Das akademische Tagesgeschäft I

Brigitte Aabach

Heute in der Sprechstunde eine Langzeitstudentin, die es im 17. Semester plötzlich eilig hat, die Magisterprüfung abzulegen. Noch in diesem Semester!

– Freut mich, dass Sie sich dazu entschieden haben. (Allen Magister-Studierenden hat die Hochschule schriftlich mitgeteilt, dass Abschlüsse nach der alten Studienordnung nur noch bis zu einem Stichtag möglich sind [wegen der Umstellung auf Bachelor und Master]). Ein Erfolg der Reform, sagt Prof. A. Aber die Studentin weiß nicht, wie sie das meint.

Das Immatrikulationsbüro (E-Mail) bittet darum, Frau Prof. Dr. A möge sich um Frau Cindy Herr kümmern, die Akte komme mit der Hauspost.
Zahlreiche Anfragen von Studierenden (trotz Internet-Anmeldung), ob sie noch in das oder jenes Hauptseminar aufgenommen werden könnten, oder ob sie (ausnahmsweise) noch in der zweiten Woche zugelassen werden könnten, oder ob Frau A sie prüfen werde, falls sie ins Hauptseminar (HS) kämen, oder auch so: Ich wähle Sie als Prüferin und müsste deshalb auch einen Platz in ihrem HS bekommen usw.

Eine möchte noch eine Hausarbeit verspätet abgeben dürfen, ein anderer braucht doch einen LN (Leistungsnachweis) statt eines TN (Teilnahmenachweis), dem dritten fehlt ein FD (Fachdidaktik)-Schein, während er einen Fach-Schein „zu viel“ hat. Und einer bekennt, dass er seine vereinbarte Hausarbeit nicht mehr fertig stellen werde.

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Sehr geehrter Frau A, im letzten Semester besuchte ich ihre Einführung in die X-Wissenschaften. Da ich seit Ende Mai diesen Jahres schwanger bin und gesundheitlich starke Beschwerden diesbezüglich hatte, konnte ich zwar zum Klausurtermin erscheinen, den Teilnahmenachweis jedoch leider nicht erlangen. Da sich diese Beschwerden seit dem stets verschlimmert haben und ich einige Zeit im Krankenhaus verbracht habe, habe ich es weder geschafft, Sie eher zu kontaktieren, noch den Kurs ein zweites Mal zu belegen. Besteht gegebenenfalls die Möglichkeit, diesen Schein durch eine andere Leistung, wie zum Beispiel eine ausführliche Hausarbeit o. Ä. zu bekommen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir eine Möglichkeit finden würden, denn der Klausurtermin in diesem Semester liegt zu knapp an der Entbindung. Herzlichen Dank im Voraus, mit freundlichen Grüßen…

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Sonstige Mails heute: Eine Dissertation liegt aus (Thema müsste hergeklickt werden), Sharper-Verlag, Einladung zur Institutskonferenz, zwei Gastvorträge, Suche nach Prüfer (Klausur zweimal, mündlich dreimal), ein Protokoll, Dollar-Erbe in Nigeria…

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Sehr geehrte Frau A, ich hatte Sie zum Ende des Sommersemesters schon einmal auf mein Fachpraktikum angesprochen. Ich bin in diesem Semester in Frankreich und arbeite hier an einer Schule als Fremdsprachenassistentin und würde mir gerne diese Zeit hier als mein Fachpraktikum anrechnen lassen. Ich habe mich im LAZ (Lehrerausbildungszentrum) informiert und grundsätzlich ist das möglich, sofern Sie damit auch einverstanden sind. Meine Frage wäre nun, ob Sie sich nun als „betreuende Lehrende“ dafür zur Verfügung stellen würden?
Ich habe im Sommersemester bei Ihnen das Seminar „Sekundäranalyse von Fallstudien“ besucht.
Ich bin noch 2 Monate hier und würde mir für das Praktikum dann die letzten 4 Wochen anrechnen lassen und versuchen in einer angemessenen Form die Inhalte des Seminars in meine Unterrichtsvorbereitungen mit einfließen zu lassen. Mit freundlichen Grüßen, S-M N

