Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Kempten: „Vielleicht ist die fehlende Trauer in den Kreisen der Kirchenverantwortlichen das deutlichste Anzeichen des fortschreitenden Verfallsprozesses in der katholischen Kirche. Die Zerschlagung vieler Gemeinden wurde von den Verantwortlichen angeordnet, mehr oder weniger verständlich begründet, bestenfalls korrekt verwaltet – aber nicht betrauert. Dort, wo es noch ein Gemeindeleben zu verlieren gab, fand die Trauer der Gemeindemitglieder keinen Widerhall auf den übergeordneten Ebenen. Im Gegenteil, sie lief ins Leere, blieb ungehört und unbeantwortet.
Die wesentlich auf dem Priestertum aufbauende katholische Kirche zieht Männer heran, die darin geübt sind, dem rituellen Vollzug Vorrang zu geben vor einer gelebten Glaubenspraxis. Die auf diese Weise Trainierten haben keinen Zugang zu einer Spiritualität, die sich in erster Linie aus dem wachen Vollzug des Lebens speist, welche die Nähe zum Herzen des Anderen nicht nur sucht, sondern braucht, um sich immer wieder erneuern zu können.
Die in der Kirche tätigen Frauen erfahren täglich, dass die ihnen übergeordneten Priester kein Verständnis haben für eine Spiritualität, die jenseits der eigenen liegt. Sie erleben die Entwertung und Herabwürdigung dessen, was sie für sich als lebendigen Vollzug des Glaubens erfahren. Nach leidvollen Jahren der Trauer willigen sie ein in den Sterbeprozess einer Kirche, der sie sich weder weiterhin zugehörig fühlen können noch wollen. Ähnlich geht es den engagierten Laien. Diese Kirche wird von immer weniger Menschen traurig vermisst.“

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Hier und dort

Michael Rutschky

Sonntag, 13. November 16
In der Brandenburger Niederlausitz leben ungefähr 20 000 Sorben, berichtet Sandra Dassler im Tagesspiegel, die sich auch Wenden nennen. In der sächsischen Niederlausitz sind es dagegen ungefähr 40 000 – eine Volkszählung, die genaue Zahlen ergäbe, verbietet sich von selbst, Erinnerung an den Völkermord. Aber es gibt eine Initiative für ein sorbisch-wendisches Lokalparlament, den Serbski Sejm. Doch steht die Domowina, der Dachverband der sorbisch-wendischen Institutionen, der Idee skeptisch gegenüber; er hat ca. 7300 Mitglieder. Wenn man bedenkt, wie viele deutsche Bürger sorbisch-wendische Wurzeln haben, kommt man auf Hunderttausende. Allerdings sind sie in der deutschen Bevölkerung gleichsam verschwunden; dass Namen wie Wendt, Wende, Windisch, Wünsche, Konzack oder Noack diese Herkunft aufbewahren, weiß kaum jemand.

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