Der junge Mann / der alte Mann

Michael Rutschky

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Dies ist der Fall, anhand dessen das Schema einst/jetzt die größte Plausibilität gewinnt, der individuelle Lebenslauf. Der alte Mann, den Sie unten sehen (jetzt), sah einmal so aus, wie der junge Mann oben (einst), und es besteht kein Zweifel, wer besser aussieht, nicht wahr. Einst war man hübsch und cool, jetzt ist man „uffjedunsen“ (Max Goldt) und hat Tränen in den Augen vor Wut (wenn man das Bild des jungen Mannes, der man einst war, betrachtet). Was von einst nach jetzt abrollt, das ist ein Prozess des Verfalls, der im Tod der Person endet, womit der individuelle Lebenslauf abschließt. Wenn der Tod eintritt, wird der individuelle Verfall so weit fortgeschritten sein, dass man das Ende begrüßt.

Der junge Mann oben ist 36 Jahre alt. Er fotografiert sein Spiegelbild, im Badezimmer der möblierten Wohnung, München-Schwabing, in der er vorübergehend haust. Zwar kann er sich immer wieder sagen, dass er einen Traumjob ergattert hat, Redakteur bei einer renommierten Monatszeitschrift – während seinesgleichen angstvoll an akademischen Karrieren bastelt, die nur schlecht in Gang kommen – doch verraten die Schatten unter seinen Augen tiefe Depression. Er bekommt hier nicht, was er sich wünscht; die Angestelltenexistenz bietet keine Traumerfüllung. Die Zukunft hält eine unglückliche Liebe für ihn bereit; in fünf Jahren erleidet er einen schweren Herzinfarkt.

Der alte Mann unten kann darauf verzichten – worauf der junge Mann oben großen Wert legt, trotz allem – : cool und hübsch zu erscheinen. Er kann nicht sehen, was er fotografiert, er hält sich die Kamera vors Gesicht und nimmt billigend in Kauf, dass er gewiss scheiße aussehen wird, ja, das erfüllt ihn sogar mit einer gewissen Befriedigung, dass er auf seine Körperschönheit keinen Gedanken mehr verschwenden muss (Gedanken, die den jungen Mann unter zusätzlichen Problemdruck setzten). Er steht am Meeresstrand, auf der Ostseeinsel Rügen; vor Augen hat er (außer der Kamera) das Städtchen Binz, (das, wie er voller Befriedigung feststellt, jedes Jahr, das er hierher kommt, hübscher wird). Längst hat er die Büroexistenz hinter sich gelassen, „das ist schon nicht mehr wahr“. Längst ist er aus dem verhassten München nach Berlin zurückgekehrt, Berlin, das unterdessen wieder die Hauptstadt Deutschlands ist.

So könnte man zwischen Einst und Jetzt, statt einer des Verfalls, eine Erfolgsgeschichte ausspannen. Der Lauf der Begebenheiten führt von unten nach oben; der Forschritt bestimmt das Verhältnis von Einst und Jetzt. Dass der junge Mann hübsch aussieht, der alte scheiße, das ist ohne Belang.

Ich vermute aber, dass wir jetzt, in der Gegenwart, diese Erfolgsgeschichte nur äußerst selten sich entfalten sehen. Jetzt, in der Gegenwart, wird in der Regel vom Verfall erzählt, der ein glorioses oder wenigstens wohlgestaltes Einst längst ereilt.

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