Endgültig nach unten im Jahre 07

Michael Rutschky

Dies ist die Richtung, in die alle Geschichten verlaufen, nach unten. Die Geschichten jedenfalls, welche erzählt und angehört und weitererzählt zu werden verdienen, aus dem Bildungswesen, vom Wetter, aus dem Wirtschaftsleben, aus der Politik. Man konnte an jeder beliebigen Stelle beginnen.

Einer Studie der Universität Duisburg zufolge blieben im Jahr 2006 etwa 25 000 Lehrer ohne Anstellung. Eine Zahlenangabe, der von seiten der Kultusministerkonferenz nur indirekt widersprochen wurde: Hier gibt man an, daß in den vergangenen vier Jahren insgesamt 16 200 Lehrer weniger in den Schuldienst kamen, als man prognostiziert hatte. Gleichzeitig nahmen die Klagen von Eltern und Schülern zu, daß zu viele Schulstunden ausfallen, daß ein akuter Lehrermangel die Qualität des Unterrichts beeinträchtigt. In Bayern müssen in den nächsten fünf Jahren 28 000 Lehrerstellen neu besetzt werden, aber nur 20 000 Studenten werden bis dahin ihre Ausbildung abschließen. Man plant, Lehrer aus Österreich einzustellen sowie Fachkräfte aus anderen Bereichen, beispielsweise Förster – gleichzeitig sorgen die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand dafür, daß nur wenige Junglehrer eingestellt werden.

Die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand beschädigten das öffentliche Schulwesen. Damit schwindet die Ressource, auf die es, wie wir wissen, vor allem ankommt in der Zukunft: Bildung. Deutschlands Niedergang macht sich besonders kräftig in seinen Bildungseinrichtungen bemerkbar – auf die Deutschland im 19. Jahrhundert so stolz war und die das Ausland so bewunderte, daß seine Experten regelmäßig die deutschen Schulen und Universitäten inspizierten. Heute bemühen sich die Experten nach Finnland, ja nach Finnland, um ein vorbildliches Schulwesen zu studieren.

Das Bundessozialgericht bestätigte in einem Grundsatzurteil, dass ein Langzeitarbeitsloser mit einem Existenzminimum von 345 Euro pro Monat auskommen muss. Als Maßstab dienten die durchschnittlichen Verbrauchskosten unterer Einkommensschichten, wobei der Gesetzgeber nicht die aktuellen Vergleichszahlen einsetzte sondern solche von vor acht Jahren. Außerdem strich man Kinderbetreuung und Bildung aus dem Warenkorb, anhand dessen die minimalen Lebenshaltungskosten berechnet werden.

Das war in den letzten Jahren ein besonders krasses Exempel des Niedergangs, die sog. Reform des Sozialstaats, die in dem Kürzel „Hartz IV“ ihren prägnanten Ausdruck fand, der Name eines Managers, der angeblich über besondere Kompetenz in diesen Dingen verfügte – in Wahrheit stand er wenig später wegen Korruption vor Gericht.

Die Geschichten, die hierzu erzählt wurden, beschreiben keinen abschüssigen Weg, der allmählich nach unten führt, diese Geschichten handeln vom Absturz. In der Zahl 345 materialisierte sich eine ungeheure Härte: Sofort dachte man an Otto Normalverbraucher, Abteilungsleiter oder wenigstens Sachbearbeiter, dessen Monatsgehalt in vielfachen Verpflichtungen – das Eigenheim, die Ausbildung der Kinder – investiert war, als sein Betrieb aus Rentabilitätsgründen Mitarbeiter entließ oder womöglich bankrott ging. Urplötzlich – so stellte es die Legende dar, die sich um Hartz IV sofort bildete – steht er vor dem Nichts, das Nichts, wie es ein Ersatzeinkommen von 345 Euro monatlich anschaulich repräsentiert.

Die Bundesrepublik war einmal stolz auf ihre sozialen Sicherungssysteme, die das Desaster der Weimarer Republik zu vermeiden versprachen. Keine Wirtschaftskrise, wie sie den Kapitalismus zyklisch immer wieder ergreift, sollte ein Massenelend generieren dürfen, das schließlich zu politischen Katastrophen führt. Der Sozialstaat schrieb die ehrwürdige Formel der Staatstheorie, daß der Untertan Gehorsam zu leisten hat und dafür Schutz erlangt, auf die Wirtschaftsverhältnisse um – eine große Tradition. Schon im klassischen Athen und im antiken Rom galt als rühmenswerte Politik, wie der Staat für die Subsistenz der Armen Vorsorge trug; an kostenlosen Getreidelieferungen maß man den römischen Senat, die Kaiser. An diese ehrwürdige Tradition knüpfte nach 1945 der europäische Wohlfahrtsstaat an – die sog. Reformen der rotgrünen Bundesregierung haben diesen Zusammenhang zerrissen und die Geschwindigkeit gesteigert, mit der die Armen, die Benachteiligten, die Verdammten dieser Erde – wie die pathetische Formel aus dem 19. Jahrhundert lautet – ihren Weg nach unten fortsetzen.

Im Internet, bei Auktionen der Firma egun erwarb Sebastian B., Schüler der Geschwister-Scholl-Schule, Emsdetten, die Waffen, mit denen er am Montag dreimal wahllos um sich feuerte, wobei er fünf Mitschüler verletzte. Dann steckte er die Waffe in den Mund und erschoß sich selbst. Die Polizei fand ein Video, auf dem er die Schule für alles Unglück seines Lebens verantwortlich machte. „Von der ersten Klasse an war ich ein Versager“, sagt Sebastian B. auf Englisch; all die Jahre sei er gequält und gedemütigt worden. Jetzt aber sei Krieg, so Sebastian B. wörtlich, „ich bin im Krieg.“ Er soll eine Todesliste geführt haben, blaue Schrift auf kariertem Papier, 14 Namen von Schülern und Lehrern.

Die politische Debatte, die der Amoklauf von Emsdetten auslöste, kreiste um die Frage, wie Computerspiele Sebastian B. zu seiner Tat inspiriert haben und ob der Staat, indem er gewisse Computerspiele verbietet, die Möglichkeit solcher Schreckenstaten einschränkt.
Die Strahlkraft, die solche Taten sofort aussenden, ist außerordentlich. Ein gewisser Robert Steingräber, der in Erfurt seine ehemalige Schule überfiel, heftete damit eine Art schwarzen Ruhm an seinen Namen. Derselbe Ruhm kommt dem amerikanischen Städtchen Colombine zu, an dessen High School ein Blutbad stattfand, das Folgetaten in Europa immer wieder aufriefen. Ruhm, schwarzen Ruhm, man kann auch kühl sagen: Medienaufmerksamkeit scheinen die Täter vor allem zu erstreben. Sebastian B. erklärte seinen Mitschülern und seinen Lehrern auf Englisch den Krieg, in der Sprache also, die die Welt versteht. Der Amokläufer Sebastian B. repräsentierte ein zentrales Thema, wenn es um gesellschaftlichen Verfall, Dekadenz, den Weg nach unten geht: die Jugend, insbesondere die Jugend in ihren Verirrungen.

