Ein neuer Untergang des Amerikanischen Imperiums

Stephan Wackwitz

Seit es Imperien gibt, freuen wir uns an ihrem Untergang. Mein Lieblingsimperium im Untergang ist das Römische. Es muss irgendwann in den achtziger Jahren gewesen sein, dass Enzensbergers „Andere Bibliothek“ einen Band aus Gibbons „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ zusammenstellte, den ich, vollkommen hingerissen, ein Wochenende lang auf meinen diversen Fahrradtouren dabei hatte. Ein paar Jahre später dann schenkte mir mein Vater, der sich eine bessere Ausgabe angeschafft hatte, die vollständige „Everymans“-Edition des „Decline and Fall“. Und für ein halbes Jahr, bis zum Einsetzen irgend einer anderen Obsession, bildete der amazonasbreite, mit der Autorität eines Naturereignisses dahinrollende Prosastrom des großen Whig-Historikers die Beschäftigung meiner morgendlichen Frühstückslektüresitzungen. Ich habe mich nie von der Vorstellung freimachen können, dass nicht nur Churchills Prosa (von der man es weiß) von Gibbon beeinflusst ist, sondern auch die Bücher W.G. Sebalds, der Gibbon aus irgendeinem Grunde nie erwähnt – wobei doch dieser Einfluss auf mein großes stilistisches Vorbild eigentlich viel deutlicher ist als derjenige Sir Thomas Brownes, den Sebald als Muster seines Schreibens enthusiastisch beschrieben hat. Wozu passen würde, dass Sebald ja eh alles Vorhandene und auch nur Denkbare als in unaufhörlichem Niedergang begriffen sieht.

Viel später dann, als ich schon in Amerika war, hat mir wiederum mein Vater Peter Heathers Buch über die letzten Jahrzehnte des weströmischen Reichs empfohlen. Als eindrücklichste Erinnerung an meine Lektüre dieses so lustigen wie bewundernswert gedankenvollen und trennscharfen Buches ist mir ein schneesturmgebeuteltes Februarwochenende in Chicago unvergesslich. Zwischen dem „Art Institute of Chicago“ und „Buddy Guys Blueshouse“, in verschiedenen Coffeeshops, auf durchgefrorenen Architekturspaziergängen, beim Hotelfrühstück, auf wintersonnengleissenden Spaziergängen am meergroßen Lake Michigan schleppte ich Heathers „The Fall of the Roman Empire“ damals ein paar Tage unentwegt mit mir herum und kam sogar jeden Abend im Bett bis spätnachts nicht von dem Buch los. Es ist schwer zu sagen, warum gerade die große Erzählung von Aufstieg und Fall, Machtüberdehnung, Dekadenz, von Kindkaisern, Eunuchen, Bischöfen, Barbarenherrschern, von Grenzgegenden und einsamen, heroisch kompetenten Rettergestalten (dem großen Flavius Aetius zum Beispiel, von dem man so gut wie nichts weiß) eine so anhaltende Faszination bewahrt über die Jahrhunderte. Auf verzwickte Weise wird es mit der alten epikuräischen Metapher des „Schiffbruchs mit Zuschauer“ zu tun haben. Wir sehen es gern, wenn ein imperiales Staatsschiff in barbarischen Wellen untergeht. Eine höhere Form der Schadenfreude und Sensationslüsternheit ist hier am Werk. Dabei hatte ich im Herbst 2008 ganz individuelle und zeitgenössische Nostalgiegründe, von meiner Upper East Side öfter mal nach Midtown hinunterzufahren, ins Epizentrum des derzeit aktuellen amerikanischen Untergangs.

Als ich ein Jahr zuvor Carmen kennengelernt und – ein paar Monate intensiver Werbung später – dann eine Weile lang irgendwie für mich gewonnen hatte, war etwas wie skeptische Erleichterung die generelle Reaktion in meinem Freundeskreis gewesen. Es schien in einen realistischen Umkreis der Denkbarkeit gerückt, dass ich endlich einmal längerfristig unter die Haube käme. Dass, anders gesagt, die Meinen zukünftig nicht mehr jedes halbe Jahr eine neue Erzählung von erotischem Aufbruch sich würden anhören müssen – und Monate später den (von ihnen insgeheim-resigniert vorausgesehenen) Niedergang wieder einer meiner „Beziehungen“ zu konstatieren hätten (mein ganz persönlicher Schiffbruch mit Zuschauern). Hoffnung gab meinen Beobachtern vor allem, dass Carmen zwar jünger als ich, aber nicht so lächerlich offensichtlich in dem Alter der Tochter war, die ich, wenn es in meinem Leben mit rechten Dingen zugegangen wäre, inzwischen haben könnte. Während ich selbst mich inzwischen längst mit der Weisheit des Aliens „Alf“ tröste, der auf die Auskunft in seiner irdischen Gastfamilie, der alte Eisschrank sei kaputt und man könne ihn nicht mehr reparieren, mit dem tiefen und erfrischenden Sinnspruch antwortet: „Was man nicht reparieren kann, das ist auch nicht kaputt.“

Jedenfalls war Carmen Anfang (im Vertrauen gesagt: sogar fast schon Mitte) Vierzig. Und von einem Typus gepflegter, lediger oder geschiedener, jedenfalls kinderloser Bewohnerinnen Manhattans, die sich glaubwürdigerweise nicht mehr die Nächte im East Village um die Ohren schlagen können. Die man sich aber auch noch nicht an der Seite eines golfspielenden Tycoons vorstellt. Vor allem deshalb nicht, weil es auch in Manhattan nicht entfernt so viele Tycoons gibt, wie für die Verwirklichung dieser Vorstellung notwendig wäre. Das Leben dieser Frauen-, Ziel- und Konsumentengruppe in Manhattan ist ausgespannt zwischen erotischer, beruflicher und intellektueller Überqualifikation und dem endgültigen Verfallsdatum ihrer Attraktivität. Sie sieht sich filmisch in der Fernsehserie „Sex and the City“ dargestellt und wird modisch, kosmetisch, literarisch und ideologisch betreut unter anderem durch das Medienimperium einer in Europa zwar irgendwie bekannten, in ihrer Bedeutung aber unzureichend gewürdigten Unternehmerin, Identifikationsfigur und Lebenslehrerin namens Oprah Winfrey. „Oprah“, die ihren Aufstieg allerlei Quiz- und Kosmetiktipp-Sendungen im amerikanischen Fernsehen der achtziger Jahre verdankt, ist in den letzten Jahren – angeregt vielleicht vom geschäftlichen Erfolg der evangelikalen Erweckungskirchen – namenlos reich geworden unter anderem auf einem Geschäftsfeld, das man (grob und gleichsam ins Unreine gesagt) mit dem Kunstwort „Psychoanalytisch-Spirituelle self-improvement-Kult-Industrie“ umschreiben könnte.

Man muss das ein bisschen genauer erklären. Man könnte die mit diesem komplexen Ausdruck hier gemeinte Erweiterung der seit den fünfziger Jahren etablierten self-improvement-Geschäftsidee in ein neuheidnisches Kirchenimperium an der Firmenkarriere eines gewissen Wayne W. Dyer wie unter dem Vergrößerungsglas studieren. Im Grunde aber muss man (wie so oft im Leben) nur in William James‘ „The Varieties of Religious Experience“ nachlesen, der dem „New Thought Movement“ – einem schon im neunzehnten Jahrhundert teilweise sektenförmig organisierten Psycho-Kult – bescheinigt, man müsse diese Bewegung als eine wirkliche religiöse Macht schon deshalb ernstnehmen, weil die Nachfrage nach den entsprechenden Gedankenkuren bereits allerlei Quacksalber und Scharlatane dazu veranlasst habe, ihre Waren auf den Buchmarkt zu werfen – „ein Phänomen, das man meiner Erfahrung nach nur beobachtet, wenn eine Religion ihre unsicheren Anfänge schon hinter sich gelassen hat.“ Die „New Thought“- oder auch „Christian Science“-Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts ist das unmittelbare historische Vorgängerbeispiel des weit verzweigten und strategisch tief im Alltagsbewusstsein verbunkerten religiös-kulturindustriellen Komplexes, von dem hier die Rede ist. „Eine der geistigen Quellen der Gedankenkur“, schreibt William James, „sind die Evangelien; eine andere Ralph Waldo Emerson und der New England Transcendentalism. Andere sind Berkeleys Idealismus oder der Spiritualismus Swedenborg’scher Prägung mit seiner Verkündigung von >Gesetz<, >Fortschritt< und >Entwicklung<; weitere Bestandteile sind der optimistische Evolutionismus der Populärwissenschaft; und schließlich hat der Hinduismus ein wichtiges Element beigetragen.“

