Das Schema

Michael Rutschky

ruegen

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, also ein Schema, oben und unten.

Dies Schema erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Betrachten wir die Zeitung, die damals, als ich hier anfing, die Zeitung vom Tage war.

Die Haupt- und Staatsaktion, von der sie auf der ersten Seite erzählte, war das Gipfeltreffen an der Ostsee, in einem Örtchen namens Heiligendamm, acht Staats- und Regierungschefs beraten Weltprobleme, und drumherum versammeln sich Massen zwecks Protest dagegen.

An jenem Tag stand das Ereignis selber noch bevor. Vor allem gab es von juristischen Auseinandersetzungen im Vorfeld zu berichten. Das Örtchen Heiligendamm, der Versammlungsort der Chefs war durch einen Zaun gegen die Außenwelt abgesperrt worden, und die Organisatoren des Gipfeltreffens wollten die Protestmassen auch noch davon abhalten, direkt an diesem Zaun zu protestieren; eine Bannmeile sollten sie einhalten. Dagegen legten – erzählte die Zeitung an jenem Tag – die Vertreter der Massen beim deutschen Bundesverfassungsgericht Beschwerde ein.

Also weiter oben. Verglichen mit den Organisatoren des Gipfeltreffens, den Innenministern des Bundes und der Länder. Das deutsche Bundesverfassungsgericht rangiert natürlich nicht über den Staats- und Regierungschefs, die sich in Heiligendamm treffen würden. Was man wünschen kann, eine Instanz, die über ihnen waltet, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beispielsweise oder der Papst, womöglich Gott. Gut denkbar, daß dies oder jenes fromme Mitglied der Protestmassen gebetet hat, Er möge das Demonstrationsverbot am Zaun von Heiligendamm aufheben, damit die Massen den acht Staats- und Regierungschefs, den Herren der Welt ihren Protest unmittelbar vor Augen führen könnten. Den Protest gegen die Art und Weise, wie sie ihre Herrschaft über die Welt ausüben. Oder einfach dagegen, daß sie halt oben sind. Gegen das Schema selber.

Soll man sagen, die Protestmassen befänden sich unten? Gewiß sollte man das sagen. So wünschten es die Organisatoren des Massenprotests. Sie sprachen und handelten im Namen der Menschheit, die sich, aus der Perspektive von Heiligendamm gesehen, unten befindet. Vor allem Afrika mit seinem Hunger und seinem Massenelend befindet sich unten; alles Elend ist unten.

Wer für Afrika und das andere Elend unten sprach und den Massenprotest gegen die Herren der Welt organisierte, der befand sich selber natürlich keineswegs unten. Ein ehrwürdiges Problem. Das Elend unten findet weiter oben Fürsprecher, studierte Leute, Damen aus der Bourgeoisie, Popstars, Filmschauspieler, Intellektuelle. Geht das überhaupt? Wenn man oben ist, den Repräsentanten von unten spielen? Fördern sie, indem sie ihre Empörung über den Hunger und das Elend in Afrika zur Schau stellen, mehr als ihre eigene Karriere? Ein ehrwürdiges Problem. Wie wird man Repräsentant für unten? Durch Selbstermächtigung? Durch ein Wahlverfahren? Also wie der amerikanische und der französische und der russische Präsident und die deutsche Regierungschefin?

Zwei Repräsentanten von weiter unten konnte unsere Zeitung an jenem Tag präsentieren (mit dem ehrwürdigen Problem gut vertraut), Flor Martinez, 40, aus Nicaragua und Javier Rivera, 39, aus El Salvador, die aus eigener Erfahrung beschreiben können, wie der von oben so dringend, ja brutal geförderte freie Handel unten in El Salvador und Nicaragua sich auswirkt. Sie werden von unten bei dem großen Konzert am Donnerstag berichten, zwischen zwei Songs von Herbert Grönemeyer. Javier Rivera arbeitet beim Netzwerk gegen Gentechnik, Flor Martinez bei einer landwirtschaftlichen Kooperative.

Was unten ist, erfahren wir also von Repräsentanten und Fürsprechern, die – das ehrwürdige Problem – selber nicht ganz unten sich befinden. Spätestens aus der Zeitung erfahren wir es, die gewiß, geht man vom Elend in Afrika oder der Landwirtschaft Mittelamerikas aus, nicht unten zu suchen ist (wobei El Salvador, verglichen mit Darfur, wiederum oben ist).

Daß sich die Herren der Welt demnächst in Heiligendamm treffen, um über das Schicksal der Welt zu beraten, war an jenem Tag, an dem ich hier anfing, natürlich nicht die einzige Materie, die sich nach dem Schema oben/unten bearbeiten ließ.

Eines der Schicksalsprobleme, das vor allem die deutsche Regierungschefin, wie die Zeitung erzählte, dringend beschäftigte, war buchstäblich über den Herren der Welt zu verorten, oben am Himmel, das Klima.