Verirrungen, an denen die Jugend als körperlicher Zustand von sich aus reich ist. Aber dann kommen von außen drastischere Verirrungen hinzu. Der junge Mann übte in Computerspielen Kampfhandlungen, die in seine Lebenswelt umzusetzen es ihn auf das heftigste drängte. Im Internet kann er Waffen erwerben, von deren Existenz er in seinem Emsdetten nie erfahren hätte. Eine Videokamera ermöglicht es ihm, eine Videobotschaft an die Welt aufzuzeichnen, die er derselben wiederum über das Internet zukommen lassen kann. Es wäre verkürzt, ja absurd, von dem verwirrten Sebastian B. direkt auf die 25 000 arbeitslosen Lehrer respektive den dramatischen Lehrermangel, auf den Verfallszustand des Schulwesens und die staatliche Unfähigkeit zur Reparatur zu kommen. Aber irgendein Zusammenhang besteht. Irgendein Zusammenhang ist nicht zu leugnen. Wenn Lehrer, Eltern, Freunde ausfallen, unterwerfen falsche Autoritäten, Computerspiele, das Internet, Hiphop die Jugend und steigern ihre natürliche Verwirrung bis zur Katastrophe. Es findet sich unter den Lehrpersonen keine mehr, die durch ihre Lebensführung der um Orientierung ringenden Jugend ein Exempel anschaulicher Sittlichkeit gäbe.

3,2 Millionen Euro, das ist ungefähr ein Fünftel des Jahresgehalts von Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. 3,2 Millionen Euro aus seinem persönlichen Vermögen zu zahlen, erklärte er sich bereit, wenn im sog. Mannesmann-Prozess die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihn einstelle. Das hatte am Freitag in Düsseldorf die Verteidigung beantragt; die Staatsanwaltschaft stimmte zu. Danach gilt Josef Ackermann als nicht vorbestraft. Als Chef der Deutschen Bank agierte er höchst erfolgreich: In seiner Amtszeit stieg die Eigenkapitalsrendite der Deutschen Bank von vier auf 26 Prozent, ein schöner Gewinn. Vor Gericht war Josef Ackermann gekommen, weil er als Aufsichtsratsmitglied von Mannesmann der Vergabe von Prämien zugestimmt hatte, die bei der Übernahme von Mannesmann durch die britische Firma Vodafone fällig wurden. 30 Millionen Euro sollte allein sein Mitangeklagter Klaus Esser erhalten. Den Freispruch in erster Instanz hob der Bundesgerichtshof auf.

Das war ein schwarzes Exempel anschaulicher Sittlichkeit, das der Chef der Deutschen Bank in seinem ersten Prozeß lieferte, als er strahlend den Kameras das Victory-Zeichen vorführte. Ein derart reicher Mann, mußte das Publikum denken, kommt unter den gegebenen Verhältnissen gewiß mit einem Freispruch aus dem Schlamassel heraus. Während in Deutschland also einerseits dank Hartz IV die Unterklasse von 345 Euro monatlich lebte, verdiente ein Großkapitalist pro Jahr an die 16 Millionen Euro. 16 Millionen Euro pro Jahr. Als eines der Indizien für den Untergang des römischen Imperiums hat man den ungeheuren Abstand erkannt, der in Rom zwischen Arm und Reich klaffte – die Bevölkerung, hat man gesagt, bestand zum einen Teil aus Bettlern, zum anderen aus Millionären. 345 Euro im Monat, 16 Millionen Euro im Jahr.

Das schrieb sich in die Bildergeschichte der Bundesrepublik ein, das Victory-Zeichen, mit dem Josef Ackermann seinen ersten Prozeß eröffnete. Man schien ihn in der Zwischenzeit gut beraten zu haben: Im zweiten Prozeß ließ er sich bei keiner vergleichbaren Geste erwischen. Es war ihm klar geworden, daß das Victory-Zeichen weniger den Glauben an seine eigene Unschuld signalisierte als Hohn und Arroganz. Im übrigen sagten die Juristen, daß die Vorwürfe der Untreue und der Beihilfe zur Untreue wirklich schwer zu belegen seien. Der Freispruch in der ersten Instanz war korrekt, und die Bußgeldzahlung in dem zweiten Prozeß bezeugte keineswegs die Korruption der Justiz.

Aber so wurde die Geschichte erzählt und verstanden. „Ackermann kauft sich frei“, lautete die Schlagzeile, und als wenig später auch der notorische Peter Hartz gegen so etwas wie eine Bußgeldzahlung von der Anklage frei kam, war das Bild vollständig. Der Niedergang der Bundesrepublik manifestiert sich nicht nur in dem extremen Abstand zwischen Arm und Reich – ein immer stärker wachsender Abstand – , vielmehr ist der Rechtsstaat lädiert, die Unabhängigkeit der dritten Gewalt eingeschränkt. Extrem reiche Männer können sich von Schuldsprüchen freikaufen, während man jeden Ladendieb streng nach Vorschrift bestraft. Und der Zentralstaat verzichtet auf Korrekturmaßnahmen.

Dies ist, wie wir sehen, ein fester Bestandteil der Rede vom Nieder- und Untergang, die Klage über den Zentralstaat, der tatenlos zuschaut, statt offensichtliche Mißstände zu beseitigen. Arbeitslose Lehrer respektive den dramatischen Lehrermangel; die Armen; durch Computerspiele und das Internet verdorbene Jungs; schwerreiche Männer, die sich von Gerichtsurteilen freikaufen. Dabei wird der Staat als eine allwaltende, gewissermaßen freischwebende Macht vorgestellt, die über Eingreifmöglichkeiten an jedweder notwendigen Stelle verfügt.

Am Samstag tritt Axel Schulz, 38 Jahre alt, nach sechs Jahren Abstinenz noch einmal zu einem Boxkampf an. Mit zehn Jahren hatte er angefangen, bei einem Sportclub in Fürstenwalde; mit 13 boxte er in der 60-Kilo-Klasse, während Altersgenossen erst 30 Kilo wogen. 1999 kam die fürchterliche Niederlage gegen Wladimir Klitschko, und jetzt fragen sich viele, warum Axel Schulz noch einmal einen solchen Kampf riskiert. In der Zwischenzeit hatte er eine Karriere als Werbeträger und als TV-Celebrity gestartet, er trat in zahllosen Talkshows und ein paar Mal im Film auf. Es geht um Geld, sagen seine Kritiker, er will seinen Marktpreis als Celebrity erhöhen; nein, sagt Axel Schulz, er tut es nur für sich selbst.

Dies ist gewissermaßen das Naturvorbild für die Geschichten vom Nieder- und Untergang, der Lebenslauf einer Person. Hier sind Erfolge und Mißerfolge, der Weg nach oben und der Weg nach unten klar zuzuschreiben und deshalb gut erkennbar.

Nein, der Boxsport insgesamt verfällt, höre ich Sie denken. Anders kann man sich nicht erklären, daß eine Veranstaltung wie der Comeback-Versuch von Axel Schulz überhaupt stattfand. Die Profitinteressen der Werbeindustrie und des Privatfernsehens haben die Macht ergriffen; rein sportliche Gesichtspunkte, wie sie angeblich den Boxer selbst leiteten, lieferten nur den Vorwand und Deckmantel. Nein, der Boxsport selber befindet sich im Niedergang.

