Oben und unten. Koeppen/Unseld

Stephan Wackwitz

Constantly fawning on his employer, humble Uriah Heap was a servile creature. „I am well aware that I am the ‚umblest person going“, he used to say. „My mother is also a very ‚umble person. We live in a ‚umble abode.“ Charles Dickens, „David Copperfield“

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Die spezifische Mischung aus eigennütziger Unverschämtheit und demonstrativer Selbstverkleinerung, die Dickens in der Romanfigur des „demütigen, demütigen“ Uriah Heep auf den Punkt gebracht hat (den ganzen „David Copperfield“ hindurch übervorteilt er alle, die ihm nahekommen), kann Lesern seit der Publikation dieses Romans 1849 die Augen öffnen für manches, was in den engeren und weiteren Umkreisen ihres Lebens vor sich geht. Stephen Karpmans transaktionsanalytisches Modell des „Dramadreiecks“ zum Beispiel hat noch hundert Jahre später die erstaunliche, literarisch schon lang belegte und lebenspraktisch millionenfach ausgearbeitete Erfahrung auf den Begriff gebracht, wie schnell die drei pathologischen Rollen und Kommunikationsstile des Opfers, des Täters und des Retters ineinander umschlagen können. Das Opfer wird dann plötzlich zum Verfolger. Oder der Retter, dessen gute Ratschläge lang genug zurückgewiesen oder unterlaufen worden sind, findet sich plötzlich in der Opferrolle wieder. Er ist vom Elend, das er beseitigen wollte, abhängig, angesteckt und schließlich besiegt worden. The ‚umblest person going, der servile Uriah Heep, triumphiert. Abgerechnet wird am Schluß. Das Opfer hat Verfolger wie Retter souverän ausgenutzt. Es lacht zuletzt. Oben ist jetzt plötzlich unten.

Aber nicht nur die Literatur und die Psychoanalyse (die mit ihren „Lebensromanen“, ihren psychoanalytischen „Novellen“, ihren Erzählmustern und dem großen Stil ihres Begründers sowieso als eine Art Fortsetzung und Sekundärdisziplin der europäischen Literaturgeschichte verstanden werden könnte) haben das Dramadreieck aus Opfer, Verfolger, Retter beschrieben und ästhetisch durchgespielt. Auch die Philosophen des deutschen Idealismus und der Moderne arbeiten an einer philosophischen Erzählung oder vielleicht besser Parabel, die vom berühmten dialektischen Modell der Beziehung zwischen Herr und Knecht in Hegels „Phänomenologie“ zu Batailles Theorie der „Souveränität“ reicht und dessen Grundfrage, populär gesprochen, darin besteht, wer eigentlich die Arbeit macht. In Hegels philosophischem Bildungsroman findet das reine Selbstbewußtsein seine Grenze und Bestimmung in einem anderen Selbstbewußtsein. Ein Kampf beginnt. Sein äußerster Horizont besteht im Tod. Das stärkere Selbstbewußtsein (der Herr) konfrontiert sich in Kampf, Sieg oder Untergang mit der Perspektive der eigenen Zerstörung, das schwächere Selbstbewußtsein des Knechts traut sich das nicht zu. Dafür muß der Knecht sich durch Arbeit mit den Dingen befassen, während der Herr als Lohn für seine Todesverachtung nicht nur die durch Realitäten nicht gestörte Souveränität des reinen Selbstbewußtseins genießt, sondern auch die Früchte fremder Anstrengung, die der Knecht an ihn abgeben muß.