Der von James ziemlich genau und heute noch gültig umrissene Wurzelbereich dieser komplizierten, widersprüchlichen und nicht ungefährlichen Gedankenmischung schwimmt seit über hundertfünfzig Jahren unter der Oberfläche der universitären oder sonstwie professionellen philosophischen Aufmerksamkeit durch die Zeit und die Geschichte des intellektuellen Elends, ein weitgehend unerforschter Kontinent moderner Volksfrömmigkeit und philosophischer airport art. Theologisch jedenfalls liegt der „Church of Oprah“, wie die von Winfrey repräsentierte Bewusstseinsindustrie in kritischen amerikanischen Wortmeldungen inzwischen ganz zutreffend bezeichnet wird, auf den ersten Blick nichts Anspruchsvolleres oder Gefährlicheres zugrunde als die kirchenförmige („spirituelle“) Ausarbeitung und Aufbretzelung einer Reihe realistischer Lebensweisheiten, Maximen und Ratschläge, die in den Fünfzigern das Substrat der damals millionenfach verkauften Lebensratgeber Dale Carnegies oder Norman Vincent Peales bildeten: „How to stop worrying and start living“; „The Power of Positive Thinking“; „How to Win Friends and Influence People“. Namentlich Dale Carnegie – dessen nächster Bestseller auf Deutsch „Sorge Dich nicht -Lebe!“ heißt und vermutlich heute noch massenhaft verkauft wird – trat in den Sechziger Jahren in meinen Bewusstseinskreis.

In das Leben, genauer gesagt, eines unglücklichen, unsicheren, nach Orientierung suchenden Zwölfjährigen. Ich fand den senfgelb eingebundenen und schon etwas speckig gelesenen Band auf einer Art Remittendenbord in der Bibliothek meiner Mutter. Ein paar Nachmittage im Sommer 1964 lang waren dann Carnegies optimistischer, pragmatischer Stil mein Trost und seine Predigtmärlein eine Art Inspiration für mich. Vage in Erinnerung geblieben sind mir Bezeugungen, Märtyrerakten und credentials über psychologische Spontanheilungen, lebenseinstellungsbedingte geschäftliche turn-arounds, unwahrscheinliche Karrieren, glückliche Rollstuhlfahrer und gemütskrank gestartete, inzwischen aber überragend erfolgsverwöhnte Schriftsteller. Wobei ich heute gar nicht mehr zu sagen wüsste, ob Dale Carnegies Erzählkunst mir seinerzeit geholfen und aus meinen einsamen Konfusionen herausgeführt hat. Es scheint überhaupt das Kennzeichen dieser Bücher, dass sie nur solange Recht haben, wie man sie nicht zuklappt – vielleicht ein Grund dafür, dass sie sich vermehren wie Regenwürmer und ihre immer gleichen Ratschläge seit Jahrzehnten in stets wechselnder Verpackung auf den Markt bringen.

Wahrscheinlich sogar seit Jahrtausenden. Denn letzten Endes scheint mir das in diesen Büchern propagierte Bündel von Ratschlägen, Binsenweisheiten, Denkfehlern und Ermutigungen aus spätantiken (nämlich stoischen und epikuräischen) Wurzeln zu stammen. Mit der Maxime zum Beispiel, man solle immer (und könne recht betrachtet auch nur) im jeweiligen Augenblick leben, hatte schon Epikur seine eigentümlich flache und psychologisch auch vollkommen wirkungslose Begütigung der Todesangst begründet: Solange man nicht tot sei, sei der Tod noch nicht da und wenn er eingetreten sei, wisse man nichts von ihm. Die Idee der acceptance, von der unsere heutigen Gurus gar nicht genug hermachen können, findet sich schon bei Mark Aurel als die grundsätzlich-fraglose Einverstandenheit mit den Wendungen und Entscheidungen der Weltseele. Und auch der Ratschlag Epiktets, sich keine Gedanken über die Realität zu machen (über die niemand Verfügung habe), sondern nur darüber, wie man sie innerlich verarbeitet (was man angeblich ganz in der eigenen Hand hat), liest man bei den zeitgenössischen Inflationsheiligen auf Schritt und Tritt. Es ist die matte Oberflächlichkeit dieser Art von consolatio philosophiae angesichts der wirklichen Welt des dritten und vierten Jahrhunderts, die den – auf den ersten Blick ja eher unwahrscheinlichen – Siegeszug des Christentums unter den mit allen Wassern gewaschenen spätantiken Intellektuellen begünstigt haben dürfte. Was einen auf die Idee bringen könnte, dass die ganz ähnlichen Tröstungen und Weistümer, wie Oprah Winfrey, Esther Hicks, Rhonda Byrne, Norman Vincent Peale, Deepak Chopra, Dale Carnegie oder Eckhard Tolle in ihren Büchern, Hörbüchern, Fernsehsendungen und Massenversammlungen sie spenden, sich am widerstandslosesten in untergehenden Imperien verbreiten.

Aber ich greife vor. Es war von Carmen die Rede. Carmen trat im letzten Frühling aus der Toilette eines sehr teuren Restaurants unweit des Rockefeller Centers in mein Leben. Ich langweilte mich da gerade an einem Büffet des Museum of Modern Art zu Ehren einer Gruppe deutscher Kuratoren, die sich in New York auf irgendeiner Faktenfindungsmission befanden. Sie hatte ihr Makeup aufgefrischt, fing im Hinaustreten meinen bewundernden Blick auf und hielt sich dann – mit der Auffälligkeit und divenhaften Flamboyanz, in die ich mich bald genug verlieben würde – eine Weile in meiner Nähe auf, offensichtlich um mir Gelegenheit zu geben sie anzusprechen. Vielleicht, dachte ich später dann oft, war Carmen die allen ihren Lebensäußerungen aufgeprägte Theatralität schon mit dem Taufnamen beigelegt worden. Ihren Ursprüngen aus einem bürgerlich-akademischen Professorenhaushalt in Austin/Texas entsprach er jedenfalls weder ethnisch noch sonst irgendwie. Schon wenig später würde sich der Gedanke aufdrängen, dass sich in Carmens längst nicht mehr abzustellender Schauspielerei (auf der Bühne ihres Lebens und auf den Kellertheatern und Probebühnen des East Village) verleugnete Träume ihrer Mutter von glutäugigen, mit wild wachsenden Schnurrbärten ausgestatteten Verführern verwirklichen mochten. Etwas nicht Integriertes, gesellschaftlich Inkongruentes war es jedenfalls, das im Leben der Tochter dazu tendierte, noch die gesellschaftlich anspruchsloseste Situation mit glühend intensiven Blicken, plötzlich aufleuchtendem Lächeln, flatternden Gesten, weit hörbaren Ausrufen, allerlei Augenaufschlägen, Berührungen, Umarmungen zu belasten und oft genug geradezu zu sprengen. Es war eine auch für amerikanische Verhältnisse brachiale Technik gesellschaftlicher Aufmerksamkeitsproduktion und sie wäre ihrem Zweck abträglich gewesen, wenn Carmen nicht mindestens so aufsehenerregend schön wie flamboyant gewesen wäre.

