Wurmisieren an der Hochschule – Sattlers Perspektive

Werner Graf

Die Universität wurde privatisiert, was ihr neue Perspektiven eröffne, wie Sattler in der Zeitung las, während intern die Beschäftigten vom Kanzler mit dem Versprechen beruhigt wurden, dass sich für sie nichts ändern werde. Er trägt nach der Reform den Titel Vizepräsident, der Rektor heißt Präsident (und bezieht ein höheres Gehalt) und der Fachbereich wird wieder Fakultät genannt. Für die Lehrerausbildung wurden eine Querstruktur bzw. eine Entwicklungsagentur implementiert. Einige Studiengänge wurden aufgehoben.

Umsetzen müssen diese Reformen die Kollegen, die selbst durch die Reformen umgesetzt werden. Der wissenschaftliche Angestellte Herbert Sattler arbeitet seit 27 Jahren an dieser Universität, er ist inzwischen fünfundfünfzig Jahre alt. Im letzten Herbst hat er sich für seinen neuen Passat – silbermetallic, 105 KW – für eine geringe Gebühr das Nummernschild HS 53 gesichert. Schilling verkündet, ein Vierteljahrhundert lang habe er seine Arbeit sehr gern gemacht. Zweier will die Chance sehen, die eigene Position zu verbessern, vielleicht noch mehr Zeit für seine Nebentätigkeit zu gewinnen.

Das Wissenschaftsministerium, neu Ministerium für Innovation, tritt Leitungsfunktionen an das im so genannten Hochschulfreiheitsgesetz vorgesehene höchste Entscheidungsgremium, den Hochschulrat, ab. „Seh’ ich überhaupt nicht ein“, sagt Sattler. Öffentliche Kritik und Empörung (auf Leserbriefniveau) flackerte auf, als zum Mitglied dieses Gremiums unter anderen ein Ex-Professor nominiert (und bestätigt) wurde, der vor ungefähr zwanzig Jahren dadurch aufgefallen war, dass er seine Lehraufgaben vernachlässigt bzw. verweigert und der nach Auseinandersetzungen mit dem Dekan die Hochschule verlassen hatte, um als Unternehmensberater berühmt und reich zu werden. Solche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, ein einheimischer Schraubenfabrikant und der örtliche Sparkassendirektor, so wurde geätzt, sollen der Universität Reformelan verleihen. Sattler huschte Panik um die Mundwinkel angesichts dieser unberechenbaren hochschulpolitischen Inkompetenz, als er zum Kollegen Schilling beschwichtigend bemerkte, dass sich dieser Aufsichtsrat – denn der Privatwirtschaft ist offensichtlich das Modell entliehen, obwohl der Staat die Uni weiter voll finanziert, die Aufsichtsräte also keineswegs Kapitalbesitz vertreten, ja nicht einmal eine kleine Spende leisten – sicher nicht um das Tagesgeschäft kümmern könne. Schilling murmelte etwas von Refeudalisierung, Humboldt drehe sich im Grab um. Die Karten werden neu gemischt, meinte Zweier, es sollte zustimmend klingen. Aber Sattler verstand es als Aufforderung, Trümpfe in die Hand zu bekommen.

