Eine höhere Form des Landlebens

Stephan Wackwitz

Eine Art Checkpoint-Charlie-Gefühl ist an der Nordostecke des Central Parks (wo auf der Höhe der 110. Straße die Fifth Avenue Harlem verläßt) plötzlich unabweisbar – die Anmutungen und Dämonen eines mühsam geordneten und gleichsam nur gerade noch einmal im Zaum gehaltenen Zwischenreichs. Die Stadtlandschaft ist hier einen kleinen Spaziergang lang weniger dicht als noch hundert Meter nördlich oder südlich. Sie scheint weniger lückenlos zusammenzuhängen mit sich selbst. Nur eine dünne Membran, so kommt es dem Spaziergänger vor, trennt sie von den Erinnerungen, Ängsten, Verwirrungen und Träumen, die aus dem Wachbewußtsein zu verbannen unser Verfahren ist, um so etwas wie Die Wirklichkeit in uns herzustellen. Zwei Welten grenzen sich voneinander ab und gehen zugleich ineinander über. Ein terrain vague ist entstanden, in den Straßen und in unserem Kopf. Und jedesmal, wenn ich die 110th Street von Harlem her auf meinem Fahrrad überquere, spielt in meinem Kopf Bobby Womack den Titelsong von Barry Shears Film „Across 110th Street“. Oder: Pam Grier zieht im Vorspann von Quentin Tarrantinos „Jackie Brown“ in unbewegter Haltung und mit unbeweglicher Miene zu dieser gefährlich züngelnden Musik auf dem Laufband eines Flughafens an uns vorüber.

Von Süden her wirkt der Übergang noch dramatischer. Die ersten, dramatisch mit Bobby Womacks Song unterlegten Einstellungen von „Across 110th Street“ vollziehen ihn in einer großen, weich federnden 70er Jahre-Limousine auf der östlichen Ringstraße des Central Park. An den Spielplätzen, wo die 96th Street einmündet, legt sie sich zu den zischenden, heulenden, tuschartig auftrumpfenden Synkopen des Hits von 1972 sanft in die Kurve. Und dann ist der Film, nach einer weiteren, irgendwie schicksalhaft anmutenden Weggabelung, angekommen in einem Schattenreich der Gefahr in nächtlichen Straßen; in einer Welt gespenstisch und einsam glühender Leuchtreklamen; verzweifelter, spärlich bekleideter Frauen mit überdimensionierten falschen Wimpern; in den Revieren gewalttätiger, verschwenderisch fluchender Männer in zu kurzen schwarzen Lederjacken und engen Schlaghosen, auf Plateausohlen.

Das rite-de-passage-Gefühl wird im Vorspann von Tarantinos (ja zum großen Teil aus Zitaten bestehendem) Film geradezu noch effektiver heraufbeschworen als mit der Autofahrt durch den Central Park in Shears Referenzklassiker (von dem der spätere Film nur noch die Musik übriggelassen hat; und die dramatische Bewegung, von der man nicht weiß, wo sie endet). Pam Grier, die auf ihre Verhaftung zufährt (sie transportiert Geld, was sie weiß, und Rauschgift, von dem sie nichts weiß), wird in weniger als einer Minute in einen Maelstrom aus Gefahr, Verbrechen und glücklichem Ausgang stürzen. Jetzt fährt sie unbewegt (als sei sie schon gestorben) auf dem Flughafenlaufband über die Bildfläche, so unbewegt, stelle ich mir dann plötzlich vor, wie die Passagiere im Fahrzeug des Totenfährmanns, unterwegs an einen Ort, wo sie von jetzt an für immer bleiben werden, die Augen starr auf jenen Ort gerichtet, den das europäische Bildgedächtnis als eine von Lichtlosigkeit umflossene Insel oder Küste darstellt. Pam ist in einem Zwischenreich. Es ist ihr noch eine kurze Frist belassen. So wie Flughäfen überhaupt geisterhafte Unorte sind und man noch längst nicht irgendwo angekommen ist, wenn man auf ihren Laufbändern vom Terminal zur Gepäckausgabe bewegt wird.

Es ist das plötzliche Auseinanderfallen jener kompakten Phalanx der Fifth Avenue, was die Nordostecke des Parks zu einem so eindrücklichen Ort macht. Von der 59sten Straße an stadtaufwärts säumte eine Felswand aus Granitfassaden, Fensterreihen, Dachgärten, Söllern, Terrassen, exquisiten Ausblicken und antiquitätengefüllen Luxusapartments ungebrochen und lückenlos die gesamte Länge des Parks. Hier zerbröselt sie von einem Schritt auf den anderen in eine innerstädtische Grenzlandschaft, wie man sie vor 1989 in Berlin von hölzernen Aussichtsplattformen aus besichtigen konnte. Eine Brache zur Linken, abgeschlossen durch efeuüberwachsene Brandmauern. Zwei vernachlässigte, uneinleuchtend futuristische Hochhäuser in einer Art DDR-Raumschiffdesign. Die aus Warten, Leere, Zeitverschwendung, Heimweh, Endstationsvergeblichkeit und Zukunftsangst zusammengesetzte Atmosphäre, wie sie auf Busbahnhöfen und an Omnibuskehren herrscht. Und auch dem Bemühen der Stadtverwaltung, dem hier aus dem Luxus in die Obskurität abstürzenden Straßenverlauf eine Übergangsform, Selbstbewußtsein und so etwas wie Würde zu geben, ist eine ehrenwert resignierte Verzweiflung nur zu deutlich anzumerken: Man hat ein weites Rondell angelegt, eine Verkehrsinsel, unter deren Bäumen man auf Bänken sitzen kann; ein kitschiges Denkmal für Duke Ellington steht direkt an der Fahrbahn; und das Ganze ist auch benannt nach dem großen Jazzmusiker: „Duke Ellington Plaza“.

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Der essayistische Stadtwanderer des frühen 21. Jahrhunderts macht seine Hausaufgaben im Internet. Aus dessen Tiefen war tags zuvor (als Teil des Eintrags über den antiken Totenbegleiter Charon) das Bild einer weiten, düsteren, brandbedrohten und vollkommen dämonischen Weltlandschaft des niederländischen Dürer-Freundes und -Zeitgenossen Joachim Patinir aufgetaucht, dessen Mitte der über den Styx navigierende Nachen des baumgroß riesenhaft auf ihm stehenden Unterweltgottes bildet. Ein ganz kleiner nackter Mann sitzt darin und schaut über die stillen, dunklen Wasser angsterfüllt hinüber auf das fast ganz in Dämmerung versunkene Reich des Tartaros, wo Hieronymus-Bosch-artige Feuer glühen, Gehenkte baumeln und vor einem kohlschwarzen Ruinenberg das mehrköpfige Monster des Zerberus den Eingang in die endgültige Vergeblichkeit und Verdammnis bewacht. Und doch steht am anderen Ufer des Totenflusses ein versöhnlich winkender (oder anders hoffnungsvolle Zeichen gebender) Engel, der die verzweifelnde Seele auf die hellen, von Bäumen, Hügeln, freundlichen Flüssen und Lichtgebäuden erfüllten Auen auf der anderen Seite einladend hinweist, als hätte sie immer noch die Wahl. Aber das dunkle Reich scheint die größere Verlockung auf der frühmanieristischen Leinwand zu entfalten und die Seele des Helden in Patinirs vielleicht von der calvinistischen Prädestinationslehre inspirierten und mit ihrer Hilfe deutbaren Gemäldes kann sich von den schrecklichen Anblicken und Aussichten des Höllenufers nicht lösen.

