Fifth Avenue unten

Stephan Wackwitz

Die Fifth Avenue entspringt (denn wir erzählen stadteinwärts) am nordöstlichen Stadtrand von Harlem. An einem strahlenden Samstagnachmittag im März 2008 habe ich mich in die unansehnliche, vage verschmutzte Stadtlandschaft verirrt, wo der weltberühmte Boulevard seinen Ausgang nimmt. Das Ufer des Harlem River verbreitet einen Meeresgeruch nach Wind, Wasser und Verwesung. Eine Brücke aus gigantischen Stahlträgern führt in die Bronx hinüber. Lagerhäuser und braunsteinerne Blocks von Sozialwohnungen nehmen quadratkilometerweit kein Ende. Der Highway, der die ganze Insel einfaßt und hinter einer Absperrung rücksichtslos vorüberwütet, folgt dem Verlauf des Flusses von Nord nach Südost zum East River. Eigentlich ist es also der Strom gewesen, der das rechtwinklige Straßengitter hier diagonal halbiert und die Andeutung eines Platzes hervorgebracht hat. Eine halbherzige, ihrer selbst nicht ganz gewisse Stadtplanung ist sich dieser Landschaftsform irgendwie bewußt gewesen und hat das entstandene Dreieck auf der Mitte der Kreuzung in einer kleinen Verkehrsinsel wiederholt (eine Störung im Verkehrsverlauf eher als ein Höhepunkt städtebaulicher Argumentation). Drei kleine Bäume. Zwei unbequeme Bänke. Pflegeleicht-liebloses Bodengehölz. Vom unablässig wehenden Wind der Flußlandschaft hergetragene Plastiktüten, die sich hier verfangen haben. Zigarettenkippen. Vergilbte, im Regen wellig und undeutlich gewordene Werbeprospekte, wie man sie in Hauseingängen findet. Und mitten in all dieser Nachlässigkeit steht und glänzt im kalten Frühlingssonnenlicht ein 3 Meter hoher Obelisk aus dunkelgrauem Granit.

Einen Moment lang ist er ein Zitat aus den Anfangsszenen von Stanley Kubricks „2001-Odyssee im Weltraum“. Wenn man sich nicht entschließen will, den wie vom Himmel in diese denkbar unpassende Gegend gefallenen Steinkegel auf eine schwer greifbare Weise unheimlich zu finden, ist er in seinem rudimentären und schmutzigen Miniaturpark entschieden rührend – und deshalb wie alles Rührende auch ein bißchen lächerlich. Obelisken sind seit den frühen Neunzehnten Jahrhundert die schwersten, die geheimnisvollsten, die ultimativ dramatischen Zeichen repräsentativer Stadtrhetorik. 1836 wurde der Obelisk von Luxor auf der Place de la Concorde in Paris aufgestellt, die noch nicht lang zuvor Place de la Révolution geheißen hatte – als nicht deutbares und deshalb für alles Erdenkliche stehendes Symbol des wiederhergestellten Zusammenhangs der Stadt, des Landes, der Lebenden und der Toten (die Ägypter symbolisierten in diesen seltsamen, eleganten und unübersehbaren Stelen, wie es scheint, die Strahlen des Göttlichen, das in ihnen auf die Erde trifft). Seitdem ließ sich jedes Stadtbild des Neunzehnten Jahrhunderts angelegen sein, einen wirklich aus Ägypten herangeschafften oder vor Ort selbst behauenen Obelisken an all denjenigen Plätzen, Embankments und Promenaden aufzustellen, wo es besonders mysteriös, bedeutungsreich und romantisch zugehen und den Spaziergänger anmuten sollte.

Aber der Obelisk am Ursprung der Fifth Avenue hat nichts von der Größe, der Verwittertheit, der Authentizität zum Beispiel auch des Obelisken von Heliopolis, der ein paar Kilometer weiter südlich hinter dem Metropolitan Museum am Eingang in den Central Park steht (der New Yorker Industriefürst William H. Vanderbilt hat ihn im späteren Neunzehnten Jahrhundert aus Ägypten hierher transportieren lassen). Und doch sind auch die goldenen Inschriften des kleinen Monuments in Harlem fast hieroglyphenhaft geheimnisvoll und wären nicht zu deuten, wenn nicht eine der grünweißen Erklärungstafeln der Stadtverwaltung inmitten des Bodengehölzes einen darüber aufklären und ins Bild setzen würde, daß die französischen Ortsnamen, die kryptischen Datumsangaben, das Symbol der drohend aufgerollten, zum Vorschnellen bereiten Schlange und die zugleich umständliche wie lakonische Truppenbezeichnung „369th Infantry Regiment (15th Regiment NYG) (Colored)“ auf eine Einheit der Nationalgarde verweist, die im Ersten Weltkrieg nach 1917 in die US Army übernommen wurde, als regulärer Truppenteil der vierten Armee der französischen Republik gegen das Deutsche Kaiserreich (und meinen Großvater, der als Offizier damals in Flandern stand) gekämpft hat und sich dort so heldenhaft schlug, daß die gesamte Division sowie einer ihrer Offiziere den höchsten Französischen Kriegsorden und über Hundert ihrer Angehörigen andere sehr ehrenvolle französische Auszeichnungen erhielten. Die Überlebenden (allein bei der Befreiung des Fleckens Sechault in den Ardennen fiel ein Drittel der Einheit) wurden nach ihrer Rückkehr mit einer Parade gefeiert, die vom Washington Square aus die gesamte Fifth Avenue stadtauswärts nach Harlem entlanggeführt hat – bis zu dem seltsamen Platz, auf dem wir jetzt stehen und in der Märzsonne blinzelnd uns einen Reim auf die goldenen Inschriften des kleinen grauen Obelisken zu machen versuchen.