Am alltäglichen Geschäft änderte sich tatsächlich wenig. Kürzlich kam z. B. die Sekretärin von Seifritz (Nachfolger von Elskemper) zu Sattler ins Büro, um ihm eine Klausur vorzulegen, die er per Hauspost zuständigkeitshalber an ihren Chef weitergereicht hatte, nachdem sie vom Prüfungsamt ans Fach und somit an ihn als Beauftragten für Examensfragen zur „weiteren Veranlassung“ zurückgeschickt worden war. Der übliche Kleinkram, aber ohne Einzelheiten versteht man nicht, was ihm auf den Magen schlug. Jedenfalls konnte das Prüfungsamt die Klausur nicht akzeptieren, weil das Zweitgutachten fehlte. Also legte Sattler eine Kurzmitteilung mit dem entsprechenden Hinweis bei, Prof. Seifritz möge noch einen Zweitgutachter bestimmen und dann die Endnote feststellen. Für ihn wäre damit der Vorgang erledigt gewesen. Nun stand aber eine verhalten aufgebrachte Frau Mettenmeier vor ihm, um ihm den schwarzen Peter zuzuschieben. Die Praxis ist doch so, erklärte Sattler geduldig, dass der Erstgutachter auch den Zweitgutachter bestimmt, dann von diesem die Klausur zurückbekommt, um sie auf Wunsch mit dem Kandidaten zu besprechen und um sie danach ans Prüfungsamt zu geben. Frau Mettenmeier wusste das selbstverständlich auch, schließlich wird es seit zehn Jahren so gemacht. „Wir dachten, warum macht er das nicht selbst?“ Spätestens jetzt war Sattler verstimmt, aber er konnte freundlich bleiben indem er scheinheilig einräumte, dass die Sache tatsächlich am schnellsten geregelt gewesen wäre, wenn er stillschweigend das Zweitgutachten geschrieben hätte, aber leider handle es sich um eine Klausur, die nicht in sein Fach falle. Deshalb müsse Herr Seifritz unbedingt einen Kollegen aus seinem Bereich bitten. Und damit legte er die handschriftlichen Blätter wieder in ihre Hände. Soll der Hochschulrat doch mal diesen Kleinkrieg beenden!

So ungefähr berichtete Herbert Zuhause aus seinem Heldenleben. Dieses Mal war Inge sofort auf der Palme gewesen. Jetzt fällt beim forschen neuen Lehrstuhlinhaber nach zwei Semestern die erste Klausur an und gleich will er die Arbeit verteilen. Selbst wenn er das Verfahren noch nicht gekannt haben sollte, hätte er es begreifen müssen, als die Klausur samt Kurzmitteilung der Verwaltung und der Anmerkung von Sattler wieder auf seinem Schreibtisch gelandet war: Stattdessen schickt er die Sekretärin los. Es gibt Kollegen, die spricht man persönlich an, wenn man etwas von ihnen will, und es gibt Mitarbeiter, denen lässt man etwas ausrichten. Sattler hat keine Sekretärin. Macht nichts, sagt er sich, die E-Mails schreibt man sowieso selbst am schnellsten. Immer das gleiche Spiel, aber auf Dauer verändert dieser Alltag seine Akteure, grummelt Schilling. Denen würde ich die Meinung stoßen, poltert Priester. Meistens sichert das Erzählen Zuhause die psychische Hygiene, nach dem Abendessen sind normalerweise die kleinen Demütigungen des Berufslebens wieder abgetan oder in künftige Verhaltensvorsätze bzw. schlagfertige Erwiderungen für den Wiederholungsfall umgesetzt.

Als altgedienter Mittelbauer kennt Sattler die Hierarchien und die Gepflogenheiten dieser Institution und ihrer Repräsentanten. Für den Angestellten, frei schwebend zwischen oben und unten, bietet auch das legendäre dichotomische Gesellschaftsbewusstsein des Arbeiters keinen Halt, und die Doppelperspektive auf Arbeit – ein anderer empirischer Befund der Industriesoziologie – verdünnisiert sich in dem Maß, in welchem die Arbeit an einem Gegenstand in Kommunikations- und Beziehungsarbeit übergeht. Die Wahrnehmung des Angestellten schmiegt sich tendenziell an die Perspektive seines Vorgesetzten an. Entscheidend ist nicht der Konfliktfall, in dem dieser weisungsberechtigt wäre, denn meistens wird eine kollegiale Praxis gepflegt; in der Regel vermeiden beide Seiten Zuspitzungen, wichtiger sind Bestätigungsversprechen. Klare Zuständigkeiten seien selbstverständlich notwendig, lässt sich Sattler hören. Trotzdem fürchtete er in schwachen Augenblicken Ressentiments als Folge alltäglicher Missachtungen oder Kränkungen. Unbedingt will er sich seine optimistische und positive Sicht der Dinge bewahren.

