Theckeliade (I)

Urs Theckel über: Lektor als Beruf (und Berufung)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Ich habe ja noch den alten Riemenschneider gekannt, er war mein Mentor, mein Vor-Bild, hat mir quasi alles beigebracht. Ein homme de lettres, eine Persönlichkeit, ein HERR. Ein Gentleman, dessen Sottisen bei Autoren und Verlegern gefürchtet waren. Dass Sie mich nicht missverstehen, ich will hier nicht in Kulturpessimismus machen à la „Früher war alles besser“, durchaus nicht. Trotzdem: Selbst wenn es heute Lektoren vom Format eines Riemenschneiders gäbe, mit seinem Charisma, wäre es doch sehr fraglich, ob sie solch eine Rolle spielen könnten wie dieser große Causeur unter den Lektoren der Weimarer Republik und den ersten „guten“ Jahren der Nazidiktatur. Das mag man füglich bezweifeln. Machen wir uns nichts vor: Lektor zu sein, literarischer Lektor, das ist heute nichts Besonderes mehr; die Faszination, die einmal von diesem Beruf ausging, ist lange dahin. Heute ist das ein „Job“ im „Kulturbetrieb“, keine Berufung.

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Ein Besuch bei Herrn Henschel

Kurt Scheel

Von Berlin nach Bad Bevensen? Das ist ganz einfach: Man fährt auf die Autobahn nach Hamburg, und da stock ich schon bzw. das Auto, denn wir geraten in einen Stau. Wir schreiben Samstag, den 18. Juli 2015, 10.25 Uhr, Herr Rutschky, ein Hund namens Quattro oder Quarto und meine Wenigkeit, Kurt Scheel, im folgenden „der Verfasser“ genannt. Ein aufgegebener Kleinwagen auf dem Standstreifen, dessen Besitzer gestikulierend auf uns zukommt. Erschrocken blicke ich in die andere Richtung, aber der unglückliche Adidas-Träger ruft mit hartem Ostakzent „Chönnen chelfen, chönnen chelfen?“. Dass diese Russen kein H sprechen können, zu komisch! Sie haben ja auch „Gitler“ statt „Hitler“ gesagt, wie es eigentlich richtig gewesen wäre. Schwamm drüber, das sind olle Kamellen. Bedauernd schütteln wir den Kopf, aber als wir dann mitkriegen, dass es ein armer Ungar ist, der um Hilfe heischt, denken wir an Piroschka, Marika Rökk und die alte deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft, und Herr Rutschky schaut im Atlas nach, um dem Ungarn die richtige Feldpostnummer bzw. den genauen Streckenabschnitt zu nennen, auf dass er den ADAC, die gelben Engel der Land- und auch Schnellstraße, alarmiere; denn ein Handy hat er selbstredend, der depravierte Exinsasse der lustigsten Baracke des Sozialismus – ein Hirten- und Räubervolk eben, aber sehr musikalisch und gastfreundlich. Wir tauschen die Telefonnummern, und dann heißt es Abschied nehmen: So long, alter Madjare, fahre wohl (wie Thomas Mann, siehe „Joseph und seine Brüder“, zweifellos schmunzelnd hinzugefügt hätte).

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Von der Haßliebe

Sankt Neff

Du schmerzt mich wie der Gallenstein der Weisen.
Du bist der Arsch und Nabel meiner Welt,
und aus dem Glashaus wirfst du heiße Eisen
nach mir, der dich für Pech und Frevel hält.

Du rufst mich nachts im Wald vor lauter Bäumen,
bis Marmor, Stein und jedes Bild zerbricht.
In meinen Träumen sehe ich dich schäumen,
seh deinen Mund, der Blaues mir verspricht

vom Himmel hoch, der hängt mal voller Geigen,
dann bist du wieder Taube auf dem Dach.
Den Spatz in meiner Hand bringst du zum Schweigen.
Auf unsre Liebe reimt sich Ach und Krach.

Du liegst mir wie ein Klotz am Bein im Magen.
Du bist nicht Fisch, nicht Cholera, bist Pest.
Ich muß dir klippundkloßbrühklar mal sagen:
Du gibst mir schwer zu denken und den Rest.

