Sagt das Kind (Auszug)

David Wagner

DER RIESE UND SEIN DÄUMLING

Papa war der Größte, Papa, sagt sie, war der Riese, der Berg, auf den ich klettern konnte. Die Enttäuschung kam später, so groß ist Papa gar nicht gewesen. Papa war auch nur ein Zwerg, der Rest des spanischen Weltreichs, der Größte aller Zwerge. Und kein bißchen kleiner.

Erwachsene, sagt sie, sind auch nur Zwerge, die sich in den Spinnweben ihrer Gefühle verfangen haben und zappeln. Da zappeln sie lange vor sich hin.

Hin und wieder, sagt sie, ich weiß nie genau wo oder weshalb, schimmert die eigene Kindheit durch den Gegenwartsschleier. Und mit ihr Mama und Papa und wie sie waren, so groß, so stark, so sicher. Wußten, konnten, machten alles. Sah jedenfalls lange so aus. Meine große Mutter, die mächtigste Frau der Welt, mein Vater, Schuhgröße 46, dessen Gebiß in einem Butterbrot den Abdruck eines Riesen hinterließ. So groß wie mein Vater war, wird nie mehr etwas sein. Ich war einmal sein kleiner Däumling, in sein Ohr konnte ich klettern.

VERLÄNGERUNG

Und so, wie ich, das mag man mir ja vorwerfen, nicht erwachsen werden will, so wollen meine Eltern nicht aufhören Eltern zu sein. Wollen nicht loslassen, wollen nicht Großeltern sein, wollen nicht alt, nicht Oma und Opa sein. Sie fühlen sich ja noch so jung, haben ihr Alter erst mal aufgeschoben.

Meine Eltern, sagt sie, wollen keine Großeltern sein. Wollen jetzt, die Kinder sind aus dem Haus, ihr Milieu pflegen, sich frühpensionieren lassen, Golf spielen. Sie sagen, da sei man so schön – und das meinen sie als Rechtfertigung, denn sie glauben, sie müßten sich dafür rechtfertigen – da sei man so schön an der frischen Luft.

Sie hat geschrieen, sagt sie, sie hat so laut geschrieen, wie sie konnte, ich habe sie noch nie so laut schreien hören, sie wolle ein Enkelkind, sie wolle jetzt endlich, sofort ein Enkelkind, sie hat ins Telephon gebrüllt, so laut sie konnte. Und ich habe gedacht, sie spinnt. Sie weiß einfach nicht wohin mit ihrer überschüssigen Energie.

Ist es das, was die eigenen Eltern eines Tages zurückhaben wollen? Ein Enkelkind?

Vielleicht, sagt sie, wollen sie einfach Beweise sehen. Wollen sehen, daß ihre Mühe, ihre Fürsorge, ihre Erziehung, alles das, was, wenn es auch nie so deutlich ausgesprochen wird, auf Fortsetzung abzielt, nicht umsonst gewesen ist. Sie wollen wahrscheinlich bloß sehen, daß ihnen die Verlängerung gelungen ist. Sicher sein, daß es weiter geht.

Mein Vater, sagt sie, versteht es nicht. Er unterschreibt seine Postkarten mit Papa und vergißt die Grüße an das Kind, schreibt die Karten, als wäre ich das Kind und nicht die Mutter. Er kann mich gar nicht anders denken, als das Kind, das ich immer war und für ihn wahrscheinlich immer bleibe. Seinem Enkelkind sage ich, lüge ich vor, sein Großvater hätte geschrieben. Die Grüße erfinde ich dazu.

Manchmal, sagt sie, rufe ich meinen Vater an und bemerke, wie überrascht, fast verwundert er wirkt, als wollte er fragen, warum ich ihn denn anrufe, wo er mich doch gleich, nachher, zuhause, beim Abendbrot sehe. Und erst nachdem er sich eine, vielleicht sogar zwei Minuten in dieses, sein inneres, in Öl gemalten Familienbild versenkt hat, auf dem alle seine Kinder um den Tisch im Eßzimmer sitzen und durcheinander reden, weil jeder irgendetwas erzählen, loswerden, berichten möchte – in seinem Traum, so habe ich das immer verstanden, sind wir die große, offene Familie, in der jeder mit jedem spricht – fällt ihm ein, daß meine Geschwister und ich schon lange nicht mehr in seinem Haus wohnen, erst nach ausgiebiger Betrachtung seines Familienporträts fällt ihm ein, daß ich vor bald zwanzig Jahren ausgezogen bin.

