Unten und oben

Harry Nutt

Trinken

Wenn man seinen Blick erst einmal dafür geschärft hat, wie Menschen Flüssiges zu sich nehmen, dann gerät das Beobachten der Getränkeaufnahme im öffentlichen Raum bald zu einem Feldversuch über unbekannte Kulturtechniken. Plastikflasche, Thermo-Becher, Pappbehältnis mit Überschwappdeckel – auf die Möglichkeiten der Getränkaufbewahrung scheinen in den letzten Jahren beträchtliche industrielle Energien verwandt worden zu sein. Für die Kinder werden eigens stoßfeste, wieder verschließbare Saftflaschen mitgeführt, deren Verschlusstechniken dem Radrennsport entlehnt sind. Manche Kinder verstehen es, beim Nuckeln an den Pfropfen derart sportiv professionell dreinzuschauen, dass man nach den ersten Schlucken umgehend eine frivole Siegesgeste erwartet. Galt es früher mindestens als unschicklich, öffentlich zu trinken, so erscheint die Getränkeaufnahme inzwischen als ein weites Feld sozialer Distinktion. An der Art des Trinkens wird sichtbar, wo einer steht.

Beim „Coffee-to-go“ feiern sich die Kohorten der Jobinhaber. Zu geschäftig, sich für einen Moment hinzusetzen, will man die unbegrenzte Vielfalt der Kaffeekreationen sichtbar auf dem Tablett davon tragen. Es geht um mehr als bloßen Koffeingenuss. Kaffeetrinken ist ein bedeutendes Individualisierungsmerkmal, und schon am Tresen muss sich erweisen, was für ein Kaffeetyp man ist. „Coffee- to-go“-Trinker lassen schon an der Vielzahl der Becher erkennen, dass Arbeitszeit ein teures Gut ist. Man holt für die Gemeinschaft. Kannte der Büroangestellte einst feste Kaffeepausen, Auszeiten vom immergleichen Tun, so befindet sich das neue Prekariat im permanenten Projekt. Gemeinschaftlicher Kaffeegenuss ist das bevorzugte Merkmal flexibilisierter Beruflichkeit.

Am anderen Ende der Flüssigkeitsaufnahme befindet sich nach wie vor der stigmatisierte Trinker. Es gibt vor allem zwei Arten des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit. Die eine ist eng verknüpft mit dem Erscheinungsbild von Arbeit. Rasch findet man im Stadtbild Gruppen von Straßen-, Bauarbeitern und Malern, die sich in ihren Pausen zuprosten. Die körperliche Anstrengung des Jobs, die leicht an verschmutzter Arbeitskleidung zu erkennen ist, legitimiert zum demonstrativen Alkoholgenuss am Tage. Man hat etwas dafür getan. Der täglichen Plackerei steht ein spürbares Bedürfnis gegenüber, eine Art ungestümer Freiheit zum Ausdruck zu bringen. Derart zu trinken, wird in der Regel mit einer Art demonstrativer Körperlichkeit kombiniert. Die öffentlichen Trinkgebaren sind zugleich Kommentare zu den verbreiteten Ansichten über gesundheitliche Selbstschädigung. Es ist ein rebellisches Trinken, das sich über einen unausgesprochenen common sense hinwegsetzt. Wer jenseits solcher Gebaren trinkt, tut es verschämt oder mit einer Haltung permanenter Entschuldigungsversuche. Wieder andere haben sich zu einer Position durchgerungen, in der sie ihren Alkoholismus offensiv behaupten. Alloholiker! Na und?

Dabei war Trunkenheit nicht seit jeher etwas Verwerfliches. Zunächst stellte sie, ganz im Gegenteil, eine Art heiligen Taumel dar. Alkohol wurde gern in Opferzeremonien zugegeben und der Rausch war ein Zeichen dafür, dass der göttliche Geist das Opfer schon umfangen hatte (Marcel Mauss). Alkoholische Flüssigkeiten riefen die heilige Kommunion erst hervor. Inzwischen steht die auffällige Wiederkehr der Tränkungsarten im Zeichen sozialer Differenzierung. An der Art und Weise, das Behältnis anzusetzen, offenbart sich Haltung und Stellung.