Die „Harlem Hellfighters“, wie das „369th Infantry Regiment (15th Regiment NYG) (Colored)“ sich dann bald selbst getauft hat und von seinen weißen Kameraden immer respektvoller genannt wurde, ist eine rein afroamerikanische Einheit gewesen (in der American Army herrschte zur Zeit des Ersten Weltkriegs noch race segregation). Nach dem Eintritt der USA in den Krieg im April 1917 wurden die „Hellfighters“ aus der Nationalgarde zur Armee übernommen, in South Carolina unter dem rassistischen Hohngelächter der Einheimischen als eine Art Exotikum auf Gefechtsbedingungen hin trainiert und am Neujahrstag des Jahres 1918 betrat ein Gepäckträger und Mietpage aus Albany im Staat New York, Henry Lincoln Johnson, mit seinem Regiment den in schon vier entsetzlichen Jahren und unzähligen massenmörderischen Schlachten umkämpften europäischen Boden – ein Mann, dem unsere Erzählung jetzt eine Weile lang folgen wird, bis seine Gestalt sich wieder in den Anmutungen, Erinnerungen und Geistererscheinungen verflüchtigen wird, die in dem kleinen vernachlässigten Verkehrsinselpark des Obelisken am Ursprung der Fifth Avenue umgehen.

Man weiß im Grunde nicht viel von Henry Lincoln Johnson. Er war 1897 irgendwo im Süden zur Welt gekommen. Sein zweiter Vorname und seine Übersiedlung nach New York State läßt auf den Willen seiner Eltern schließen, der Erinnerung an die Sklaverei, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch schwer auf den amerikanischen Südstaaten gelastet hat, in erfolgsversprechendere Gegenden zu entfliehen. Aber es war dann doch nur ein professioneller Lastenträger aus Henry Lincoln geworden, der sich in Albany am Bahnhof bereithielt, um gegen Entgelt Golfausrüstungen, Hutschachteln und Koffer in Autos zu verladen oder auf Hotelzimmer zu schleppen. Auch seine Karriere in Nationalgarde und Armee war lange Zeit unauffällig verlaufen – bis am 14. Mai 1918 Private Johnson im Niemandsland zwischen den Fronten des Argonnerwalds einen verwundeten Kameraden zu seiner Einheit zurückbegleitete und in einen Spähtrupp von 30 bis 40 deutschen Soldaten hineinlief, die das Feuer eröffneten. Johnson wurde in dem sich nun entfaltenden Schußwechsel verwundet und scheint einen Moment in Ohnmacht gefallen und für tot liegengelassen worden zu sein, während die Deutschen seinen Kameraden in die Gefangenschaft davonführten.

Nun passierte folgendes: Henry Lincoln Johnson, der nach kurzer Zeit das Bewußtsein wiedererlangte und sich ohne seinen Schutzbefohlenen allein im Schlamm des Argonnerwaldes liegen sah, stand trotz seiner schweren Verwundung auf, nahm sein noch geladenes Gewehr an sich, setzte dem deutschen Spähtrupp, sein Gewehr leerschießend, nach und warf sich, bewaffnet mit nichts als seinen Fäusten und dem sogenannten „Bolomesser“, einer unterarmlangen Machete, auf den Feind, dessen Verblüffung ausnutzend und in einen entscheidenden taktischen Vorteil umwandelnd. Der sich nun rücksichtslos in den völlig aus dem Konzept gebrachten Feind hineinkämpfende schwerverwundete Henry Lincoln Johnson ließ eine beispiellose, militärische Tapferkeit gewöhnlichen Menschenermessens weit hinter sich lassende, ins Maniakalische vorstoßende und und eigentlich entschieden unheimliche Schneise der Vernichtung hinter sich. Der Entfesselte tötete vier deutsche Soldaten, verwundete um die zwanzig, trieb die Deutschen in die Flucht, kümmerte sich eine Nacht lang um seinen Kameraden und wurde im Morgengrauen von seinen scheu staunenden Kameraden entsetzt.

Die Nachricht vom Amoklauf des Gepäckträgers aus dem amerikanischen Albany verbreitete sich mit der Geschwindigkeit eines Steppenbrands bei Freund und Feind, wurde im französischen Heeresbericht erwähnt und führte zur Verleihung des „Croix de la guerre“ an Private Henry Lincoln Johnson. Und er war nicht der einzige Held, den die „Hellfighters“ in ihren Reihen hatten. Das 396. Infanterieregiment sollte wenig später auch als Einheit das „Croix de la guerre“ erhalten und war weithin berühmt als eine der tapfersten Truppen des großen Kriegs. Der Mann jedoch, der in einem einzigen, nie mehr zu vergessenden Lebensmoment eine generationenalte Wut auf den weißen Mann im Rahmen des militärisch Zulässigen und Erwünschten in sich befreit und eine gar nicht mehr übersehbare Schuld der Weißen an deutsche Soldaten zurückgezahlt hatte, wurde wie so viele Veteranen aus dem ersten großen Krieg des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr heimisch im Leben. Militärische Heldenstücke wie das von Henry Lincoln Johnson am 14.Mai 1918 vollbrachte sind vermutlich nur zu erklären durch die Annahme einer lang in vielen (vielleicht allen) Menschen bereitliegende Tötungslust, die in bestimmten Extremsituationen von Angst und Wut sich (das ist die eine Möglichkeit) verbrecherisch entlädt, oder eben (wenn Krieg ist) in einem Rahmen, der zur Verleihung von Orden führt.