Wir dagegen überqueren jetzt die Grenze von der Unterwelt Harlems (es geht in ihr heutzutage allerdings, wie wir gesehen haben, nicht mehr so schlimm zu wie zur Entstehungszeit von „Across 110th Street) ins Elysium jener Klippen- oder Canyonslandschaft fünfzehn- bis zwanzigstöckiger Apartmenthäuser aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Man hat diesen Abschnitt unserer Straße millionaire’s mile genannt hat oder dann auch, als sich die berühmtesten Museen der Stadt und der Welt hier ansiedelten: museum mile. Nur ein Anhauch, eine plötzliche Veränderung der Atmosphäre war beim Durchfahren des Rondells auf dem Fahrrad – vollauf beschäftigt wie wir waren mit Schlaglöchern, überholenden Bussen, unberechenbaren Passanten – zu spüren von jenem Übergang. Und schon gleiten wir auf der (plötzlich viel besseren) Straße im Schatten hoher Bäume dahin. Zu unserer Rechten der Wald, die Wiesen, die Hügel, Felsen und Spaziergänger des Central Park, die verzweigte Wasserfläche des „Harlem Meer“, die hinter hohen schmiedeeisernen Gittern verborgenen französischen Gartenanlagen, die sich hier anschließen. In ihre abgezirkelten Beete, Hecken und Laubengänge sieht man aus den Fenstern des Stadtmuseums von New York und des Museo del‘ Barrio (einer Art Tate Modern des puertoricanischen Harlem). Zu unserer Linken aber erstreckt sich jene nun fünfzig Blocks kein Ende mehr nehmende Reihe klassizistischer, neugotischer, barocker, palladinischer und moderner Fassaden – die Flügel, Risalite, Höfe und Türme, könnte man sich vorstellen, eines einzigen, kilometerweit nach Süden von hier aus fortgesetzten Palasts.

Ein andermal. Gekleidet fürs Büro. Wir sind auf dem Weg zum Lunch bei einem berühmten Sammler. An der 84. Straße mündet die abgesenkt (fast unterirdisch) durch den Park geführte Durchgangsstraße wieder ins Stadtgebiet. Aus der sommerlich um uns glühenden und heulenden Straße treten wir zwischen frisch bepflanzten Beeten durch ein überraschend bescheidenes, fast landhausartiges Portal durch die hellgraue Kalksteinwand der über uns sich türmenden Fassade. Schwere Flügel aus Glas, feingeschmiedetes schwarzlackiertes Gitterwerk öffnet sich dem Griff eines livrierten Portiers. Wir sind eingetreten in einem sausend gekühlten Salon voller Spiegel, Perserteppiche, barocker Kommoden, goldgerahmter Stiche, chintzbezogener Sessel und Sofas, Kristallüster, großer, stark duftenden Blumensträuße in chinesischen Vasen. Hier geht es nicht in den Hades, wie an jener Kreuzung dreißig Block weiter stadtaufwärts, sondern in ein Elysium, das die ganze Parkfront der Fifth Avenue entlang, nirgends mehr als zehn Schritte vom Bürgersteig entfernt, auf die ihm Vorbestimmten wartet (aber auch das antike Elysium, fällt dir plötzlich ein, ist ja eine Landschaft jenseits des Totenflusses gewesen). Und wir sind erst im Vorraum des Hauses. Der Portier fragt uns, nicht übermäßig freundlich, wie wir heißen und in welchem Stock wir erwartet werden, läßt sich unsere Angaben über das Haustelefon bestätigen (wobei er in einen ungleich respektvolleren Ton wechselt) und hält uns, über unsere Identität und vorläufige Hauszugehörigkeit jetzt beruhigt und mit den Eindringlingen ein wenig versöhnt, die Tür des kleinodienkabinetthaft messing- und mahagoniblitzenden Aufzugs auf, drückt den richtigen Knopf und schließt das altmodisch-solid schwarzlackierte und geölte Scherengitter („es gibt sie noch, die guten Dinge“, geht es uns respektlosen Kleinbürgern leider gleich wieder durch den Kopf) hinter uns.

Der Vorraum, in dem sich dieses Gitter nach einer Minute wieder öffnet, gehört schon zur Wohnung selbst und wird von anderen Hausbewohnern nie betreten. Es hat uns ins Penthouse verschlagen, eine heute (nicht aber zur Entstehungszeit des Hauses) besonders geschätzte, sozusagen bohèmehafte Dachbodenvariation der ursprünglich eigentlich vornehmeren Grundrisse der Beletagen unter uns. Die Dachwohnung hat erst seit den 20er Jahre seinen heutigen Platz in der allgemeinen Vorstellungswelt als besonders luxuriöser Teil eines Gebäudes gefunden und das Fifth Avenue-Apartmenthaus ist bei dieser neuen Interpretation des Penthouse achitekturgeschichtlich vorangegangen. Denn die New Yorker Kulturproduktion ist seit Beginn des Jahrhunderts überhaupt erfüllt gewesen von den Verwechslungen und Purzelbäumen einer „sich überschlagenden Sittenkomödie“ (Aga Khan), in der oben und unten ihre Positionen wechseln. Eine kulturgeschichtliche Farce, bei der die ganze Welt im Zuschauerraum sitzt, befördert fortwährend das zuvor Niedrige (Campbell’s-Suppendosen, Comics, Hausmeisterwohnungen auf dem Dach) ins Reich des zuvor Hohen, Heiligen und Überteuerten, hängt Colaflaschen ins Museum und verwechselt schwer heizbare Fabriketagen mit dem bevorzugten Aufenthaltsort von Milliardären. Wo früher die Dienstboten hausten, ohne ästhetischen Anteil an der Fassade (dem eigentlichen Gesicht des Hauses), wo die Fenster kleiner, die Grundrisse weniger raffiniert sind und die Decken niedriger, gerade dort oben hat sich unser Gastgeber (er tritt uns jetzt freundlich entgegen) eingerichtet mit seinen 6oer-Jahre-Möbeln, zwischen unverputzten Backsteinwänden, hinter liebevoll konservierten Metalltüren aus dem letzten Jahrhundert, auf einem Fußboden aus schweren, gefurchten Industriebohlen. Fabrikartig rauhe Fenstersimse, offene Geländer, ungegliederte Grundrisse verraten den einstigen Dachboden.