Stinken

Nach dem Betreten der S-Bahn fiel eine Art räumlicher Schutzschirm auf, den er um sich gebildet zu haben schien. Der Waggon war gut besetzt, in der Nähe des Mannes aber gab es genügend freie Plätze. Warum das so war, bemerkte man erst, als es zu spät war. Der Mann, jenseits der 60, verströmte einen beißenden, kaum auszuhaltenden Geruch. Dabei war sein Äußeres nicht weiter aufgefallen. Die Kleidung, Jeans und Jackett, wirkte getragen, aber nicht abgewetzt, die Schuhe sauber. An seiner Erscheinung war nicht abzulesen, warum er so stark roch. Er selbst saß ruhig, ohne ein Anzeichen von Unwohlsein oder Scham, auf seinem Platz. Aber es war zweifellos er, der so stank.

Körpergeruch ist die drastischste Form zur Bestimmung eines gesellschaftlichen Unten. Er wirkt unmittelbar und lässt keine beschwichtigenden Floskeln zu. Merkmale wie nachlässige Kleidung oder schlechte Zähne mögen temporär sein, etwas, das mehr oder weniger leicht zu beheben ist. Über die soziale Stellung geben sie jedenfalls keine verlässliche Auskunft. Zwar kann auch der Gestank beseitigt werden, mitunter ist er auf ein körperliches Gebrechen zurückzuführen. Als sozialer Makel aber hinterlässt er einen stärkeren Eindruck als verschmutzte Kleidung oder Trunkenheit.

Schlechter Geruch erfasst den Wahrnehmenden vollständig. Es ist unmöglich, ihn als modische Note wie zerschlissene Jeans zu empfinden. Übler Geruch bleibt hängen. Wer ihn an sich einfach zulässt, befindet sich außerhalb jedes distinktiven Spiels. Geruch erreicht die anderen plötzlich und unverhofft, ruft aber keineswegs Abwehrreaktionen wie Angst hervor. „Während nämlich die Angst“, so der ungarische Philosoph Aurel Kolnai, „ihr Objekt als etwas Bedrohliches, etwas ´Stärkeres als ich selbst` intendiert, ist in der Ekelintention eine gewisse Geringschätzung ihres Objekts, ein Gefühl der Überlegenheit enthalten. Als ekelhaft wird immer ein Ding empfunden, das nicht für voll genommen, nicht für wichtig gehalten wird: etwas, das man weder vernichtet noch flieht, sondern vielmehr hinwegräumt.“ In der sozialen Ordnung stellt man das Ekelerregende ganz nach unten.

Während die optische Wahrnehmung soziale Defizite zunächst vergleicht statt wertet, scheint der Geruchssinn rascher auf ein oben/unten-Schema zuzugreifen. „Der Geruchssinn“, so Kolnai, „ist der eigentliche Stammesort des Ekels.“ Wer stinkt, läuft Gefahr, die stärkste Form sozialer Ablehnung zu erleben.

In der S-Bahn-Szene war aber vor allem die Vermeidung eines Ekelgefühls zu beobachten. Die meisten Fahrgäste waren um diskrete Distanzierung bemüht. Wer sich bereits gesetzt hatte, stand schnell wieder auf, um sich der olfaktorischen Wirkung der Ausdünstungen zu entziehen. Andere blieben einfach sitzen, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Niemand, der sein Ekelgefühl offen zur Schau gestellt hätte. Es spricht einiges dafür, dass sich in der späten Bundesrepublik Verhaltensregeln durchgesetzt haben, die von einem einfachen unten/oben-Schema absehen. Das Schema ist nach wie vor vorhanden, es gibt aber ein Bedürfnis, es auszusetzen. Die vorübergehende Fahrgemeinschaft in der S-Bahn hielt so gesehen am Selbstbild eines funktionierenden sozialen Gebildes fest und zog es einem offenen Eklat vor, der unweigerlich eine Form von sozialer Deklassierung hervorgebracht hätte. In das Schema einer aufs Funktionieren bedachten Egalität gehören auch die Reaktionen auf Verkäufer von Obdachlosen-Zeitungen oder Straßenmusikern, die einen Äquivalententausch simulieren, um das klare soziale Gefälle des Bettelns zu umgehen.

