Schein und Wirklichkeit

Igor Arslan

„Seltsam“, dachte sich der gefragte Anwalt, als er auf der Vernissage ein Werk des Künstlers betrachtete, „es erinnert mich an den Abend mit dem jungen Ding beim Veggie-Inder. Vielleicht weil es aussieht wie das indische Knäckebrot.“

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried

um 5.13 Uhr Abfahrt, um 6.12 Uhr Ankunft an der geheimen Badestelle, fünf Minuten später stapfte ich, in der kleidsamen grüngelb-karierten Badehose und zusätzlich mit „fashy“-Badeschuhen und dem bewährten Brustbeutel versehen, in die Havel, die fast spiegelglatt vor mir lag; und schon hob der Gatower Kuckuck an, fast schon einfallslos sein ewiggleiches, doch erstaunlicherweise immer wieder schönes Lied zu singen. Ich aber spaddelte in meiner eigenwilligen Interpretation des Brustschwimmens, gelegentlich unterbrochen vom vorschriftsmäßigen Ausruhen als „Toter Mann“ auf die Wasserskiboje zu, umrundete sie in respektvollem Abstand und begab mich wieder zum Ausgangspunkt. Eine gute halbe Stunde hatte ich gebraucht, das sollte als ordentliche Normerfüllung gelten, und so begann ich mich wieder anzukleiden. Doch wer trat, wie aus dem Nichts, plötzlich auf den Strand, geschäftig mit dem Kopfe wackelnd? Bruder Erpel! DER Erpel oder EIN Erpel? Egal! Erfreut holte ich die Madeleine aus dem Rucksack, das Tier kam nun bis auf einen halben Meter an mich heran, wenn es ein Nordafrikaner gewesen wäre und ich eine junge Frau, hätte ich mich bedrängt gefühlt, aber so war alles in Ordnung, und ich warf ein Bröckchen Proustgebäck ins Wasser, das der Erpel geschwind aufschnappte und dann, mit Wasser vermischelnd, hinunterschnoddelte. Das ließ sich die Gemahlin nicht zweimal sagen, und schon rauschte sie mit großer Bugwelle heran. Ich musste lachen, wie dieses sicherlich IM PRINZIP liebevolle Entenpaar futterneidisch nach den Bröckchen sprang, fast wie wir Menschen, warf dann aber, wie ein gerechter Gott, das Futter mal diesem, mal jener zu, so geht es doch auch! Praktisch das Konzept des Sozialstaats schon dem dummen Getier predigend, nämlich Ausgleich und Schutz des Schwachen, gegen Ellbogenmentalität und Raubtierkapitalismus.

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Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

Anbaden! Kaum hatte ich dieses Wort gedacht, noch nicht einmal ausgesprochen, ertönte das wehe Jaulen des inneren Schweinehunds, aber ich ließ mich nicht beirren und stieg um 5.22 Uhr auf mein treues Raleigh urban – gute Autos kann der Brit’ seit Jahrzehnten nicht mehr bauen, aber in der Fahrradfertigung ist er immer noch spitze, vielleicht sollte er es einmal mit der Faustkeilproduktion versuchen? Wenn das jetzt, lieber Siegfried, ein bisschen englandfeindlich rüberkommt, dann liegt es daran, dass mich der Brexit immer noch kränkt, es ist doch das Sehnsuchtsland von Kindheit an, und nun das! Boris Johnson, der mich nicht nur haarfarbenmäßig an Trömp erinnert, ist genau so ein charakterloser Spieler, und dass er nicht so dumm und ungebildet ist wie der Amerikaner, macht die Sache nur noch gemeiner.

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