Herbert und Inge sind schon immer zusammen, die silberne Hochzeit liegt bereits wieder einige Jahre zurück, sie hatten aber nicht groß gefeiert. Zum wichtigsten Gesprächs- und Dauerthema war für sie die Hochschule, das Fach und besonders die Kollegen geworden. Inge forderte ihn auf, mit Seifritz vorsichtig zu sein. Da meint wieder einer, alle müssten für ihn arbeiten. Es sind 800 Klausuren im Jahr! Wenn da jede zu dir geschickt würde! Sattler ahnte nun auch die Gefahr. Es gibt spezielle Professoren, die ständig überlegen, wer für sie Aufgaben erledigen könnte. In wessen Seminare man z. B. die Studenten lenken kann. Wer die Pflichtveranstaltungen anbieten muss. Wessen Papiere man für einen Antrag brauchen kann. Welche Namen man der Studienberatung für die Erstsemesterbroschüre nennt. Wessen Veranstaltungen man für Senioren oder fürs Schnupperstudium öffnen kann. Wo zusätzlich der Methodenschein oder das Medienportfolio erworben werden kann. Wer die Studienabschlussbescheinigung ausstellt, wer die Prüfungsanmeldung entgegennimmt und abzeichnet. Wem man die Praktikabetreuung aufladen kann. Wer am Hochschultag sein Projekt präsentiert. Wer die Bafög-Bescheinigungen ausstellt. Wer die neue Studienordnung (Prüfungsordnung) formuliert. Wer für die Evaluation der Lehramtsstudiengänge federführend ist. Fast jede Woche kam etwas auf Sattler zu. Nur wegen Berufungskommissionen wurde er noch nie gefragt. Inzwischen lehnte er, bestärkt von Inge, alles ab.

Die Masse an mündlichen Prüfungen war nicht mehr zu bewältigen, zeitweise wartete vor jeder Sprechstunde eine Schlange, alles Studierende, die einen Prüfer suchten. Eine neue Kollegin hatte Schwierigkeiten, „Nein“ zu sagen, und machte deshalb eine Therapie. Sie bekam übrigens die Ratsstelle von jenem S., der in die Frühpensionierung gedrängt worden war, weil es Beschwerden und sogar Anzeigen von Studentinnen wegen sexueller Belästigung gegeben hatte. Der hatte alle Prüfungen angenommen. Etwas Genaues wusste man nicht, es spielte sich wohl im kommunikativen Bereich ab, womit sich jener auch verteidigte: extraverbale Kommunikation war sein bevorzugtes Prüfungsthema. Leicht vorzubereiten – und gute Noten gab er auch. Ein beliebter Prüfer. Aber unerwartet stellte er gemeine Fragen und drückte die Bewertung, wenn seine sadistische Disposition durchbrach, Schilling hatte es als Zweitprüfer einmal erlebt. I. Sattler erregte der Skandal besonders, sie wirkte bei der Suspendierung mit. H. Sattler hat auf ihren Rat ein Plakat an seine Bürotür geklebt: In diesem Semester werden keine weiteren Prüfungen angenommen.