In die Fenster der rückwärts nach Südosten gelegenen Küche scheint die Herbstsonne, ringsum gefiltert, reflektiert und eingefärbt von den Brandmauern, Kaminen, Blechen und Backsteinwänden einer weit in den Himmel, ins Licht, in den Wind hinaufgebauten Hinterhoflandschaft. Die Flächen der kostbaren Einbauten aus gebürstetem Stahl, dunkelbraunem Holz, milchfarben geädertem Marmor glänzen. Es ist kaum halb eins, aber der Hausherr öffnet eine Flasche Pouilly-Fumé, deren Etikett wir in den uns zugänglichen Weinläden noch nie gesehen haben. Von der wir jedoch instinktiv wissen, daß wir sie uns allenfalls zu Weihnachten oder einem runden Hochzeitstag leisten würden und könnten. Betäubt staunend, die Nase schon in unseren großen Gläsern, treten wir durch die überall in den Frühherbst hinein offenstehenden Terrassentüren jetzt auf den balkonartigen Vorsprung hinaus, den eine steinerne Brüstung zur Straße hin abschließt. Er führt um das schmucklos einstöckige (von der Straße aus nicht sichtbare) Dachhaus ganz herum. Im Wind, eingehüllt von den hier plötzlich sehr starken Gerüchen der Pflanzen und Wasserflächen unter uns, den jetzt wieder unendlichen Himmel im Blick wird uns klar, daß wir ebenerdige Spaziergänger nicht die halbe Wahrheit über den Park unter uns kennen. Erst wir Höhergestellten begreifen ganz den unerhörten Sinn dieses rechteckig wie ein Gemälde und kein Ende nehmend wie ein Märchenwald aus dem teuersten Stadtterritorium der Welt herausgeschnittenen Arreals. Dessen seit Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts unversehrte Unbebautheit nebenher das marxistische Zentraltheorem unumschränkter kapitalistischer Profitorientierung widerlegt. Denn die unvorstellbar teure Immobilie dieses die schmale Insel in ihrer Mitte fast ausfüllenden Landschaftsgartens gehört wirklich uns allen und beileibe nicht nur den Reichen, die sich überhaupt keine Anteile an ihr, sondern allenfalls einen privilegierten Blick auf das Wunder kaufen können.

Das Jackie-Onassis-Reservoir ist erst von hier oben erkennbar als ein See, der auch in einer natürlichen Landschaft groß wäre. Inmitten der Stadt flößt einem die Platzverschwendung dieser bukolischen Wasserfläche etwas wie Sprachlosigkeit ein und wir machen, von der Aussicht wie vom Pouilly-Fumé ein bißchen angegriffen, eine vielleicht etwas bildungshuberische Bemerkung über das idealistische Konzept des Erhabenen, die der unsere Überwältigung genießende Gastgeber aber zu schätzen weiß. Als schnurgerad kompakte, honiggelbe Wand leuchtet in leichtem Dunst und kilometerweiter Entfernung die gegenüberliegende Palastwand des Central Park West, an ihrer Oberkante aufgelöst in eine gigantische Spitzenborte aus korinthischen Tempelchen, französischen Dachmansarden, surrealistischen Terrassensälen, spanisch oder maurisch konnotierten Balkonflächen, ausgedehnten Gärten und Gewächshäusern, gotischen, dorischen, jugendstilbewegten, kristallisch starrenden oder allegorisch figurenbewegten Giebeln und Türmen. Die Bäume stehen dicht. Sie sind erst jetzt, nach anderthalb Friedensjahrhunderten so alt und hoch wie die Schöpfer des Parks 1856, zur Zeit des Bürgerkriegs, sie sich gewünscht und sich für ihr großes amerikanisches Kunstwerk vorgestellt haben. Ihre Kronenlandschaft verdeckt die Wiesen, Lichtungen, Felsen und Teiche, an deren Ufern, über deren weite Flächen wir doch gestern noch spazierengegangen sind. Von hier aus ist der Park ein mit unseren Blicken nicht mehr durchdringbarer Wald, eine in der ganzen Welt beispiellose Aufhäufung romantisch durchgestalteter Natur inmitten des seinerseits fast hochmittelalterlich konzentriert, kleinteilig, kunstvoll, chaotisch und teuer bebauten und bewohnten Stadtraums der Weltmetropole.

Die Innenarchitektur der mit ihren 20 bis 30 Zimmern oft ein ganzes Stockwerk einnehmenden Wohnungen der Fifth Avenue aber ist seit den Zwanziger Jahren bemüht gewesen, möglichst viele Elemente eines vormodernen Architekturtypus ins Design der amerikanischen Etagenwohnung aufzunehmen. Es sind die Formen, Lebenschancen, Ausblicke, Atmosphären und Anmutungen des europäischen, vom britischen Adel aus der Renaissancevilla Palladios heraus entwickelten Landhauses. Vielleicht liegen jene gewaltigen Zimmerfluchten genau deshalb oft auf zwei Stockwerken: Sie wiederholen ihre verschwenderischen Grundrisse auf zwei übereinanderliegenden Ebenen, weil nur auf diese Weise offene Treppenfoyers und Galerien zum Zentrum ihrer gigantischen Komplexe gemacht werden konnten. Architekten und Auftraggebern, scheint es, kam es an auf Eingangssituationen, von denen aus sich die Gesamtanlage (wie in vergangenen Jahrhunderten die Paläste des britischen Adels) dem Eintretenden auf einen Blick erschließt. Hinter sich den Park, über sich, in der Kuppel der Eingangshalle, eine allegorische Geschichte der Familie und ihres Ruhms (in der der Palast selbst als Accessoire sich wiederholte), vor sich die Sala terrena, blickte der Besucher des Achtzehnten und Neunzehnten Jahrhunderts in jenen Landhäusern beeindruckt aufwärts, von wo ihm die Hausherrin entgegenkam, wo ein Diener ihn auf dem Treppenabsatz erwartete.