Die Menschen unten auf der Erde verderben auf die eine oder andere Weise oben das Wetter, und die Staats- und Regierungschefs sollten sich einig werden über Maßnahmen dagegen. Deshalb sind sie schließlich oben.

Dabei verderben die Menschen unten das Wetter oben nicht einheitlich. Auch hier schafft unser Schema gleich Ordnung. Nach einer Tabelle, die unsere Zeitung weiter hinten (unten?) abdruckte, rangieren ganz unten bei den Klimaverderbern Brasilien und Indien mit 1,02 und 1,76 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf der Bevölkerung pro Jahr. Ganz oben dagegen die USA sowie Kanada mit 19,73 respektive 17,24. Der amerikanische Präsident, noch über den anderen Herren der Welt rangierend, hatte bislang den Vereinigungsbemühungen wider das Klimaverderben widerstanden – aber jetzt eben war er mit einer eigenen Initiative aufgetreten, die freilich, machen wir es kurz, nicht darauf hinauslief, daß er von nun an Mitglied der Vereinigung wäre (Kyoto-Protokoll), als gleicher unter gleichen. Die deutsche Regierungschefin, hieß es, wolle scharfe Auseinandersetzungen mit dem amerikanischen Präsidenten zu diesem Tagesordnungspunkt riskieren. Der Zeitungsleser wußte, aufgrund seiner eigenen Kenntnisse des Schemas, daß die Regierungschefin aus der Perspektive des amerikanischen Präsidenten unten ist und bleibt, so daß hier nix geschehen würde.

Fein schneidet unser Schema in die Materien. Vor allem, wurde erzählt, möchte die deutsche Regierungschefin beim amerikanischen Präsidenten durchsetzen, daß er die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimaverderb akzeptiere. Er soll sich diesen Erkenntnissen, indem er sie akzeptiert, unterordnen, statt, wie bisher, die amerikanische Politik über die Wissenschaft zu stellen. Insofern die Wissenschaft den Fürsprecher des Klimas darstellt, befindet sie sich ganz weit oben, im Himmel; insofern die deutsche Regierungschefin die Fürsprecherin der Wissenschaft gegenüber dem amerikanischen Präsidenten gibt, sieht die Lage anders aus. Wer mag, erinnere sich an die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als eine scharfe Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik stattfand. Technokratie hieß das Schreckgespenst, das zu vertreiben war. Es sah ungefähr so aus. Alle Probleme, die wir als politische kennen, finden in naher Zukunft eine Lösung durch Wissenschaft und Technik; Wissenschaft und Technik bringen die Politik also zum Verschwinden. Während die Rechte mit der Technokratie liebäugelte, opponierte die Linke heftig dagegen und verteidigte den Primat der Politik – wie heute der amerikanische Präsident, gegen den Primat der Klimawissenschaftler. Aber das Schema rechts/links kommt erst später dran; ebenso das Schema einst/jetzt.

Die Innenminister des Bundes und der Länder berieten über Maßnahmen, wie der junge Mensch von Computerspielen, bei denen es um Kampf und Sieg geht, sowie vom Saufen abgebracht werden kann. Von oben nach unten. Damit der Nachwuchs unten nicht so verdirbt, daß er oben Unheil anrichtet.

Der Deutsche Aktien-Index erreichte an jenem Tag zeitweise 8000 Punkte, was als schöner Triumph gefeiert wurde. Von unten nach oben; immer weiter nach oben, ist hier höchst wünschenswert. Der Absturz nach unten der große Schrecken.

In der libanesischen Hafenstadt Tripoli griffen Panzer der Armee ein palästinensisches Flüchtlingslager, wie es hieß, eine Art Vorstadt an, weil von dort eine religiöse Kriegergruppe die libanesische Armee bekämpft. Wer oben, wer unten ist, soll ganz neu ausgehandelt werden, wobei es auch um die Religion geht, ob sie wirklich das Höchste ist.

Die Bundesbehörde, welche die Akten der DDR-Staatssicherheit verwaltet und bearbeitet, sagte eine Tagung mit ehemaligen Mitarbeitern der Stasi ab. Augenscheinlich erstrebten diese ehemaligen Stasimitarbeiter eine Kommunikation von gleich zu gleich, während die Bundes-, auch Birthler- (früher Gauck-)Behörde genannt, keinen Zweifel daran lassen wollte, wer jetzt oben, wer unten ist.

Das niederländische Fernsehen hatte ein Spielshow gezeigt, bei der drei Nierenkranke die Niere einer Todkranken gewinnen konnten. Sie aber war bloß, wie jetzt herauskam, eine Schauspielerin. Verwirrung, Empörung. Ein kranker Körper ist ebenso wie das kranke Wetter unbedingt oben und müßte unten ohne Umstände alle notwendigen Maßnahmen auslösen.