Diese philosophische Geschichte spaltet sich, was im Fortgang der hier angestellten Überlegungen noch eine Rolle spielen wird, dann später auf in eine deutsche und eine französische Variante. Hegel, der als Schwabe („Schaffe, schaffe, Häusle baue/Und net nach de Mädle schaue“) natürlich eher für die Arbeit an den Dingen war, legt das Gewicht auf die Pointe, daß der Knecht dadurch, daß er sich aufgrund seiner Arbeit in der Welt besser auskennt als der Herr (der ja bloß sein Selbstbewußtsein und seine Todesverachtung kennt), den Chef auf dem Umweg über diese Kenntnis der Dinge doch wieder in den Griff bekommt. Von diesem Gedanken Hegels ausgehend entwickelt dann Marx seinen proletarischen Antikapitalismus. Bataille dagegen, der bedeutendste französische Leser der Hegel’schen Phänomenologie, stellt sich mit seinem Antikapitalismus umgekehrt gerade auf die Seite der Souveränität, die in der herrischen Todesverachtung aufgetreten war. Er feiert die Verschwendung, die Grausamkeit, den Rausch, den Surrealismus, den Potlatsch, kurz: alles, was als „reines Selbstbewußtsein“ auftritt und die Arbeit stört, ihre Ergebnisse vernichtet, über sie hinausgeht oder gleich erst gar nicht mit ihr anfängt. Darin sieht Bataille den wahren Antikapitalismus. Theodor W. Adorno übrigens (auch Suhrkamp-Autor), der ein großer fan des Nichtstuns, des Tagträumens, gewisser Schlemmerlokale in Fischamend und des Dämmerns sur l’eau war (wie der einschlägige Aphorismus in den „Minima Moralia“ bezeichnenderweise auf Französisch betitelt ist), stand damit, ebenso wie seine Schüler von 1968, diesem surrealistischen Antikapitalismus viel näher als der verschwitzt-schwielengehärteten Hegel-Marx-Variante der Geschichte von Herr und Knecht (worauf wir im Fortgang auch noch zu sprechen kommen werden).

Das alles zwar einleitend und grundsätzlich, aber trotzdem eigentlich nur nebenbei. Vor mir liegt ein knapp 660 Seiten starker, 2006 erschienener Suhrkamp-Band, auf dessen Cover ein verschmitzt lächelnder älterer Herr, der Romancier Wolfgang Koeppen, neben seinem noch fast jugendlich-virilen, irgendwie von verlegerischem Besitzerstolz geschwelltem Verleger sich in einer Party-Gesprächssituation befindet. Beide schauen am Betrachter vorbei, auf Marcel Reich-Ranicki, könnte man sich denken, oder noch besser vielleicht auf – Ingeborg Bachmann. „Ich bitte um ein Wort…“ ist der seltsame Titel dieses Buchs, erläutert durch den Untertitel: „Der Briefwechsel Wolfgang Koeppen Siegfried Unseld.“ Die Beziehung der Herren beginnt in den späten 50er Jahren. Die deutschsprachige Literatur war damals fest in den Händen einer linkssozialdemokratischen Machtphantasie. Die Gruppe 47 glaubte auf dem Feld der Literatur gegen Adenauer zu fechten. Literarischer Einfluß wurde weitgehend nach politischen Kriterien verteilt. Es war der Traum von Geist gegen Macht, ein Phantasma aus dem Arsenal des politischen Romans. Franz-Josef Czernin zitiert in seinem Buch über Marcel Reich-Ranicki ein Interview des Kritikers mit Gottfried Reinhardt, der ihn damit „konfrontiert, dass Heinrich Böll, gäbe es noch die grossen jüdischen Kritiker, nie mit einem grossen Schriftsteller verwechselt worden wäre“. Reich-Ranicki hat damals offenbar gesagt: „Wir, die wir zu Bölls Ruhm beigetragen haben, sahen keinen anderen Ausweg. Es gab keinen anderen. Die konservative Kritik wollte Gerd Gaiser zur Galionsfigur der Literatur machen. Den antisemitischen, exnazistischen Schriftsteller. Das konnten wir nicht zulassen. Wir haben uns auf Böll als Gegenkandidaten geeinigt. Es gab andere, die besser waren. Aber sie waren nicht geeignet.“

