Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 7 Uhr fuhr ich los, zur geheimen Badestelle an der Havel. Da ich bei dieser Tour zumeist Waldwege befahre, störten die vielen Autos nicht so sehr, bin auch nur dreimal von Radlern überholt worden. Natürlich ist um diese späte Stunde die Ausbeute an interessantem Getier gering: zwei Spechte hörte ich pocheln, sah sie aber nicht; zwei Fischreiher strichen kiräend über den Fluß, in der Ferne dann der obligatorische Schwan; keine einzige Ente, natürlich kein Bibermänn – doch halt! Als ich nämlich um MEINE Weide Nummer 2336 herumging, auf die Wasserseite, sah ich, dass einer der Stämme: angenagt war! Triumph! Denn einige meiner (falschen) Freunde hatten meine Bibergeschichten mit einem mitleidig-erklärenden Hinweis abschmettern wollen, ob ich denn nicht wisse, dass das „meistens“ (so wörtlich!) Fischotter und keine Biber seien, die man hier in Berliner Gewässern erspähe? Als hätte ich behauptet, mich mit Marilyn Monroe getroffen zu haben, und dann war es doch nur Sonja Ziemann! Aber die Nagespuren waren nun der endgültige Beweis! Meine Rache würde fürchterlich ausfallen, vor versammelter Mannschaft würde ich die Fischotter-Fraktion demütigen – aber anstatt sie dann zu vernichten, würde ich ihr lächelnd verzeihen, was, unter Gentlemen, als NOCH demütigender gilt! Das Leben kann schön sein!

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Einst und jetzt

Michael Rutschky

Donnerstag, 19. Oktober 17
Stanislaw Tillich, berichtet Jens Schneider in der SZ, wird am 9. Dezember als Landesvorsitzender der CDU und Ministerpräsident von Sachsen zurücktreten. Bei der Bundestagswahl am 21. September überholte die AfD die CDU. Einst, unter dem Ministerpräsidenten Biedenkopf, erreichte die CDU auf Landesebene wie bei Kommunalwahlen absolute Mehrheiten. „Wir dürfen nicht im Gestern und Heute gefangen sein“, erklärte Tillich kryptisch. „Nach 27 Jahren in aktiver Verantwortung fällt mir das sehr schwer. Ich weiß , dafür braucht es neue und frische Kräfte.“
Aber die AfD, spottet Onkel, ist doch bloß die alte CDU im Exil. Wenn sie sich mit der neuen CDU zusammentut, haben sie wieder die satte Mehrheit.

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Hier und dort

Michael Rutschky

Dienstag, 17. Oktober 17
Am 4. August diesen Jahres erklärte Elke Twesten, berichtet Lars Langenau in der SZ, ihren Übertritt von den Grünen zur CDU und brachte damit die Landesregierung von Niedersachsen um ihre Mehrheit im Landtag. Bei den Wahlen letzten Sonntag gewann aber nicht – wie erwartet – die CDU, und Elke Twesten blieb ohne ein neues Landtagsmandat. Der Übertritt von dort nach hier hat sich also nicht gelohnt. Elke Twesten ließ per Internet wissen, sie werde demnächst das Studium an einer Fachhochschule in Buxtehude beginnen. „Ich freue mich auf diese neue Herausforderung. Der MBA gibt mir die Möglichkeit, auf meinen bisher erlernten Kompetenzen im Bereich Verwaltung und Finanzen aufzubauen und mich beruflich weiterzuentwickeln.“
Hat der erste Übertritt nichts gebracht, spottet der Onkel, versucht man gleich einen zweiten.

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Einheit oder Zwietracht

Michael Rutschky

Samstag, 14. Oktober 17
Zu der Zeit, da Birma tyrannisch von einer Militärjunta regiert wurde – berichtet Verena Hölzl in der taz – genoss die ausländische Presse, die offen über diese Verhältnisse schrieb, im Land hohes Ansehen bei oppositionellen Bürgern. Jetzt aber, wo die ausländische Presse kritisch über die Verfolgung der muslimische Rohingya-Minderheit in Birma berichtet, verliert die ausländische Presse dort auch bei oppositionellen Bürgern an Prestige Die ehemalige Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, unterdessen Regierungschefin, unterstützt die Verfolgungsmaßnahmen und kritisiert die Kritiker als illoyal. .

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa: Da steht der Pilz, / Mit leuchtend roter Kappe. / Gut schmeckt der Herbst.

Um 6.50 Uhr war ich losgefahren, lieber Siegfried, am Tag der Deutschen Einheit, und diese Radtour hatte ich meiner Mutter gewidmet, die am 3. Oktober 1913 geboren ward und als Kreszentia Scheel, geborene Stangl, in meiner Lebensgeschichte eine prominente Rolle spielen sollte. Mit einer bayrischen Schwäbin als Mutter, geboren in Augsburg, und einem pommerschen Vater, geboren in Stettin (quasi Polacke), aufgewachsen in Hamburg, war ich ja gleichsam die ideale Vermischelung von Ost und West, Nord und Süd, Oben und Unten, Rechts und Links, Mittler zwischen Gott und der Welt: der Superbastard, sozusagen. Aber das war Vergangenheit, Schnee von gestern, heute sollte es um die Gegenwart und gen Spandau gehen, eine Friedensfahrt der Versöhnung hatte ich geplant, also an der Spree entlang und dann auf die Freiheit, links abgebogen in die Pichelswerder Straße, dann weiter auf der Havelchaussee. Kaum Verkehr, bedeckt, aber trocken, keine Sonne. Kurz hinter der Bushaltestelle Havelweg bog ich links ab in den Grunewald, mit dem sicheren Gefühl, dass ich mich verfahren würde, und ich hatte mich wieder einmal nicht getäuscht! Schlecht gelaunt stieg ich von meinem Raleigh urban ab, Pinkelpause. Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa!

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