Lehre oder Lektion? Über Schüler und Meister

Tobias Lehmkuhl

Dies sind die Elemente der Beziehung zwischen Schüler und Meister: Die Verehrung, Dankbarkeit und Hingabe des Schülers, seine Neugier und sein Ehrgeiz, vor allem: sein Streben, sich zu entwickeln. Außerdem: die großzügige Selbstlosigkeit des Meisters, sein guter Wille, seine liebevolle, fürsorgliche Aufmerksamkeit, sein Charisma und seine anregende, anspornende Wirkung, seine Fähigkeit, mal Freund, mal Vater, mal Liebhaber zu sein, seine praktische, Tore öffnende Unterstützung. Darüber hinaus muss der Meister Reibungsflächen bieten, den Schüler aus seiner beschützenden Obhut zu gegebener Zeit entlassen, ihn die Bereitschaft zur Konfrontation und zum Loslassen lehren. So muss auch der Schüler irgendwann falsche Ehrfurcht ablegen und einen größeren oder kleineren Vatermord begehen. Unten muss zu Oben werden.

In dieser ganzen idealtypischen Fülle wird es kaum ein Zeugnis geben, das von einer solchen Beziehung berichtet. Es braucht auch all das nicht notwendigerweise zur Selbstbildung des Schülers, ja es kommen die meisten ganz ohne Meister aus, hangeln sich langsam an vielen einzelnen Begegnungen und Begebenheiten hoch, schöpfen ihre Inspiration, ihren Antrieb aus Büchern oder einzelnen, unverbundenen Ereignissen. Doch kann eine solche Beziehung wie ein Antriebsbeschleuniger wirken, und nicht selten initiiert sie den Prozess der Selbstbildung überhaupt erst.

Spielerisch geht der Schüler in den Spuren des Meisters, stapft zuerst hinter ihm drein, beginnt dann aber zu tänzeln, verlässt den vorgezeichneten Weg und hinterlässt immer breitere, tiefere, eigenartige Spuren. Identifiziert er sich anfangs mit dem Meister, ahmt ihn nach und himmelt ihn an, so bedarf es irgendwann der Abkehr, um sich das Erbe des Meisters ehrlich zu verdienen. Wer dem Meister treu und widerspruchslos bis zum Schluss folgt, wird von diesem vielleicht zum Erben erklärt, er ist es aber nicht. Nur der Schüler, der das Erbe ausschlägt, verdient es sich in den Augen der Welt und gilt fortan selbst als Meister, ist Meister seiner selbst.

Hört er jemals auf, Schüler zu sein? Nein, das Schülersein gehört zu seiner Geschichte, er kann es nie gänzlich ablegen. Immer wieder wird er auf die Erfahrung zurückgreifen, wird die Erfahrung ihn ergreifen. Lösen kann er sich vom unmittelbaren Einfluss, befreien vom fremden Maßstab. Doch der Wille, der einmal unwiderstehlich auf ihn wirkte, wird seine Kraft nie vollständig einbüßen. Ohne Gegenüber keine Abwendung. Doch selbst beim radikalen Bruch zeichnet die Bruchlinie den Schattenriss des Meisters. Den Schüler zieht es zwar nach oben, der Meister aber rutscht nicht nach unten. Er verlässt die Vertikale. Als geisterhafte Rauchfigur treibt er fortan körperlos im Raum.

Die maßstäbliche Erzählung über Beginn, Verlauf und unabschließbares Ende einer Schüler-Meister-Beziehung nun stammt vom Meister selbst, vom „Master“, wie Henry James in den angelsächsischen Ländern schon zu Lebzeiten genannt wurde. „The Lesson of the Master“ heißt die Erzählung. Sie erschien erstmals 1892, und dem Meister, von dem hier die Rede ist, hat James seinen eigenen Namen gegeben: er heißt Henry. Mit Nachnamen St. George.

Held der Erzählung aber ist Paul Overt, ein junger, vielversprechender Schriftsteller. Zu Beginn sehen wir ihn auf einem englischen Landsitz, wo er für einen Tag und eine Nacht an einer Gesellschaft teilnimmt. Und obwohl sich die Erzählungshandlung über mehr als zwei Jahre erstreckt, widmen sich die ersten drei der insgesamt sechs Kapitel diesem Gesellschaftsempfang auf dem Lande.

Paul Overt ist soeben von einem längeren Aufenthalt im Ausland zurückgekehrt; er kennt außer der Gastgeberin niemand auf dem Landsitz. Aber man kennt ihn und hat schon von seinem jüngsten Roman gehört. Gerade angekommen, vernimmt er, dass sich auch Henry St. George unter der Gesellschaft befindet, ein von ihm verehrter älterer Schriftsteller, man darf ihn sich wohl als einen Mann in den schon etwas euphemistisch so genannten besten Jahren vorstellen („a man of age“ heißt es im Original; Henry James selbst war bei Erscheinen der Erzählung 49 Jahre alt).