Wie Hochverrat ist Massenmord eine Frage des Datums. Johnson könnte (so sich den Fall zurechtzulegen und ihn in seinen geheimen Implikationen weiterzuspinnen kommt man bei längerem Nachdenken nicht umhin) in einem umnebelten Zustand des Außersichseins gesteuert gewesen sein von der nicht mehr zu kontrollierenden Wutlust darauf, weiße Männer umzubringen. Es war eine Urszene, ein extremes, im Körper Henry Lincoln Johnsons angereichertes, aufgespeichertes und und aus fernen Zeittiefen an ihn überliefertes Gefühl, das an jenem Maitag im Jahr 1918 plötzlich überwältigende Realität wurde („Weiße Männer führen meinen schwarzen Bruder in die Gefangenschaft. Ich töte sie jetzt. Jetzt reicht es. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen.“). Wer derlei einmal erlebt hat, aus dem wird kein guter Gepäckträger mehr. An der Siegesparade seiner Einheit die Fifth Avenue stadtauswärts hat Henry Lincoln Johnson noch in der ersten Reihe teilgenommen. Ich betrachte im Internet das vergilbte Foto eines schüchtern dreinblickenden, kleingewachsenen schwarzen Manns unter dem französischen Helm. Man fährt ihn stehend in einem offenen Auto wie einen Präsidenten oder sonst eine Zelebrität. Und er hält, so ungeschickt und verlegen wie manche Geistererscheinungen, einen Blumenstrauß in der Hand.

Aber mit seiner Frau (die sich insgeheim vor ihrem Mann jetzt vielleicht gefürchtet haben mag) wurde es nie mehr so wie zuvor. Seine vielen Kriegsverwundungen machten es ihm unmöglich, weiter in seinem Beruf zu arbeiten. Die von Dünkel und Rassenangst verblendete Armeeführung, der das von Private Johnson angerichtete Massaker, das sie als Heldentat anzuerkennen freilich nicht umhin konnte, sicher tief unheimlich gewesen ist, verweigerte ihm angemessene soziale Unterstützung ebenso wie eine militärische Auszeichnung. Erst knapp über 30 Jahre alt starb Henry Lincoln Johnson 1929 im Veteranenkrankenhaus von Albany am Alkohol und an den Folgen seiner zahlreichen Verwundungen (mein Großvater, der im selben Jahr geboren ist wie Private Johnson, stand damals einer deutschen Auslandsgemeinde im polnischen Oberschlesien vor und würde noch bis 1979 leben; eine andere Geschichte, die anderswo erzählt worden ist). Erst Präsident Bill Clinton verlieh Johnson 1996 posthum das „Purple Heart“. Und eine Veteraneninitiative, die in Albany schon die Errichtung eines Denkmals für ihren berühmten Kameraden und die Umbenennung einer Ringstraße in „Henry Johnson Boulevard“ durchgesetzt hat, läßt sich derzeit die Höherstufung dieses Ordens zur höchsten amerikanischen Tapferkeitsauszeichnung, der „Medal of Honor“ angelegen sein.

Die Geschichte von Henry Lincoln Johnson ist ein Mikroskop oder Fernglas, durch dessen aus extremer, vielleicht pathologischer Tapferkeit gemachte Rohre und Linsen man die Tage und Nächte, die Träume und Ängste, die Wut und die Einsamkeit der kein Ende nehmenden Mordmonate des ersten großen Krieges betrachten kann – Erlebnisse, von denen dann schon die übernächste Generation („Opa erzählt wieder vom Krieg“) wahrscheinlich mit gutem Recht nichts mehr wissen will. Die Geschichte der Kunst ist weniger pointillistisch überliefert als die der Tapferkeit. Die Eroberer und Wegbereiter, die Schurken und Versager, die Hochstapler, die Berühmten und die Verkannten im kulturellen Geisterreich sind Thema einer episch ausschwingenden, vielfältig zusammenhängenden, gut ausgearbeiteten und oft wiederholten Erzählung. Aber verblüffenderweise hat auch zu ihr das „369th Infantry Regiment (15th Regiment NYG) (Colored)“ ein entscheidendes Kapitel beigetragen, wie ich in den nun folgenden Wochen schrittweise, unter Staunen und so etwas wie Ehrfurcht, auf Spaziergängen und über Recherchen in Bibliotheken oder im Internet erfuhr, nachdem ich den Faden an jenem kalt strahlenden Märznachmittag des Jahres 2008 in Harlem einmal aufgenommen hatte. Um es kurz zu machen: Die Regimentskapelle der „Harlem Hellfighters“ war eine der berühmtesten und einflußreichsten Jazzformationen der Musikgeschichte. Die „369 Infantry Regiments Band“ unter der Leitung von James Reese Europe hat ihre Kameraden aufgeheitert und getröstet durch damals hochberühmte Ragtime-Nummern wie „On Patrol in No-Man’s Land“. Einerseits. Andererseits und sozusagen nebenher aber hat diese Regimentskapielle nichts Geringeres geleistet als die Einführung des Jazz in Europa. Ihr Bandleader, der Pianist James Reese Europe, ist als Musiker und Kulturpolitiker eine zentrale Figur des „Ragtime“, jener synkopierten und harmonisch grellgefärbten Marsch- und Prozessionsmusik, aus der erst in den Zwanziger Jahren entstanden ist, was wir heute Jazz nennen.

Vor dem ersten Weltkrieg freilich war Ragtime noch nicht die Vorgeschichte von irgendetwas, sondern eine von mehreren Avantgarden der sich in New Orleans, Chicago und Harlem etablierenden und um ihre gesellschaftliche Legitimation kämpfenden schwarzen Kultur. Wie Henry Lincoln Johnson kam James Reese Europe aus dem Süden, aus Alabama. Schon seine Eltern waren Musiker. Und bei dem Kompositionswettbewerb, der dem musikalischen Wunderkind zum ersten Mal so etwas wie Ruhm eintrug, bekam er nur deshalb den zweiten und nicht den ersten Preis, weil den seine kleine Schwester gewann. Mit 22 begann er in New York für die wichtigsten Bandleader seiner Zeit zu spielen. Die Künstlerlegende behauptet, der siebenjährige George Gerschwin habe stundenlang auf dem Bordstein des Harlemer Lokals gesessen, wo Europe’s Musik durch die offenen Türen zu ihm herausdrang. Fest steht jedenfalls, daß James Reese Europe, dessen Ruf sich in der Musikwelt nun schnell verbreitete, sein Prestige als Künstler in die Gründung einer kulturpolitisch bahnbrechenden und bis heute vorbildlichen Musikerkooperative einbrachte. Der „Clef Club“, dessen Immobilie an der West 53rd Street bald zum Zentrum des Jazz in New York wurde, ist eine Kombination von Künstlergewerkschaft, Klublokal, Konzertagentur und Musikklub gewesen, ein visionäres Monument der Selbstorganisation einer Berufsgruppe, die im öffentlichen Bewußtsein damals noch knapp über Schuhputzern, Clowns und Gangstern rangierte. Und der höhere Organisationsgrad zahlte sich aus, zunächst in einem neuen Selbstbewußtsein der New Yorker Jazzmusiker, aber dann auch sehr schnell in verbesserten Arbeitsbedingungen, in vielfältigen und karrierefördernden Gelegenheiten zu intensiverer Kommunikation über Musik, über Auftrittsmöglichkeiten, über Personalien und den neuesten Klatsch, kurz zu einer der Arbeiterbewegung analogen, gewerkschaftsartigen Beheimatung und Einbürgerung des musikalischen Jazz-Prekariats in die entstehende schwarze middle class, die in der Folge zum Träger der sich in solchen Initiativen bereits ankündigenden „Harlem Renaissance“ der Zwanziger Jahre werden sollte.

