Über die Schwerkraft

Kathrin Passig

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Wo oben und unten ist, wissen wir dank der Schwerkraft. Wer von einer Lawine verschüttet wird, heißt es, gräbt sich manchmal mehrere Meter weit nach unten, weil er nicht auf die mahnenden Worte der Schwerkraft hört. Fachleute behaupten, der Trick zur Rettung sei es, die Spucke im Mund zusammenlaufen zu lassen und dann in der entgegengesetzten Richtung zu graben. Für die Verschütteten ist zu hoffen, dass Lawinenunfälle nicht ausgerechnet zu Mundtrockenheit führen.

Leider ist die Schwerkraft ein bisher weitgehend unerklärtes Ding. Wir wissen nicht, wie die Erde der Spucke mitteilt, in welche Richtung sie zu fließen hat. Es hat aber wohl auf irgendeine komplizierte Weise indirekt mit dem Higgs-Boson zu tun, das sich der schottische Physiker Peter Higgs 1964 bei einer Wanderung durch die Cairngorm Mountains ausdachte, einer unwirtlichen Gegend, über die es in John Hill Burtons 1864 erschienenen „The Cairngorm Mountains“ heißt: „… the interstices in the tempest-driven clouds only showed us dreary, winter, Greenland-like chaos of snow and rocks and torrents. It taxed our full philosophy… to believe that we were still in the United Kingdom… and that it was the 1st of August.“

Das Nachdenken über die Schwerkraft wird von kaum einer Umgebung so gefördert wie von den Bergen; schließlich wäre ohne sie erstens der Rucksack nicht so schwer, zweitens das Herunterfallen von den Bergen ein harmloses Vergnügen und drittens stürzten Niederschläge, Steine und Lawinen nicht immer von oben auf den Wanderer herab. Allerdings sind Niederschläge in Schottland der Schwerkraft ohnehin weniger stark unterworfen als anderswo und fallen aus allen Richtungen einschließlich von unten. Wer schon einmal in den schottischen Highlands unterwegs war, erkennt, dass eine Welt ohne Schwerkraft für Wanderer auch kein reines Zuckerschlecken wäre, ganz im Gegenteil: dass wir im Normalfall nur von oben durchnässt werden, ist ein Luxus, den wir zu selten würdigen.

Aber dieses Problem ist schon fast ein historisches, denn heute wird der Large Hadron Collider des CERN in Betrieb genommen. Er soll unter anderem endlich das Higgs-Boson aus seinem Bau scheuchen. Das Geheimnis von Oben und Unten wird dann keines mehr sein, und wir können uns endlich der im Straßenverkehr viel wichtigeren Frage widmen, woran man eigentlich rechts und links unterscheidet.

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