Der wirklich bedeutende linkssozialdemokratische Schriftsteller der 50er und 60er Jahre, Arno Schmidt, zum Beispiel, durfte nicht mitmachen. Er war in das Vereinswesen der Gruppe 47 nicht integrierbar. Aber es gab genug andere Zeitgenossen. Das einzige allerdings, was der Gruppe 47 immer gefehlt hatte, war eine geeignete linkssozialdemokratische Besetzung für die Planstelle des Vorkriegsschriftstellers. Sie wollten einen haben, der schon im Romanischen Café gesessen hatte („Ich habe sie alle gekannt, junger Mann: Piscator, Brecht, Gründgens – alle“ sollte der entsprechende Kandidat zu vorgerückter Stunde in der „Pulvermühle“ oder in Princeton zu lallen und zu lärmen imstande sein). Benn war nun wirklich „nicht geeignet“ gewesen und außerdem schon 1956 gestorben. Zwar gab es um 1960 noch einen deutschen Schriftsteller, der nicht nur in seinen schwächsten Büchern interessanter war, als die ganze Gruppe 47 zusammen, sondern schon in den 20er Jahren neben protofaschistischer Publizistik auch so aufregende Bücher wie das „Abenteuerliche Herz“ geschrieben hatte, Ernst Jünger. Aber auch der hätte vermutlich lieber noch einmal den Frankreichfeldzug mitgemacht, als zu einem Meeting mit Reinhard Baumgart und Uwe Johnson in der „Pulvermühle“ zu gehen.

Der geeignete linkssozialdemokratische Kandidat für die Planstelle des Vorkriegsschriftstellers war Koeppen. Er hatte schon in den Zwanziger Jahren debütiert und als Journalist und Bohemien in den entsprechenden Berliner Kreisen verkehrt. 1951 dann hatte er mit „Tauben im Gras“ den deutschen Dos Passos gegeben und 1953 mit „Das Treibhaus“ einen Roman darüber veröffentlicht, wie der linkssozialdemokratische Pfeifenraucher sich damals offenbar den Parlamentarismus vorstellte. Auch „Der Tod in Rom“ (1954) war nicht nur formal durch allerlei innere Monologe und Bewußtseinsströme modernistisch angeschärft, sondern wimmelte vor allem vorschriftsgemäß von alten Nazis, Opportunisten und anderem nicht linkssozialdemokratischem Gesindel. Koeppen mußte es werden. Die publizistische Doppelspitze Unseld/Reich-Ranicki sollte es machen. Die Karriere Wolfgang Koeppens im Suhrkamp-Verlag und in der deutschen Publizistik war, wie die ganze Gruppe 47, unterschwellig von Anfang an durch Machtkalküle und Machtphantasmen beeinflußt.

Das Grundseltsame an Koeppen besteht nun nicht nur in seiner abgründigen und irgendwie immer ein bißchen hinterhältigen Demut, sondern in den eigenartig weiblichen, fast mädchenhaften Strategien, die er dem männerbündischen Machttraum Unselds entgegensetzte, während er gleichzeitig voll paradoxer Hingabe jahrzehntelang in ihm mitzuspielen schien. Die Herr/Knecht-Dialektik von oben und unten realisiert sich zwischen Unseld und Koeppen in einer seltsam erotischen Einfärbung. „She stoops to conquer“ heißt eine Verwechslungskomödie von Oliver Goldsmith aus dem 18. Jahrhundert und das eigenartig Rokokohafte der Korrespondenz Unseld/Koeppen wäre mit dem Titel „He stooped to conquer“ gar nicht schlecht eingefangen. Denn the most ‚umble Koeppen hat alles bekommen, was er wollte, der herrenhafte Unseld nichts von dem, was er sich erwartet hat. Koeppen gelang es, im Grunde nur durch die Anwendung eines einzigen weiblichen Tricks – dem des Sich-Vorwurfsvoll-Entziehens – von Unseld nicht nur lebenslang versorgt und verehrt zu werden (was ein spezifisch weiblicher Lebenstraum ist), sondern im Gegenzug dazu auch nichts Greifbares zu liefern (was leider auch in diesen weiblichen Lebens- und Machttraum gehört: „Wenn dir meine Liebe als Gegenleistung nicht genügt, ist deine Liebe nichts wert“ lautet das entsprechende Mantra). Es war ein Rundum-Sorglos-Paket, von dem noch die verführerischsten Frauen bloß träumen können. Es umfaßte großzügige Hilfe zum Lebensunterhalt, Übernahme von Mietkosten, aufwendige Abendessen, Geschenke aller Art, Arbeitsappartments im Arabella-Hotel und schließlich Pflegekosten im Wert von 17500 DM monatlich in verschiedenen exklusiven Münchner Altersheimen.