In unser Körpergefühl hat sich diese Eintrittssituation vielleicht vor allem durch eine Erinnerung an die schon leicht ridikülisierten Interieurs der filmischen screwball-comedies eingeschrieben. Auch die Hollywood-Ausstatter und Studioarchitekten der Dreißiger und Vierziger Jahre bauten die Schauplätze ihrer Lustspiele (sie vermitteln noch heutigen Kinogehern das P.G.Woodhouse-Gefühl der Geborgenheit in einer fremden, komischen, anheimelnd leichtlebigen, unendlich reichen und vollkommen unbeschwerten Welt), um gigantische Treppenhäuser herum, auf denen man Cousinen mit fremden Passantinnen verwechseln konnte, Leoparden mit Haustieren und seine große Liebe mit einer entfernten Bekannten, die einem trotz ihrer offensichtlichen Schönheit immer ein bißchen auf die Nerven ging. Aber auch vom englischen Landhaus scheinbar ganz entfernte Pathosformeln des Luxus und der Großzügigkeit im modernen New Yorker Wohnungsbau gehen unterschwellig noch auf die Grundrisse der edwardischen und viktorianischen Architekten und ihrer adligen Auftraggeber zurück. Die in modernen Wohnungen ganz sinnlosen Kamine zum Beispiel. Oder die Idee des duplex, einer auf kleinstem Grundriß noch zweistöckigen Wohnung, die mit einem winzigen Balkon und einer die Ebenen verbindenden Leiter Schwundformen von Eingangstreppe, Park und Haus inmitten standardisierter und beengter Wohnverhältnisse verwirklicht. Noch die amerikanische Innenarchitekturmode der Fünfziger Jahre, in den bescheidensten Einzimmerwohnungen einen minimal höhergelegten Eingangsbereich durch ein paar Stufen vom eigentlichen Wohn- und Schlafraum zu trennen, steht in traumhaft subliminaler Verbindung mit einem einstigen Vorbild großzügigen Wohnens und richtigen Lebens, das sich vor dreihundert Jahren in schottischen Hochmooren und den Landschaftsparks von Buckinghamshire entwickelt hat.

Rosario Candela, der zusammen oder in Konkurrenz mit James Carpenter in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die vornehmsten Architekturen der Fifth Avenue, des Riverside Drive und der Park Avenue entwickelt hat, scheint freilich eher (oder zugleich) von den feudalen Barockarchitekturen seiner sizilianischen Heimat inspiriert gewesen zu sein. Man sieht seine größten Leistungen kaum, wenn man es sich nicht leisten kann, sie zu besitzen – nicht nur deshalb nicht, weil man als normaler Sterblicher kaum je in diese Behausungen vordringt, und auch nicht nur deshalb nicht, weil viele von ihnen später in mehrere kleinere (wenngleich immer noch unerhört luxuriöse) Wohnungen aufgeteilt und umgebaut worden sind. Vielmehr ist die Luxusarchitektur der Fifth Avenue nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen gedacht. Von den am schwindelerregendsten ausgetüftelten Erfindungen Candelas (der sich nicht zufällig mit Kryptologie beschäftigte und der Erfinder erfolgreicher Geheimcodes gewesen ist) ist vom Bürgersteig aus nichts wahrnehmbar. Allenfalls durch die riesigen Fenster in den glatten (von ein paar Renaissancebalkonen, – friesen oder -kartauschen in oft ganz sinnlosen, fast absurden Höhen geschmückten) Schöpfungen Candelas unterscheiden sich diese Häuser von äußerlich vielleicht aufsehenerregenderen. Aber im Durchschreiten ihrer Fluchten, im Genießen ihrer mathematisch exakt hintereinander aufgebauten Aussichten und Durchblicke, in der Choreographie der hier möglichen Bewegungen, Erholungen, Begegnungen und Rückzüge scheint dem Bewohner und Besucher die Vision eines besseren und schöneren Lebens unwiderleglich aufzugehen.

Sherman McCoy freilich, der Held in Tom Wolfes „Fegfeuer der Eitelkeiten“ kann in seinen Achtziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts die désinvolture, die seine Wohnung auf der Park Avenue ihm architektonisch vorschreibt, nicht aufbringen. Gerade hat er seiner Frau gegenüber behauptet, trotz des strömenden New Yorker Regens den Hund ausführen zu wollen. Dabei will er sich bloß an einer nahegelegenen Telefonzelle mit seiner berückend ordinären texanischen Geliebten verabreden (wir befinden uns im Vor-Handy-Zeitalter, im Jahr 1987). „Genau in diesem Moment, in genau der Art Park-Avenue-Eigentumswohnung, die den Bürgermeister (der im vorhergehenden Kapitel eine sozialdemagogische Rede gehalten hat, S.W) so zwanghaft beschäftigte … Vier-Meter-Decken … zwei Trakte, einer für die weißen, angelsächsisch-protestantischen Eigentümer und einer fürs Personal … kniete Sherman McCoy in seiner Diele und versuchte, einem Dackel die Leine anzulegen. Der Boden bestand aus dunkelgrünem Marmor, und der erstreckte sich weiter und immer weiter. Er führte zu einer anderthalb Meter breiten Nußbaumtreppe, die sich in einer pompösen Rundung zum darüberliegenden Stockwerk hinaufschwang. Eine Wohnung also, die, wenn man nur an sie denkt, bei Leuten in ganz New York und letztlich in der ganzen Welt Neid und Habgier entfacht. Doch Sherman brannte auf nichts weiter, als für dreißig Minuten aus seinem sagenhaften Riesenreich herauszukommen.“

Denn seine Lebensverhältnisse, so märchenhaft kostspielig sie sind, verbleiben 1987 notwendigerweise im Rahmen der Angestelltenwelt und der kleinbürgerlichen Familie. Der ursprüngliche Besitzer der Wohnung von Sherman McCoy dagegen wird, wenn ihm zumute gewesen ist wie seinem Nachfolger jetzt, den Landauer (später die Limousine) geordert haben und das Objekt seiner Begierde (wie Charles Swann in Prousts Roman oft genug seine Odette) in einem befreundeten Salon getroffen haben, wo seine Frau nichts zu suchen hatte, in einer Theaterloge oder in einem der berühmten Restaurants der Stadt. Und auch das Büro, in dem sich Sherman McCoy nicht den geringsten Fehltritt erlauben darf, zitiert die Inneneinrichtung adliger Souveränität ja nur. Wer hier rausfliegt (Sherman McCoy wird im Verlauf des Romans genau dieses Schicksal erleiden), landet in der Gosse, statt sich gelassen auf die Güter fahren zu lassen. „Neben der Fahrstuhltür befand sich ein falscher Kamin mit einem dicken Mahagonisims, dessen Ecken Schnitzereien dicker Obstbüschel zierten. Vor dem falschen Kamin stand ein Kamingitter aus Messing, ein fence oder fender, wie man das auf Landsitzen im Westen Englands nannte. Während der entsprechenden Monate glühte ein imitiertes Feuer darin, das flackernde Lichter auf zwei mächtige Messingkaminböcke warf. Die Wand dahinter war ebenfalls mit Mahagoni verkleidet: mit Paneelen in einem satten, rötlichen Ton, in die das Faltwerk so tief eingeschnitzt war, daß man beim bloßen Hinsehen die Kosten in den Fingerspitzen fühlte. All das spiegelte die Leidenschaft des Hauptabteilungsleiters bei Pierce & Pierce, Eugene Lopwitz, für alles Britische wider. Britisches – Bibliotheksleitern, bauchige Konsolen, Sheraton-Beine, Chippendale-Rücken, Zigarrenabschneider, Klubsesseln mit Troddeln, Plüschteppiche – wurde von Tag zu Tag mehr auf der fünfzigsten Etage bei Pierce & Pierce. Leider konnte Eugene Lopwitz an der Decke nicht viel ändern, die kaum zwei Meter vierzig hoch war. Der Fußboden war um dreißig Zentimeter angehoben worden. Darunter verliefen genügend Kabel und Drähte, um ganz Guatemala mit Strom zu versorgen. Die Leitungen lieferten den Strom für die Computerterminals und Telefone des Börsenraums. Die Decke war dreißig Zentimeter heruntergezogen worden, um Platz für Lampengehäuse, die Rohre der Klimaanlage und ein paar weitere Kilometer Kabel zu schaffen. Der angehobene Fußboden, die tiefere Decke: Es war, als befände man sich auf einem englischen Herrensitz, der plattgedrückt worden war.“