Angesichts der Engpässe sei Blockieren doch keine Lösung, beschwerte sich ein Seniorstudent beim Fakultätsgeschäftsführer (diesen Posten gibt es seit einigen Jahren, jetzt betreibt er die Einstellung eines Sachbearbeiters für Beschwerden), er nannte es verantwortungslos, die Schieflage einfach so in Kauf zu nehmen. Die Hochschulleitung lässt in den Geisteswissenschaften Semester für Semester zu viele Studienbewerber zu, um die Studentenzahl insgesamt trotz der unterausgelasteten Ingenieur- und Naturwissenschaften hoch zu halten, denn es geht um Mittelzuweisungen. Außerdem hat sie auf die Positionierung in der Konkurrenz der Universitäten zu achten. Klar, das Ranking, aber Genaues erfahren wir nicht, was über uns beschlossen wird, Sattler war misstrauisch geworden. In den Veranstaltungen sitzen hundert, zweihundert und sogar dreihundert Studierende, im Maschinenbau zum Vergleich drei, sieben oder zwölf. Das Chaos ist eine erste Folge der Privatisierungsideologie; denn der Minister hält sich aus dem Interessenkonflikt raus, und innerhalb der Uni und im wirtschaftdominierten Hochschulrat sind die Ingenieure und Manager so mächtig, dass sie weder einer Zugangsbeschränkung zustimmen, noch Stellen an die überlasteten Fächer abgeben. Wir hier unten sollen das ausbaden, sagte Priester mit süffisantem Lächeln, denn er ging in Pension. Das kostet Substanz, maulte Schilling. Mit mir nicht, stellte Sattler fest. Mit Inge diskutierte er Schutz- und Abwehrmaßnahmen. Die Politik des Präsidenten hielt er jedoch, aus dessen Perspektive gesehen, für konsequent. Das Ranking passte jedenfalls, besonders die Grundschullehrerausbildung glänzte mit Erfolgen: kurze Studienzeiten, geringe Abbrecherquote und guter Notenschnitt. Welcher Spielverderber wird da nach dem Niveau fragen?

Früher hatte sich H. Sattler allerdings das Forschen und Lehren anders vorgestellt, und eine Zeitlang war es in seinem Fach auch tatsächlich besser gewesen, fand er. Damals waren die demokratische Selbstverwaltung und vor allem die wissenschaftliche Leistung wichtiger gewesen als statistische Indikatoren der Evaluation oder die Struktur des Stellenplans, also die Hierarchie der Gehaltsgruppen. Heute werden die Ressourcen den Lehrstuhlinhabern zur Verfügung gestellt, lassen die etwas über, greifen die C3 (neu W 2)-Professoren zu, für C 2 oder gar Akademische Räte oder wissenschaftliche Angestellte bleibt nichts. Sattler will aber keine Bitterkeit aufkommen lassen. Forschen kann man in den Geisteswissenschaften auch ohne Sachmittel, und Evaluationen muss man mit den passenden Werten bedienen. Sattler füllte jeden Fragebogen aus, und für den Forschungsbericht führte er regelmäßig erfolgreiche Forschungsprojekte durch.

Die Sattlers haben, nachdem die Kinder ausgezogen sind, mehr Platz in ihrem Reihenhaus, aber Herbert braucht das Büro. Den Weg zur Uni schafft er mit dem Fahrrad immer noch in 22 Minuten. Das Auto ist kaum schneller. Das Haus musste nach 25 Jahren mal gründlich renoviert werden. Vor allem hatte er die feuchte Kellerwand radikal sanieren lassen. Es musste die Terrasse abgegraben und der Boden mit einem Bagger ausgehoben werden, um die freigelegten Grundmauern gegen Feuchtigkeit zu imprägnieren. Auch das Dach war nach dem heutigen Stand der Umwelttechnik zu isolieren und neu zu decken gewesen. Sattler hatte sich beraten lassen. Und eine neue Küche, endlich silber- und kristallfähig!

In der Umgebung verkaufte immer mal wieder eine Familie ihr Haus, oft Kinder, wenn die Eltern gestorben waren oder ins Pflegeheim mussten, meistens zogen dann Aussiedler ein. Nebenan wohnten Deutschstämmige aus Kasachstan, freundliche, einfache Leute. Sie machten im Haus und Garten viel selbst, was oft mit Lärm verbunden war. Wertsteigernd wirkt sich diese Fluktuation nicht aus, aber die Immobilienkrise findet in Amerika statt. Damit wollte Sattler die Lage nicht vergleichen.