„Natürlich sind wir enttäuscht, dass Axel seine gute Trainingsform nicht hat umsetzen können. Aber der Reiz des Sports liegt nun einmal darin, dass Ergebnisse nicht planbar sind. Das wussten wir natürlich, als wir den Vertrag mit Axel abgeschlossen haben.“ So wörtlich Manfred Loppe, der Sportchef des Fernsehsenders, am Tag nach der Niederlage. Auch hier fühlt man sich prompt an das antike Rom erinnert, Brot und Spiele, die brutalen Gladiatorenkämpfe, das Vergnügen des Publikums an sinnlosen Grausamkeiten. Bloß daß Axel Schulz nach der Niederlage nicht erschlagen wurde auf einhelligen Wunsch des Publikums.
Das antike Rom, so scheint es, hat mit seinem Untergang allen Diagnostikern und Kulturpessimisten als Originalvorbild gedient. Dieser Untergang eines großformatigen Gebildes, eines ganzen Imperiums ist kein Gegenstand von Spekulation, er ist Fakt – sagen die Diagnostiker und Kulturpessimisten, die auf den nächsten Untergang eines großformatigen Gebildes, eines Staates oder einer Gesellschaft spitzen. Wir halten fest, daß ein solcher Untergang im Fall einer Person zweifelsfrei zu beobachten ist: Axel Schulz war sein Comeback als Boxer im Schwergewicht mißlungen; they never come back, lautet die alte Weisheit, deren Geltung er bekräftigte.

Aber ein individueller Fall von Niederlage und Untergang besitzt zu wenig Beweiskraft. Womöglich entwickelte sich das Leben von Axel Schulz nach der Niederlage durchaus befriedigend. Er grübelte nicht mehr, ob er in den Boxsport zurückkehren solle, ob er nur dann er selbst, Axel Schulz, sei. Er widmet sich seiner Familie und seinen Geschäften. Als alter Mann wird er im Rückblick behaupten, das sei in seinem Leben ein Wendepunkt zum Guten gewesen; die Niederlage habe ihn von falschem Ehrgeiz befreit. Selbst im Fall des individuellen Lebenslaufs bliebe die Diagnose des Untergangs also zweideutig, kontingent. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Eine Niederlage für den Diagnostiker. Die schöne Klarheit ist verschwunden.

Was einer Lebensgeschichte Umrissklarheit verleiht, das ist ihr faktisches Ende, der Tod. Wir kennen die religiöse Möglichkeit, den Untergang als Übergang in eine andere Welt, als Übertritt ins Licht zu verschönen. Aber diese Einschätzung ist privat; wer seine Toten für ihren neuen wunderbaren Zustand beglückwünschen will, dem wird das niemand das verbieten. Offiziell gilt: der Tod ist der Tod, ein schmerzhafter und endgültiger Verlust. Diese Geschichte ist zu Ende.

Im Januar 07 stirbt Christian Huth, Jahrgang 1960, an Lungenkrebs. Sein kurzes Leben lang gehörte er zur Boheme. Mit 17 war er Punk, der sich wuterfüllt von seiner Charlottenburger Familie emanzipierte. Die entsprechenden Lokale wurden seine Stützpunkte, das Punkhaus am Adenauerplatz, das SO 36 in der Oranienstraße, das Exxess in der Kurfürstenstraße. Man raucht, trinkt, hört Musik, schwadroniert. Die Hausbesetzerszene erringt ein eigenes befreites Gebiet. Dazu gehört das Tali-Kino am Kottbusser Damm. Hier lernt Christian Huth von Blixa Bargeld, wie man Filme vorführt; im Risiko in der Schöneberger Straße steht er hinter dem Tresen, später im Niagara am Südstern und im Blech, Mittenwalder Straße. Er übernimmt das Kino Xenon in der Kolonnenstraße, renoviert es gründlich und schenkt es nach drei Jahren seiner Freundin. Er reist nach Malta, er baut ein Haus und Möbelstücke nach eigenem Design, aber als so etwas wie Erfolg sich abzeichnet, gibt er die Sache auf. In Bremen arbeitet er wieder als Filmvorführer, er hat eine Familie und versucht seinen Kindern ein guter Vater zu sein. Noch ein gescheitertes Projekt; 2005 kehrt Christian Huth nach Berlin zurück und lebt für länger auf der erdabgewandten Seite der Geschichte. Aber er fängt sich, macht Pläne für ein Programmkino, vielleicht eine Sommerbar am Lausitzer Platz. Der Krebs erwischt ihn gründlich, Chemotherapie, sein linker Arm ist gelähmt. Als seine Frau ihn in dem Pflegeheim, Blücherstraße, abholen und nach Bremen heimholen will, liegt er schon im Sterben.

Es verbietet sich, eine individuelle Lebensgeschichte, die mit dem Tod zweifelsfrei endet, für allgemeine Deutungen auszuschlachten. Wenn man sagt, Christian Huth belege exemplarisch den Niedergang von Westberlin, das seinem Nachwuchs nur noch das Leben der Boheme zu bieten vermochte, dann wirkt eine solche Deutung peinlich; der Leitartikler, der sie vorträgt, sollte sich schämen. Daß jeder junge Mann letztlich Studienrat für Deutsch und Geschichte werden will, mit Frau und zwei Kindern und dem Eigenheim in Suburbia – im Lichte einer solchen Idealvorstellung Christian Huths Leben und Niedergang und Scheitern zu deuten, erschiene als Hybris. Daß er letztlich den Niedergang der Bundesrepublik bezeuge – wie die arbeitslosen Lehrer respektive der Lehrermangel, wie Hartz IV oder der Prozeß gegen Josef Ackermann – wer so etwas behauptet, macht sich lächerlich.

Damit eine individuelle Lebensgeschichte für ein allgemeines Deutungsschema eintritt – des Nieder- und Untergangs in unserem Fall – muß man sie „hinaufmodulieren“, wie der amerikanische Soziologe Erving Goffman das rhetorische Verfahren nennt. Christian Huth, der sein Leben in der Boheme verbringt und mit 47 an Lungenkrebs stirbt, ist dann nicht mehr er selbst, sondern Darsteller einer allgemeinen Wahrheit. Man kann es auch mit einem Kollegen von Erving Goffman, der 2000 Jahre älter ist, sagen, mit Aristoteles. In seiner „Rhetorik“ erläutert er als eine spezielle Technik das Darlegen von Exempeln – Christian Huth exemplifiziere den Niedergang Westberlins als Lebensform.

„Beispiele aber muß man beim Fehlen von rhetorischen Schlüssen“, so Aristoteles wörtlich, „wie Beweise gebrauchen – denn die Überzeugung kommt dadurch zustande – , hat man aber solche gleichsam als Zeugnisse, so gebrauche man es (das Exempel) als Schlußwort“, immer noch Aristoteles, „denn vorangestellt erwecken sie den Anschein einer Induktion. Die Induktion aber ist – von wenigen Fällen abgesehen – für die Bewältigung der Aufgaben des Redners nicht geeignet. Nachgestellt jedoch erwecken sie den Anschein von Zeugnissen, ein Zeuge aber wird jederzeit zur Übermittlung von Glaubhaftigkeit akzeptiert. Daher muß man auch, wenn man sie voranstellt, eine große Zahl anführen, als Schlußwort jedoch genügt schon eines.“

Im Jahr 06 waren ca. 25 000 Lehrer in Deutschland arbeitslos, während allein in Bayern demnächst 8000 Lehrer fehlen – in unserer, der Rhetorik der Gegenwart vertritt die Statistik jene große Zahl, die als Zeugnis funktioniert und die Beweisführung von anderen Darlegungen entlastet. Allerdings setzen wir auch dem Einzelbeispiel keinen Widerstand entgegen: Josef Ackermanns Prozeß schien unumwunden alles über den Zustand des modernen Wirtschaftslebens auszusagen; „Ackermann kauft sich frei“, lautete die Schlagzeile, womit anhand dieses Falles zugleich das grundsätzliche Verhältnis der Rechtssprechung zum Wirtschaftsleben geklärt war, sie ist käuflich. Gleich möchte man, daß die Rhetorik der Gegenwart, all die Leitartikler und Leserbriefschreiber, so oft mit Exempeln operieren, als wären es Beweisstücke, gleich möchte man das als Exempel für den Niedergang der öffentlichen Rede verwenden.

