Der Mann im Schönheitssalon

Marc Koch

Ich war schon immer neidisch auf Javier. Erstens verdient er einen Haufen Geld. Und zweitens hat er den ganzen Tag mit schönen Frauen zu tun, die noch schöner werden wollen. Javier hat so einen Salon, mit vielen Milchglaswänden, Teakholzmöbeln und sagenhaft ästhetischen Bambusstengeln. „Medizinisches Laser-Institut“ nennt er das. Davon gibt es mittlerweile in jedem Stadtviertel von Madrid mindestens zwei, drei Stück.

Neulich, in der Kneipe, haben wir ihn gefragt, was denn die verehrten Kundinnen so machen und was er wieder weggelasert, aufgespritzt und abgesaugt hat. „Gar nichts“, hat Javier gesagt, „ich depiliere nur noch. Und zwar Männer.“ Der spanische Mann neigte ja schon immer dazu, sein Äußeres ansprechend zu gestalten und zum Beispiel auch im Sommer Zweireiher zu tragen, wenn seine Kollegen in Deutschland in kurzen Hosen und in Flip-Flops im Büro aufkreuzen. Aber das reicht jetzt nicht mehr: Mann geht ins Schönheits-Insitut. Und die am häufigsten bestellte Behandlung heißt: Haare weg. Und zwar überall, außer auf dem Kopf.

Besonders der jüngere Mann läßt kein Haar mehr an sich, was bei der beachtlichen Körperbehaarung des Spaniers an sich eine Menge Arbeit für Javier bedeutet. Vom Kinn an abwärts lassen sie sich lasern, bis sie aussehen wie ein Baby-Po. Das Ergebnis wird dann demonstrativ in Straßencafés und auf Terrassen zur Schau gestellt und zwingt andere Männer damit natürlich zur Nachahmung. Deutlich sichtbare Achselbehaarung zum Muscle-Shirt geht schließlich überhaupt nicht mehr. Und mit zusammengewachsenen Augenbrauen braucht man sich gleich gar nicht mehr blicken zu lassen.

Neulich hat ein Kunde Javier gefragt, ob es eine Depilationstechnik gäbe, die zwar den lästigen Bartwuchs ein für alle mal stoppt, aber diesen schicken Schatten, der nach der Rasur bleibt, sehen läßt. Gibt es nicht, aber Javier arbeitet dran. Das muss er auch, denn der spanische Mann bleibt bei allem Schönheitswahn ein Mann. Er will sich also nicht nur beauty-technisch behandeln lassen und sich gut fühlen, wie Frauen das tun. Er will Ergebnisse sehen, und zwar sofort. Javier ist mit seiner männlichen Kundschaft ausgesprochen zufrieden. Frauen wollen nämlich stundenlange Beratungen, prüfen die Preislisten und rennen zum Vergleichen von einem Schönheitssalon in den nächsten und wieder zurück. Männer wissen, was sie wollen, und sie sagen das auch. Während der ganzen Unterhaltung wurde übrigens kein einziger anzüglicher Witz gemacht. Spaniens Männer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, habe ich gedacht.

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