So aber konnte ich jedenfalls vom ersten bis zum letzten Augenblick unserer Bekanntschaft (und dann eine Weile lang „Beziehung“) praktisch nicht genug davon bekommen, sie unentwegt anzustarren, egal wie sie sich benahm. Ihre wundervolle Haut. Ihre für eine Frau ihres Alters sensationelle, durch eiserne Essdisziplin und stundenlange Dauerläufe aufrechterhaltene Figur. Eine gewisse Art, beim theatralisch tiefen Einatmen die seelenvoll braunen, professionell geschminkten Augen zu schließen, den Busen zu heben und die schönen Flügel ihrer ein ganz klein wenig aufgeworfenen (irgendwie ein bisschen Reese-Witherspoon-artigen) Nase zu blähen. Ihre kunstvollen Frisuren bei jeder sich irgendwie bietenden Gelegenheit. Die dauernden Klobesuche zu Kontrolle und Verstärkung des Makeups. Das dabei eigentümlich Robuste, fast Bauernmädchenhafte der Southern Belle, das unter ihrer Bemalung später am Abend in manchen Beleuchtungen rührend zum Vorschein kam (als sei es ihr eigentliches Wesen). Carmen war absolut bezaubernd. Und gab mir bei meiner nun feurig einsetzenden Werbung um sie immer gerade so viel Hoffnung, wie notwendig war, mich zur Fortsetzung dieser Bemühungen zu motivieren und meinen unterschwellig schon früh sich einstellenden Verdacht zu beschwichtigen, dass die Bekundungen ihres Gefühls für mich etwa so ernst zu nehmen waren wie die Umarmungen und Entzückensschreie, mit denen sie entfernteste Bekannte oder so gut wie vollkommen Fremde beschenkte.

Nachhaltiger zu denken hätte es mir freilich geben müssen, dass Carmen offenbar ihr ganzes Leben lang (sie erzählte es mir wöchentlich in den ruinös teuren und aufregend guten Restaurants des Meatpacking Districts bis weit in die zweite Flasche Sancerre hinein) alle ihre persönlichen Beziehungen und beruflichen Verhältnisse auf eine merkwürdig unmotivierte Weise immer wieder abgebrochen hatte. Ihren Ehemann, einen Wirtschaftsanwalt, hatte sie mit Anfang dreißig verlassen, aus einem mir unsagbar nichtig erscheinenden Anlass. Ihr Job als Repräsentantin einer bedeutenden (übrigens auch künstlerisch hochrespektablen) Filmproduktionsgesellschaft fünf Jahre später war ebenso impulsiv und unbegründet gekündigt worden. Zahlreiche Bewunderungverhältnisse und Affären seither sowie die offenbar durchaus ernstzunehmende fünfjährige Verbindung mit dem Direktor einer bekannten freien Theaterkompanie hatten sämtlich ein jedesmal blitzartiges, unwiderrufliches Ende gefunden. Carmen begründete das Versiegen ihrer Zuneigung zu diesen Männern entweder gar nicht oder mit so unbedeutenden Quisquilien, daß man es mit Kopfschütteln vernahm. So würde es mit uns nicht enden (wenn es denn nun endlich einmal anfangen würde), nahm ich mir fest vor. Ich würde ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen (und eben auch ablesen müssen). Das war die Lektion dieser so teuren wie bezaubernden und mich geradezu süchtig machenden, kulinarisch und alkoholisch ergiebigen, erotisch jedoch mich immer weiter hinhaltenden Abende. Denn all diese Männer, Firmen und Lebensumstände, so konnte man es zusammenfassen, hatten irgendwann versäumt, sich auf einen ihrer Lebenswünsche begeistert genug einzustellen. Ihr letzter Freund zum Beispiel hatte ihren Wunsch unter Menschen zu sein nicht schnell und umfassend genug verstanden und ihr vorletzter nicht den nach ungestörter Zweisamkeit.

Meinen eigenen danach erfüllte mir Carmen dann doch irgendwann im Spätsommer 2008 eine Zeitlang. Abwechselnd in meiner und in ihrer Wohnung erlebten wir drei oder vier Wochen im September einen Frühling im Herbst zwischen Uptown und Midtown, jeweils ein paar Straßen von der Fifth Avenue entfernt. Oft nahm ich schon nach der Arbeit den Bus an einer Haltestelle wenig unterhalb des Metropolitan Museum und stieg in der Höhe des Museum of Modern Art wieder aus. Die doppelte Luxusauftürmung des Peninsula Hotels im Westen und des St. Regis im Osten bildeten hier ein imaginäres Portal für unsere Abende und Nächte in Midtown. Oft sah ich vor dem glücklich aufgelösten Einschlafen die riesenhaft vergrößerten Renaissanceornamente der beiden Beaux-Art-Hausgebirge zu Seiten der Fifth Avenue als sich langsam fortbewegende und dabei verändernde Riesenschnecken. Die titanenhaften Karyatiden, die krapfenartig wuchernden Girlanden, die leeren Wappenschilde und Fruchtkränze. Im selben Block ein paar Schritte weiter südlich kam ich an einer Turboversion der Villa Farnese vorbei: dem New York University Club, in dessen für die Öffentlichkeit vollkommen geschlossene Welt man nur als sehnsüchtiger Spaziergänger hineinsehen kann (vergoldete Kassettendecken, Kronleuchter, Deckengemälde; man sehnt sich unwillkürlich nach der Klarheit eines Wolkenkratzers oder der MoMA-Fassade ein paar Schritte die Straße hinunter).

Wohin ich dann tatsächlich ging und bald genug niedersank auf die Kissen, Fauteuils, Betten und Teppiche in Carmens Dreizimmerwohnung, die sie an unseren Abenden mit verschwenderisch brennenden Kerzen, Tüchern, Büsten, Bildern, Sesseln und Blumen in eine Kulisse theatralischer Verführung zu verwandeln pflegte. In diesen drei Zimmern hatte sie ihre Scheidungsabfindung angelegt. Durch die Entwicklung des New Yorker Immobilienmarkts war sie in den Jahren seither zu einer reichen Frau geworden. Auf einer kleinen Terrasse wuchsen eine Birke und eine japanische Kiefer. Letzte Rosen warteten auf die Schneepolster des Winters, den wir schon nicht mehr gemeinsam erleben würden. Hinaustretend und beeindruckt aufatmend sah man von dort in den Hof des MoMA hinunter und weiter nach links am Turm des Rockefeller Center hinauf. In der Entfernung ragte das sich knospenhaft aus sich selber hervorschiebende Silberdach des Chrysler-Wolkenkratzers empor und noch weiter stadtabwärts das Empire State Building.

Carmens Schönheit verlieh unserer Zeit miteinander etwas Blendendes, das in meinem Leben seither fehlt. Ihre sich immer wieder, an geringfügigsten Details, entzündende Begeisterung über unsere Liebe und ihre (phantasierend vorweggenommene) künftige Rolle im Leben und öffentlichen Auftreten eines beruflich etablierten Mannes in gerade noch verbindungsfähigem Alter – nach so vielen arbeitslosen Rockmusikern, schlecht bezahlten Yogalehrern und verheirateten Bankdirektoren – war eine Art elektrischer Strömung, die während unserer Wochen jeden Alltagsmoment illuminierte. Sie sprach vom Heiraten, von der Zukunft, von einem gemeinsamen Besuch bei ihren Eltern in Austin. „She’s totally into you“, sagte ihre beste Freundin. Lebensgeschichtliche Relevanz, sogar einen gewissen philosophischen Tiefgang hatten unsere Gespräche schon in der Hinhaltephase insofern gewonnen, als ihre scheinbar unerschütterlich positive Sicht auf Welt und Alltag mein lang schon gehegtes, irgendwie „amerikanisches“ Vorhaben bestärkte, eine gewisse innere Schwere abzulegen, einen Vorabpessimismus, der sich in meinen Jahren in Mitteleuropa (wo man das Licht am Ende des Tunnel grundsätzlich erst einmal für einen entgegenkommenden Zug hält) in mir angesammelt zu haben schien. Ich würde in dieser Hinsicht, dachte ich, wirklich etwas von ihr lernen können.

Seltsame kleine Erlebnisse hätte ich als Warnsignale des dann bald genug Kommenden deuten können, wenn man derlei kommen sehen würde. Der wirkliche Zorn zum Beispiel, mit dem sie es quittierte, wenn ich die Bangigkeiten, Zweifel, Ängste, Irritationen sehen ließ, die das Berufsleben und Angestelltendasein niemandem erspart. Die Mulmigkeit am Sonntagabend vor einem hochgestellten Besuch am nächsten Morgen. Das plötzliche Grauen vor einer Geschäftsreise. Die Müdigkeit nach einem Bürotag. Die nicht unmittelbar abstellbare Irritation über eine Vorgesetztenbemerkung. „You’re dragging this negative energy into my life“ konnte sie mir (plötzlich so empört, dass ich es mit nichts Vorgefallenem in Verbindung bringen konnte) geradezu entgegenschleudern, wenn ich sie beispielsweise um Rat in einer problematischen Büroangelegenheit fragte – halb um mich für meine Inanspruchgenommenheit zu entschuldigen, halb so, wie man einen Zweifel oder eine Bedenklichkeit ausspricht, um mit Genugtuung wahrzunehmen, wie sie sich im Licht einer kommunikativen Situation gleichsam zersetzen. Oder: „Where is your energy?“ lautete die tief traurige und auf einmal ernsthaft vorwurfsvolle Frage, wenn mir nach einem langen Tag im Büro nichts Inspirierteres einfiel, als es mir mit einem Bier und einem Sandwich vor dem Fernseher gemütlich zu machen, während sie sich auf eine Probe im „Village“ vorbereitete und für einen Abend mit ihren Freunden und Kollegen verschwand (geheime Erleichterung, eine Weile meine Ruhe zu haben und keinen Enthusiasmus zeigen zu müssen, mischte sich in die ebenso unbestreitbare Vorfreude auf ein spätes, vielleicht schon verschlafenes Wiedersehen im Bett).

