Absturzpanik

Michael Rutschky

Es ist noch nicht lange her, da erkannte sich die Bundesrepublik als Verlierer. Die Fernsehnachrichten brachten gleich nach den Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg Bilder von Bettlern und Obdachlosen, was die Traumlogik entsprechend verknüpfte. Erst wirst du arbeits- dann obdachlos und mußt betteln. Diese Art Panik entwickelt einen eigentümlichen Sog. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts habe ich mal an einer Umfrage unter Studenten, betreffend Arbeitsstörungen und Prüfungsangst, mitgewirkt. Wer darunter stark litt, sah sich gleich durch alle sozialen Stockwerke hindurch fallen und als Fabrikarbeiter am Fließband enden.

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Das waren schöne Zeiten, hätten vor kurzem, als noch die Absturzpanik herrschte, die Ängstlichen bitter gespottet, damals gab es noch Fließbandarbeit für Ungelernte. Heute längst verschwunden. Heute finden Ungelernte so gut wie überhaupt keine Arbeit mehr, und wer den schönen Reden der Politiker gefolgt ist und sich eine anspruchsvolle Ausbildung zugemutet hat, der steht erst recht dumm da. Juristen beispielsweise; oder Ärzte. Keine Aussicht, daß sich die hohen Bildungsinvestitionen in einem ordentlichen Einkommen auszahlen, das dann in die Familie und die Ausbildung der nächsten Generation investiert werden könnte. Auch das kam mir übrigens bekannt vor. In den siebziger Jahren hatte ich mit Studenten zu tun, die gute Abschlußexamina schafften, denen dann aber der Berufsweg des Gymnasiallehrers, auf den sie strebten, verbaut war. Einen Ausweg bot das Taxifahren, für das Martin Scorseses Film „Taxidriver“ 1976 eine eigene düstere Mythologie schuf. So gut wie niemand ist, wenn ich mich umschaue, dabei geblieben. De facto bildeten die Medien, Zeitungen, Magazine, TV, das sich frisch eröffnende Arbeitsfeld für die verhinderten Studienräte.

Aber solche Gelegenheiten zeigen sich nicht, wenn man gelähmt auf der Stelle steht und keine Chancen erblicken kann. Die Aufstiegshoffnungen, denen plötzlich der Gegenstand fehlt, erzeugen die Absturzpanik, die Legenden und Mythologien hervorbringt. „Taxidriver“ hatten wir schon, der vom Vietnamkrieg schwer traumatisierte Einzelgänger, der einen Politiker zu ermorden plant. Folgt man der großen Medienerzählung, so ist der Terrorismus von heute nach demselben Schema zu verstehen. Die seit Jahrzehnten ausweglos eingekesselten Palästinenser wissen sich nur noch durch Gewalt Ausdruck zu verschaffen. In unseren Gegenden verdichten sich die Panikgefühle, statt in Filmen oder Romanen, in Statistik. Die Zahlen selbst, hat man den Eindruck, atmen Unheil; sie zu überprüfen, ist ohnedies kaum jemand befähigt. Wer mit 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens wirtschaften muß – das sind 856 Euro – ist von Armut bedroht. Eine Familie mit zwei Kindern gelangt an diese Grenze bei 1798 Euro; alleinerziehende Mütter mit einem Kind bei 1113 Euro. 24 Prozent derer, die ohne Ausbildung sind, leben nahe der Armut; unter den Hochschulabsolventen nur acht Prozent. Besondere Armutsgefahren laufen die Bewohner der ehemaligen DDR, 17 Prozent; in der westlichen Bundesrepublik sind es nur zwölf. Und so weiter.

