der Männer hätten Selbstmord verübt, zwei seien während der langen Bunker-Gefangenschaft krank geworden und gestorben. Einer der beiden Überlebenden, die sich jahrelang von den Vorräten des Bunkers ernährten, sei kurz nach der Befreiung tot zusammengebrochen, der letzte Bunkermensch werde zur Zeit in einem Danziger Krankenhaus behandelt.“ (1)

Der Journalist Will Tremper hat seinem einstigen Kompagnon Curt Riess die Vaterschaft an dieser spektakulären, unter unwürdigen Umständen erzeugten Zeitungsente zuerkannt: „Ich spielte noch den ‚Denker’ von Rodin auf dem Klodeckel, als er – keine fünf Minuten später – aufgekratzt in der Tür erschien und ‚Schreiben Sie!’ kommandierte.“ Riess habe aus dem Stegreif gesprochen: „’Gestern ließen polnische Landarbeiter in der Nähe von Gdingen schreiend ihre Arbeitsgeräte im Stich, als sich vor ihnen die Erde auftat und ein über und über behaarter Mann in zerschlissener Soldatenuniform ans Licht des Tages kroch’, diktierte er. ‚Haben Sie? Weiter: Beim Anblick der Sonne griff er sich mit einem entsetzten Aufschrei an die Augen und brach – erblindet – zusammen …’“ (2) Reportern aus aller Welt kam die Geschichte über die „Bunkermenschen von Gdingen“ viel zu häßlich vor, um unwahr zu sein. Alle Blätter, so erinnert sich Will Tremper, „waren voll von den ‚Bunkermenschen in Gdingen’! Associated Press meldete aus Warschau, daß die Zensur ein ‚absolutes Schweigeverbot’ über die Sache verhängt hätte, schon danach zu fragen sei lebensgefährlich.“ (3)

Was daraus erwuchs, kann man ebenfalls in Trempers Memoiren nachlesen: „In den folgenden Tagen und Wochen beschäftigten die ‚Bunkermenschen von Gdingen’ die gesamte Weltpresse so, daß wir zu nichts anderem mehr kamen. Tragischer Höhepunkt war mein Besuch, im Auftrag von Riess, bei der Vermißtensuchstelle der ehemaligen Wehrmacht.“ Denn Riess habe nach einem Foto des erblindeten Überlebenden verlangt, den er sich ausgedacht hatte: „Ich sollte die Akten der Suchstelle durcharbeiten und nach vermißten deutschen Soldaten forschen, die im Frühjahr 1945 zuletzt in der Nähe von Gdingen gesehen worden wären. Da die Angehörigen, die Suchanträge gestellt hatten, ein Foto ihres Vermißten abgeben mußten, war es nicht schwer, das Foto eines zirka dreißig Jahre alten Berliners, der die Kriterien erfüllte, unbemerkt aus der Akte verschwinden zu lassen. Das Bild erschien im Vertrieb der Agentur Keystone, und die Mutter des Vermißten brach bei seinem Anblick an einem Zeitungskiosk am Mehringdamm zusammen. Ich habe das, nach Wochen erst, durch einen reinen Zufall erfahren, als ich in der Korrespondenz von Riess schmökerte, und war entsetzt. Ob die Geschichte von den sechs Bunkermenschen stimmte oder nicht, hatte ich immer noch nicht herausgefunden – aber daß das Foto des ‚blinden Überlebenden’ falsch war, konnte niemand besser bezeugen als ich, der ich es geklaut hatte.“ (4)

Auf diesem Räuberpistolenniveau bewegte sich der Journalismus also schon vor einem halben Jahrhundert, und die Bunkermenschen von Gdingen konnten sich glücklich schätzen, daß sie nur in der entfesselten Phantasie der Reporter existierten: „In Deutschland wie in anderen Ländern malten besonders die Familien- und Boulevardzeitungen das Bunkerdrama in epischer Breite aus. Da polnische Stellen sich nicht zu den Berichten äußerten – noch in der letzten Woche kommentierte die Pressestelle des Warschauer Innenministeriums: ‚Der Fall ist uns überhaupt nicht bekannt’ –, wurde die publikumswirksame Story jahrelang von den Fabrikanten sogenannter Tatsachenberichte in mannigfacher Form kolportiert. Selbst die Literaten nahmen sich des Themas an, und als einer der ersten verfaßte der Dichter und Essayist Rudolf Hagelstange eine 70 Seiten lange ‚Ballade vom verschütteten Leben’, in der er die Höllenqualen der inmitten von Lebensmittelkonserven und Sektflaschen eingeschlossenen Landser nacherzählt.“ (5) Beim Werkeln an seiner Ballade hatte der zu seinen Lebzeiten hochangesehene Lyriker Hagelstange sich in die Bunkermenschen hineinzufühlen versucht: „Langsam, wie mit leise fließendem Wasser, / füllte die Angst den Bunker. Allmählich, / zentimeterweise, stieg der Gedanke, / vergessen, verloren zu sein, an ihr Herz.“ Von diesem sentimentalen Gedanken schritt Hagelstange zum nächsten lyrischen Fettnäpfchen aus: „Sie wuschen / manchmal die Hände mit Kognak; / manchmal mit Tränen.“ (6) Und dann impfte er den Bunkermenschen, die es nie gegeben hatte, frischen Lebensmut ein: „Aber zuweilen, / wenn die trostlos hindämmernden Tage / nicht mehr zu deuten waren, die Leere / übermächtig den Bunker ins Nichts ausdehnte, / kam dann einem ein Traum, tränkte / wie ein Engel den zagenden Christus am Ölberg, / den Verlorengeglaubten mit Stärke, / nannte nicht Herkunft und Namen, / Ort nicht und Zeit; war weder / künftig, vergangen: Anderem Leben / schien er entlehnt und anderem Sterne.“ (7)