Am 2. Mai 1912 trat das Ragtime-Orchester des Clef-Club unter der Leitung von James Reese Europe zum ersten Mal in der Carnegie-Hall in Midtown auf. In New York sind Stadtteile, Konzertsäle, Klubs, Museen, sogar einzelne Straßen wie die Park Avenue oder eben die Fifth Avenue, die Heldin dieser Erzählungen und Forschungen, in einer gußeisern über Jahrzehnte und Jahrhunderte festgelegten Konstanz gesellschaftlich und kulturell kodiert. Eine Band aus Harlem im hochherrschaftlichen Kulturtempel der New Yorker Bourgeoisie – das war 1912 eine kalkulierte Provokation, ein spektakulärer Akt des Muts, der fast skandalösen Offenheit von Seiten des Carnegie-Managements – und eine Gelegenheit, der sich James Reese Europe mit seinen musikalischen Mitstreitern nun in einer so überzeugenden Weise gewachsen zeigte, daß der Ragtime-Tabubruch bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs und zur Einschiffung der Band nach Frankreich noch zweimal wiederholt werden sollte. James Reese Europe aber fiel nach der Rückkehr aus dem Krieg (den er unversehrt überstanden hatte) auf der Amerika-Tournee seiner Band in Boston dem tragischen Wutausbruch eines Perkussionisten zum Opfer, der in der Konzertpause mit dem Messer auf seinen Chef einstach und ihm die Halsschlagader durchtrennte.

Der Sänger, Komponist und spätere bandleader Noble Sissle war schon im Clef Club und in der Infanteriekapelle des 396. Regiments der engste Mitarbeiter Europes gewesen. Mit seinem Compagnon Eubie Blake würde er in den kommenden Jahren Europes zu Lebzeiten nicht wahrgewordenen Lebenstraum verwirklichen. Sissle und Blake etablierten und legitimierten schwarze Musik auf dem Broadway und im Programm der großen Plattenfirmen. Blake, der James Reese Europe als „den Martin Luther King der Musik“ gewürdigt hat, spielte damit zugleich auf den Mythos des Manns Mose an, mit dem sich der große schwarze Bürgerrechtler und -führer noch am Vorabend seines Todes („I’ve been to the mountaintop and my eyes have seen the glory of the Lord“) identifizierte. In der Geschichte seiner Musik hat es James Reese Europe nicht zu größerem Ruhm gebracht als zu dem eines Wegbereiters. Und es ist ein ironischer Akzent seines Lebenslaufs, daß ihm (der auf kulturellen Feldern ungleich Bleibenderes geleistet hat als auf denen des Kriegs) die militärische Ehre einer Bestattung in Arlington zuteil wurde.

Es herrschte dann schon ein geradezu mediterran festlicher und überschwänglicher Frühling in New York, als ich im April an Wochenenden die Gewohnheit annahm, von der 96sten Straße in das noch fast ganz puertorikanische East Harlem hinaufzuwandern und am Jeffersonpark vorbei zur 125sten Straße. An dieser Ost-West-Magistrale liegt nicht nur das musikgeschichtlich legendäre „Apollo“-Theater oder das Büro Bill Clintons (ein unansehnlicher schwarzer Kasten aus Glas, Backstein und Stahl), sondern auch das „National Black Theatre“ und an der Kreuzung zur Lennox-Avenue (die hier „Malcolm X-Boulevard“ heißt) die „Lenox Lounge“, ein erst 1999 wiederhergestelltes und der Ruinierung entrissenes innenarchitektonisches Ensemble der Vierziger Jahre, in dem Miles Davis und John Coltrane gespielt, James Baldwin und eben Malcolm X gesessen haben und wo ich in einer der kunstledernen Sitzbuchten ganz vor am Fenster einen Kaffee trinken, auf den Boulevard hinaussehen und den Erinnerungen (den Geistern) nachsinnen kann, die einen aus dem langen Spiegel hinter der Bar anfliegen. Die noch ganz erhaltene Täfelung aus gelben und braunen Hölzern, Stahl, Glas und goldenen Mosaiksteinchen ist liebevoll restauriert. Ein alter Mann sitzt jedesmal, wenn ich da bin, an der Bar gleich am Eingang. Manchmal sieht er in einer eigenartig verkrampften Haltung (die er vermeiden könnte, wenn er nur einen oder zwei Plätze weiter in den Raum hineinrücken würde) zu dem ununterbrochen laufenden Fernseher über ihm empor; und manchmal unterhält er sich mit einer der jungen Frauen, die sich hinter der Theke langweilen (zu dieser Tageszeit kommt fast niemand in die Lenox Lounge).