So läßt sich eine Materie (damals die Zeitung von heute) bis in die feinsten Einzelheiten durchnehmen. Morgens beim Frühstückskaffee ein Spiel daraus machen:

Der Bundesminister für Verbraucherschutz , der in Bayern Parteivorsitzender werden will, soll Dossiers mit nachteiligen Informationen über seine Widersacher und Konkurrenten angelegt haben, die sie verunglimpfen. Also von oben nach unten transportieren? Während der Bundesminister als Parteivorsitzender weiter nach oben käme? Wo liegt Bayern? Auf der Landkarte, sofern sie genordet ist, ganz unten. In den Achtzigern fand sich als Aufkleber an diversen einheimischen Autos der Vers: It’s nice/ To be a Preiß./ But it’s higher/ To be a Bayer. Überhaupt, welche Auseinandersetzungen sind zu beobachten, wenn man von unten nach oben, von oben nicht nach unten will?

Davon sind die Sportseiten voll. Der 1. FC Magdeburg strebt in die zweite Liga. Die deutschen Teams schieden beim Beachvolleyball in Seoul/Korea aus. Die neuseeländischen Segler besiegten die italienischen beim Wettkampf um den America’s Cup. Die Wasserballspieler aus Spandau sind seit 1979 deutscher Meister und müssen, um es zu bleiben, demnächst Duisburg schlagen. Bei den French Open im Tennis arbeiten sich Serbinnen nach vorn.

Rätselhafte Geschichten sind für den Wettkampf beim Frühstückskaffee besonders geeignet. In der Nacht zum Freitag – schrieb damals unsere Zeitung – fiel der 41jährige Lokführer eines Schnellzuges von Budapest nach Berlin bei 140 Stundenkilometern aus seinem Führerstand und war sofort tot. Er stürzte nach unten, klar. Weil er einem niederen Bedürfnissen nachgegeben hatte, seinem Harndrang, und dabei das Gleichgewicht verlor? Weil er betrunken war, was eine gewisse manische Selbsterhöhung bewirken kann, die vom Zug der Schwerkraft nach unten zu befreien scheint? Weil er Suizid beging, dieser Welt und ihren Beschwernissen entkommen wollte, irgendwie nach oben?

Dann kamen wir zur Kultur, wo das Schema oben/unten natürliche ebenfalls heftig wirkt. In Trier eröffnete eine prächtige Ausstellung über den Kaiser Konstantin, der das Christentum – so lange verachtet und verfolgt (unten) – zur Staatsreligion des Imperiums machte (oben). Das Feuilleton beschäftigte vor allem die Frage, warum? Und daß man sie nicht wirklich beantworten könne, ein Wunder also. Höchstens 15 Prozent der Bevölkerung waren Christen, in der Oberschicht noch weniger; der Einfluß der Christen auf die Apparate – Heer, Zivilverwaltung, die städtischen Eliten – war bescheiden. Und doch, staunte an jenem Tag die Kultur, erhob Konstantin plötzlich diesen Minderheitenglauben zu höchsten Ehren… Sollten wir das so verstehen, daß die Kultur es für sich selbst erträumt, von einem Kaiser zur Staatsreligion erhoben werden, obwohl bloß 15 Prozent ihr anhängen? Nach oben strebt sie stets, die Kultur, denn sie lagert immer zu weit unten.

Hier im Feuilleton fand sich an jenem Tag, an dem ich das alles anfing, eine große Anzeige mit den Veranstaltungen einer in Berlin wohlbekannten – sagen wir: Volkshochschule. Also nicht richtig oben.

Parkinson – über Medikamente hinaus. Inkontinenz – was tun? Städte mit historischen Kernen im Land Brandenburg. Arthrose behandelt mit TCM. Die Mutter in mir – wie Töchter sich mit ihren Müttern versöhnen. Und es sollte Ihnen schon bei dieser kleinen Auswahl ein Leichtes sein, die Klassifizierung nach oben/unten durchzuführen.

So. Dies war kein Exposé unseres Projekts, dies war die erste Lieferung. Das Motto ist: Differenzieren kann heutzutage jeder Doofe (beim Kartenspiel sagt man: Es hat sich schon mal einer totgemischt) – auf das Schema kommt es an!

Dabei funktioniert das Schema oben/unten nur als erstes von vielen. Als eben so fruchtbar werden sich alt/neu und innen/außen und Mann/Frau und rechts/links und viele andere erweisen. Aufregend gestaltet sich die Angelegenheit sogleich bei gut/böse, vor allem, wenn das Schema zu anderen hinzutritt – daß bei oben/unten der Himmel gut, die Erde böse sei, eröffnet eine Flucht von theologischen und anderen Aussichten; und für jede Umcodierung gilt das ebenso, der Himmel ist schlecht, weil unerreichbar, wohingegen die Erde immerhin… Und wenn dann noch links/rechts ins Spiel kommt…

Aber wir sind mit dem einfachen Schema oben/unten noch keineswegs durch. Viel Material wartet darauf, nach dem Schema durchgenommen zu werden, Sex beispielsweise oder das Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit oder die Geschichte mit A., die Geschichte mit Z. oder das Verhalten der Kellner.
Wer macht weiter?

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