Hagelstange hatte sich beim Dichten an antiken Vorbildern orientiert, und er wurde reichlich entlohnt: „Die gereimte Fassung der Bunkermenschenstory gefiel besonders beim ‚Nordwestdeutschen Rundfunk’; sie wurde dort mehrmals in Hörspielform gesendet. Andere Rundfunkanstalten erwarben die Nachspielrechte, und im November 1952 erhielt der Dichter für sein Werk den ‚Preis der Berliner Kritiker’.“ (8) Dieser Erfolg setzte auch Will Tremper in Erstaunen: „Zwei, drei Jahre nach der sensationellen Veröffentlichung traf ich meinen alten Tagesspiegel-Kollegen Rainer Höynck, der inzwischen Kulturreporter beim RIAS geworden war. Ich stieg in Tempelhof aus einer PANAM-Maschine und sah Rainer mit dem Mikrofon dastehen. Er wartete auf Rudolf Hagelstange, der den ‚Hörspiel-Preis der Kriegsblinden’ in Berlin verliehen bekommen sollte. ‚Was hat er denn für ’n Hörspiel geschrieben?’ fragte ich. ‚Ach’, antwortete Rainer, ‚dieses Ding von den Bunkermenschen von Gdingen!’ Hätte ich starke Nerven gehabt und wäre ich schadenfroher, als ich bin, dann hätte ich mir das Interview auf dem Vorfeld von Tempelhof nicht entgehen lassen. Aber ich machte, daß ich davonkam.“ (9)

Einige Zeit später trompetete Tremper, wie er berichtet, „die schrecklich versoffene Stimme des Chefs vom Europa-Filmverleih“ ins Ohr, der sich ein spannendes Drehbuch wünschte und ein „Spitzenhonorar“ dafür in Aussicht stellte. (10) Und so soll es, laut Tremper, dazu gekommen sein, daß er das Drehbuch für den Spielfilm „Nasser Asphalt“ verfaßte. Die Regie führte Frank Wisbar, und es ging in diesem Film um den Bunkermenschen-Hype und die Skrupellosigkeit gewisser Journalisten, die vom Schicksal erfundener Leidensgestalten profitieren wollten. Der Film erwies sich jedoch als Flop, und Tremper ärgerte sich im nachhinein über den Titel: „’Die Bunkermenschen von Gdingen’ hätte auf Anhieb mehr Zuschauer in die Kinos gezogen als mein anspruchsvoller ‚Preis der Wahrheit’ oder das lächerliche ‚Nasser Asphalt’. Aber auch das war längst zu spät.“ (11)

So sprangen Reporter vom Schlage Will Trempers vor einem halben Jahrhundert mit Gespenstern um, denen es übler ergangen wäre, wenn sie sich in unseren Tagen als Menschen aus Fleisch und Blut ans Tageslicht gewagt hätten.

1 Der Spiegel 5/1958, S. 44 f.
2 Will Tremper: Meine wilden Jahre. Frankfurt am Main und Berlin 1996, S. 435
3 Ebd., S. 437. Tremper meinte natürlich ein „Schweigegebot“.
4 Ebd., S. 438
5 Der Spiegel, a.a.O., S. 45
6 Rudolf Hagelstange: Ballade vom verschütteten Leben. Wiesbaden [1952], S. 22 f.
7 Ebd. S. 38
8 Der Spiegel, a.a.O.
9 Will Tremper, a.a.O., S. 438
10 Ebd., S. 543
11 Ebd., S. 558


31.5.2008

Alle Welt weiß, daß Natascha Kampusch sich nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft nicht freiwillig in ein Fernsehstudio begeben hat, um ihre Geschichte zu erzählen, sondern unter dem aberwitzig hohen Druck eines Rudels von Kopfjägern und deren Auftraggebern. Das Problem ist damit auf eine pragmatische Weise gelöst worden, aber nur vorübergehend. In diesen Tagen zeigt sich, was Natascha Kampusch sich mit ihren Zugeständnissen an die wissensdurstige Menschheit eingehandelt hat: „In zweiter Instanz hat ein Wiener Gericht Paparazzi und Intimitätenschnüfflern jetzt gleichsam offiziell erlaubt, die Privatsphäre der Natascha Kampusch auszuspionieren“, meldet die Süddeutsche Zeitung. „Das Gericht entschied: Kampusch habe sich ‚freiwillig ins Schlaglicht der Medien begeben’. Prominente, die aus ‚finanziellen Gründen’ und ‚zur Befriedigung der Eitelkeit’ in die Öffentlichkeit drängten, müssten derlei ertragen.“ (1)

Der Medienkontaktberater der Familie F. wäre nach dieser grotesken Gerichtsentscheidung selber gut beraten, wenn er sich dazu entschließen könnte, alle Medienkontakte einzufrieren, für immer, denn es genügt ja schon, was inzwischen geschehen ist: „Auf der Sündenliste stehen die Jagd nach Kampusch-Intimitäten; Porträtfotos der Amstettener Kinder; ein unbeschreibliches Pseudo-Interview mit dem Inzest-Täter; Phantomzeichnungen von der 24 Jahre lang eingesperrten Elisabeth F.; das Stalking der Medien rund um die Klinik, in der die Familie nun lebt; Falschmeldungen und andere Druckarten, mit denen nach Ansicht des Opferanwalts Familienmitglieder zur Flucht nach vorne getrieben werden sollen.“ (2)

Und nun? „Ein kleiner Happen Information – und das Medienrudel stünde wieder vor ihrer Tür“, schreibt Florian Klenk im Falter. Die Betreuer der Familie F. hätten eine andere Strategie entwickelt: „Die Familie soll zusammenhalten. Sie tut es bisher. Keines der Geschwister von Elisabeth F. ist zum Beispiel an die Medien herangetreten – obwohl es für ein Gespräch wohl ausreichend Geld gegeben hätte.“ Es werde sich zeigen, „ob Österreich sich noch retten kann vor einer vollkommenen Boulevardisierung seiner Gesellschaft“. Manches hänge davon ab, ob der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn sich dazu durchringen könne, seine Tätigkeit als freier Mitarbeiter der österreichischen Sensationspresse einzustellen: „Das wäre ein gottgefälliges, verantwortliches Signal.“ (3)

1 Michael Frank: Flucht ins Rampenlicht. In: Süddeutsche Zeitung, 31.5.2008, S. 12
2 Erna Lackner: Ergötzen wir uns nicht alle am Obszönen? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.5.2008, S. 37
3 Florian Klenk: Die Meute und das Mädchen. In: Der Falter 22/2008