Der hintere Konzertraum ist von der Bar getrennt durch Glasscheiben, in die elegant geschwungene Art-Deco-Ornamente geätzt sind. Auch wenn abends dort sehr ernstzunehmende lokale Jazzmusiker noch heute für Touristen und für die Leute aus der Nachbarschaft spielen, ist es nicht wirklich überfüllt hier. Gegen Zwölf nahmen (vor vier Wochen, als wir zum ersten Mal hergekommen waren) die Japaner, die die drei Tische im Hintergrund mit Beschlag belegt hatten, das Taxi ins Hotel. Der Bandleader und Saxophonist, sein durch nichts aus der Ruhe zu bringender Klavierspieler und ein auf seinem Sitz jeden Moment in neue Explosionen ausbrechender Drummer waren unter der Hand durch ein halbes Dutzend Ergänzungs- oder Ersatzkräfte verstärkt worden, die entspannt und ohne daß es weiter aufgefallen wäre, den Verlauf des Abends über mit ihren Kästen und Gerätschaften hereingeschneit waren. Es gab eine kleine Pause. Als es gegen halb 1 wieder losging, hatte sich die Stimmung im Hinterzimmer der „Lenox Lounge“ radikal verändert. Plötzlich machten die Musiker jetzt keine Späße mehr. Der Touristenjazz war vorbei. In wechselnder Besetzung nahmen die Band und ihre Gäste einander und uns Übriggebliebene noch zwei Stunden lang mit auf einen Höhenflug, der selbstvergessener, differenzierter, kontrollierter und druckvoller auch zu den Zeiten nicht gewesen sein kann, als „Birth of the Cool“ frisch in den Plattenläden war. Gegen drei verabschiedeten wir uns von unseren Begleitern (zwei Jazzmusikern aus Deutschland, die zum Staunen der Autochthonen später auch noch eingestiegen waren). Wir sahen einander an, als seien wir gerade aus einem Traum über die frühen Fünfziger Jahre in die Wirklichkeit zurückgestolpert. Als wir vor der neugotischen Sandsteinkirche der Lenox-Avenue ein Taxi anhielten, war das nächtliche Harlem plötzlich wieder eine Stadt des frühen letzten Jahrhunderts. Die eleganteste, erstaunlichste, träumerischste Metropole der modernen Welt.

Jetzt aber liegt bei meinen Harlemer Spaziergängen samstagnachmittags schon ein grüner Schleier von Knospen und frisch aufgewuchertem Gras über den Nachbarschaftsgärten der Ruinengrundstücke, die hier überall die Atmosphäre des Hausbesetzer-Kreuzberg der frühen Achtziger Jahre heraufbeschwören. Die ehemals so eleganten, von neobarockem Ornamentschmuck überwucherten townhouses der Vor- und Zwischenkriegszeit mit ihren merkwürdig gebauchten Erkern waren jahrzehntelang reihenweise abgefackelt worden, weil die Versicherungssummen höher waren als jede mögliche Mieteinnahme. Harlem muß damals ausgesehen haben wie nach einem Bombenangriff. Jetzt flanieren bunt und sexy angezogene Menschen auf der 125sten Straße. Romanautoren bieten ihre selbstverlegten Bücher feil. An jeder Ecke gibt es karibisch eingelegte Krabben oder auf Campinggrills gelegte Fleischspieße mit Fladenbrot. Man kann illegal kopierte CDs und DVDs kaufen. Räucherstäbchen glimmen. Naturparfüms stehen in hunderten von Flaschen auf Campingtischen. Das Sortiment der allgegenwärtigen Buch- und Broschürenhändler ist von einer für diese Gegenden typischen Seltsamkeit (denn man weiß in ihnen, wie Michael Rutschky bemerkt hat, nie, ob sie die Hure Babylon sind oder das Neue Jerusalem). Aber nicht die Klassiker des Anarchismus, des Bombenbaus, des politisierten Liebeslebens und des Marxismus-Leninismus werden hier feilgeboten (wie im Kreuzberg meiner Jungmännerjahre). Dafür beispielsweise ausführlich-schwülstige Erörterungen über die spirituelle Essenz der schwarzen Frau. Oder historische Romane über berühmte Abbessinierkönige des Mittelalters. Die Aufsätze W.B. DuBois über The soul of black folks. Bunte Schaubilder und charts verzeichnen und systematisieren afrikanische Herrschergestalten, schwarze Erfinder und Politiker. Dicke Broschüren reißen historischen Verschwörungen, Templergreueln und Illuminatenorden die Maske vom Gesicht. Unangenehm berührt einen der manifest antisemitische Dreh vieler dieser Publikationen.