Ein vorsokratisch zugleich in naturwissenschaftlichen und „spirituellen“ Bedeutungen schillerndes Konzept von „energy“ entpuppte sich nun schrittweise überhaupt als das Zentrum eines quasi-theologischen Systems von Glaubensartikeln, Zwangsvorstellungen, Wissenschaftsfiktionen, in denen die Schöne – ohne dass das von Anfang an sichtbar gewesen wäre – lebte und webte. Ich lernte eine intellektuelle Subkultur neuheidnisch-religiöser Innerlichkeit und zugleich wissenschaftlicher Geltungsansprüche kennen, von der ich bisher keine Ahnung gehabt hatte. Philosophiegeschichtlich war Carmens Verwendungsmodus von „energy“ deutlich älter als der physikalisch-biologische Energiebegriff (der erst im neunzehnten Jahrhundert entstanden ist). Ihr Gebrauch von Wort und Konzept schien tatsächlich auf stoische Vorstellungen eines alle Gegenstände und Lebewesen durchwaltenden Weltlogos zurückzugreifen. „Energy“ war eben nicht nur das, was mir nach einem Bürotag skandalöserweise abging, sondern auch in moralischen, ästhetischen, wissenschaftlichen und theologischen Fragen die letzte Instanz. „Energy“ war der Gottvater in Carmens Glaubensgebäude (so wie die abstrakte Weltseele in der Stoa mit der konkreten Göttergestalt Jupiter seine Leerstelle tauschen kann).

Folge, Ausweis und Bekräftigung einer Durchgottung durch „energy“ war die Fähigkeit „im Moment zu leben“, der kategorische Imperativ in Carmens innerem Universum. Trinitarisch flankiert wurde „energy“ weiterhin durch zwei ergänzende Konzepte. Erstens eine Vorstellung, die ich bei mir dann bald als die „Panzertheorie des Ego“ zu bezeichnen lernte und zweitens ein magisch-sympathetischer Glaube an die Allmacht der Gedanken. Die „Panzertheorie des Ego“ scheint sich als missverstandenes Echo der Reich’schen Psychoanalyse in die zeitgenössischen „New Thought“-Glaubensinhalte verirrt zu haben. „Ego“ nämlich (man muss sich die Freud’sche Seeleninstanz im Kontext der Midtown-Religiosität als eine Art dämonischer Wesenheit vorstellen) isoliert uns Weltverfallene von „energy“, dem ozeanischen Wogen und Walten der Weltseele. In ganz ähnlicher Weise, wie der Reich’sche „Charakterpanzer“ einem angeblich den Orgasmus unmöglich macht und einen vom Pulsen und Wogen des „Orgon“ fernhält. Meine Berufstätigkeit zum Beispiel war pures Ego und wohin sie mich nach einem mit ihr verbrachten Tag führte, sah man ja: vor den Fernseher. Erbärmlich. Wobei meine Verstrickung in Ego sich, der Logik der hier rekonstruierten und in eine notdürftige Ordnung gebrachten Vorstellungen entsprechend, vor allem darin offenbarte, dass ich nicht „in der Gegenwart lebte“. Denn ich war in meinem „Denken“ befangen. Das wiederum ging von Ego aus und bestärkte es mit jedem Gedanken, den ich fasste. Ich isolierte mich vom energetischen Weltwalten mit meinem Fernseher, meinem Bier, meinem Sandwich, meinen Büchern, meinen Museumsbesuchen, meiner Sorge um meinen Sohn, meinem Beruf, meiner Schreiberei, meiner angeblichen Müdigkeit nach der Arbeit.

Begriffstechnisch nicht ganz sauber verlötet allerdings mit der Ablehnung des Denkens als zentraler Ego-Folge war Carmens starker Glauben an Gedankenmagie. Vermutlich handelte es sich hierbei um abgesunkenes Glaubensgut aus der intellektuellen Konkursmasse von Normal Vincent Peales „Power of Positive Thinking“. Unvergeßlich ist mir zum Beispiel ein Buch Carmens, das eine Reihe von Experimenten (angeblich japanischer Forscher) schildert. Sie hatten die Beschaffenheit von Eiskristallen daraufhin untersucht, welchen Atmosphären, Gedanken, Kunstwerken, Worten, Fernsehserien ein (dann gleich eingefrorener) Tropfen Wasser vor seiner kristallinen Bildwerdung ausgesetzt gewesen war. Erstaunliches ergab sich. Wasser beispielsweise, dem man ein Kultbild der japanischen Götter- und Kaisermutter Amaterasu gezeigt oder etwas Schönes vorgesungen hatte, bildete beim Vereisen wunderbar symmetrische Eiskristalle aus. Zu Vergleichszwecken eingefrorene Wassertropfen dagegen, in deren Gegenwart japanische Testpersonen viel geflucht, theoretisiert oder miteinander gestritten hatten, brachten es nur zu asymmetrischen, merkwürdig verkrüppelten, dämonisch geschredderten oder ungut zermatschten Eisblumen, von deren Schwarzweißabbildungen Carmen ihren schönen Blick traurig aus dem Buch zu heben und mir mit seelenvollem Vorwurf vor Augen zu führen imstande war, „dass der menschliche Körper zu 95 Prozent aus Wasser besteht“.

Mit meinem Negativismus, meinem Mangel an „energy“, meinen unablässig regen Gedanken an Vergangenheit und Zukunft, kurz meiner, wie sie sagte, „cold intellectuality“ riskierte jedenfalls ich (es wurde mir allzu bald mit einer gewissen Panik klar), Carmens Zuneigung zu verlieren – genau wie es so vielen Männern vor mir schon ergangen war. Ich offenbarte meine kalte Intellektualität eines Abends, als ich meine kaum zu unterdrückenden Lachlust angesichts der Vorstellung, wie japanische Forscher, über Wassertropfen in Petrischalen gebeugt, zu Versuchszwecken immer wieder „fuck“ sagen oder Verwünschungen auf Japanisch ausstoßen, mit Carmen zu teilen versuchte. Irgendwie konnte ich nicht anders. War es denn möglich, dass sie das alles im Ernst glaubte und verfocht? „It is a very hard spiritual challenge for me to live with such an unenlighted person as you are“, versetzte sie mit der kalten Würde, die ihr in solchen Momenten zu Gebote stand. Leider war sie dabei schöner denn je. Und mir drohten ihrer festen Überzeugung zufolge aufgrund meiner Intellektualität und Egoverfallenheit auch allerlei katastrophale Fehlentwicklungen in meinem zu 95 Prozent aus Wasser bestehenden Körper (Krebs? Impotenz? Alzheimer? War es schon so weit?). „This is no joke, you know.“

Aus war es dann jedenfalls Knall auf Fall. „The energy has changed. Life itself has spoken“, postulierte Carmen in ihrer Abschieds-e-mail, die mich auf einer Geschäftsreise erreichte. Als ich nachhause kam, waren alle ihre Sachen weg. Nun ja. Dem Gekränkten, Zurückgesetzten, schreibt Adorno irgendwo, gehe etwas auf, so grell wie heftige Schmerzen den eigenen Leib beleuchten (oder so ähnlich). Die Ablösung von schon wieder einer (wie ich jetzt einsehen musste) perspektivlosen Verbindung fiel ineins mit meinen Forschungsreisen in eben den Luxus-, Wolkenkratzer-, Einkaufs- und Museumsbereich der Fifth Avenue, den ich ein paar Monate zuvor noch auf Freiersfüßen durchstreift hatte. Ein Umstand, den ich mir – Liebeskummer als Meditationstechnik! – zur Vertiefung und lebensgeschichtlichen Beglaubigung meiner Einsichten zunutze zu machen allerdings entschlossen war. Zunächst aber reichte es nur dazu, dass ich mein reichlich sprudelndes Selbstmitleid durch allerlei kulturkritische Hassausbrüche gegen die Gurus der „New Thought“-Sekten betäubte.