Um den Lebenslauf einer Person wie Christian Huth, der als Punk beginnt und an Lungenkrebs stirbt, als er noch Pläne für ein Programmkino schmiedet, um einen solchen Lebenslauf ins Beispielhafte hinaufzumodulieren, muß man die Person in eine Romanfigur verwandeln. Da werden dann alle Einzelheiten, alle Vorgänge und Szenarien symbolisch. Die Familie residiert im bürgerlichen Charlottenburg – den Jungen zieht es sogleich ins anarchistische Kreuzberg; die Kneipen heißen Exxess oder Risiko, und weil sich aus Alkohol und Drogen keine akzeptabler Beruf machen läßt, lockt das Kino. Zum Ausbruch in die Ferne verlockt typischerweise das Mittelmeer, nach Malta, und die Liebe schafft eine gewisse Stabilität durch eine Frau, die Kinder gebiert. Womöglich gäbe es, ließe das Leben der Boheme so etwas zu, ein Happy End – griffe da nicht der Lungenkrebs ein.

Ohne Schwierigkeit könnte dieser Roman den Niedergang eines ganzen Kollektivs erzählen, der Westberliner Boheme, die sich noch in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts sozialrevolutionären Hoffnungen überließ, die Gesellschaft insgesamt müsse sich radikal wandeln, um dann nach der Wiedervereinigung in ihre Einzelteile zu zersplittern. Die Romanliteratur enthält Scharen solcher untergehenden Helden, die zugleich den Untergang ganzer Kulturen symbolisieren sollen.

„Es lag etwas Brutales und Stumpfsinniges und zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube und Selbstaufgabe in dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stücks Melodie, dieser kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von anderthalb Tönen“, heißt es in diesem Roman, „etwas Lasterhaftes in der Maßlosigkeit und Unersättlichkeit, mit der sie genossen und ausgebeutet wurde, und etwas zynisch Verzweifeltes, etwas wie Wille zu Wonne und Untergang in der Gier, mit der die letzte Süßigkeit aus ihr gesogen wurde, bis zur Erschöpfung, bis zum Ekel und Überdruß, bis endlich, endlich in Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes, leises Arpeggio in Moll hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur auflöste und mit wehmütigem Zögern erstarb.“

Der Jüngling Hanno hat seinen Nachmittag am Klavier zugebracht – statt tüchtig seine Schularbeiten anzugehen – , mit einem Vergnügen, das man Improvisieren nennt, und manche Worte – Süßigkeit, Erschöpfung, Ekel – lassen wenig Zweifel daran, daß es dabei noch um ein anderes Vergnügen ging, ein körperliches, das über Jahrhunderte für männlichen Verfall und Untergang verantwortlich gemacht wurde, Autoerotik, Masturbation.

„Hanno saß noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die Hände im Schoß. Dann stand er auf und schloß den Flügel. Er war sehr blaß, in seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er ging ins Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so lange Zeit, ohne ein Glied zu rühren.“

In der Musikleidenschaft des Jünglings Hanno, die ihm Erfüllung und Erschöpfung und einen Seelenfrieden bringt, der dem Tod ähnelt, in dieser Musikleidenschaft steckt eine ganze Philosophie. Die Philosophie Arthur Schopenhauers, die vom grundlosen Willen handelt, der den Menschen zu all seinen grundlosen Taten und Untaten treibt. Die Sehnsucht nach Frieden und Willenlosigkeit schenkt einzig die Musik; sie befreit vom blinden Elan vital, wenigstens zeitweise.

„Später wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine Partie Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch saß er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte, weil nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war, morgen um halb sechs Uhr aufzustehen, um die wichtigsten Schularbeiten anzufertigen.“

Wozu es wieder nicht kommen wird. Mit dem Jüngling Hanno, eigentlich Johann Buddenbrook, endet eine ganze Familiengeschichte in Willenlosigkeit und Todessehnsucht. Während seine Ahnen das Handelshaus Buddenbrook in Lübeck zu immer mehr Macht und Reichtum führten, kränkelte schon sein Vater Thomas Buddenbrook bedenklich an Schwermut, der Sehnsucht nach Unendlichkeit und Auflösung, die ihm der Anblick des Meeres schenkte – er kränkelte am Geist, der sich breitmacht, wenn die vitalen Kräfte einer Familie sich in großen Werken und Taten ausgegeben haben.

Auch hier ist eine ganze Philosophie zu erkennen, eine Theorie der Dekadenz, die am Ende des 19. Jahrhunderts grassierte und von der Biologie ausging, den vitalen Kräften und Energien. Familien, ja ganze Kulturen – damals sagte man: Rassen – durchlaufen einen Lebenszyklus, der frisch mit Kindheit und Jugend beginnt und über eine ausgedehnte Reifezeit zu Alter und Tod führt. Ein Prozeß des Verfalls, der durch Laster und Genüsse seelischer wie körperlicher Art noch befördert werden kann. Damals dachte man noch nicht an Computerspiele, man dachte an Drogen, Sexualität, Musik, den Geist.

„Verfall einer Familie“ heißt der Roman „Buddenbrooks“ im Untertitel. Und weil er im Einzelnen so schön gearbeitet ist, vergißt der Leser die abgelebte Dekadenztheorie. Obwohl sie bis in alle Einzelheiten durchdringt. Der Vater des von Musik und Todessehnsucht gelähmten Hanno, Thomas Buddenbrook, stirbt an der Blutvergiftung, die ein verfaulter Zahn bewirkt. Zur Dekadenztheorie trug die Entdeckung bei, daß das Gebiß des Menschen sich zurückentwickelt – immer Ärger mit den Weisheitszähnen, für die in dem sich verkürzenden Kiefer kein Platz mehr ist – , die alte Raubtierhaftigkeit geht sukzessive verloren.
So schön und zwingend dieser Roman den Verfall und Untergang der Familie Buddenbrook auch darstellt, die Geschichte ging ganz anders weiter. Keineswegs stirbt der dem Geist und der Musik – statt dem bürgerlichen Geschäftssinn und der Tüchtigkeit – verschriebene Hanno Buddenbrook bald darauf an Typhus. Unter dem Namen „Thomas Mann“ wird er 1901 diesen Roman veröffentlichen. 1929 erhält er dafür den Literaturnobelpreis. 1955 stirbt er mit 80 Jahren nach einem Leben bürgerlicher Tüchtigkeit, das ihn weltberühmt gemacht hat. Das war in dem Schema, demzufolge Geist und Kunst anstelle von praktischer Intelligenz entstehen, nicht vorgesehen.

Unmöglich zu sagen, was aus einer Figur wie Christian Huth in dem Roman über die Westberliner Boheme würde. Selber schreiben könnte er – anders als Hanno Buddenbrook – seinen Roman ja nicht mehr. Aber er brachte es immerhin zu einem einfühlsamen Nachruf in einer Tageszeitung; ganz und gar verloren und vergessen endete seine Existenz nicht. Man kann sich den künftigen Roman der Westberliner Boheme als Erfolgsgeschichte ausmalen. Das Ende von Christian Huth und seinesgleichen wird sie nicht rückgängig machen; aber sie wird so einen Lebenslauf aufbewahren, indem sie ihn ins Symbolische hinaufmoduliert. Insofern bietet nicht einmal das eindeutig durch den Tod beendete Leben den eindeutigen Beleg für den Weg nach unten, für das Nieder- und Untergangsschema.