NUR GELIEHEN

Seit das Kind da ist, seit ich selbst die Mutter bin, interessiere ich mich nicht mehr so für meine Eltern. Sagt sie. Ich halte die Geschichte mit meinen Eltern nicht mehr für die wichtigste Geschichte der Welt. Ich habe jetzt eine eigene Firma. Es reicht aus, die Tänze umeinander anzudeuten, es wird nicht mehr gekämpft. Ich weiß ja, auf lange Sicht gewinne ich. Es reicht mir, meine Mutter vor ihren Freundinnen hin und wieder Oma zu nennen, auch wenn ich schon weiß, eines Tages bekomme ich das alles zurück. Einmal, aber da wollte das Kind die neuen Wörter nur ausprobieren, hat es schon gesagt, Papa ist blöd, Mama ist Scheiße.

Von einer Expertin weiß ich, man hat seine Kinder sowieso nur geliehen. Ein paar Jahre, dann finden sie einen sowieso peinlich. Wenn man Pech hat, sogar richtig Scheiße. Hat man Glück, kann man sich nach dieser Phase vielleicht wieder mit ihnen anfreunden.

KINDERROLLE

Das Kind, sagt sie, tut uns den Gefallen. Und tut eine Weile widerstandslos so, als sei es ein Kind. Spielt seine Kinderrolle oft, die meiste Zeit, ziemlich gut. Und wird dafür belohnt.

Nach und nach lernt das Kind, ein Kind zu sein. Lernt, daß es Kinderteller, Kinderbetten, Kindersitze, Kinderbücher, Kinderfahrräder und Kindergärten gibt. Lernt, daß es für Kinder fast alles gibt.

Und lernt sich zu verstellen. Tut seinen Eltern den Gefallen. Lernt, nicht mehr überall das Offensichtliche, die Wahrheit zu sagen. Lernt diplomatisch, lernt freundlich zu sein. Lernt die Verstellung. Unsere Kultur, sagt sie, ist die Einübung der Verstellung.

Auf der Welt zu sein, muß man ja erst mal lernen. Ich hab mich, sagt sie, noch immer nicht so richtig daran gewöhnt.

Das Kind, sagt sie, spielt seine Kinderrolle, Söldner seiner Eltern, ein paar Jahre lang. Festes Engagement an diesem Theater. Könnte aber auch, wie noch vor kurzem, zu anderen Zeiten oder heute auf anderen Kontinenten, gleich die Rolle des kleinen Erwachsenen lernen.

Kommt sie aus dem Kindergarten, sagt er, rennt sie auf mich zu, breitet ihr Arme aus, freut sich und lacht, gibt die Schüchterne und wechselt erst dann in den Widerstandsmodus. Noch sind die Übergänge zwischen ihren Schauspielmodi zu sehen. Mit der Zeit und zunehmender Raffinesse wird das nicht mehr der Fall sein, die Sichtbarkeit der Schauspielerei wird verschwinden. Und später, viel später weiß man dann selbst nicht mehr, wann man gerade spielt oder echt ist. Am Ende spielt man auch sein Echtsein.

Jede ihrer Handbewegungen, jede Geste hat etwas Theatralisches, Überbetontes, Theaterhaftes, sagt sie, als bestünde das Leben des Kindes aus der Vorführung seines Kindseins, jede Bewegung scheint zu sagen, ich führe euch vor, was ihr unbedingt sehen wollt, was ihr unbedingt an und in mir sehen wollt, bitte, bitteschön.

Jede Bewegung des Kindes, sagt sie, sei eine bewußte, erfolge mit absoluter, überzeugter Kindersicherheit. Jeder Schritt sage, sieh, ich habe laufen gelernt, mir gehört die Welt. Mama ist da. Papa ist da. Alles ist gut. Ich bin mir sicher. Verunsicherung habt ihr mir noch keine beigebracht, noch ist alles richtig oder falsch, gut oder böse, oben oder unten, schwarz oder weiß. Zweifel kommen später.