Für den aufstrebenden jungen Mann war St. George immer noch eine große Persönlichkeit des literarischen Lebens, obwohl er nach den ersten drei ruhmreichen Erfolgen im Niveau erheblich gesunken war und seine späteren Werke keinesfalls an die frühen Arbeiten heranreichten. Es hatte Augenblicke gegeben, da Paul Overt darüber fast Tränen vergossen hatte; jetzt aber, da er in seiner Nähe weilte – er hatte ihn nie zuvor gesehen –, dachte er nur noch an den schönen, vielversprechenden Beginn und an den Reichtum, den er ihm verdankte (his own immense debt).

Nun ist er begierig, den Mann, der bereits unbekannterweise solch großen Einfluss auf ihn ausgeübt hat, auch wenn er nicht ganz hielt, was sein Frühwerk versprach, persönlich kennenzulernen. Das stellt sich trotz der räumlichen Nähe als schwierig heraus. Erst weiß er nicht, wie St. George aussieht, dann, als er es weiß, und auch noch, nachdem die beiden Schriftsteller einander vorgestellt wurden, umtänzeln sie sich weiter, als würde ihnen die plötzliche Nähe Angst machen.

So wie St. George schon nach wenigen Seiten als „in die Irre“ geratener Romancier („the great misguided novelist“) bezeichnet wird (der allwissende Erzähler neigt durchaus dazu, nebenbei einige wertende oder wertgetönte Adjektive einzustreuen), so irren Meister und Schüler eine Weile über den Landsitz, ohne dass eine Begegnung gelingen will.

Vorher noch lernt Paul Overt St. Georges Frau kennen. Die kränkliche Dame ist ihm zumindest suspekt, brüstet sie sich doch damit, ihren Mann dazu gebracht zu haben, ein ihm ihrer Meinung nach misslungenes Buch zu verbrennen. Er vermutet darin eine geringe Wertschätzung für das Bücherschreiben überhaupt, die ihm selbst wertvollste Tätigkeit.

Ein Grund, warum sich die Begegnung der beiden Männer immer mehr verzögert, ist aber eine andere Frau; ihr scheint der erfahrene Romancier sehr zugeneigt, sie nimmt seine hauptsächliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Beim Mittagsmahl lernt auch Overt sie kennen, und es stellt sich heraus, dass sie eine begeisterte Leserin seines Romans ist.

Sie gefiel ihm außerordentlich, nicht nur wegen ihres letzten Geständnisses [dass ihr sein Roman sehr gefiel] – obwohl ihm dies keineswegs unangenehm gewesen war –, sondern vor allem weil sie ihm beim Lunch gegenüber gesessen und für eine halbe Stunde den Anblick ihres schönen Gesichts gegönnt hatte. Dazu kam noch etwas anderes: eine Hochherzigkeit und ein Enthusiasmus, die – ganz anders als bei so vielen jungen Mädchen – völlig ungekünstelt waren.

Marian Fancourt, so heißt die Besitzerin des schönen Gesichts, grauer Augen und roter Haare. Sie spielt von Anfang an eine seltsame Doppelrolle. Sie ist es zwar, die einer Begegnung zuerst im Weg zu stehen scheint, sie ist dann aber auch diejenige, die die beiden von ihr verehrten Schriftsteller vorstellt und geradezu einander zuführt, die möchte, dass die beiden „Freunde“ werden. Dass hier aber nicht zwei Gleichberechtigte aufeinander treffen, zeigt schon der erste Kontakt zwischen Paul Overt und jenem, der genau an diesem Punkt der Erzählung zum ersten Mal „Meister“ genannt wird:

Paul Overt erhob sich und […] im selben Moment schon fühlte er sich völlig gefangen von St. Georges glücklicher Veranlagung, die darin wurzelte, alle schiefen Lagen auszubalancieren. In wenigen Sekunden war es getan. Paul gab sich ganz dem Augenblick hin, dem Händedruck und der besonderen Form dieser Hand […], der freundschaftlich-brüderlichen Haltung und vor allem der Tatsache, daß St. George nichts gegen ihn hatte (wenigstens bis jetzt nicht), obwohl er ihm von einem zwar charmanten, aber gar zu überschwänglichen Mädchen aufgedrängt worden war, das ohne derartige Kometenschweife doch schon anziehend genug gewesen wäre.