Besonders angetan hatte es mir und meinem Hassen damals ein in entsprechenden Kreisen (unter anderem von Oprah Winfrey) förmlich angebeteter „New-Thought“-Menschheitslehrer, der sich Eckhard Tolle nennt. Tolle stammt ursprünglich aus Deutschland und heißt mit Vornamen eigentlich Ulrich. Was, dachte ich hasserfüllt, viel besser zu ihm passt. Die theatralische Selbstermächtigung, die mir darin zu liegen schien, dass er sich nach dem spätmittelalterlichen Dominikanerphilosophen Meister Eckhart von Hochheim nannte, hatte in diesen Wochen viel Anmaßendes und fast Gotteslästerliches für mich. Oprahs Meister ist ein sehr stupsnäsiger (fast ein bisschen schweinchenhaft) für seine angeblich sechzig Lebensjahre aber geradezu unfassbar jung aussehender, dabei seltsam geschlechtsloser Mensch ostwestfälischer Sprachfärbung. Fast noch mehr als durch sein salbungsvolles Gerede und sein gemessen-pfäffisches Gestenspiel brachte er mich auf gegen sich mit seinen unaussprechlichen Pullundern – die ich in YouTube-Mitschnitten seiner Predigten im Oprah-TV, fassungslos vor Hass und Hohn, mit Blicken durchbohrte. Sein Hauptwerk heißt, noch im ganz Jargon der Self-Help-Bewegung, „The Power of Now“, das zweite, schon völlig millenarisch-messianisch durchdrungen: „A New Earth“.

So grell, wie heftige Schmerzen den eigenen Leib beleuchten, war mein damaliges Guruhassen demnach allerdings. Auch hatte ja die grimmige Feststellung einiges für sich, dass zum Beispiel Tolles unaufhörliche Verherrlichung des jeweiligen Augenblicks theoretisch zweifellos das eine oder andere mit der „spirituell“ verbrämten Launenhaftigkeit, Verantwortungsscheu und Anspruchshaltung meiner ehemaligen Geliebten zu tun hatte. Oder aber, dachte ich auf meinen samstagnachmittäglichen Streifzügen in Midtown wütend, mit der Mentalität von Menschen, die sich auf Pump ein Haus anschaffen, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, wie sie die damit entstandenen haarsträubenden Schulden in der Zukunft jemals werden abbezahlen können. Tolle und seinesgleichen hatten – so jedenfalls sah ich es beim einsamen Spazierengehen und innerlichen Wüten – mir nicht nur Carmen abspenstig gemacht. Sondern sie waren auch drauf und dran, das Land und seine intellektuelle Kultur zugrundezurichten. Zum Ruin von dessen Wirtschaft sie mir schon durchaus das eine oder andere beigetragen zu haben schienen.

Es war noch vor dem großen Septembercrash. Das eigenartig Unbefriedigende und fast Ärgerliche derartiger kulturkritischer Konjekturen, Beobachtungen und Parallelen bezeichnet man oft als „feuilletonistisch“. Jeder, der sich ein paar Tage in einem fremden Land aufhält, glaubt dann gleich solche Dinge zu wissen. Dass die Amerikaner so laut sprechen, weil ihr Land so groß ist. Dass man in den Restaurants hier nicht rauchen darf, weil die Gesellschaft von protestantischen Sekten gegründet wurde und ähnlichen Blödsinn (wie man ihn oft auch in Sonntagsbeilagen von Zeitungen lesen kann). „Feuilletonistisch“ ist ein anderes Wort für die intellektuelle Ohnmacht der Kulturkritik. Mein Hass hatte mich ein bisschen dumm gemacht. Und trotzdem wurde mir über meinen liebeskummerinduzierten meditativen Stadtspaziergängen in Midtown dann doch eine wirkliche Einsicht zuteil, die sich von den kulturkritischen Schwurbeleien meiner Hassphase dadurch unterschied, dass sie konkrete Beobachtungen ermöglichte. Es war in einem (hier zur Abwechslung einmal nicht vollkommen überfüllten) „Starbucks“ in der Nähe der „Collegiate Marble Church“ Fifth Avenue Ecke 29. Straße. Am Fuß eines langen, kaum mehr spürbaren Abhangs, der sich von der New York Public Library zum Madison Square Park hinunterzieht und auf dessen halber Höhe das Empire State Building steht.

Ich hatte mir die Kirche anschauen wollen, deren Pastor ein halbes Jahrhundert lang Norman Vincent Peale gewesen war, der Autor des weltberühmten „New-Thought“-Bestsellers „The Power of Positive Thinking“. Dieses gedankenmagische Schlüsselbuch hat Generationen von amerikanischen Verlierern und Gewinnern im Wettrennen des Kapitalismus das Leben erklärt und vorausbestimmt (zum Beispiel ist Arthur Millers Theaterstück „Death of a Salesman“ eine Darstellung der ruinösen Folgen von Peales Glaubenssystem). Peales Theologie durchzieht alles „New Thought“- und „New Age“-Denken bis heute wie einst der sprichwörtliche rote Faden die Fahnen des Britischen Weltreichs. Peales New Yorker Kirche im Auslauf jener Senke zu den downtown-Squares (Madison und Union) steht sozusagen im Schatten des Empire State Building. Sie ist eine seltsam unlogische Verbindung von gotischem Auswärtsstreben und romanischen Details. Ihre weiße Marmorfassade sah künstlich aus im Scheinwerferlicht des späten Winternachmittags, fast wie aus Plastik. Vincent Norman Peale, einer der finanziell erfolgreichsten Schriftsteller aller Zeiten, hat sich in den frühen sechziger Jahren nachhaltig unmöglich gemacht durch eine Kampagne gegen die Wahl des Katholiken John F. Kennedy zum Präsidenten. Unter all den mir damals so verhassten Predigern der Zwangsbeglückung ist er vielleicht der widerwärtigste, dachte ich in meiner „Starbucks“-Klause. Und von der Analyse seines wissenschaftlichen und religiösen Hochstaplertums durch den Psychiater R.C. Murphy, die ich noch am Morgen dieses Winternachmittags im Internet gefunden hatte, hätte ich jedes Wort unterschreiben wollen, wenn es jemanden interessiert hätte.

„Mit sacharinsüßem Terrorismus verbietet Peale seinen Jüngern etwas Böses zu hören, zu sagen und zu sehen. Wirkliches menschliches Leid gibt es für ihn gar nicht. Es gibt die mörderische Wut nicht und nicht die selbstmörderische Verzweiflung, keine Grausamkeit, Geilheit, Gier, keine Armut und keinen Analphabetismus. All das ist für Peale nur das Ergebnis im Prinzip ganz unproblematischer innerer Fehlentwicklungen, die sich in Luft auflösen würden, sofern man seine Gedanken nur in erfreulichere Fahrwasser lenken würde. Peales Denkweise ist so abstoßend, dass man sich ihre wirkliche Bedeutung ein wenig klarer machen sollte. Sie besteht nicht in einer wirklichen Verleugnung des Bösen. Sie ist eher ein Grauen vor ihm. Sie macht sich blind für die Bestialität des Menschen und das Leid, das sie mit sich bringt. Und zwar weil sie es nicht ertragen kann, all das ins Auge zu fassen. Und gerade dadurch verabsolutiert Peales Philosophie das Böse. (…) Zwischen ethnischen Gruppen zum Beispiel führt ein solcher Glaube zu unüberwindlichen Vorurteilen. In der Erziehung dazu, dass Eltern gewisse Bereiche und Anteile der sich entwickelnden kindlichen Persönlichkeit auszulöschen versuchen, statt sie zu bestärken oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen. In den internationalen Beziehungen führt diese Ideologie zum Krieg. Wenn eine religiöse Autoritätsperson unsere Fähigkeit zu hassen ermutigt, entweder indem sie wie Vincent Norman Peale alles Unangenehme verleugnet oder mit der eher klassischen Methode einen bequemen Satan aufzustellen, an dem man sich abreagieren kann, dann erstickt diese Autoritätsperson unser Ringen um inneres Wachstum. >The Power of Positive Thinking< ist ein zutiefst nutzloses Buch. Es übertönt die störbare und leise innere Stimme, die den eigentlichen Anstoß zu innerem Wachstum gibt.“

