Mixed Tape

Harry Nutt

Dylan

Wenn es Nacht wird, zündet Dylan eine kleine Leselampe an. Man kann ihn sich über einen Stapel Platten und Papier gebeugt vorstellen, aus dem er dies oder das herauszieht, um es wie ein ihm zugefallenes Fundstück in seine Radiostunde einzubauen. „It’s night time in the big city“ lautet stereotyp die Eröffnung von Bob Dylans „Theme Time Radio Hour„, jenes inzwischen legendäre Programm des Satellitensenders XM Radio, in dem er seine Archäologie des amerikanischen Liedguts betreibt. Als Musiker und Performer ist Dylan immer mehr zum Grabungsbeauftragten seines eigenen Werks geworden. Von Konzert zu Konzert navigiert er durch seinen Fundus und stößt dabei auf fast schon Vergessenes, das genau jetzt passt. Bob Dylan bewegt sich in seinem Werk wie ein aufmerksamer Wanderer, dem kaum etwas am Wegesrand entgeht. Ein Passant, der weiß, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte.

Zur Grundausstattung eines Konzerts von Bob Dylan gehören seit Mitte der neunziger Jahre eine Handvoll verlässlicher Parameter: pünktlicher Beginn, sparsames Bühnenbild (der Original-Oscar auf einem kleinen Altar neben der Orgel des Meisters), dezente Lichtdramaturgie sowie jeglicher Verzicht auf Songansagen und moderierte Übergänge. Aus der Sicht eines vergnügungsbereiten Konzertkonsumenten gleicht ein Abend mit Dylan eher einem Dacia Logan. It´s about what the people need.

Innerhalb des eingeübten Dylan-Hochamts stellt sich das natürlich ganz anders dar. Wie fängt er an, was kommt wann und was kehrt nach sehr langer Zeit ins Repertoire zurück? Hinzu kommen die Extras, und die machen aus dem Seriellen den Zauber des Vergänglichen. Die Arbeit am Masterpiece ist niemals abgeschlossen. Schon beim Einlass des Publikums ist unübersehbar, dass Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll früher einmal anders aussahen. Zu Dylan geht man nicht, man kehrt zu ihm zurück.

Im lyrischen Werk des Fahrensmanns gab es von Beginn an eine eigentümliche Diskontinuität des Zeitlichen. Alter Mann, junger Mann, alles vertauscht. „I was so much older than, I´m younger than that now” sang er. Oder: “The past was close behind.” Oder: “On the slow train, time does not interfere”., usw. … Wer will das alles deuten?

An der Art, wie der alternde Sänger sein und das amerikanische Liedgut ordnet, fasziniert die Würde und Beharrlichkeit, in der sich das alles vollzieht. Dem Role-Model seiner Zeit hätte es durchaus entsprochen, wenn einer wie Dylan früh gestorben wäre, vielleicht bei einem Mottoradunfall in Woodstock. Jetzt spielt er hier und da, wählt Stücke aus für seine Radioshow und bringt in unregelmäßigen Abständen Platten heraus. Er singt immer noch von Veränderungen (I´feel a change is coming on). Aber, heißt es auf der soeben erschienen „Togehter through life“, der letzte Teil des Tages ist schon fast vorbei.

Wird es bisweilen peinlich, wenn vom Einst gesprochen wird, entzieht es sich bei Dylan sofort der Verklärung. Gesungen klingt das so: You can always come back, but you can´t come back all the way.


Pop, Zeit, Leben

Als Gruppe fielen sie am U-Bahnhof Berlin-Zoologischer Garten schon wegen ihrer abweichlerisch uniformen Kleidung auf. Abgewetzte Lederjacken, -hosen und -kappen. Hier und da war auch eine mit aufgenähten Insignien ausgestattete Jeanskluft zu sehen, wie sie Fußball-Gangs im Stadion tragen. Hagere Männer, lange Haare, graue Bärte, Bier trinkend. Der offenkundige Wille zur modischen Einheit half den Eindruck bloßer Verwahrlosung zu kaschieren. Die meisten Passanten machten vorsorglich einen Bogen um die Gruppe, obwohl sie sich dem Fußgängerstrom, der von der kreuzenden S-Bahn den Weg in die U-Bahn suchte, keineswegs störend entgegen stellten. Allenfalls waren sie ein wenig lästig. Von der Szene aber ging nichts Gefährliches aus.

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In der großen Stadt begegnet einem der Phänotyp vergangener Juvenilität immer häufiger. Wenn dazu Musik erklingen soll, müsste es wohl Gitarrensound sein. Was einmal rebellische Wildheit verkörpert haben mag, ist nun deutlich Alterungsprozessen unterworfen. Zu dem als Assoziation bereit gehaltenem Bild des Sozialtypus Rocker fehlten am Bahnhof Zoo jedoch die Motorräder. Ohne das Dröhnen der Motoren ging von den hageren Gestalten ganz und gar nichts Kraftvolles aus. Stellt die Erscheinung motorisierter Rocker in vollem Ornat immer noch eine beeindruckende Demonstration der Stärke dar, so mutete die Gruppe in Lederkluft vorm U-Bahn-Eingang wie eine Abschiedsgeste an.