Derweil träumen die Interieurs der Fifth Avenues, durch derlei Einbauten unbehelligt, in der Hauptstadt des Zwanzigsten Jahrhunderts vom adligen Landleben des Achtzehnten. An einem schwülen Samstag im Frühsommer 2008 bin ich in einem Bus von Chelsea aus nach Annandale-upon-Hudson zum Bard College hinaufgefahren. Parallel zum Strom (der an den Kreuzungen ein paar Blocks weit noch sekundenlang sichtbar wurde) ging es die 10th Avenue hinauf, durch die Upper Westside nach Harlem, über die Brücke in die Bronx hinüber (einen Moment lang sah ich die 396th Regiment Armory hinter der Stadtautobahn am Harlem River stehen) und am gegenüberliegenden Ufer ins Land hinaus. Wir durchfuhren Vorstädte und Industriebrachen. Eine Stunde später lag der gewaltige Fluß schon in seinem urweltlichen Bett, kilometerbreit von einer Autobahnbrücke überspannt. Steilabstürze am östlichen, bewaldet-liebliche Anstiege am westlichen Ufer, von Villen und Landhäusern übersät. Diese Hügel sind dann schon die Kulisse für weiß schimmernde Villen, die man zwischen alten Bäumen von der Landstraße aus sieht. Zwei Stockwerke hohe dorische Säulenportale, die Freitreppen, die vereinsamten Rasenflächen davor. Nirgends Zäune oder Mauern. Chassidische Familien in Großraumlimousinen. Das modernistische Hesselmuseum des Bard College in einer traumhaft ausgebreiteten, dörflich in der Landschaft versteckten Campuslandschaft. Eine Ausstellungseröffnung des Postgraduate Center for Curatorial Studies. Die feuchte Hitze, die enthusiastischen jungen Menschen, Champagnercocktails und seltsame, von furchterregend beredten und versierten Professorinnen erläuterte zeitgenössische Kunst.

Dem Essayisten müssen bekanntlich alle Dinge, Landschaften, Erlebnisse und Gespräche zum Besten dienen. Und als ich im Fond eines Universitätsdienstwagens, den Erläuterungen eines Künstlers im Beifahrersitz immer zerstreuter lauschte und nach einer kurzen Fahrt im Park eines neugotischen Herrenhauses („The Manor“) vor der ökologischen Freilandskulptur angekommen war, die man mir zeigen wollte, hörte ich dann schon gar nicht mehr hin. Denn ich spürte, daß ich im Bannkreis von „The Manor“ in Wirklichkeit am Fluchtpunkt meiner Grübeleien und Forschungen über die Fifth Avenue angelangt war. Von Wasserspeiern, Dachgiebeln, Türmchen, Söllern und Wetterfahren schwer beladen schaute das Herrenhaus in die Hügel hinaus, wie es seit dem frühen letzten Jahrhundert die Stürme, Schneedecken, Sommergewitter, Herbstblätter und Frühlingsknospen Neuenglands durch seine Fenster und Portale in sich aufgenommen hatte. Kaminfeuer hatten im Wind gezittert. Einsame Frauen, die wußten, daß der Millionär, den sie vor Jahrzehnten geheiratet hatten, sie gerade jetzt in seiner Stadtwohnung betrog (und die darüber vielleicht gar nicht so besonders traurig waren), hatten hier am Fenster gestanden und sich resigniert seufzend in den dunkel getäfelten Salon hinein abgewandt, wo sich die Schatten eines herbstlichen Spätnachmittags sammelten.

Oder: Kinder waren an langen, leeren Sommervormittagen mit ihrem Fräulein zu dem Teich in jener Senke hinuntergegangen und hatten, vor Langeweile fast schon komplett verzweifelt, zwischen den Seerosen die Frösche verstummen und leise klatschend im grüntrüben Wasser verschwinden sehen. Libellen waren glänzend und schwirrend in der Luft gestanden, bevor sie sinnlos woandershin schossen. Oder: Junge Männer waren von weiten Schneespaziergängen durch den Park zum neugotischen Portal von „The Manor“ zurückgekehrt, einsamen Wanderungen, auf denen sie sich allerlei Hoffnungen und Sorgen bezüglich reicher, hübscher und dummer Erbinnen gemacht hatten. Sie hatten sich nach dem ausgedehnten Abendessen mit französischem Cognac betrunken und waren am nächsten Tag in ihren großen, buntlackierten Limousinen wieder in die große Stadt zurückgefahren, in eine der Zimmerfluchten der Fifth Avenue (von wo aus der ziellose Unsinn mit jenen Erbinnen dann weiterging). Und mir war, als hätte ich im Traum hier in einem Schlafzimmer hoch in der loireschloßkomplizierten Dachlandschaft von „The Manor“ gelegen, während die Parklandschaft von Annandale ein Teil meiner unbewußten Ahnungen, Sehnsüchte, Ängste geworden war – und zugleich zum Ursprung einer Geborgenheit, deren Tiefe durch nichts zu erklären ist, was ich jemals wirklich erlebt habe.