In der Nacht zum Sonntag schaffte man die Leiche Saddam Husseins aus Bagdad in sein Heimatdorf al-Ouja, wo er begraben wurde. 24 Stunden zuvor hatte man ihn gehenkt, nach einem Gerichtsprozeß, in dem er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden war. Wie die heimlichen Videoaufnahmen zeigten, starb Saddam Hussein stolz und ohne den Ausdruck von Angst. Als der Henker ihm die Schlinge umlegte, habe er einen Fluch gerufen. „Nieder mit den Verrätern, den Amerikanern, den Spionen und den Persern!“ Dann stürzte er am Strick in die Tiefe, während ein Mann ihm nachrief: „Fahr zur Hölle!“ An seinem Grab schworen Tausende seiner Anhänger Rache; in den sunnitischen Städten Tikrit und Samarra kam es zu Tumulten. In schiitischen Städten dagegen tanzte man vor Freude auf den Straßen. Der amerikanische Präsident erklärte Saddams Hinrichtung zum Fortschritt auf dem Weg in einen demokratischen Irak, während die Bundeskanzlerin darauf hinwies, daß Deutschland die Todesstrafe grundsätzlich ablehnt.

Wer am Galgen endet, dessen Geschichte muß grundsätzlich als Untergang erzählt werden. Die Bundesrepublik hat die Todesstrafe abgeschafft – aber an ihrem Anfang steht die Hinrichtung der Nazi-Kriegsverbrecher, die im Nürnberger Prozeß verurteilt worden waren. Wie Saddam Hussein gehenkt wurde, das verbindet sich in der deutschen Bildergeschichte mit den Fotos des toten Hermann Göring (der sich durch Gift entzog), Joachim Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Julius Streicher. Dieser Untergang hat – was immer man von der Todesstrafe hält – einen Neubeginn hervorgebracht. Eine andere Geschichte konnte anfangen. Der Weg nach unten – in keinem Fall der neueren Geschichte läßt er sich so deutlich beschreiben wie am Dritten Reich. Immer noch sind jede Woche die Zeitungen, die Radio- und Fernsehprogramme voll davon. Dort, nach dem Untergang Hitlerdeutschlands begann ein Weg nach oben.

Im Fall von Saddams Untergang dagegen bleibt unklar, ob darauf wahrhaft ein Neubeginn folgte. Die Hinrichtung schien ganz und gar nichts geklärt zu haben – schon der Sturz von Saddams Regime und wie sie ihn in dem Erdloch aufstöberten, das sah aus, als wäre es ein Ende, aber es zeigt sich immer wieder, daß die Geschichte weiterging.

Eine von Anfang an schwarze Geschichte, folgt man den Beschreibungen von Saddams Aufstieg als Attentäter und Putschist, als Diktator, als Kriegsherr gegen seine eigenen Landsleute, gegen den Iran, gegen Kuwait, gegen die USA. Freilich müssen da immer zugleich Anhänger gewesen sein, seine Familie, sein Clan, die Stadt Tikrit, aus der er stammte, die Baath-Partei, die Religionsgruppe der Sunniten. Sie werden seinen Sturz und Untergang anders beschreiben.
Und entsprechend seinen Aufstieg, seine Erfolge, die zugleich ihr Aufstieg, ihre Erfolge waren. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Herrschers, des Kaisers oder Königs, besitzt große Wirkkraft. Dabei setzt das Vorzeichen, welcher Partei der Erzähler angehört, den Sunniten oder der Schiiten, den Angelsachsen oder den Normannen, den Whigs oder den Tories. Ob Saddam ein großer Führer seines Volkes war, das unter ihm ein goldenes Zeitalter erlebte – immerhin leitete er sich von dem sagenhaft weisen Sultan Saladin her – oder ein Thronräuber und Verbrecher, dessen Regierungszeit Finsternis und Schrecken mit sich brachte. Der gute und legitime König – der böse König ohne Rechtsanspruch auf die Herrschaft.

Die Gegenwart, die Zeit des Niedergangs, in der Tausende Lehrer arbeitslos sind respektive fehlen und verfettete Preisboxer sinnloserweise noch einmal in den Ring steigen; in der Schüler Amok laufen, aus Verzweiflung über das marode Schulwesen, und Wirtschaftsführer sich freikaufen können von Gerichtsurteilen – das ist die Regierungszeit des bösen, des illegitimen Königs. Statt die Armen seiner Barmherzigkeit teilhaftig werden zu lassen, läßt er sie bei Hartz IV darben. Der Herrscher ist in einem umfassenden Sinne zuständig und verantwortlich für alles, was in seinem Reich geschieht. Dieser absurde Präsident von Turkmenistan, der sich Vater aller Turkmenen, Turkmembaschi nannte und das Leben seiner Nation auf den Kult seiner Person umstellte, gibt ein anschauliches Beispiel. Die vergoldete Statue des Herrschers, die sich mit der Sonne dreht, im Zentrum der Hauptstadt. Der Herrscher Nordkoreas, Kim Jong-il. Saddam verlieh seinem Irak viele Züge dieses Personenkults, der im Herrscher die Nation verhimmelt. Es fällt kein Vogel vom Himmel, ohne daß der Führer es befahl.

Ob die Gegenwart eine Zeit des Aufstiegs und des Glanzes oder eine Zeit des Niedergangs und der Finsternis ist, das hängt davon ab, ob ein guter oder böser König herrscht. Solche Schemata sitzen tief. Wie Deutschland erst seinen Aufstieg und seine Siege einzig Adolf Hitler zuschrieb und dann seinen Niedergang, das gehört hierher. Aber man konnte sich von ehemaligen DDR-Bürgern dieselbe Geschichte erzählen lassen. Der böse König, das war Erich Honecker; der gute König, das war Helmut Kohl, dessen Herrschaft man sich bereitwillig und begeistert unterwarf. Bis sich von dieser Herrschaft zeigte, daß sie gleichfalls auf Dauer keinen allwaltenden Segen bringt. Wie gesagt, solche Schemata sitzen tief; sie prägen Wahrnehmung und Kommunikation auch unter ganz anderen als monarchischen Verhältnissen.
Die Gegenwart als Zeit des Niedergangs, in der Gewalt und Ungerechtigkeit herrschen, weil ein böser und illegitimer König auf dem Thron sitzt, tief hat sich dafür eine Legende eingeprägt, vor allem dank dem Kino, die Legende von Robin Hood. Erroll Flynn in dem Film von 1938, Regie Michael Curtiz, dem wir „Casablanca“ verdanken, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman gegen die Nazis. Kevin Costner 1991: auch nicht schlecht.