30.5.2008

Mitte der sechziger Jahre, als die Skandalpresse aus ihren Kindersandalen herauszuwachsen begann, machte der Fotograf Axel Springer junior, der unter dem Namen Sven Simon bekannt werden sollte, im Garten des Reporters und Filmproduzenten Will Tremper einige Aufnahmen von einem Liebespaar, die er an Bild am Sonntag zu verkaufen gedachte. Darüber gab es Streit, denn das Paar – es handelte sich um die Schauspielerin Romy Schneider und den Regisseur Harry Meyen – wollte die Liaison geheimhalten, und der Hausherr mußte, wenn man ihm glauben darf, „massiv werden“ und dem Fotografen mit Hausverbot drohen, damit er aufhörte, das Paar zu belästigen. „Am Abend“, so schildert es Tremper in einem seiner autobiographischen Werke, „rief Axel senior an: ‚Ich will mit der Geschichte nichts zu tun haben. Mich hat heute Harry Meyen angerufen. Ich soll meinen Zeitungen verbieten, Fotos von ihm und Romy Schneider zu drucken. Ich denke nicht daran, meinen Zeitungen etwas zu verbieten. Der soll sich von meinem Sohn nicht fotografieren lassen, habe ich ihm geraten. Nimm ihm den Film ab, habe ich zu Meyen gesagt. Zertrümmere seine Kamera. Hau ihm in die Schnauze. Aber laßt mich in Ruhe!’“ (1)

Bemerkenswert ist an diesem Vorfall nicht nur das ruppig bekundete Desinteresse des Verlegers Axel Springer an der Arbeitsweise seiner Angestellten und der freien Mitarbeiter seines Hauses, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der er die Anwendung körperlicher Gewalt zum legitimen und einzigen Mittel gegen die Aggressivität seiner Fotoreporter erklärt hat (wenn man, wie gesagt, Will Tremper glauben darf). Dagegen hat es aber offensichtlich noch ein anderes Mittel namens Vitamin B gegeben: „Der Senior scheint dann doch ein Wort eingelegt zu haben, oder der Junior besann sich, jedenfalls erschien Bild am Sonntag ohne Fotos aus meinem Garten.“ (2)

Ein Anruf hatte genügt, und der Junior wurde vom Senior zurückgepfiffen. Es ist zweifelhaft, ob Springers Nachfolger Mathias Döpfner, wenn er willens wäre, so etwas zu tun, irgendjemanden aus Amstetten zurückpfeifen und die rotierende Maschinerie mit einem Machtwort aus der Konzernzentrale stoppen könnte. Gute Kontakte nach ganz oben konnten die Kinder von Josef F. als Gefangene nicht aufbauen, im Gegensatz zu Romy Schneider, aber selbst wenn sie es vermocht hätten, wären sie jetzt auf den Schutz von Leibwächtern angewiesen, die bereit sind, Axel Springers Ratschlag zu befolgen.

1 Will Tremper: Große Klappe. Meine Filmjahre. Berlin 1998, S. 165 f.
2 Ebd., S. 166


29.5.2008

„Kinder des Inzest-Monsters bekommen neue Identität“, teilt Bild.de mit. „Es ist ihre einzige Chance auf ein halbwegs normales Leben.“ Woran das wohl liegen mag? „Eine Vermarktung ihrer Geschichte soll es nicht geben. Vor allem britische Medien hatten bereits Millionen für die Exklusiv-Rechte geboten.“ (1) Und Springer?
Vermarkten läßt sich die Geschichte auch ohne Exklusiv-Verträge. Bild.de bietet bereits eine reiche Auswahl an Hintergrundinformationen an („INZEST-DRAMA – Kerstin wird aus dem Koma geholt“, „Inzest-Kinder bekommen Schulunterricht in Klinik“, „Inzest-Monster weint sich in den Schlaf“, „Inzest-Monster traf sich mit Transvestiten“). Besonders aufschlußreich ist die von Bild.de kolportierte These einer dänischen Graphologin, daß Josef F. „sich auch an den Kleinen“ vergriffen habe. Das hat diese Expertin aus den handschriftlichen Grüßen herausgelesen, mit denen „die Kinder aus dem Horror-Keller“ sich vor einiger Zeit an die Außenwelt gewandt hatten, um ihr ein Lebenszeichen zu senden: „Auch wenn ich das Schicksal der Familie nicht gekannt hätte, hätte ich gesehen, dass man sich an diesen Kindern vergangen hat.“ (2) Das verblüffend sensible Gespür, mit dem die Graphologin anhand weniger Schriftproben sexuelle Straftaten diagnostizieren kann, steht in einem wunderlich anmutenden Kontrast zu der Gemütsroheit, die es ihr erlaubt, in der Manier einer Klatschtante öffentlich über diese Dinge zu spekulieren.

1 Bild.de: „Kinder des Inzest-Monsters bekommen neue Identität
2 Bild.de: „Graphologin: Fritzl vergriff sich auch an den Kleinen!


28.5.2008

Während das Gesicht der Elisabeth F. der Öffentlichkeit noch immer unbekannt ist, haben Fotoreporter inzwischen immerhin ermitteln können, wie es zwischen den Beinen der Sängerin Amy Winehouse aussieht. Unter der Schlagzeile „Trägt Amy Winehouse jetzt Windeln?“ berichtet Bild.de in der Rubrik „Star-News“: „Als die Sängerin am Montag ihren Ehemann Blake Fielder-Civil im Knast besuchen wollte, gewährte sie seltsame Einblicke unter ihr Blumenkleid. Zum Vorschein kam etwas, das verdächtig nach einer Windel aussah. Ein Tuch, ein geöffneter Body, was hängt da bloß für ein Stofffetzen zwischen Amys Beinen …?“ Garniert worden ist der Artikel mit einem Foto, das den Stoff zwischen den Oberschenkeln der prominenten Dame zeigt. „Sicher ist: Amy Winehouse wurde der Zutritt zum Gefängnis verweigert. Entsprechend frustriert kehrte der Popstar nach Hause zurück – und wurde handgreiflich. Wie die britische Zeitung ‚Telegraph’ berichtet, soll Winehouse einem Fotografen die Kamera weggenommen und ihn gestoßen haben. Ts ts ts …“ Gegen Unterleibsfotografen gerichtete Körperattacken haben den Nachteil, daß sie ihrerseits den neuesten Stoff für Nachrichten in der Rubrik „Star-News“ liefern und den zuständigen Textern Anlaß zu Hohn und Spott bieten: „Dann ging’s schnell nach Hause – wahrscheinlich zum Windeln wechseln …“ (1)

So sieht es aus in der Welt, in der nun ein Anwalt der Familie F. deren „Medienkontakte“ koordinieren soll, und es wäre ein Wunder, wenn er dabei um den Kontakt mit einem Verlagshaus herumkäme, das seine führende Stellung mit sensationellen Schnappschüssen der Unterwäsche gestrauchelter Popstars behauptet.