Zwar zeichnet solche Zahlen eine schöne Unbezweifelbarkeit aus, doch bleibt vieldeutig, was sie sagen. Man braucht Geschichten, um sie als Beweismaterial verwenden zu können, Kasuistik. Elke Reinke, 47 Jahre alt, liefert eine solche Geschichte. In der DDR studierte sie Elektrotechnik und arbeitete dann in einem Chemiekombinat. Nach dem Untergang der DDR absolvierte sie jede Menge Umschulungen und Fortbildungen, aber ABM war es, was sie die letzten 13 Jahre über Wasser hielt. Zuletzt schickte sie, die studierte Elektrotechnikerin, die Arbeitsagentur in Aschersleben, Harz, in eine Kirche, wo sie die Besucher zählen mußte, für die nächste Statistik.

Klar, Ellen Reinke selbst erzählt diese exemplarisch deprimierende Geschichte, und sie erzählt sie aus einer privilegierten Position. Die Geschichte liegt hinter ihr. Sie ist inzwischen Mitglied des Deutschen Bundestages, Abgeordnete der Linkspartei. Im Parlament, in der Öffentlichkeit repräsentiert sie die Unterschicht, das Prekariat; sie ist dessen Fürsprecherin. Dies ist also keine Geschichte vom Absturz, im Gegenteil. Die erniedrigte Bewohnerin der ehemaligen DDR steigt auf zur Parlamentarierin, die von nun an die ehemaligen DDR-Bürger und die anderen Erniedrigten repräsentiert. Was in sich selbst keine repräsentative, sondern eine außergewöhnliche Geschichte ist.

Das Prekariat – eine ironische Wortbildung – , die Unterschicht, das ist der Hades, in den man jederzeit abstürzen kann. Wie sich dann zeigt, ist dieser Hades dicht bewohnt. Daß weite Teile der ehemaligen DDR dazu gehören, insbesondere die Dörfer, das flache Land, man weiß es. Doch die Unterschicht siedelt auch im Westen, und das seit langem, Köln-Chorweiler zum Beispiel. Die Jugend besucht lustlos die Hauptschule und hat keine Aussicht auf Lehrstellen. Die Eltern und die älteren Geschwister sind dauerarbeitslos. Die einzige, lähmende Perspektive, die sich der Jugend bietet, heißt Hartz IV, früher hieß sie Stütze; denn in diesem Hades herrschen Armut und Perspektivlosigkeit seit Generationen und haben eigene Lebensformen ausgebildet. Kinder lernen von ihren Eltern, daß sie keine Chancen haben, sagt die Sozialarbeiterin, und dann enden ganze Familienclans in der Resignation. Selbstverständlich weiß kein Sozialarbeiter aus dieser Lage herauszuhelfen. Genauer, man beobachtet hier eine weiterreichende Unterscheidung. Wer – aus welchen Gründen immer – kurzfristig in diesen Hades abgestürzt ist, kommt meist irgendwann wieder heraus, ein Drittel nach einem, zwei Drittel nach zwei Jahren, sagt die Statistik. Aber davon bleiben die Ureinwohner des Hades unberührt.

Was die Mythologie angeht, so blüht die ihre seit langem reichlich. Lumpenproletariat nannte man diese Unterklasse im 19. Jahrhundert und beobachtete angstvoll ihre Übergänge in die Kriminalität. Oder, romantisch-erwartungsvoll, in die Bohème, wo ja Kunst entstand und erotische Freizügigkeit herrschte, folgt man der Mythologie. Puccinis Oper „La Bohème“ übergoß sie mit zuckersüßer Musik. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts – als meine Studenten statt Studienrat Taxifahrer wurden – kennen wir den Jugendlichen ohne Zukunft, no future, der sich lustig und dramatisch als Schreckgespenst des Sozialarbeiters inszeniert, als Punk. Seit den Siebzigern haben sie sich als Ethnie etabliert. Ohne große Mühe findet die Reporterin Linda, 22, in einem Hinterhaus der Stralauer Allee, wo sie mit ihrem Schatzi und den Mischlingshunden Aufstand, Smoky und Grasovska eine Einzimmerwohnung besiedelt. Eine Zeitlang ist sie korrekt obdachlos von Stadt zu Stadt gezogen und hat vom Schnorren gelebt, wie sie erzählt. In Ingolstadt, woher sie stammt, konnten ihr die Eltern wenig bieten; es gibt noch zehn Geschwister. In der Hauptstadt kommt man besser durch, trinken, Konzerte, rumhängen. Angeekelt und begeistert beobachtet die Reporterin, wie Schatzi eine Schale mit blauer Pampe für das Haarefärben präpariert. Weiß der Teufel, was aus ihnen wird. Linda ist in 15 Jahren womöglich eine erfolgreiche Heilpraktikerin und Schatzi Intendant eines Stadttheaters, dessen größter Erfolg eine Inszenierung von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ war, 1905 geschrieben, noch ein Stück Mythologie des Lunpenproletariats, der Boheme, des Prekariats. Der Aufenthalt in diesem Hades schafft eine eigene Authentizität, zertrümmert die bürgerlichen Lebenslügen. Der Punk, den ich in den Siebzigern kannte, ist unterdessen erfolgreicher PR-Agent; er kam aus keiner proletarischen, vielmehr einer Rechtsanwaltsfamilie.