Nun ist St. George aber erst einmal an einem Spaziergang mit dieser Dame gelegen und er sagt Paul „etwas von einem Gespräch – Wir müssen uns noch unterhalten. Es gibt da so vieles – nicht wahr?“ Der vertröstete Verehrer, sein heimlicher Schüler, nimmt das geduldig hin und hofft auf später, zu aufgeregt und verwirrt, die Lage genauer zu analysieren. Und auch der Leser sieht sich einer undurchschaubaren Gemengelage gegenüber: Zwei Männer die gleichermaßen von einer Frau begeistert sind. Und obwohl der eine so offensichtlich älter und verheirateter ist, scheint da eine gewisse Spannung zu herrschen. Überdies scheinen sie nicht nur für dieselbe Frau, sondern auch füreinander zu schwärmen. Paul Overt ist ohnehin schon lange Zeit Anhänger Henry St. Georges; dieser wiederum tut seine hohe Meinung von jenem ebenfalls kund. Wie Liebende scheint Scheu die beiden von einer intensiven Zusammenkunft („tremendous communion“) abzuhalten. Aber dass hier tatsächlich jeder jeden liebt und auf ewig Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, man will es nicht glauben.

Schließlich setzen sich Meister und Schüler doch zusammen. Der Ältere, nach anfänglichen Missverständnissen, spricht mit „the immediate familiarity of a confrère“, bemüht sich die ganze Zeit alles so locker und ungezwungen zu gestalten wie nur möglich. Er will Overt unbedingt auf Augenhöhe heben. Der aber sperrt sich dagegen, Alter, Leistung und gesellschaftliche Gepflogenheiten (denen der Jüngere stärker verhaftet ist als der Ältere) sprechen dagegen. Nicht, dass Overt nicht gerne ein intimes Verhältnis zu St. George hätte, aber er hätte eben gerne eines von Schüler zu Meister, nicht von Gleich zu Gleich.

In St. George liebt Overt die Kunst, er giert nach Worten des Meisters über das Künstlertum und die Literatur und präsentiert sich als geradezu übertrieben lernwilliger, fast unterwürfiger Schüler: „Ich werde tun, was immer sie mir sagen.“

Und St. George sagt ihm folgendes: Werde nicht so wie ich! Nutze dein Talent! Lass dich nicht vom schnöden Mammon verführen, von der Welt und den Frauen (denn das hängt alles miteinander zusammen)! Verschreib dich ganz der Kunst, sei kompromisslos, und wenn du das nicht willst oder kannst: auch gut, kaum einer (außer mir) wird merken, ob du wirklich alles gegeben hast. Du musst dich nur entscheiden: Kunst oder Leben.

Pauls Antwort sei hier vorweggenommen. Auch wenn es ihm selbst noch nicht bewusst ist: Man weiß, wie er sich entscheiden wird, wenn er über Marian Fancourt sagt: „So ein Mädchen müsste man einmal schildern (One would like to represent such a girl as that).“
Schildern, nicht heiraten, wohlgemerkt. Seltsamerweise erwidert St. George daraufhin: „She’s not for me […] she’s for you”, und man weiß nicht: will er den Jüngeren alle Möglichkeiten offenlassen, oder ist er ein ganz Ausgebuffter, der, indem er ihm das Feld überlässt, gewisse Zweifel an der Attraktivität der „Welt” in Gestalt der jungen Dame sät?

Doch auch, wenn sie nicht für ihn bestimmt ist, wie er sagt, verkehrt St. George weiter mit ihr. In Paul Overt erwacht Eifersucht. Allerdings weiß er nicht, gegen wen sie sich richtet, denn mit beiden möchte er gleichermaßen Zeit verbringen, mit seinem Mentor und mit seiner Muse, mit dem großen Geist und der schönen Seele.

Das Ende ist schnell erzählt: Er entscheidet sich gegen die Liebe und für den Rat des Meister. Er folgt der „doctrine of renunciations“. Overt verlässt England und verbringt zwei Jahre abgeschieden im Ausland, ganz seinem neuen Werk hingegeben. Mit ihm will er das Beste, will er Perfektion, will Höchstes erreichen. Und es gelingt ihm.

Nachdem er den Roman abgeschlossen hat, kehrt er nach London zurück. Hier erfährt er nun, zu seinem größten Erstaunen, dass St. Georges Frau gestorben ist und dieser bald Marian Fancourt ehelichen wird. Noch am Abend seiner Rückkehr begegnet er dem Paar im Hause der Fancourts, und beim Anblick der schönen Marian frevelte er „an allem was von seinem Glauben an den schuldbeladenen Meister übrig geblieben war (he blasphemed even against all that had been left of his faith in the peccable master.)“