In Österreich, meldet die Süddeutsche Zeitung, sei „schärfste Kritik aus den eigenen Reihen“ an der Berichterstattung über die Kriminalfälle F. und Kampusch laut geworden, und diese Kritik lasse sich „auch auf internationale Gepflogenheiten“ übertragen. „Bei der Verleihung zweier angesehener Journalisten-Preise erklärte Franz C. Bauer, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft, als Hauptredner: Die Jagd nach Bildern der Opfer, gefälschte Abbildungen und Interviews, die Veröffentlichung persönlicher medizinischer Protokolle markiere ‚Tiefpunkte’ des Journalismus, für deren Zustandekommen ‚einige Kollegen und einige Medien wirklich Bemerkenswertes geleistet haben’. Hier handele es sich nicht um Tabubrüche. Der Bruch eines Tabus könne auch als Zeichen der ‚Befreiung gewertet werden, was einem Sieg der Vernunft gleichkommt’. Hier seien hingegen schwerste Verstöße festzustellen, Verstöße gegen demokratisch zustandegekommene Gesetze, gegen den journalistischen Ehrenkodex, gegen die Menschenrechte und vor allem gegen die Menschenwürde. Wenn einzelne Redaktionen ihre ‚unglaublichen Verfehlungen’ mit einer amorphen Informationspflicht zu rechtfertigen suchten, dann trage jeder Mitschuld an den Exzessen, der eine effektive Selbstkontrolle der Medien verhindere.“ (2) Goldene Worte.

1 Bild.de: „Trägt Amy Winehouse jetzt Windeln?
2 Fk: Jagd nach Bildern. In: Süddeutsche Zeitung, 28.5.2008, S. 17


27.5.2008

Unvergessen ist die Drohung des Chefredakteurs der Bild-Zeitung, Kai Diekmann: „Grundsätzlich gilt: Wer die Presse einlädt, wenn es im Fahrstuhl des Lebens nach oben geht, darf sie nicht aussperren, wenn er wieder nach unten fährt.“ (1)

Im Fall der Elisabeth F., die im Fahrstuhl des Lebens nach oben gereist ist, ohne darauf gefaßt zu sein, an der Erdoberfläche Pressevertretern begegnen zu müssen, die nicht ausgesperrt werden möchten, weil sie alles über das Eingesperrtsein wissen wollen, bewahrheitet sich die Regel: No news is good news. Je länger die Nachrichtenflaute währt, desto bereitwilliger werden die Paparazzi Amstetten verlassen und anderswo nach Beute Ausschau halten.

1 Zitiert nach: Die Weltwoche 42/2007 „Linke Verständnisfolklore


20.5.2008

„Vor kurzem meldete sich in Bonn am Telefon einer jungen Frau, Tochter reicher Eltern, ein Redaktionsmitglied der Bild-Zeitung und teilte ihr mit, ihr jüngerer Bruder habe sich einige Stunden zuvor in einem Wiener Hotel erschossen. Bild wolle darüber eine Geschichte schreiben mit dem Titel ‚Das Ende eines Playboys’, und er, der Journalist, rufe an, um zu fragen, ob sie ihm nicht ein Foto ihres Bruders zur Verfügung stellen könne.“ Der Publizist, der dies berichtet hat, ist empört gewesen: „Der Atem stockt einem bei dieser unglaublichen Geschichte. Die Roheit, mit der hier eine Familientragödie ohne zwingenden Grund auf den Markt gebracht und die unglücklichen Familienangehörigen dabei zur Mithilfe aufgefordert werden, ist kaum vorstellbar. Wer nicht vollkommen abgebrüht ist, erschrickt über den Zynismus, mit dem diese Art Journalismus an die niedrigsten Instinkte appelliert, an Schadenfreude, Mißgunst, Klatschsucht und Sensationshunger.“ (1)

Das war 1965. In einigen Nischen des zerrütteten Bildungsbürgertums lebte damals noch die Hoffnung fort, diese Art Journalismus bändigen und den frivolen Appell an die Schadenfreude, die Mißgunst, die Klatschsucht und den Sensationshunger der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zurückdrängen zu können, aber diese Mühe hat das Bürgertum nicht auf sich genommen. Es ist mitgelaufen, es hat Beifall geklatscht und jahrzehntelang vom journalistischen Raubbau an der Privatsphäre profitiert, weit mehr als alle alten ’68er, und nun haben wir den Salat. Und der Anwalt der Familie F. muß sich etwas einfallen lassen, angesichts der Lawine, die auf seine Mandanten zugerollt kommt: „Persönliche Briefe Elisabeth F.s an einen früheren Freund, abgedruckt in der Zeitung ‚Österreich’, Details über den Gesundheitszustand Josef F.s, miterwähnt in einem ‚News’-Artikel über ein Gespräch mit dem Anwalt Josef F.s, Rudolf Mayer: Persönlichkeitsrechte verletzenden Berichten wie diesen müsse ein Riegel vorgeschoben werden, meint Christoph Herbst, Opferanwalt im Fall Amstetten.“ (2)

1 Günther Gillessen: Die Tageszeitung. In: Deutsche Presse seit 1945. Hrsg. von Harry Pross. Bern, München und Wien 1965, S. 119–134, hier S. 132 f.
2 Der Standard, 20.05.2008