Man hat, wenn man so etwas liest, plötzlich das erheiternde und beruhigende Gefühl, nach einem langen Zwangsaufenthalt im Taka-Tuka-Land wieder auf sicherem Boden zu stehen. Und auf einer vagen Suche nach den Zusammenhängen meiner herumliegenden Gedankenfäden nahm ich an jenem schon stark sich verdunkelnden Nachmittag (der „Starbucks Grande Latte“ war schon in seinem letzten Drittel und die blaugraue Fassade des Empire State Building leuchtete hoch oben einen Moment lachsfarben im letzten Abendlicht) „Delirious New York“ von Rem Koolhaas aus meiner Umhängetasche, einen urbanistischen Klassiker von 1978 über die Wolkenkratzerarchitektur von Midtown Manhattan, der inzwischen so berühmt geworden ist, dass wahrscheinlich niemand das Buch mehr liest, sondern nur noch den Titel zitiert. Es tat weh, mich wieder einmal daran erinnern zu müssen, dass ich Carmen bei unserer letzten Auseinandersetzung über „energy“, Ego undsoweiter gesagt hatte, das Leben sei doch kein Ponyhof, worauf sie, plötzlich überraschend wehrlos, angefangen hatte zu weinen.

Es war ein kostbarer, eigentlich einmaliger Moment unideologischer Ehrlichkeit gewesen, an den wir, dachte ich auf meinem „Starbucks“-Barhocker zum wievielten Mal, vielleicht hätten anknüpfen können. Den wir aber stattdessen, verstockt und arrogant wie wir waren, vorübergehen ließen. Und dann geschah es. Ich las, mit wachsender Erregung und plötzlich wirklich so grell vom Licht einer Einsicht gestreift, dass es schmerzte, in Koolhaas „Delirious New York“, dass die einzelnen Stockwerke in Wolkenkratzern seien so hermetisch voneinander getrennt, dass es einer Lobotomie gleichkommt („The Great Lobotomy“ schreibt Koolhaas) und dass sich die Funktion dieser unzähligen gegeneinander abgeschnittenen Stockwerke (Koolhaas spricht davon, „semantic seeping“ von Stockwerk zu Stockwerk sei im Wolkenkratzer programmatisch ausgeschaltet) in der Fassade des Gesamtgebäudes überhaupt nicht mehr wiederfinde – ein Verschwinden, das die gesamte bisherige Architekturgeschichte hindurch für ganz undenkbar gehalten worden wäre. Und ein paar geniale Koolhaas-Abschnitte weiter las ich, vom eigenen Seelenschmerz innerlich beleuchtet, dass nirgendwo sonst auf der Welt als nur im Manhattan der späten zwanziger Jahre (zur Entstehungszeit des Chrysler, des Empire State, des One Wall Street, des Metropolitan Tower und so weiter) Architektur sich tatsächlich verwandelt habe in so etwas wie das Design von Kostümen, „die die wahre Natur der sich in ihnen vervielfältigenden Stockwerke nicht offenbaren (sie nämlich in ihrer Fassade darstellen, setzte ich innerlich auf meinem „Starbucks“-Barhocker begeistert hinzu), sondern weich und umstandslos ins Unterbewußtsein schlüpfen, wo sie ihre Rolle spielen als Symbol.“

Mir war, als hätte ich in diesem unvergesslichen Moment nicht nur das Bauprinzip von Midtown verstanden, sondern auch Carmens mich so schmerzende und wütend machende hermetische Trennung der Zeiten, Männer, Lebensabschnitte und Gegenwarten voneinander, und sogar die flamboyante Fassade ihres Verhaltens (die mir in einem synästhetischen Moment plötzlich, wie damals vor dem Einschlafen in ihrem Bett in der 54. Straße, erschien in Gestalt der ins Riesenhafte vergrößerten Beaux-Art-Ornamente des „St. Regis“ und des „Peninsula“ unweit ihres Schlafzimmers). Und ich verstand auf einmal, wie rührend beides ist – der letzte Versuch, ein Inneres sichtbar werden zu lassen, ehe es sich in seiner nicht mehr kontrollierbaren Vervielfältigung (der Stockwerke, der Lebensmöglichkeiten, der Männer und der autonomen Gegenwarten) auflöst. Vielleicht war der „New York University Club“ an der Ecke zur 54. Straße, wo ich mich an unseren Abenden rechterhand gewendet hatte und westwärts zum MoMA und zu Carmens Wohnung gegangen war, das noch eindrucksvollere Denkbild dieses rührenden Widerspruchs zwischen verzweifeltem Ausdruckswillen und unabwendbarer Vervielfältigung. Ein Haus nämlich, das mit den Granitblöcken, Balkonen, Kartuschen, Wappenschildern, Inschriften, Bogenfenstern und Renaissanceformen seiner palladinischen drei Stockwerke in Wirklichkeit schon fünf Etagen kaschiert.

Die Vervielfältigung und mit ihr die Abdichtung der Form gegen die Funktion hatte im „New York University Club“ schon begonnen. Im Empire State Building und seinen 6000 voneinander semantisch nicht mehr zu verbindenden Büros auf 102 Stockwerken ist sie zu sich selbst gekommen und die Art-Deco-Formen seines Äußeren sind wirklich nur noch Ornament. So wie sich (dachte ich auf meinem „Starbucks“-Hocker und sah auf Vincent Normal Peales Kirche des positiven Denkens hinaus) die intensiv, aber unverbunden zu erlebenden „energy“-Gegenwarten in den Ideologien von Ulrich „Eckhart“ Tolle, Wayne W. Dyer und wie sie alle heißen, autonom gemacht und uneinholbar vermehrt haben. Und wie das leuchtende und manchmal sogar ein bißchen grelle (vor Charme flirrende, fiel mir plötzlich ein) Äußere und Verhalten, dachte ich, meiner armen ehemaligen Geliebten, längst kein Inneres mehr ausdrückt, das ein paar Unannehmlichkeiten, Meinungsverschiedenheiten oder Banalitäten eines Paaralltags überstehen, wegstecken oder überwinden könnte. Ich dachte an eine Stelle in Sigmund Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, wo der große Psychologe die oft so eindrücklichen und zum Wiederkehren neigenden Träume von verlassenen, bedeutsamen oder irgendwie dämonischen Gebäuden als Deckerinnerungen an mütterliche Frauenkörper deutet. Sex and the City, dachte ich. Und einen Moment lang konnte ich Midtown New York mit meinen physischen Augen als Stadt der Frauen sehen (ein Anblick, dachte ich, den ich Carmen widmen könnte, wenn es sie noch interessieren würde oder jemals interessiert hätte).

Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema. Nämlich dem aktuell anhängigen Untergang des amerikanischen Imperiums. In den vorweihnachtlichen Tagen des Jahres 2008 verkörperte sich dieser Untergang in der Gestalt des Investmentbankers Bernard Madoff. Madoff ist ein weiß- und ein bisschen zu langhaariger, abgesehen davon aber geradezu verdächtig undämonisch aussehender Mann in der Feistheit des beginnenden Alters. Irgendwie finde ich es unmöglich von mir, dass er mich jedesmal, wenn er im Fernsehen auftritt oder in der Zeitung abgebildet ist, so vollkommen frappant, ja auf so geradezu unheimliche Weise erinnert an den deutsch-israelischen Politologen Dan Diner. Ich bin so gesehen fast froh, dass man Madoff inzwischen nicht mehr so viel im Fernsehen und in der Zeitung sieht. Mitte des Monats aber war er noch viel, eigentlich ununterbrochen, öffentlich zu sehen. Denn diese ehemalige Stütze der guten New Yorker Gesellschaft war verhaftet worden, weil seine hochrespektierte (und von hunderten Millionären, Banken, Stiftungen Fondsmanagern mit der Anlage ihres Vermögens betraute) Investmentfirma in Wahrheit nichts anderes aufgelegt hat als ein betrügerisches Pyramidenspiel. Solche angeblichen Geldanlagesysteme bezahlen einer kleinen Elite von früh eingestiegenen Anlegern hohe Summen – Renditen, heißt es dann, einer triumphierenden Geschäftsidee. In Wirklichkeit aber werden meistens gar keine Geschäfte gemacht. Sondern der Gründer und ein paar wenige Mitprofiteure (die selbst freilich möglicherweise gar nicht eingeweiht sind, sondern ihr Glück kaum fassen können und überall begeistert Reklame für das Pyramidenspiel machen) werden reich durch das zuströmende Geld eine Weile lang weiter angeworbener Betrogener, die dringend in ein Geschäft einzusteigen wünschen, das tatsächlich aber gerade aus ihrer eigenen Schädigung besteht.