Übrigens scheint man Städte wie New York ohne zumindest die Illusion eines ländlichen Refugiums gar nicht aushalten zu können. „Die Hamptons“, jene Gegenden von Long Island, wo seit dem Neunzehnten Jahrhundert die elegantesten Landhäuser der New Yorker Millionäre stehen, gehören so eng zum Selbstbild Manhattans wie das Empire State Building. Und als „Village“ bezeichnen die heutigen Bewohner der ehemaligen Künstlerquartiere westlich und östlich des Washington Square ihre Wohngegenden, wo (wir werden noch darauf zu sprechen kommen) die Energie der Fifth Avenue schließlich in einem Rothenburg ob der Tauber (einem Disneyland) „alternativer“ Lebensstile mündet, sich verzweigt und verliert. Und nicht nur die luxuriösen Grundrisse der Fifth Avenue, sondern auch viel bescheidenere Wohnungsdesigns haben Teil am Traum des Innenarchitekten Rosario Candela, der hinter glatten Granitfassaden die Interieurs sizilianischer Barockvillen versteckt hat, von wo aus sie jetzt auf die romantische Kunstlandschaft des Central Park herabschauen. „Ein Haus zu bauen, in dem dessen eigene Vergangenheit und die Vergangenheit anderer Gebäude als Gespenster umgehen: das ist die Strategie, durch die der „Manhattanismus“ sich eine stellvertretende Geschichtlichkeit zulegt, ein ‚Alter‘ und die dazugehörige Respektabilität.“ Das steht in Rem Kohlhaas‘ berühmtem Buch „Delirious New York“, einem Klassiker der Postmoderne von 1994. „In Manhattan präsentiert das Neue und Revolutionäre sich immer im falschen Licht eines längst Vertrauten.“

Es waren die Tage der Wohnungssuche in New York. Es war August. Man hatte die Straßen kaum betreten, als einem schon der Schweiß über das Gesicht lief. Die Allgegenwart zu vieler Menschen, Autos, Geräusche und Bilder verdichtete sich nachmittagelang zu dem Eindruck: „Hier werde ich es nicht lange aushalten“. Die hektischen Gänge, gehetzten U-Bahnfahrten, nervösen Taxi-Expeditionen in den glühenden, brütenden, brüllend geräuschvoll und selbstbezogen voranhastenden Straßen ließen mich jeden Tag ein Kilo meines in zehn osteuropäischen Jahren angesammelten Körpergewichts verlieren. Die beiden jungen israelischen Makler, denen ich mich anvertraut hatte, waren offenbar noch nicht sehr viel länger in der Stadt als ich selbst und mit dem jüngeren der zwei, einem freundlichen Hünen namens Dan, der einmal der Olympiabasketballmannschaft seines Heimatlandes angehört hatte, verband mich eine über die Tage immer zutraulichere Kameraderie.

Man sieht auf solchen Streifzügen viel vom Innenleben einer Stadt. Noch ein Jahr später ist mir beispielsweise der Blick aus dem Schlafzimmer einer Musterwohnung im sechzigsten Stock in Midtown in schaudernd bewundernder Erinnerung, der über die Freiheitstatue weit auf den Ozean hinausging. Einen Meter von der Bettkante entfernt führte und gähnte, durch das Panzerglas eines bis zum Boden reichenden Fensters durchgehend sichtbar, der Abgrund senkbleigerade bis auf die miniaturisiert durcheinanderwuselnde Straßenszene hinunter. Im Fenster holz-, stahl- und marmorstrotzender Küchen lag einem die Stadt (die Welt) zu Füßen. Und doch konnte man sich kaum umdrehen in ihnen. Winzige Balkons in hundert Metern Höhe schienen zu nichts zu gebrauchen, als sich von ihnen hinabzustürzen (durch Mietzahlungen in den Ruin getrieben). Die Grundrisse der durchgehend durch niedrige Decken verdüsterten Wolkenkratzerwohnungen waren von tieftrauriger Phantasielosigkeit. Die von den Verwaltern im Konversationston nonchalant benannten Mietsummen bedrückten durch die freudlose Verschwendung, die in ihnen zum Ausdruck kam. Mir wurde schnell klar, daß ich in Manhattan auf meine Bibliothek würde verzichten müssen.

An einem dieser glühenden, halbstündlich von schweren Verzweiflungsanfällen bedrohten Nachmittagen hatte ich mich mit Dan verabredet bei der Adresse 300 East 56 Street, am östlichen Rand von Midtown. Das Gebirge des zentralen Bürobezirks löst sich hier auf in die von niedrigerer Bebauung durchsetzte Lagunenlandschaft zwischen dritter und zweiter Avenue. Die Tristesse der im tropisch feuchten Sonnenglast der frühen Mittagsstunden daliegenden Hauseingänge. Ein schlechtes Pastramisandwich in einem eisschrankartig gekühlten finsteren Coffeeshop. Irgendeine hoffnungslos-unkonzentrierte Lektüre. So kam ich, eine Viertelstunde vor meinem Makler, ins Foyer des „Bristol“, ein luxury highrise rental building der Firma Glenwood. Sie bietet auf der gesamten Insel den Angestellten internationaler Firmen in verschiedenen solcher Hochhäuser eine Zuflucht, meist nicht viel länger als zwei oder drei Jahre lang. Schon beim Näherkommen durch die Straßen war mir der kleine Wald aus hohen Bäumen aufgefallen, der den Komplex freundlich und fast bukolisch anmutend inmitten der städtischen Wüstenei umgibt. Als ich nun vor dem 30- oder 40stöckigen Backsteingebäude stand, verbreitete ein Springbrunnen im Mittelfeld der gepflasterten Auffahrtskurve eine Kühlungsatmosphäre, die mich plötzlich irgendwie feudal anmutete. Es schien mir auf einmal noch nie aufgefallen zu sein, ein wie schönes Geräusch fließendes und fallendes Wasser macht. Das kühle, stille, zwei Stockwerke hohe Foyer nahm das gesamte Untergeschoß bis zum Aufzugsblock ein. Es war mit Perserteppichen ausgelegt. Falsche Barocktapisserien hingen an den Wänden und zu Seiten des Eingangs standen Blumensträuße in monumentalen chinesischen Vasen. Ihr Liliengeruch erfüllte den schloßartigen Raum, der von einem livrierten doorman überwacht wurde (er saß auf einem hohen Stuhl an einer Art Pult, auf dem ein Buch lag, offenbar ein Verzeichnis der Mieter und deren Wohnungsnummern).