19.5.2008

Unter der Überschrift „Paparazzi machen Jagd auf Opfer von Amstetten“ meldet die Süddeutsche Zeitung: „Die Opfer des Inzest-Dramas von Amstetten werden mit zunehmender Rücksichtslosigkeit von Fotografen belagert. Wie die Tageszeitung Österreich berichtete, wurde in der Nacht zum Freitag ein Fotograf erwischt, der sich auf den Balkon des Krankenhausgebäudes hieven wollte, in dem die 42-jährige Elisabeth F., fünf ihrer Kinder und ihre Mutter psychiatrisch betreut werden. Auch ein Angestellter der Klinik habe trotz eines ausdrücklichen Verbots ein Foto eines Familienmitglieds aufgenommen und versucht, es für 300 000 Euro zu verkaufen. Trotz der Belagerung durch die Presse wagte sich die Familie immer häufiger in den Park des Geländes. So sei Elisabeth als Krankenschwester verkleidet im Garten spazieren gewesen. Ihr jüngster Sohn habe sich einen Traum erfüllt und sei inkognito in einem Imbiss essen gegangen.“ (1)

In den Märchen von Tausendundeiner Nacht hatte der Kalif Harun al Raschid noch anonym und unerkannt durch Bagdad spazieren können, weil das Volk nicht wußte, wie er aussah. Diese Bedingung der Bewegungsfreiheit veränderte sich erst im fortgeschrittenen zwanzigsten Jahrhundert zuungunsten der meisten allgemein bekannten Persönlichkeiten. „Der Ruhm wurde zur Prominenz, und die Leute wurden zur Meute. Es grenzt an Kopfjägerei“, schrieb Erich Kästner 1952. „Der Nobelpreisträger, der Maler, der Staatssekretär, der Philosoph, der auf die Straße tritt, hat sein Privatleben verwirkt. Die Öffentlichkeit überfährt ihn wie ein Lastwagen.“ Kästner hatte Honoratioren, Intellektuelle, Künstler und Politiker vor Augen, als er seinem Widerwillen gegen die Belagerung und Belemmerung des prominenten Menschen Ausdruck verlieh: „Jeder Schritt und Tritt wird zum Auftritt. Das Leben wird zur Bühne. Und das Heim wird zum Gefängnis, worin er vom Draußen nur noch durch schwer entzifferbare Kassiber erfährt. Und noch zu Hause muß der arme Hund die Schlüssellöcher verhängen und den Kachelofen zum Papierkorb machen. Das klingt übertrieben? Es ist die reine, einfache Wahrheit. Die Lichtstärke des modernen Ruhms unterbricht den Kontakt mit dem Leben. Die Sicherungen sind durchgebrannt.“ Inzwischen sei es so weit gekommen, daß der Schauspieler Errol Flynn, um nicht erkannt zu werden, außer Haus eine künstliche Nase zu tragen pflege – eine Ausgehnase, sozusagen. (2)

Aus heutiger Sicht wirkt Kästners Sorge um die Seelenruhe der Nobelpreisträger, Maler, Staatssekretäre und Philosophen geradezu rührend, denn er konnte ja nicht ahnen, daß sich im frühen 21. Jahrhundert selbst die Opfer schwerster Gewaltverbrechen kostümieren und maskieren müssen, wenn sie den unterbrochenen Kontakt mit dem Leben in freier Natur wiederherstellen wollen, ohne dabei observiert, fotografiert und gefilmt zu werden. „Ein Paparazzo hat nach Angaben des Krankenhauses am Montag auf dem Gelände des Landesklinikums Amstetten-Mauer einen Wachmann niedergeschlagen“, meldet Spiegel Online. „Auf der Jagd nach einem Bild von den Opfern sei der Fotograf ins Klinikgelände eingedrungen. Als der 30 Jahre alte Wachmann den Eindringling verfolgt habe, sei er von diesem mit einem Schlagstock angegriffen worden. Der verletzte Wachmann konnte ambulant versorgt werden. Der Fotograf entkam unerkannt.“ (3)

1 Süddeutsche Zeitung, 19.5.2008, S. 10
2 Erich Kästner: Schamloser Journalismus. In: ders., Kästner für Erwachsene. Hrsg. von Rudolf Walter Leonhardt. Gütersloh [o.J.], S. 362 f.
3 Spiegel Online: „Paparazzo greift Wachmann in Fritzl-Klinik an


18.5.2008

Spiegel Online kündigt ein Interview an, das Elisabeth F. nach einem Bericht des Magazins Österreich demnächst dem Österreichischen Rundfunk geben werde. Der „Druck der Medien“ sei „offenbar zu groß“ geworden „und solle mit diesem Schritt in die Öffentlichkeit entschärft werden“. Das sei bei einem „Krisengipfel“ in der Klinik beschlossen worden: „Auch RTL habe sich um das Interview bemüht, Opferanwalt Herbst habe aber eine ‚österreichische Lösung’ vorgezogen.“ (1) Einige Stunden später folgt das Dementi: „Kein Interview, kein Krisengipfel, kein Befreiungsschlag“. (2)

Mit einem solchen „Befreiungsschlag“ wäre für Elisabeth F. ein für allemal die Hoffnung dahin, sich jemals irgendwo auf der Welt unter freiem Himmel aufhalten zu können, ohne sich zugleich auf freier Wildbahn zu befinden und vor Paparazzi in Deckung gehen zu müssen. Sobald Elisabeth F. ihr Gesicht zeigt, hat sie die Chance, nach ihrer Befreiung noch einmal so etwas Ähnliches wie ein normales Leben führen zu können, verspielt. Danach wäre es aus damit; dann würde auch kein Zeugenschutzprogramm mehr helfen. Dann würde es Elisabeth F. so ergehen wie Lady Diana, die ihren Weltruhm unvergleichlich viel billiger erworben, aber teuer bezahlt hat. Das dürfte auch dem „Opferanwalt“ bekannt sein, ebenso wie den begierigen Fernsehmenschen, die sich um ein Interview bemüht haben sollen.

