Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

der Besuch von guten Freunden hat auch seine schönen Seiten, man ist dann quasi kameradschaftlich gezwungen, gelegentlich die Wohnung zu verlassen, ja rauszugehen (in einem emphatischen Sinne) und das überwältigende kulturelle Angebot einer Weltmetropole, die Berlin unzweifelhaft geworden ist (was selbst in den tonangebenden Kreisen der New Yorker East Side nicht mehr bestritten wird), zu nutzen – ausschöpfen kann man es (das Angebot) natürlich nicht, dazu ist es einfach zu groß und komplex, egal; das kann einem bekennenden Stubenhocker wie mir ja nur gut tun, und gestern war ich also mit meinem Uralt-Kumpan Esau (ich habe ihn in Japan Ende der Siebziger kennengelernt, er war dort auch DAAD-Lektor), im Ephraim-Palais, er wollte unbedingt die Ausstellung „Die Schönheit der großen Stadt“ anschauen.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

und schon wieder eine Premiere, die erste Radtour des Jahres Richtung Tegel! Um 5.29 Uhr Abfahrt, und diesmal ging’s also gen Norden, die Leibnizstraße hoch bis zur Spree: Da lag sie, sanft beschienen von der, wem sonst?, Sonne, die eben etwas hüftsteif im Osten emporkroch, ruhig und spiegelglatt ruhte die Spree, als könnte sie kein Wässerchen trüben, aber das sagt man heute nicht mehr, vor allem nicht zu Flüssen, das ist fast so schlimm, als wenn sich ein Weißer das Gesicht schwarz anmalt („blackface“), um einen „Schwarzen“ darzustellen; die Spree aber dort, wo der Landwehrkanal und der Verbindungskanal sich in sie ergießen, am Drei-Flüsse-Eck (sozusagen), lag so friedlich da, dass die beiden Schwäne in der Mitte fast schon des Bukolischen zuviel waren – die Natur, tut mir leid, neigt zur Übertreibung, ich bemerke das nicht zum ersten Mal, weniger wäre mehr gewesen ist nun gerade nicht ihre Devise, aber egal!

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In memoriam Michael Rutschky

Hartmut Eggert

Wer den letzten Band der Aufzeichnungen Michaels gelesen hat, weiß, daß ich in seiner Wahrnehmung „Gustav mit der Hupe“ aus Kästners „Emil und die Detektive“ bin (und er annahm, ich sähe in ihm dementsprechend den „kleinen Dienstag“). Unser freundschaftliches Verhältnis war über die Jahre distanzierter geworden – was durchaus nicht ungewöhnlich ist.

Ich will hier an unsere gemeinsamen Anfänge erinnern, an Michaels erste Zeit in Berlin, beginnend 1968/69, nach den Studienjahren in Frankfurt und Göttingen. Sie war geprägt von unserer Zusamenarbeit in dem jungen Forschungsteam Eggert/Berg/ Rutschky. Michael war noch Student, das heißt ohne Studienabschluss, als ich ihn für das Schulforschungsprojekt gewann. (Die Geschichte, wie er dann noch schnell 1970 ein Magisterexamen gemacht hat, damit er die bewilligte Mitarbeiterstelle übernehmen konnte, wäre heute im System reglementierter Studiengängen nicht mehr möglich.)