Jede ihrer Handbewegung, jede Haarbewegung, jede Geste, jede Gebärde wirkt, als sei sie eben erst eingeübt worden. Alles noch frisch. Eben erst gestrichen.

Die ist nur für Kinder, sagt das Kind, als ich aus seiner Tasse trinke.

FLECKEN

Ist doch nicht so schlimm, sagt das Kind, sind doch nur Sachen.

Das, sagt sie, habe ich vom Kind gelernt, das wußte ich früher nicht. Seitdem, so kommt es mir vor, ist es mir egal, ob die Hose dreckig wird. Die Hose kann ich ja waschen. Und wenn die Flecken nicht rausgehen, egal. Wenn ich nicht will, daß sie schmutzig wird, darf ich sie halt nicht anziehen. Aber ich will ja auch mein Leben nicht für irgendwann später aufheben.

Flecken kommen so und so, sagt sie. Ist mir egal, ob der Boden verkratzt oder nicht. Kinder sind doch auch dazu da, all das, wovon man selbst sich so schwer trennen kann, kaputt zu machen. Vielleicht ist das Kind ja Jung-Siegfried, der ersehnte, befreiende Zerstörer. Komm, mach das mal kaputt. Befrei mich bitte. Befrei mich von all dem Scheiß.

Manchmal, sagt sie, spüre ich ganz genau, weiß ich, was ich vom Kind gelernt habe. Sitze ich zum Beispiel in einem Taxi und vor uns fährt ein Auto und es ruckelt und fährt sehr langsam und ich will mich schon aufregen, höre ich das Kind, höre ich seine Stimme, und ich spreche die Kinderstimme, die ich höre, einfach mit, vielleicht ist das Auto kaputt. Ich muß nicht mehr denken, der Fahrer im Auto vor uns macht das absichtlich, ich muß nicht wütend werden, wieso, vielleicht ist das Auto nur kaputt und mein Wutanfall findet nicht statt.

Ist doch nicht so schlimm, sagt das Kind ganz gelassen. Ich lerne seine Gelassenheit.

AUF EINEM ANDEREN KONTINENT

Ich bin aus dem letzten Jahrhundert, sagt mein Vater. Und dann sagt er: du auch. Und ich muß lachen. Mein Vater, selbst noch Kind, als ich Kind war, lief mit mir Rollschuh, fuhr Fahrrad und warf im Neubaugebiet Kanonenschläge in die Lüftungsschächte der Tiefgaragen. Dabei muß er sich, das war die Zeit, wie ein Mitglied der RAF vorgekommen sein.

Und ich muß an seine Kindergeschichten denken, sagt sie, die er mir erzählt hat, damals, als ich ein Kind war und mich für seine Kindheit interessierte und fragte, Papa, was hast du gemacht, als du ein Kind warst? Seine Geschichten schienen aus einer mir damals schon unendlich weit entfernt, auf einem anderen Kontinent liegenden Zeit zu kommen, späte Vierziger, frühe Fünfziger Jahre. Damals, als ich ihn fragte, nur vierundzwanzig, fünfundzwanzig, dann sechsundzwanzig Jahre her. So weit weg, wie meine Kindheit heute. Papa, so hieß es, hatte eine Lederhose, die er von Frühling bis in den Herbst trug. Im Sommer ohne lange Strümpfe. Im nächsten Jahr, wenn sie zu klein war, bekam er die, aus der sein älterer Bruder herausgewachsen war. Seine ging an einen jüngeren Bruder.

HÖHLE

Ja, sage ich, ich bin’s. In einer von ihr gebauten Höhle, ihrem Haus unter meinem Schreibtisch, in dem ich sie morgens um halb sieben besuchen muß, hält sei mir ein Bild, das mich irgendwo im Wasser zeigt, vor die Augen. Und ich schlafe wieder ein.

Ich bau mir eine Wohnung, sagt das Kind. Unter dem Tisch, der Bank, in einem leeren Karton. Hauptsache Höhle, Hauptsache mit Dach. Sie nimmt ein Bild von sich mit hinein, spricht mit dem Kind auf dem Bild, mit sich selbst, und legt es neben sein Kissen. Jede Wohnung braucht ein Bild ihres Bewohners.