Auf dem Gipfel seines eigenen frühen Ruhms hatte Bob Dylan schon sehr bald genug von dem Aufruhr, der damit einherging: „Kein Zufluchtsort war entlegen genug. Ich weiß nicht, was sich die anderen alle erträumten – ich jedenfalls träumte von einem Job von neun bis fünf, einem Haus in einer baumbestandenen Straße mit weißem Lattenzaun und rosa Rosen im Garten hinterm Haus. Das wäre nett gewesen. Das war mein sehnlichster Wunsch. Nach einer Weile begreift man, daß man sein Privatleben zwar verkaufen, aber nicht zurückkaufen kann.“ (3) Es ist die Frage, ob dem Anwalt der Familie F. diese Lektion bekannt ist und ob er sie seinen Mandanten begreiflich machen kann. Was für sie jetzt auf dem Spiel steht, ist ein Leben in Freiheit. Was die Mandanten andernfalls erwarten wird, hat Dylan hat in seiner Autobiographie geschildert: „Woodstock war ein Alptraum geworden, ein einziges Chaos. Es war an der Zeit, die Flucht zu ergreifen und nach neuen Horizonten zu suchen, und so geschah es. Wir zogen für eine Weile nach New York und hofften, meine Identität verheimlichen zu können, aber es erging uns dort nicht besser. Es war sogar noch schlimmer. […] Einmal wurde die Straße abgesperrt, vor unserem Haus hielten Fackelträger mit Genehmigung der Stadtverwaltung eine Mahnwache ab, und die Demonstranten führten einen wahren Affentanz auf. Die Nachbarn haßten uns. Auf sie muß ich gewirkt haben wie eine Gestalt aus dem Wanderzirkus, wie ein Ausstellungsstück aus dem Monstrositätenkabinett. Wenn sie mich zu Gesicht bekamen, starrten sie mich an wie einen Schrumpfkopf oder eine Riesenratte.“ (4) Dylan kam sich vor „wie ein Stück Fleisch, das man den Hunden zum Fraß vorwirft“, (5) und er hatte bereits Routine im Umgang mit Journalisten, Gaffern und Verrückten, aber woher sollen Elisabeth F. und ihre drei aus dem Kerker befreiten Kinder die Kraft und die Cleverness nehmen, mit der alle Prominenten der Brutalität ausgebuffter Medienprofis begegnen müssen?

„Die Klinik“, so heißt es, „wird von Elitepolizisten und einem privaten Sicherheitsdienst gegen die Medienvertreter gesichert.“ (6)

1 Spiegel Online: „Elisabeth Fritzl gibt erstes TV-Interview
2 Spiegel Online: „Elisabeth Fritzls Anwalt dementiert Interview-Termin
3 Bob Dylan: Chronicles. Volume One. Hamburg 2004, S. 121
4 Ebd., S. 121 f.
5 Ebd., S. 122
6 (siehe 2)


14.5.2008

Während Bild den überführten und in gewissen Grenzen geständigen Josef F. nach allen Regeln der Kunst als „Inzest-Monster“ abfeiert, beschränken sich seriösere Medien bei der Präsentation neuer Ermittlungsergebnisse auf die Rede vom „Inzest-Drama“, aber auch diese journalistische Notlösung der Aufgabe, den Kriminalfall in einer knackigen, allgemeinverständlichen und rasch erkennbaren Kurzformel zusammenzufassen, ist obszön. Vorläufig würde es jedenfalls noch niemand wagen, gegenüber Elisabeth F. in einem öffentlich geführten Gespräch ein so schmutziges, für den redaktionellen Alltagsgebrauch zusammengestoppeltes Wort in den Mund zu nehmen: „Frau F., was haben Sie bei dem Inzest-Drama empfunden?“ Wie ein modriger Pilz müßte dieses Wort allen Journalisten auf der Zunge zerfallen, die sich vorstellen könnten, was sie damit meinen.

Von der Bild-Zeitung ist Elisabeth F. unterdessen als „Sexsklavin“ etikettiert und vermarktet worden. (1)

1 Bild, 14.5.2008, S. 9


6.5.2008

Von seinen Entführern wurde Jan Philipp Reemtsma 1996 fast fünf Wochen lang in einem Keller angekettet gefangengehalten. Dieser Keller, hat Reemtsma geschrieben, bleibe „der zerstörerische Einbruch, die Vergewaltigung, die Exterritorialität, die plötzlich wieder dasein kann. Zuweilen gibt es Momente, in denen etwas wie eine Sehnsucht nach der reduzierten Situation darin aufkommt. Wenn das Leben zu schwierig und, verglichen mit den Schwierigkeiten, zuwenig lohnend erscheint, kann es sein, daß der Wunsch entsteht, wieder eine Kette am Fuß zu haben, wieder in einem sehr kleinen Raum zu sein, der so gut bekannt ist wie die ganze Welt nicht. Woher kommt dieser scheußliche Wunsch? Es ist ganz einfach: Im Keller hatten die Gefühle des Nicht-mehr-in-der-Welt-Seins ihren Ort. In der Welt haben sie keinen. Mit diesen Gefühlen bin ich nur im Keller zu Hause gewesen.“ (1)

Ob es so oder so ähnlich auch den befreiten Angehörigen der Familie F. ergehen könnte, hat selbstverständlich niemanden zu interessieren, dem sie es nicht freiwillig erzählen. Das einzige, was klar auf der Hand liegt, ist die Tatsache, daß die drei im Amstettener Keller aufgewachsenen Kinder und ihre Mutter sich keine realistische Vorstellung davon machen können, was es bedeutet, von Paparazzi gejagt zu werden und persönlich den Gegenstand der Neugierde einer ganzen Welt zu bilden.

Als Natascha Kampusch ihrem Entführer nach acht Jahren der Gefangenschaft entronnen war, benötigte sie außer ärztlicher und therapeutischer Hilfe groteskerweise auch Polizeischutz und einen professionellen Medienberater, der sie davor bewahren sollte, auf dem sogenannten Boulevard zerfleischt zu werden. Um einigermaßen würdevoll aus der Konfrontation mit den Medien herauszukommen, verfuhr Natascha Kampusch pragmatisch, zeigte ihr Gesicht im Fernsehen und gab mehrere Interviews. Seither ist sie eine Prominente, die damit leben muß, daß sie keinem Tanzvergnügen mehr nachgehen kann, ohne der Bild-Zeitung Material für einen Aufmacher zu liefern: „NATASCHA KAMPUSCH – Nach 8 Jahren im Keller-Verlies – Erste Liebe!“ (2) Fortsetzung auf Seite 9: „Zärtliche Küsse in der Disco“. (3) Die Phantasie versagt vor der Aufgabe, sich auszumalen, was Elisabeth F. und ihren mitgefangenen Kindern blühen könnte, wenn sie jemals das Risiko eingehen sollten, ein Leben in Freiheit zu führen.