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

vielleicht erinnerst Du Dich, ich besitze einige Sweatjackets von Fruit of the Loom, die habe ich damals für die Rehaklinik angeschafft, nachdem ich das neue Kniegelenk bekommen hatte; es war das Modell „Oxford“, wurde nach Maß für mich hergestellt, in den USA, ich habe also glücklicherweise kein Kniegelenk von der Stange, im Unterschied zu meinen Klamotten. Die Rehazeit war übrigens die allerschlimmste Zeit in meinem Leben, zwei Wochen mit zumeist völlig inakzeptablen Menschen. Die Klinik in Gatow, schön über der Havel gelegen, war im Umbau begriffen, aus den Decken hingen Kabel heraus, Schmutz und Schutt und Staub überall, Gehämmer. Das Schlimmste war aber ein Patient im Stockwerk unter mir, der praktisch Tag und Nacht stöhnte, manchmal leise, oft laut, gelegentlich schreiend. Als ich mich bei einer Schwester danach erkundigte, es war nicht einmal versuchsweise eine Beschwerde, blitzte ich grandios ab, als hätte ich einen schwerverwundeten Kriegshelden beleidigt: Der Mann sei sehr krank, wohl auch dement, jedenfalls sei seine Familie froh, sich einmal vierzehn Tage von ihm erholen zu können. Gesehen habe ich ihn nie, an „Anwendungen“ konnte er nicht teilnehmen, also blieb er in seinem Zimmer eingesperrt, und da schrie und tobte er nun herum. So tiefen, klaren Hass, der reinen Verzweiflung entsprungen, habe ich selten in meinem Leben gespürt, und ich bin doch ein erprobter Hasser!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute, am 18. April 2018, fand die erste offizielle Radtour des Jahres statt! Gewidmet aber hatte ich sie meinen Eltern Kurt August Hermann Scheel und Kreszentia Scheel, geborene Stangl, Du wirst schon noch sehen warum. Um 5.25 Uhr bestieg ich also mein braves Raleigh, und, hastdunichtgesehen, wutschte ich die Paulsborner hoch, die bekannte Strecke zum Grunewald, am Jagdschloss in denselben hinein, und eine Stunde später stund ich, dicht bei Lindwerder, an meiner „geheimen Badesstelle“, das Rad vorschriftsmäßig geparkt an der Weide 2336. S-piegel-glatt lag der Fluss da, windstill war’s, fast schon stromförmig breit ist hier die Havel, und die aufgehende Sonne beleuchtete die Häuser am gegenüberliegenden Gatower Ufer, die vor Freude geradezu butterüberglänzt (hätte Herr Rutschky gesagt) gülden zurückschienen; milchigblau der Himmel, im linken Drittel von poetisch verwehten Kondensstreifen zart aquarelliert.

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Mittwoch, Warnemünde

Kathrin Passig

Die Urne, erkennt R., steht in einem Kabäuschen auf dem Vorderdeck des hölzernen Schiffs, das – in Größe, Konstruktion und durch das ausgesägte Loch in der offen stehenden Türe – an ein Klosett erinnert. Diesen Gedanken jetzt bloß nicht weiter verfolgen! Bald ist die richtige Stelle des Meeres erreicht, das für den Laien ja überall gleich aussieht. Sich vorsichtig an der Reling anklammernd, denn das Schiff stampft beträchtlich, kommen die Trauergäste aus dem Salon. Es ist sehr kalt. Erst jetzt fällt R. das Dekor der Urne auf, ein Notenschlüssel und mehrere Noten auf dunkelblauem Grund. Na, lange wird man es ja nicht sehen müssen. Schon greift der Bestatter, ein hochgewachsener, grundsolide gekleideter Herr, zur Schiffsglocke und läutet viermal. Vier Glasen habe die Schiffsglocke geschlagen, vermeldet er, und liest dann aus einer Mappe sorgfältig Namen und Geburtsdatum des Verstorbenen vor. Eine Sonne sei untergegangen, bei den Hinterbliebenen jedoch ein Leuchten in den Herzen zurückgeblieben. Man würde gerne einschreiten, aber da ist es – „die s-terblichen Überreste des Vers-torbenen“ – auch schon wieder vorbei. Die Urne schwimmt einen Moment und sinkt dann vorschriftsmäßig. Der Bestatter streut Rosenblätter aus einem Körbchen hinterher. Die Trauergäste sehen noch minutenlang ins Wasser, wohl um sicherzugehen, spottet R. insgeheim, dass das Ding nicht doch noch mal auftaucht. Zum anschließenden Essen ins Restaurant „Kettenkasten“ kommt er aber nicht mehr mit. Was da geredet wird, weiß man ja.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Heute, lieber Siegfried, habe ich einen treuen Kameraden verloren: Mein Ergometer ward in den Keller verbannt, zum alten Eisen geworfen, wie eine ausgepresste Zitrone, die man auspresst und dann fortwirft … Und das kam so. Schon seit Wochen ruckelte und rackelte die Kette immer mal wieder, und bald war auch dem Laien klar: Die ist wohl etwas ausgeleiert, die wird man wohl, wie einen geschwätzigen Essay, etwas kürzen müssen. Gesagt, getan! Um eine lange und auch gewissermaßen langweilige Geschichte kurz zu machen: Mit klebrig verschmierten Händen, einer heftig blutende Schnittwunde und einer Kette, die nun traurig und zerbrochen Trübsal blies, sprach ich, schwitzend, wütend, deprimiert, dem Ergometer das Urteil: Ab in den Keller! Und so geschah es auch. Doch vorher bestellte ich beim Lidl-Onlineshop ein neues Gerät (gegen Vorauskasse), denn ohne meinen zweitbesten Freund „Dr. Ergo“, wie ich ihn respektvoll nenne, mag ich nimmer sein; hier eine Erinnerung an dreißig Jahre gute Kameradschaft, ein Epitaph, quasi eine Remembrance.

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