ALBUM

Und wo war ich da? War ich da noch im Himmel? War ich da im Himmel?

Auch ich, sagt sie, habe eine Geschichte. Sie sieht in ihr Photoalbum und sieht ihre Kindheitsbeweise, sieht, ja, ich war da. Auch ich war einmal sehr klein, auch ich war ein Kind. Auch ich war einmal ein Baby. Ich hatte es völlig vergessen.

Weißt du noch als wir? Und wie wir? Und wie wir dann? Wir fangen an, sagt sie, uns unsere Vergangenheit zu erzählen. Die, die wir gemeinsam haben. Uns ihrer, sagt sie, zu vergewissern.

Das Kind, sagt sie, will sein Album sehen. Will sehen, daß es da ist, will sich spielen, sich auf der Welt sehen. Sich vergewissern. Nachfragen. Und als es mein Photoalbum anrührt, fragt es wieder, wo es die ganze Zeit über gewesen sei. Und ich kann es ihm nicht sagen. Ich weiß es nicht.

Ich hab dich im Kinderwagen gesehen, sagt das Kind und ich verstehe erst nicht, daß sie von einem alten Photo spricht. Daß das, was ein Bild zeigt, viele, viele Jahre her sein kann, so viele, daß ich mich selbst gar nicht erinnern kann, will das Kind nicht akzeptieren. Ich muß, sie besteht darauf, die Erinnerungslücke füllen. Muß erzählen, wie das war, als ich im Kinderwagen lag. Sie will alles hören, alles wissen. Und ich fange an, eine Kindheit zu erfinden.

Ich erinnere mich, sagt sie, daß ich mir meinen Vater, so groß, so riesig, wie er war, in einem Kinderwagen vorstellte, als Kind verkleidet, mit einer eher altmodischen weißen Babyhauben auf dem Kopf, einer Nuckelflasche im Mund und einen großen Schnuller in der Hand. Ich konnte mir meinen Vater nicht kleiner vorstellen, weil er der Maßstab aller Größe war, weshalb er in meiner Vorstellung nie wie ein Säugling, sondern nur wie ein erwachsener Mann, der sich als Baby verkleidet hatte, aussah, die Beine mit den großen Schuhen an den Füßen über den Rand des bedenklich belasteten, grotesk überladenen Kinderwagens hinausragend.

KÖRPERTEIL

Das Kind klammert so schön, klammert, schmiegt sich an mich. Macht mich ganz weich.

Und ich bin sein Leibwächter, sagt sie, ich passe auf, bin immer da, halte es fest, halte es an der Hand, trage seine Sachen. Ich bin sein Leibwächter, ich passe auf.

Auf meinem Arm wird es Körperteil, wird es ein Stück von mir. Fühlt sich an wie festgewachsen, sagt sie, als hinge es an mir, manchmal kommt es mir vor, als hinge das Kind an genau so einem langen dehnbaren Gummiband, wie es auch zwischen mir und meiner Mutter gibt. Das zwischen meiner Mutter und mir heute allerdings nicht mehr so straff gespannt. Es ist ein wenig ausgeleiert, weil so oft überdehnt.

Das Kind ist das Körperteil, das sich irgendwann selbständig macht. Ein Mann hat davon ja keine Ahnung. Ein Mann weiß ja nicht, wie das ist, ein Kind herumzutragen. Das ganze Leben lang. Es hilft nicht, es sich ein paar Mal vor den Bauch zu binden. So einfach ist das nicht.

Ich bin sein Leibwächter, sagt sie, ich passe auf. Ich bringe ihn in den Kindergarten, ich hole ihn ab, halte ihn an der Hand, lasse ihn auf dem Spielplatz nicht aus den Augen. Ich passe auf. Ich bin sein Leibwächter. So wie mein Vater mein Leibwächter war, bis vor kurzem, bis ich das nicht mehr wollte.

Und ich träume, sagt sie, von der Mathematikarbeit meiner Tochter. Ich träume, es wäre meine Arbeit, ich müßte sie schreiben und während ich in diesem Traum im Klassenzimmer sitze, weiß ich schon, das wird nichts, ich habe ja gar nicht gelernt, ich habe den Stoff nicht durchgenommen, ich weiß ja gar nicht was dran war.