Du tust nicht gut, du fügst mir Wunden, Schrammen.
Du fährst mir übern Mund mit einem Kuß.
Mein Herz schlägt laut und schlägt dich gleich zusammen:
Du bist für mich der Bosheit letzter Schluß.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 6.16 Uhr ging es los, in schwärzester Dunkelheit. Aber ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, wie die aktuelle Phrase lautet, und den Wetterbericht studiert: Um die 5 Grad, Sprühregen erst ab 10 Uhr, kaum Wind – eigentlich gutes Radelwetter! Und so ergriff ich die Gelegenheit, am letzten Tag des Jahres, so unglaublich es klingt, die Große, ja die GROSSE Wannseetour zu wagen. Es war eine glückhafte, eine geniale Entscheidung, das merkte ich schon in Halensee: Praktisch kein Verkehr, keine Menschen, nicht einmal Tiere! Nur das warme, gelbe Licht der Leuchtelampen, die so nett die Straßen erhellen. Ich bog aber am Brücke-Museum nicht in den Grunewald ab, sondern weiter, immer weiter die Clay- Allee runter, dann in die Argentinische, schließlich, wieder rechts, in die Matterhornstraße, gegen halb acht war ich an der Spinnerbrücke angelangt. Du aber fragst Dich, wieso ich durch die garstige Stadt, nicht durch den traulichen Wald gefahren war. Gute Frage! Aber die Antwort liegt auf der Hand! Es war ja, wie ich schon im ersten Satz betone, stockdunkel, als ich losfuhr, und im Wald, auf den schmalen, schlängeligen Wegen mit den vielen Pfützen und sonstigen Hindernissen – da war es klüger und sicherer, die beleuchteten Radwege zu nutzen. (Meinen überdeutlichen, eigentlich verwunderlichen Hinweis auf die Straßenbeleuchtung hast Du auch nicht verstanden! Du musst aufmerksamer lesen, lieber Siegfried, auch ein bisschen zwischen den Zeilen, und immer auf die Metaphorik achten! Denk an Tschechow: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, geht es im dritten Akt los.)

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Brief an Kohlhammer: Grünkohl und Lesen

Kurt Scheel

Der Grünkohl, lieber Siegfried, schmeckte dann erstaunlich gut, sagten jedenfalls die Gäste, full house, wir waren zu acht: Ulrike, Igor, Michael, außerdem vier befreundete Kultur- und Medienschaffende; doch Gäste, Du weißt es eh, machen viel Arbeit, und sie lügen oft, höflichkeitshalber; aber zu demselben positiven Urteil kam auch mein untrügliches Sprach- bzw. Geschmacksempfinden. Die Pampe war schön mürbe, insgesamt hatte sie vier Stunden geschmurgelt, war aber kein breiiger Matsch, sondern hatte Textur, wenn Du verstehst, was ich meine. Doch wie viel Arbeit selbstbereiteter Grünkohl macht! Drei Kilo bei Jury-Dietmar Iwanow (er heißt wirklich so, sein Vater war noch Bulgare), dem Gemüsemann meines Vertrauens, in der Nestorstraße kaufen, dann vom Wochenmarkt nach Hause schleppen (zum Radeln ist es mir zu kalt); putzen, zweimal waschen, blanchieren, ausdrücken, kleinschneiden, und dann erst, mit Zwiebeln usw., beginnt die Kocherei! Und trotz dieses Aufwandes schmeckt das mit Piment und Senf und Zucker und Balsamico und was weiß ich fein gewürzte Zeug dann in der Regel enttäuschend, mit viel Bier und Linie-Aquavit muss man es sich geradezu schöntrinken! Aber diesmal machte der halbe Liter Hühnerfond aus eigener Produktion, den ich am Schluss in die grau-grüne Masse kippte, den Unterschied ums Ganze. Und die mitgeschmorten Kohl- und Bregenwürste, das Kassler nicht zu vergessen, sind natürlich auch ein aromatisierender Bringer!

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