Obwohl sich die egalitäre Gesellschaft bevorzugt im sozialen Nebeneinander gefällt, greift sie weiterhin auf unten/oben-Unterscheidungen zurück, in denen Ausdrucksformen gesellschaftlicher Klassifizierung und Deklassierung eine bedeutende Rolle spielen.

Sehen/nicht sehen

Im Fernsehen kann man das gesellschaftliche Unten nicht sehen. Das besondere Merkmal des durch Harald Schmidt berühmt gewordenen Begriffs des Unterschichtenfernsehens besteht gerade darin, abweichendes Sozialverhalten als Trashkultur zu etablieren. Trash ist, wenn man so will, die kulturelle Nobilitierung der Vorurteile des Alltags. Dadurch, stellt Heinz Bude in seinem Essay über die „Ausgeschlossenen“ (Hanser Verlag) fest, „verwirren sich die Zeichen: Trash als bewusstes Stilmittel, als hingenommener Zustand und als erlittene Zuschreibung.“
Im Fernsehen überwiegt die kulturelle Option. Indem ein radikales, inzwischen abgesetztes Format wie „Jackass“ auf MTV Hemmungslosigkeit und Normüberschreitung zelebrierte, wurde das soziale unten/oben-Schema ästhetisiert. Speichel, Sperma und Fäkalien wurden gewissermaßen als Gleitmittel für subversive Umkehrungseffekte eingesetzt. Die unterste Schublade war in „Jackass“ das neue Oben. Weil das Fernsehen wegen seiner permanenten Adressierung (ständig sind Menschen miteinander im Gespräch) ein Reproduktionsort von gesellschaftlichen Konventionen ist, verzichtet ein Format wie „Jackass“ beinahe vollständig auf Manieren. „Wir können auch anders“ lautet, je nach Lesart, die Botschaft oder Drohung.

Fernsehleute wie Stefan Raab setzten in abgeschwächter, besser verdaulicher Form auf eine programmatische Ungeniertheit, die bei aller experimentellen Überbietungsfreude auf alte Klassengegensätze anspielt. So fielen Raab und sein prolliger Knappe Elton in ein Luxusrestaurant ein, um sich voll zu fressen und daneben zu benehmen. Mit schlechtem Geschmack und fehlenden Manieren sollte gewissermaßen die Tür zum Skandal aufgerissen werden. Die begleitenden Fernsehkameras hemmten jedoch den öffentlichen Einspruch oder den Widerspruch des Hausherrn. Im Karneval macht es nun einmal wenig Sinn, auf gutes Benehmen zu pochen. Was auf diese Weise sichtbar wird, ist ein Unten als inszenierte Regelverletzung.

In anderen Formaten des Unterschichtenfernsehens wird unterdessen das Bild einer traditionellen Gesellschaftsordnung reinstalliert. In Sendungen wie „Super-Nanny“, „Bauer sucht Frau“ oder den verschiedenen Sendungen, in denen private Überschuldungsfälle dargestellt werden, wird Unterschicht noch einmal als sozialer Kampfplatz sichtbar. Die Super-Nanny führt jenseits eines ausgeprägten Klassenbewusstseins Verwahrlosungstendenzen im familiären Milieu vor und versucht ihr Klientel mit pädagogischem Rüstzeug wieder auf Kurs zu bringen. Die Normunterschreitung wird hier nicht nach Einkommen bemessen. Es fehlt den Familien weniger an Geld als an jeglichem Formgefühl, was sich schließlich auch in den pädagogischen Desastern niederschlägt. Armut zeigt sich längst nicht mehr in Gestalt von Hunger, sondern als Mangel an Differenzierungsgefühl und Selbstbewusstsein. Im Supermarkt ist das neue Unten anhand dessen zu identifizieren, was aufs Band kommt. Cola, Chips und Dosenravioli sind Ausdruck einer Ernährungsarmut, die zunächst einmal nichts mit Geldmangel zutun hat.