Die eigentümliche Zeitstruktur dieser Finanzverschwörungen erfordert nicht nur beträchtliche kriminelle Energie. Ihre Initiatoren müssen auch auf eine sehr spezifische Weise verrückt sein. Sie brauchen für ihr Treiben ein faustisch gestörtes Verhältnis zum Verlauf der Zeit. Eine Unfähigkeit, sich klarzumachen, dass Zeit nun einmal vergeht und dass Enttarnung, Schimpf, Schande damit unvermeidbar auf sie zukommen – denn zur Enttarnung dieser Form von Betrug genügt das Vergehen von Zeit. An einem sonnigen Samstagnachmittag bin ich am East River entlang nach Süden zum „Lipstick-Building“ an der 3rd Avenue gewandert. Der Donner des Franklin Delano Roosevelt-Drive zu meiner Rechten. Lastkähne, glitzernde Wellen, die geschlossene, fast autofreie Welt des Roosevelt Island jenseits der Wasserfläche. Jogger, das Ozeanlicht, der beständig wehende kalte Wind aus Süden, vom offenen Meer. An der Queensboro-Bridge bog ich nach Osten und stand ein paar Minuten später vor dem Schauplatz von Madoffs Machenschaften. Sein Büro war schon zu den Zeiten legendär, als Madoff noch ein allgemein respektierter, ja bewunderter Geschäftsmann war, Vorsitzender zum Beispiel der elektronischen NASDAQ-Börse. Denn er beschäftigte, wie man damals raunte, auf einer ganzen Etage nur 26 Angestellte (und wahrscheinlich waren die noch zuviel, wenn man bedenkt, dass dort außer Geldeinnehmen und Sich-Nichts-Anmerken-Lassen ja gar nichts zu tun war).

Das „Lipstick-Building“ besteht aus aufeinandergetürmten elliptischen Zylindern aus rötlichem Granit und kein Ende nehmenden Fensterfronten. So dass es von weitem tatsächlich aussieht wie ein auf seine Grundfläche gestellter Lippenstift, bei dem jemand die Verschlusskappe abgenommen und die ringfingerdicke Fett- und Pigmentsäule mithilfe des Mechanismus am ihr gegenüberliegenden Ende der messing- und farbglänzenden Rolle ein Stück weit herausgedreht hat. Das riesenhafte Haus voll langweiliger (sinistrer, solider, teurer, unverständlicher) Büros monumentalisiert ein elegantes Accessoire, das Frauen benutzen, um Signale auszusenden (Langeweile, Verführung, Selbstbezogenheit) und mit dem sie die Aufmerksamkeit sehnsüchtiger Männer und kritischer Frauen auf eine besonders aufregende Stelle ihres Körpers lenken. Wirklich: Sex and the City. Madoffs „Lipstick Building“ ist ein an Evidenz kaum zu übertreffendes Beispiel für den von Koolhaas gesehenen Kostümcharakter der New Yorker Wolkenkratzer, „die die wahre Natur der sich in ihnen vervielfältigenden Stockwerke nicht offenbaren, sondern weich und umstandslos ins Unterbewußtsein schlüpfen, wo sie ihre Rolle spielen als Symbol.“ Ein plötzlich wütend dreinschauender Chinese ging an mir vorbei, als ich auf dem gegenüberliegenden Gehsteig stand und mir vorzustellen versuchte, hinter welchem der ungeputzten, mit Familienfotos und verhärmten Kakteen vollgestellten Bürofenster 50 Milliarden Dollar versenkt worden sein mochten. „Yeah, that’s Madoffs Building“, sagte er grimmig im Vorübergehen. Es herrschte eine Art Lynchstimmung gegen Bernard Madoff in Manhattan in diesen Tagen.

Den gestürzten Biedermann und Brandstifter selbst kann man inzwischen in YouTube-Ausschnitten bestaunen, wie er wenige Tage vor seiner Enttarnung in einer Fernseh-Talkshow eloquent und absolut glaubwürdig schildert, wie lückenlos angeblich die Kontrollmechanismen des Finanzmarkts funktionieren, mit denen Leute wie er (man weiß noch nicht, welche Art von Mann er ist) unmöglich gemacht werden sollen. Noch heute ist es schwer, diesem witzigen, unbefangenen, offensichtlich hochintelligenten Mann mit den gewinnenden Gesten nicht sein spontanes Vertrauen zu schenken. Hey, man könne in diesem System gar nicht betrügen, selbst wenn er selbst es gelegentlich ganz gern einmal täte (jungenhaftes Lächeln; allgemeine Heiterkeit). „I’m very close to the regulators. In fact, my niece just married one“, sagt der überzeugende fette kleine Mann und setzt sich in seinem Sessel ein bisschen aufrechter hin, wie man es unwillkürlich tut, wenn man eine lustige Bemerkung gemacht hat und seinem Publikum Gelegenheit geben will, einen jetzt mal von einer anderen Seite anzuschauen. „My condolences“ sagt eine Frau aus dem Off. Alle lachen herzlich, wie befreit. Im Nachhinein glaubt man erkennen zu können, daß Bernard Madoff da längst vollkommen wahnsinnig ist, es wahrscheinlich schon seit Jahren war. Mad as a hatter.

Denn es scheint nicht menschenmöglich, dass jemand dieses Ausmaß an Unbefangenheit nur spielt und vorspiegelt. Bernard Madoff muß in diesen Augenblicken kurz vor seiner für ihn absehbaren Lebenskatastrophe irgendwie davon überzeugt gewesen sein, dass die Zeit ihm zuliebe stillstehen werde. Den Vorstellungen der „New Thought“-Gurus zufolge jedoch befindet sich Bernard Madoff damit, in diesem Moment der aufgehobenen Zeit, in einem Zustand der Erleuchtung. „Life is now,“ schreibt Eckhart Tolle auf der Seite 41 seines Beststellers „The Power of Now“. Oder: „Nothing ever happened in the past; it happened in the Now. Nothing will ever happen in the future; it will happen in the Now“. Oder ein paar Seiten weiter: „Unease, anxiety, tension, stress, worry – all forms of fear – are caused by too much future, and not enough presence. Guilt, regret, resentment, grievances, sadness, bitterness, and all forms of nonforgiveness are caused by too much past, and not enough presence.“ – „Are you ready to be awakened?“ fragt er uns, wenn wir seine Webseite öffnen und erläutert seine Frage dann gleich selbst: „When you are present in this moment, you break the continuity of your story, of past and future. Then true intelligence arises, and also love.“ Mit der Liebe weiß man es nicht so recht. Aber was das Leben in unbedingter Gegenwart angeht, den Bruch mit der Kontinuität der eigenen Geschichte, die Freiheit von Schuldgefühl, Bedauern, Verlegenheit, inneren Spannungen, Traurigkeit oder Bitterkeit, dann ist das vollkommene Muster des von Eckhart Tolle geforderten und von seinen Meditationsübungen angeblich geförderten Erleuchtungszustands wohl tatsächlich der Milliardenbetrüger Bernard Madoff in dieser auf YouTube einsehbaren Talkshow. Das Ganze ist einem dann plötzlich so widerwärtig, wie Musil irgendwo über Brot schreibt, das jemand mit Parfüm getränkt hat. Man will sein Leben lang nie wieder etwas damit zu tun haben.