„Robin Hood“, heißt es in einem Konversationslexikon von 1889 wörtlich, „der Held einer Reihe altenglischer Volksballaden, war der Sage nach ein Earl of Huntingdon, in Wirklichkeit aber ein angelsächsischer Freisasse (yeoman), der unter Richard I. (gestorben 1199), nach anderen unter Heinrich III. (gestorben 1272) und Eduard I. (gestorben 1307) lebte und nach der Niederlage der sächsischen Volkssache in der Schlacht bei Evesham (1265) in die Wälder floh, wo er als Geächteter (outlaw) mit seinen Genossen jahrzehntelang sein Wesen trieb, gutherzig und unerbittlich gegen die normännischen Großen und die Priester. Der Wald von Sherwood war vorzugsweise der Schauplatz seiner Taten. Die zahlreichen Volkslieder, worin er als der verkörperte Haß des Volkes gegen die normännische Fremdherrschaft, als Verfechter des alten sächsischen Rechtes verherrlicht wird, erschienen teils vereinzelt als fliegende Blätter, teils in mehr oder minder umfangreichen, oft aufgelegten Sammlungen (>Garlands<), die jetzt große bibliographische Seltenheiten sind.“

So sah man’s im Deutschen Reich, der Kampf der Angelsachsen, der Urbevölkerung, gegen die Normannen, die Besatzer. Im Kino – hier darf man zusätzlich an „Ivanhoe“ von 1953 denken – , im Kino geht es weniger um Angelsachsen; es geht um den guten König, der abwesend ist, und seinen bösen Bruder, Prinz John, der die Königswürde in Abwesenheit des guten und wahren Herrschers nicht nur verwalten will – er will sie okkupieren. Robin Hood, der Rebell, der den Armen gibt, was er den bösen Reichen raubt, er kämpft in der schwarzen Zeit der illegitimen Herrschaft für den guten und wahren König Richard Löwenherz. Der am Ende triumphal zurückkehrt und die Dinge ins Lot bringt. Was in dem Film von 1991 besonders schön aussieht, weil den Richard Löwenherz der würdige Sean Connery gibt. Jedenfalls erkennt man eine bemerkenswerte Struktur: Die Gegenwart ist eine Zeit des Niedergangs, weil ein böser König, ein Thronräuber herrscht. Der Rebell, der gegen die Rechtsordnung verstößt, agiert als Repräsentant eines höheren, des alten Rechts. Das am Ende in Gestalt des guten und wahren Königs Richard Löwenherz zurückkehrt.

In 500 Jahren wandert in dem Gelände, das heute Irak heißt, eine Legende herum, derzufolge der gute König Saddalin gar nicht gehenkt worden ist von seinen Feinden. Listig wie Odysseus konnte er den Ungläubigen, den Persern und Amerikanern entkommen. Das Erdloch, aus dem er schließlich zu Licht und Glanz wieder emporstieg, ist heute – in 500 Jahren – Zentrum eines Tempelbezirks, der die immerwährende Herrschaft des Tikrit-Clans hütet (der, wie ausländische Forscher insistieren, auf undurchsichtige Weise amerikanischer und persischer Herkunft ist). In tausend Jahren erzählt man in dem Gebiet, das heute Deutschland heißt, die Legende von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die zuweilen als ein und dieselbe, als zwiegeschlechtliche Figur Andrike erscheinen, wie sie in Treue zu Adolf Hitler den Kampf gegen die Ungläubigen fortsetzen, nachdem die drei bösen Könige Roosevelt, Churchill und Stalin Adolf Hitler in seinem Erdloch lebendig begraben hatten.

Es ist die Aby-Warburg-Schule für Kulturwissenschaft, in der man die Wirkkraft und Wandlungsfähigkeit solcher Stoffe und Motive erkennen lernt. Aby Warburg hat seine Forschungen vor allem an der bildenden Kunst betrieben, doch am Ende sogar Briefmarken und Pressefotos berücksichtigt. Das Schema des Niedergangs, der Weg nach unten, mit Aby Warburg kann man das eine „Pathosformel“ nennen, die große Überzeugungsenergie an ganz unterschiedliche Stoffe abgibt, an Monumentalgemälde vom Untergang Roms ebenso wie an die Zeitungsnachricht, daß im Jahr 2006 Tausende Lehrer arbeitslos waren respektive fehlten. Dank der Pathosformel gliedert sich dann die Zeitungsmeldung widerstandslos in das Monumentalgemälde ein.

Ebenso kann man es „Roman“ nennen. Wir haben es anläßlich der Buddenbrooks gesehen, wie aus dem verträumten Musikabend eines schwächlichen, lebensunlustigen Gymnasiasten die Verfallsgeschichte einer Familie, einer ganzen Kultur wird. Der Einzelfall wird hinaufmoduliert, wie der Soziologe Erving Goffman sagt, zu einem Exempel, das, wie Aristoteles lehrt, schlüssige Beweisführungen ersetzen kann, weil es rhetorisch überzeugt. Wobei, wie gesagt, einzutragen ist, daß die „Buddenbrooks“ vom Ausgang her ganz anders gelesen werden können: Unter dem Namen Thomas Mann avanciert Hanno Buddenbrook zum bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Das Gegenteil von Verfall und Untergang, der Weg nach oben, zu Glanz und Ruhm.
Nicht einmal die Geschichte Saddam Husseins ist eindeutig. Zwar scheint es kein deutlicheres Bild für den Absturz, für den Untergang zu geben als den Fall am Strick durch die Luke des Galgengerüsts. Aber wer weiß, wie viele sunnitische Robin Hoods seitdem unterwegs sind, um im Irak die Herrschaft Saddams als goldenes Zeitalter zu verherrlichen. Indem sie Verbrechen an ihren Feinden begehen, die ihre Freunde, die die Freunde Saddams sind, an dessen Herrschaft erinnern. Die die einzig legitime Herrschaft im Irak war und eines Tages wiederhergestellt sein wird durch Saddams legitime Nachfolger.

Der Klimawandel wird die deutsche Volkswirtschaft mehrere Milliarden Euro kosten. Allein die durch Hochwasser, Waldbrände, Stürme und Dürreperioden verursachten Schäden verzehren bis zum Jahr 2050 rund 330 Milliarden. Extreme Klimaereignisse beschädigen Immobilien und die Infrastruktur. Neue Deiche, Schutzmauern und Rückhaltebecken müssen gebaut werden. In extremen Hitzeperioden liefern die Flüsse zu wenig Kühlwasser für die Kraftwerke. Hurrikane beeinträchtigen weltweit die Ölförderung, und die Preise für Strom, Gas, Heizöl steigen unmäßig. Summa summarum verschlingt der Klimawandel in den nächsten 43 Jahren per annum 0,5 Prozent des Wirtschaftswachstums.

Deutschland wird einer heimlichen Islamisierung unterworfen. Ohne daß sie es bemerkt, bereitete die deutsche Justiz ihr den Weg. Unter Hinweis auf die Freiheit der Religionsausübung, wie sie das Grundgesetz garantiert, erlaubten deutsche Gerichte fundamentalistischen Muslimen ihre Kinder vom Schwimmunterricht abzumelden. Beim Schächten mußten deutsche Gerichte muslimischen Metzgern Ausnahmeregelungen zugestehen. Im Jahr 2002 traf das Bundesverfassungsgericht die Grundsatzentscheidung und erlaubte das Schächten nach muslimischen Ritus. Im hessischen Dillenburg versuchte das Landratsamt den Muezzin, der vom Minarett der Moschee fünfmal täglich zum Gebet ruft, mittels der Straßenverkehrsordnung zum Schweigen zu bringen. Der Aufruf zum Gebet könne die Autofahrer verwirren. Das Verwaltungsgericht Gießen hob die Entscheidung auf.

In Berlin konnten rund 430 000 Menschen ihre laufenden Lebenshaltungskosten nicht mehr aufbringen. Das sind ca. 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit lag Berlin mit Bremen an der Spitze der deutschen Länder. In Frankfurt/Oder wartete am Abend des 16. August der 34jährige Tom D. auf den Gerichtsvollzieher. Er hatte Mietschulden, 885 Euro und 29 Cent. Als der Gerichtsvollzieher klingelte, stürzte sich Tom D. aus dem Fenster und war sofort tot. Zwar hatten seine Eltern sich bereit erklärt, die Mietschulden zu begleichen, doch der Vermieter beharrte darauf, daß Tom D. die Wohnung räume.