Ich ließ mich nach ordnungsgemäßer Anmeldung, gleichsam aufseufzend, in die tiefen und weiten Polster einer der beiden Sitzgruppen sinken. Das Verwöhnungs- aber auch Heimatgefühl im Blick aus Polstern, großen Lampen, Zimmerpalmen in das urwaldartige Grün des Eingangsparks, auf die marmorverkleideten Stahlträger, die das Vordach trugen. Es war ein einsamer Schloßmoment vollkommener Geborgenheit, der mich fast bewogen hätte, die überteuerte Armseligkeit der Wohnung, die mir Dan und die Verwalterin des Gebäudes dann wenig später zeigten, in Kauf zu nehmen. Beim Hinausgehen warf ich einen bedauernden Blick über die verschwenderischen Sitzgruppen in den Wald vor der bis auf den Boden gehenden Fensterfront. In unsere Vorstellungen vom richtigen Wohnen und Leben ist ein feudales Erbteil eingebaut, das vor Selbstverständlichkeit fast unsichtbar geworden ist. Es besagt, daß wahrer Luxus darin besteht, in der Bequemlichkeit und Geborgenheit des Hauses die Berührung mit der Natur (dem Inbegriff des Unbequemlichkeit und des Ausgesetztseins) aufrechtzuerhalten. Der Moment nicht nur des luxuriösen, sondern überhaupt des richtigen Lebens, wurde mir überm Schreiben immer klarer, geht zurück auf die Erfahrung, die mir in jenen phantasierten Blicke aus dem Herrenhaus des Bard-College in die Hügel des Hudson valley erschienen war. „Befragt über sein Verhältnis zur Natur, sagte Herr K.: ‚Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen.“

Wobei Brechts Kunstfigur als Marxist im gleichen Atemzug wieder in die unterschwellige Verachtung verfällt, durch die das moderne Naturgefühl sich von jenen feudalen Restbeständen zu befreien versuchte (eine andere Geschichte). Denn nur „ein paar“ Bäume sollen es bezeichnenderweise sein und nur „mitunter“ und nur „aus dem Haus tretend“ will Keuner sie sehen. Festzuhalten bleibt aber, daß der Blick der Moderne auf die Natur seine vormoderne Herkunft durch diese fast verächtliche Beiläufigkeit nur verschleiert. Noch Herrn Keuners Wahrnehmungsweise ist in letzter Instanz nichts anderes als der Blick adligen Landlebens aus dem Herrenhaus in die umgebende Wirtschaftslandschaft. Der Blick des Herren, der das Vieh, wie man sagt, fett macht und sich dann (denn das adlige Landleben ist nur die Grundlage des europäischen Geists) aber in den Formen des englischen Parks verliert, von dem Stallungen, Felder, Wirtschaftsgebäude in gebührlicher Entfernung eingerahmt sind.

Wirklich gemietet jedoch habe ich dann ein paar Tage später ein Penthouse der Firma Eberhart Brothers, eines alteingesessenen deutschstämmigen Familienunternehmens, dessen zündende Geschäftsidee es während der Achtziger und Neunziger Jahre gewesen ist, in Yorktown, einer noch vor 40 Jahren erkennbar deutschen Wohngegend um die East 86th Street (der heute ganz internationalisierte Straßenzug hieß um 1920 allgemein der the German broadway) in großem Stil die sogenannten air rights aufzukaufen, das Recht also, auf den Dächern der hier vorherrschenden kleinbürgerlichen brownstones Erweiterungsbauten zu errichten. Der einmal auf sie aufmerksam gewordenen Spaziergänger entdeckt sie hier überall: dreistöckige, einfamilienhausgroße Aufstockungen mit großzügigen Terrassen, deren hohe Obergeschosse Platz für eine Empore (ein mezzanine) über der Einbauküche bieten, mit drei kleinen Zimmern im Eingangsgeschoß und Details von altmodischer Gediegenheit und landhausartiger Originalität. Meine Bezauberung durch den von ozeanhaft weißen Geländern, Treppen und Pfeilern gegliederten hohen Wohnraum (dessen Fenster sich auf die Terrasse öffnen) durch die Intimität der Schlafzimmer darunter, durch die honigfarbenen Naturholzböden und das seltsam exterritoriale Adlernestgefühl hoch über den belebten Straßen war fast grenzenlos. Hier wollte ich wohnen. Vollends kein Halten gab es mehr, nachdem ich beim Internet-Surfen erfahren hatte, daß das Elternhaus von Chico, Harpo, Groucho, Gummo und Zeppo Marx heute noch direkt um die Ecke steht. Erst später habe ich verstanden, daß ich mich in eine popularisierte, mir gerade noch erschwingliche Version der Fifth Avenue verliebt hatte. Denn von der Terrasse des nach hinten hinaus gelegenen Häuschens sieht man nicht nur ein Stück des von Frachtdampfern belebten East River in der Entfernung. Fast zu greifen nah ist auch eine Pappel, die aus dem zugemüllten Hinterhof des Nachbarhauses über die Jahrzehnte ans Licht emporgewachsen ist und in der Höhe sich weit verzweigt hat. Und im Mittelgrund rauschen die Kronen eines kleinen Parks um die Backsteinfronten eines Sozialwohnungskomplexes von Spanish Harlem („Jefferson Houses“), aus dem tagsüber Kindergeschrei und nachts gewalttätiger Hip Hop dringen (einmal im letzten Herbst sogar Schüsse und Mordsgeschrei tief in den dunklen Morgenstunden).

Beliebt sind die Eberhart-Penthouses vor allem bei Europäern und bei Wohngemeinschaften junger amerikanischer professionals (beide Mietergruppen scheuen den Auf- und Abstieg durch das liftlose Treppenhaus nicht). Kaufkräftigere Mieter und Käufer werden vielleicht auch durch die noch nicht lange polizeilich befriedete Randlage an der Südbegrenzung des östlichen Harlem abgeschreckt. Tatsächlich steigt man zum Luxus meines Penthouse empor durch ein Treppenhaus, in dem es im zweiten Stock nach dem Urin eines inkontinenten alten Hippies riecht. Manchmal, wenn ich nachhause komme, ruht er sich halb liegend auf den Stufen aus, wenn ihn beim Aufwärtssteigen die Müdigkeit und der Weltekel dort übermannt haben (ich wechsle dann ein paar freundliche Worte mit ihm und versuche, nicht zu tief durchzuatmen). Ein bißchen Müll liegt eigentlich auf jedem Treppenabsatz herum und man kann froh sein, wenn man den Weg hinunter ohne die Konfrontation mit ein paar Kakerlaken hinter sich bringt. Einmal duftete unterhalb des dritten Treppenaufgangs sogar ein Fladen Kotze, der dann über Tage in den flauschig-verdreckten Teppichboden einsickerte und in dessen Tiefenschicht nun für immer eingetrocknet ist. Im Geruchsmileu des Eingangs wiederum (dort, wo auf der Fifth Avenue der doorman Wacht halten würde) nimmt man in wechselnder Intensität die Joints wahr, an denen eine puertoricanische Jugend ohne Gott im Herumlungern dort sich kaum verhohlen gütlich tut.