1828 kreuzte in Nürnberg aus dem Nichts der junge Fremdling Kaspar Hauser auf, der seine Kindheit und frühe Jugend als isolierter Gefangener in einem finsteren Versteck verbracht hatte, wo er von einem Unbekannten mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt worden war. Der Fall dieses depravierten, der Sprache kaum mächtigen Findelkindes erregte internationales Aufsehen. Da es CNN, die Sun und die Bild-Zeitung noch nicht gab, blieb es Kaspar Hauser zwar erspart, Medienberater engagieren zu müssen, aber auch er hat sich in der ungewohnten Freiheit nicht befreit gefühlt. „Mit seinem Leben auf der Welt zeigte er sich nichts weniger als zufrieden; er sehnte sich zu dem Mann zurück, bei dem er immer gewesen“, heißt es in einer zeitgenössischen Quelle. „Zu Haus (in seinem Loch), äußerte er, habe er niemals so viele Schmerzen im Kopf gehabt, und man habe ihn nicht so gequält, wie jetzt auf der Welt. Er deutete damit auf die Unbehaglichkeiten und Schmerzen, welche die vielen, ihm ganz ungewohnten neuen Eindrücke, die verschiedenen ihm widrigen Gerüche usw. verursachten, wie auf die vielen Besuche der Neugierigen, ihr ewiges Fragen, und manche ihrer unbesonnenen, nicht eben humanen Experimente. Dem Manne, bei dem er immer gewesen, hat er daher auch weiter nichts vorzuwerfen, als daß er noch nicht gekommen, um ihn wieder nach Hause zu bringen, und daß er von so vielen schönen Sachen auf der Welt ihm gar nichts gezeigt, noch gesagt habe. Er will so lange in Nürnberg bleiben, bis er gelernt, was der Herr Bürgermeister und der Herr Professor (Daumer) wissen; dann soll ihn der Herr Bürgermeister nach Hause bringen, und dann will er dem Mann zeigen, was er unterdessen gelernt hat. Als ich ihm hierauf äußerte: wie er doch zu dem bösen abscheulichen Mann wieder zurück möge? fuhr er mich sanft zürnend mit den Worten an: ‚Mann nit bös, Mann mir nit bös tan.’“ (4) Eine Ahnung davon, welche Genüsse das Leben außerhalb des Lochs bereithielt, das so lange sein Zuhause gewesen war, ging Kaspar Hauser erst auf, als er zum ersten Mal den Sternenhimmel erblickte: „Sein Erstaunen und Entzücken überstieg jede mögliche Schilderung. Er konnte sich nicht satt daran sehen, kehrte immer wieder zu diesem Anblick zurück, faßte dabei die verschiedenen Sterngruppen richtig ins Auge und bemerkte die ausgezeichneten hellen Sterne mit ihren verschiedenen Farben. ‚Das’, rief er aus, ‚das ist aber doch das Schönste, was ich noch auf der Welt gesehen habe. Wer aber hat die vielen schönen Lichter da hinaufgestellt, wer zündet sie an, wer löscht sie wieder aus?’ Als man ihm sagte, daß sie, wie die Sonne, die er schon kenne, immer fortleuchteten, aber nicht immer gesehen würden, fragte er von neuem: wer sie denn da oben hinaufgesetzt habe, daß sie immerfort brennten? Endlich verfiel er, indem er, gesenkten Kopfes, unbeweglich, mit starren Augen dastand, in tiefes, ernstes Nachdenken. Als er wieder zu sich kam, war sein Entzücken in Schwermut übergegangen. Er ließ sich zitternd auf einen Stuhl nieder und fragte: warum jener böse Mann ihn doch nur immer eingesperrt gehalten und von allen diesen schönen Sachen ihm gar nichts gezeigt habe, er (Kaspar) habe doch nichts Böses getan. Er brach hierauf in ein langes, schwer zu stillendes Weinen aus, und sagte: man möge nun auch einmal den Mann, bei dem er immer gewesen, auf ein paar Tage einsperren, damit er wisse, wie hart dieses sei.“ (5)

An Kaspar Hauser drängten sich zunächst nur ein paar Neugierige heran sowie allerlei Quacksalber und Schlauberger und die ersten Vorboten des Sensationsjournalismus. Die Möglichkeit, sich unbehelligt am Anblick des gestirnten Himmels zu erlaben, ist den befreiten Kindern der Elisabeth F. noch nicht vergönnt gewesen: „Stetig wiederholen sich nun Meldungen, nach denen Journalisten, oder besser: Paparazzi, aus dem Krankenhaus hinausgeworfen werden müssen, in dem die Opfer untergebracht sind. Bisweilen ist dazu Gewalt nötig, weil die Reporter immerfort versuchen, das Gesicht der Frau zu fotografieren, von der einer ihrer Psychiater sagt, sie sei mit ‚übermenschlichen Kräften’ ausgestattet. Ein ganzer Reportertrupp hatte sich bis in das Direktorat der Klinik vorgearbeitet, bis das Personal die Eindringlinge entdeckte. Einige gruben sich im angrenzenden Wald regelrecht ins Erdreich ein.“ (6) Für die Befreiten stellt sich das Leben in der Freiheit nun so dar, wie es der Dichter Rolf Dieter Brinkmann 1973 in einem seiner rauschhaften Notate geschildert hat, elf Jahre vor der Einkerkerung der Elisabeth F. im Kellerverlies – „zack, die Öffentlichkeit, & wer ist das nicht?, hockt auf einen wie’n Bienen&Heuschreckenstaat“. (7) Der Wunsch der Befreiten, in das Verlies zurückzukehren, wäre ebenso verständlich wie die Bitte, das Privatleben dort künftig ohne Radio und Fernseher fortsetzen zu dürfen.