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– Täglich solche Informationen: Sehr geehrte Frau X, im Auftrag von Prof. Dr. X möchte ich Sie bitten, die angehängte Einladung zu einem Gastvortrag an alle
Institutsmitglieder/Fakultätsmitglieder weiterzuleiten. Vielen Dank. Mit freundlichen Grüßen…(Prof. A öffnet solche Anlagen nicht mehr, die SHK soll sie ausdrucken.)
– Der Kollege Prof. H von den Erziehungswissenschaften kündigt für dieses Semester wieder seine Vorlesung „Gutes Unterrichten“ (im Audimax) an, in der er besonders den Frontalunterricht kritisiert. Eine Pflichtveranstaltung für alle Lehrerstudenten – zum Mitschreiben.
– Frau Cindy Herr, erklärt die Hochschulverwaltung auf Nachfrage, sei die erste Bewerberin nach § 66(4). Wie Frau A sicher bekannt sei, habe die Landesregierung den Hochschulzugang für Berufstätige geöffnet.
Eine Studentin fragt Prof. A, ob sie das Staatsexamen abnehme. Sie sei bereits bei Prof. B gewesen (Lehrstuhlinhaber), der prüfe aber keine Fachdidaktik. Die Konstellation missfällt Prof. A. An anderen Unis werden die Prüfungen gleichmäßig verteilt auf alle Prüfungsberechtigten. Diese Methode missfällt A auch. Ich prüfe Sie, wenn Sie auch Kollege B prüft.

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Die „Projektstelle für Gender-Studien in Forschung und Lehre“ mailt:
Hiermit möchte ich Sie zu dem Vortrag von Frau Prof. Dr. RG im Rahmen der Ringvorlesung „Gender-Studies“ einladen: „Die – performativ produzierte – Hinfälligkeit des (Geschlechts-)Körpers: Der Körper gilt als (Wahr-)Zeichen des Geschlechts, als chiffriertes Zeichen bioästhetischer Selbstformungs- und Optimierungstechnologien. (Digitale) Schönheiten der Kulturindustrie präsentieren den perfekten Körper nach Maß, der den lebendigen, hinfälligen Leib hinter sich lässt, (das könnte peinlich werden) aber in der Maßlosigkeit künstlicher Operationen umso schneller verfällt. In der Verkörperung ewiger Jugend und sexueller Attraktivität bildet der Körper das Maß aller Dinge wie auch die Maßlosigkeit allen Begehrens: Er wird zum ästhetischen Zeichen eines imaginären Raums, in dem der Körper die Grenzen des Geschlechts überschreitet. Zugleich wird das Geschlecht in seiner täuschenden Natürlichkeit wieder eingeführt“ usw. (Wenn sie so auch in der Vorlesung redet…)

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Es erschienen 12 StudentInnen, die problemlos versorgt werden konnten, erzählt der Institutsdirektor. Weil sich Beschwerden von Studierenden über volle Seminare häuften und auch über Verzögerungen im Studium, weil sie nicht zu Seminaren zugelassen worden seien, obwohl es sich um Pflichtveranstaltungen handle – bei über dreitausend ein Problem, das gleichwohl nicht sein soll – hatte er in der zweiten Vorlesungswoche eine Härtefallsprechstunde angeboten mit dem Versprechen, dass jeder, dessen Studienzeit sich aus diesem Grund zu verlängern drohe, einen Seminarplatz nachgewiesen bekomme. Einer war in der dritten Woche bei A aufgetreten: „Sie müssen mich noch zulassen.“ (In der ersten und zweiten Woche hatte er es gar nicht versucht.)

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– Institutskonferenz heute Abend abgesagt.
– Ausschreibungstext W3 im Umlaufverfahren, Mail an alle, wer nicht antwortet, hat genehmigt. In diesem Semester werden in der geisteswissenschaftlichen Fakultät mehr Professuren neu besetzt als in den dreißig Jahren davor.
– Wir wussten nicht, an wen wir uns wenden sollten, klagt das Immatrikulationsbüro, wir können doch diese Person ohne Abitur nicht einfach einschreiben. Andererseits hat sie ein Recht darauf.