Im Paarmachtspiel des Sich-Vorwurfsvoll-Entziehens ist es bekanntlich Liebe als Passion, mit dessen Hilfe die Grundlage der Beziehung kodiert wird. Liebe ist etwas, von dem die Frau behaupten kann, sie habe es selbst und sei es wert, sie zu empfangen. Sich auf diese Sicht der Dinge zu einigen, ist überhaupt der Beginn einer Liebe als Passion. Zugleich aber ist die Liebe des Mannes – und darin besteht der entscheidende strategische Vorteil der Frau in diesem Spiel – nicht als solche nachweisbar, sondern nur anhand ihrer Wirkungen. Die sämtlich materieller oder juristischer Natur sind. Liebe beweist sich traditionell letztlich durch ein Versorgungsversprechen und daraus erfolgende wirkliche Zahlungen des Mannes an die Frau im Austausch für deren Liebe als Passion. In der Beziehung zwischen Unseld und Koeppen ist die Liebe allerdings zielgehemmt. Die Leidenschaft des männlichen Verehrers und Versorgers in der traditionellen Liebesbeziehung ist in der Beziehung zwischen Unseld und Koeppen durch ein undeutliches Dispositiv aus Bargeld, Zartgefühl und vor allem der Abwesenheit jeder Forderung nach konkreten Manuskripten ersetzt („Diesmal nicht, Siegfried. Ich habe wieder meine Arbeitsstörung.“)

Koeppens Gegenleistung ist so imaginär wie weibliche Liebe. Sie besteht im Grunde im puren Dasein des Autors (das vom Verleger sichergestellt werden muß) und in dessen unablässiger Beteuerung, er „schreibe“, er sei „fleißig“, er „bemühe sich ja“ undsoweiter. Allerdings sei er eben, wie er sei und die Zuwendungsbereitschaft Unselds (seine Qualität als guter, eines Romans Koeppens würdiger Verleger) bemißt sich gerade daran, daß er Koeppen auch unterstützt, wenn der eben nichts Publizierbares zustandebringt. Ein stärker an Gegenleistungen orientiertes Verhalten wäre im erotischen Vergleichskontext keine wahre Liebe. Unseld wäre gegenüber Koeppen dann kein wirklicher Verleger. Das Verlegerparadox ist im Fall Koeppen/Unseld dem Liebesparadox analog konstruiert. Egos Liebe ist nur Liebe, wenn sie der spezifischen Individualität Alters alles zu geben bereit ist, aus keinem anderen Grund als weil Alter eben Alter ist. Der definitive Grenzfall der Passion ist die unerwiderte Liebe. Der definitive Grenzfall des passionierten Verlegertums ist die Versorgung des unproduktiven Autors. Koeppen könnte die erotische Variation des Machtspiels von Herr und Knecht, die er in seine Geschäftsverbindung zu Unseld mit dessen Einverständnis und Mitwirkung einführt, in seiner einseitigen Liebesbeziehung zu der glamourösen und koketten Schauspielerin Sybille Schloß kennengelernt und derart virtuos verinnerlicht haben, daß er seinen Lebensunterhalt im fortgeschrittenem Alter mit nichts anderem bestritt. Er schildert sie in dem Roman „Eine unglückliche Liebe“ (auch das wäre ja übrigens kein schlechter Titel für das uns vorliegende Buch gewesen). Der junge Koeppen, schreibt seine Biographin Ingrid Häntzschel, „muß außerordentlich linkisch gewesen sein, ein bißchen unbeholfen, ganz furchtbar schüchtern. Hans Sahl beschreibt ihn ja auch so, als ganz schüchternes, blasses Bürschchen. Und dann die Liebe zu dieser Frau! Dann bettelt er, daß sie ihm doch eine Nacht schenkt wenigstens, im Bett, keusch und schwesterlich… Da schreibt sie ihm: ‚Ja, vielleicht… aber heute Nacht nicht!‘ So geht das die ganze Zeit hin und her.“