Daß zum Heranwachsen, zur Sozialisation des Jungmenschen oft eine Art Hadesfahrt gehört. daran hat man sich inzwischen gewöhnt; die Toleranz bürgerlicher Eltern nahm in den vergangenen Jahrzehnten, in denen so unterschiedliche bohemehafte Jugendethnien sich bildeten, erheblich zu. Die Grenzen markieren Rauschgiftsucht respektive Rechtsradikalismus, hier findet der irreversible Absturz statt. Um so dankbarer sind wir für alle Geschichten, die von Umkehr handeln, vom Verzicht auf Heroin respektive Nazigelüste.

Doch all diese einzelnen Impressionen entsprechen nicht dem dicht zusammenhängenden Bild, das die Absturzpanik zu malen liebt. Ihr zufolge droht ein Klassenschicksal, womöglich ein gesamtgesellschaftlicher Niedergang. Die Bundesrepublik, die sich mit so erstaunlichem Erfolg aus der vollständigen Niederlage des Dritten Reiches herausgearbeitet hat, verdankte ihre Lebenskraft dem amerikanischen Modell sozialer Mobilität. Wenn nicht innerhalb einer Generation – vom Punk zum Theaterintendanten – , dann sollte der gesellschaftliche Aufstieg zwischen den Generationen stattfinden. Vater war kleiner Angestellter, Sohn wird Universitätsprofessor. Plötzlich aber schaut es so aus, als brächte es der Sohn, die Tochter des Universitätsprofessors keinen Schritt weiter, nach Harvard, in die Chefetage der Deutschen Bank.

Miriam, summa cum laude promoviert, verbringt ihre ersten Berufsjahre als freie Mitarbeiterin von Zeitungen und Rundfunkanstalten, ein mühsames Geschäft. Endlich ergattert sie eine Stelle als Redakteurin; sie kann an Heirat denken, sogar an ein Kind. Doch die Zeitung gerät ins Trudeln, wie man es von so vielen hört. Abbau der Redakteursstellen; Miriam gehört dazu, denn sie war noch nicht lange genug dabei. Den Weg zurück zu den freien Mitarbeitern verlegen die nachgewachsenen freien Mitarbeiter dort – ganz abgesehen davon, daß Zeitungen ebenso wie Rundfunkanstalten im Zuge der Sparmaßnahmen lieber ihre Festangestellten beschäftigen als Freie. Irgendwann landet Miriam bei Hartz IV – eingeführt von der rotgrünen Regierung, der sie einst angehangen hat – , sie muß ihre schöne Wohnung in Mitte aufgeben; jeder Schritt zurück nach oben ist auf unabsehbare Zeit blockiert. Und so malt die Absturzpanik ihr Bild für jede Branche, für Medizin und Juristerei, für Informatik und Betriebwirtschaftslehre und das Schulwesen. Nirgendwo kriegen Miriam und David, Mitte 30, die dritte Generation der Bundesrepublik noch einen Fuß auf den Boden, den ihre Eltern so fruchtbar bestellt hatten.