Während die Musik-Idole von einst den Weg auf die Bühnen des urbanen Konzertmarketings gelegentlich noch finden, hat der Rocker auf der Straße keine Alterungsform gefunden. Hier und da mag einer aussehen wie Willie Nelson, aber ihre Haltung hat keine Spur von der Entspanntheit des Elder Musician. Woher sollte es auch kommen? Wenn das Gefühl von Freiheit nicht in gewöhnliche Beruflichkeit gemündet ist, haben Rocker es im Alter schwer, ihre teuren Maschinen zu finanzieren. Nicht wenige verloren aufgrund von Alkoholproblemen ihren Führerschein. Wenn sie Glück haben und der Gruppenzusammenhalt funktioniert, werden sie gelegentlich noch als Beifahrer mit auf Tour genommen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der organisierten Rocker drückt sich darüber hinaus in eigenen Wach- und Sicherheitsfirmen aus. Man schätzt wohl ihre direkte Art, für Ordnung zu sorgen. Manche Gang sucht die kriminelle Aktivität als Einnahmequelle und Herausforderung und unterhält damit eine erstaunlich hohe soziale Verbindlichkeit. Das Bandentum als informelles Subsidiaritätsprinzip. Der Rocker auf der Straße trägt die dazu passende Kluft. Was einmal als Formation rebellischer Unangepasstheit, soziale Bedrohung und Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol daherkam, ruft heute vor allem den Eindruck von Bedürftigkeit wach. Was bleibt, ist das grandiose Versprechen von ein paar Akkorden.

„When you´re alone and life is making you lonely/you can always go – downtown” sang Petula Clark 1964. Ich ging noch nicht einmal zur Schule, als ich den Song das erste Mal hörte. Ohne zu wissen, was da gesungen wurde, so stelle ich es mir heute vor, habe ich begriffen, um was es ging. „Just listen to the music of the traffic in the city/linger on the sidewalk, where the neon lights are pretty.” Keine Frage, ich wusste, dass die Lichter in der imaginierten großen Stadt hell waren und alle dort auf mich warteten. „Downtown“ war meine Initiation in die Popsphäre, ein Versprechen auf alles, was noch kommen sollte.

Beim Hören alter Songs meint man manchmal, nach dem Einst noch greifen zu können, angetrieben vielleicht von der Erinnerung an erste sexuelle Erfahrungen oder das Bedürfnis danach. Während der Schulzeit waren die Spiele noch einfach, aber da waren Mädchen wie Carrie Ann, von denen die Hollies sangen: „You were always something special to me/quite independent, never caring“. (You´re so like a woman to me). Die Carrie Ann meiner Klasse hieß Maria, und wir liebten ihren unbedingten Willen zur Gegenwärtigkeit. Bei den Hollies schien deren Vergänglichkeit aber schon ein paar Zeilen später auf: „You lost your charm when you were aging/whrere is your magic disappearing?“ Es sind immer nur ein paar Augenblicke, in denen ein Gefühl für das Jetzt sich auszudehnen scheint. Auf Dauer zu stellen ist es nicht. Es braucht die Erfahrung des Alters, um die Geheimnisse der Zeiterfahrung zu durchschauen.

„First love is the moment/You can´t repeat/but you always own it“ singt ein in die Jahre gekommener Brian Wilson auf seiner aktuellen Platte „Lucky old sun“. Das Einst ist so gesehen ein in der Erinnerung verkapseltes Zeitkontinuum, das, obwohl es vor Fälschungen nicht sicher ist, nicht verloren gehen kann. Die Unmöglichkeit, es zu wiederholen, macht es zur biographischen Goldreserve. Die Verklärungen tragen zur Abrundung der Geschichte bei.

Brian Wilson, Komponist der Beach Boys, hatte sich irgendwann in den 60er Jahren in den Kopf gesetzt, den Sound einer radikalen Gegenwärtigkeit zu finden. Seine Welt war Klang, obwohl das Werk mit dem einfachen Namen „Smile“ unabschließbar schien. Der Mann hatte sich schwer verzettelt. Viele Mythen sind seither um Wilsons Geschichte, seinen Drogenkonsum, seine kreative Erschöpfung und die Konkurrenz zu den Beatles entstanden. Der Soundfrickler und Harmoniensurfer ist daran verzweifelt, den Klang seiner Zeit nicht gefunden zu haben. Nach einer kurzen Zeit am Strand hat er die nächsten 30 Jahre die meiste Zeit im Bett verbracht. Besonders gut ging es ihm da aber nicht.

Man hört es heute nicht ohne Rührung, wenn er in dem Lied „Southern California” singt: “Oh, it´s magical, I´m glad, it happened to me/Fell asleep in the bandroom/woke in history.” Vier Zeilen, die eine Zeit gloriosen Dabeiseins und eine des langsamen Entgleitens als künstlerische Bilanz resümieren. Der kalifornische Traum kommt nicht mehr in blumigen Sommerhemden daher.

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