Erotische Zivilisation besteht bekanntlich in der Umkehrung einer biologischen Machtverteilung. Die physisch Schwächere wird durch zivilisatorische Neukodierung zur psychisch Stärkeren. Unselds entscheidender Fehler hat darin bestanden, daß er die vergleichweise einfache und klarumrissene Geschäftsbeziehung zwischen Autor und Verleger (der Autor schreibt, der Verleger druckt einen Text; die Entscheidungsmacht liegt beim Verleger) in eine nebulös ins Undefinierte zerfließende und sich unversehens immer mehr am erotischen Modell ausrichtende persönliche Beziehung verwandelt hat, deren Gesetz man darin ausdrücken könnte, daß der Verleger alles materiell und psychologisch Menschenmögliche tut, damit der Autor einen Text schreiben kann. Das Drucken eines konkreten Buchs wird dann als diese Beziehung eher störende nachgeordnete Formalität behandelt. Es ist aber das Eigentliche, auf dem Unseld aus irgendeinem Grund nicht bestehen konnte. Er hätte mit seinen Zahlungen und Freundlichkeiten im Grunde nur warten müssen, bis tatsächlich ein Text vorgelegen hätte. Damit hätte er viel Geld und Nerven gespart und Koeppen vielleicht sogar wirklich zur Produktivität gezwungen. Es ist wie in vielen Ehen und Beziehungen, die an männlichem Zartsinn scheitern.

„Das Ende ist im Anfang und trotzdem macht man weiter“, heißt es in Becketts „Endspiel“. Schon zu Beginn des Männer-Rosenkriegs zwischen Unseld und Koeppen definiert der Schwächere gegenüber dem Stärkeren die rules of conduct. Sie sind absurd und stellen die wahren Verhältnisse zwischen oben und unten durch eine kulturreligiöse Machtphantasie in derselben Weise auf den Kopf wie die Regeln erotischer Courteoisie (die ja auch ein religiöses Regelwerk verinnerlicht und säkularisiert haben) die Kräfteverhältnisse zwischen Mann und Frau. Unseld, dessen Unglück auch ein bißchen darin besteht, daß er der jüngere ist, verwies in seinem Neujahrsbrief 1960/61 (vielleicht wirklich eine ganz winzige Spur gönnerhaft) auf die umfangreichen materiellen Vorleistungen des Verlags: „Sie wissen, es ist mein sehnlicher Wunsch, daß diese Zusammenarbeit sich harmonisch und produktiv auswirken möchte. Der Verlag hat ja nun Vorleistungen ideeller und materieller Natur erbracht. Ich hoffe sehr, daß dieses Vertrauen sie bewegt und befeuert, in jedem Falle aber stärkt.“

Wirklich nichts Schlimmes also findet sich in diesem Brief. Aber es werden eben doch einen Moment lang die wahren Kräfteverhältnisse sichtbar, von denen Unseld offenbar noch nicht ganz kapiert hat, daß genau daran eben auf gar keinen Fall gerührt werden darf. Koeppens Reaktion ist von einer Rachsucht, in der man sehr versucht ist, ein Echo seiner eigenen Demütigungen vor dem Schrein weiblicher Souveränität in seiner Jugend zu sehen. Die Diva schließt sich jetzt in ihrem Zimmer ein: „Sie betonen so schwer und vorwurfsvoll, des Verlages ‚Vorleistungen ideeller und materieller Natur‘, daß man meinen könnte, sie hätten mich zehn Jahre lang erhalten und nun beinahe die Hoffnung aufgegeben, auch nur eine Manuskriptseite von mir zu empfangen. Dabei schreiben Sie eine Zeile vorher, daß sie gerade die erste Rate unseres Vertrages anweisen wollen. Überdies ermahnen Sie mich, wie ein strenger Vater den faulen Sohn, das Vertrauen des Vaters nicht zu enttäuschen. Ist dieser Zeigefinger nicht zu früh erhoben? Gewiss, mancher Schüler enttäuscht, aber er beabsichtigt es doch wohl nicht von Anfang an, und man sollte es ihm nicht schon beim Eintritt in die Klasse vorhalten. Ich fühle mich nicht befeuert und gestärkt, sondern vor den Kopf gestoßen. Mein Grübeln hierüber läßt mich vermuten, daß Sie den Abschluß unseres Vertrages inzwischen vielleicht bedauern, das Vertrauen zu mir aus irgendeinem Grunde verloren haben könnten. Das wäre traurig; aber wenn es so ist, sollten wir schleunigst alles rückgängig machen. Ich würde mich Ihrem Wunsch nicht widersetzen.“