Und dann, sagt mein Vater, bist du einfach aus dem Auto gesprungen. Und er erinnert sich an Situationen, in denen er mich fast verloren hätte, die ich jedoch gar nicht oder viel weniger dramatisch in Erinnerung habe. Ich erinnere mich nur an seine Aufregung und sein Entsetzen, die Gefahr war immer bloß im Nachhinein, als Abdruck auf seinem Gesicht zu sehen. Nachdem ich ohne zu schauen auf die Straße und eben fast in ein Auto gelaufen oder beim Skifahren über eine Wegkante gesprungen und sechs Meter tiefer, nur ein kleines Stück neben einem Felsen, ganz weich im Tiefschnee gelandet war.

Gib mir deine Hand. Immer geht das Kind an ihrer Hand. Hin und wieder sieht es so aus, als führe das Kind die Mutter, als habe das Kind die Mutter an die Hand genommen. Ohne seine Begleitung kommt sie nicht mehr weit.

DIE COUCH

Noch Jahre später, sagt sie, habe diese Couch in ihrem Wohnzimmer gestanden, bis sie es eines Tages nicht mehr ausgehalten habe und sie von einem Tag auf den anderen habe loswerden müssen, sofort, sie mußte sofort abgeholt werden, darauf habe sie bestanden, nachdem sie jahrelang auf dieser Schlafcouch gesessen hatte und von ihr immer wieder daran erinnert worden war, auch dann, wenn sie nicht gar nicht daran erinnert werden wollte, daß sie auf dieser Couch, diesem Sofa, das auch eine Schlafliege sein konnte, gezeugt worden war. Ihr Vater hatte ihr das in seiner jovial verletzenden Art einmal unter die Nase gerieben und dabei noch angegeben, deine Mutter war ja erst siebzehn.

Auf dieser Couch, auf diesem Sofa, sagt sie, haben dann auch alle meine Freunde gesessen, nacheinander haben sie, hat ein jeder da Platz genommen, ich sehe sie noch da sitzen, einer neben dem anderen, obgleich sie natürlich nie gleichzeitig dort saßen. Auf diesem Sofa, dieser Couch zu sitzen schien mir eine Art Test, eine Prüfung zu sein, schließlich sei auch sie – oder solle sie besser sagen habe sie sich? – auf diesem Sofa entjungfern lassen. Der Name des jungen Mannes, der da auf ihr gelegen hatte, fiele ihr trotz großer Erinnerungsanstrengung nicht mehr ein. Ich glaube, sagt sie, ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn zu vergessen.

Jahre später, doppelt so alt wie ihre Mutter, habe sie sich auf diesem Sofa noch einmal ein Kind machen lasssen, das Kind jedoch, worüber sie sich heute hin und wieder, immer allein, manchmal einsam, ärgere, habe sie nicht bekommen, warum eigentlich nicht, frage sie sich heute, noch einmal soundsoviel Jahre später, das Kind wäre, acht, neun, zehn, elf, zwölf Jahre alt, dieses Jahr dreizehn, nächsten Sommer vierzehn, und so weiter.

Die Kinder, die man nicht bekommen hat, wachsen trotzdem weiter, sagt sie, sie habe zum Beispiel auf diesem Sofa schon öfters ein Kind, einen pubertierenden Jugendlichen sitzen sehen, eine colatrinkende Halbwüchsige, die es doch eigentlich gar nicht geben dürfte, jedenfalls nicht hier, auf ihrer Couch, in ihrer Wohnung. Diese Person, die ihr nie ihren Namen genannt habe, sie eigentlich nicht weiter beachte, ja, so tue, als sei sie, die sie hier doch wohne, eigentlich gar nicht da, habe sich ebendort in letzter Zeit immer öfter breit gemacht, ihre Chips auf die Couch gekrümmelt, und, was am schlimmsten war, die Fernbedienung nicht mehr hergegeben.