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Der Präsident verkündet unter den besonderen Leistungen seiner Universität die Absicht, in Zusammenarbeit mit der C-Stiftung ein effektives Qualitätsmanagement der Lehre zu installieren. Unerwähnt lässt er die soziologische Studie eines Hochschulmitglieds zu dem Geschäftsmodell jener Firma C, die einerseits als Politikberatung die Privatisierung von öffentlichen Aufgaben fordert und andererseits als Konzern diese Leistungen privatwirtschaftlich anbietet.

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Aus dem Briefwechsel zwischen Hochschulverwaltung und Cindy Herr geht hervor, dass sie bereits ein Rechtsanwaltbüro beauftragt hat, ihre Rechte wahrzunehmen. Sie arbeitet als Notariatsgehilfin und möchte nun Gymnasiallehramt studieren.

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E-Mail-Verkehr:
Institutskonferenz, neuer Termin. (Frau A muss eine Besprechung verlegen.)
Sehr geehrte Frau A, ich habe gestern vom Landesprüfungsamt erfahren, dass ich zur integrierten Ersten Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe I im Fach N im kommenden Frühjahr zugelassen bin. Da das aufgrund meiner Fächerkombination bis gestern noch nicht sicher war und nun auch nur auf Basis des Vertrauensschutz möglich ist, habe ich auch noch keinen Klausursteller für die Sek. I-Prüfung. Ich habe heute Rücksprache mit Herrn X gehalten, der mir geraten hat, sie deshalb zu kontaktieren, da ich auch im WS 05/06 in ihrem Seminar XY den für mein Studium benötigten fachdidaktischen qualifizierten Studiennachweis erbracht habe. Ich hoffe nun, dass Sie mich noch prüfen können. Über eine schnelle Antwort würde ich mich freuen, da ich dem Prüfungsamt noch Rückmeldung geben muss.

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Im Auftrag des Dekans bitte ich um Kenntnisnahme…
Der DD hat auch für das kommende Jahr das Matching-Funds-Stipendienprogramm für ausländische Studierende ausgeschrieben, das der Hochschule voraussichtlich 25 000 € Stipendienmittel zuweist, wenn in mindestens gleicher Höhe Stipendienmittel für ausländische Studierende von privaten Drittmittelgebern eingeworben werden.
Voraussetzung für die Antragstellung ist der Nachweis bzw. die Absichtserklärung des Drittmittelgebers über die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel für Stipendien für ausländische Studierende.
Als Matching Funds gelten Drittmittel von Unternehmen, privaten Spendern, Stiftungen oder ausländischen Regierungen (Drittmittelgeber), die auf ein entsprechendes Hochschulkonto eingezahlt wurden und explizit für Stipendien für ausländische Studierende und Doktoranden ausgewiesen sind. Wenn Sie Drittmittel eingeworben haben, könnten Sie vielleicht Drittmittelgeber dazu bewegen, einen Teil der Summe als Stipendien für ausländische Studierende zu deklarieren, insbesondere wenn ein bestimmter ausländischer Student in dem betreffenden Drittmittelprojekt mitwirkt.
Bitte leiten Sie den beiliegenden Brief an die Professoren und Professorinnen und andere Interessierte Ihrer Fakultät weiter. Deadline beim DD ist der …Deshalb bitte ich um Ihre Meldungen über eingeworbene Drittmittel bis spätestens Freitag.

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Sehr geehrte Frau Prof. A,
wie ich heute Vormittag vom Staatlichen Prüfungsamt erfahren habe, kann ich die Sek I- Prüfung doch nicht als integrierte Prüfung ablegen. Vielen Danke, dass sie sich bereit erklärt haben, mich zu prüfen. So wie es jetzt allerdings aussieht, kann ich erst nach bestandener Ersten Staatsprüfung in Sek II die andere Prüfung ablegen. Ich würde dann aber gerne auf ihr Angebot zurück kommen, wenn ich vom Prüfungsamt aus zur Prüfung zugelassen werde.
Vielen Dank nochmals.