Es ist kein Antwortbrief Unselds erhalten. Aber man kann sich lebhaft vorstellen, daß er reagiert hat wie ein von einer Frau innerlich abhängiger gescholtener Mann, „Du hast mich mißverstanden, Liebling“, und so weiter. Koeppen hat sich dann ja auch herbeigelassen, von seinem Verleger weiter und jahrzehntelang Zuwendungen jeder Art entgegenzunehmen, so gut wie jede reale Gegenleistung schuldig zu bleiben, den Verlag vor der literarischen Öffentlichkeit zu blamieren und bei alldem noch unaufhörlich über seine angeblich unerträgliche Lebenslage zu jammern. Es ging ja alles überhaupt jetzt erst los. Erklärungsbedürftig ist allerdings die vollkommene Abwesenheit jeder Beißhemmung und jeder intellektuellen Selbstkontrolle auf Seiten des hier zum ersten Mal sich zu seiner ganzen Größe aufrichtenden Il servo padrone, das pathologisch, fast damenhaft gute Gewissen der sich hier hervortuenden Leistungsverweigerung. Es verweist auf das schon erwähnte kulturreligiöse Dispositiv. Koeppen nämlich spricht hier gar nicht nur im eigenen Namen. Er spricht und keift in Namen der (Einundzwanzig, Zweiundzwanzig:) Literatur. Literatur verlangt vom Verleger (der ja im Grunde auch nur ein Kapitalist ist, ein „Koofmich“, wie das damals hieß), ihren Repräsentanten, den (Einundzwanzig, Zweiundzwanzig:) Dichter nicht einfach für ein geliefertes Produkt zu bezahlen, sondern ihn zu „befeuern“ und zu „stärken“, keinesfalls aber ihn „vor den Kopf zu stoßen“ und zu schulmeistern, indem konkrete Leistungen oder gar Vorleistungen von ihm verlangt werden.

Im weiteren Verlauf des Kasus Koeppen, als schon unbestreitbar und unübersehbar geworden war, daß nichts mehr kommen würde, greift übrigens dann noch ein besonders unwiderlegliches Moment der avantgardistisch modernisierten Kunstreligion: Die Verherrlichung der Großen Weigerung. Eine der größten Dummheiten zum Beispiel des Adorno-Mythos ist die Vorstellung, Adornos Verstummen als Komponist nach 1945 sei nicht auf Ideenmangel oder auf die Erkenntnis zurückzuführen gewesen, daß er auf anderen Feldern mehr leisten konnte als auf dem musikalisch-kompositorischen, sondern daß Adorno durch sein Nicht-Komponieren die böse Wirklichkeit abgelehnt und bestraft habe und damit sein Schweigen in Wirklichkeit sein bedeutendstes Werk sei. Auch dies wurde nun zum Bestandteil des Koeppen-Mythos. Christian Linder zum Beispiel hat sich zu Folgendem verstiegen: „Wolfgang Koeppen ist einer unserer größten Schriftsteller. Er ist es auch, weil er so lange geschwiegen hat und vielleicht noch lange schweigen wird. (…) Man denkt an Beckett: Während dieser schreibend schweigt, schweigt Koeppen schweigend.“