1 Jan Philipp Reemtsma: Im Keller. Hamburg 1997, S. 221 f.
2 Bild, 17.7.2007, S. 1
3 Ebd., S. 9
4 Anselm Feuerbach: Kaspar Hauser – Verbrechen am Seelenleben des Menschen. In: Ich möchte ein solcher werden wie … Materialien zur Sprachlosigkeit des Kaspar Hauser. Hrsg. von Jochen Hörisch. Frankfurt am Main 1979, S. 119–193, hier S. 155
5 Ebd., S. 167 f.
6 Cathrin Kahlweit: Im Kerker. In: Süddeutsche Zeitung, 6.5.2008, S. 11
7 Rolf Dieter Brinkmann: Schnitte. Reinbek 1988, S. 135


3.5.2008

Am Befinden und am Aussehen der befreiten Opfer des Privatkerkermeisters Josef F. sind außer ihren medizinischen und psychotherapeutischen Betreuern in der Klinik Amstetten-Mauer auch die Vertreter der vierten Gewalt interessiert. Der Primarius der Klinik, Berthold Kepplinger, hat sie bei einer Pressekonferenz um Gnade ersucht: „Ich bitte zu akzeptieren, dass die Opfer nicht an die Öffentlichkeit treten wollen und nach dem schrecklichen Martyrium ein Recht auf Privatsphäre haben.“ (1) Doch dieses Recht ist im frühen 21. Jahrhundert nicht so einfach durchzusetzen: „Kepplingers Klinikum wird inzwischen von einem externen Wachdienst abgeschirmt. Ein Fotograf hatte vorher das Krankenhaus nicht verlassen wollen, ein Journalist hatte sich mit einem Krankenhaus-Mitarbeiter fast geprügelt. Polizisten mussten Paparazzi von den Bäumen neben der Klinik schütteln, für ein Foto der Menschen aus dem Verlies kann man angeblich eine Million Dollar bekommen. Es gibt einen Markt für solche Bilder, es gibt Bedarf.“ (2)

Und es steht jetzt schon fest, daß irgendwann ein Foto zur Kenntnis der Weltöffentlichkeit gelangen wird, das ihr zeigt, wie eine Frau aussieht, nachdem sie von ihrem irrsinnigen und zugleich irrwitzig durchtriebenen Vater vierundzwanzig Jahre lang in einem Kellerverlies gefangengehalten und sechsmal geschwängert worden ist. Vierundzwanzig Jahre, in denen Elisabeth F. kein Sonnenlicht gesehen, aber mehrere Kinder aufgezogen hat, denen sie erzählen mußte, daß die Geschichten, die im Fernseher liefen, auf einem anderen Planeten spielten. Vierundzwanzig Jahre ohne Hoffnung auf Entlassung, ohne Zahnarzt, ohne alles, sechs Schwangerschaften ohne jede andere Versorgung und Betreuung als die durch den väterlichen Gewaltherrn, sieben Geburten ohne Hebamme und ärztliche Hilfe, und als einziger Trost die Gesellschaft der Kinder, die ihr Leben einem monströsen Gewaltverbrechen verdankten und ihrerseits von der Mutter über das Leiden an einem Dasein in ewiger Gefangenschaft hinweggetröstet werden mußten, über Jahre, in denen andere Kinder sich als Säuglinge auf Wiesen wälzten, als Halbwüchsige Schlittschuh liefen und in der Pubertät Aufregenderes erleben durften als gemeinsame Weihnachtsfeiern mit Josef F., der sich im Kerker als gütiger Familienvater aufgespielt haben soll, wenn nicht sogar als Gott.

Eingesperrt wurde Elisabeth F. von ihrem Vater 1984, als Achtzehnjährige. Da war Helmut Kohl gerade mal ein Jahr lang Bundeskanzler, und es begann eine schier endlos lange Amtsperiode, die inzwischen auch schon wieder seit vielen Jahren Geschichte ist. 1984 stand Madonna am Anfang ihrer Karriere, Andreas Brehme debütierte in der Nationalmannschaft, Prinzessin Diana brachte ihren zweiten Sohn zur Welt, Howard Carpendale gelangte mit „Hello Again“ in die Charts, und fast niemand kannte die sechzehnjährige Sportskanone Boris Becker. Der seit 1984 verstrichene Zeitraum ist doppelt so lang wie die gesamte Nazizeit, und in all diesen Jahren hat Elisabeth F. als Gefangene ihres Vaters in einer Kellerwohnung vegetiert, wenige Meter entfernt von ihrer Mutter, von der sie, nach allem, was man weiß, ebenso lange für verschollen gehalten und schmerzlich vermißt wurde.

Zur Ungeheuerlichkeit des an Elisabeth F. und ihren Kindern begangenen Verbrechens gesellt sich nun die Unverfrorenheit der sogenannten Boulevardpresse, die ein neugieriges Publikum mit Informationen über die befreiten Familienmitglieder und noch besser mit Fotos von ihnen beliefern will. Statt in Ehrfurcht vor den Leiden der Elisabeth F. und ihrer Kinder zu ersterben oder sich wenigstens auf das übliche Geschnatter über Boris Beckers Seitensprünge und Dieter Bohlens Harnröhrenbrüche zu beschränken, greifen die Reporter traumatisierte, behandlungsbedürftige Privatpersonen an, von denen man nicht sagen könnte, daß sie sich jemals in das Licht der Öffentlichkeit gedrängt hätten, und der österreichische Staat ist außerstande, die von den Bäumen geschüttelten Paparazzi mit Strafen zu belegen, von denen eine abschreckende Wirkung ausgeht.

Laut Spiegel Online steht Elisabeth F. und ihren Kindern „großer Rummel bevor: Für die Familie wurde ein Anwalt bestimmt, der ‚Medienkontakte’ koordinieren soll.“ (3)

1 Zitiert nach Holger Gertz: Das schrille Echo des Schweigens. In: Süddeutsche Zeitung, 3./4.5.2008, S. 3
2 Ebd.
3 Spiegel Online „Inzest-Opfern droht Dauerbelagerung“