Das hört sich wiederum nach Roman an und entwickelt die entsprechende Überzeugungskraft. Schaut man sich in der Romangeschichte um, stößt man bald auf das Vorbild, Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ von 1932, der diese Absturzgeschichte dramatischer und schmerzlicher erzählt und ein großer Erfolg war. Keineswegs hat Johannes Pinneberg summa cum laude promoviert; von vornherein ist er bloß ein kleiner Angestellter, der im Lauf der Begebenheiten, im Zug der Weltwirtschaftskrise immer tiefer abstürzt, bis er als Arbeits- und Obdachloser in der Laubenkolonie landet und ihn nur noch die Liebe von Frau und Baby schützend umhüllt.

Die Forscher, die sich mit dem kulturellen Gedächtnis befassen, setzen dafür eine langfristige Wirkungsdauer an. Der Bundesrepublik von heute steckt immer noch in den Knochen, was Hans Fallada in dem Roman verarbeitet hat. Wiewohl er so brav und anstellig ist, der gute Johannes Pinneberg, kommt er auf keinen grünen Zweig, weil die Schicksalsmächte des Wirtschaftslebens seine Bereitschaft zu Gehorsam und Anpassung ignorieren, statt ihm Schutz und Nahrung zu gewähren. Was Falladas Roman als historische Quelle auszeichnet, ist nicht zuletzt: daß er von den Angestellten als der wichtigsten Klasse handelt, während die Zeitgenossen noch über das Proletariat und seine objektiven Interessen rätselten.

Heute liest man Falladas Roman mit Unbehagen. Er hätte gut mit Heinz Rühmann als Johannes Pinneberg verfilmt werden können, der kleine Mann, dessen Folgebereitschaft ins Masochistische geht. Die familiale Innenwelt, die Liebe zu Frau und Baby, die allzu innig als „Lämmchen“ und „der Murkel“ firmieren, wird von der kalten Außenwelt geradezu sadistisch bedroht; man halluziniert Heinz Rühmanns helle, vorwurfsvoll-ohnmächtige Stimme beim Lesen.

Die Erforscher des kulturellen Gedächtnisses würden Miriam, unsere abgestiegene Zeitungsredakteurin, als Enkelin von Johannes Pinneberg einsetzen. Der Murkel wurde ihr Vater, der Universitätsprofessor. In der Schule und der Universität lernte sie offiziell, was sie aus der Familie schon wußte, wie die ökonomische Verzweiflung Anfang der dreißiger Jahre die messianische Erwartung in einen Wohltäter stachelte, der die Folgebereitschaft des kleinen Mannes zu nutzen wußte. Kleiner Mann – was nun? Beim nächsten Mal NSDAP wählen. Gewiß ist Johannes Pinneberg darauf reingefallen. Und mußte sich als alter Mann beißende Fragen von seinen Enkeln gefallen lassen, auf deren Schul- und Universitätskarriere er so stolz war.

Gewiß erwartet, wenn eine Absturzpanik die Bundesrepublik erschüttert, nur eine kleine abgesprengte Minderheit den Führer, der uns zu neuer nationaler Größe und immerwährender Prosperität beamt. Aber es lohnt, sich der Romane, der Mythologien zu vergewissern, die in einem solchen Fall die allgemeine Aufmerksamkeit leiten. Die Statistik liefert nur die Tagesreste, von denen aus das Albträumen wuchert.

Spandau, ein Bezirk am westlichen Stadtrand, weist den höchsten Anteil an Verbraucherinsolvenzen auf. Nirgendwo sonst ist die Suizidrate so hoch. Spandau hat den höchsten Anteil an Hauptschulabsolventen und die wenigsten Einwohner mit Abitur. Bei den Langzeitarbeitslosen liegt es an dritter Stelle. Und so weiter. Bis die Panik wieder verebbt ist.

(Nach Merkur Nr. 702, Seite 1071-1074)

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