Mit einem vielleicht zwanzigjährigen, offenbar geistig minderbemittelten Hünen im vierten Stock, den seine Mutter zum Rauchen nachmittagelang vor die Tür ins Treppenhaus schickt, verbindet mich eine oberflächliche Grußbekanntschaft. Tagsüber deklamiert, jault und zischt er leise (fast flüsternd) stundenlang überraschend virtuose Rap-Gesänge zum Fenster hinaus und nippt an einer Limonadenflasche, die er dort dann natürlich stehen läßt. Und seit ich ihm einmal 20 Dollar „geliehen“ habe, sehe ich sein rundes, langsames Gesicht manchmal mitten in der Nacht durch den Türspion, während seine hohle Grabesstimme mich informiert über nicht sehr glaubhafte Kalamitäten à lá „My Momma has gone to New Jersey. I need a couple of bucks, man.“ Direkt in Zille sein Milljöh geht auch der steile Blick von meiner Terrasse auf den im Sommer grün wuchernden Hinterhof eines benachbarten Ruinengrundstücks, wo eine schwarze alte Dame sich so etwas wie einen improvisierten Schrebergarten freigehauen und eingerichtet hat: Ein verschossener Sonnenschirm, wacklige Stühle um einen Campingtisch, ein paar Flaschen Bier mit den Nachbarinnen in der Sommernacht, der Ghettoblaster des Enkels, der zum Kaffeetrinken an Samstagnachmittagen manchmal zu Besuch kommt.

Aber auch in der Oberwelt kommt bei uns in Südharlem das Feiern nicht zu kurz. Die jungen Computerfachleute, Officeladies und Studenten aus reichem Haus, die sich die Dachreihenhäuschen neben mir in häufig wechselnder und schwer zu behaltender Zusammensetzung teilen, schleppen Samstags oft mühselig Bierfässer die Treppen hinauf, worauf das gedämpfte Wummern der Bässe mich manchmal in den Schlaf wiegt oder rumpelnde Streitigkeiten im Treppenhaus gegen 3 meine Nachtruhe durchlöchern. Lachen junger Menschen auf der Nebenterrasse in der Sommernacht. Blutunterlaufene junge Augenpaare, stier geworden unter dem Einfluß gottweißwelcher Drogen, richten sich scheu, stier und ein bißchen schuldbewußt auf das Idyll des älteren Herrn, der da nachtfalterumschwirrt im Schein einer Tischlampe auf der Terrasse in einem Buch liest: „How are you doing, Sir? I hope we’re not disturbing you too much…“ Gar nicht. Und am erfreulichsten umbrandet mich das Leben von dem ingeniös begrünten gemeinsamen Dachgarten des sich neben uns türmenden Hochhauses voller Luxusapartments her, wo abends gegrillt und getanzt wird, Kinder quietschend noch spätnachts Fangen spielen, Schaukeln quietschen und Salsamusik durch die Nacht herüberweht.

Eine so gute Laune macht uns allen miteinander bei alledem vielleicht die unterbewußte Gewissheit, daß wir mit unserem Südharlemer Landleben nicht nur dem Vornehmheits-Vorbild der Fifth Avenue nacheifern (sie sieht einen halben Kilometer westlich freilich vollkommen ruhig, zahlungskräftig und majestätisch auf den im Nachwind wogenden Wald des Central Park herab) sondern daß wir in unserer Turbulenzzone der gentrification in Sichtweite des East River so etwas wie die Hamptons von Manhattan hergestellt haben. Das soll uns mal jemand nachmachen. Und manchmal bemitleide ich die Bewohner des luxuriösen Turms neben uns in ihren winzigen, schuhkartonförmig bis in schwindelnde Höhen aufeinandergetürmten Wohnboxen. Nachts bieten sie mir ein seltsam enzyklopädisches Panorama des Menschenlebens, wenn ich von meiner Terrasse aus in ihre Behausungen sehe. Und morgens kann ich eine Mietpartei nach der anderen sich um verschiedene Frühstückstische und Kaffemaschinen versammeln sehen, wenn ich den Blick vom Buch hebe.

Vielleicht ist überhaupt der frühe Morgen hier auf halber Höhe über der Stadt das Schönste an meiner Wohnung. Um genau viertel nach sechs erreicht der East River den Punkt vollkommenen Gleichgewichts zwischen Ebbe und Flut (er ist ja kein Fluß, sondern ein Meeresarm). Ich habe es mir zum Morgenritual gemacht, jeden Tag als erstes seine Wasserfläche zu betrachten, die dann ein paar Minuten lang als vollkommen ebenmäßiger See unter der Triborough Bridge daliegt, bevor die gewaltige Wassermasse unmerklich und dann immer reißender, diesmal stadtaufwärts, wieder zu strömen beginnt. Um diese Zeit hält sich die Sonne noch hinter den fabrikartigen Aufbauten und Kühlanlagen des Metropolitan Hospital verborgen. Aber der Verkehr der Second Avenue stadteinwärts ist schon in vollem Betrieb. Um seinen Lärm nicht bekümmerte Vögel lassen sich aus den Zweigen der Pappel hören. Große Schmeißfliegen und ein paar Wespen (es gibt in Amerika keine Bienen mehr) schwirren um die noch taufeuchten Blütendolden der immergrünen Blattgewächse in toskanahaft terrakottafarbenen Plastikkübeln. Es dauert noch eine Viertelstunde, bis ich den Sonnenschirm aufstellen muß. Von Harlem her weht um diese Tageszeit sogar im Juli so etwas wie Morgenkühle.

Nicht nur der East River, auch der Tag ist im Gleichgewicht. Ich schaue auf die Baumkronen des kleinen Walds um die Jefferson Houses. Vor 20 Jahren konnte man sich dort als nicht uniformierter unbewaffneter Weißer nicht hineinwagen. Heute durchqueren Krankenschwestern auf dem Weg von der Nachtschicht zur U-Bahn die asphaltierten Wege und plötzlich wird mir klar, daß noch die schlimmsten Quartiere dieser Stadt seit Jahrhunderten jederzeit das Recht in Anspruch genommen haben, sich zwischen Himmel und Hölle zu entscheiden, eine Art calvinistisches Geburtsrecht. Auch die Gegend vor meinen Penthouse-Fenstern hat vor zehn Jahren die Wahl getroffen, wenn nicht Elysium, so doch keine Hölle mehr sein zu wollen. Die Glaubenswahl der gentrification hat in Harlem (wie in Williamsburg, wie im Meatpacking District, wie in der Bronx) Berge versetzt. Ich aber vertiefe mich in mein Buch, nippe an meinem Tee und stehe innerlich ein paar Momente auf der Brüstung eines der Paläste der Fifth Avenue, während über dem Central Park (es ist ganz gleichgültig, ob ich jetzt dort bin und es selber sehe oder nicht) die Sonne aufgeht.

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