Als in den Hochschulgremien das Auslaufen des Studiengangs bereits auf der Tagesordnung stand, freilich versteckt in einem umfangreicheren Umstrukturierungsprogramm, hatten die betroffenen Kollegen intensiv Gegenmaßnahmen und Alternativen diskutiert. Schilling hatte ein eigenes Konzept entwickelt, um im neuen Rahmen im Kern das weiter anbieten zu können, was sie bisher gemacht hatten. Priester war der Meinung, es sei nicht durchsetzbar, Zweier unterstützte es, und Sattler war dafür, alles zu unternehmen, um den alten Studiengang zu erhalten. Wenn es sich als aussichtslos herausstellen sollte, dann könne man die vorbereiteten Alternativen lancieren. In der häuslichen Nachbesprechung mit Inge fand er Schillings Engagement plötzlich verdächtig: der verfolgt eigene Interessen, der strebt die Leitung der neuen Einheit an! Sattler entschloss sich, dem Dekan mitzuteilen, dass er der Umstrukturierung zustimme und dazu bereit sei, sein Lehrdeputat in den geplanten neuen Studiengang einzubringen. Die von oben angestrebte Restrukturierung könne keiner mehr aufhalten, beschied er die Kollegen lakonisch.

Die Reform verschlechterte nicht nur die Arbeits- sondern auch die Studienbedingungen, deshalb war Sattler weiterhin sehr skeptisch. Eigentlich war er gegen den ganzen Bologna-Prozess. Während die Kollegen Optionen diskutierten, um das Beste aus den Vorgaben zu machen, zog Sattler die radikale Widerstandkarte. Zweier lächelte undurchsichtig, spielt er wieder mit gezinkten Karten? Sobald die Sache oben entschieden war, äußerte sich Sattler so, als ob er überzeugt worden wäre. Immer wieder übernahm er plötzlich die anstehenden Neuregelungen. Das Sattler-Paradoxon, lästerte Zweier: alles ablehnen, aber alles mitmachen. Daraufhin kümmerte sich Schilling nicht mehr um eine neue Studienordnung.

Der Marketing-Lehrstuhl hat das Label „Universität der Wissensgesellschaft“ kreiert und auf dieses Profil soll alles ausgerichtet werden, die Universität wird quasi neu erfunden, klar dass beim Festakt nicht der Soziologe die Ansprache hielt, der ideologiekritisch an solche Begriffe herangeht. Vielmehr konnte für den Festvortrag ein berühmter amerikanischer Professor von einer noch berühmteren amerikanischen Universität gewonnen werden. In letzter Zeit finden in dieser relativ jungen Hochschule wieder Festakte statt, schwer auszumachen, wann genau und warum genau es anfing. In der Gesamthochschulzeit war es nicht üblich, eine Gründungsfeier zu veranstalten, nur weil ein neues Institut die Arbeit aufnahm. Aber vielleicht ist es ja richtiger so, z. B. verdiente Professoren feierlich zu emeritieren. So gab es in diesem Semester bereits eine Ringvorlesung zu Ehren des mit Veröffentlichungen nicht hervorgetretenen Philosophieprofessors Pfaffenhofer, der anscheinend zu diesem Zweck aus einer längeren Beurlaubung noch einmal kurz auf seinen Lehrstuhl zurückgekehrt war, dann ein mehrtägiges Kolloquium für einen andern, so dass eine Nachmittagsveranstaltung mit einigen Reden plötzlich nicht mehr standesgemäß erschien. Andere regten öffentliche Würdigungen zum sechzigsten Geburtstag an, weil Verabschiedungen eher wie Nachrufe wirkten, und einmal gab es bereits zu einem Fünfzigsten einen internationalen Workshop. Für Mittelbauer wie Sattler veranstaltet das Institut selbstverständlich keine Feiern, sie können wie jedermann auf eigene Kosten einladen.