Ist der Meister wirklich „peccable“? Hat er seinem Schüler einen Rat gegeben, um ihn aus dem Weg zu räumen, um selbst freies Feld bei der hübschen, klugen Frau zu haben? Als St. George ihm auch noch sagt, er solle ihn, seinen Meister, als warnendes Beispiel auf immer vor Augen behalten, als Beispiel für jemanden, der schwach war und die Kunst verraten hat, da glaubt Overt wirklich, dass alles ein Plan war und er jetzt zu allem Überfluss auch noch verhöhnt wird:

Das war zuviel – also doch ein spottender Teufel (This was too much – he was the mocking fiend). Paul wandte sich mit grüßendem Nicken ab – und hatte dabei in seinem verwundeten Herzen das Gefühl, es sei zwar möglich, dass er irgendwann in ferner Zukunft noch einmal zu ihm und seinem Charme, seinem Geschick in der Lösung aller Probleme zurückkehre, sich jetzt aber nicht mehr mit ihm verbünden könne.

Nachdem er also Marian verlassen und die Liebe aufgegeben hatte (auch wenn er weiterhin liebte), nachdem er England und die beiden ihm wichtigsten Personen verlassen hatte, verlässt er nun auch noch den Meister. St. George hört auf „zu zählen – zu zählen als Schriftsteller. Als St. George ihm von ferne zulächelte, wirkte der große Mann geradezu banal und selbstgefällig.“

Hier fällt nicht nur eine Entscheidung zwischen Liebe und Kunst, hier fällt ganz grundsätzlich und radikal die Entscheidung zwischen dem Selbst und den Anderen. Man könnte fast meinen, dass der Meister ihm bei dieser Entwicklung noch behilflich ist, wenigstens bei der notwendigen Lösung von der Meisterbindung, dass er mit seinem Hohn auch den letzten großen Schritt zur Verwirklichung der Selbstbildung unterstützt. Und tatsächlich würde St. George ein solch selbstloses Verhalten gerne für sich für sich in Anspruch nehmen.

Aber jemandem, der die Kunst verraten hat, traut man nicht über den Weg, er ist „peccable“, ein sündiger Mensch. Wenn St. George auch nicht voraussehen konnte, dass seine Frau sterben würde, an Marian Fancourt hatte er ein eigenes Interesse und war deswegen ein schlechter Ratgeber für seinen Schüler. Ja, die „doctrine of renunciations“, die Lehre der Entsagung ist wohl kaum jene Lehre, die im Titel angesprochen wird: „The Lesson of the Master“, das scheint vielmehr eine Lektion zu sein, die der Ältere dem Jüngeren erteilt hat, eine Lektion in Sachen Eigennutz und geschickter Intrige. Sein Hinterhalt bestand darin, dass er ehrlich war: er hat Paul Overt gesagt, wie er Erfolg haben wird, wie er künstlerische Befriedigung erreichen kann. Dass Overt damit das Paradies auf Erden, die großartigste aller Frauen verschenkt würde, hat er dabei keineswegs bestritten. Nur hat St. George verschwiegen, wer dieses Geschenk am Ende erhalten wird. So war er von geradezu betrügerischer Ehrlichkeit, und hat damit Erfolg gehabt.

Ob Leben und Kunst sich tatsächlich im Weg stehen, diese Frage ist dagegen noch längst nicht entschieden. In einer kurzen Schlussnotiz heißt es, Paul Overt warte immer noch ängstlich darauf, dass ein neuer Roman von St. George erscheint. Sollte dies geschehen, und sollte er groß sein, dann würde das beweisen, dass Kunst und Leben durchaus vereinbar sind. Doch im Sinne der Kunst, so heißt es abschließend, würde Overt das begrüßen, dann hätte seine Schmach einen Sinn gehabt und nicht nur sein eigenes, sondern ein weiteres Meisterwerk des Meisters hervorgebracht.

Und das beweist doch wohl, dass der Meister im Grunde Recht hatte und dass die Natur Paul Overt für die geistigen und nicht für die irdischen Leidenschaften auserwählt hat.

So lautet der letzte Satz der Erzählung, und man meint in ihm wieder die Stimme dieses „mocking fiend“, des hohnlachenden Unholds zu hören. Tatsächlich: Overt hat seinen Weg, wenn auch nicht ganz freiwillig, gewählt und gefunden. (Auch der enthaltsame Henry James wird sein Schicksal als unausweichlich betrachtet haben. Der „Master“ identifiziert sich in dieser Erzählung mit dem Schüler.) In der Trennung vom Meister erfüllt sich die Beziehung. Wie Judas, der, indem er seinen Meister verrät, diesem dient, ist auch Overt die vollständige Unabhängigkeit unmöglich: Ob er der verlorenen Liebe weiter nachtrauert oder nicht, sein verwundetes Herz wird ihn vor allem an einen erinnern: den sündigen Meister. Dem Meister ist seine Meisterschaft nicht mehr zu nehmen. Noch über den Tod hinaus wirkt sie fort.

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