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Aufstellung über eingeworbene Drittmittel bis Ende nächster Woche. Vor einigen Jahren hätte ein Weltkonzern viel Geld gestiftet, aber der Name des Firmengründers bekam in den Gremien keine Mehrheit, heute würde die Hochschulratsmehrheit dafür bezahlen, die Uni nach einem profitablen Mittelständler benennen zu dürfen. (Jener Weltkonzern ist inzwischen vom Markt verschwunden, und dieser wartet noch auf höhere Angebote.)

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Im Türschloss rumort ein Schlüssel. „Es ist offen“, ruft Prof. A, ohne jedoch gehört zu werden. Nach einiger Zeit merkt es der Schlüsselgewaltige und tritt ein, zusammen mit einem jüngeren Herrn. Den Gruß von Prof. A erwidern sie einsilbig, stellen sich auch nicht vor, sondern sehen sich im Raum um, als seien sie alleine. Der eine kündigt die Renovierung an, selbstverständlich, die Verlegung der Zwischenwand (der ist also von der Gebäudeverwaltung). Wer trägt die Kosten, erkundigt sich der andere. Selbstverständlich wir. Weil die Fakultät… Auch der Bodenbelag kommt neu rein, das machen wir alles. Wenn etwas so abgenutzt ist!

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E-Mails: Protokoll des Fakultätsrats, Einladung zur Ringvorlesung, Verlagswerbung, Verabschiedung Prof. H, EU-Forschungsmittel, Sicherheitsbeauftragte der Hochschule wegen Brandschutz, Eröffnung des Habilitationsverfahrens NN, Ankündigung Hearing W 2 – Professur.…
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Hoffentlich gelten Ihre Ankündigungen auch für mein neues Büro, schaltete sich nun Prof. A ein. Der ironische Unterton kam schlecht an: Alle Fächer und Fakultäten werden von uns selbstverständlich gleich behandelt, Schönheitsreparaturen erfolgen in regelmäßigen Intervallen usw. Jetzt stoppen Sie Ihren Rechtfertigungswasserfall, immerhin ist dieser Boden nicht erst seit heute abgelatscht, in den letzten dreißig Jahren wurde hier nichts erneuert. Da muss ich Sie korrigieren, die Wände wurden gestrichen! Und von der Decke bröselt Asbeststaub. Unterstellung, wir haben genau gemessen, es ist nichts nachweisbar. Wer’s glaubt. Wir gehen jetzt besser.
Die Wirtschaftswissenschaften expandieren, die Geisteswissenschaften müssen weichen.

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Es ist mit Sicherheit eine zentrale Aufgabe der Hochschule, also des Präsidiums, notiert Frau A, allgemeine Richtlinien für die Umsetzung des Hochschulzugangs von Nichtabiturienten zu beschließen, und schickte die Akte Herr wieder an den zuständigen Referenten zurück.

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Lehrbeauftragte, hiermit bitte ich Sie um die Ankündigung folgender Lehrveranstaltung im Rahmen Ihrer eigenen Vorlesungen und Seminare: Es wird aus Überlastgründen im laufenden Semester noch ein Blockseminar angeboten, Vorbesprechung ist bereits kommende Woche Mittwoch – es sind noch eine Reihe Plätze frei! Nähere Informationen für das betreffende Proseminar Nr. 031340 bitte ggf. in der VVZ-Datenbank abrufen. Mit freundlichen Grüßen

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Liebe Frau A, der Prüfling Anne Sch. kann aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Prüfung am …. teilnehmen. (Vielleicht könnte die Prüfung auch ohne die Kandidatin? Wäre das nicht allen das liebste?)