Bei dieser Taufe, die sehr bewusst vollzogen werde, wie sich der Rektor-Präsident ausdrückte, bei dieser Neugründungsfeier wollte Sattler nicht fehlen, man sollte sich zeigen und vielleicht, dachte er, kann man etwas hören, das nützlich sein kann für die eigene Einschätzung. Denn Vieles war unklar, vor allem auch, wie und von wem einzelne Bestimmungen in die Praxis umgesetzt werden sollten. Die Gefahr war immer noch akut, dass er plötzlich zum Reformverlierer gemacht wurde, er wollte aber zu den Reformgewinnern gehören. Ich bin dabei, wollte er signalisieren. Allerdings achtete kaum einer auf ihn, so dass er beim Small Talk in leichte Panik geriet, plötzlich alleine dazustehen. Bekanntlich gruppiert sich das lockere Geplauder ebenfalls streng hierarchisch, der Rektor mit dem Ministerialrat, die Dekane unter sich, ebenso die Lehrstuhlinhaber… und Sattler fand sich schließlich mit einem abgeordneten Lehrer in einer Ecke, in der einen Hand ein Tunfischkanapee in der anderen das leere Sektglas. Priester, Schilling und Zweier waren nicht erschienen. Ein irritierter Emeritus Elskemper verlor sich auf dem Parkett. „Den habe ich überlebt!“

Obwohl alle Grußworte Reformfortschritt signalisierten, einen Neuanfang beschworen, Impulse nach innen und außen postulierten, sozusagen optimistisch in die Zukunft sahen, obwohl Sattler sich diese Haltung zu eigen machen wollte, hörte er den Subtext einer Begräbnisrede heraus. Vielleicht lag es nur an der die aufgeräumte Kahlheit des Hörsaals betonenden sparsamen Dekoration (Lorbeerbäumchen und neben dem Rednerpult ein Blumenbukett hinter dem der Laptop versteckt war) – aufgefallen war es, als die Abteilungsleiterin von den „letzten Worten“ des Rektors sprach, was natürlich anders gemeint war. Deutlich wurde es aber auch, als Kleist bemüht wurde (vom berühmten amerikanischen Professor): wenn man etwas Neues pflanzen wolle, sei es ein rechtes Vergnügen, das Alte radikal auszureißen. Sattler kibbelte die Bedrohung unter der Kopfhaut. Das korrekte Zitat, die vollständige Rede kann auf der Homepage des amerikanischen Professors, der übrigens aus Deutschland stammt und auch hier studiert hat (als die deutsche Universität noch Weltspitze war), nachgelesen werden, darauf verwies die letzte Folie seiner Power-Point-Präsentation.

Der Vortrag war, worauf der Festredner selbst hinwies, nicht unkritisch gemeint. Kurz gesagt mache er sich Sorgen darüber, ob in Deutschland der Bologna-Prozess wirklich konsequent und zügig durchgesetzt werde. Er beobachte aus den Staaten im alten Europa – hier sei B. die Ausnahme, sonst wären wir hier nicht versammelt – die systemwidrige Tendenz, den Bachelor nicht polyvalent als berufsqualifizierenden Studienabschluss auszugestalten, sondern an den Master zu binden, als ob beides zusammen gehöre. Zu erkennen sei diese Fehlentwicklung an der Diskussion, ob man auf spezielle Zulassungsanforderungen für MA-Studiengänge verzichten solle. Er befürchte teilweise Reformvortäuschung, vulgo Etikettenschwindel genannt. Kurz war es still im Saal; denn ist das nicht die Absicht der Hochschule? Dann Applaus. Ob er die Reaktion richtig verstanden hat?