Das Sofa, diese Couch, auf der sowohl sie als auch ihre Mutter entjungfert worden seien, habe sie dann, sie habe gedacht diese Erscheinung vielleicht auf diesem Weg loszuwerden, von zwei jungen Männern hinunter auf die Straße tragen lassen, das, sagt sie, sei eine große Erleichterung gewesen, als hätte das Ding ihr schon länger auf einem Körperteil gestanden, ja es sei ihr wie eine Befreiung vorgekommen, aber sie sagt das so, als lege sie eigentlich gar keinen Wert darauf, daß man ihr diese Konversationslüge glaube.

WACHSEN

Ich werde jeden Tag älter, sagt das Kind und erinnert mich daran, wie unvorstellbar es mir schien, eines Tages erwachsen zu sein. Ich glaubte nicht, daß die Zeit verging. Alles ging doch furchtbar langsam. So furchtbar langsam. Als hätte es gar kein Interesse daran, daß sich etwas veränderte. Als gäbe es kein Interesse an Veränderung.

Bist du aber gewachsen, sagten die Tanten, Nein, bist du groß geworden, ereiferten sie sich. Gewachsen zu sein, schien etwas zu sein, für das man gelobt werden mußte. Etwas, das Belohnung und Vergütung in Form von Schokolade, kleinen Geldbeträgen, Eis zu verdienen schien. Gut so.

Wachsen, sagt sie, hieß größer, endlich älter zu werden. Ferne Ziele zu erreichen. Fünf Jahre, sechs Jahre alt zu werden. In die Schule zu kommen, zehn Jahre alt, endlich zwölf zu sein, im Auto endlich vorne sitzen zu dürfen, endlich vierzehn, fünfzehn, sechzehn, achtzehn zu sein. Sein. Und dann hört es auf.

Größe 98, 110, 116, 128. Bist du da schon wieder rausgewachsen? Ihre Kleidergröße ist eine Zeiteinheit, sagt sie. Bald ist das Kind hundertzehn Zentimeter alt. Zentimeter sind, ich hatte das vergessen, eine Zeiteinheit. Und das Kind ein Chronometer.

Eltern, dachte ich, ziehen einen langsam aber sicher in die Länge. Von einer Kleidergröße in die nächste, nachts, auf einer Streckbank. Sie erziehen dich. Großeltern ziehen Gemüse, Eltern ziehen Kinder. Mama zerrt am einen, Papa am anderen Ende. Wir kriegen dich schon groß. Und das ganze heißt Erziehung.

Ich war der Überzeugung, sagt sie, ich sei nicht erwachsen geworden. Zumindest wußte ich nicht oder hätte nicht sagen können, woran ich mein Erwachsensein hätte bemerken sollen. Worin bestand Erwachsensein? Darin, daß ich nicht mehr bei meinen Eltern wohnte? Mit einem Mann zusammenlebte? Regelmäßig Sex, ein Auto, eine Arbeit hatte? Alles das tun und lassen konnte, wovon ich als Kind geträumt hatte? Und nun, da ich es hätte tun können, nicht mehr unbedingt wollte?

Ohne nur allzugenau darüber nachzudenken, ich bin mir immer wie ein großes Kind vorgekommen.

Ich dachte, ich könnte gar nicht älter werden. Als sei ich die Ausnahme, die immer so bliebe, wie sie war, das Kind, das ich schon immer kannte, unterwegs durchs Gäßchen, auf dem Weg zum Kindergarten.

Das Kind macht dich wieder zum Kind, sagt sie. Und macht dich wieder kindisch. Und älter werden heißt immer jünger werden, sagt sie. Komme ihr jedenfalls so vor.

Kommt mir so vor, als sei ich nie so alt gewesen wie damals, an dem Nachmittag, an dem ich, neun oder zehn Jahre alt mit dem Dolch in der Hand auf der grünen Frotteetagesdecke meines Bettes stand und überlegte, ob ich mich nicht mit diesem Dolch, den Frau Ricotta meinem Bruder aus Tunesien oder Marokko mitgebracht hatte, durch meine rote Cordbluse hindurch erstechen sollte. Nie wieder habe ich mich so alt gefühlt.

Mich wundert, sagt sie, daß ich nach soundsoviel Jahren noch immer diese Hand, dieselbe Haut, dieselben Füße habe. Seit so und so vielen Jahren. Immer hatte ich all das, was ich bin, dabei.

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