„Die das Schreiben nicht beherrschen, können sich nicht vorstellen, wieviel Arbeit es ist. Nur drei Finger schreiben, aber alle übrigen Körperteile mühen sich ab. Der ganze Körper schreibt.“ Ein anonymer Mönch hat diese drei Sätze im frühen Mittelalter spielerisch und selbstbewusst auf den Rand eines heiligen Manuskripts notiert. Sie sind mir gerade für essayistische Schreibweisen immer besonders zutreffend vorgekommen. Das Essayschreiben zieht alle Aufenthaltsorte, Liebesgeschichten, Lektüreerfahrungen, Gespräche, Zufälle, Obsessionen und Einfälle des Privatlebens in sich hinein, um kannibalisch und unaufhaltsam hinfort sich von ihnen zu ernähren. Der Titel des Albums „More Songs about Buildings and Food“ von The Talking Heads – habe ich, seit ich angefangen habe zu schreiben, immer wieder gedacht – ist eigentlich ein zutiefst essayistischer Titel. Oder aber auch „Growing up in Public“ von Lou Reed. Wenn man im Ernst einmal mit dem Essayschreiben angefangen hat, bekommt so gut wie alles eine Bedeutung, was einem begegnet und fast nichts, was man in seiner Einsamkeit und Abgeschiedenenheit hinschreibt, bleibt im dann folgenden Alltagsleben ohne Konsequenzen. Man wird ängstlich vom Essayschreiben. Und dann wieder, auf eine seltsam ungute Weise, draufgängerisch.

Und so ist es mir, seit das Pantheon von Midtown Manhattan (energy, ego, acceptance, joy, the present und wie jene Wesenheiten alle heißen mögen) in mein Leben eingebrochen ist mit der Gewalt des Eros, nicht mehr (oder nur noch ganz kurz) möglich, in Midtown umherzugehen und meine Beobachtungen zu machen – bei Strafe ernsthafter Panikanfälle. Ich müsse jetzt unmittelbar hier raus, machte ich in der Vorweihnachtszeit einer Freundin eklatartig (und, wie sie mir später sagte, totenbleich) klar. Sie hatte mich eines Abends ins Restaurant von „Saks Fifth Avenue“ mitnehmen wollen, um mir den berühmten Blick in die Plaza des Rockefeller Center und auf den legendären Weihnachtsbaum mit den tausenden von bunten Lichtern zu zeigen. Das müsse ich doch mal sehen, wenn ich schon etwas über die Fifth Avenue schreibe. Es sei eine irrlichternde, geradezu ein bisschen manische Angst in meinem Blick gewesen, sagte sie, als wir dann – nach einer Flucht in dem nächsten Taxi, das wir bekommen hatten – in ihrer Wohnung im 54. Stock saßen, aufatmend zum Weinglas griffen und auf den gigantischen weihnachtsbaumglitzernden Stadtraum unter uns schauten. Tatsächlich ist es mir seit meiner Carmen-Erweckung – und dann vor allem nach meiner Koolhaas-Lektüre im „Starbucks“ vor Norman Vincent Peales „Collegiate Marble Church“ fast nicht mehr möglich, das Fluten und Wegebben von energy in den blicklos über die Trottoirs von Midtown drängenden, ja: tobenden Passantenmassen länger als ein paar Momente zu ertragen. Die für ewig (oder zumindest seit den Fünfziger Jahren) hier stillgestellte Gegenwart der unzählbar flutenden Seelen, Träume und Begierden. Die Auflösung meines ego in den Wahnsinn hinein, die mir hier droht (denn nichts als den Wahnsinn postuliert dieser letzte Glaubenshorizont von Eckhart Tolles Theologie in Wahrheit). Ich will das nicht mehr riskieren.

Und ich muss es ja gar nicht riskieren. Denn wenn man auch zugeben muss, dass die amerikanische „New Thought“-Massenstimmung inklusive ihrer zahlreichen Sekten-, Guru- und Scharlatanerieauswüchse doch wohl eine Menge mit dem ökonomischen Schlamassel zu tun hat, in dem das Land gerade versinkt, so ist doch genauso wahr, dass die dem Amerikanern und ihrem politischen System eigene charmante Unwiderstehlichkeit in diesen neuepikuräischen Kulten eine ihrer Wurzeln hat und es gut sein kann, dass gerade der schwach begründete Optimismus, der den Karren jetzt in den Dreck gefahren hat, genau das sein wird, worauf sich die Auferstehung des amerikanischen Imperiums in der Zukunft gründen wird. Ob Imperien wirklich dauerhaft untergehen, ist sowieso eine offene Frage. Gerade der amerikanische Kapitalismus ist so oft wiederauferstanden, wie er beerdigt worden ist. Und sogar vom Römischen Reich könnte man mit einigem Recht behaupten, dass es eigentlich gar nie untergegangen ist. Nicht nur Byzanz und das römische Selbstverständnis der verschiedenen Germanenreiche auf dem weströmischen Territorium sprechen dagegen, sondern auch die Kunstgeschichte oder eine Einrichtung wie die Katholische Kirche, die organisationsgeschichtlich nichts anderes darstellt als ein vom Unterscheidungsmedium politische Macht auf dasjenige spiritueller Erlösung umcodiertes römisches Kaiserreich. Und seit sich das Wahljahr 2008 schon einige Wochen in den November hineinbewegt hatte, hörte und las man überhaupt immer weniger über den Untergang des Kapitalismus, des amerikanischen Imperiums undsoweiter in der Zeitung – politische Phantasiegebilde, die noch vierzehn Tage zuvor allgegenwärtig waren.

Denn inzwischen, so schien es, war uns ein Heiland erschienen. Ein Vorgang, der zum Untergang von Imperien gehört. „Musen der bukolischen Dichtung, wir wollen jetzt eine Weile ein wichtigeres und größeres Thema besingen.“ Ein politisches nämlich. Drei Jahrzehnte vor Christi Geburt hatte Augustus eine lange Reihe mörderischer Bürgerkrieg im Römischen Reich glücklich beendet. Tiefe politische Erleichterung überkam auch die New Yorker in den Tagen nach der Wahl Barak Obamas. Als ich am 4. November um eins mit dem Taxi nach Harlem fuhr, waren die Straßen voller glücklicher, winkender, schreiender, singender Menschen, die zu Fuß zur 125. Straße hinaufwanderten, wo das Fest auf den winterlichen Straßen bis in die frühen Morgenstunden weiterging. Es war einem vor den überall in der Stadt aufgestellten Riesenbildschirmen zum Weinen zumute gewesen, als McCain mit einer vernünftigen, versöhnlichen und ritterlichen Rede (in der er plötzlich selber wieder zum Vorschein kam hinter all den politischen Werbestrategien) seine Niederlage eingestanden hatte. Und es war uns zum Tanzen, Lachen und Singen, als die glücklichen Massen im Millennium-Park von Chicago den neugewählten Präsidenten begrüßten (das dann wirklich tränenüberströmte Gesicht Jesse Jacksons). Das Gefühl, uns allen sei etwas Wunderbares und schwer zu Beschreibendes zugestoßen, hat dann noch den nächsten Morgen und (freilich schwächer werdend) die nächsten Tage über angehalten. Und zugleich flog uns aus verborgenen Untergründen der politisch-theologischen Überlieferung wirklich das Gefühl an, etwas grundlegend Neues beginne jetzt und mit uns. Uns war vielleicht kein Kindlein geboren wie in Vergils 3. Ekloge oder der christlichen Weihnachtsgeschichte. Aber die öffentliche Phantasie, die ich bei grande latte und raspberry scone über verschiedenen Zeitungen in diesen Tagen vor Dienstbeginn in wechselnden Starbucks-Filialen auf meinem Weg zur Arbeit über den New Yorker Zeitungen studierte, befasste sich doch auffällig intensiv mit den (übrigens wirklich bezaubernden) beiden kleinen Mädchen des president elect, die jetzt bald ins Weiße Haus einziehen werden. Man fragte sich und schrieb darüber, was für einen Hund sie dorthin mitnehmen werden, in welcher Schule ihre Eltern sie anmelden sollten undsoweiter.

Derweil gehen, je mehr sich Absichten, Programm und Personal der neuen Administration entfalten und bekannt werden, die augusteischen Obama-Parallelen nicht nur einen Schritt, sondern mehrere davon allen Ernstes weiter:

Und so habe ich mich, während die Zeit überm Schreiben dieses Stücks verging, auch von meinem Guru-Hassen (wie es halt so geht) in zunehmend nachsichtiger und zuletzt fast milder Weise verabschiedet. Es haben sich ja auch schon wieder Damen gefunden, die sich meines verwundeten Selbstwertgefühls angenommen haben.