Selbstverständlich soll das alte deutsche Langstudium unabhängig von der neuen Begrifflichkeit erhalten bleiben, z. T. wird es sogar noch verlängert. Lehreramtsanwärter – auch Grundschullehrerinnen – studieren in Zukunft 6 Semester auf Bachelor und anschließend 4 Semester auf Master. Die Zwischenprüfung fällt dafür weg. Es werden dann neben dem BA für deutsche Literaturwissenschaft und dem für Linguistik noch der BA für die Primarstufe, der BA für die Klassen 5 – 10 (es gibt noch keinen neuen Namen für Sek. I) und der BA für das Gymnasium (den BA fürs Berufskolleg hätte ich fast vergessen) eingerichtet, dazu kommen die entsprechenden MA-Studiengänge. Sattler weiß also, dass demnächst in jedem lehrerausbildenden Fach zwölf neue Studienordnungen und zwölf neue Prüfungsordnungen entworfen und verabschiedet werden müssen. Einiges davon wird auf ihn zukommen. „Seh’ ich überhaupt nicht ein.“

Sattler saß noch mit seiner zweiten Tasse Tee am Küchentisch und las in der Lokalzeitung, als beim Nachbarn eine Motorsäge aufheulte. Über Stadtthemen konnte man manchmal über den Zaun Gespräche anfangen, auch er wurde manchmal angesprochen, wenn Meldungen oder wie in letzter Zeit Skandalgeschichten aus der Uni ausgebreitet wurden. Oft Sachen, von denen er ebenfalls nur aus der Zeitung erfuhr, und die meistens so nicht stimmten. Als er am Schreibtisch mit Korrigieren anfangen wollte, konnte er durchs Dachfenster zusehen, wie ein flinker junger Mann mit Seil und Haken in der ausladenden Birke auf und ab turnte und mit einer Motorsäge von der Spitze her den Baum herunter schnitt. Heute kann man Zuhause wieder nicht arbeiten, Sattler packte seine Sachen in die Tasche. Der Nachbar stand breitbeinig in der Garageneinfahrt vor einem wachsenden Haufen Äste und blickte missbilligend zum Hochschullehrer: Das hier entspricht dem Begriff Arbeit, schien er bedeuten zu wollen. Doch auch Sattler schätzte eigentlich ein handfestes Arbeitsprodukt. Deshalb hatte er doch schon als junger Wissenschaftler sein Buch veröffentlicht, denn von der Lehre bleibt nichts Greifbares übrig. Noch schlimmer: seine bisherige Lebensarbeit wurde abgewertet, genau genommen vernichtet, indem ihm bescheinigt wurde, dass die Ausbildung in seinem Studiengang nicht erfolgreich war, dass die Hochschule darauf verzichten könne. Beim Festakt war, fiel Sattler erst jetzt auf, der Hochschulrat nicht vertreten gewesen, dagegen war ein Staatssekretär der Regierung begrüßt worden. Hat die Elite doch Wichtigeres zu tun?

Kaum hatte Sattler im Büro den PC hochgefahren, öffnete sich ohne Anklopfen die Tür: Schön dass ich Sie antreffe, ich möchte Sie fragen, ob ich bei Ihnen Examen machen kann. In der Zeitung hatte die Pressestelle übrigens eine Erfolgsmeldung untergebracht: Steigende Zahle der Neuimmatrikulationen. Und unter dem Titel „Hochschulreformpilotprojekt“ wurde über den Einrichtungsfestakt berichtet. Die Studentin wollte allerdings noch nach der alten Studienordnung geprüft werden.