Das fünfzehnstöckige Gebäude der Harlemer Stadtverwaltung könnte im Polen, Weißrußland, Rumänien oder Indien der Siebziger Jahre stehen. Seine Fensterfront sieht den Boulevard entlang nach Süden in Richtung Central Park. Hinter verdreckten Jalousien vertrocknen Pflanzen. Der klobige, gleichsam populistisch einschüchternde Beton- und Glasbau ist benannt nach Adam Clayton Powell Jr., einem Harlemer Politiker und Geistlichen, von dem ich noch nie etwas gehört habe, dessen Lebenslauf und Verdienste einem aber auf dem Sockel eines ebenfalls sehr realsozialistisch aussehenden Bronzedenkmals ausführlich erklärt werden. Es zeigt Adam Clayton Powell Jr., wie er hochdynamisch irgendwie aufwärtsstrebt und der Zukunft entgegenschreitet. Auf dem Platz davor spielt die Band eines Stadtteilfests so mitreißenden Rhythm n‘ Blues, daß ich mich zusammennehmen muß, um mich den vor der Bühne entfesselt Tanzenden nicht anzuschließen. Ich muß weiter. Alte Männer in jamaikanischen Turbanen sitzen und rauchen vor furchterregend wummernden, hundsgroßen schwarzen boom-boxes und im Marcus-Garvey-Park schreien, klettern und laufen Kinder durcheinander, während vor der Einzäunung ambulante Fahrradreparaturwerkstätten sich fachmännisch und liebevoll um die Gerätschaften ihrer Nachbarn bemühen.
Aber nicht nur die Erinnerung an das Kreuzberg meiner Jugend sucht den Wanderer in diesen Straßen heim. Auch das Heimweh nach den gleichsam aus langen Alpträumen erwachten Städten Südpolens oder der Slowakei wird in mir hier lebendig und findet zugleich etwas, woran meine Nostalgie sich halten und worüber ich nachdenken kann. Denn die sich aus niedergedrückten Verhältnissen der Hoffnungslosigkeit, des Terrors und der Gleichgültigkeit herausarbeitende Marktwirtschaft, scheint es, sieht sich überall auf der Welt ähnlich in ihrer gleichsam handgemachten Improvisation, ihrer Lebendigkeit, ihrer das Närrische streifenden Originalität (aus der dann oft die entscheidenden und bleibenden Innovationen hervorgehen). Bei einem meiner letzten Besuche in Harlem zum Beispiel gab es an der Kreuzung der 125sten Straße mit der Fifth Avenue noch ein Café, in dem man zugleich auch Kosmetik kaufen konnte. Man sah die Runde der von ihrer Idee unwiderleglich begeisterten entrepreneurs plötzlich geradezu vor sich, denen es irgendwann einmal als die ultimative Geschäftsidee eingeleuchtet haben muß, daß die jungen Frauen Harlems hier nach dem Kauf eines Lidschattens eine Schokolade trinken oder sich bei Kaffee mit Kuchen zwischen Parfüms entscheiden würden. Aber es macht auch nichts, daß das dann alles offenbar nicht geklappt hat und bei meinem nächsten Besuch schon die Handwerker einer (vermutlich auch gerade erst gegründeten) Firma für Innenausbau in dem großen Raum, wo ich mein Buch über einem Milchkaffee auspacken wollte, beschäftigt sind. Diese Straßen bringen jede Woche neue Ideen hervor und viele von ihnen werden ihren Findern zumindest soviel einbringen, daß sie mit anderen und wieder neuen Ideen weitermachen können, denn anders hat sich der Kapitalismus niemals und nirgends entwickelt als in der aus Begeisterung, fixen Ideen, Bastelei, Schäbigkeit, kindlichem Stolz auf sich selbst und einer (immer auch sehr rührenden) Selbstüberschätzung erzeugten Stimmung, die ich zu Beginn des Jahrhunderts in Krakau oder Katowice kennengelernt habe. Jetzt, denke ich träumerisch vor mich hin, kann ich sie mir an diesen Aprilwochenenden in Harlem so weit von zuhause wieder erwandern.

Eines der Bücher, die ich am vorletzten Wochenende in der Filiale der New York Public Library am Marcus-Garvey-Park ausgeliehen hatte, war eine als Schullektüre (mit kurzen Einführungen, Erschließungsfragen, Arbeitsaufträgen undsoweiter) edierte Anthologie der Afroamerikanischen Literatur. Und so las ich (wie sich später herausstellte am letzten Wochenende, das dem Kosmetik-Café beschieden war) an der Kreuzung der Fifth Avenue mit der 125ten Straße, zwei Häuser stadtaufwärts vom Black National Theatre entfernt, zum Beispiel das hochdifferenzierte und literarisch erstaunliche Geständnis des Sklaven Nat Turner, der 1831 mit seinen Genossen als ein amerikanischer Spartacus die Familie seines Besitzers und Peinigers sowie 60 weitere Weiße erschlagen hatte und sich auf der Flucht wochenlang in den Wäldern Viginias verborgen hielt, bevor er verraten, verurteilt und gehängt wurde. Ich las die alte, vielleicht noch aus Afrika stammende Geschichte von dem in die amerikanische Slaverei geratenen Zauberer, der in der höchsten Kollektivnot seiner Brüder und Schwestern dann schließlich das magische Wort ausspricht, das Menschen die Fähigkeit beilegt zu fliegen. Worauf sich die geschundene Arbeitsbrigade von den heißen Baumwollfeldern in die Luft erhebt und wie der fliegende Robert des Kinderbuchs hoch am Himmel über den Ozean dahinzieht, als flöge sie nachhaus (eine Geschichte, die ich schon früher nicht lesen und auch jetzt wieder nicht nacherzählen kann, ohne daß mir Tränen in die Augen steigen). Und ich las „On our Spiritual Strivings“ von W.E.B. Du Bois, dem intellektuellen Vater der „Harlem Renaissance“, der als Zeitgenosse der Südstaatenrestauration erlebt hatte, daß die juristische Freiheit nicht zur politischen Teilhabe am amerikanischen Traum geführt hat und es Formen der Ungerechtigkeit gibt, die verwüstender in die inneren Landschaften eingreifen, als die Befreier aus dem Norden je hätten verstehen können, wenn es sie interessiert hätte.

Der große, leidenschaftliche, an der Predigt des europäischen Protestantismus geschulte Stil ergriff mich, wie einen die Unabhängigkeit des Geistes und der intellektuellen Fähigkeiten angesichts der Dummheit und Ungerechtigkeit des Lebens immer ergreift. Und in Du Bois‘ (sicher nicht leichten Herzens akzeptiertem) Abschied vom politischen Machtroman erkannte ich eine welthistorische Ausweichbewegung wieder, die kluge Reformer vis à vis unüberwindlicher Unterdrückung schon oft und erfolgreich vollzogen haben. Die Gallier, Spanier und Illyrer nach ihrer Niederlage und ihrer Eingliederung ins Römische Reich zum Beispiel. Die Schotten nach der endgültigen Unterwerfung ihres Landes durch den englischen Süden. Das deutsche Bürgertum im Zeitalter der Französischen Revolution. Die Polen nach dem Scheitern der großen Aufstände des Neunzehnten Jahrhunderts. Die europäische Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Wie seltsam, dachte ich, daß mein Herz, als ich jung war, immer bei den Revolutionären und ihrem schönen Scheitern gewesen ist – und meine gut reaction heute ohne Zögern auf Seiten der pragmatischen Reformer. Als „Helden des Rückzugs“ (wie Hans Magnus Enzensberger Michail Gorbatschow genannt hat) lassen sie in entschlossener Resignation die ihnen noch nicht erreichbare politische Selbstbestimmung fahren und wenden sich einem vielleicht viel radikaleren Projekt zu. Sie arbeiten jetzt daran, die Unterdrücker auf ihren eigenen Exzellenzfeldern zu übertreffen. Auf dem der Kultur zum Beispiel, oder dem des wirtschaftlichen Erfolgs. Sie fordern und erreichen nicht mehr die Macht. Aber die gleichberechtigte Teilhabe an Idealen, die auch von der feindlichen Hegemonie, wenn sie sich nicht selbst widersprechen will, nicht anders als universal und alle Menschen umfassend begreifen und formulieren kann. Romanitas in der römischen Kaiserzeit. Vernunft und Prosperität im Achtzehnten Jahrhundert, als die Schotten die Moderne erfanden. Bürgerliche Kunst und Bildung in der Goethezeit oder während der kulturellen Blüte des österreichisch-ungarischen Galizien. Die Gleichberechtigung und der Sozialstaat, den die Zweite Internationale vor dem Ersten Weltkrieg gefordert und nach dem Zweiten erreicht hat.