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Zwei Studentinnen wollen wechseln ins Lehramt Grundschule im dritten Semester. Viele, die fürs erste Semester keine Zulassung bekommen haben, versuchen es so, weil für die höheren Semester kein Numerus clausus mehr gilt. Ja, aber warum kommen Sie damit zu mir? Herr Prof. E schickt uns. Das wundert mich, denn er ist selbst für die Anerkennung Ihrer Leistungsnachweise zuständig. Das hatten wir auch gedacht, weil die Studienberatung uns seinen Namen genannt hat. Ist mir ein bisschen unangenehm, aber ich muss Sie wieder zurück schicken zu Prof. E. Wir haben extra schon die Einführungen und einige Proseminare gemacht, weil wir immer wechseln wollten. Können Sie es mir noch mal erklären: Sie wollen also den Studiengang von HRGe auf G wechseln, das geht doch problemlos. Ja, das haben wir auch gehört. Welche Fächerkombination haben Sie denn? Katholische Theologie und Sport. Ach so. Wir wollten aber immer Deutsch studieren. Ach so: dann wollen Sie ein Fach wechseln. Das ist ein anderer Fall, dazu müsste Ihnen aber die Studienberatung kompetente Auskunft geben können, Sie müssten erstmal in Deutsch immatrikuliert sein, bevor Leistungen anerkannt werden können. Wir werden das herausfinden, vielen Dank! – (Warum schickt dieser E die Leute zu mir? Was soll das? Was wollen sie eigentlich? Sie haben in Deutsch Seminare besucht….aber sie waren nicht eingeschrieben für Deutsch! Wollen sie sich gleich ins dritte Semester mogeln? Oder können die angehenden Lehrer nicht zwischen Studiengang und Fach unterscheiden? Oder meinen sie, wir würden den Unterschied nicht merken? Warum sagt ihnen E. nicht klar: nur wer das Fach bereits studiert, kann den angezielten Abschluss noch wechseln. Wie kommen die auf die Idee, sie müssten ein neues Fach nicht vom ersten Semester an studieren?

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SHK (Studentische Hilfskraft)-Mittel sind freigegeben, Anträge bis Ende nächster Woche. Informationsveranstaltung zur neuen Prüfungs-Software (die nicht funktioniert)…

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Der Leiter des Dezernats für Studium und Lehre ruft an, in der Sache Herr. Kann ich mir denken! Selbstverständlich sind Sie nicht zuständig Frau A. Sie selbst sind zuständig, ja, schon, aber ich kann den Fall nicht lösen, und die Frau drängt, die steht hier bei mir auf der Matte. Sicher brauchen wir mittelfristig eine Ordnung für unsere Hochschule, aber das geht nicht so schnell durch die Gremien. Der Gesetzgeber hat keine Übergangsfrist vorgesehen, jeder Berufstätige kann sich ab sofort um einen Studienplatz bewerben. Find’ ich überraschend. Nun, wir müssen ihn nicht zulassen, wir können ihn zulassen, heißt es im Gesetz. Die Hochschule darf auswählen. Wir dürfen und sollen sogar die Studierfähigkeit feststellen. Und das kann nicht die Verwaltung, das müssen die Fächer machen. Aber dann hätten Sie diesen Auftrag an die Institutsleitung oder an die Fakultät geben müssen. Wir haben die Dekane informiert, aber jetzt brauchen wir eine Einzelfalllösung. Und da haben sie an mich gedacht. Sie haben doch in der Vergangenheit bereits diese Einstufungsprüfungen und Eignungsprüfungen betreut. Ich weiß mir anders nicht zu helfen, darf ich ihnen die Akte wieder schicken?
Aber dann wenigstens auf dem Dienstweg, über den Dekan.

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E-Mail Kontrolle: E-Learning, Zugangsdaten Internetplattform, Forschungsbericht bis 15. (Di), am Freitag Teil des Parkplatzes gesperrt, Studienabschlussbescheinigungen.
Im Vorfeld des Besuches von Jordanien durch den Ministerpräsidenten wird
gefragt, ob und wenn ja, welche aktiven Beziehungen wir zu Jordanien
unterhalten und ob es in diesem Zusammenhang ggf. ein Projekt oder eine
Einrichtung gibt, die vom MP besucht werden könnte. Bitte melden Sie mir Ihre Antworten bis Montag

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Der Institutsdirektor, teilt seine Sekretärin mit, kann den beantragten Lehrauftrag für die Teilung der Einführung leider nicht genehmigen (keine Mittel mehr (es handelt sich um 750 Euro)). Deregulierung und Privatisierung in der Finanzwelt vernichten jetzt richtig Geld, in der Bildungsbranche senken sie nur das Niveau der Absolventen. Spart der Staat hier die Milliarden, die er dort verpulvert?)