Sattler bot inzwischen studiengangbegleitende Prüfungen an und organisierte seine Lehrangebote in Modulen, aber dafür hatte er inhaltlich an seinen Lehrveranstaltungen kaum etwas ändern müssen. Seit 29 Jahren stand er inzwischen im Beruf, was hatte er nicht alles erhofft, aber was hatte er andererseits nicht alles befürchtet im Laufe dieser Jahre! An der Börse werden solche Phasen Seitwärtsbewegung genannt. Kurze, steile Anstiege, abrupte Rückschläge, aber keine Abstürze, keine Gewinne, nervöses Auf und Ab, kleinschrittig, richtungslos, schnell wechseln Phantasien und Verlustängste, und am Ende ein Nullsummenspiel. Eine lange Zeit, für ihn selbst unfassbar, es war so viel passiert, aber es hatte sich wenig geändert. Als der Dekan einen Vorschlag zur neuen Ordnung anforderte, reichten Sattler und Zweier das Konzept von Schilling ein.

Inge hatte immer mehr mitgemischt in den Gremien, allmählich hatte sie ihn überzeugt oder animiert oder angesteckt. Aufpassen, wer welche Interessen verfolgt! Die eigenen Absichten nie ausplaudern! Sattler spekulierte mit, aus allem kann man eine private Erfolgsstory machen. Vieles findet nur im Kopf statt, aber manche Fantasien werden Wirklichkeit.

Die Studierenden in der Sprechstunde und in den überfüllten Seminaren erinnerten Sattler daran, dass er zu denen gehörte, die die anstehende praktische Arbeit machen, nicht zu denen, die die Organisationsstrukturen festlegen. Doch er lebte inzwischen mehr in einer kommunikativen Metawelt, obwohl äußerlich alles unverändert weiterzulaufen schien. Er hat Lehraufträge eingerichtet, einen davon für Priester, und einen Internetkurs, den Hilfskräfte betreuen. Innovationen sind erwünscht! Selbstverständlich lässt er sich seinen Aufwand beim Deputat anrechnen. Den Schein der Fakten durchschaute er, er spielte damit, aber mit Inge zusammen formulierte er den Klartext. Sie passten auf, studierten die Tagesordnungen und die Protokolle, sie telefonierten mit den Gremien- und Kommissionsmitgliedern, sie erkundigten sich bei den Sachbearbeitern, sie hielten sich auf dem Laufenden. Über den Stand mancher Vorgänge wussten sie besser bescheid als der Dekan. So konnte er zwar nicht selbst bestimmen, wo er mitmachte und wo nicht, aber er konnte sich frühzeitig wappnen. So konnte er manches beeinflussen, zwar nicht bei den Strukturveränderungen im Großen, aber bei den Ausführungsbestimmungen und Umsetzungen im Kleinen: unbemerkt von den andern war er zwar noch nicht der, der an den Fäden zog, aber doch der, der sich im Knäuel gut auskannte und auch noch ein paar Knoten reinknüpfte. Nur zum Scheine beteiligte er sich noch an der üblichen Kollegenkommunikation, er hatte im Laufe seines Berufslebens gelernt, das Zeichen- und Anzeichensystem der verschwiegenen Absichten zu lesen und auf dieser verleugneten Ebene zu intervenieren und seine Interessen zu vertreten. Nicht in die Karten gucken lassen! Ständig musste er die Lage beobachten, mit Inge alles durchdiskutieren, denn die Gegenspieler waren einflussreich und unermüdlich, auch Schilling gehörte zu ihnen.

Ausgerechnet Sattler, der normalste von uns, sagte Zweier, hebt ab. Wir müssten ihn auf den Boden der Tatsachen holen, ergänzte Schilling, aber es ist sinnlos, weil seine Überzeugung gerade darin besteht, als einziger zu durchschauen, was abläuft. Aber vielleicht irren wir uns, gab Priester zu bedenken, vielleicht behält Sattler Recht.

Schilling plante, sich vom Acker zu machen, er beantragte Altersteilzeit (nach dem Blockmodell). Doch nach einigen vergeblichen Gesprächsterminwünschen ließ ihm der Präsident durchs Vorzimmer ausrichten, der Hochschulrat habe „AT für Beamte ausgesetzt“. Sattler hätte es vorher gewusst. So einfach kam man nicht davon.

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