Soziologen tun sich schwer, die Zeichen zu deuten. Sie sehen sich dem paradoxen Phänomen gegenüber, feststellen zu müssen, dass die Armut wächst, es den Leuten dabei aber besser geht. So haben sich die Wohnverhältnisse hinsichtlich der Größe, Ausstattung etc. kontinuierlich verbessert. Die Rücklagen der Haushalte, schreibt Bude, sind in der Masse relativ konstant geblieben. Soziologen sprechen von „prekärem Wohlstand“. Man lebt an der Schwelle zum Abstieg und erfährt eine Art Wohlstand auf Widerruf. Für Bude geht es hinsichtlich der Beschreibung der Lebensverhältnisse der Deutschen daher auch nicht mehr um oben und unten, sondern um drinnen und draußen. Wenn Bude Recht hat, markiert der Schemawechsel einen einschneidenden gesellschaftlichen Wandel. Es kommt nicht mehr auf alle an, aus der gesellschaftlichen und ökonomischen Dynamik gehen mehr und mehr „Überflüssige“ hervor. So nennen Soziologen inzwischen jene, die in der Ökonomie der Aufmerksamkeit keine Beachtung mehr einnehmen. Hatte die Schicksalsgemeinschaft der Nachkriegsjahre sich bald in die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ aufgemacht, der es gelang, so weit wie möglich Teilhabe zu gewährleisten, so sehen sich heute immer mehr Menschen Exklusionsrisiken ausgesetzt. Es häufen sich die Gefahren, nicht mehr dazuzugehören. Draußen ist das neue Unten, und davon sind Menschen bedroht, denen man es nicht gleich ansieht. So sieht Bude beispielsweise ein Armutsrisiko für Alleinerziehende, deren Situation nicht immergleich zu identifizieren ist. „Es gibt“, so Bude, „die allein erziehende Mutter in der Zone der absoluten Integration, in der beunruhigenden Prekarität wie in der stillen Entkoppelung.“ Das neue Unten hat eine forcierte Dynamik von Dazugehören und Draußenbleiben entwickelt, zu der auch variantenreiche Formen der Selbstausschließung gehören. Wer nirgends mehr hingeht, wird auch nicht mehr einbezogen.
Derlei Prozesse sind wohl ein Grund dafür, warum sich das Reality-Fernsehen seit einiger Zeit intensiv für die Schulden der Leute interessiert. Die Schulden-Sendungen zeigen Menschen, die an ihrem Leben über den Verhältnissen gescheitert sind. Es sind Leute, die einmal mitgemischt haben und nun nicht mehr mithalten können. Das Geld, das einmal da war, ist weg. Thema der Sendungen ist weniger das Unten, sondern der Weg dahin. Wer Schulden hat, ist von weiter oben gekommen. Meist ist es kein Absturz gewesen, sondern ein langsames Abrutschen. Zwar mag es, wenn er Zwegat kommt, vordergründig um Entschuldungsstrategien gehen. Die ökonomische Handlungsfähigkeit soll wiederhergestellt werden. Aber es ist unklar geworden, ob man auf dem Boden der Realität ankommt. Den Akteuren der Schulden-Sendungen scheint mehr verloren gegangen zu sein als das Gefühl für angemessenes wirtschaftliches Handeln. Sie sind auch gesellschaftlich aus der Form geraten. Die Helfer-Formate des Fernsehens arbeiten so gesehen an der Wiederherstellung von Normen, in denen oben und unten noch klar zu unterscheiden sind. Die da unten sind irgendwie auseinander gegangen.

Herz

Ein gemeinsames Merkmal von denen da oben und denen ganz unten ist, wie der amerikanische Soziologe Paul Fussell bemerkt hat, das Bestreben, sich unsichtbar zu machen. Die ganz unten sieht man kaum mehr beim Betteln auf der Straße. Sie haben sich in die U-Bahn-Schächte oder andere Verschläge zurückgezogen und trauen sich erst heraus, wenn es dunkel ist. Es scheint ein intuitiver Rest von Scham zu sein, der über die Deprivation hinaus vorhanden bleibt.

Die da oben haben sich unterdessen in „gated communities“ oder abgeriegelte Paläste zurückgezogen. Selbst wenn man weiß, wo die großen Villen sich befinden und wie viele Badezimmer sie haben, erwecken diese doch den Eindruck, unbewohnt zu sein. Das Personal sieht nach dem Rechten, für das regelmäßige Mähen des Rasens ist gesorgt. Aber meistens ist gerade niemand da. Wer ganz oben ist, ist immer anderswo.