Tag für Tag spülen die Zeitungen, das Radio, das Fernsehen diese Nachrichten an. Wobei der Kulturhistoriker leicht die Pathosformeln erkennt, die sie organisieren. Das Wetter, dem bereits im antiken Rom professionelle Beobachter Heil und Unheil ablasen. Die Anhänger einer fremden Religion, die sich mehr-minder offen in unseren Siedlungsgebieten ausbreiten und die einheimischen Sitten sukzessive zerstören – in Rom war das, wie wir schon in der Schule lernten, unsere Religion, das Christentum; daß der Kaiser es schließlich zur Staatsreligion erhob, rettete das Imperium nicht mehr.

Das Bild einer allgemeinen Verschuldung, wie sie in Berlin schon 15 Prozent der Bevölkerung kennzeichnet, wie sie in Frankfurt/Oder den 34jährigen Tom D. in den Selbstmord trieb, das Bild der Verschuldung trifft dies Lebensgefühl nicht schlecht. Wir, das ist die europäische, die westliche, die moderne Zivilisation haben uns zu weit ausgedehnt, in andere Regionen mit anderen Kulturen, in die Natur, in den Himmel hinein, ein umfassender Schuldzusammenhang, und jetzt kommen die Rückforderungen. Die ganze Anlage ist zu groß und zu schwer, um sich selbst noch tragen zu können. Ziemlich genau so erklärt im 18. Jahrhundert der englische Historiker Edward Gibbon in seiner kanonischen Geschichtsschilderung den Untergang Roms.

„… das Sinken Roms war die natürliche und unvermeidliche Wirkung übermäßiger Größe. Das Glück brachte den Keim des Verfalls zur Reife, die Ursachen der Zerstörung vervielfältigten sich mit der Ausdehnung der Eroberungen, und sobald Zeit und Zufall die künstlichen Stützen entfernt hatten, gab der riesenhafte Bau dem Drucke seines eigenen Gewichtes nach. Die Geschichte seines Sturzes ist einfach und einleuchtend, und statt zu fragen, warum das römische Reich zerstört wurde, sollten wir vielmehr staunen, daß es so lange bestand.“

Man findet viele Leitartikler ebenso wie Leserbriefschreiber, die den Untergang des amerikanischen Imperiums nach eben diesem Schema vorauswissen. Allzu weite Ausdehnung, Krieg in Afghanistan, Krieg im Irak, militärisches Engagement allüberall. Der Weg zur Größe ist schon der Weg nach unten.
Wer mit sicherer Stimme die Geschichte vom Untergang erzählt, ist voller Optimismus. Zum einen im Hinblick auf seine Beobachtungskompetenz. Er hat den Durchblick. Er kann die verworrenen Geschichten, das ewige Einerseits-Anderseits, so ordnen, daß sie in ein und dieselbe Richtung verlaufen. Keine Kontingenz mehr. Das verleiht all den Leitartiklern und Leserbriefschreibern, die unwiderleglich aufzeigen, wie wir uns auf dem Weg nach unten befinden, ihren Stolz und ihre Selbstzufriedenheit. Aus großer Höhe überblickt man die Kämpfe tief unten und erkennt ihren Verlauf, der unten ganz undurchsichtig bleibt.

„Auch die Industrie ist noch erdverbunden wie das Bauerntum. Sie hat ihren Standort und ihre dem Boden entströmenden Quellen der Stoffe. Nur die Hochfinanz ist ganz frei, ganz ungreifbar. Die Banken und damit die Börsen haben sich seit 1789 am Kreditbedürfnis der ins Ungeheure wachsenden Industrie zur eigenen Macht entwickelt und sie wollen, wie das Geld in allen Zivilisationen, die einzige Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und erobernder Wirtschaft erhebt sich zu einem schweigenden Riesenkampf der Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber dem Denken in Geld.“

Das war kein Leitartikler, auch kein pensionierter Oberstudienrat, der mittels eines Leserbriefs Josef Ackermann in die welthistorische Landschaft stellt, um sich stolz an seinem eigenen Weitblick zu laben. Es war Oswald Spengler, der 1917 mit „Der Untergang des Abendlandes“ eines der ganz großen Monumentalgemälde veröffentlicht hat, man kann auch sagen: einen Roman, der in universalgeschichtlicher Perspektive den Weg nach unten beschreibt – den Weg nach unten, der für andere der Weg nach oben, ins Licht ist. Spengler träumte von einem Führer.

„Die Heraufkunft des Cäsarismus bricht die Diktatur des Geldes und ihrer politischen Waffe, der Demokratie. Nach einem langen Triumphe der weltstädtischen Wirtschaft und ihrer Interessen über die politische Gestaltungskraft erweist sich die politische Seite des Lebens doch als stärker. Das Schwert siegt über das Geld, der Herrenwille unterwirft sich wieder den Willen zur Beute.“

Josef Ackermann und die Seinen enteignet ein starker Staat, den ein starker Führer leitet, um die eroberten Reichtümer für das Gemeinwohl zu nützen. Es handelt sich, wie bei Richard Löwenherz, um eine Wiederkehr; denn das Geld okkupiert einen Thron, der jemandem anderes zusteht. Der Kulturkritiker, der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler – ein ehemaliger Oberlehrer, tatsächlich – ist Robin Hood, der die Rückkehr des wahren Herrschers vorbereitet…
Er nahm sich 1936 das Leben, und man kann ausgiebig darüber räsonnieren, wie sich das aus der Lage im neuen Deutschland herleitete, dem drei Jahre zuvor ein cäsarischer Führer erstanden war, der die Demokratie abschaffte und die Wirtschaft ihrer wahren nationalen und sozialen Funktion zu unterwerfen versprach. Überhaupt bringt ein solcher Herrenwille die soziale und politische Ordnung zurück, deren Verfall die Robin Hoods der Kulturkritik so scharf beobachtet haben. Keine arbeitslosen Lehrer mehr, während gleichzeitig massenhaft Unterricht ausfällt und der pathologisch gelangweilte Schüler zum Amoklauf schreitet. Überhaupt keine Langzeitarbeitslosen mehr, die sich mit knapp 350 Euro im Monat über Wasser halten müssen – der neue Herrenwille schafft Arbeit für alle. Kein verfetteter Boxer von Ende 30 – „der weiche Riese“, wie man ihn nannte – muß sich noch einen letzten. demütigenden Schaukampf liefern, um seinen Lebensabend finanziell bestehen zu können.

Aber wenn man – auch nur in Gedanken – bei Hitler landet, ist jede Geschichte irgendwie verdorben. Wie die Robin Hoods der Kulturkritik, des Kulturpessimismus haargenau auf die Katastrophe hinarbeiten, aus der sie zu entkommen, vor der sie die Kultur und die Nation retten wollten, das hat schon 1963 der Historiker Fritz Stern in seiner kanonischen Studie „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ an drei Vorgängern Oswald Spenglers demonstriert, unterdessen ganz vergessene Namen: Paul de Lagarde, Julius Langbehn, Arthur Moeller van den Bruck. Seinerzeit beherrschten sie die Gedanken des Bildungsbürgertums mit ihren großen Erzählungen vom Nieder- und Untergang, wie das Reich und die deutsche Kultur sich auf dem Weg nach unten befinden.