web_du_bois.jpg

Auch die „Harlem Renaissance“ der Zwanziger Jahre hat ihr Emanzipationsziel mit einer solchen Ausweichstrategie verfolgt. W.E.B. Du Bois, einer der ersten schwarzen Absolventen von Harvard, hat ihre paradoxe, kühne, elegante Wendung zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts als Möglichkeit gesehen und politisch postuliert: „Langsam aber stetig begann in den nun folgenden Jahren eine neue Vision den Traum von der politischen Freiheit zu verdrängen, – es war eine machtvolle Bewegung, der Aufstieg eines neuen Ideals, das die Unberatenen führte, der Aufgang einer anderen Feuersäule, die bei Nacht nach einem wolkenverhangenen Tag vor ihnen herging. Es war das Ideal der ‚Büchergelehrsamkeit‘, die auch der erzwungenen Unwissenheit eingeborene Neugier, jene kabbalistischen Lettern und Schriften des weißen Manns zu kennen und zu beherrschen, die Sehnsucht nach Wissen. Hier endlich schien der Bergpfad ins Gelobte Land entdeckt; er war länger, steiler und steiniger als die Straße der Emanzipation und des Gesetzes. Aber er verlief geradeaus und führte auf Höhen, von denen aus der Blick über das Leben sich auftat. Den neuentdeckten Pfad hinauf mühte sich die Avantgarde, langsam, schwer, beladen; nur wer die strauchelnden Tritte gesehen und ihnen beigestanden, nur wer einen Blick in die umnebelten Intelligenzen getan, das halb und unvollständige Begreifen der dunklen Schüler dieser Schulen miterlebt hat, nur der weiß, wie treu, wie erbarmenswürdig dieses Volk sich abmühte zu lernen. Es war eine erschöpfende Arbeit. Der kalt blickende Statistiker registrierte die wenigen Zentimeter des Fortschritts in diese und jene Richtung und hat notiert, wo ein Fußtritt fehlging oder einer der müden Kletterer gefallen ist. Ihnen war der Horizont verdunkelt, die Nebel kalt, Kanaan immer undeutlich und fern. Und obwohl die Aussichten noch kein Ziel enthüllten, keinen Rastplatz, überhaupt wenig außer Schmeichelei und Kritik, so gab die Reise doch Muße zur Reflexion und Selbstprüfung. Sie verwandelte das Kind der Emanzipation in den Jugendlichen, dem Selbstbewußtsein, Selbstverwirklichung, Selbstachtung dämmern.“

Du Bois, der in seinem Leben manche theoretische und politische Wendung vollzogen hat, ist bei diesem Bildungsmodell der Befreiung nicht stehengeblieben und hat später dann mit der Gründung der „National Association for the Advancement of Colored People“ den Schritt ins Land wirklicher politischer Freiheit vorbereitet. Und doch schien mir, wenn ich an diesem Nachmittag im Kosmetikcafé von meiner „Anthology of African-American Literature“ aufsah und mich über die (übrigens unheilvoll menschenleeren) Regale voller Naturseifen, Patschuliparfüms und Hennapasten wunderte, daß im Bildungsidealismus jener Passage aus „On our Spiritual Strivings“ etwas seltsam Deutsch-Idealistisches, ein Schiller- oder Jean-Paul-Ton mitschwingt – theoretische vibes, die Du Bois in seiner Berliner Studienzeit bei dem Kathedersozialisten Gustav von Schmoller aufgenommen und nach Amerika mitgebracht haben mag, wo trotz seiner Harvard-Dissertation und der ehrenvollsten Stipendien zunächst nicht mehr aus dem großen schwarzen Soziologen geworden war als ein besserer Gymnasiallehrer. Das Bildungsideal W.E.B. Du Bois‘ hat sich dann allerdings denkbar fern von seinen ursprünglichen Intentionen verwirklicht – fern vor allem von dem Fluchtpunkt des booklearning, zu dem er sein mühsam sich über die Berge des Wissens schleppendes Volk unterwegs sah. Die schwarze Kultur ist einen anderen, einen heiteren und tänzerischen Weg ins Gelobte Land gegangen – im synkopierten Rhythmus der Musik, die sie der Weltkultur einzuschreiben begann, während sich der seltsame, verschlungene und widersprüchliche politische Lebensweg W.E.B. Du Bois‘ über die erste Hälfte des Jahrhunderts entfaltete.