Auch die Große Weigerung – wir erinnern uns an Bataille – ist eine Figur der Souveränität. Der Unternehmer Unseld, obwohl er Kulturgüter herstellt, ist trotzdem eine Figur der kapitalistischen Ökonomie. Über sie geht die Souveränität der Verausgabung festlich hinaus. Koeppen blieb notorisch die Gasrechnung schuldig, hauste in seinem (von Unseld bezahlten) Arbeitszimmer als das klassische messie und lief ausweislich des vorhandenen Fotomaterials herum wie der nach feuchtem Handtuch riechende ältere Herr von nebenan. Aber an Restaurants, in die man ihn einladen durfte, stellte er so exorbitante Ansprüche wie an die Qualität der 40 Maßanzüge, die man nach seinem Tod in der herrschaftlichen Wohnung in der Münchner Widenmayerstraße fand. Das Verschwenden wie das Sich-Kleinmachen sind Formen der Subversion bürgerlicher Ökonomie und Erscheinungsweisen der Souveränität. Unbürgerlichkeit, Faulheit, Verschwendung, Poesie, Potlatsch, das Gammler-, Säufer- und Haschrebellenwesen: die 68er waren dem most ‚umble, ‚umble Taugenichts und der wiederum dem großen und bewundernswert produktiven Adorno näher, als alle miteinander vermutlich selber wußten. Herrschaft stellte sich für diese Fraktion durch Abwesenheit her. Der Fetisch „Roman“, hinter dem Unseld wider alle Vernunft und Erwartbarkeit jahrzehntelang her war, ist, psychoanalytisch gesprochen, so etwas wie der phantasierte weibliche Phallus. Kein Reisebuch, kein Essayband, keine Autobiographie (Gattungen, in denen man ja auch etwas leisten kann) kann den (Einundzwanzig, Zweiundzwanzig:) Roman ersetzen. „Wir warten auf einen neuen Roman von Wolfgang Koeppen“, beschloß Karl Korn 1961 eine Rezension von Koeppens Reisefeuilletons aus Frankreich.

Ein einziges Mal nur scheint Unseld wirklich darauf bestanden zu haben, das jeweils wieder einmal sehnlich und vergeblich erwartete Romanmanuskript mit eigenen Augen zu sehen. Es ist wie in Kubricks „The Shining“. In diesem Film macht ein leeres Manuskript, das nur aus dem konzeptkunstartig hunderte von Seiten lang wiederholten Satz besteht („Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“), nicht nur dem Zuschauer, sondern auch den Figuren im Film klar, daß Jack Nicholson längst komplett wahnsinnig ist und jetzt bald Amok laufen wird. Unseld hat den Moment im Tagebuch über seine Dienstreisen geschildert. Die Leerstelle erscheint, der Fetisch verdeckt sie. Nirgendwo in diesem Buch tritt Koeppen damenhafter auf. „Wo ist das Manuskript, fragte ich ihn. Da holte er verschmitzt aus seiner Tasche ein Schlüsselbund heraus, ging an ein schwarzes Schränkchen und zeigte mir drei Fächer, wo Manuskripte wohl geordnet lagen.“ Nach Koeppens Tod zeigte sich, daß all von all den Romanen, die der Suhrkamp-Verlag jahrzehntelang mit großem Aufwand blamabel und vergeblich angekündigt hat – „Tasso“; „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“; „Die Scherzhaften“; „Kein Land“ – kaum jemals mehr als der Titel existiert hat. Es war ganz einfach nicht das geringste da. Jack Nicholson hatte in „The Shining“ geradezu noch mehr geleistet.

Das einzige, was einen tröstet, mit dem Weltlauf versöhnt und einem klarmacht, wie sehr man gegenüber der Bataille-Schule der Souveränität durch Faulheit und Verschwendung doch ins Lager der Hegel’schen Strategie einer Überwindung der Herrschaft durch Arbeit gehören will, ist der eigentümlich freudlose Charakter, die Koeppens Verschwendungssucht noch so viele Jahre danach ausstrahlt. Man beneidet ihn einfach nicht um seine messie-Wohnung in der Widenmayerstraße, um seine alptraumhaften Abendessen in der „Aubergine“, um seinen Büchnerpreis, um seine 40 Maßanzüge, die ihm alle nicht gestanden haben. Koeppens Schicksal wirft kein gutes Licht auf die Anwendbarkeit von Batailles Souveränitätstheorie im wirklichen Leben; und übrigens auch nicht auf die traditionellen Ideologien weiblicher Versorgungs- und Verehrungswürdigkeit. Man klappt diesen Briefwechsel zu mit einem gesunden Appetit auf Arbeit, Realitätsbezüge, vernünftige Hierarchien, weibliche Erwerbstätigkeit, das wirkliche Leben und seine Schwierigkeiten und möchte insbesondere von kulturreligiösen Umkehrungen der gewöhnlichen Weltordnung eine gute Weile lang nichts mehr hören und wissen. „Mein Leben ist mir zerronnen“, schrieb Koeppen 1993 an seinen Versorger, Verleger und wohl auch Freund (wenn es Freundschaft gibt zwischen so Ungleichen). Da war es für solche Einsichten längst zu spät.

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