Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus München: „Eine Gesellschaft, die Argumente für völlig irrelevant hält, die Vorzüge der Aufklärung nicht akzeptiert und von sich weist, gleicht einem Kleinkind, das sich entgegen den Mahnungen und Erklärungen der Eltern unvernünftig bis zerstörerisch verhält. Diese Phase gehört ins Leben eines Kindes und ist normal. Aber wenn sich eine erwachsene Gesellschaft so verhält, ist dies eine schwerwiegende Verzerrung, eine Regression, ein Rückfall in eine präaufklärerische Gemütslage. Im Kern waren die sechziger Jahre mit ‚Flower Power‘ und ‚California dreaming‘ ebenfalls ein Ausdruck dieser Sehnsucht. Auch damals war die neue politische Kraft gegen das ‚Establishment’gerichtet, nur kam diese von links und hat der Welt in Folge mehr Freiheit und Freizügigkeit beschert.
Dass die heutige voll-infantilisierte, postfaktische Gesellschaft keine Verantwortung mehr übernehmen will, dass sie die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht berücksichtigen mag – das ist eine große Gefahr, und diese lauert nicht nur in den USA.“

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Hier und dort

Michael Rutschky

Sonntag, 13. November 16
In der Brandenburger Niederlausitz leben ungefähr 20 000 Sorben, berichtet Sandra Dassler im Tagesspiegel, die sich auch Wenden nennen. In der sächsischen Niederlausitz sind es dagegen ungefähr 40 000 – eine Volkszählung, die genaue Zahlen ergäbe, verbietet sich von selbst, Erinnerung an den Völkermord. Aber es gibt eine Initiative für ein sorbisch-wendisches Lokalparlament, den Serbski Sejm. Doch steht die Domowina, der Dachverband der sorbisch-wendischen Institutionen, der Idee skeptisch gegenüber; er hat ca. 7300 Mitglieder. Wenn man bedenkt, wie viele deutsche Bürger sorbisch-wendische Wurzeln haben, kommt man auf Hunderttausende. Allerdings sind sie in der deutschen Bevölkerung gleichsam verschwunden; dass Namen wie Wendt, Wende, Windisch, Wünsche, Konzack oder Noack diese Herkunft aufbewahren, weiß kaum jemand.

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Einst und jetzt

Michael Rutschky

Freitag, 23. September 16
Vor zwei Jahren triumphierte der IS, als er das Dorf Dabiq im Norden Syriens erobert hatte, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Denn unter den Verlautbarungen des Propheten Mohammed findet sich eine, die dieses Dorf zum Austragungsort der Entscheidungsschlacht zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen erklärt, eine Schlacht, mit der die Zeit endet. „Sie werden sich gegen euch unter 80 Flaggen vereinen, und unter jeder Flagge sind 12000.“ Zwar werde während des Kampfes ein Drittel der Muslime fliehen, ein zweites Drittel getötet, aber dann erringen die Gläubigen einen strahlenden Sieg, der die Apokalypse einleitet. Eine entsprechend gloriose Bedeutung maß die IS-Propaganda Dabiq zu. Als Jihadi John vor laufender Kamera den Entwicklungshelfer Peter Abdul-Rahman Kassig enthauptete, verkündete er: „Heute beerdigen wir den ersten amerikanischen Kreuzritter in Dabiq. Wir warten sehnsüchtig auf das Eintreffen des Restes eurer Armeen.“
Jetzt stehen in der Tat Armeen vor Dabiq, um das Dorf vom IS zurückzuerobern, muslimische Truppen, türkische und Soldaten der Freien Syrischen Armee.

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