Einer von denen, die man hierzulande oben wähnt, ist Günter Herz, Jahrgang 1940. Er ist der älteste Sohn des hanseatischen Kaffeerösters und Tchibo-Gründers Max Herz. Als dieser 1956 starb, hinterließ er die Führung des Unternehmens seinem damals 25 Jahre alten Sohn Günter, der das Erbe im Verlauf der Jahre erheblich ausbaute. Unter der Beteiligung seiner Mutter sowie seiner vier Geschwister wandelte Günter Herz das väterliche Unternehmen in ein vertikal aufgebautes Konglomerat um. Einige Jahre nach dem Tod des Vaters hatte Günter Herz das geschätzte Firmenunternehmen um ein Vielfaches vergrößert. 1977 übernahm er einen großen Anteil beim Hamburger Kosmetikkonzern Beiersdorf; 1980 erwarb Tchibo die Mehrheit des Zigarettenherstellers Reemtsma und verkaufte sie 2002 mit deutlichem Gewinn an einen britischen Zigarettenhersteller. Mit der Übernahme des Konkurrenten Eduscho war Tchibo bereits 1997 zum Marktführer im Kaffeegeschäft in Deutschland aufgestiegen.

Was ist jenseits des Geschäftlichen oben? Über das Privatleben des Günter Herz ist kaum etwas bekannt. Am mondänen gesellschaftlichen Leben nimmt er so gut wie nicht teil, Interviews oder Fernsehauftritte meidet er. Auf den einschlägigen Partys sieht man ihn nicht. Es gibt von ihm uns seiner Familie fast keine öffentlich verfügbaren Fotos oder Bewegtbilder.

Was bekannt ist, ist die Erzählung von Familienzwist und Erbstreitigkeit, das bevorzugte Drama der reichen Leute. Die Erbregelung des Vaters soll missverständlich formuliert gewesen sein. Trotz oder wegen aller unternehmerischen Erfolge wird Günter Herz als schwierige Person dargestellt. Nachdem er 1989 seinen Bruder Michael aus dem Tchibo-Vorstand gedrängt hatte, musste er im Januar 2001 seinerseits den Vorstandssitz räumen. Im August 2003 bugsierten die drei jüngeren Brüder Günter Herz und seine Schwester Daniela für die Anteilssumme von vier Milliarden Euro schließlich komplett aus dem Kaffeeunternehmen. Das Geschwisterpaar gründete die Vermögensverwaltung Mayfair GmbH in Hamburg. 2005 erwarb diese rund 27 Prozent des Sportartikelherstellers Puma und Günter Herz betätigte sich in der Firma aus Herzogenaurach im Aufsichtsrat, bis er auch dort von mehreren Seiten zum Verkauf der Anteile aufgefordert wurde. Herz gilt als Autokrat. Kaufmännisch ist der Ausstieg als Erfolg zu bewerten, denn die Veräußerung der Mayfair-Anteile an den französischen Luxusgüterkonzern PPR (zu dem u.a. Gucci gehört) brachte im April 2007 innerhalb von nur zwei Jahren rund eine halbe Milliarde Euro Gewinn. In den Wirtschaftsblättern war zu lesen, dass Herz anschließend sofort Ausschau nach neuer geschäftlicher Betätigung hielt. Bereits zuvor hatte er in Wirtschaftskreisen von sich reden gemacht. Als so genannter „weißer Ritter“ bewahrte Mayfair/Herz im Dezember 2006 den technischen Schiffsdienstleister Germanischer Lloyd vor einer feindlichen Übernahme. Mit einem Vermögen von weit über vier Milliarden Euro zählt Günter Herz zu den reichsten Deutschen.

Mit den typischen Gebaren, die man denen da oben zurechnet, wartet er allerdings nicht auf. Hat der Mann private Leidenschaften, verschwenderische Genüsse, exzessive Hobbys? Als eines mag Sportsegeln durchgehen. Gelegentlich liest man, dass Herz eine teure Yacht mit Namen All Smoke für den Regattasport ausgerüstet hat. Alles in diesem Sport ist teuer, ein letzter hort der Exklusivität. Was die da oben eben so machen. Pferde natürlich auch.