Nietzsche hätte der siegreiche Tanz der schwarzen Kultur gefallen. Bevor der Schwulenbewegung etwas Ähnliches gelang (die Verwandlung verachteter Triebverbrecher in gentlemen durch Kulturpolitik) sind schwarze Genies in Harlem die ersten gewesen, die eben nicht auf den steinigen Bergpfaden der Philosophie, der Politik, der Literatur und der Parlamente ans Ziel kamen, sondern in Klubs wie der Lenox Lounge, in Tänzen, Liedern, Harmonien, durch Mode, lange Nächte, unbekümmerte coolness und durch die Erfindung einer Musik, ohne die wir uns die Welt nicht mehr vorstellen können oder wollen. Noch bevor das schwarze Amerika Politiker von der Größe Martin Luther Kings hatte, waren seine Musik, sein Lebensstil, seine Leichtigkeit, seine Mode schon ganz emanzipiert.

An einem diesigen, fast schon sommerlich schwülen Apriltag bin ich die knapp zwanzig Straßenblocks der Fifth Avenue vom Marcus-Garvey-Park bis zum Endpunkt an der 142sten Straße noch einmal hinaufgegangen. In Seitenstraßen verfallen ganze Häuserzeilen neben prachtvoll restaurierten viktorianischen Holzhäusern, die mit elaborierten Veranden, Erkern, Freitreppen und Vestibülen beladen sind. „Painted Ladies“ ist der architekturgeschichtliche Fachbegriff und diese flamboyant bemalten, wie Kulissen eines Südstaaten-Kostümfilms in Elend und Vernachlässigung stehengebliebenen Paläste der kolonialen Mittelklasse sehen jetzt wirklich wieder aus wie grellgekleidete, geschminkte, geschmückte, verachtete und unwiderstehliche Kokotten der Belle Epoque. Um den Hellfighters-Obelisk hat man, seit ich zuletzt hier war, rote und gelbe Tulpen gepflanzt, die sich im warmen Wind regen. Die Knospen der beiden Bäume (in 20 Jahren werden sie einen Hain bilden auf ihrer dreieckigen Verkehrsinsel) sind schon aufgeplatzt. Das Gras vor der 396th Regiment Armory zeigen das fast künstliche Grün des späten Frühlings. Ein Apfelbaum auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht in vollem Flor. Hier setze ich mich auf eine niedrige Mauer. Ich kehre dem Harlem River Highway und seinem sich nähernden, zur Unerträglichkeit aufflammenden und wieder abflauenden Donner den Rücken. Ich habe meinen Zeichenblock herausgeholt und versuche, mir mit Bleistift und Radiergummi einen Reim auf die Art-Deco-Fassade vor mir zu machen. Stilisierte Adler, die Steinkugeln ergreifen, bilden den einzigen Figurenschmuck des Gebäudes. Mit seinen vor- und zurückspringenden, asymmetrisch ausgebreiteten Simsen, Zierbändern, Fensterfronten, Friesen und Schmucksäulen aber hat es zugleich auch als Gesamtensemble die starke Anmutung eines Raubvogels in aggressivem Anflug (mit aufgerissenem Schnabel und zugespitztem Krallenpaar dort, wo sich der geometrisierte Kalkstein zu einem prächtig ausgearbeiteten Portal verdichtet).

Es scheint undenkbar, daß man zu Beginn des Jahrhunderts in Deutschland irgendwo eine so schöne und architektonisch so avantgardistische Kaserne gebaut hätte wie die 396th Regiment Armory (die 1924 fertig wurde). Gestaffelte Relieffelder voll sich blattartig überlappender Dreiecke aus hellgrauem Kalkstein bilden die komplizierte Dachlandschaft des fußballfeldlangen Fassadenbands, das (denke ich jetzt unterm mühsamen Zeichnen) nicht nur ein Raubvogel sein könnte, sondern zugleich auch eine Burg (vielleicht einer der apulischen Kalksteinkristalle Friedrichs II., von denen man immer im Zweifel ist, ob sie aus der Antike stammen oder aus der Zukunft). Oder, so kommt es mir einen fast panischen Moment lang vor, eine Welle aus Backstein mit einer komplizierten kalksteinernen Schaumkrone, die über den einsamen Zeichner, der sich auf seinem Block und mit seinem Bleistift um sie bemüht, gleich hereinbrechen wird. Nach 20 Minuten sieht meine Skizze aus wie eine Entwurfszeichnung von Friedrich Hundertwasser. Ich lasse sie mir jetzt genügen, verstaue den Zeichenblock wieder in meiner Umhängetasche und gehe über die Straße noch einmal zum Obelisken hinüber.

Denkmäler, so ausschließlich sie einem bestimmten Helden, einer bestimmten Truppeneinheit, einer bestimmten Schlacht oder einem bestimmten Datum zugedacht sind, werden durch einen unausgesprochenen, zwangsläufigen, naturwüchsigen Eingemeindungsprozess vom sie umgebenden Stadtraum überblendet, oft so vollständig, daß einem gar nicht mehr in den Sinn kommt und man sich mühsam ins Gedächtnis zurückrufen muß, wen sie eigentlich darstellen und woran sie erinnern sollen. Wenn genug Zeit vergangen ist, hat dann, ohne daß Stein und Bronze sich verändert haben, jeder Anwohner, jede Passantin ihr eigenes Denkmal. Das Liebespaar, das sich auf der Bank vor dem Reiterstandbild zum ersten Mal geküßt hat. Das Kind, für das es zum ersten Mal Das Pferd gewesen ist (und sein ganzes Leben lang bleiben wird). Der alte Mann, der hier an einem Frühlingstag ein Tagebuch aus seiner Jugend gelesen hat. Am Ende gibt es so viele Denkmäler wie Menschen, die an ihm vorübergehen, an ihm stehenbleiben, sich vor ihm niedersetzen, es von ihrem Fenster aus am Morgen zerstreut und beschäftigt mit Werktagsgedanken ansehen. Und so hat sich während dieser Frühlingswochenenden auch der Obelisk der „Harlem Hellfighters“ am Ursprung der Fifth Avenue in meiner Erinnerung verwandelt ins Wahrzeichen einer komplizierten und idiosynkratischen Denkfigur, die vom Krieg zur Kunst weiterschwingt, Schlachtschreie in Saxophonsoli ausklingen läßt und die Zeit meines Großvaters in die Zukunftshoffnungen meiner eigenen.