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Vor der Tür warten bereits Studierende, im Büro ist der Schreibtisch verrückt, die Fensterseite des Regals leer geräumt, der PC vom Netz getrennt, das Telefon tot, Kabelenden sind über den Lampenarm gehängt. Winterkälte schlägt Professor A entgegen, ein Heizkörper abmontiert, der zweite abgedreht. Sie öffnet die Tür ganz, um etwas Wärme vom Flur umzuleiten. Chaotische Zustände an der deutschen Universität, stimmt es doch? Professor A soll im Hause umziehen, bereits seit sechs Wochen hat sie Bücher und Akten in Umzugskisten verpackt, doch ihr zukünftiger Raum wird nicht frei, weil, wie die Kollegen dort versichern, der Trakt, in den sie wechseln sollen, noch renoviert werden muss. Um solche Baumaßnahmen zu koordinieren, beschäftigt die Uni einen Oberregierungsbaurat, dem vier Abteilungsleiter unterstellt sind, jeweils mit Sachbearbeitern und Sekretärin. Prof. A kann jedoch keinen von der Gebäudeverwaltung erreichen, nicht nur weil diese ihre Kommunikationswege gekappt hat. Die Dekanatssekretärin, so ein Zettel an ihrer Tür, hat heute frei. Der Fakultätsgeschäftsführer telefonierte gerade. Prof. A wartet auf dem Flur. Drei Stockwerke höher warten die Studierenden. Vielleicht kann die Rechnerbetreuung helfen, denkt sie, aber ist nichts. Der Geschäftsführer kommt im Mantel durch die Tür. Ach, Entschuldigung, da sind Sie ja noch. Büro lahmgelegt? Ja, das geht natürlich nicht, ich werde mich sofort kümmern. Solange Sie es noch mit Humor nehmen können. Ich hab’s notiert. Dann verschwindet er zum Rauchen. Prof. A verkabelt nun selbst neu – mit Hilfe eines Studenten, den sie prüfen sollte. Der Oberregierungsrat nimmt nicht ab, später ruft er zurück. Weiß von nichts, will sich aber informieren.

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Der Präsident an alle, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist: Sehr geehrte Herren Professoren…Dann folgt eine Ermahnung, die in den Prüfungsordnungen vorgeschriebenen Fristen zur Erstellung der Erst- und Zweitgutachten einzuhalten. Insbesondere beim Übergang vom Bachelor- in einen Masterstudiengang entständen Studierenden bei verspäteter Vorlage ihres Zeugnisses häufig gravierende Nachteile.
Cindy Herr bittet Frau A um Antwort auf ihre Bewerbung, da sie gehört habe, dass die Akte bei ihr liege.

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Ein Mitarbeiter der Gebäudetechnik meldet sich telefonisch mit der Erklärung, es sei ein Missverständnis: die Handwerker sollten im Büro nebenan anfangen. Jetzt ist es schon passiert. Kann ich Ihnen jetzt noch irgendwie helfen?
Ihr neuer Raum wird morgen fertig, wusste er. Prof. A war nicht informiert worden, der Umzug sollte bereits in der vorlesungsfreien Zeit stattfinden, das war die Bedingung gewesen. Jetzt kann sie zwischen zwei Seminaren anfangen, die Aktion zu organisieren: die Hausmeister bitten, die Hilfskraft instruieren, selbst die wichtigen Sachen packen. Das Forschungsprojekt lagert bereits in Umzugskisten.

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Frau A bietet in diesem Semester 5 Veranstaltungen an (Lehrverpflichtung 9 SWS). Zwei Hauptseminare (einmal 90 und einmal 60 Teilnehmer), eine Einführung mit 130 Teilnehmern, ein Examenskolloquium mit 30 Prüfungskandidaten und eine einstündige Praktikumsbetreuung. Sie kann also nicht klagen, sie muss sehen, wie sie zurecht kommt. Ihre Studenten kennt sie allerdings nicht mehr. Ein neues Forschungsprojekt beantragt ist vorerst nicht. Die Einführung teilt sie.

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