Zum Erbe des Vaters gehört das Trabergestüt Lasbek an der Lauenburger Seenplatte in Schleswig-Holstein. Das Gestüt gehörte von den fünfziger Jahren bis in die Achtziger zu den erfolgreichsten Zuchtstätten des deutschen Pferdesports. Unter der Regie von Günter Herz wurde der Derby-Sieger und spätere Deckhengst Lord Pit eines der erfolgreichsten deutschen Rennpferde. Anfang der 90er Jahre gewann mit Grimaldi zuletzt ein Pferd aus der Zucht von Günter Herz dieses begehrte Rennen. Aber auch in diesem Metier agiert Herz eher zurückhaltend. Auf den Rennplätzen sah man ihn fast nie. Dem gesellschaftlichen Leben des Pferdesportmilieus entzog er sich nach Kräften. Äußerlich schien er auch hier nach rein kaufmännischen Prinzipien zu handeln. So veranstaltete er bis in die 90er Jahre hinein einmal im Herbst eine Jährlingsauktion, mit der er es durchaus verstand, gesellschaftliches Flair zu verbreiten. Er pflegte eine Art bürgerlicher Distinguiertheit. Im Gestüt setzte er keineswegs auf zwingenden Erfolg, sondern auf Kontinuität. Er passte sich nicht der forcierten Dynamik des Sportgeschehens an, vielmehr vertraute er auf bewährte Kräfte und hielt an ihnen auch bei Misserfolgen fest. Viele Jahre leitete der bis dahin sportlich kaum nennenswert hervorgetretene Trainer Carsten Heitmann das Gestüt. Als dieser plötzlich starb, übernahm der ebenfalls wenig bekannte Trainer Harry Losse das Gestüt, das dieser nunmehr seit einigen Jahren nahezu geräuschlos führt. Große Siege sind allerdings selten geworden. Hat Herz das Interesse verloren?

Auch in diesem Geschäftsfeld gibt sich Herz kaum sentimental. In Pferdesportkreisen bot ein Immobilienprojekt jahrelang Anlass für Spekulationen. In den 70er Jahren kaufte Herz die Hamburger Rennbahn in nördlichen Ortsteil Farmsen, wandelte Teile des Geländes mit gewinn in Bauland um, ließ das Rennareal im Kern jedoch in Takt. Obwohl die Bahn seit Jahren brach liegt, wird immer wieder einmal über eine Wiederbelebung des Rennbahnbetriebs spekuliert. Es ist schwer zu durchschauen, ob Herz die Verbindung zum Trabrennsport aus Leidenschaft, Respekt vor dem väterlichen Erbe oder bloß aus wirtschaftlichen Überlegungen hält. Der schwer defizitäre Rennsport, dessen Rennbahnen seit Jahren von Pleiten bedroht sind, bietet kaum Aussicht auf Rendite. Dennoch lässt Herz seinen Sohn Christian an einer neuen Organisationsstruktur für ein deutsches Rennsystem mitarbeiten. Günter Herz selbst hält sich, wie immer, zurück. Was er von der gesamten Entwicklung hält und wie er zu ihr steht, ist nirgends zu lesen oder zu erfahren. Als Sportfunktionär hat er sich nie betätigt. Als das Gestüt sportlich und züchterisch an Bedeutung verlor, gab er die Auktion auf dem Gestüt kurzerhand auf, führte die Zucht und die Gestütsarbeit jedoch in abgespeckter Form fort.

Die da oben. Nie wollen sie wirklich dort sein. Aber sie geben uns Rätsel auf. Günter Herz ist einer, der Namen vergibt. Die Segelyacht heißt All Smoke. Seine Firma, in der er sein Milliardenvermögen für neue geschäftliche Aktivitäten verwaltet, trägt den Namen Mayfair. Das sind Pferdenamen. Mayfair und All Smoke sind Renn- und spätere Mutterstuten des Gestüts Lasbek-Gut in Schleswig-Holstein. Wenn man dort mit dem Auto vorbeifährt, bemerkt man es kaum. Allenfalls fallen die schön geweißten Planken der großzügigen Pferdekoppeln auf.

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