„Der Gang der deutschen Geschichte“, so der Fritz Stern, „hat die Voraussagen der drei Kritiker in eigenartiger Weise bestätigt. Von 1890 bis 1933 brach immer wieder eine gewisse Unzufriedenheit durch, die der Haltung und Absicht nach stets halb kulturell, halb politisch war. Fand nicht die Überzeugung unserer Kritiker, daß die liberale, rationalistische Gesellschaft unbefriedigend sei, daß die Nation sich langweile und nach einem gemeinsamen Glauben sehne, durch die Rebellion der Jugendbewegung, die Begeisterung der Augusttage 1914 (für den Kriegseintritt), das >Fronterlebnis< und den brutalen Idealismus der zwanziger Jahre ihre Bestätigung?… Indem sie die Unzufriedenheit vieler Deutscher steigerte, war ihre Prophezeiung so angelegt, daß sie sich selbst erfüllte.“

Als der neue Herrenwille, der die Nation nach oben und ins Licht zu führen versprach, sich in der Gestalt Adolf Hitlers manifestierte, schlug der Pessimismus, die kulturelle Depression in Manie um, das ununterbrochene Hochgefühl. Worauf die Katastrophe folgte, weit gründlicher als vorausgesagt. Und als sie eingetreten war – das hatten wir schon – 1945 begann eine andere, eine neue Geschichte. In der Optimismus zunächst fehlte; er steckte in den Handlungen – dem Wiederaufbau der Städte, der Reorganisation der Wirtschaft, der Demokratisierung – , der Optimismus steckte im Körper. Im Kopf war Leere und Verwirrung und Verzweiflung. Erst im Rückblick kann man erkennen, daß die Geschichte gut ausging; die Zeitgenossen sahen es anders – wenn sie überhaupt was sahen.
Wer mal eine schwere Krankheit überstanden hat, kann Ähnliches erzählen. Der Herzinfarkt, der sich als plötzlicher Druckschmerz in der Brust äußert, dann in Schweißausbrüchen und Übelkeit – und die ganze Zeit schaut das Bewußtsein zu, als wäre es nicht betroffen. Ohne Eifer, ohne Zorn dem Tode nah. Der Rettungswagen, die Einlieferung ins Krankenhaus, die ärztlichen Maßnahmen: der Optimismus, daß es weitergeht und weitergehen soll mit dem Leben, äußert sich in den Handlungen. Statt als Wille und Vorsatz. Das Prinzip Hoffnung beherrscht den Körper, der sich dem Untergang verweigert, wie oft beschrieben wurde.

Wie oft beschrieben wurde, ist eine Person jedoch etwas kategorial anderes als eine Gruppe, eine Nation, eine Gesellschaft. Der Herzinfarkt läßt sich präzise diagnostizieren – ob eine Gesellschaft überhaupt erkranken kann in einem genauen, nicht bloß metaphorischen Sinn, darüber streiten die Soziologen. Während die Leitartikler, vor allem die Leserbriefschreiber fest wissen, welcher Zivilisationsschaden eben gerade sich ausbreitet. Ununterbrochen steigen aus dem Innern der Gesellschaft Meldungen empor, wie sie sich auf dem Weg nach unten befindet. Die Körper, die Handlungen kommen kaum nach mit ihrem Optimismus.
Man muß aufpassen. Wenn die Gesellschaft in Beschreibungen ihres eigenen Niedergangs schwelgt, zeigt das nicht unbedingt an, daß sie auf die Manie zutreibt, das Hochgefühl, das die Rückkehr des Herrenwillens begleitet – des Herrenwillens, der dann wirklich die Katastrophe herbeiführt, die er doch zugunsten herrlicher Zeiten verhindern wollte. Die Tradition des deutschen Kulturpessimismus zeigt dieses Muster. Bei anderen Nationen, die gleichfalls ihren Kulturpessimismus pflegen, blieb die Katastrophe aus. Oder sie nahm eine ganz andere Form an.

Man muß aufpassen. Es scheint unmöglich, im Innern einer Gesellschaft zu erkennen, ob sie sich im Aufstieg oder auf dem Weg nach unten befindet. Man müßte die Zukunft kennen, und die ist dem Leserbriefschreiber ebenso verhüllt wie dem Leitartikler; auch für den Wissenschaftler, mag er noch so stolz auf seine Prognosen sein. Eine Bilanz solcher Prognosen, was in den letzten – sagen wir: 50 Jahren alles für die Zukunft vorausgesagt worden ist, käme zu staunenswerten Ergebnissen. Wie gesagt, die schwärzeste Prophezeiung für die Zukunft der Kultur, der Nation, der Gesellschaft steckt voll von einem überwältigenden Optimismus, was die Vorhersagbarkeit der Zukunft betrifft. Das substanzielle Unwissen, das die Zukunft darstellt, überspielt der Prophet triumphal.

In Wirklichkeit verhalten sich die meisten Nachrichten zweideutig. Ob sie Licht oder Finsternis enthalten, zeigt sich erst später. In der Gegenwart sind sie kontingent. Wenn es um Politik geht, kommen widersprüchliche Einschätzungen ins Spiel: Nützt oder schadet der Untergang Saddams? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Das Weiterreden führt zu keinem eindeutigen Ergebnis, zumal der Untergang Saddams in der Zwischenzeit immer wieder neue Folgen zeitigt. Aber auch weniger krasse Nachrichten zeigen die Kontingenz. So und so viele Lehrer, die im Jahr 06 arbeitslos blieben, empfinden es inzwischen als Vorteil, daß ihnen die Beamtenlaufbahn verschlossen blieb. Andere klagen anhaltend. Im Jahr 2012 meldet keine Zeitung, daß Bayern seinen Lehrermangel längst beseitigt hat. Kontingenz überall.

Was sich der Leere, die Unkenntnis, Unwissen, Kontingenz erzeugen, bemächtigt, das sind Redeweisen, Topoi, Pathosformeln. Sie bilden eine eigene Tradition. Ein Forscher aus der Aby-Warburg-Schule für Kulturwissenschaft erkennt in all den Prognosen des Nieder- und Untergangs die Tradition der Apokalypse. Eine ebenso mächtige Pathosformel wie die vom Paradies – das demnächst, wie die Zeitungen meldeten, dank der Pläne zum Umbau des Donau-Deltas wieder einmal verloren geht. Und weil die beiden Pathosformeln zusammenhängen, kommen wir schließlich dem überwältigenden Optimismus auf die Spur, den der schwärzeste Pessimismus enthält.

„… Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen und verhaßten Vögel. Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Könige auf Erden haben mit ihr Unzucht getrieben, und die Kaufleute auf Erden sind reich geworden von ihrer Üppigkeit… Und sie warfen Staub auf ihre Häupter und schrien, weinten und klagten und sprachen: Weh, weh, du große Stadt, in welcher von ihrer Üppigkeit reich geworden sind alle, die da Schiffe auf dem Meere hatten, in einer Stunde ist sie verwüstet.“

So lasen wir es noch bei Oswald Spengler: In den großen Städten versammelt sich das Geld und seine Macht. So mußte der Anschlag vom 11. September 01 das World Trade Center, das Welthandelszentrum in der großen Stadt New York treffen, das Herz des Großen Satans.

„So wird sie im Sturm verworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden. Und die Stimme der Saitenspieler und Sänger, Pfeifer und Posauner soll nicht mehr in dir gehört werden. Denn deine Kaufleute waren Fürsten auf Erden, und durch deine Zauberei sind verführt worden alle Völker.“

Soviel zum Weg nach unten, der jetzt abgeschlossen ist, endgültig. An genau dieser Stelle beginnt der Weg nach oben, der ins Licht führt, endgültig.

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid und Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.“